den Bauern sah , der draußen vor dem Fenster vorüberschritt . Es war der Bruckner , der von einer Holzarbeit kam , denn er trug die Axt über der Schulter . Und als hätte er gefühlt , daß unter dem Dach des Jägerhauses zwei brennende Augen auf ihn gerichtet waren , streifte er mit scheuem Blick die Fenster und beschleunigte den Schritt . Als ihm das Haus hinter den dichten Büschen des Weges verschwand , atmete er auf . Die Lippe zerbeißend , ging er an den Höfen und Menschen vorüber . Zu Hause angelangt , warf er die Axt in einen Winkel des Flurs und wollte in die Stube treten , aus der die Stimmen seiner spielenden Kinder klangen . Da rief es in der Küche : » Lenzi ! « Er furchte die Stirn , und langsam trat er unter die Tür . Mit einer dampfenden Pfanne stand Mali vor dem Herd , dessen Flackerfeuer ihr abgehärmtes Gesicht mit grellem Schein übergoß . » Was willst ? « Mali stellte die Pfanne über den Dreifuß und drückte hinter dem Bruder die Tür zu . » Seit unser Stadtherr fort is , treibt ' s dich jeden Abend ins Wirtshaus ummi . Da mußt doch lang schon ebbes ghört haben davon , was d ' Leut übern Franzl reden ? « Bruckner schwieg . » Da hättst mir schon aus Fürsicht a Wörtl sagen sollen ! Jetzt hab ich ' s von der Nachbarin hören müssen . Dagstanden bin ich , daß mich dös Weib nur allweil so angschaut hat . Was ich hören hab müssen , is mehr , als ich verbeißen kann . Wann keiner net eintritt für den unschuldigen Menschen , so weiß vielleicht ich den richtigen Weg . « » Aber Mali ! « stammelte der Bauer . » Bist denn verruckt ? « » Meinst vielleicht , ich kann mir net denken , wer dös gottvergessene Gred in Umlauf bringt ? Und wer beim Grafen allweil ghetzt hat , bis er im Zorn nimmer gwußt hat , was er tut ? Natürlich ! Ich kann ' s begreifen , daß der ander kein ruhigs Stündl nimmer gfunden hat , bis der Franzl net draußen war . Viel Gwissen hat er net , der ander ! Aber a bißl ebbes muß sich doch rühren in ihm . Da kann ich mir denken , was er für Zeiten ghabt hat die ganzen Jahr her : Tag für Tag mit ' m Franzl bei der Schüssel sitzen müssen , neben ihm liegen in jeder Nacht , allweil dös Gsicht vor Augen haben , dös er am liebsten vergessen möcht ! « Mali verstummte und sah den Bruder an , der mit schlaff hängenden Armen an der Mauer lehnte und ins Feuer starrte . Schwer atmend wandte das Mädel sich ab . » Den andern hab ich gmeint . Und dich hab ich troffen . Ich sieh ' s ja ein : Mein Glück muß an End haben , noch eh ' s an Anfang ghabt hat . Was liegt an mir ! Aber er , Lenzi ! Den unschuldigen Menschen därf man doch net z ' Grund gehen lassen unterm Schipper seine Händ ! Dös mußt dir doch selber sagen : daß da was gschehen muß ! Unser Herrgott wird wohl so viel Verstand haben , daß er mir an Rat schickt ! « Sie fuhr sich mit den Fäusten über die Augen , trat zum Herd und faßte den Stiel der Pfanne , aus der mit dickem Dampf ein verdächtiger Brandgeruch herausquoll . » Jetzt geh in d ' Stuben eini zu die Kinder ! Ich bring dir ' s Essen . « Langsam richtete der Bauer sich auf und sagte mit erloschener Stimme : » Mir is der Appetit vergangen . « Er griff nach der Türklinke . » Wann dir ebbes einfalt , was dem Franzl helfen kann - ich leg dir kein Hindernis in Weg . Soll ' s ausfallen , wie ' s mag ! Mehr als z ' Grund gehn kann ich net . Hätt ich gschwiegen und alles laufen lassen ! Es wär besser gewesen . Dir hab ich ' s Leben verpatzt , und in mir is , seit ich gredt hab , der Teufel wieder lebendig , der mein guts Weib selig durch soviel Jahr fest anbunden hat mit eiserne Strick ! Ich spür ' s , jetzt frißt er mich auf mit Haut und Haar ! « Schweren Schrittes ging Bruckner aus der Küche ; vor der Stubentür strich er mit dem Ärmel über das Gesicht , als möchte er von seiner Stirn löschen , was die Augen seiner Kinde nicht sehen sollten . Als er eintrat , sprangen ihm sein Bub und sein kleines Mädel jubelnd entgegen , während das Netterl , das im Schlitzhemdl auf der Erde saß , lallend die Ärmchen nach ihm streckte . 