Eins , zwei , drei - Sturm geblasen - Attake getrommelt - - jetzt kann ' s losgehen - freßt euch auf ! - Und haben sich zehntausend , oder je nach dem gesteigerten Heeresstand , hunderttausend Kunsttiger unter gegenseitigem Kampfeswonne-Geheul bei Xdorf aufgefressen , so gibt das die » historisch « zu werden bestimmte Xdorfer Schlacht ; die Händeklatscher versammeln sich alsdann um einen grünen Kongreßtisch in Xstadt , regeln auf der Karte verschobene Grenzmarken , feilschen über Kontributionsbeträge , unterschreiben ein Papier , welches in die Geschichtsjahrbücher als der Xstädter Frieden eingetragen wird ; klatschen abermals dreimal in die Hände und sagen den übriggebliebenen Rot- und Blaujacken : Umarmt euch , Menschenbrüder ! In der Umgebung waren überall Preußen einquartiert , und jetzt sollte auch Grumitz an die Reihe kommen . Obgleich der Waffenstillstand schon in Kraft und der Friede beinahe gesichert war , so hegte die Bevölkerung noch allgemein Angst und Mißtrauen . Die Idee , daß die Pickelhauben-Tiger sie zerreißen würden , wenn sie könnten , war den Leuten nicht so leicht wegzunehmen ; die drei Handschläge von Nikolsburg hatten die Wirkung der drei Handschläge der Kriegserklärung noch nicht aufzuheben vermocht , und nicht ausgereicht , um dem Landvolk in den » Preußen « wieder Menschenbrüder sehen zu machen . Der bloße Namen des gegnerischen Volkes bekommt zu Kriegszeiten eine ganze Schar von hassenswerten Nebenbedeutungen - es ist nicht mehr der Gattungsnamen einer augenblicklich bekriegten Nation , es wird synonym mit » Feind « und faßt allen Abscheu in sich , den dieses Wort ausdrückt . So geschah es , daß die Leute in der Gegend zitterten , wie vor einbrechenden Wölfen , wenn ein preußischer Quartiermeister daher kam , um Unterkunft für einen Truppenteil zu schaffen . Bei Manchen äußerte sich neben der Furcht auch der Haß , und diese wähnten , eine patriotische Pflicht zu erfüllen , wenn sie einem Preußen ' was zu leide thaten - wenn sie aus einem Versteck heraus dem » Feind « eine Flintenkugel sandten . Es war dies öfters vorgekommen , und wenn man den Schuldigen faßte , wurde er ohne viel Umstände hingerichtet . Diese Beispiele bewirkten , daß die Leute ihren Haß verbissen und die einquartierten Soldaten ohne Widerstand aufnahmen . Dann gewahrten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen , daß der » Feind « eigentlich aus lauter gutmütigen , freundlichen und ehrlich zahlenden Mitmenschen bestand . Eines Morgens - es war in den ersten Tagen des August - saß ich im Erker des Bibliothekzimmers und schaute durch die offenen Fenster hinaus . Von hier hatte man einen weiten Fernblick über die Gegend . Mir war ' s , als sähe ich von weitem einen Reitertrupp , der sich auf der Landstraße nach unserer Richtung bewegte . » Preußische Einquartierung « , war mein erster Gedanke . Ich setzte ein im Erker stehendes Fernrohr zurecht und schaute nach dem betreffenden Punkt . Richtig : eine Gruppe von ungefähr zehn Reitern mit wehenden schwarz-weißen Fähnlein an den Lanzenspitzen . Darunter ein Fußgeher - im Jagdanzug . Warum ging der so zwischen den Pferden ? ... Ein Gefangener ? ... Das Glas war nicht scharf genug - ich konnte nicht erkennen , ob der vermeintliche Gefangene nicht etwa einer unserer Forstbeamten war . Doch es hieß , die Schloßbewohner von dem kommenden Verhängnis in Kenntnis setzen . Ich verließ eilig das Bibliothekzimmer , um meinen Vater und Tante Marie aufzusuchen . Ich fand sie beide im Salon : » Die Preußen kommen , die Preußen kommen ! « meldete