meinte , sie verstand ihn nicht - » tausend Mark - ? « wiederholte sie ebenso mechanisch , sie schüttelte ein Wenig den Kopf - was wollte er nur von ihr - ? » Na ja ! « fuhr Adam ärgerlich auf - » Du hast mir doch des Langen und Breiten davon geschrieben - erinnerst Du Dich denn nur gar nicht - ? « » Tausend Mark - ? « Hedwig schüttelte wieder den Kopf . Plötzlich fragte sie , aber eigentlich nur ganz gleichgültig : » - wo hast Du denn das Geld her - ? « Sie schien durchaus keine Antwort darauf zu erwarten . Adam zuckte zusammen . Zuerst verblüffte ihn diese Frage . Er war nicht gefaßt gewesen auf sie . Nun schoß ihm ein teuflischer Gedanke durch den Kopf . Wär ' s nicht am Besten , jetzt sofort - und auch vor Emmy sogleich ! - zwei Fliegen mit der bewußten einen Klappe zu schlagen ? Mit der Wahrheit herauszurücken ? Den Zusammenhang aufzudecken ? Diesem Weibe , das da hülflos und gebrochen , entstellt , baar aller Reize der Jugend und der Kraft , vor ihm im Sessel lag - diesem Weibe , das er nicht liebte , mit dem er kaum Mitleid empfand , das er jetzt fast so etwas - so etwas wie - verabscheute - war ' s nicht am Besten , diesem Weibe ruhig zu gestehen , wie ... woher er die tausend Mark sich verschafft - ? Wer sie ihm gegeben hatte - ? Ah ! Oder war es doch eine Grausamkeit , eine brutale Grausamkeit , der Wahrheit jetzt , unter diesen Verhältnissen , in dieser Stunde , die Ehre zu geben - ? Nein ! Er brachte es doch nicht über ' s Herz . Nein ! doch nicht ! Aber - einmal mußte es ja doch sein Einmal ja doch ! Und wenn nicht heute , so morgen ! Dieses verfluchte Aufschieben ! Immer und ewig diese überflüssige Rücksicht ! Die brutale Rücksichtslosigkeit gegen Andere und gegen das eigene feige , zimperliche und noch dazu erzegoistische Schonungsgefühl ist das einzige Fortschritts- und Entwicklungsprincip im Leben . So ? Wirklich ? Also - also drückte Adam alle zarteren Gedanken die ihm aufstiegen , gewaltsam nieder und fragte noch einmal mit affektirter Ruhe , im Grunde aber nur , um innerlich mit dem letzten Reste seiner Rücksicht und Scheu , auf welche seine Natur ursprünglich allein gestimmt war , fertig zu werden - : » Woher ich das Geld habe - ? Hm ! « - jetzt erfolgte eine letzte , kurze Pause , dann stieß er tonlos , stockend , doch zugleich mit sehr forcirter Bestimmtheit heraus : » Nun ! von meiner - Braut - « Aber wie um eine unmittelbare Antwort Hedwigs zu verhindern oder doch in irgend einer Weise abzuschwächen , erläuterte er hastig : » - das heißt - das heißt - vorher - ehe - das kam natürlich so - - « » Von wem - ? « fragte Emmy unwillkürlich und sah Adam erschrocken an . Der war froh , daß er durch Emmys Zwischenfrage wenigstens äußerlich einen anderen Partner , zu dem er sprechen konnte , bekommen hatte - war froh , daß die Auseinandersetzung nicht unmittelbar zwischen ihm und Hedwig stattzufinden brauchte . Eine gewisse Rücksicht , zu der er sich Hedwig gegenüber immerhin unwillkürlich hätte bequemen müssen , durfte er nun fallen lassen . Und das war ihm sehr lieb . Denn der barsche , ungeschlachte , rauhbeinig-rücksichtslose Ton , den er anschlagen wollte , verdeckte viel besser sein inneres Widerstreben , seine innere Zaghaftigkeit , die er trotz aller Anstrengung nicht loszuwerden vermochte . » Von meiner Braut , wenn Sie nichts dagegen haben , mein Fräulein - ! « wiederholte also Adam laut , trotzig . Er sah dabei Emmy herausfordernd an und stellte sich , als bemerkte und fühlte er den Blick trostlosen Entsetzens nicht , mit dem Hedwig ihn anstarrte . Ein schwüles , beklemmendes Schweigen war eingetreten . Adam wollte schon die Gelegenheit benutzen , sich von dem unmittelbaren Kriegsschauplatze unauffällig ein Wenig in