Sonntagsarbeit und betrat mit dem Alten die Wohnstube . Der Hirt verstand es , das Gespräch gar bald auf geistliches Gebiet hinüberzuleiten . Das Elend , in dem sich der ehemalige Gutsbesitzer jetzt befand , gab dem Seelsorger Anlaß , auf die Nichtigkeit alles Irdischen hinzuweisen und den Sinn auf die ewigen Güter zu richten . Der Geistliche erinnerte den Bauern auch an sein Alter , und daß er vielleicht bald vor einem Höheren werde Rechnung ablegen müssen . Er fand bewegliche Worte , der Herr Pastor . - Der alte Mann sagte nicht ja und nicht nein dazu . Mit verdrossener Miene saß er in seiner Ecke . Er schien das seelsorgerische Bemühen des Pfarrers als eine Belästigung zu empfinden , in die man sich wohl oder übel schicken mußte . Seine Religiosität war niemals über eine äußerliche Kirchlichkeit hinausgekommen . Nun er nicht mehr zur Kirche ging , kam das Heidentum zum Vorschein , das tief der Natur des deutschen Bauern steckt . Was kümmerten ihn die überirdischen Dinge ; von denen wußte man nichts ! Der Boden , auf dem er stand , die Pflanzen , die er hervorbrachte , die Tiere , die er nährte , der Himmel über ihm mit seinen Gestirnen , Wolken und Winden , das waren seine Götter . Jene anderen , morgenländischen , hatten doch etwas mehr oder weniger Fremdartiges für ihn . Als der Geistliche schließlich von dem Bauern wegging , wußte er nicht , ob er Eindruck auf das Gemüt des Mannes gemacht habe oder nicht . Einer anderen Persönlichkeit , die sich dem Alten nähern wollte , um ihn in seiner Verlassenheit zu trösten , ging es nicht viel besser . Frau Katschner erschien eines Tages auf dem Büttnerschen Hofe , ging ins Haus und guckte in alle Zimmer . Da sie niemanden antraf , tat sie sich ein Gütchen im Durchschnüffeln der verwaisten Räumlichkeiten . Dann begab sie sich hinaus aufs Feld , wo sie den Bauern alsbald beim Kleehauen traf . Er schien völlig vertieft in seine Arbeit . Ehe sie an ihn herantrat , betrachtete sie ihn sich eine Weile voll Mitgefühl , das nicht frei war von selbstischem Behagen . - Der Ärmste man sah ihm den Witwer recht an . In seinen Beinkleidern war ein Loch , das man auf zwanzig Schritt leuchten sah . Er war gewiß recht unglücklich ! Keine sorgende Pflege ! Nun erfuhr er , was es hieß : ledig sein . - Die Witwe räusperte sich und suchte in ihr » Guntagoch , Büttnerbauer ! « so viel Freundlichkeit und Teilnahmegefühl zu legen , wie nur möglich . Kein Gegengrüß kam , er sah nicht einmal auf von seiner Arbeit . Aber die Witwe Katschner war nicht so leicht abzuschrecken - sie war sich ja ihres guten Zweckes bewußt - daher tat sie , als bemerke sie seine abweisende Haltung gar nicht . Sie begann damit , zu berichten , daß sie kürzlich einen Brief von Paulinen bekommen habe . Der Alte handhabte die Sense in gleichmäßig abgerundetem Schwünge , als gäbe es auf der Welt nichts als den Klee und ihn . Die Witwe , die sich zu diesem Gange eine gute Schürze vorgebunden und ein neues Kopftuch angelegt hatte , sah ihm zu . Das mußte man sagen , er war immer noch ein kräftiger Mann trotz seiner Sechzig , aber fürchterlich anzusehen mit seinem langen Haar und den zollangen Stoppeln um den Mund . Ganz abgemagert war er und hohläugig . Er härmte sich gewiß , sehnte sich nach einer mitleidigen Seele . Wahrscheinlich hatte er nichts Ordentliches zu essen und keine Abwartung . Wahrlich , hier war es die höchste Zeit , daß eine Frau eingriff ! - Sie entfaltete den Brief und fragte , ob er nichts von seinen