ich atemlos . Man ist immer froh , eine wichtige Nachricht als Erster mitteilen zu können . » Hol ' sie der Teufel , « war meines Vaters wenig gastliche Äußerung , während Tante Marie das Richtige traf , indem sie sagte : » Ich will sogleich der Frau Walter Befehle zu den nötigen Vorbereitungen geben . « » Und wo ist Otto ? « fragte ich . » Den muß man benachrichtigen und ihn warnen , daß er nicht etwa seinen Preußenhaß leuchten lasse ... daß er mit den Gästen nicht unhöflich sei . « » Otto ist nicht zu Hause , « antwortete mein Vater , » er ist heute früh auf Rebhühner ausgegangen . Du hättest ihn sehen sollen , wie schmuck ihm der Jagdanzug steht ... das wird ein prächtiger Bursch ' - an dem hab ' ich meine Freude . « Indessen wurde es im Hause laut ; man hörte hastige Schritte und aufgeregte Stimmen . » Sie kommen schon , die Windbeutel ! « seufzte mein Vater . Die Thür wurde aufgerissen und Franz , der Kammerdiener , stürzte herein : » Die Preußen , die Preußen ! « rief er in dem Tone , wie man » Feuer , Feuer ! « ruft . » Die werden uns nicht fressen , « bemerkte mein Vater mürrisch . » Aber sie bringen einen mit , « fuhr der Mann mit zitternder Stimme fort , » einen Grumitzer - ich weiß nicht wer - der auf sie geschossen hat - und wer soll auf solches Pack nicht gern schießen ? ... aber der ist verloren . « - Jetzt vernahm man den Laut von Pferdegetrampel mit Stimmengewirr vermengt . Wir traten auf den Flur und schauten durch die nach dem Hof gehenden Fenster . Soeben kamen die Ulanen hereingeritten und in ihrer Mitte - mit trotzigem , bleichem Gesicht - Otto , mein Bruder . Der Vater stieß einen Schrei aus und eilte die Treppe hinab . Mir stand das Herz still . Was da bevorstand , war entsetzlich . Wenn Otto wirklich auf die preußischen Soldaten geschossen hatte - und das sah ihm sehr ähnlich - ... ich vermochte den Fall gar nicht auszudenken ... Dem Vater nachzugehen , fehlte mir der Mut . Trost und Beistand in allen Kümmernissen suchte ich stets nur bei Friedrich . Also raffte ich mich auf , um mich in Friedrichs Zimmer zu begeben . Ehe ich jedoch dahin gelangte , kam mein Vater wieder zurück , und Otto hinter ihm . An ihren Mienen sah ich , daß die Gefahr vorüber war . Das Verhör hatte folgendes ergeben : der Schuß war zufällig losgegangen . Als die Ulanen herangeritten kamen , wollte Otto sie von der Nähe sehen ; er lief querfeldein , stolperte , fiel am Straßengraben nieder und dabei entlud sich sein Gewehr . Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jägers von den Leuten bezweifelt worden ; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren Gefangenen in das Schloß . Als sich aber herausstellte , daß der Jüngling der Sohn des General Althaus und selber ein Militärzögling sei , ließen sie seine Rechtfertigung gelten . » Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat , wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe , nicht aber zur Zeit der Waffenruhe und nicht meuchlings schießen . « Auf diese Worte meines Vaters hin , hatte der preußische Unteroffizier den jungen Menschen frei gegeben . » Und bist Du wirklich unschuldig ? « fragte ich Otto , » bei Deinem Preußenhaß würde es mich nicht wundern , wenn - « Er schüttelte den Kopf : » Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben , « antwortete er , » ein paar solchen draufzuschießen - aber nicht aus dem Hinterhalte - nicht , ohne auch meine Brust ihren Kugeln auszusetzen . « » Brav , mein Junge ! « rief mein Vater , von diesen Worten entzückt . Ich konnte das Entzücken nicht