den Hintergrund ... vielleicht in ' s Nebenzimmer ... zu schwindeln - als Hedwig plötzlich mit einem jähen , krampfhaften Sprunge in die Höhe fuhr , auf Adam losstürzte und aufkreischte : » - was hast Du da gesagt - ? Sag ' s noch ' nmal ! Mein Gott ! Bin ich denn verrückt - ? Bin ich denn wahnsinnig - ? « Und dann ein heiserer , erschütternder Nothschrei , der bewies , daß sie den Zusammenhang so ziemlich errieth - : » Adam - ! « Der wich einen Schritt zurück , » Hedwig - ! « stotterte er , Emmy sprang hinzu , faßte die Taumelnde und versuchte , sie wieder auf den Sessel hinabzuziehen . Aber es war , als ob plötzlich eine fremde Kraft über das arme , unglückliche , in seinem tiefsten Elende aufschreiende Weib gekommen wäre : es schleuderte Emmy bei Seite , klammerte sich mit seinen dünnen , mageren Fingern am linken Arme Adams fest und kreischte ihm entgegen : » Ah ! Ich weiß - ich weiß - Canaille ! Ich verstehe Dich , Du Schuft ! Loskaufen hast Du Dich wollen - hast mir mein Sündengeld hinschmeißen wollen , weil Dir eine andere besser gefällt - weil Du mich satt hattest - weil - weil - - o Gott ! - Und Alles habe ich Dir gegeben - habe Dir geglaubt - und nun behandelst Du mich wie - wie - - nun giebst Du mir ' n Fußtritt - was hab ' ich Dir gethan , daß Du mich so wegwirfst - so zertrittst - ? - Meinen Vater hast Du ermordet , meinen armen , alten , unglücklichen Vater - nichts war Dir heilig - nichts - nichts - Alles hast Du mit Füßen getreten - meine - meine Ehre - meine - ach ! Aber ich war ja schon so Eine , nicht wahr - ? schon so Eine , wie die da , wie die Dirne da , die man mit Geld abfindet , wenn man sie los sein will - allmächtiger Gott ! nur ' n Wahnsinniger kann Deine Verruchtheit begreifen - und ich schleppe mich her zu Dir - von der Leiche meines Vaters weg - an Allem verzweifelte ich - ich hatte Dich nur noch - nur noch Dich - ja - ! - und - und nun verleugnest Du mich - und jagst mich hinaus - nun sagst Du Dich von mir los - Alles verläßt mich - Alles - Alles - - Canaille ! - Auch mich hast Du auf ' m Gewissen - hier ! das letzte Wort meines todten Vaters an Dich - todt ist er - ja ! - todt - todt - todt - todt - hörst Du - - ich möchte mich zerreißen , um das Furchtbare nur zu begreifen - und ich - o Gott ! - ich kann ' s nicht fassen - kann ' s nicht - kann ' s nicht - ach ! ich muß wohl schon wahnsinnig sein , daß ich nicht ersticke an meiner Verzweiflung - - « Adam hatte einen Augenblick geglaubt , unter der Anklage des verzweifelten und verrathenen Weibes zusammenbrechen zu müssen . Er wußte , daß er die schweren Vorwürfe , die ihm da entgegengeschleudert wurden , verdiente . Sie waren alle so gerecht . Ja ! er hatte das Weib überredet , ihm zu Willen zu sein . Er hatte wohl auch allerlei Verpflichtungen übernommen , hatte verschiedene Versprechungen gemacht - aber das Alles doch eigentlich nur , ohne sich desselben besonders bewußt zu werden , beinahe nur aus einer communen Laune , aus einer durch besondere Umstände geschaffenen Stimmung heraus , vielleicht in frivolem Leichtsinn , aber doch ganz den Gesetzen und Methoden seiner Natur gemäß , die derartige Weibergeschichten mit einer ihr organischen Oberflächlichkeit , Nebensächlichkeit , Gleichgültigkeit behandelte ; die sich » moralisch « dadurch nicht im Geringsten tiefer verpflichtet fühlte ; die das Alles nur als unvermeidliches Lebensaccidenz auffaßte . Er konnte nicht anders , es war ihm ganz selbstverständlich , daß er hier die Treue brach , um dort von Neuem Treue zu versprechen , er besaß im Grunde gar kein Talent zur hausbackenen Treue , das spielte sich alles viel zu weit draußen auf der Peripherie seiner Persönlichkeit ab , als daß er es vermocht hätte , sich