Kindern in der Fremde wissen wolle . Darauf hielt der Bauer im Hauen inne . Frau Katschner entnahm daraus die Erlaubnis , vorzulesen . Der Brief enthielt Nachrichten über das Ergehen der Sachsengänger . Am Schlusse schrieb Pauline , daß sie im Herbst alle nach Halbenau zurückkehren wollten . Die Witwe faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein . Dann seufzte sie und wischte sich die Augen mit einem Zipfel ihrer blau und weiß gedruckten Schürze . » Zu ju ! « sagte sie , » ' s is och gutt su ! Wenn se ack bale zuricke kimma wellten ! ' s is ne schiene uf der Welt so alleene - nee ' s is och ne schiene ! « Hier ließ sie eine Pause eintreten , wohl für jenen zum Überlegen des Gehörten . Dann mit besonderem Blicke auf den Mann : » Ich ha ' schon manch a lieb ' s Mal bei mer gedacht , der Büttnerpauer muß es duch firchterlich eensam han , ha ' ch gedacht . Den muß duch ordentlich bange sen , ha ' ch gedacht ! - So alleene , wie der is uf der Welt . - Is ne a su , Pauer ? « Statt der Antwort nahm der Alle die Sense wieder auf und fuhr fort , Klee zu hauen , als sei niemand da . Frau Katschner mußte endlich abziehen . Sie war ziemlich kleinlaut und im Innersten gekränkt , daß ihre gute Absicht , den Einsamen zu trösten , auf so undankbaren Boden gefallen war . * * * Inzwischen neigte sich der Sommer seinem Ende zu . Die Ernte war eine ungewöhnlich reiche gewesen . Der Roggen hatte volle Ähren mit vielen und schweren Körnern getragen , das Stroh war lang und reichlich , auch Hafer und Kartoffeln versprachen guten Ertrag . Bittere Gefühle waren es , mit denen der alte Mann in diesem Jahre den Erntesegen betrachtete . Wo er bestellt und gesäet hatte , ernteten andere . Täglich fuhren jetzt die Wagen der kleinen Leute , die sich ein paar Morgen vom Büttnerschen Gute erstanden hatten , durch den Bauernhof . Für die vielen Parzellen , die bei der Vereinzelung entstanden , war dies der einzige Abfuhrweg . Auch auf den Feldern , die sich Harrassowitz für sich selbst zurückbehalten hatte , standen schöne Früchte . Es war von vornherein klar , daß der ehemalige Büttnerbauer die Ernte allein nicht werde bewältigen können . Eines Tages erschienen denn auch Helfer . Sam hatte Leute aus dem Dorfe angenommen als Erntearbeiter . Darauf kamen Leiterwagen , in denen die Garben abgefahren wurden , nach Wörmsbach , hieß es , wo der Händler ja noch mehr Land besaß . Dort stand eine Dreschmaschine , die ihm das Korn ausdrasch . Das gedroschene Getreide wurde nach der Stadt gefahren in die Speicher des Händlers , das Stroh auf dem Felde in Feimen gesetzt . Das Haferhauen gab Sam in Akkord . Aber den Hafer ließ er nicht wegschaffen , der wurde in die Scheune gebanst . Der alte Büttner sollte ihn mit dem Göpel ausdreschen ; da war gleich für eine Winterarbeit gesorgt . Mit den Hackfrüchten verfuhr der Händler noch einfacher . Das Hacken , Lesen und Einmieten machte ihm viel zu viel Umstände . Er verkaufte die einzelnen Furchen meistbietend an die Dorfleute . Nur so viel Kraut , Rüben und Kartoffeln behielt er , wie für das Vieh während des Winters unentbehrlich war . Diesem Manne schien jedes Unternehmen zu glücken . So etwas hätte nur ein Bauer versuchen sollen , der wäre sicher zu Schaden und darüber noch zu Spott gekommen . Wenn Samuel Harrassowitz im Gasthof bekanntmachen ließ , daß Auktion sei , da kamen alle gelaufen . Die bloße Tatsache , daß Sam im Orte war , schien das Geld in den Taschen locker zu machen . Er machte es