Haubitz » Der Würgeengel « hinweise . Lebhafter Beifall lohnte den gediegenen Vortrag . Nur Leonhart hatte sich wenig taktvoll benommen und stets mit der Hand schmunzelnd über seinen Schnurrbart gestrichen , als verberge er mühsam seine Heiterkeit . Auch Lämmerschreyer profitirte nicht viel - seine ganze Dichterseele wandte sich der homerischen Begierde des Trankes und der Speise zu , während er zwischen dem Kauen einige Anekdoten von einem » feudalen Weib « zum Besten gab , wie es einem solchen Verehrer der Tugend und Todfeind aller Tyrannen angemessen . » Sie übernehmen den Wein , Herr Leonhart ? Ich behalte mir Revanche vor ! « meldete der Jüngling hochtrabend . » Oller Renomierstengel ! « brummte jener zwischen den Zähnen . Eilt gewaltiger Kumpen mit Hummersalat fuhr vor , welchen Lämmerschreyer bestellt hatte . » Welch ein Gebirge ! Der reine Kau-Kasus ! « wortwitzelte der Jüngling . Leonhart ermunterte ihn ironisch zu kräftigen Einhauen . » So ist ' s recht , mein Lieber ! Den Dicken gehört die Zukunft . « » Dank Ihnen . « Der Jüngling brach sich eine weite Gasse in das Gericht und begleitete diese ritterliche Handlung mit dem prickelnden Witzwort : » Die Stätte , die ein guter Mensch betrat , ist eingeweiht - weeß Knäbbchen - für alle Zeiten . « Hier wurde er aber unliebsam unterbrochen . Ein Studiosus der Philosophie , der starr und steif wie ein steinerner Gast dagesessen und den Orakeln gelauscht , dafür aber unbändig viel geistige Getränke genossen hatte , fühlte sich voll dem Kneifer Lämmerschreyers schon wiederholt beleidigend gestreift . Jetzt brach er plötzlich ganz unmotivirt los : » Mein Herr , wünschen Sie was von mir ? Sie haben mich fixirt . « Lämmerschreyer ließ die Gabel fallen und starrte ihn majestätisch an . Das empörte jenen Musensohn aufs höchste , er sprang auf und rief : » Sie ! Sie fixiren mich ja immer noch . Wenn Sie Student sind , geben Sie mir Ihre Karte ! « » Die bekommen Sie nicht ! « schnaubte Jener mit ausgeworfener Nase . Er war jedoch sehr blaß geworden . » Was ? Erst fixiren und dann nicht Karte geben ? Das ist eine erbärmliche Kneiferei ! « Hier legte sich jedoch Leonhart energisch ins Mittel und nach üblichem Hin- und Hergerede erklärten sich Beide für Ehrenmänner . Während dieser lebhaften Vorlage am andern Ende der Tafel , welche hier und da durch die Klingel des Präsidenten Edelmann beschwichtigt wurden , hielt ein Individuum am entgegengesetzten Ende der Tafel einen unverdauten und unverdaulichen Vortrag über den » Begriff der Schönheit « . Es mummelte und murmelte ununterbrochen so fort , indem es in sein Weinglas stierte , und versicherte unablässig , daß » Schönheit der Einklang von Form und Inhalt « sei . Als dies Murmelthier schwieg , sprang Herr Rafael Haubitz auf und bewies in längerer Rede , die er stotternd hervorsprudelte , daß » die Begeisterung « ( » Begeiferung ? « fragte Leonhart seinen Nebenmann ) das eigentliche Prinzip der Poesie sei , wobei er auch wieder die alte Phrase herleierte , bei Chinesen und Negern sei das Schönheitsideal ein ganz anderes als bei uns . Er suchte sodann darzuthun , daß man den Begriff des Schönen in physiologische und associative Eindrücke zerlegen könne . So z.B. wirken , beim Hinaustreten aus einem Zimmer auf eine thauige Wiese im Morgenlicht , zuerst rein physiologisch das Licht , die Frische , das Grün : als angenehmer Sinneseindruck . Später aber trete das associative Gefühl hinzu : Licht und frische Luft sind gesund für jedes Lebewesen , das Grün aber wirkt schön , weil wir damit in der Erinnerung den Begriff einer blühenden Natur associiren . Warum würde ein grüner Mensch auf uns abschreckend wirken ? Weil wir einen solchen noch nie gesehen haben ( » Oho ! Grüner Junge ! « murmelte Leonhart ) und das Angenehme