4 An jedem Morgen in diesen vergangenen Tagen hatte Willy den Vater an das in einer schwachen Minute gegebene Versprechen erinnert : an den » Besuch bei unserer kleinen Schmalgeiß « . Graf Egge verschob den Abstieg nach Hubertus von einem Morgen zum Abend , von jedem Abend zum andern Morgen . Immer wieder hielt ihn ein Gemsbock fest , den Schipper mit dem Tubus ausfindig machte , oder ein starker Hirsch , dessen Wechsel bestätigt wurde . Und Graf Egge zeigte sich um so hartnäckiger in seiner Ausdauer , je weniger ihm in diesen Tagen die Gunst des grünen Heiligen lächeln wollte . Jedes Treiben mißlang , jeder Pirschgang mißglückte . Schipper hatte dabei einen bösen Stand . Doch je übler Graf Egge mit ihm umsprang , desto aufmerksamer bediente er seinen Herrn , schmierte ihm die Bergschuhe tadelloser als je , behandelte seine Gewehre wie ein Goldarbeiter den Filigranschmuck und lief sich die Füße krumm in dem Bestreben , das gewandelte Jagdglück seines Herrn wieder auf bessere Wege zu bringen . Dennoch wollte Graf Egges Laune nicht besser werden . Von Tassilo hatte man während dieser Tage in der Hütte mit keiner Silbe gesprochen . Ein einziges Mal hatte Willy versucht , dieses Thema zu berühren , um auf die Stimmung des Vaters günstig zu wirken . Graf Egge war ihm mit zorniger Schärfe ins Wort gefallen : » Davon schweig ' ! Oder es hat ein Ende mit unserer Freundschaft ! « Wütend war er aus der Stube gegangen und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen . Eine Stunde später , als Willy verdrossen hinter der Hütte auf dem Brunnen saß , kam der Vater und drückte ihm einen kleinen , sorgfältig in Papier gewickelten Gegenstand in die Hand . » Nimm , Junge , das schenk ' ich dir ! Es sind meine schönsten ! « Lächelnd blieb er vor Willy stehen , um die Wirkung des Geschenkes zu beobachten . Es waren zwei Hirschgranen von selten dunkler Färbung ; Graf trug sie seit Jahren in der Geldbörse , um sie gleich bei der Hand zu haben , wenn in seinem Jägerherzen die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte . Willy war von diesem Geschenk mehr verblüfft als freudig überrascht ; die beiden Beinstückchen hatten für ihn einen höchst zweifelhaften Wert ; doch er wußte , daß dieses Granenpaar in der Schätzung seines Vaters höherstand als ein paar der kostbarsten Edelsteine . » Aber Papa ! « sagte er halb verlegen und halb gerührt . » Das kann ich wahrhaftig nicht annehmen . Ich weiß doch , wie schwer du dich von diesen Granen trennst . « » Ja , Junge , es sind die besten , die ich zu verschenken habe . Aber nimm sie nur ! Dir geb ich sie gern . Dich hab ' ich lieb ! « Mit beiden Händen griff er in Willys Haar und zog ihm sacht den Kopf hin und her . » Vergiß das dumme Wort von vorhin , aber tu mir den Gefallen und laß die andere Geschichte begraben sein . Ich hab ' s hinuntergewürgt und will Ruhe haben . Mach ' du mir Freude , und alles ist ausgeglichen . « Er küßte den Sohn auf beide Wangen , nickte ihm lachend zu und trat in die Hütte . Ein bißchen konsterniert über den ungewohnten Zärtlichkeitsausbruch , sah Willy dem Vater nach und steckte die Granen zu dem Rubin in die Westentasche . Er machte auch keinen Versuch mehr , von » der anderen Geschichte « zu sprechen . Im stillen schmiedete er allerlei