für irgend eine begangene Untreue besonders verantwortlich zu fühlen . Er gab sich eben so , wie es gerade seiner Stimmung entsprach . Reagirte ein Anderer darauf , so mochte der das hübsch selber verantworten . Er war viel zu wenig bornirt , um sich in eine Leidenschaft festbeißen zu können . Hedwig war also gar nicht berechtigt zu ihrer Anklage . Und dieses Bewußtsein löste ein starkes Gefühl des Aergers und der Entrüstung in Adam aus , er riß mit einem brutalen Rucke ihre eingekrallten Finger von seinem Arme los , schleuderte den Arm von sich , packte ein zerknittertes Papier , das Hedwig ihm immer noch mit der anderen Hand starr entgegenhielt , und warf es auf den Tisch , trat einige Schritte zurück und machte ein sehr wüthendes Gesicht . Was wollte denn das Weib von ihm - ? Lächerlich , sich auch nur einen Augenblick von seinen blödsinnigen Vorwürfen verblüffen zu lassen ! Glaubte es etwa , ihn auf diese Weise wieder zu gewinnen ? Da konnte sich die Dame doch gewaltig schneiden ! Oh ! Sie hatte ja längst alle Reize für ihn verloren . Und doch konnte sich Adam nicht ganz dem Eindrucke ihrer in furchtbarster Seelenangst herausgeschrieenen Anklagen entziehen . Er hatte ihr nun einmal sein Wort gebrochen , so gut wie sein Wort gebrochen , sie zieh ihn mit Recht der Absicht , sich mit dem Golde von ihr loszukaufen , sie hatte ihn , darin durchschaut , obwohl er doch eigentlich schon vorher entschlossen gewesen war , Irmers die tausend Mark auf irgend eine Weise zu verschaffen , ehe ihm , zumeist wohl nur in dem Bestreben , einen Namen für die Sache zu finden , der Gedanke gekommen war , sein Thun im Sinne eines Rückkaufes seiner Freiheit aufzufassen . Es war schließlich im tiefsten Grunde blutige Selbstironie gewesen - und dafür sollte er sich jetzt abkanzeln lassen , als wäre er ein Hallunke ersten Ranges ? Und dennoch kam er von einem unklaren Schuldgefühl nicht los . Die Wuth , die er in sich aufkochen spürte , brach nicht aus , seine Entrüstung zersplitterte sich , sein Aerger verzettelte sich , schließlich knirschte er nur ein paar banale Redensarten , wie » verrückte Faselei - « » - thut mir leid , aber es ist nun einmal so - « - » wer kann wider seine Natur ? « - heraus , zuckte die Achseln , lächelte spöttisch , steckte mit forcirter Gleichgültigkeit den zerknitterten Brief Irmers in seine Rocktasche und wandte sich ab - - - - Hedwig war wieder in den Sessel zurückgetaumelt , ihre Finger waren ineinandergekrampft , sie schluchzte leise . Emmy stand neben ihr , sie hielt den Kopf ein Wenig gebeugt , ihr Gesicht war ungleich geröthet , sie sah aus , als wäre sie in tiefe , starre Gedanken versunken , ihre Augen lagen in Thränen . Adam sah sich noch einmal nach den Beiden um , es schien , als wollte er Etwas zu ihnen sagen , aber er zuckte wieder nur in willkommener Resignation die Achseln , knurrte verächtlich » - hysterische Weiber - « vor sich hin und ging auffallend langsam ins Nebenzimmer . Pötzlich fuhr Hedwig wieder auf . » - ich muß fort - ich ersticke hier - fort zu meinem Vater - der wartet auf mich - der will mich mitnehmen - - « heiserte sie zischelnd vor sich hin , jetzt stand sie , sie schwankte haltlos hin und her , Emmy wollte sie umfassen . » Bleiben Sie noch , liebes Fräulein - « bat sie leise , da fuhr Hedwig herum , sie starrte Emmy mit großen , verglasten Augen an , nun lachte sie gellend auf , warf ihre mageren Arme mit krampfiger Wuth um Emmys Hals , riß die an sich heran , stürzte rücklings mit ihr in den Sessel und lallte ihr mit erstickter , gebrochen gellender Stimme zu : » - Du - ! Du - ! Weißt Du : ich bin nämlich auch so Eine , wie Du - auch so Eine , weißt Du - Dein Liebster hat ' s mir gezeigt - ei ! - ei ! - hat ' s mir gezeigt , wie man ' s macht - siehst Du : nun mußt Du mich mitnehmen - ja ? willst Du - ? Nun bringst Du mir schöne Herren - ja ! - ja ! - ei ! - ich kann ' s auch - Dein Liebster hat mirs gezeigt - ja ! - das war schön - - und ich soll Dir auch ' n Gruß bestellen von meinem todten Väterchen - der hat gesagt : ich sollt ' s nur so machen , wie Du - da käm ' ich anständig durch die Welt , weißt Du - ja ! ja ! ja ! ja ! - und hätte alle Tage gut zu essen , weißt Du , hat mein todtes Väterchen gesagt - und das wäre ' n Wonne , hat er gesagt - wenn der Mond scheint - und die weißen Gardinen werden roth , blutroth - und die Katzen schreien - und die Musik spielt - spielt - und wir tanzen dazu , mein Liebster und ich - wir tanzen - tanzen - tanzen - immer toller und toller und toller - bis - bis - und dann geht die Sonne auf - und der Tag - und der Tag - - « Emmy war es endlich gelungen , sich aus der Haft der Arme , die sie einschnürend umklammert hatten , loszumachen . Sie war brandroth im Gesicht , sie athmete gepreßt , sie wollte Adam rufen , denn sie hatte ja eine Wahnsinnige vor sich , aber kein Laut löste sich aus der Kehle , es war alles wie zugequollen in ihr , wie verschüttet , Hedwig kicherte leise vor sich hin , nun trällerte sie : » tam - tam - taramtam - tam - tam - taramtam - - « plötzlich sprang sie auf , ihre Augen brannten , die ganze Gestalt war krampfhaft gespreizt - : » ich bin wahnsinnig - « schrie sie - » ich muß fort - « sie packte ihren Hut , den ihr Emmy vorhin abgenommen hatte , und stürzte zur Thür hinaus - - Adam hatte gehört , wie die Thür zugeschlagen wurde . Er war aus seinem herumtastenden Brüten aufgefahren und erschien jetzt unter der auseinandergeteilten Portière . » Sie ist fort - ? « fragte er » - allein - ? « Emmy antwortete nicht . Sie stand , noch immer aufs Tiefste erschüttert , neben dem Fauteuil und starrte vor sich nieder . Sie hatte die Hände übereinander auf die Fauteuillehne gelegt und nickte wie in tiefem Traume vor sich hin . » Warum bist Du nicht mitgegangen - ? « fragte Adam von Neuem , unwillkürlich besorgt um Hedwig , zugleich unwillig über Emmys überflüßiges Versteinertsein . Die drehte ihm langsam ihr Gesicht zu . Sie sah ihn fragend , verwundert an , als müßte sie sich erst auf die Bedeutung seiner Worte besinnen . Nun hatte sie wohl begriffen - » ich gehe ' gleich - Du wirst mich ' gleich los sein - - « sagte sie leise und sah sich im Zimmer um , als suchte sie etwas , ihr Jaquet oder ihren Hut . » So hab ' ichs nicht gemeint - das weißt Du - « erwiderte Adam ärgerlich - » aber es könnte ihr ' was passiren - und da wäre es besser , sie hätte Jemanden in ihrer Nähe , der - - « » Ihr ist schon genug passirt - « sagte Emmy laut , bestimmt und sah Adam mit großen , herausfordernden Augen an - » Meinst Du - ? « fragte der sarkastisch - » Du mußt ' s ja wissen - ja ! Ihr Weiber ! - Eine wie die Andere - « Nun fing die auch noch an - sogar die - na ! da hörte denn doch Verschiedenes auf - Jetzt stand Emmy vor Adam . Sie machte ein sehr feierliches Gesicht , es sah aus , als wollte sie Abschied für immer von ihm nehmen , ihm ein letztes Lebewohl sagen . Adam wurde es unbehaglich . » Hab ' Dich nur nicht so - ! « wehrte er eifrig ab - » bitte , Emmy , keine neuen Sentimentalitäten - keine neuen Scenen - ! Ich habe schon an der einen genug - verschone mich - ja ? Uebrigens - wie spät haben wir ' s denn ? Zehn durch . Ich habe meiner Braut versprochen , gegen Elf am Bahnhofe zu sein - sie verreist - und da kann ich doch nicht gut - also - wenn Du noch einen Augenblick warten willst , komm ' ich ' gleich mit - « » Wie heißt denn Deine Braut - ? « fragte Emmy leise , befangen , sie konnte