geselligen Verkehrs in unserer Vorstellung nur mit weißen Menschen associirt sei . Daher auch unsre Abneigung gegen Schwarze , die von diesen erwidert werde . Hier bemerkte ein zartes feines Stimmchen , einem mimosenhaften Jüngling angehörig , daß die Natur doch dann nicht schön wirken könne , wenn man sie durch eine rothe Glasscheibe betrachte . Sie wirke aber dabei nur befremdlich , keineswegs unschön . Nachdem dann noch ein furchtbar gelehrtes und bemoostes Haupt von 24 Jahren einen Discurs über die Undulationsschwingungen gehalten und Helmholtz ' Theorieen auf den Begriff des Schönen angewandt hatte , trat jetzt ein allgemeines Hin- und Hergerede ein , das der Präsident umsonst zu stoppen suchte . Jeder disputirte auf eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Theorieen über die Gesetze der poetischen Production . Da erbat sich Leonhart Gehör , und nachdem nothdürftige Stille hergestellt , begann er also : » Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen , sind über Vieles belehrt . Erlauben die Herrschaften nun , daß auch ich zu jeder einzelnen These meinen Genf gebe . Wir haben die uralte Prase gehört , Schönheit entstehe , wenn Form und Inhalt sich decke . Nun , in einem Menzel ' schen Bild oder etwa in Laibl ' s Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar d.h. sind von gleich origineller Häßlichkeit . Ist also auf diese Weise Schönheit entstanden ? Keineswegs . Aber ist darum diese meisterliche Häßlichkeit nicht kunstwerkmäßig ausgeführt ? Ja . « Nun gehört aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten Ästhetik , die von Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug zusammengeschwätzt hat , die thörichte Voraussetzung , die Kunst habe die Schönheit zum weck . Macbeth als Mörder ist ganz gewiß nicht » schön « . Vielmehr wird das Gleichgewicht der Schönheit d.h. der sittlichen Naturharmonie , erst durch die Zoten des betrunkenen Pförtners , also etwas an sich Häßliches , wieder hergestellt . Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst bezeichnen , so verlockt uns auch dies in Irrwege . Wahrheit soll sein der einzige Zweck der Wissenschaft , aber soll sein nur ein Mittel der Kunst . Der Fanatismus der Wahrheit führt uns naturgemäß zur Übertreibung und Karrikatur , also zur Unwahrheit , gerade wie etwa Atheismus zum Aberglauben führt . Die spitzfindigen Erzeugnisse von Ibsen sind wahr , aber nicht schön - und darum wirken sie kalt , blutlos , didaktisch , doctrinär . Nicht schön - fehlt da auch noch etwas Anderes : sie wirken zerrissen , fragmentarisch , wie ein höhnisches Fragezeichen . Es fehlt die Abrundung , der vollausgetragene innere Abschluß . Nun , welches Element möchte denn wohl das letztgenannte Kunsterforderniß hinzuleiten ? Denken wir an Schillers allgemeingehaltene Phrase vom » Wahren , Guten und Schönen . « Das Gute - das soll bedeuten : den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und des Herzens , der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die versöhnende innere Lösung findet , selbst beim zeitlichen Untergang des Guten . Eine gewisse Erhabenheit der Anschauung gehört unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu einem Kunstwerk höherer Gattung . Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schöne , oder vielmehr ist bereits das Schöne . So stellt der grausigste aller Romane , » Raskolnikow « , vollendete Schönheit dar , weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt . Die meisten Werke von Zola sind nicht schön und nicht kunstvollendet , weil sie mir theilweise wahr und gut sind ; » Germinal « und » L ' Assomoir « aber nähern sich der idealen Schönheit , weil sie viel Wahres neben einigem Unwahren und manches Gute , von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende , aufweisen . Ein anderes Gesetz der Schönheit , als das eben aufgestellte , giebt es nicht . Die sonstige » Form « ist etwas Sekundäres . Wie aber den Künstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen , welche das Wahre und Gute d.h. das Schöne erfassen und darstellen kann ? Meister Haubitz hat uns allerlei von » Begeisterung « vordeklamirt - ist ihm diese Dame vorgestellt ? Leicht möglich . » L ' enthousiasme est de tous les sentiments celui-ci qui donne le plus de bonheur « sagt Frau von Staël . Dieses Gefühl , welches » das meiste Glück giebt « , bezeichnet also den Grad höchster Extase . Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf , daß dieser Zustand bei Schöpfung eines Kunstwerkes anhalten könne ? Doch höchstens bei gewissen Hochmomenten . Wenn wir nun constatiren , daß durchdringender combinirender Verstand ebensosehr wie reiche Phantasie für echte Dichtung nothwendig erscheinen , wodurch der Begeisterungs-Humbug schon in sich zusammenbricht , so locken wir mit all dem keinen Hund vom Ofen für die Frage : Was ist der geheime Grundkeim des dichterischen Wesens ? Nun , meine Herrn , Meister Haubitz hat uns die fable convenue wieder aufgewärmt , die schon in Wielands » Abderiten « der Demokritos zum Besten giebt , daß die Schönheitsbegriffe eines Negers andere seien als die unsern . Allein , was kommt denn für uns bei dieser Prämisse heraus , was gewinnen wir mit dieser Beobachtung ? Nichts , denn sie gehört gar nicht hierher . Die äußerlichen und sinnlichen Schönheitsbegriffe sind allerdings verschieden ; das können wir , ohne fremde Welttheile zu behelligen , unter uns selbst beobachten . Der eine schwärmt für dicke Frauen , dem andern sind diese ein Horreur . » Was dem Einen sin Uhl is , is dem Andern sin Nachtigall . « Aber die Schönheitsbegriffe der Kunst , von denen doch hier allein die Rede ist , die Begriffe der intellectuellen und moralischen Schönheit waren zu allen Zeiten und unter allen Völker die gleichen . Was edel handeln heißt , weiß der Schwarze wie der Weiße , und was schlecht handeln heißt , ebenso . - Auch mit den physiologischen und associativen Eindrücken ist ' s eine eigene Sache . So erweckt eine rothe Wange uns Lustempfindungen , weil wir diese Röthe als Gesundheit deuten . Andrerseits aber kann eine rothe Wange das Zeichen der Schwindsucht sein . Sie erweckt uns also Peinliche Empfindungen . Gleichwohl wirkt eine rothe Wange unter allen Umständen auf uns als angenehm d.h. schön , weil diese lebhaftere Farbe die Eintönigkeit der Züge belebt . Außerdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst , welche bekanntlich die Züge verfeinern und gradezu vergeistigen kann , auf uns häufig als schön - allerdings nur auf den Gebildeten , auf den gröberen Sinnenmenschen nie . Der Begriff des Schönen ist also im letzten Grunde genommen ebenso abstrakt wie der des Guten - also voll physiologischen und associativen Einflüssen unbestimmbar . Aus diesem Grunde würde z.B. auf den Kunstgebildeteten eine lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schön wirken , auch wenn sie stumm und dumm wäre . Hingegen würde sie unter diesen Umständen bei einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken können , d.h. jene Schönheit besitzen , die alle Sinne gefangen nimmt . Das heißt also : die rein physiologisch als schön wirkende Schönheit - ja , wirkte sie auch wie die Venus associativ , all unsern Kunstanschauungen gemäß - wird nie als vollkommene , als absolute Schönheit wirken . Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort - so zwar , daß ein unschönes , weder physiologisch noch associativ reizendes Aeußere sich unendlich verschönert durch innere Vorzüge und eine anmuthig seelenvolle Frau auf die Dauer die Schönste besiegt , sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes hervorgerufen wird . Aus diesem Grunde war es ernst gemeint , wenn Alcibiades den Sokrates als » schönsten der Hellenen « bezeichnete Die Griechen faßten eben den Begriff der Schönheit in ihrem eigentlichen Sinne auf - eine Schönheit , welche man selbst durch lebhaftes Mitfühlen gleichsam ergänzt und mitschafft . Nun denn , dies ergänzende mitschaffende Gefühl für das Schöne d.h. das Wahre und Gute halte ich für den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung . - » Das Herz ganz voll von einer großen Empfindung « » Der Dichter darf nur schildern , was er liebt oder geliebt hat « - diese Worte Goethes seien Richtschnur . Dies Gefühl , das man philosophisch die Sympathie nennt - meine Herrn , ich erhebe mein Glas auf dies Eine , was den Dichter macht , die » weltumfassende Liebe . « Als er sein langes Pronunciamento beendet , verbeugte sich Leonhart plötzlich mit leichtem Auflachen : » Mahlzeit , meine Herrschaften ! Laßt ' s euch gut gehn ! « und verließ die verblüffte Versammlung , während ihm Lämmerschreyer nach einer eleganten Rundum-Verbeugung mit dem Ruf » Herr Doctor , Ihr Überzieher ! « dienstfertig nacheilte . » Der kommt wohl nicht wieder ! « bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann , welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkündendem Schielen unterm Tisch seinen Kneifer putzte . » Wie er sein Froschtalent größenwahnsinnig aufbläht ! « platzte Rafael mit ungewöhnlicher Heftigkeit los . » Er kann nicht ernst genommen werden . Welche unlöslichen Widersprüche , welche trostlose Unreife und erschreckliche Unwissenheit ! « Der Sagus des Nordens schüttelte majestätisch sein bemoostes Haupt und wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen . Ein Engel durchschritt lautlos das Zimmer . Es war , als ob ein Mehlthau sich auf die Blüthen dieses litterarischen Reform-Frühlings niedergesenkt hätte . Und doch hatte Leonhart ja gar nichts Verletzendes gesagt . Aber ein erdrückendes Gefühl von uneingestandener Ueberlegenheit dieses » Renommisten « beklemmte den freien Odem der stolzen Stürmer und Dränger . So drängen sich die Schafe ängstlich um den Leithammel zusammen , wenn der Löwe in die Herde fiel und sich ein Lamm von dannen trug . » Schändlich , schändlich ! Sehen Sie , Herr Graf , diese Vermöbelung im sogenannten Witzblatt Rempler . Das ist Tell ' s Geschoß , das ist Leonhart ' s grobe Klaue ! « Mit diesem Aufschrei tiefer sittlicher Entrüstung stürmten Haubitz und Edelmann in Krastiniks Stube . » Nun , nun , lassen Sie doch sehn ! « » Das dürfen Sie nicht auf sich sitzen lassen , hochverehrter Herr Graf , « rief der Edle-Mann mit dem Brustton der Ueberzeugung , indem er ihm ein Zeitungsblatt überreichte . » Doch nein , bewahren Sie ein würdiges Schweigen . Das ist vornehmer . Vornehm sein - darin liegt Alles . Seien wir vornehm ! « Krastinik las . Kavalier-Poesie . Es giebt eine gewisse Presse , die dem nicht mehr ungewöhnlichen Sport sich hingiebt , reiche und vornehme Leute , die in ihren Mußestunden der sogenannten Muse opfern , in die thätlich werdende Literatur hineinzuzerren . Solche bevorzugten Geister - sei es nun , daß sie umfangreiche Banquiergeschäfte betreiben , oder Villen in Italien oder sonstwo besitzen , sei es , daß sie sich des Prinzentitels oder doch wenigstens irgend einer andern hohen Geburt erfreuen - werden dann sorgfältig als » Dichter « präparirt . Sie bilden den » neuen hoffnungsvollen Nachwuchs « , welchen man den alten Berühmtheiten , vor denen man sonst auch unterthänigst katzbuckelt , mit triumphirendem Reklamegeschrei gegenüberstellt . Es wird daher leicht begreiflich scheinen , wenn gemeine Sterbliche , welche ohne den Vorzug des Reichthums und hoher Geburt als » Literaten « auftreten , solchen » neuen Byrons , « » deutschen Flauberts , « » Berliner Shakespeares « und vor allem jener gräßlichen Wereschagin-Sorte , die » zugleich ein Sänger und ein Held « die Unreife ihrer Produkte durch prahlerische Ich-Reminiscenzen verbrämt , mit grimmigem Mißtrauen begegnen . Nun , jetzt hat man uns den Dichter Xaver Graf von Krastinik entdeckt . Schon das Hervorheben seiner » vornehmen Weltabsonderung « - die trotzdem die betreffenden M.S. in die Hände der Recensenten fallen ließ - wirkte bedenklich . Wir kennen sie , diese großen Seelen , diese vornehmen Naturen , welche ihren Größenwahn in der Einsamkeit verstecken ( warum publiziren sie denn , da sie ' s ja » doch nicht nöthig haben ? « ) und nur mitleidig hier und da ein Wörtchen davon fallen lassen , daß der hochstrebende gedankentiefe Idealismus ihrer heimlichen Dichtersünden natürlich bei solchen Verlegern , Theaterdirektoren u.s.w. keinen Anklang finden könne . Diese » Vornehmheit « , wozu sich noch die bekannte Wereschagin ' sche » Bescheidenheit « ( diese frechste aller Streberlügen ) gesellt , verfehlt nicht ihren Zweck . Eine stets zu solcher Handlaugerei bereite Corybautenrotte trägt den neuen Götzen in die Arena und steckt mit frenetischem Hosianna natürlich die thörichte Menge an . Jetzt kommt der gewöhnliche Verlauf der Farce . Statt des » Schiller ' schen Gedankenfluges « erhalten wir elendige Coulissenrhetorik , mit raffinirtesten Bühnenmätzchen zugestutzt . Statt » byronischem Weltschmerz « die alten Affen des Titanismus . Aber es hält nicht lange . Der neue Schiller und weiß Gott was Alles und der dämonisch-byronische Hinker werden zum alten Eisen geworfen . » Des Kaisers neue Kleider . « Denn in Berlin ist alles nur Modesache . Man muß den Moment ausnützen , länger als zwei Jahre dauert ' s ja doch nie . Solche und ähnliche Befürchtungen konnten durch die Proben nicht zerstreut werden , die man uns aus Krastiniks Dichtungen bot . Dieselben waren theils ungenießhar , theils platt . Mit Recht hob allerdings ein Referent hervor , daß das Abwischen des Gesäß-Schweißes an seinem Trakehner nach einem Budapester Wettrennen , wie der Herr Graf dies in originell realistischen Versen schildert , von reicher Selbsterlebtheit zeuge . Nun , wir sind der denkbar größte Verehrer der Subjectivität . Aber , offen gestanden , scheint uns eine » Hymne an die Unsterblichkeit « , in der Dachkammer gedichtet , genau ebenso selbsterlebt und jedenfalls um 100 Procent gewichtiger . Man verstehe uns recht . Gegen dies Abwischen in erträglichen Versen haben wir gar nichts . Aber dergleichen uns als besondere Genialität vorzuführen - dagegen haben wir ungemein viel . Denn hieraus resultiert eine Spezies , die man am besten als » Kavalier-Poesie « bezeichnen möchte . Nicht wahr , für das in prosaischen Tagesarbeiten hinschlendernde Publikum muß es ja ungeheuer interessant sein zu hören , wie ein » Graf « hoch zu Roß durchs Leben dahinbraust ? Nein , mein werther Xaver Graf von Krastinik , daß Sie ein schöner Offizier und eleganter Sportsmann waren und davon , wie auch von etwaigen hochgeborenen und » gar nicht geborenen « Liebschaften , nicht uneben zu plaudern wissen - das macht Sie noch lange nicht zum Dichter , » zugleich ein Sänger und Held « . Aber daß Sie wirkliches und wahres poetisches Empfinden und Darstellungsvermögen besitzen , das erst adelt Sie zum Dichter . Doch ich erlaube mir den ganz ergebensten Vorschlag , den » Grafen « künftig auf dem Titelblatt wegzulassen . Es erweckt dies immer jenes ungünstige Vorurtheil , unter dem anfangs größere Dichter wie Sie : » Graf Platen « , » Graf Strachwitz « , und » Graf A. von Würtemberg « zu leiden hatten . Jaja , wenn wir mal ' was produciren sollten , so werden wir auf den