Pläne . Als er den Bruder ins Vertrauen ziehen wollte , erfuhr er eine kühle Abweisung . » Ich mische mich nicht in diesen Quark , « sagte Robert , » und rate dir , das gleiche zu tun . Laß den Narren seiner Wege gehen und sei froh , daß du selbst beim Vater schön Kind bist ! « Willy erwiderte gereizt , und die Sache endete zwischen den Brüdern mit verletzenden Worten . Nun baute Willy seine ganze Hoffnung auf die Hilfe Kittys . Was ihm selbst nicht gelungen war , das mußte der Schwester gelingen . Willy sah , daß der Vater auch in der übelsten Laune dieser Tage einen freundlicheren Ton anschlug , sobald die Sprache auf die » kleine Schmalgeiß « kam . Und den Verlust des Adlers hatte er ihr so flink verziehen , daß Moser , der Kittys Brief gebracht hatte und das Märchen von der im Flug geschossenen Krähe erzählte , mit einem gelinden » Wischer « davonkam . So ließ nun Willy keinen Tag vergehen , ohne dem Vater die Sehnsucht , die Kitty nach ihm empfände , in den wärmsten Farben zu schildern . » Ja , Junge , « pflegte die Antwort zu lauten , » nur noch diesen letzten Trieb und morgen die Frühpirsch . Dann gehen wir ! « Am 1. September kam Graf Egge gegen Mittag in die Hütte zurück , mit Zorn geladen wie eine Kartätsche . Auf einen » Kapitalbock « hatte ihm die Patrone versagt , und der zweite Schuß , den er im Ärger der flüchtig gewordenen Gemse nachschickte , war ihm » zu kurz « geraten und hatte den Bock weidwund getroffen . Willy suchte den Vater zu beschwichtigen . Das wollte ihm fast gelingen . Da kam Schipper , der die Unglückspatrone geladen hatte , mit Robert von der Pirsche zurück und brachte zu allem Unheil noch die Meldung , daß seinem Schützen ein Doppelschuß auf einen Zehner- und Sechserhirsch gelungen wäre . Nun ging das Gewitter wieder los , und über das gebeugte Haupt des Büchsenspanners prasselte eine Litanei von Schimpfworten nieder . Schipper wartete das Ende dieses Ergusses nicht ab , sondern packte seine Büchse und rannte davon , um den angeschossenen Bock zu suchen . » Natürlich , jetzt kann er rennen ! « schrie Graf Egge hinter ihm her . » Aber wenn er den Bock nicht bringt , soll ihn der Teufel holen , der schon lange auf ihn wartet ! Ich möchte nur wissen , für was ich den Kerl bezahle ? Meine verläßlichen Leute beißt er mir hinaus , und er selber ist ein Jäger , daß Gott erbarm ! Nicht einmal eine Patrone kann er laden ! Der Kerl ist nur zu gebrauchen , wenn es eine Schweinerei zu vertuscheln gilt . So ein Aasgräber ! Pfui Teufel ! « Während Graf Egge mit solchen Sentenzen und mit dem krachenden Hall seiner Faustschläge die Stube erfüllte , hatte Robert sich auf den Heuboden verzogen , um den durch die Pirsch versäumten Schlummer nachzuholen . Willy fungierte unterdessen beim Vater als Beschwichtigungsrat . Doch als sich Graf Egge über Schipper müde gescholten hatte , kam Robert an die Reihe . » Einen Sechserhirsch niederbrennen ! Unerhört ! Als ob er an dem Zehner nicht genug gehabt hätte ! Natürlich ! So maßlos wie am Spieltisch treibt er es auch auf der Jagd . Aber eh ich mir mein Revier ruinieren lasse , schieb ich einen Riegel vor ! « Der Klang dieser Worte drang durch die Decke zum Heuboden hinauf , ohne Robert in seinem beginnenden Schlummer zu stören . An dieses zweite Kapitel seines Zornes fügte Graf Egge eine Jeremiade über das Jagdpech dieser letzten Tage . » Da könnte man wirklich abergläubisch werden ! Es ist gerade , als ob ein Fluch auf meiner Büchse läge , seit - « Die nähere Zeitbestimmung verschluckte er . » Du hast recht , Papa , « fiel Willy ein , diese Wendung zugunsten seiner Pläne benützend , » du bist in einem ganz