die Frage doch nicht unterdrücken . » Lydia natürlich - ! Wie sonst - ? Lydia Lange ! Jene Dame - Du wirst Dich erinnern - der wir ' mal begegneten , weißt Du - es ist ja noch gar nicht so lange her - im Park , an dem Tage , wo Du - jetzt wirst Du Dich sicher daran erinnern - wo Du die Bekanntschaft des Herrn von Bodenburg machtest , die so wichtig für Dich werden sollte - also die Dame ist ' s - nun weißt Du ' s - was macht denn übrigens der kleine Pistolenschäker - ? Gehts ihm gut ? Natürlich ! Diesem Gesindel gehts immer gut . Hast Du Deinen Trovatore gestern nicht gesehen ? Warst nicht mit ihm zusammen - ? « fragte Adam mit bissigem Lachen . Emmy wandte sich ab und erwiderte kein Wort . Sie hatte erst einen Augenblick Lust , sich nach dem Verlaufe der Duellgeschichte zu erkundigen . Aber sie unterdrückte die Frage . Sie hätte nach tieferer Theilnahme ausgesehen , und obwohl sie diese Theilnahme immer noch für Adam empfand , jetzt vielleicht unwillkürlich stärker als je - denn ein mit ihr rivalisirendes Moment war ja aus seinem Leben gestrichen - sie wollte sie doch nicht zeigen , in diesem Augenblick erst recht nicht , um keinen Preis der Welt . Uebrigens ging ja auch schon daraus , daß Adam kein Wort von dem Duell wieder erwähnt hatte , hervor , daß die Geschichte in irgend einer Weise erledigt sein mußte . Und es erbitterte sie , daß sie in den letzten Tagen so oft so überflüssig um Einen gebangt hatte , der es nicht verdiente - um einen Blasirten , einen Unzuverlässigen , einen Herzlosen - - Nun gingen die Beiden unten auf der Straße neben einander her . Eine längere Weile schwiegen sie . Hatten sie sich nichts mehr zu sagen ? Oder scheuten sie sich , auf ein Thema zurückzukommen , das ebenso unerquicklich war , wie undankbar ? Und doch lastete nicht minder peinlich auf Jedem der Druck , den das Schweigen des Anderen ihm auferlegte . Vielleicht aus diesem Grunde , vielleicht auch , weil es ihn doch drängte , Emmy noch dies und das zu sagen , begann Adam endlich , leise , langsam , sprungweise , zugleich absichtlich einen Accent der Bitte und Abbitte in der Stimme , als redete er , wie von einem tiefen Traume besessen , nur zu sich - : » Sei mir nicht böse , Emmy ! Siehst Du : das mußte ja Alles so kommen . Das hat ja Alles seine tiefen , tiefen Gründe . Kennst Du mich ? Weißt Du , wer ich bin - ? Nein ! Ich kenne mich zwar selber ebenso wenig . Oft bin ich ganz erstaunt über mich . Ich weißt nicht , wer ich bin . Ich ahne mich nur . Ja ! Aber ich ahne mich eben wenigstens doch . Nicht immer , doch manchmal mit brennender Schärfe und Annäherung . Dann ist Alles so voll in mir , so weit , so groß , so gewaltig , dann bin ich nicht mehr , dann hat mich etwas Unerklärliches , Geheimnißvolles in sich aufgenommen , mein Leben strömt in stolzem Drange , ein sanftes , unendlich wohlthuendes Fieber durchprickelt mir Leib und Seele , Alles in mir ist Dank , Inbrunst , Hingenommenheit , Fülle , Begeisterung , Größe ... Aber diesem unendlich Süßen , dem ich dann gehöre , das mich dann ganz aufgezehrt hat - : ihm einen Namen geben - diesem verklärten Sein , da Sehnsucht und Erfüllung zugleich in mir ist , eine Formel , ein Schema , eine Rubrik für den Tagescurs auf den Leib schreiben - nein ! das kann ich nicht . Wenn ich mit Euch , Ihr anderen Menschen , Ihr Außenmenschen , mit einem sogenannten Bekannten , einem Kameraden , mit irgend einem Weibe zusammen bin - mein Gott ! dann bin ich Gesellschaftsthier , meinem tieferen Ich entfremdet , dann rede und denke und scherze und lache und ärgere ich mich und raisonnire , schimpfe , schwadronire , debattire , diskutire , spreche ich ganz wie Ihr , nach dem berühmten Muster socialer Individuen , im Jargon