den Leuten aber auch leicht ; er war wirklich ein » kulanter « Geschäftsmann . Jede Art von Bezahlung nahm er an . War es nicht in Geld , dann in Naturalien oder auch durch Abarbeiten . Unter Umständen fand er sich auch bereit , ein Stück Vieh an Zahlungs Statt anzunehmen . Das gab er dann womöglich wieder einem anderen , mit dem er in Geschäftsverbindung stand , in den Stall . Und Kredit gewährte er auch jederzeit . Diese Eigenschaft wurde von den Landleuten besonders an ihm geschätzt . Nur im äußersten Notfalle klagte er einen Schuldner aus und dann sicher nur einen , bei dem noch etwas zu holen war . Die Leute , die nichts mehr besaßen , ließ er mit Zwangsvollstreckungen in Frieden . Die mußten ihre Schuld abarbeiten , und er sorgte dafür , daß der Posten niemals gänzlich getilgt wurde . Auch den alten Büttner behandelte der Händler jetzt ganz wie seinen Arbeiter . Er schalt ihn gelegentlich , nannte ihn faul und dumm , ein andermal wieder lobte er ihn , je nachdem seine Herrenlaune gerade war . Der alte Mann nahm das mit jener mürrischen Gelassenheit hin , die ihm neuerdings zur zweiten Natur geworden zu sein schien . In seinem Wesen war etwas geknickt , ausgelöscht für immer ; es war , als habe er kein Ehrgefühl mehr im Leibe . Dergleichen Behandlung hätte ihm früher einmal jemand bieten sollen ! Heiler Haut wäre der nicht vom Hofe gekommen . Und jetzt ließ er sich schmähen von dem Fremdling ! - In sein Dasein , in sein ganzes Treiben und Tun war etwas Zweckloses , Widersinniges gekommen : er arbeitete für seinen Peiniger , ernährte mit seiner Händewerk nur das starke Raubtier , das ihm das Blut aussaugte . Es gab kein Entrinnen ! Harrassowitz hielt ihn an vielen Ketten . Er war der Schuldner des Händlers geblieben , auch nachdem er sein Gut an ihn verloren . Es war ein Akt der Gnade , wenn der neue Herr den Alten im Hause ließ . Fiel es dem Besitzer ein , ihn hinauszuwerfen , dann brauchte er nicht einmal zu kündigen . Gelegentlich damit zu drohen , verfehlte Sam nicht . Er war in seiner Art ein Kenner des deutschen Bauern . Er wußte , wie zähe diese Sorte an der Scholle klebt , wie ihr zur Erde gewandter Blick sie dumpf und blöde macht , unfähig , Vorteil von Nachteil zu unterscheiden . Sam wußte nur zu gut , daß der alte Büttner sich lieber das Herz aus dem Leibe würde reißen lassen , als daß er die Stelle verlassen hätte , die seine Vorfahren besessen , die er selbst durch ein Leben innegehabt . Die Angst , vom Hofe getrieben zu werden , band den Alten wie ein ungeschriebener , aber darum nicht minder wirksamer Kontrakt an den neuen Besitzer des Bauerngutes . Es war eine Art von Leibeigenschaft . Und gegen dieses Joch waren die alten Fronden , der Zwangsgesindedienst , die Hofegängerei und alle Spann- und Handdienste der Hörigkeit , unter denen die Vorfahren des Büttnerbauern geseufzt hatten , federleicht gewesen . Damals sorgte der gnädige Herr immerhin für seine Untertanen mit jener Liebe , die ein kluger Haushalter für jedes Geschöpf hat , das ihm Nutzen schafft , und es gab manches Band gemeinsamen Interesses , das den Hörigen mit der Herrschaft verband . Bei dieser modernen Form der Hörigkeit aber fehlte der ausgleichende und versöhnende Kitt der Tradition . Hier herrschte die parvenuhafte Macht von gestern protzig und frivol , die herzlose Unterjochung unter die kalte Hand des Kapitals . - Man mußte dem Händler eins lassen , er arbeitete geschickt , mit » Diskretion « , ja , mit einer gewissen