schauderösen Pech ! Das läßt sich mit Gewalt nicht ändern . Das beste Mittel ist immer , ein paar Tage aussetzen . « Er legte den Arm um den Hals des Vaters . » Es wäre das beste , uns augenblicklich auf die Socken zu machen . Du gehst deinem Pech aus dem Weg , und unserer kleinen Geiß machst du eine Freude . Wir wollen dir drunten die Langweil schon vertreiben ! Jeden Nachmittag schießen wir auf Tontauben , und die kleine Geiß muß sich einüben auf den laufenden Hirsch . Ich wette , sie flickt ihm eins aufs Blatt ! Sie müßte deine Tochter nicht sein ! « Graf Egge lächelte und faßte den Sohn an dem Haarschopf , der ihm in die Stirn hing . » Ja , Bub , recht hast ! « sagte er in seinem breitesten Dialekt . » Mach ' dich fertig und fahr ' in die Schuh ! Weck ' den Lappschwanz da droben ! Oder wenn ihm von der Pirsch die Knie schnackeln , soll er liegenbleiben . Ich geh mit dir , ich brauch ' keinen andern ! Und durchs Hochholz nunter mach ' ich eine Pirsch mit dir . Da drunten stehen um die Mittagszeit die guten Hirsch gern umeinander . Nimm dein Büchsl ! Ich laß das meine in der Hütt , damit ich net in Versuchung komm , wenn ein Hirsch vor uns aufspringt . Ich will dir eine Freud ' machen . Drum geh ich lieber mit dem Stecken . Weißt du , ich kenn ' mich ! « Lachend holte er Willys Bergschuhe unter dem Ofen hervor und stellte sie ihm vor die Füße . Als Willy für die Wanderung fertig war , kletterte er auf den Heuboden und weckte den Bruder . Graf Egge wollte sich nicht gedulden , bis Robert mit seiner umtändlichen Toilette zu Ende käme . Das Gewehr in der Hand , faßte er Willy am Fuß der Leiter ab . » Komm nur , da hab ' ich schon dein Büchsl ! Der ander wird den Weg auch allein finden . « Von der Hand des Vaters fortgezogen , stolperte Willy über die Schwelle und nahm , da er sich zu bücken vergaß , noch eine schmerzliche Erinnerung an das » Palais Dippel « mit auf den Weg . Bei der Wanderung durch das Latschenfeld und über die Almgehänge war Graf Egge in gemütlichster Laune , erzählte lustige Jagdgeschichten , amüsierte sich auf Kosten Roberts und schilderte mit drolliger Ironie das bestürzte Gesicht , das Schipper machen würde , wenn er von der Nachsuche zurückkäme und die Hütte leer fände . Doch mit dem ersten Schritt in den schattendunklen Hochwald verwandelte sich seine gesprächige Laune in schweigsamen Ernst . Er selbst lud Willys Büchse , nachdem er die beiden Patronen einer genauen Musterung unterzogen hatte . » So ! Jetzt nimm deine Tapper in acht und halt die Gucker offen ! « Lautlos pirschten sie über den weichen Moosgrund , voran Graf Egge , der in dem pfadlosen Wald jeden Baum zu kennen schien . Als sie eine lehmige Furche überschritten , deutete er zu Boden und flüsterte : » Da spürt sich einer ganz frisch , ein guter ! Mach ' die Büchs fertig ! « Immer leiser wurde seine Stimme , während er Willy für den Fall , daß sie den Hirsch anträfen , ein Dutzend Verhaltungsmaßregeln vordozierte : » Und vor allem : nicht zu hitzig , laß dir Zeit , fahr langsam von unten auf , und wenn du Rot vor dem Korn hast , zieh ruhig ab ! « Vorsichtig pirschten sie weiter und überstiegen einen moosigen Grat . Kaum hatten sie die Höhe erreicht , da duckte sich Graf Egge und lispelte : » Dort sitzt er ! Siehst du ihn ? « Willy spannte den Hahn und hob die Büchse . Der Hirsch hatte schon das Haupt aufgeworfen und sprang aus dem Lager . Willy verlor die Ruhe nicht , sondern zielte mit Beobachtung aller guten Lehren , die er soeben gehört hatte . Schon sah er » Rot vor dem Korn « und wollte drücken . Da fuhren plötzlich zwei Hände nach seiner Büchse . » Gib her ! Du fehlst ihn ja