Titel das Pseudonym » Arthur Graf Nirgendburg « setzen und unser Schloß verführerisch ausmalen . Wenn der biedere Recensent liest , wie der gnädige Graf auf Jagd gehn und leuteselig mit Dero Unterthanen verkehren so denkt Itzig : » Teufel noch mal ! Schloß Nirgendburg in der Grafschaft Nirgendheim - am Ende lädt er mich auch mal zur Jagd ein ! « Und der neue Heinrich von Kleist ist fix und fertig . Unser Krastinik - wir wollen ihn mal mit Weglassung seines Titels beehren - läßt sich nur in der freien Dienstzeit herab , mit der Bürgerjungfrau Poesie ein wenig zu scharmuziren . Ja , Herr von Krastinik - Sie gestatten mir den » Grafen « fallen zu lassen - arbeiten Sie recht fleißig wie andere gemeine Sterbliche und es kann noch was aus Ihnen werden - trotzdem man Sie als » Graf « entdeckt hat . » Nun , was sagen Sie dazu ? « Edelmann putzte wie gewöhnlich unterm Tisch seinen Kneifer , um als Maskirung schielend das Auge darauf zu richten , während er Krastiniks Gesicht beobachtete . » Gar nichts , « erwiderte der Graf kühl , ohne eine Miene zu verziehen . » Ich lege das Blatt ad acta . Er ist ungerecht , aber auch hier Zeigt sich etwas - wie soll ich sagen : Die Tatze des Löwen « . Und dabei blieb er , trotzdem Haubitz darin » den Zahn der Schlange « erkennen wollte . Aristokraten werden von Jugend an auf Lebensklugheit eingedrillt , gerade durch das Pflegen der äußeren Lebensformen und die stete dadurch erzeugte Selbstzucht . Halb aus Vornehmheit , halb aus Klugheit , beschloß Krastinik daher , seinen Groll zu verbeißen . Es reiste doppelt in ihm der Wunsch , diesen seltsamen Rempeler , der schon die halbe Welt beleidigt hatte , kennen zu lernen . II. » Gott , da sitzt der alte feudale Dondershausen ! « rief Leonhart entsetzt , dessen krankhafte Adels-Idiosynkrasie die echte Vornehmheit vieler Kreise des deutschen Militairadels nicht kannte und daher sich auch leider nie curiren konnte , er hat mich gesehn . Ertragen nur die Prüfung . - » N Abend , Herr Oberst . « Der alte Offizier z.D. grüßte schon aus der Ferne von seinem Marmortischchen im Café Bauer , wo er allabendlich stammgastete , mit der Hand . » Nur immer ' ran aus Biwak , mein guter Leonhart . - Lämmerschreyer ? Freut mich sehr . Sind Sie verwandt mit meinem alten Kameraden , General Lämmerschreyer ? Nicht ? schade . « » Ja , aber dafür ist er der Neffe des berühmten Malerheros Adolf v. Werther . « » O entzückt , das zu hören , mein guter Leonhart . Ah , Herr von Lämmerschreyer , wie gut müssen Sie da in die Berliner Gesellschaft eingeführt sein ! Fühlung mit allerhöchsten Kreisen ... « Der alte Soldat mit den graugesprenkelten Bartcotelettes sah danach aus , als ob er seinem Burschen die Benutzung des Stiefelknechts als Wurfgeschoß oft genug erläutert habe und seinen Haushalt nach militairischen Disciplinbegriffen regele . Gleichwohl trug er liberale Anschauungen zur Schau , seitdem er trotz seines Wiedereintritts in die Armee nach seiner Verwundung bei Bapaume das bewußte blaue Briefchen empfangen , - wie das öfters der Fall sein soll . Das hinderte ihn natürlich nicht , nach oben hin Patriotisch die Augen zu verdrehen . Seine Spezialität bildeten » Hohenzollernlieder « und » Kornblumenweisen « ; da ihn die bekannte Redseligkeit ausgedienter Militairs bewogen hatte , die Feder zur Hand zu nehmen . Er war eben ein » Idealist « von echtem Schrot und Korn , welcher auf Paul Heyse und Geibel schwor , auf die deutsche Frau minniglich toastete und sich für Heinrich voll Kleist begeisterte , sintemal derselbe von echtem altem Adel war . » Ich komme von den Meiningern , « hob er an , » aus dem Viktoriatheater . Diese Aufführung der Jungfrau von Orleans - pompös ! Bin einfach überwältigt . Wie herrlich hat Schiller die traurige Geschichte umgearbeitet