Eleganz . Sam besaß das Talent seiner Rasse in hohem Maße , anderer Arbeit zu verwerten , sich in Nestern , welche fleißige Vögel mit emsiger Sorgfalt zusammengetragen , wohnlich einzurichten . Und die Natur hatte ihm eine Gemütsverfassung verliehen , die es ihm leicht machte , sich um das Geschick der fremden Eier nicht sonderlich zu grämen . Man rechnete Sam nach , daß er bereits jetzt durch den Verkauf einzelner Parzellen für den Preis gedeckt sei , den er bei der Subhastation geboten hatte . Eines Tages im Frühsommer waren eine Anzahl fremder Arbeiter und ein Geometer nach Halbenau gekommen . Sie hatten sich auf die große Wiese , die zwischen dem Büttnerschen Hofe und dem Walde ungefähr in der Mitte des Grundstückes lag , begeben . Hier , an der dachartig abfallenden Lehne , fingen sie an , abzustecken . Dann wurde der Rasen abgeschält , der Humus , der zunächst unter der Grasnarbe lag , auf besondere Haufen geworfen , und schließlich in der tiefergelegenen zähen Tonerde ein umfangreiches Viereck von Metertiefe ausgegraben . Hier sollte die Dampfziegelei hin , die Harrassowitz zu gründen gedachte . Es sei ein allgemeines Bedürfnis für die Gegend , hatte Sam erklärt ; weit und breit bekäme man keine vernünftigen Ziegeln zu kaufen . Er halte es für seine Pflicht , etwas für die Hebung des Ortes zu tun durch Einführung der Industrie . Nun sollten die Halbenauer einmal sehen , was jetzt für Geld unter die Leute kommen werde ! - Die Grundmauern zum Ringofen schossen schnell aus dem Boden empor , das Gebälk zum Trockenschuppen wurde gerüstet , die Schlämmbassins angelegt und schließlich die einzelnen Teile der weitläufigen Anlage mittelst schmaler Schienenstränge verbunden . Über dem Ganzen reckte sich bald die Ziegeleiesse höher und höher empor ; ein ungewohnter Anblick , der die Halbenauer staunen machte . Nun bekamen sie doch auch eine Dampfesse in den Ort . Täglich gab es jetzt Veränderungen auf dem Grundstücke . Eines Tages , im Herbst , erschien ein gräflicher Revierförster mit seinen Leuten auf der zum Büttnerschen Gute gehörigen Waldparzelle . In wenigen Tagen ward mit den verkrüppelten Kiefern , Wacholderbüschen und Stockausschlägen aufgeräumt und Kahlschlag hergestellt . Die Herrschaft Saland hatte nun doch den Wald des Bauerngutes angekauft für ein Geld , das dem Bauern , hätte er es zur rechten Zeit gehabt , über alle Nöte hinweggeholfen haben würde . Gleichzeitig war auch das » Büschelgewende « , dessen Urbarmachung dem alten Manne so viel sauren Schweiß gekostet hatte , an den mächtigen Nachbarn gekommen . Nun war das Loch zugemacht , das bisher die beiden gräflichen Reviere : Halbenau und Saland , getrennt hatte . Im Frühjahr sollte die ganze Fläche zugepflanzt werden . Traugott Büttner sah alle diese Dinge . Keine Klage kam über seine Lippen . Es war , als habe er sich selbst Schweigen auferlegt . Was in seinem Inneren vor sich ging , erfuhr kein Mensch . Er glich einer Pflanze , die man schlecht versetzt hat , und die nun in verwahrlostem Zustande dahinsiecht ; sie vegitiert noch , aber in ihren Säften geht sie zurück . Er glich auch einer Maschine , die ohne treibende Kraft doch weiter arbeitet , weil der Schwung von früher her noch ein Weilchen vorhält , ehe sie aussetzt . Für Schmerz war er scheinbar unempfindlich geworden , abgestumpft durch das Zuviel , gleich dem Boden , der allzustark getränkt , keine Nässe mehr in sich aufnimmt . Die da meinten , er sei gefühllos , irrten sich . Er fühlte