doch ! « Mit diesen Worten entriß ihm der Vater die Waffe , und ehe Willy sich von seiner Verblüffung erholen konnte , krachte der Schuß . Im Feuer brach der Hirsch zusammen . Mit einem Jauchzer ließ Graf Egge die rauchende Büchse sinken , schwang sein mürbes Hütl und lachte : » Ja , Bub , recht hast du g ' habt ! Droben hab ' ich meinem Pech davonlaufen müssen , damit ich da herunten mein Glück wiederfind ! « » So ? « schmollte Willy . » Ich war der Meinung , du wolltest mir ein Vergnügen machen . « » Richtig ! « Graf Egge lachte . » Es ist mir in die Hände gefahren , ich weiß nicht wie . Aber sei nicht bös ! Ein andermal also ! Komm ! Jetzt sollst du wenigstens lernen , wie man einen Hirsch weidgerecht aufbricht ! « Willy fand ein zweifelhaftes Vergnügen an dieser blutigen Lektion , doch er wollte dem Vater die Laune nicht verderben , wollte ihn bei gutem Humor nach Hubertus bringen . So fügte er sich . Fast eine Stunde dauerte der Unterricht . Als sie den Hirsch mit Fichtenzweigen bedeckt und am Moos die Hände gesäubert hatten , blickte Graf Egge , da sie sich schon zum Niederstieg anschicken wollten , lauschend durch den Wald hinauf . Man hörte Steine rollen , einen Bergstock klirren . Schipper kam durch den Wald heruntergesprungen . Bleich , atemlos , von Schweiß überronnen , blieb er vor seinem Herrn stehen und zog den Hut . » Was willst du ? Ach so , du hast wohl den Schuß gehört ? Du bist prompt am Fleck . Das gefällt mir . « » Da liegt er ja , ich gratulier , Herr Graf ! « Mühsam rang der Jäger nach Atem . » Ohne den Schuß hätt ich a schweres Suchen nach Ihnen ghabt . Ich bring gute Botschaft . Ihren Gamsbock hab ich . Aber dös is noch lang net ' s Wichtigste ! Wie ich auf ' m Heimweg unterm Schneelahner vorbeikomm , steht a Rehbock droben . Am ersten Blick schon , da hat mir ' s Gwichtl so gspassig in d ' Augen blitzt , und wie ich ' s Spektiv aufzieh , hab ich gmeint , ich muß aus der Haut fahren ! So was von Abnormität haben S ' noch net in Ihrer Sammlung ! Fünf Stangen hat der Bock droben . « » Alle Wetter ! « stammelte Graf Egge , während dunkle Röte sein Gesicht überfloß . » Und den Bock schießen S ' , da garantier ich ! « Zitternde Erregung befiel den Grafen . » Ich dank dir , Schipper ! Schau dich um Leute um , die den Hirsch heimliefern , ich steig einstweilen hinauf zur Hütte ! « » Aber Papa ! « fiel Willy mit der Miene eines schwer Gekränkten ein . » Den Hirsch hast du mir weggeschossen - ich hab ' ihn dir ja von Herzen gegönnt - aber jetzt halte mir wenigstens dein anderes Versprechen . Der Bock läuft dir ja nicht davon . Aber ich und die Schmalgeiß - « » Das verstehst du nicht . « » Ich bitte dich , laß den Bock und komm mit mir hinunter nach Hubertus ! Tu es mir zuliebe ! « » Ja , Junge , alles andere ! Aber - « » Papa , ich bitte dich ! « Graf Egge wurde ungeduldig . » Einen solchen Bock kann ich nicht auslassen . So viel Jäger solltest du sein , um das begreifen zu können . Jetzt bin ich wieder im Glück . In zwei Pirschen hab ' ich ihn . Dann komm ich , darauf hast du mein Wort ! Also sei zufrieden , geh gemütlich nach Haus und grüß ' mir einstweilen die kleine Geiß ! Morgen abend bin ich bei dir . Auf Wiedersehen ! « Ohne Willys Antwort abzuwarten , faßte er den Bergstock mitsamt der Büchse seines Sohnes und stieg durch den Wald hinauf , während Schipper davoneilte , um auf der nächsten Alm ein paar Leute zu requirieren . Mit trauernden Augen sah Willy dem Vater nach . Es war nicht Ärger , was er empfand . Ein seltsames Schmerzempfinden füllte ihm das Herz , und die Kehle war ihm wie zugeschnürt . » Was hab ' ich denn nur ? « Eine Weile