teilen . Alle diese Phrasen , in welchen mit dem Leben - dem der anderen und dem eigenen - so geringschätzig und prahlerisch herumgeworfen wird , haben mir einen widerlichen Klang . Doch war ich von Herzen froh , daß die Sache so abgelaufen . Wie entsetzlich wäre es doch für meinen armen Vater gewesen , wenn diese Leute den vermeintlichen Missethäter ohne weitere Umstände gleich abgestraft hätten . Da würde der unselige Krieg , von dem unser Haus bisher verschont geblieben , es doch noch ins Unglück gestürzt haben ... Die betreffende Abteilung war richtig gekommen , Quartier zu machen . Schloß Grumitz war ausersehen , zwei Oberste und sechs Offiziere des preußischen Heeres zu beherbergen . Im Dorfe sollte die Mannschaft untergebracht werden . Zwei Mann wurden im Schloßhof als Wache aufgestellt . Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und ungeladenen Gäste schon bei uns ein . Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafür gesorgt , daß alle Gastzimmer und -Betten bereit standen . Auch der Koch hatte genügende Vorräte herbeigeschafft und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fässer und alten Flaschen : den Herren Preußen sollte es bei uns an nichts fehlen . Als sich an diesem Tage die Schloßgesellschaft auf das Zeichen der Tischglocke im Salon versammelte , bot dieser ein glänzendes und lebensfrohes Bild . Die Herren - bis auf Minister » Allerdings « , welcher augenblicklich unser Gast war - sämtlich in Uniform ; die Damen in Putz . Seit langer Zeit hatten wir uns zum erstenmal wieder » aufgedonnert « ; Lori namentlich - die kokette Lori - welche am selben Tag von Wien gekommen war , hatte auf die Nachricht hin , daß fremde Offiziere anwesend seien , ihre schönste Toilette ausgepackt und sich mit frischen Rosen geschmückt . Gewiß war es darauf abgesehen , dem einen oder dem anderen Vertreter des feindlichen Heeres den Kopf zu verdrehen . Nun meinethalben mochte sie sämtliche preußische Bataillone erobern - aber Friedrich unbehelligt lassen ... Lilli , die glückliche Braut , trug ein lichtblaues Kleid ; Rosa - wahrscheinlich auch sehr froh , wieder einmal jungen Kavalieren sich zeigen zu können - war in rosa Mousseline gehüllt ; nur ich in der Ansicht , daß Kriegszeit , auch wenn man niemanden zu betrauern hat , immer Trauerzeit sei , hatte eine schwarze Toilette angelegt . Ich erinnere mich noch an den eigentümlichen Eindruck , den es mir machte , als ich an jenem Tag den Salon , in welchem die übrigen schon versammelt waren , betrat . Glanz , Heiterkeit , vornehmer Luxus - die geputzten Frauen , die schmucken Uniformen : welcher Kontrast zu den noch vor so kurzer Zeit gesehenen Bildern von Jammer , Schmutz und Schrecken . Und die Glänzenden , Heiteren , Vornehmen selber sind es ja , welche freiwillig den Jammer in Scene setzen , welche nichts thun wollen , ihn abzuschaffen , welche , im Gegenteil , ihn glorifizieren und mit ihren Goldborten und Sternen den Stolz bekunden , den sie darein setzen , die Träger und Stützen des Jammersystems zu sein ! ... Mein Eintritt unterbrach die in den verschiedenen Gruppen geführte Unterhaltung , da mir nun unsere preußischen Gäste sämtlich vorgestellt werden mußten ; - - zumeist vornehm klingende Namen auf - » ow « und auf » witz « ; viele » von « und sogar ein Prinz - ein Heinrich , ich weiß nicht der wievielte , aus dem Hause Reuß . Das also waren unsere Feinde ! Vollendete Gentlemen mit den geschliffensten Gesellschaftsformen . Nun freilich : das weiß man ja , wenn heutzutage mit einer benachbarten Nation Krieg