gar wohl das Unrecht , das ihm widerfuhr . Die Demut und Schmerzensseligkeit eines Hiob war seiner halsstarrigen Bauernnatur nicht eigen . Weit davon entfernt war er , mit dem Knechte Gottes aus dem Alten Testamente zu sagen : » Ich bin nackend von meiner Mutter Leibe gekommen , nackend werde ich wieder dahinfahren . Der Herr hat es gegeben , der Herr hat es genommen , der Name des Herrn sei gelobet ! « Wenn er auch scheinbar zum stumpfen Lasttier herabgesunken war , das die Schläge gleichgültig hinnimmt , so blieb sein innerer Trotz doch ungebrochen . Menschenhaß und Verachtung waren seine Tröster , Groll seine Nahrung ; die einzige , die ihn noch in Kraft erhielt . Aber die Qualen , die er ertrug , waren um so brennender , weil er nicht den Schrei der Wut fand , sich von ihnen zu entlasten . VI. Nachdem das Manöver vorüber , hatte der Graf Urlaub genommen , um die Hochzeit seiner Schwester Wanda auszurichten . Große Vorbereitungen wurden in Schloß Saland zu diesem Feste getroffen . Der Adel der Nachbarschaft , die Magnaten der Provinz waren geladen . Aus Berlin waren Freunde des Bräutigams und Kameraden des Wirtes eingetroffen , und immer noch erschienen neue Gäste . Es war ein Fest für die ganze Gegend . Die kleinen Leute nahmen die Gelegenheit wahr , einmal gründlich blauen Montag zu machen . Täglich gab es in Saland jetzt etwas zu sehen . Einmal hieß es , ein Wagen sei angekommen , mit sechs Pferden davor , Kutscher und Diener dazu mit feuerroten Röcken . Natürlich lief man da von der Arbeit fort , um das Wunder zu begaffen . Dann wieder gab es ein Feuerwerk . Leute in einem entfernten Dorfe sahen davon den Schein gegen den nächtlichen Himmel und glaubten , es müsse ein Schadenfeuer sein . Die Sturmglocke wurde angeschlagen , die Feuerwehr alarmiert . Die Feuerwehren der Ortschaften , durch die man kam , schlossen sich an . Und so erschien schließlich eine ganze Anzahl Spritzen vor Schloß Saland . - Als man wahrnahm , daß es gar kein Feuer gab , schimpfte man weidlich . Der Graf erfuhr von dem falschen Alarm und ließ den Leuten Bier geben aus der Schloßbrauerei , damit sie statt des Feuers wenigstens ihren Durst löschen möchten . - Die fabelhaftesten Gerüchte durchschwirrten die Luft ; es hieß : am Hochzeitstage solle Geld unter die Menge geworfen werden , im Schloßhofe werde am Vorabend der Trauung ein gebratener Ochse und ganze Schweine und Kälber zur allgemeinen Speisung ausgelegt werden , und dazu würde aus einem Riesenfasse Wein fließen . Eine Art von Fieber hatte sich der Bevölkerung bemächtigt . Die Arbeit schmeckte den Entnüchterten nicht mehr ; man erwartete voll Spannung außergewöhnliche Dinge . Auch Karl Büttner war von Wörmsbach herübergelaufen , um sich das Feuerwerk mit anzusehen . Er kannte einige von der Feuerwehrmannschaft von der Truppe her . Man nahm ihn mit , als es zur Bierverteilung kam . So gelangte er zu Bier und Zigarren , er wußte nicht wie ! - Das hatte ihm gefallen ! Am nächsten Vormittag lief er schon wieder nach Saland , gegen Theresens Willen . Er hoffte im stillen auf einen ähnlich glücklichen Zufall , wie ihn der vorige Abend gebracht . Diesmal fiel zwar nichts für ihn ab , aber er wurde Zeuge eines merkwürdigen Schauspiels . Im gräflichen Park befand sich eine Wiese , beschattet von prächtigen Eichen und Linden . Hier auf ebener Rasenfläche überraschte Karl eine wunderliche Gesellschaft . Eine Anzahl Burschen sprang da herum , wie die Müller anzusehen , von oben bis unten weiß . Auf den Köpfen trugen sie bunte Mützen , um die Hüften farbige Gürtel . Sie hielten in ihren Händen Dinger , großen Fliegenklatschen nicht unähnlich , damit warfen sie sich kleine Bälle zu , über ein Netz weg , das quer über den Rasenplatz gespannt war . Dazu schrien sie unverständliche Worte , gestikulierten eifrig und liefen manchmal wie besessen hin und her . Das war sehr possierlich mit anzusehen . Die Burschen selber aber schienen die Sache mit großem Ernst und Eifer zu betreiben . Karl hatte die Spielenden von weitem für Knaben gehalten , die sich mit dergleichen Narreteien die Zeit vertrieben . Als er näher kam , erkannte er jedoch , daß es erwachsene Männer seien . Er schloß sich einer Gruppe von Dorfleuten an , die , hinter einem Boskett stehend , dem Treiben der Vornehmen zusahen . Auf der Parkwiese war eine größere Gesellschaft versammelt : Herren und Damen . Man saß und lag umher auf Korbstühlen und Bastmatten . Zwischen den Bäumen waren Hängematten gespannt . Eine Dame , die sich in einer solchen hin und her schaukelte , nahm sich wie ein roter Farbenklecks aus gegen das Grün des Rasens . Man trank , rauchte , nahm Erfrischungen zu sich , stand in Gruppen beieinander , lachte und schwatzte in nachlässiger Weise . Ein Konzert fremdartiger Formen und Farben , die Damen in hellen Toiletten wie exotische Blumen ! Ein üppiges , farbenschillerndes Bild von niegesehener Eigenart entrollte sich vor den Augen des Landvolkes . Karl stand da und riß große unverständige Augen auf . Eine Frau , die gelegentlich auf Scheuerarbeit ins Schloß kam , machte die Erklärerin . Sie wußte , welcher der Bräutigam sei : dort der kleine mit dem schwarzen Schnurrbärtchen . - Karl hatte sich einen Prinzen bis dahin auch ganz anders vorgestellt . Jetzt hörten sie auf zu spielen . Großes Durcheinander herrschte auf dem Platze . » Nu hat eene Parte gewunnen ! Desderwegen tun se su brillen , « erklärte die Frau , sichtlich stolz , daß sie so gut über die Sitten der Großen unterrichtet sei . » Itze wern de Frauensmenscher och glei losmachen , paßt a mal uff ! « Richtig ! es traten zwei Damen mit auf den Plan . » Saht ack , das is se ! das is unse Wanda - das is de Braut ! « Nun sah man auch die Damen voll Eifer auf dem Rasen hüpfen . Es wurde viel gelacht und gejubelt . Das Brautpaar spielte auf einer Seite ; sie verloren . Wanda tadelte den prinzlichen Partner oft genug und ließ ihn nach den verlorenen Bällen springen . Ein kleiner Alter , mit einem Leinwandsack auf den Rücken , hatte lange wortlos dem Spiele zugesehen aus matten rotumränderten Augen . Dann sagte er plötzlich : » Die sein verrickt im Koppe ! « Damit ging er kopfschüttelnd von dannen . » Racht hat ' r ! « sagte ein anderer . » De Grußen sen alle verrickt , alle mitenander sen die verrickt , de Grußen ! Hot ees suwas gesahn ! Die mechten wos Gescheitres macha , als dohie su rimkalbern un an lieben Herrngutt de Zeet stahlen . « Die Frau , welche vorher Erklärungen gemacht hatte , widersprach . » Nu is ' s etwan nich asu ? « hieß es da . » Gabt der Art eene urndtliche Arbeet ei de Hand und ' r sollt sahn , wie se sich daderzut astellen wern ! « Karl blieb noch eine ganze Weile dort stehen . Das Treiben gefiel ihm , wenn er den Sinn auch nicht verstand . Auf dem Rückwege kehrte er ein . Bei dieser Gelegenheit traf er einen Bekannten , der ihm erzählte : morgen sei Jagd auf dem Herrschaftlichen , da gebe es gute Bezahlung und gewöhnlich auch Anteil am Jagdfrühstück