noch sah er auf die grünen Reiser nieder , unter denen der Hirsch so gut verborgen lag , daß nur ein paar Enden des Geweihes hervorragten ; dann rückte er den Hut und suchte den Heimweg . Lange irrte er im Wald umher , bis es ihm gelang , den talabwärts führenden Pfad zu finden . Dabei war er müde geworden . Während des Niederstieges rastete er häufig ; auch bei der Buche mit dem Marterl . Während er im Schatten der Äste saß , von denen lautlos die welken Blätter niederfielen , beschlich ihn ein quälendes Unbehagen . » Ach , Unsinn ! « murrte er vor sich hin und erhob sich . » Ich weiß doch , wie er ist . Und er wird auch nimmer anders . « Mittag war vorüber , als er das Dorf erreichte . Verdrossen dankte er den Leuten , die ihn grüßten . Am Zaunerhaus ging er vorüber , ohne zu merken , wo er sich befand . Als er die Ecke des Gärtchens erreichte , fühlte er einen leichten Schlag an der Wange , sah eine rote Nelke über seine Schulter fallen und hörte hinter den Johannisbeerstauden ein leises Kichern . Er lächelte und wollte auf den Zaun zutreten . Da war ihm plötzlich , als stünde sein Bruder Tassilo vor ihm und sähe ihn mit ernsten Augen an , wie vor Tagen da droben in der Bergschlucht . » Wort halten ! « Er schleuderte mit dem Fuß die Nelke in den Straßengraben und ging seiner Wege . Als er an die Parkmauer kam , blieb er stehen und sah sich um . » Eigentlich war das von mir eine überflüssige Flegelei ! « dachte er . » Ich hätt ' ihr ein paar harmlose Worte sagen und dann gehen können . Aber na , jetzt hat die Geschichte ein Ende ! Tas wird lachen , wenn ich ihm das erzähle . « Beim Eintritt in die Ulmenallee klang ihm vom Adlerkäfig ein wildes Geflatter entgegen . Er achtete nicht darauf . Auch sah er am Ausgang der Allee die Schwester erscheinen , die ihm entgegeneilte , als hätte sie um sein Kommen gewußt und hätte ihn mit Ungeduld erwartet . Sie warf sich an seinen Hals und küßte ihn . Dann fragte sie zögernd : » Wo ist Papa ? « » Droben ! Er will morgen abend kommen . Das heißt , wer ' s glaubt . Ich nicht . « » Morgen abend ? « wiederholte Kitty erregt . » Aber sag ' mir , was ist zwischen ihm und Robert vorgefallen ? « » Warum ? « » Robert ist vor einer halben Stunde heimgekommen wie ein beleidigter Olympier , hat sich umgekleidet und ist davongeritten . « » Papa hat ihn etwas unfair behandelt . Mich hat er zwar auch gehörig aufsitzen lassen , aber das ist Nebensache . Weißt du schon , was mit Tas geschehen ist ? « » Alles ! « sagte Kitty mit heißen Wangen . » Und sag ' es mir lieber gleich : bist du für oder gegen ihn ? « » Für ihn , natürlich ! « Kitty belohnte ihn mit einem Kuß . » Das hab ' ich von dir erwartet . Komm ins Haus ! Tas hat mir einen Brief für dich übergeben . Den mußt du augenblicklich lesen . Und dann sprechen wir weiter . Fünf Minuten laß ich dir Zeit , um dich umzukleiden . Komm ! « Mit ungeduldiger Hast zog sie ihn gegen die Veranda . » Wie geht es Tante Gundi ? « » Besser , Gott sei Dank ! Sie trägt zwar den Arm noch im Verband , aber sie ist heut schon mit mir ausgefahren und hat herunten diniert . Und jetzt , Willy , sag ' ich dir was : Diese üblichen Scherze mit Tante Gundi müssen ein Ende haben ! Ich dulde nicht mehr , daß sie nur im geringsten verletzt wird . Sie ist eine goldene Person ! « Das erklärte Kitty mit so leidenschaftlicher Energie , daß der Bruder sie verwundert betrachtete . » Komm nur ! « Im Korridor rief sie den Diener und befahl , ihrem Bruder das Diner in seinem Zimmer nachzuservieren ; dann flog sie über die Treppe hinauf . Die fünf Minuten waren noch nicht vergangen , als sie schon an Willys Tür pochte . » Kann man