stammt aus dem wenigstens damals noch der alten Familie von Mörner zugehörigen Dorfe Zellin in der Neumark . Das Regiment aber , das sich bei Fehrbellin vor allen andern auszeichnete , war das Dragonerregiment Mörner . Es ist also kein Derfflingerscher , sondern ein Mörnerscher Dragoner , der , in fliegender Eile , die Nachricht von dem erfochtenen Siege nach Zellin bringt . « » Bravo « , sagte Melusine . » Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung gehört habe ( die meisten sind Blender ) , so haben wir sie hier . Herr von Stechlin , ich kann Ihnen nicht helfen , Sie sind besiegt . « Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand , ohne sich um die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu kümmern , die jetzt ihrerseits auf endliche Vorführung der » beiden Mühlen « drang , ihrer zwei Lieblingsstücke . Diese beiden Mühlen , so versicherte sie , seien das einzige , was hier überhaupt einen Anspruch auf » Museum « erheben dürfe . Beinah war es wirklich so , wie selbst Krippenstapel zugab , trotzdem sich , bis wenigstens ganz vor kurzem , nichts von historischer Kontroverse ( die doch schließlich immer die Hauptsache bleibt ) daran geknüpft hatte . Neuerdings freilich hatte sich das geändert . Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die Mühlen in Streit geraten , speziell über ihren Ursprungsort . Zwar hatte man sich vorläufig dahin geeinigt , daß die Wassermühle holländisch , die Windmühle dagegen ( eine richtige alte Bockmühle ) eine Nürnberger Arbeit sei ; Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse nur gelächelt . Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch , als daß er nicht hätte herausfühlen sollen , wie diese sogenannte » Beilegung « nichts als eine Verkleisterung war . Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe bevor . Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen , da beide Schwestern , Armgard wie Melusine , wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug , in einem ganz ausbündigen Vergnügen aufgingen . Die Windmühle klapperte , daß es eine Lust war , und das Rad der Wassermühle , wenn es grad in der Sonne blitzte , gab einen solchen Silberschein , daß es aussah , als fiele das blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter . All das wurde gesehn und bewundert , und was nicht gesehn wurde , nahm man auf Treu und Glauben mit in den Kauf . Von den Spinnen kam keine zum Vorschein ; nur hier und da hingen lange graue Gewebe , was jedoch nur feierlich aussah , und als Mittag heran war , verließ man das » Museum « , um sich erst eine Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn . Die Gräfin aber , ehe sie den großen , wüsten Raum verließ , trat noch einmal an Krippenstapel heran , um ihn , unter gewinnendstem Lächeln , zu bitten , ihr , sobald ein ernsterer Streit über die beiden Mühlen entbrennen sollte , die betreffenden Schriftstücke nicht vorzuenthalten . Krippenstapel versprach alles . Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt . Schon eine Viertelstunde vorher erschien Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an oder , wie er sich selbst zu Engelke geäußert hatte , » ganz feudal « . » Ach , das ist gut , Lorenzen , daß Sie schon kommen . Ich habe noch allerhand auf dem Herzen . Es muß doch was geschehn , eine richtige Begrüßung ( denn das gestern abend war zuwenig ) oder aber ein solennes Abschiedswort , kurzum irgendwas , das in das Gebiet der Toaste gehört . Und da müssen Sie helfen . Sie sind ein Mann von Fach , und wer jeden Sonntag predigen kann , kann doch schließlich auch ' ne Tischrede halten . « » Ja , das sagen Sie so , Herr von Stechlin . Mitunter ist eine Tischrede leicht und eine Predigt schwer , aber es kann auch umgekehrt liegen . Außerdem , wenn Sie sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht haben , daß es so sein muß , dann geht es auch . Sie werden sehn , das Herz , wie immer , macht den Redner . Und dazu diese Damen , beide von so seltener Liebenswürdigkeit . Was die Gräfin angeht ... « » Ja « , lachte der Alte , » was die Gräfin angeht ... Sie machen sich ' s bequem , Pastor . Die Gräfin - wenn sich ' s um die handelte , da könnt ich ' s vielleicht auch . Aber die Comtesse , die hat so was Ernstes . Und dann ist sie zum übrigen auch noch meine Schwiegertochter oder soll es wenigstens werden , und da muß ich doch sprechen wie ' ne Respektsperson . Und das ist schwer , vielleicht , weil sich in meiner Vorstellung die Gräfin immer vor die Comtesse schiebt . « Dubslav sprach noch so weiter . Aber es half ihm nichts ; Lorenzen war in seinem Widerstande nicht zu besiegen , und so kam denn die Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit heran . Der Alte hatte sich schließlich drin gefunden . » Meine lieben Gäste « , hob er an , » geliebte Braut , hochverehrte Brautschwester ! Ein andres Wort , um meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu bezeichnen , hat vorläufig die deutsche Sprache nicht , was ich bedaure . Denn das Wort sagt mir lange nicht genug . Wenige Stunden erst ist es , daß ich Sie , meine Damen , an dieser Stelle begrüßen durfte , noch kein voller Tag , und schon ist der Abschied da . Währenddem hab ich kein Du beantragt , aber es liegt doch in der Luft , mehr noch auf meiner Lippe ... Teuerste Armgard ! dies alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden ; Sie werden sie zu neuem Leben erheben . Unter meinem Regime war es nicht viel damit . Auch heute nicht . Ich habe nur das gute Gewissen , Ihnen während dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben , was gezeigt werden konnte : mein Museum und meinen See . Die Sprudelstelle ( die Winterhand lag darauf ) hat geschwiegen , aber mein Derfflingerscher Dragoner - in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so nennen - hat dafür um so deutlicher zu Ihnen gesprochen . Er hat die Zahl 1675 in seiner Standarte und trägt die Siegesnachricht von Fehrbellin ins märkische Land . Erleb ich ' s noch und gibt Krippenstapel seine Zustimmung , so stell ich , kurz oder lang , auch meinerseits einen Dragoner auf meinen Dachreiter ( einen Turm hab ich nicht ) , und zwar einen Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und Irland , und auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land . Nicht die von Königgrätz und nicht die von Mars-la-Tour , aber die von einem gleich gewichtigen Siege . Das Haus Barby lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter Armgard ! « Alle waren bewegt . Am meisten Lorenzen . Als er an den Alten herantrat , flüsterte er ihm zu : » Sehn Sie . Ich wußt es . « Armgard küßte dem Alten die Hand , Melusine strahlte . » Ja , die alte Garde ! « sagte sie . Nur Schwester Adelheid konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut zurechtfinden . Alle Feierungen mußten eben das Maß halten , das sie vorschrieb . Sie hatte den landesüblichen Zug : » Nur nicht zuviel von irgendwas , am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung . « Als man wieder saß , sagte Melusine : » Krippenstapel wird übrigens verstimmt sein , wenn er von Ihrem Trinkspruche hört . Es war doch eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des Derfflingerschen . Und was bei solcher Gelegenheit gesagt wird , das gilt ... Interessiert sich übrigens irgendwer für dies Ihr Museum ? « » Dann und wann ein Mann von Fach . Sonst niemand . « » Was Sie verdrießt . « » Nein , gnädigste Gräfin . Nicht im geringsten . Ich nehme nicht vieles ernsthaft , und am wenigsten ernsthaft nehm ich mein Museum . Es ist freilich von mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile , hinterher aber hat sich eigentlich alles ohne mich gemacht . Das ist so die Regel . Ist überhaupt erst ein Anfang da , so laufen die Dinge von selber weiter , und die Leute lassen einen nicht wieder los , halten einen fest , man mag wollen oder nicht . Ich hätte vielleicht alles schon längst wieder aufgegeben , man will ' s aber nicht . Einigen gereicht es zur Befriedigung , mich für einen Querkopf halten zu können , und andre sprechen wenigstens von Originalitätshascherei . Man muß eben allerhand über sich ergehen lassen . « Einunddreißigstes Kapitel Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf , um den Zug , der um sieben Uhr Gransee passierte , nicht zu versäumen . Es dunkelte schon , aber der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer ; so ging es über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein . Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich , um wieder warm zu werden - auf der Rampe war ' s kalt und zugig gewesen - , in die Nähe des Kamins , dem alten Dubslav gegenüber . Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme , blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam , weil eben noch eine dritte Person da war , die von den liebenswürdigen Damen , über die sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte , ganz augenscheinlich nichts hören wollte . Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid . Die wollte nicht sprechen . Andrerseits mußte durchaus der Versuch einer Konversation gemacht werden , und so griff denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber , um in ein paar Worten sein Bedauern darüber auszudrücken , daß er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn können . » Engelke sei so sehr dagegen gewesen . « All dies Bedauern - wie ' s der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte - kam flau genug heraus , aber die Domina war so hochgradig verstimmt , daß ihr selbst so nüchterne , das Verbindliche nur ganz leise , nur ganz obenhin streifende Worte schon zuwider waren . » Ach , laß doch diese geborne Helfrich « , sagte sie , » diese Tochter von dem alten Hauptmann , der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll . So wenigstens erzählt sie beständig . Eine schreckliche Frau , die gar nicht in unsre Gesellschaft paßt . Und dabei so laut . Ich kann es nicht leiden , wenn wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen , aber diese Helfrich , das muß ich sagen , ist denn doch auch nicht mein Geschmack . Ich halte das Untersichbleiben für das einzig Richtige . Bescheidene Verhältnisse , aber bestimmt gezogene Grenzen . « Lorenzen hütete sich zu widersprechen , versuchte vielmehr umgekehrt , durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton , eine bessere Laune wiederherzustellen . Als er aber sah , daß er damit scheiterte , brach er auf . Und nun waren die beiden alten Geschwister allein . Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den Tisch heran , auf dem noch vom Kaffee her die Liqueurflaschen standen . Er wollte was sagen , traute sich ' s aber nicht recht , und erst als er zu zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte , wandte er sich an die Schwester , die , schweigsam wie er selbst , ihre kleine goldene Kette hin und her zog . » Ja « , sagte er , » jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf . « » Ich vermute , drüber raus . Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen lassen . Es sind , glaub ich , Damen , die nicht gerne langsam fahren . « » Du sagst das so , Adelheid , als ob du ' s tadeln wolltest , überhaupt , als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten . Das sollte mir leid tun . Ich bin sehr glücklich über die Partie . Gewiß , sowohl die Gräfin wie die Comtesse sind verwöhnt ; das merkt man . Aber ich möchte sagen , je verwöhnter sie sind ... « » Desto besser gefallen sie dir . Das sieht dir ähnlich . Ich liebe mehr unsre Leute . Beide sind doch beinah wie Fremde . « » Nun , das ist nicht schlimm . « » Doch . Mir widersteht das Fremde . Laß dir erzählen . Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty , weil die Schmargendorf , die so was liebt , gern eine Tasse Schokolade trinken wollte . « » Du hoffentlich auch . « » Allerdings . Ich auch . Aber ich kam nicht recht dazu , nippte bloß , weil ich mich über die Maßen ärgern mußte . Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame , wenn es überhaupt eine Dame war . Aber Engländer waren es . Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt , und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut . Und der Herr hatte ein Windspiel , das immer zitterte , trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren . « » Ja , warum nicht ? « » Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Cognac , und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein , die sie blies . « » Scharmant . Das muß ja reizend ausgesehn haben . « » Und ich verwette mich , diese Melusine raucht auch . « » Ja , warum soll sie nicht ? Du schlachtest Gänse . Warum soll Melusine nicht rauchen ? « » Weil Rauchen männlich ist . « » Und Schlachten weiblich ... Ach , Adelheid , wir können uns über so was nicht einigen . Ich gelte schon für leidlich altmodisch , aber du , du bist ja geradezu petrefakt . « » Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur , daß es etwas ist , dessen du dich nicht zu schämen hast . Es klingt sonderbar genug . Aber ich weiß , du liebst dergleichen und liebst gewiß auch ( und hast so deine Vorstellungen dabei ) den Namen Melusine . « » Kann ich beinah sagen « » Ich dacht es mir . « » Ja , Schwester , du hast gut reden . So sicher wie du wohnt eben nicht jeder . Adelheid ! das ist ein Name , der paßt immer . Und im Kirchenbuche , wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat , steht sogar Adelheide . Das Schluß-e ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit draufgegangen . Die Stechline haben immer alles verurscht . « » Ich bitte dich , wähle doch andere Worte . « » Warum ? Verurscht ist ein ganz gutes Wort . Und außerdem , schon der alte Kortschädel sagte mir mal , man müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht , da sitze manch einer in einem Glashause . Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen ? Und als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war , in meinem letzten Dienstjahr , da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung , der hieß Briefbeschwerer . Ja , Adelheid , wenn ich dem gegenüber so verfahren wäre wie du jetzt mit Gräfin Melusine , so hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als einen Kugelmann . Denn damals , es war Anno vierundsechzig , waren alle Briefbeschwerer bloß Kugelmänner : ' ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln unten . Und natürlich ' ne Kartätschenkugel als Bauch in der Mitte . Das Feuerversicherungsmännchen aber , das zufällig so sonderbar hieß , das war so dünn wie ' n Strich . « » Ja , Dubslav , was soll das nun alles wieder ? Du gibst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker . Ich sage Zeisig , weil ich nicht verletzlich werden will . « » Küß die Hand ... « » Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe , das ist das . Ich habe nichts dagegen , daß jemand Briefbeschwerer heißt , und überlaß es ihm , ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will . Aber ich habe sehr viel gegen Melusine . Briefbeschwerer , nu , das ist bloß ein Zufall , Melusine aber ist kein Zufall , und ich kann dir bloß sagen , diese Melusine ist eben eine richtige Melusine . Alles an dieser Person ... « » Ich bitte dich , Adelheid ... « » Alles an dieser Dame , wenn sie durchaus so etwas sein soll , ist verführerisch . Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn . Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke ! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren . Eh er noch weiß , was los ist , ist er schon umstrickt , trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist . Oder vielleicht auch grade deshalb . Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen in den Hüften . Alles wie zum Beweise , daß es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat . Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang . Aber freilich , der ist womöglich noch leichter zu fangen als Woldemar . Er sah sie immer an wie ' ne Offenbarung . Und sie ist auch so was . Darüber is kein Zweifel . Aber wovon ? « Hochzeit Zweiunddreißigstes Kapitel Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück . Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet , mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten , weil im Kasino eine kleine Festlichkeit stattfand , der er beiwohnen wollte . Der alte Graf ging , als unten die Droschke hielt , mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab , weil ihn sein Fuß , wie stets , wenn das Wetter umschlug , mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte . » Nun , da seid ihr ja wieder . Der Zug muß Verspätung gehabt haben . Und wo ist Woldemar ? « Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte . » Gut , gut . Und nun setzt euch und erzählt . Mit dem Conte , das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih , Melusine . Da möcht ich denn begreiflicherweise , daß es uns diesmal besser ginge . Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen , aber die Familie , der alte Stechlin . Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten , wenn sie nicht will , wiewohl erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern . Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn . « Armgard lachte . » Mir , Papa , passiert so was Nettes nicht . Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche . Der alte Stechlin fing an , und der Pastor folgte . Wenigstens schien es mir so . « » Dann bin ich beruhigt , vorausgesetzt , daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt . « Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand . » Dann bin ich beruhigt « , wiederholte der Alte . » Melusine gefällt fast immer . Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht . Es gibt so viele Menschen , die haben einen natürlichen Haß gegen alles , was liebenswürdig ist , weil sie selber unliebenswürdig sind . Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen , alle , die eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben - das richtige sieht ganz anders aus - , alle Pharisäer und Gernegroß , alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt , und wenn sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat , dann lieb ich ihn schon darum , denn er ist dann eben ein guter Mensch . Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen . Übrigens konnt es kaum anders sein . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm . Aber auch umgekehrt : wenn ich den Apfel kenne , kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da ? Ich meine , von Verwandtschaft ? « » Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz « , sagte Armgard . » Das ist die Schwester des Alten ? « » Ja , Papa . Altere Schwester . Wohl um zehn Jahr älter und auch nur Halbschwester . Und eine Domina . « » Sehr fromm ? « » Das wohl eigentlich nicht . « » Du bist so einsilbig . Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben . « Armgard schwieg . » Nun , Melusine , dann sprich du . Nicht fromm also ; das ist gut . Aber vielleicht hautaine ? « » Fast könnte man ' s sagen « , antwortete Melusine . » Doch paßt es auch wieder nicht recht , schon deshalb nicht , weil es ein französisches Wort ist . Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch . « » Ah , ich versteh . Also komische Figur . « » Auch das nicht so recht , Papa . Sagen wir einfach , zurückgeblieben , vorweltlich . « Der alte Graf lachte . » Ja , das ist in allen alten Familien so , vor allem bei reichen und vornehmen Juden . Kenne das noch von Wien her , wo man überhaupt solche Fragen studieren kann . Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhause , drin alles nicht bloß voll Glanz , sondern auch voll Orden und Uniformen war . Fast zuviel davon . Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke , ganz einsam und doch beinah vergnüglich , einen merkwürdigen Urgreis , der wie der alte Gobbo - der in dem Stück von Shakespeare vorkommt - aussah , und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte , wer denn das sei , da hieß es : Ach , das ist ja Onkel Manasse . Solche Onkel Manasses gibt es überall , und sie können unter Umständen auch Tante Adelheid heißen . « Daß der alte Graf das so leichtnahm , erfreute die Töchter sichtlich , und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte , wurd auch Armgard mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen , danach vom Stechlinsee ( der ganz überfroren gewesen sei , so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können ) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen . Diese waren das , was den alten Grafen am meisten interessierte . » Wetterfahnen , ja , die müssen gesammelt werden , nicht bloß alte Dragoner , in Blech geschnitten , sondern auch allermodernste Silhouetten , sagen wir aus der Diplomatenloge . Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen . Und wißt ihr , Kinder , das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung , beinah mehr noch , als daß ihm Melusine gefallen hat . Ich bin sonst nicht für Sammler . Aber wer Wetterfahnen sammelt , das will doch was sagen , das ist nicht bloß eine gute Seele , sondern auch eine kluge Seele , denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft . Und wer den machen kann , das ist mein Mann , mit dem kann ich leben . « Man blieb nicht lange mehr beisammen ; beide Schwestern , ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung , zogen sich früh zurück , aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem über die Domina ( gegen die Melusine heftig eiferte ) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort . » Ich glaube « , sagte Armgard , » du legst zuviel Gewicht auf das , was du das Ästhetische nennst . Und Woldemar tut es leider auch . Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen , aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie du . Wohin er blickt , überall vermißt er das Schönheitliche . Das wenige , was danach aussieht , so klagt er beständig , sei bloß Nachahmung . Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art geboren . « » Und daß er so klagt , das ist das , was ich so ziemlich am meisten an ihm schätze . Du meinst , daß ich , wenn ich von der Domina spreche , zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege . Glaube mir , diese Dinge sind nicht bloß äußerlich . Wer kein feines Gefühl hat , sei ' s in Kunst , sei ' s im Leben , der existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht . Da hast du mein Programm . Unser ganzer Gesellschaftszustand , der sich wunder wie hoch dünkt , ist mehr oder weniger Barbarei ; Lorenzen , von dem du doch soviel hältst , hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich ausgesprochen . Ach , wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit , die wir jetzt so verständnislos bemängeln ! Und selbst unser dunkles Mittelalter - schönheitlich stand es höher als wir , und seine Scheiterhaufen , wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam , waren gar nicht so schlimm . « » Ich erlebe noch « , lachte Armgard , » daß du ' nen neuen Kreuzzug oder ähnliches predigst . Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen , von der Domina . Du sagtest , ihre Gefühle widersprächen sich untereinander . Welche Gefühle ? « » Darauf ist leicht Antwort geben . Erst beglückwünscht sie sich zu sich selbst , und hinterher ärgert sie sich über sich selbst . Und daß sie das muß , daran sind wir schuld , und das kann sie uns nicht verzeihn . « » Ich würde vielleicht zustimmen , wenn das , was du da sagst , nicht so sehr eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Verstand . « » Den hat sie , gewiß , den haben sie alle hier oder doch die meisten . Aber ein guter Verstand , soviel er ist , ist auch wieder recht wenig , und schließlich - ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen - ist diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete , lang und spitz . Und nicht mal grün gestrichen . « » Und der Alte ? Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn . « » Oh , der ; der ist hors concours und geht noch über Woldemar hinaus . Was meinst du , wenn ich den Alten heiratete ? « » Sprich nicht so , Melusine . Ich weiß ja recht gut , wie das alles von dir gemeint ist , Übermut und wieder Übermut . Aber er ist doch am Ende noch nicht so steinalt . Und du , so lieb ich dich habe , du bist schließlich imstande , dich in solche Kompliziertheiten von Schwiegervater und Schwager , alles in einem , und womöglich noch allerhand dazu , zu verlieben . « » Jedenfalls mehr als in den , der diese Kompliziertheiten darstellt oder gar erst schaffen soll ... Also , sei ruhig , freundlich Element . « Dreiunddreißigstes Kapitel Das war in den letzten Dezembertagen ; auf Ende Februar hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt . In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen erwogen worden , ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle , die Braut selbst aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit versichert : sie hänge an der Armee , weshalb sie - ganz abgesehn von ihrem teuren Frommel - die Berliner Garnisonkirche weit vorziehe . Daß diese , nach Ansicht vieler , bloß ein großer Schuppen sei , habe für sie gar keine Bedeutung ; was ihr an der Garnisonkirche soviel gelte , das seien die großen Erinnerungen , und ein Gotteshaus , drin die Schwerins und die Zietens ständen ( und wenn sie nicht drin ständen , so doch andre , die kaum schlechter wären ) - eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche , trotz der Särge so vieler Barbys unterm Altar . Woldemar war sehr glücklich darüber , seine Braut so preußisch-militärisch zu finden , die denn auch , als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage nach » Verbleib oder Nichtverbleib « in der Armee durchgesprochen wurde , lachend erwidert hatte : » Nein , Woldemar , nicht jetzt schon Abschied ; ich bin sehr für Freiheit , aber doch beinah mehr noch für Major . « Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt . Schon eine halbe Stunde vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause , dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Versicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen . Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt , auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen , als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte . Hinter den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung genommen , Lizzi , Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch Hedwig , die , nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen Hause , vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte . » Gott , Hedwig , war es denn