geführt wird , so hat man es nicht mit Hunnen und Vandalen zu thun ; aber doch : es wäre viel natürlicher , sich den Feind als eine wilde Horde vorzustellen , und es gehört eine gewisse Anstrengung dazu , ihn als ebenbürtigen Kulturbürger aufzufassen . » Gott , der du die Widersacher derer , die dir vertrauen , durch die Kraft deiner Verteidigung zurückwirfst , höre uns , die wir um deine Erbarmnisse flehen , gnädig an , damit wir nach der unterdrückten Wut des Feindes dir in Ewigkeit danken können . « So hatte allsonntäglich der Grumitzer Pfarrer gebetet . Wie mußte da die Gemeinde sich den » wütenden Feind « vorstellen ? Gewiß nicht so , wie diese höflichen Edelleute , die jetzt den anwesenden Damen den Arm boten , um sie zu Tische zu führen ... Überdies hatte Gott diesmal das Gebet der Anderen erhört und unsere Wut unterdrückt - der schäumende , mordgierige Feind , der durch die Kraft der göttlichen Verteidigung ( wir nannten es zwar Zündnadelgewehr ) zurückgeworfen worden , das waren ja wir - O du heiliger Widersinn ! ... Das waren so ungefähr meine Gedanken , während wir an der mit Blumen und Fruchtschalen reich geschmückten Tafel uns in bunter Reihe niederließen . Auch das Silber war auf des Hausherrn Befehl aus dem Versteck wieder hervor geholt . Ich saß zwischen einem stattlichen Obersten auf - ow und einem schlanken Lieutenant auf - itz . Lilli selbstverständlich an der Seite ihres Bräutigams ; Rosa war von dem prinzlichen Heinrich zu Tisch geführt worden , und der bösen Lori war es doch wieder gelungen , meinen Friedrich zum Nachbar zu haben . Nur zu ! Eifersüchtig würde ich doch nicht werden : - er war ja » mein « Friedrich , am meinsten ... Es wurde sehr viel und sehr heiter gesprochen . Die » Preußen « fühlten sich offenbar höchst vergnügt , nach den durchgemachten Strapazen und Entbehrungen wieder einmal an wohlbesetzter Tafel und in guter Gesellschaft zu festen ; und das Bewußtsein , daß der überstandene Feldzug ein siegreicher gewesen , trug jedenfalls dazu bei , ihre Stimmung zu heben . Aber auch wir , die Besiegten , ließen von Groll und Beschämung nichts merken und bemühten uns , die möglichst liebenswürdigen Hauswirte zu spielen . Meinem Vater mußte dies zwar - wie ich seine Gesinnungen kannte - einige Überwindung kosten , aber er führte seine Rolle mit musterhafter Courtoisie durch . Der niedergeschlagenste war Otto . Seinem in der letzten Zeit genährten Preußenhaß , seiner Sehnsucht , den Feind aus dem Land zu jagen , ging es sichtlich gegen den Strich , diesem selben Feind nun höflichst Pfeffer und Salz hinüberreichen zu müssen , statt ihn mit dem Bajonett durchbohren zu dürfen . Dem Thema Krieg wurde im Gespräch sorgfältig ausgewichen ; die Fremden wurden von uns behandelt , als wären sie unsere Gegend zufällig besuchende Vergnügungsreisende , und sie selber vermieden es noch ängstlicher , auf die Sachlage - daß sie nämlich als unsere Überwinder hier hausten - anzuspielen . Mein junger Lieutenant versuchte sogar recht angelegentlich , mir den Hof zu machen . Er schwor auf Ehre und auf Taille , daß es nirgends so gemütlich sei , wie in Österreich , und daß daselbst ( mit seitwärts abgeschossenem Zündnadelblick ) die reizendsten Frauen der Welt zu finden seien . Ich leugne nicht , daß ich mit dem schmucken Marssohne auch ein wenig kokettierte ; es geschah , um der Lori Griesbach und ihrem Nachbar zu zeigen , daß ich gegebenen Falles mich einigermaßen rächen könnte ... aber der da drüben blieb ebenso ruhig - wie ich es im Grunde meines Herzens eigentlich