sehr schwer , sich ohne Gesellschaft zu behelfen . « » Ohne Kind auch . Und dann glaube mir , Luise , die Gesellschaft , wenn sie nur will , kann auch ein Auge zudrücken . Und ich stehe so zu der Sache : kommen die Rathenower , so ist es gut , und kommen sie nicht , so ist es auch gut . Ich werde ganz einfach telegraphieren : Effi , komm . Bist du einverstanden ? « Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die Stirn . » Natürlich bin ich ' s. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen . Ein leichter Schritt ist es nicht . Und unser Leben wird von Stund an ein anderes . « » Ich kann ' s aushalten . Der Raps steht gut , und im Herbst kann ich einen Hasen hetzen . Und der Rotwein schmeckt mir noch . Und wenn ich das Kind erst wieder im Hause habe , dann schmeckt er mir noch besser ... Und nun will ich das Telegramm schicken . « Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen ; sie bewohnte die beiden Zimmer im ersten Stock , die sie schon früher , wenn sie zu Besuch da war , bewohnt hatte ; das größere war für sie persönlich hergerichtet , nebenan schlief Roswitha . Was Rummschüttel von diesem Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte , das hatte sich auch erfüllt , soweit sich ' s erfüllen konnte . Das Hüsteln ließ nach , der herbe Zug , der das so gütige Gesicht um ein gut Teil seines Liebreizes gebracht hatte , schwand wieder hin , und es kamen Tage , wo sie wieder lachen konnte . Von Kessin und allem , was da zurücklag , wurde wenig gesprochen , mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden und natürlich von Gieshübler , für den der alte Briest eine lebhafte Vorliebe hatte . » Dieser Alonzo , dieser Preciosa-Spanier , der einen Mirambo beherbergt und eine Trippelli großzieht - ja , das muß ein Genie sein , das laß ich mir nicht ausreden . « Und dann mußte sich Effi bequemen , ihm den ganzen Gieshübler , mit dem Hut in der Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen , vorzuspielen , was sie , bei dem ihr eigenen Nachahmungstalent , sehr gut konnte , trotzdem aber ungern tat , weil sie ' s allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben Menschen empfand . - Von Innstetten und Annie war nie die Rede , wiewohl feststand , daß Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen würde . Ja , Effi lebte wieder auf , und die Mama , die , nach Frauenart , nicht ganz abgeneigt war , die ganze Sache , so schmerzlich sie blieb , als einen interessanten Fall anzusehen , wetteiferte mit ihrem Manne in Liebes-und Aufmerksamkeitsbezeugungen . » Solchen guten Winter haben wir lange nicht gehabt « , sagte Briest . Und dann erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche Haar aus der Stirn . Aber so schön das alles war , auf Effis Gesundheit hin angesehen , war es doch alles nur Schein , in Wahrheit ging die Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf . Wenn Effi - die wieder wie damals an ihrem Verlobungstage mit Innstetten , ein blau und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel trug - rasch und elastisch auf die Eltern zutrat , um ihnen einen guten Morgen zu bieten , so sahen sich diese freudig verwundert an , freudig verwundert , aber doch auch wehmütig , weil ihnen nicht entgehen konnte , daß es nicht die helle Jugend , sondern eine Verklärtheit war , was der schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentümlichen Ausdruck gab . Alle , die schärfer zusahen , sahen dies , nur Effi selbst sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle , wieder an dieser für sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein , in Versöhnung mit denen , die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt worden war , auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung . Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaflichem und sorgte für Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt . Ihr Sinn für das Schöne ließ sie darin immer das Richtige treffen . Lesen aber und vor allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben . » Ich habe davon so viel gehabt , daß ich froh bin , die Hände in den Schoß legen zu können . « Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre traurigen Tage . Sie bildete statt dessen die Kunst aus , still und entzückt auf die Natur zu blicken , und wenn das Laub von den Platanen fiel , wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell aufblühten - das tat ihr wohl , und auf all das konnte sie stundenlang blicken und dabei vergessen , was ihr das Leben versagt oder , richtiger wohl , um was sie sich selbst gebracht hatte . Besuch blieb nicht ganz aus , nicht alle stellten sich gegen sie ; ihren Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre . Daß im Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren , schadete nicht viel , es würde nicht mehr so recht gegangen sein ; aber zu Jahnke selbst - der nicht bloß ganz Schwedisch-Pommern , sondern auch die Kessiner Gegend als Skandinavisches Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen stellte - , zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je . » Ja , Jahnke , wir hatten ein Dampfschiff , und wie ich Ihnen , glaub ich , schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzählt habe , beinahe wär ich wirklich rüber nach Wisby gekommen . Denken Sie sich , beinahe nach Wisby . Es ist komisch , aber ich kann eigentlich von vielem in meinem Leben sagen beinah . « » Schade , schade « , sagte Jahnke . » Ja , freilich schade . Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren . Und das wäre so was für Sie gewesen , Jahnke . Denken Sie sich , Arkona mit einem großen Wenden-Lagerplatz , der noch sichtbar sein soll ; denn ich bin nicht hingekommen ; aber nicht allzu weit davon ist der Herthasee mit weißen und gelben Mummeln . Ich habe da viel an Ihre Hertha denken müssen ... « » Nun , ja , ja , Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee sprechen ... « » Ja , das wollt ich ... Und denken Sie sich , Jahnke , dicht an dem See standen zwei große Opfersteine , blank und noch die Rinnen drin , in denen vordem das Blut ablief . Ich habe von der Zeit an einen Widerwillen gegen die Wenden . « » Ach , gnäd ' ge Frau verzeihen . Aber das waren ja keine Wenden . Das mit den Opfersteinen und mit dem Herthasee , das war ja schon wieder viel , viel früher , ganz vor Christum natum ; reine Germanen , von denen wir alle abstammen ... « » Versteht sich « , lachte Effi , » von denen wir alle abstammen , die Jahnkes gewiß und vielleicht auch die Briests . « Und dann ließ sie Rügen und den Herthasee fallen und fragte nach seinen Enkeln , und welche ihm lieber wären , die von Bertha oder die von Hertha . Ja , Effi stand gut zu Jahnke . Aber trotz seiner intimen Stellung zu Herthasee , Skandinavien und Wisby war er doch nur ein einfacher Mann , und so konnte es nicht wohl ausbleiben , daß der vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber waren . Im Herbst , solange sich im Parke promenieren ließ , hatte sie denn auch die Hülle und Fülle davon ; mit dem Eintreten des Winters aber kam eine mehrmonatliche Unterbrechung , weil sie das Predigerhaus selbst nicht gern betrat ; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an , trotzdem sie , nach Ansicht der Gemeinde , selber nicht ganz einwandsfrei war . Das ging so den ganzen Winter durch , sehr zu Effis Leidwesen . Als dann aber , Anfang April , die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die Parkwege rasch abtrockneten , da wurden auch die Spaziergänge wieder aufgenommen . Einmal gingen sie auch wieder so . Von fern her hörte man den Kuckuck , und Effi zählte , wie viele Male er rief . Sie hatte sich an Niemeyers Arm gehängt und sagte : » Ja , da ruft der Kuckuck . Ich mag ihn nicht befragen . Sagen Sie , Freund , was halten Sie vom Leben ? « » Ach , liebe Effi , mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen . Da mußt du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben an eine Fakultät machen . Was ich vom Leben halte ? Viel und wenig . Mitunter ist es recht viel und mitunter ist es recht wenig . « » Das ist recht , Freund , das gefällt mir ; mehr brauch ich nicht zu wissen . « Und als sie das so sagte , waren sie bis an die Schaukel gekommen . Sie sprang hinauf , mit einer Behendigkeit wie in ihren jüngsten Mädchentagen , und ehe sich noch der Alte , der ihr zusah , von seinem halben Schreck erholen konnte , huckte sie schon zwischen den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung . Ein paar Sekunden noch , und sie flog durch die Luft , und bloß mit einer Hand sich haltend , riß sie mit der andern ein