für die Treiber ; es würden noch Treiber gesucht . Karl , den besonders das Jagdfrühstück lockte , ging auf die nahe Oberförsterei und meldete sich als Treiber . Am nächsten Morgen fand bei klarem Frühherbstwetter die Jagd statt . Es galt vor allem den Fasanen , aber auch Birkwild , Rebhühner , Rehböcke und Hasen sollten zum Abschluß kommen . Karl Büttner ging in einer langen Reihe von Treibern , mit einem Stocke bewaffnet . Der Fasane wegen , die sich gern übergehen lassen , gingen die Treiber so eng , daß sie sich fast die Hände reichen konnten . Sie waren angewiesen , ganz langsam , schrittweise , vorzugehen , wenig Lärm zu machen und mit ihren Stöcken auf die Büsche und jungen Bäumchen zu klopfen , um das Wild locker zu machen . Von Zeit zu Zeit ertönten , von einem am Flügel marschierenden Forstbeamten geblasen , Signale ; dann machte die ganze Kette Halt , um auf ein neues Signal wieder loszuschreiten . Die Fasanen waren zahlreich , da im Herbst zuvor wenig abgeschossen worden war . Bei dem warmen Wetter lagen die Vögel fest , oft flogen sie den Treibern unter den Füßen auf . In einem fort ertönte das Gackern der Hähne ; dann , sobald die Vögel über die Schützenkette strichen , Schüsse , oft ganze Kanonaden ! Es war ein herzerquickendes Schauspiel für das Auge des Weidmanns , wenn der Fasanhahn in die Luft stieg , dann in gerader Linie abstrich im Glanze seines prächtigen Gefieders , mit dem langen Stoße . Darauf ein wohlgezielter Schuß , gut vorgehalten ; der königliche Vogel klappte zusammen , die ganze Pracht hatte ein jähes Ende gefunden ! - Auch der Treiber bemächtigte sich gar bald das Jagdfieber . Aller Mahnungen des Forstpersonals , sich stille zu verhalten , ungeachtet , schrien sie laut , jeden Treffschuß bejubelnd . Nach dem fünften Treiben fand Frühstückspause statt . Tische und Bänke waren herbeigefahren worden . Am Feuer , das auf einem Waldwege angezündet worden war , wurden große eiserne Töpfe und kupferne Kessel mit Speisen und Getränken gewärmt . Die Schützen ließen sich nieder , einige Diener vom Schlosse bedienten . Karl hatte unter den Jagdgästen einen ehemaligen Vorgesetzten wiedererkannt , der sein Rekrutenoffizier gewesen war . Inzwischen war der damalige Leutnant zum Major vorgerückt und nach Berlin zur Garde versetzt worden . Karl konnte den Entschluß nicht recht finden , den Herrn anzureden . Wer weiß , ob der ihn kennen würde ? Und dann wurde er womöglich ausgelacht ! - Aber nach dem Frühstück wuchs sein Mut . Die Speisereste waren unter die Treiber verteilt worden ; Karl hatte gierig geschlungen . Auf irgendeine Weise war auch eine Flasche starken Likörs vom Tische der Schützen unter die Treiber geraten . Karl hatte einige Schlucke von dem ungewohnten Getränk genossen ; er befand sich infolgedessen in gehobener Stimmung . Mit mehr Freimut , als ihm für gewöhnlich eigen war , trat er vor seinen ehemaligen Vorgesetzten hin , schlug die Hacken zusammen , legte die Hand an die Kopfbedeckung , sagte seinen Namen und erzählte , daß er Rekrut beim Herrn Major gewesen sei . Der Offizier betrachtete sich den großen ungeschlachten Burschen eine Weile , dann schien ihm die Erinnerung zu kommen . » Waren Sie nicht anfangs rechter Flügelmann der Abteilung ? « fragte er . Karl bejahte . » Aber nachher mußte ich Sie ins zweite Glied stecken , weil Sie mir die ganze Gesellschaft umschmissen . Denn Sie waren doch der Rekrut , der immer rechts und links verwechselte - nicht wahr ? « Karl antwortete