auch war . Vernünftiger und zweckmäßiger wäre es jedenfalls gewesen , wenn mein » schneidiger « Lieutenant seine mörderischen Augengeschosse auf die schöne Lori gezielt hätte . Konrad und Lilli , in ihrer Eigenschaft als Verlobte ( solche Leute sollte man eigentlich immer hinter Gitter setzen ) , wechselten ganz auffällig verliebte Blicke und flüsterten und stießen heimlich miteinander ihre Gläser an und was dergleichen Salonturteltauben-Manöver mehr sind . Und , wie mir schien , noch eine dritte Flirtation begann da sich zu entspinnen . Der deutsche Prinz nämlich - Heinrich der so und so vielte - unterhielt sich auf das Angelegentlichste mit meiner Schwester Rosa und dabei malte sich in seinen Zügen unverhohlene Bewunderung . Nach aufgehobener Tafel begab man sich in den Salon zurück , in welchem jetzt der angesteckte Kronleuchter ein festliches Licht verbreitete . Die Terrassenthür stand offen . Draußen war die laue Sommernacht von mildem Mondlicht durchflutet . Ich trat hinaus . Das Nachtgestirn warf seine Strahlen auf die heuduftenden Rasenflächen des Parkes und spiegelte sich silberfunkelnd auf dem im Hintergrunde ausgedehnten Teich ... War das wirklich derselbe Mond , welcher mir vor kurzer Zeit den an eine Kirchhofsmauer gelehnten , vom kreischendem Raubgevögel umkreisten Leichenhaufen gezeigt hatte ? Und waren das dieselben Leute drinnen - eben öffnete ein preußischer Offizier den Flügel , um ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte vorzutragen - waren das dieselben , die vor kurzem noch mit dem Säbel um sich schlugen , um Menschenschädel zu spalten ? ... Nach einer Weile kamen auch Prinz Heinrich und Rosa heraus . Sie sahen mich nicht in meiner dunklen Ecke und gingen an mir vorüber . Jetzt standen sie , an das Geländer gelehnt , nah , sehr nah nebeneinander . Ich glaube sogar , der junge Preuße - der Feind - hielt die Hand meiner Schwester in der seinen . Sie sprachen leise , dennoch drang einiges von des Prinzen Rede zu mir herüber : » Holdseliges Mädchen ... plötzliche , sieghafte Leidenschaft ... Sehnsucht nach häuslichem Glück ... Würfel gefallen ... aus Barmherzigkeit nicht nein ! ... Flöße ich Ihnen denn Abscheu ein ? « Rosa schüttelt verneinend den Kopf . Da führt er ihre Hand an seine Lippen und versuchte , den Arm um ihre Mitte zu schlingen . Sie , die Wohlerzogene , entwindet sich rasch . Ach , mir wäre es beinah lieber gewesen , wenn mir der sanfte Mondstrahl da einen Liebeskuß beleuchtet hätte ... Nach all den Bildern des Hasses und des bitteren Jammers , die ich vor kurzem hatte schauen müssen , wäre mir jetzt ein Bild von Liebe und süßer Lust wie etwas Vergütung erschienen . - » Ach - Du bist es , Martha ! « Jetzt war Rosa meiner gewahr geworden - zuerst sehr erschrocken , daß Jemand diese Scene belauscht , dann aber beruhigt , daß nur ich es war . Im höchsten Grade verlegen und bestürzt war jedoch der Prinz . Er trat an mich heran : » Ich habe Ihrer Schwester soeben meine Hand angeboten , gnädige Frau . Legen Sie gütigst ein Wort für mich ein ! Meine Handlungsweise wird Ihnen Beiden etwas rasch und kühn erscheinen . Zu einer anderen Zeit würde ich wohl auch überlegter und bescheidener vorgegangen sein - aber in den letzten Wochen habe ich es mir angewöhnt , schnell und keck voranzusprengen - da war kein Zögern noch Zagen erlaubt ... und was ich im Kriege geübt , das habe ich jetzt unwillkürlich in der Liebe wieder ausgeführt ... Verzeihen Sie - und seien Sie mir gnädig . Sie schweigen , Komtesse ? Verweigern Sie mir Ihre Hand ? « » Meine Schwester