kleines Seidentuch von Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut . Dann ließ sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder Niemeyers Arm . » Effi , du bist doch noch immer , wie du früher warst . « » Nein . Ich wollte , es wäre so . Aber es liegt ganz zurück , und ich hab es nur noch einmal versuchen wollen . Ach , wie schön es war , und wie mir die Luft wohltat ; mir war , als flög ich in den Himmel . Ob ich wohl hineinkomme ? Sagen Sie mir ' s , Freund , Sie müssen es wissen . Bitte , bitte ... « Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte : » Ja , Effi , du wirst . « Fünfunddreißigstes Kapitel Effi war den ganzen Tag draußen im Park , weil sie das Luftbedürfnis hatte ; der alte Friesacker Dr. Wiesike war auch einverstanden damit , gab ihr aber in diesem Stücke doch zuviel Freiheit , zu tun , was sie wolle , so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig erkältete : sie wurde fiebrig , hustete viel , und der Doktor , der sonst jeden dritten Tag herüberkam , kam jetzt täglich und war in Verlegenheit , wie er der Sache beikommen solle , denn die Schlaf- und Hustenmittel , nach denen Effi verlangte , konnten ihr des Fiebers halber nicht gegeben werde . » Doktor « , sagte der alte Briest , » was wird aus der Geschichte ? Sie kennen sie ja von klein auf , haben sie geholt . Mir gefällt das alles nicht ; sie nimmt sichtlich ab , und die roten Flecke und der Glanz in den Augen , wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht . Was meinen Sie ? Was wird ? Muß sie sterben ? « Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her . » Das will ich nicht sagen , Herr von Briest . Daß sie so fiebert , gefällt mir nicht . Aber wir werden es schon wieder runterkriegen , dann muß sie nach der Schweiz oder nach Mentone . Reine Luft und freundliche Eindrücke , die das Alte vergessen machen . « » Lethe , Lethe . « » Ja , Lethe « , lächelte Wiesike . » Schade , daß uns die alten Schweden , die Griechen , bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch die Quelle selbst ... « » Oder wenigstens das Rezept dazu ; Wässer werden ja jetzt nachgemacht . Alle Wetter , Wiesike , das wär ein Geschäft , wenn wir hier so ein Sanatorium anlegen könnten : Friesack als Vergessenheitsquelle . Nun , vorläufig wollen wir ' s mit der Riviera versuchen . Mentone ist ja wohl Riviera ? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder schlecht , aber was sein muß , muß sein . Ich werde mit meiner Frau darüber sprechen . « Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung , deren in letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark erwachte Lust , auch mal den Süden zu sehen , seinem Vorschlage zu Hülfe kam . Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen . » Wie gut ihr gegen mich seid . Und ich bin egoistisch genug , ich würde das Opfer auch annehmen , wenn ich mir etwas davon verspräche . Mir steht es aber fest , daß es mir bloß schaden würde . « » Das redest du dir ein , Effi . « » Nein . Ich bin so reizbar geworden ; alles ärgert mich . Nicht hier bei euch . Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege . Aber auf einer Reise , da geht das nicht , da läßt sich das Unangenehme nicht so beiseite tun ; mit dem Schaffner fängt es an , und mit dem Kellner hört es auf . Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle , so wird mir schon ganz heiß . Nein , nein , laßt mich hier . Ich mag nicht mehr weg von Hohen-Cremmen , hier ist meine Stelle . Der Heliotrop unten auf dem Rondell , um die Sonnenuhr herum , ist mir lieber als Mentone . « Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen , und Wiesike , soviel er sich von Italien versprochen hatte , sagte : » Das müssen wir respektieren , denn das sind keine Launen ; solche Kranken haben ein sehr feines Gefühl und wissen , mit merkwürdiger Sicherheit , was ihnen hilft und was nicht . Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und Kellner , das ist doch auch eigentlich ganz richtig , und es gibt keine Luft , die soviel Heilkraft hätte , den Hotelärger ( wenn man sich überhaupt darüber ärgert ) zu balancieren . Also lassen wir sie hier ; wenn es nicht das Beste ist , so ist es gewiß nicht das Schlechteste . « Das bestätigte sich denn auch . Effi erholte sich , nahm um ein geringes wieder zu ( der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern ) und verlor ein gut Teil ihrer Reizbarkeit . Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in einem beständigen Wachsen , und zumal wenn Westwind ging und graues Gewölk am Himmel zog , verbrachte sie viele Stunden im Freien . An solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch , oft eine halbe Meile weit , und setzte sich , wenn sie müde geworden , auf einen Hürdenzaun und sah , in Träume verloren , auf die Ranunkeln und roten Ampferstauden die sich im Winde bewegten . » Du gehst immer so allein « , sagte Frau von Briest . » Unter unseren Leuten bist du sicher ; aber es schleicht auch soviel fremdes Gesindel umher . « Das machte doch einen Eindruck auf Effi , die an Gefahr nie gedacht hatte , und als sie mit Roswitha allein war , sagte sie : » Dich kann ich nicht gut mitnehmen , Roswitha ; du bist zu dick und nicht mehr fest auf den Füßen . « » Nu , gnäd ' ge Frau , so schlimm ist es doch noch nicht . Ich könnte ja doch noch heiraten . « » Natürlich « , lachte Effi . » Das kann man immer noch . Aber weißt du , Roswitha , wenn ich einen Hund hätte , der mich begleitete . Papas Jagdhund hat gar kein Attachement für mich , Jagdhunde sind so dumm , und er rührt sich immer erst , wenn der Jäger oder der Gärtner die Flinte vom Riegel nimmt . Ich muß jetzt oft an Rollo denken . « » Ja « , sagte Roswitha , » so was wie Rollo haben sie hier gar nicht . Aber damit will ich nichts gegen hier gesagt haben . Hohen-Cremmen ist sehr gut . « Es war drei , vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und Roswitha , daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer trat als gewöhnlich . Die Morgensonne , die sehr hell schien , hatte ihn geweckt , und weil er fühlen mochte , daß er nicht wieder einschlafen würde , war er aufgestanden , um sich an eine Arbeit zu machen , die schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte . Nun war es eine Viertelstunde nach acht , und er klingelte . Johanna brachte das Frühstückstablett , auf dem , neben der » Kreuzzeitung « und der » Norddeutschen Allgemeinen « , auch noch zwei Briefe lagen . Er überflog die Adressen und erkannte an der Handschrift , daß der eine vom Minister war . Aber der andere ? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen , und das » Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten « bezeugte eine glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen . Dem entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter . Aber die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau : W. , Keithstraße 1 c , zwei Treppen hoch . Innstetten war Beamter genug , um den Brief von » Exzellenz « zuerst zu erbrechen . » Mein lieber Innstetten ! Ich freue mich , Ihnen mitteilen zu können , daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht haben , und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu . « Innstetten war erfreut über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers , fast mehr als über die Ernennung selbst . Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter anging , so war er seit dem Morgen in Kessin , wo Crampas mit einem Blick , den er immer vor Augen hatte , Abschied von ihm genommen , etwas kritisch gegen derlei Dinge geworden . Er maß seitdem mit anderem Maße , sah alles anders an . Auszeichnung , was war es am Ende ? Mehr als einmal hatte er , während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage , einer halbvergessenen Ministerialanekdote , aus den Zeiten des älteren Ladenberg her , gedenken müssen , der , als er nach langem Warten den Roten Adlerorden empfing , ihn wütend und mit dem Ausrufe beiseite warf : » Da liege , bis du schwarz wirst . « Wahrscheinlich war er dann hinterher auch » schwarz « geworden , aber um viele Tage zu spät und sicherlich ohne rechte Befriedigung für den Empfänger . Alles , was uns Freude machen soll , ist an Zeit und Umstände gebunden , und was uns heute noch beglückt , ist morgen wertlos . Innstetten empfand das tief , und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von oberster Stelle her lag , wenigstens gelegen hatte , so gewiß stand ihm jetzt fest , es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht viel heraus , und das , was man » das Glück « nenne , wenn ' s überhaupt existiere , sei was anderes als dieser Schein . » Das Glück , wenn mir recht ist , liegt in zweierlei : darin , daß man ganz da steht , wo man hingehört ( aber welcher Beamte kann das von sich sagen ) , und zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz Alltäglichen , also darin , daß man ausgeschlafen hat und daß einen die neuen Stiefel nicht drücken . Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen Tages ohne besonderen Ärger vergehen , so läßt sich von einem glücklichen Tage sprechen . « In einer Stimmung , die derlei schmerzlichen Betrachtungen nachhing , war Innstetten auch heute wieder . Er nahm nun den zweiten Brief . Als er ihn gelesen , fuhr er über seine Stirn und empfand schmerzlich , daß es ein Glück gebe , daß er es gehabt , aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben könne . Johanna trat ein und meldete : » Geheimrat Wüllersdorf . « Dieser stand schon auf der Türschwelle . » Gratuliere , Innstetten . « » Ihnen glaub ich ' s ; die anderen werden sich ärgern . Im übrigen ... « » Im übrigen . Sie werden doch in diesem Augenblicke nicht kritteln wollen . « » Nein . Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich und die wohlwollende Gesinnung des Ministers , dem ich das alles verdanke , fast noch mehr . « » Aber ... « » Aber ich habe mich zu freuen verlernt . Wenn ich es einem anderen als Ihnen sagte , so würde solche Rede für redensartlich gelten . Sie aber , Sie finden sich darin zurecht . Sehen Sie sich hier um ; wie leer und öde ist das alles . Wenn die Johanna eintritt , ein sogenanntes Juwel , so wird mir angst und bange . Dieses Sich-in-Szene-Setzen « ( und Innstetten ahmte Johannas Haltung nach ) , » diese halb komische Büstenplastik , die wie mit einem Spezialanspruch auftritt , ich weiß nicht , ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so trist und elend , und es wäre zum Totschießen , wenn es nicht so lächerlich wäre . « » Lieber Innstetten , in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor werden ? « » Ah , bah . Kann es anders sein ? Lesen Sie ; diese Zeilen habe ich eben bekommen . « Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel , amüsierte sich über das » Wohlgeboren « und trat dann ans Fenster , um bequemer lesen zu können . » Gnäd ' ger Herr ! Sie werden sich wohl am Ende wundern , daß ich Ihnen schreibe , aber es ist wegen Rollo . Anniechen hat uns schon voriges Jahr gesagt : Rollo wäre jetzt so faul ; aber das tut hier nichts , er kann hier so faul sein , wie er will , je fauler , je besser . Und die gnäd ' ge Frau möchte es doch so gern . Sie sagt immer , wenn sie ins Luch oder über Feld geht : Ich fürchte mich eigentlich , Roswitha , weil ich da so allein bin ; aber wer soll mich begleiten ? Rollo , ja , das ginge ; der ist mir auch nicht gram . Das ist der Vorteil , daß sich die Tiere nicht so drum kümmern . Das sind die Worte der gnäd ' gen Frau , und weiter will ich nichts sagen und den gnäd ' gen Herrn bloß noch bitten , mein Anniechen zu grüßen . Und auch die Johanna . Von Ihrer treu ergebensten Dienerin Roswitha Gellenhagen « » Ja « , sagte Wüllersdorf , als er das Papier wieder zusammenfaltete , » die ist uns über . « » Finde ich auch . « » Und das ist auch der Grund , daß Ihnen alles andere so fraglich erscheint . « » Sie treffen ' s. Es geht mir schon lange durch den Kopf , und diese schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen gebracht . Es quält mich seit Jahr und Tag schon , und ich möchte aus dieser ganzen Geschichte heraus ; nichts gefällt mir mehr ; je mehr man mich auszeichnet , je mehr fühle ich , daß dies alles nichts ist . Mein Leben ist verpfuscht , und so hab ich mir im stillen ausgedacht , ich müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu tun haben und mein Schulmeistertum , was ja wohl mein Eigentlichstes ist , als ein höherer Sittendirektor verwenden können . Es hat ja dergleichen gegeben . Ich müßte also , wenn ' s ginge , solche schrecklich berühmte Figur werden , wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesen ist , dieser Mirakelmensch , der alle Verbrecher mit seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ... « » Hm , dagegen ist nichts zu sagen ; das würde gehen . « » Nein , es geht auch nicht . Auch das nicht mal . Mir ist eben alles verschlossen . Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen ? Dazu muß man selber intakt sein . Und wenn man ' s nicht mehr ist und selber so was an den Fingerspitzen hat , dann muß man wenigstens vor seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und eine Riesenzerknirschung zum besten geben können . « Wüllersdorf nickte . » ... Nun sehen Sie , Sie nicken . Aber das alles kann ich nicht mehr . Den Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder Fakir , der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt , erst recht nicht . Und da hab ich mir denn , weil das alles nicht geht , als ein Bestes herausgeklügelt : weg von hier , weg und hin unter lauter pechschwarze Kerle , die von Kultur und Ehre nichts wissen . Diese Glücklichen ! Denn gerade das , dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld . Aus Passion , was am Ende gehen möchte , tut man dergleichen nicht . Also bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen .. ! Und da klappt denn einer zusammen , und man klappt selber nach . Bloß noch schlimmer . « » Ach was , Innstetten , das sind Launen , Einfälle . Quer durch Afrika , was soll das heißen ? Das ist für ' nen Leutnant , der Schulden hat . Aber ein Mann wie Sie ! Wollen Sie mit einem roten Fez einem Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa Blutfreundschaft schließen ? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm , mit sechs Löchern oben , am Kongo entlangtasten , bis Sie bei Kamerun oder da herum wieder herauskommen ? Unmöglich ! « » Unmöglich ? Warum ? Und wenn unmöglich , was dann ? « » Einfach hierbleiben und Resignation üben . Wer ist denn unbedrückt ? Wer sagte nicht jeden Tag : eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte . Sie wissen , ich habe auch mein Päckchen zu tragen , nicht gerade das Ihrige , aber nicht viel leichter . Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder in einem Termitenhügel nächtigen ; wer ' s mag , der mag es , aber für unserein ist es nichts . In der Bresche stehen und aushalten , bis man fällt , das ist das beste . Vorher aber im kleinen und kleinsten soviel herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben , wenn die Veilchen blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen . Oder auch wohl nach Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen , wo Kaiser Friedrich liegt und wo sie jetzt eben anfangen , ihm ein Grabhaus zu bauen . Und wenn Sie da stehen , dann überlegen Sie sich das Leben von dem , und wenn Sie dann nicht beruhigt sind , dann ist Ihnen freilich nicht zu helfen . « » Gut , gut . Aber das Jahr ist lang , und jeder einzelne Tag ... und dann der Abend . « » Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden . Da haben wir Sardanapal oder Coppelia mit der dell ' Era , und wenn es damit aus ist , dann haben wir Siechen . Nicht zu verachten . Drei Seidel beruhigen jedesmal . Es gibt immer noch viele , sehr viele , die zu der ganzen Sache nicht anders stehen wie wir , und einer , dem auch viel verquer gegangen war , sagte mir mal : Glauben Sie mir , Wüllersdorf , es geht überhaupt nicht ohne » Hülfskonstruktionen « ! Der das sagte , war ein Baumeister und mußt es also wissen . Und er hatte recht mit seinem Satz . Es vergeht kein Tag , der mich nicht an die Hülfskonstruktionen gemahnte . « Wüllersdorf , als er sich so expektoriert , nahm Hut und Stock . Innstetten aber , der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das » kleine Glück « erinnert haben mochte , nickte halb zustimmend und lächelte vor sich hin . » Und wohin gehen Sie nun , Wüllersdorf ? Es ist noch zu früh für das Ministerium . « » Ich schenk es mir heute ganz . Erst noch eine Stunde Spaziergang am Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück . Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth , Potsdamer Straße , die kleine Holztreppe vorsichtig hinauf . Unten ist ein Blumenladen . « » Und das freut Sie ? Das genügt Ihnen ? « » Das will ich nicht gerade sagen . Aber es hilft ein bißchen . Ich finde da verschiedene Stammgäste , Frühschoppler , deren Namen ich klüglich verschweige . Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor , der andere vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck . Ein bißchen fällt immer ab . Dreiviertel stimmt nicht , aber wenn es nur witzig ist , krittelt