durch ein verlegenes Grinsen auf diese verfängliche Frage . Der Major erzählte nun den anderen Schützen allerhand Streiche von dem Rekruten Büttner . Er tat sich auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis etwas zugute . Dann erkundigte er sich nach Karls jetziger Beschäftigung , ob er verheiratet sei , Kinder habe und so weiter . Während des nächsten Treibens hatte Hauptmann Schroff , welcher Zeuge der Unterhaltung gewesen war , dem Major die Geschichte der Büttnerschen Familie berichtet . Andere Herren traten hinzu , der Fall wurde hin und her besprochen . Über den ländlichen Wucher ward manch kräftiges Wörtlein gesagt . Karl Büttner , als der älteste Sohn des ausgewucherten Bauern , wurde , ohne es zu wissen , zum Märtyrer gestempelt ; auf einmal stand er im Mittelpunkte des Mitleids und der Sympathie . Der Major veranstaltete schließlich eine Geldsammlung für seinen ehemaligen Rekruten . Es gingen ebenso viele Goldstücke ein , wie Herren da waren . Der Major drückte dem erstaunten Karl die Summe von hundertundvierzig Mark in die Hand mit dem Wunsche , daß er sich damit ein wenig » aufrappeln « solle . Karl vergaß das Danken , so überrascht war er . Die anderen Treiber steckten die Köpfe zusammen . Schon regte sich der Neid . So viel Geld verdiente man auf rechtmäßige Weise ja nicht in vielen Monaten . Hauptmann Schroff war ungehalten , daß man dem Manne das Geld so ohne weiteres ausgehändigt hatte ; doch konnte er nichts mehr daran ändern . Er ermahnte Karl wenigstens , er möge keinen Unfug damit anstellen . Aber der hörte und sah nichts mehr , starrte nur immer die Goldstücke in seiner Hand an . - War das ein Glück ! Er vermochte es kaum zu fassen . Die Jagd ging weiter . Karl Büttner wurde jetzt auch von den Treibern ganz besonders beachtet . Er hatte selbst keine Schnapsflasche mitgebracht ; dafür beeilten sich die anderen , ihm ihre » Neegen « anzubieten . Es war gut für Karl , daß die Dämmerung herankam und damit das Ende der Jagd , denn er war so berauscht , daß er sich kaum noch auf den Füßen zu erhalten vermochte . Es gehörte nicht viel dazu , um Karl betrunken zu machen . Heute hatte das ungewöhnliche Glück , das ihm so unversehens in den Schoß gefallen war , dazu beigetragen , ihn zu berauschen . In der seligsten Laune trat er mit den anderen Treibern den Heimweg an . Als man an einem Gasthof vorüber kam , hieß es : Büttnerkarl müsse etwas zum besten geben . Karl zögerte . Eine Stimme warnte ihn , die Gaststube zu betreten . Er sehnte sich eigentlich nach Haus , um seiner Frau das Geld auf den Tisch zu legen . Was die für Augen machen würde ! Therese hatte ihn zwar in der letzten Zeit schlechter denn je behandelt ; dumm und faul und einen Freßsack hatte sie ihn genannt , der nichts weiter könne als fressen , saufen und sie belästigen . - Nun wollte er ihr ' s mal zeigen ! Er konnte doch noch was anderes ! So viel Geld , wie er heute mitbrachte , hatte sie wahrscheinlich noch niemals beisammen gesehen . Es drängte ihn , zu Theresen zurückzukehren , an deren Überraschung er sich weiden wollte . Aber die anderen setzten ihm zu . Da waren verschiedene lustige Brüder darunter , die er gut leiden mochte . Man warf ihm vor , er sei ein Geizkragen . Mit einer ganzen Tasche voll Gold wolle er nicht mal ein paar Groschen für Branntwein springen lassen , das sei einfach ruppig . Karl glaubte , diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen ; er trat in die Schenkstube , schlug auf