kann doch nicht auch so rasch über ihr Schicksal entscheiden , « kam ich Rosa , welche tiefbewegt und abgewandten Hauptes dastand , zu Hilfe . » Ob unser Vater seine Einwilligung zur Heirat mit einem Feinde geben , ob Rosa die so plötzlich eingeflößte Neigung auch erwidern wird - wer kann das heute wissen ? « » Ich weiß es , « antwortete sie und reichte dem jungen Manne beide Hände hin . Er aber riß sie stürmisch an sein Herz . » O , ihr närrischen Kinder ! « sagte ich und zog mich leise einige Schritte zurück , bis zur Saalthür , um zu wachen , daß - wenigstens in diesem Augenblick - Niemand herauskomme . Am folgenden Tag ward die Verlobung gefeiert . Mein Vater leistete keinen Widerstand . Ich hätte geglaubt , daß sein Preußenhaß es ihm unmöglich machen würde , einen der feindlichen Krieger und Sieger in seine Familie aufzunehmen ; aber sei es , daß er die individuelle von der nationalen Frage gänzlich trennte - ( ein gebräuchliches Vorgehen : » Ich hasse Jene als Nation , nicht als Individuen « hört man häufig beteuern , obschon es keinen Sinn hat , ebensowenig Sinn , als wollte Einer sagen : » Ich hasse den Wein als Getränk , aber jeden Tropfen verschlucke ich gern « - doch vernünftig braucht ja eine landläufige Phrase nicht zu sein - im Gegenteil ) sei es , daß der Ehrgeiz die Oberhand gewann und eine Verbindung mit dem fürstlichen Hause Reuß ihm schmeichelte ; sei es endlich , daß die so romantisch geäußerte , plötzliche Liebe der jungen Leute ihn rührte : kurz , er sprach ein ziemlich bereitwilliges Ja . Weniger einverstanden war Tante Marie . » Unmöglich ! « war ihr erster Ausruf . » Der Prinz ist ja lutherischer Konfession . « Aber schließlich tröstete sie sich mit der Aussicht , daß Rosa ihren Gatten wahrscheinlich bekehren werde . Im Herzen Ottos grollte es am tiefsten . » Wie , wollt ihr , « sprach er , » wenn wieder Krieg ausbricht , daß ich meinen Schwager aus dem Land verjage ? « Aber auch ihm wurde die famose Theorie von dem Unterschied zwischen Nation und Individuum erläutert und - zu meinem Staunen , denn ich habe sie nie begriffen - er begriff sie . Wie schnell und leicht man doch unter freudigen Umständen das durchgemachte Elend vergißt ! Zwei Liebespaare - oder , ich kann es kühnlich sagen , drei , denn Friedrich und ich , die Vermählten , schwärmten nicht viel weniger füreinander , als die Verlobten - also so viele Liebespaare in der kleinen Gesellschaft , das ergab doch eine glücksgehobene Stimmung . Schloß Grumitz war in den folgenden paar Tagen eine Stätte der Heiterkeit und Lebenslust . Allmählich fühlte auch ich die Schreckensbilder der vergangenen Wochen aus meinem Gedächtnis entweichen . Nicht ohne Gewissensbiß wurde ich gewahr , wie mein vor kurzer Zeit noch so brennender Mitschmerz in manchen Augenblicken ganz entschwand . - Von der Außenwelt klang wohl noch immer Trauriges herüber : die Klagen der Leute , die in dem Kriege Hab und Gut oder teuere Häupter verloren ; Nachrichten von drohenden Finanzkatastrophen , von ausbrechenden Seuchen : die Cholera , hieß es , habe sich unter den preußischen Mannschaften gezeigt - sogar in unserem Dorfe wurde ein Fall signalisiert - freilich ein zweifelhafter : » Es wird die Ruhr sein - die tritt ja jeden Sommer auf « , tröstete man sich . Nur immer verjagen - die trüben Gedanken und die bösen Befürchtungen : » Es ist nichts « - » es ist vorbei « - » es wird nichts kommen « - das ist so leicht gedacht . Man braucht nur eine heftig schüttelnde Kopfbewegung zu machen und die unliebsamen Vorstellungen sind verscheucht ... » Hörst Du , Martha , « sagte mir eines Tages die glückliche Braut , » dieser Krieg war freilich etwas Schauderhaftes , aber ich muß ihn doch noch segnen . Wäre ich ohne ihn so maßlos glücklich geworden , wie ich es jetzt bin ? Hätte ich Heinrich jemals kennen gelernt ? Und er - hätte er jemals eine so liebende Braut gefunden ? « » Nun gut , liebe Rosa , ich will gern diese Auffassung mit Dir teilen : - es mögen eure zwei beglückten Herzen gegen die vielen tausende gebrochenen in die Wagschale fallen ... « » Nicht nur um Einzelschicksale handelt es sich , Martha . Auch im Großen und Ganzen bringt der Krieg - für Jene , die siegen - einen großen Gewinn , also einem ganzen Volke . Man muß Heinrich darüber reden hören . Er sagt , Preußen stehe jetzt groß da - in dem Heere herrsche allgemeiner Jubel und begeisterte Dankbarkeit und Liebe zu den Feldherren , die es zum Siege geführt ... dadurch ward der deutschen Gesittung , dem Handel , oder sagte er dem deutschen Wohlstand - ich weiß nicht mehr genau ... die historische Mission ... kurz , man muß ihn reden hören . « » Warum spricht Dein Bräutigam nicht lieber von eurer Liebe , statt von politischen und militärischen Dingen ? « » O wir sprechen von Allem - und Alles , was er sagt , klingt mir wie Musik ... Ich fühle es ihm so gut nach , daß er stolz und selig ist , diesen Krieg für König und Vaterland mitgefochten - « » Und sich dabei als Beute ein so verliebtes Bräutchen geholt zu haben , « ergänzte ich . Dem Vater gefiel sein künftiger Schwiegersohn sehr gut - und wem hätte der prächtige junge Mensch nicht gefallen sollen ? Er erteilte ihm jedoch seine Sympathie und seinen Segen unter allerlei Verwahrungen und Vorbehalt : » Sie sind mir als Mensch und Soldat und als Prinz in jeder Hinsicht schätzenswert , lieber Reuß « so sagte er zu wiederholten Malen und in verschiedenen Redewendungen , » aber als preußischer Offizier kann ich Sie natürlich nicht leiden und ich behalte mir - trotz aller Familienverbindung - das Recht vor , nichts so sehr zu wünschen , als einen kommenden Krieg , in welchem Österreich die jetzige Überrumpelung tüchtig heimzahlt . Die politische Frage ist von der persönlichen ganz zu trennen . Mein Sohn wird einst - Gott walte - daß ich ' s erlebe - gegen das Land Preußen zu Felde ziehen ; ich selbst , wenn ich nicht zu alt wäre und wenn mein Kaiser mich dazu beriefe , übernähme gleich ein Kommando , um Wilhelm I. und besonders , um Ihren arroganten Bismarck zu bekriegen . Dies verschlägt nicht , daß ich die militärischen Tugenden der preußischen Armee und die strategische Kunst ihrer Führer anerkenne und daß ich es ganz natürlich finden würde , wenn Sie im nächsten Feldzug , an der Spitze eines Bataillons , unsere Hauptstadt erstürmen wollten und das Haus anzünden ließen , in welchem Ihr Schwiegervater wohnt - kurz - « » Kurz , die Konfusion der Gefühle ist eine heillose , « unterbrach ich einmal eine solche Rhapsodie - » die Widersprüche und Gegensätze verschlingen einander darin wie die Infusorien in einem faulenden Wassertropfen ... So geht es immer , wenn widerstreitende Begriffe zusammengepfercht werden . Ein Ganzes hassen und seine Teile lieben ; - als Mensch so und als Landesangehöriger so denken wollen - das geht nicht : entweder - oder . Da lobe ich mir den Botokudenhäuptling : der empfindet für die Anhänger eines anderen Stammes - von denen er nicht einmal weiß , daß sie » Individuen « sind - weiter nichts , als den Wunsch , sie zu skalpieren . « » Aber Martha , mein Kind , solche wilde Gefühle