eintreten ? « » Nur los ! « klang die Antwort . » Aber viel umsehen darfst du dich nicht . « Die Warnung hatte ihre Gründe . In dem Zimmer herrschte eine greuliche Unordnung . Vor dem übel zugerichteten Waschtisch lagen alle Stücke des Jagdgewandes auf dem Boden , der eine Bergschuh stand mitten im Zimmer , der andere unter dem Tisch , auf dem Bett lag der Uniformrock über dem Bergstock , aus dem offen stehenden Kleiderschrank hing ein Beinkleid auf die Dielen heraus , in der halb aufgezogenen Lade einer Kommode war die frische Wäsche durcheinandergeworfen , und auf der Marmorplatte des Nachttisches bildeten Zigarrentasche , Jagdmesser , Uhr und Börse ein Stilleben mit dem silbernen Leuchter , in dessen Schale der Rubin und die beiden Hirschgranen lagen . Hinter dem Tisch saß Willy in blauer Soldatenhose und weißem Seidenhemd auf dem Sofa und hielt seine verspätete Mahlzeit . Kitty hatte , als sie das Zimmer betrat , einen gelinden Schauder zu überwinden . » Ach du lieber Gott ! Willy ! « » Na , falle nur nicht in Ohnmacht ! « meinte der Bruder , ohne seine Auseinandersetzung mit dem Hirschbraten zu unterbrechen . » Fritz wird Ordnung machen . Komm her und schieß los ! « Sie gab ihm Tassilos Brief , und während Willy zu lesen begann , beobachtete sie gespannt sein Gesicht ; er schien gerührt zu sein , und tiefe Bewegung sprach aus seiner Stimme , als er , den Brief zusammenfaltend , sagte : » Unser Tas ist ein herzensguter Kerl ! « » Darf ich lesen ? « fragte Kitty . Verlegen schob Willy den Brief in die Hosentasche . » Nein , Maus ! Tas hat da auch von militärischen Angelegenheiten geschrieben . « Um über die Sache hinwegzugleiten , fragte er , wie Tassilo von der Jagdhütte zurückgekommen wäre , und was die Schwester über den » Krach mit Papa « erfahren hätte . In heißem Eifer erzählte Kitty von Tassilos Abreise , von jenem Nachmittag , an dem sie das » große Geheimnis « erfahren , und von ihrem Besuch bei Anna Herwegh . » Tas muß wahnsinnig glücklich werden ! « » Ich gönn ' ihm sein Glück von Herzen . Er hat recht , daß er dafür durch dick und dünn geht . Glück , weißt du , das ist eine schöne Sache . Besonders , wenn es das echte ist ! Die wahre Blume ! Freilich , der arme Kerl wird auch die Dornen spüren . Aus dem Klatsch der Leute braucht er sich wenig zu machen . Aber der Bruch mit Papa wird ihm wie ein Stein auf der Seele liegen . « Willy Griff nach der Obstschale und knackte eine Krachmandel auf . » Papa hat ja gewiß seine Eigenheiten ! Aber Kind ist Kind . Und Tas hängt an ihm wie wir alle - Robert ausgenommen , der sich an Papa nur erinnert , wenn er Ursache hat , ihn zu schröpfen . « Die zweite Mandel krachte . » Wenn es einen Menschen gibt , der an dem Bruch zwischen Tas und Papa seine heimliche Freude hat , so ist es Robert . Aber wir beide , du und ich , wir wollen ihm einen Strich durch die abscheuliche Rechnung machen . Wir halten zusammen , Maus ! « » Ja ! Und fest ! « Sie klammerte sich an seinen Arm . » Das wollen wir sofort beweisen ! « » Was meinst du damit ? « » Du hast wohl keine Ahnung , wann Tas und Anna sich trauen lassen ? « » Davon hat er keine Silbe geschrieben . « » Ich weiß es ! « flüsterte sie mit blassem Gesicht . » Er hat es auch vor mir verheimlicht . Aber es schoß mir gleich ein Verdacht durch den Kopf , als ich erfuhr , daß Herr Forbeck so plötzlich abreisen mußte . « » Herr Forbeck ? Wer ist das ? « Purpurne Röte huschte über Kittys Wangen . » Ich kann dir das nicht so genau erklären . Aber damit du das Nötigste weißt : Herr Forbeck ist ein junger Künstler aus München . Sehr begabt ! Hat eine glänzende Zukunft ! Tas und Forbeck