des Alltags , der Straße , der Kneipe , des Gesellschaftszimmers ... Was wollt Ihr ! Mich kennt Ihr nicht . Das heißt : jenes Wesen eben , in welchem ich zuweilen sein darf . Aber nun sieh : gerade das Bewußtsein , daß ich zuweilen ein Anderer sein darf , das giebt meinem ganzen Leben doch eine große Zwiespältigkeit , eine ewige Unruhe , das macht mich so oft mürrisch , melancholisch , unzuverlässig , unberechenbar , ungeduldig , ungenießbar , das wirft mich aus einer Stimmung in die andere . Ich stürze mich in Genüsse , die für mich keine Genüsse sind , aber ich muß sie immer wieder aufsuchen , weil ich mich loswerden will , weil ich mich betäuben will - ich suche sie auf , diese faden Genüsse , obwohl ich mich vor ihnen ekele , obwohl ich sie verachte ... Ich habe eben überhaupt kein Organ für alle diese gerühmten plebejischen Freuden . Aber ich mache mit ... und ich bin zuweilen nicht der schlechteste und zurückhaltendste Cumpan - das wirst Du aus Erfahrung wissen ... Mein Pech ist nur , daß Ihr Alle mit mir wie mit einer gewöhnlichen Werkeltagsmünze rechnet - und ich bin , Gott sei ' s geklagt ! oft zu feige oder oft auch zu gleichgültig , um gegen diese Unverschämheit , zu der ich Euch übrigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche , zu protestiren . Ich lache Euch oft im Stillen aus , verachte Euch bodenlos , mache aber doch ganz gemüthlich mit , gehe auf Euch und Euere abgestandenen Lebensspäße und Interimsmätzchen ein - um nachher mich selber desto mehr auszulachen ... Ja ! Ja ! Diese einsamen Stunden der Sammlung , der Rückschau , der Reue , des Beisichseins ! Da erlebt man ' was ! Manchmal allerdings auch Nichts . Und dann geht man wieder hinaus , die Menschen kommen zu Einem oder man sucht sie auf , man plaudert mit ihnen , man langweilt sich mit ihnen , man rempelt sie an , man klappert mit ihnen zusammen , die Zungen balgen sich , zuweilen wohl auch die gesammten ehrenwerthen Leiblichkeiten - und so gehts fort , einen Tag wie alle Tage ... Man wird älter , enger , die Ausschweifungen , die doch nur die Folgen von großen , elementaren Jugendleidenschaften der Seele waren , rächen sich , die Nerven rebelliren , man merkt : es geht mit dem ganzen Kerl bergab ... Na ! Und man läßt ' s halt gehen ... Was bleibt Einem auch übrig ! Nur manchmal , erst seltener , dann häufiger , tauchen so allerhand verflucht faule , weil arg philiströse Gefühle und Wünsche auf , die großen Stunden werden immer seltener , man schmilzt sich unwillkürlich immer natürlicher und zwangloser der Masse ein , in so vielen Punkten geht das Sonderbewußtsein ganz flöten , man sehnt sich nach einem engeren Kreise , einer festeren Scholle , einer gesicherteren Stätte , allwo man in Frieden leben , vielleicht auch noch ' n Bissel schaffen und wirken und nachher in Frieden sterben darf , nachdem man noch Dies und Das von der Welt und ihren Reizen genossen hat und einigermaßen soweit zufrieden , ist , um nicht allzuviel von einem problematischen anderen Leben noch erwarten zu müssen ... Das ist so ein Resultat , zu dem man kommt , eine der schönen und holden Erfahrungen , die man an sich macht . Eine andere Erfahrung , die bei solchen verwickelten und zerdröselten Persönlichkeiten , wie Unsereiner nun einmal eine ist , auftritt - und noch dazu mit jener ersten oft in intimster , örtlicher und zeitlicher Nachbarschaft , ist die , daß man die individuelle Differenz mit der Gesellschaft , der Menge , der Masse festhält , ja erweitert , steigert ... Man sagt sich von einer Anschauung nach der anderen , an welcher die Gesellschaft ihrer lumpichten Fortexistenz halber festhalten zu müssen glaubt , los - kritisirt Alles und man verwirft Alles , Formen , Ideen , Einrichtungen , Anschauungen , Gewohnheiten ... Ist man sich in Diesem und Jenem noch nicht klar darüber , ob man Ja ! oder Nein ! dazu sagen soll - weiß der Teufel ! - man hat doch eine instinktive Abneigung dagegen ... Oft begnügt man sich mit dieser instinktiven Abneigung , man verwirft , weil man einmal im Zuge ist , zu verwerfen - und kommt so zu einer Paralyse des Seelenlebens , die entsetzlich ist und auf die Dauer unerträglich . Mit der Zeit wird man aber auch hierin stumpfer und gleichgültiger . Man wird überhaupt müde und lethargisch . - Das ist schon kein Pessimismus mehr , das ist regelrechte Décadence und Auflösung des ganzen Menschen . Vielleicht befinde ich mich schon in diesem verheißungsvollen Stadium des inneren Lebens . Und so bin ich denn , eben in Folge dieser köstlichen Reife meiner Natur , im Stande , vernünftig zu werden - ich komme auf einem zweiten Wege zu demselbem Resultate - das heißt : ich versuche mir die Mittel zu schaffen , jenes vernünftige Leben führen zu können - in meinem Falle : ich verheirathe mich reich . Das ist der bequemste Modus . Nicht wahr - ? Das wirst Du zugeben müssen , Emmy . Und dann könnte ja auch die Möglichkeit eintreten , daß sich jene bewußten , theoretischen Erkenntnisse und radikalen Anschauungen bei mir so festsetzten , daß sie unwillkürlich zur reflektorischen Auslösung von ihnen entsprechenden Handlungen führten - und zu solchen abnormen Handlungen , die Einen sofort in den allerdirektesten Bruch mit der Gesellschaft bringen würden , kann sich nur der versteigen , der es aus äußeren , also aus materiellen Gründen nicht nöthig hat , nach der Sanktionirung seiner Handlungen von Seiten der Gesellschaft zu fragen . Sonst - müßte er auf diese Sanktionirung sehen , müßte er mit diesem Moment rechnen - du lieber Himmel ! - wenn er seinem Jammer nicht selbst ein redliches Ende setze - er würde in der That sehr bald zerrieben und zermalmt , zerrissen , zerquetscht werden ... Also heirathe ich meine Lydia - nicht wahr ? - nun begreifst Du ... Ob ich das Weib liebe - ich weiß es nicht . Vielleicht , vielleichter auch nicht . Es ist ja Alles Stimmung bei mir , Emmy , Alles ... Und Hedwig - ? Ja wohl ! Sie dauert mich , sie thut mir leid , sogar sehr leid - aber was will ich machen - ? Im Grunde ist sie selbst schuld an ihrem Unglück . Ich habe ihren Vater und sie sattsam über meine Anschauungen , Gewohnheiten , über die Art meines Handelns aufgeklärt . Es ist ja wahr , daß ich sie sozusagen in Versuchung geführt habe . Warum hat sie mir aber nicht widerstanden ? Sie konnte nicht , sie mußte aus Gründen , die bei ihr gültig waren und sie zwangen , unterliegen . Sie ist eben auch nicht verantwortlich zu machen , nur muß sie eben als Object , in dem und an dem sich Etwas ereignete , auch die Folgen dieser Ereignisse tragen . Das müssen wir eben Alle . Was kann ein Getreideacker dafür , daß ein Gewitter über ihn niedergeht ? Er muß die Folgen hinnehmen , muß sich zerstampfen lassen , muß seine Aehren opfern ... So springt die Natur mit uns Allen um - und uns bleibt bloß die statistische Recapitulation , die sauersüße Resignation - nichts weiter . - C ' est tout . Das ist Alles , aber auch andrerseits - gerade genug . Siehst Du , Emmy , Du bist doch vielleicht das einzige Weib von allen Weibern , mit denen ich in der letzten Zeit verkehrt habe , dem ich tiefer zugethan gewesen . An Dir hänge ich vielleicht sogar jetzt noch am Meisten . Ich habe neulich eine schlaflose Nacht Deinetwegen gehabt . So ' was ist immer verdächtig . Und wenn ich nun also hingehe und mich mit einer anderen ... einer anderen Dame verbinde , die - verzeih ' ! - die keine so Eine ist - wenn ich ins andere Lager desertire - - nun ,