passen doch nicht zu dem gesitteten und humaner gewordenen Stand unserer Kultur . « » Sage lieber , der Staub unserer Kultur paßt nicht zu der aus alten Zeiten uns überkommenen Wildheit . So lange diese - das heißt so lange der Kriegsgeist nicht abgeschüttelt ist , läßt sich unsere vielgepriesene » Humanität « nicht vernünftig vertreten . Denn Du wirst doch Deine eben gehaltene Rede , in welcher Du dem Prinzen Heinrich versicherst , daß Du ihn als Schwiegersohn lieben und als Preußen hassen willst , als Menschen hochschätzen und als Oberlieutenant verabscheuen , daß Du ihm gern Deinen väterlichen Segen gibst und zugleich ihm das Recht einräumst , gelegentlich auf Dich zu schießen - verzeih ' , lieber Vater , aber diese Rede wirst Du doch nicht für vernünftig ausgeben ? « » Was sagst Du ? Ich versteh ' kein Wort ... « Die beliebte Schwerhörigkeit hatte sich wieder rechtzeitig eingestellt . Nach wenigen Tagen wurde es wieder still auf Grumitz . Unsere Einquartierung mußte abziehen und auch Konrad wurde zu seinem Regiment befohlen . Lori Griesbach und der Minister waren schon früher abgereist . Die Hochzeit meiner beiden Schwestern ward auf den Oktober verlegt . Beide sollten am selben Tage in Grumitz getraut werden . Prinz Heinrich wollte den Dienst verlassen ; jetzt nach diesem glorreichen Feldzuge , in welchem er sich Beförderung geholt , konnte er dies leicht thun , um sich auf seinen Lorbeeren und seinen Besitzungen auszuruhen . Der Abschied der zwei Liebespaare war ein schmerzlicher und glücklicher zugleich . Man versprach , sich täglich zu schreiben , und die sichere Aussicht auf das nahe Glück ließ das Scheideweh nicht recht aufkommen . Sichere Aussicht auf Glück ? ... Die gibt es eigentlich nie - doch zu Kriegszeiten am allerwenigsten . Da schwebt das Unglück so dicht wie Heuschreckenschwärme in der Luft ; und die Chancen , auf einem Fleckchen zu stehen , welches von der niedergehenden Geißel verschont bleibt , sind gar geringe . Freilich - der Krieg war aus . Das heißt , man hatte erklärt , daß der Frieden geschlossen sei . Ein Wort genügt , die Schrecknisse zu entfesseln , und da meint man wohl auch , ein Wort könne genügen , dieselben sogleich wieder aufzuheben - doch dies vermag kein Machtspruch . Die Feindseligkeiten werden eingestellt , aber die Feindseligkeit dauert fort . Der Samen für künftige Kriege ist gestreut und die Frucht des eben beendigten Krieges entfaltet sich weiter : Elend , Verwilderung , Seuchen . Ja , da half kein Leugnen und Nicht-dran-denken mehr : - die Cholera wütete im Lande . Es war am Morgen des 8. August . Wir saßen Alle um den Frühstückstisch unter der Veranda und lasen unsere eben eingelaufenen Postsachen . Die zwei Bräute fielen auf die an sie gerichteten Liebesbriefe her - ich blätterte in den Zeitungen . Aus Wien die Nachricht : » Die Cholera-Sterbefälle mehren sich bedenklich ; nicht nur in den Militär- auch in den Civilspitälern sind schon viele Erkrankungen signalisiert , die als echte cholera asiatica bezeichnet werden müssen , und die energischsten Maßregeln werden allenthalben ergriffen , um der Verbreitung der Epidemie zu steuern . « Ich wollte die Stelle laut vorlesen , als Tante Marie , welche den Brief einer Freundin aus einem Nachbarschlosse in Händen hielt , erschreckt aufschrie : » Entsetzlich ! Betti schreibt mir , daß in ihrem Hause zwei Personen an der Cholera gestorben sind und jetzt auch ihr Mann erkrankt sei . « » Excellenz , der Lehrer wünscht zu sprechen . « Hinter dem Diener trat auch schon der Gemeldete heran . Er sah