und in ideale Verklärung gerückt ! Ich erinnere mich , wie wir vom I. Corps in Rouen einrückten , beim Feldzug gegen Faidherbe , meine Herrn . Auf dem Platz , wo die Pucelle verbrannt wurde , spielten unsre Musikbanden vor ihrer Bildsäule und unsre siegreichen blauen Jungen defilirten . Ein unvergeßlicher Augenblick , meine Herrn , wo wir Offiziere an das Vaterlandsdrama unseres großen Dichters gedachten , dem Frankreich die würdige Apotheose seiner Nationalheldin überließ , nach der abscheulichen Pucelle von Voltaire . « Er schien jedoch nicht auf eine gleichgestimmte Seele zu stoßen . Wenigstens bewies Leonharts Schweigen und Räuspern , daß keine verwandte Saite bei ihm berührt war . Endlich brach er los : » Na , offengestanden , Herr Oberst , da ist mir die Pucelle voll Voltaire doch noch lieber ! « Dondershausen fuhr ordentlich zurück . » Sehn Sie , Schiller hat sich überhaupt unfähig gezeigt , diese Idealgestalt in ihrer strengen Würde zu begreifen . Bei ihm ist Alles falsch und verzerrt . Die Weiblichkeit der makellosen Jungfrau sucht er in ihrer sinnlichen Verliebtheit . Und dabei läßt er den jungen Montgommery vergebens ihr Erbarmen anflehen , während in Wahrheit Johanna die Verwundeten pflegte und über die todten Feinde Thränen vergoß . Freilich , der sentimentale Quatsch in Schiller ' s Melodrama , der auf die Höhere Tochter bedeutende Rücksicht nahm , bezaubert den Mob . Was wäre Johanna für unsre Backfische , wenn sie sich nicht in Lionel verliebte und zwar beim ersten Blick auf Befehl des Herrn Dichters . Die arme Johanna ! Ach , sie war so weich wie heldenhaft , so bescheiden und so stolz - denn die Herrn Prinzen und Connetables wußte sie gehörig anzulassen , wenn sie nicht Ordre parirten . « » Hm , ich denke , sie war so faust und anspruchslos ... « » Ja wohl , in persönlichen Dingen . Aber daneben betonte sie in ihrer erhabenen Kindlichkeit doch stets ihr Allmachtsbewußtsein als Trägerin einer göttlichen Mission . Bei der Krönung zu Rheims , wo das eingeborene heimische Volksthum im Dauphin gesalbt wurde , stand sie in ihrer Rüstung , die Fahne in der Hand , allein am Altar neben dem König . Das ließ sie sich nicht nehmen , das nahm sie als ihr Recht von Gottes Gnaden in Anspruch . « » Ja , « meinte Dondershausen , um irgend etwas zu sagen ; er war so betroffen . » Da wurde der legitime König direkt von Gottes Gnaden gesalbt . « Leonhart brach in ein lautes Gelächter aus . » Mit heiligem Oel , nicht wahr ? Dieser Kotmensch in seiner allerhöchsten Erbärmlichkeit ! Und für den mußte die Himmelsgesandtin , vom Gottesgnadenthum ihres Genius umstrahlt , sich opfern ! « » Erlauben Sie , Herr Leonhart , « fiel der Oberst etwas erregt ein . » In Schillers Darstellung ... « » Na natürlich ! « Leonhart schlug mit der Faust den Tisch . » Edler König , der auf der Menschheit Höhen mit dem Sänger gehet ! Edle Agnes Sorel , Krone der Frauen ! Edler Herzog von Burgund , Stifter des goldenen Vließes , Blume der Ritterschaft ! « » Nun ja , Philipp der Gute hieß er doch ? « fragte Jener erstaunt . » Versteht sich . Der unritterliche Bube , der die bürgerliche Heldin den Engländern verschacherte , im selben Augenblick , wo er seinen Hohen Orden vom Goldenen Vließ zu stiften geruht ! An Lüderlichkeit kam er dem guten König Karl beinahe gleich , und wieviel dies sagen will , mögen die ermessen , die von dem Hirschpark dieses Vorläufers von Louis XV. wissen ! « » Wie , und das duldete die edle Agnes Sorel ? « » Ja , die wackre betitelte Metze , diese Vorläuferin der Pompadour , die ihrem königlichen Aushälter diesen Hirschpark unterhielt ! « » Ich bin starr . Konnte Schiller eine so grobe Geschichtsfälschung - « » Pah , der arme Schiller ! O ihr alle , ihr Lieben , seid charakteristische Schöpfungen des deutschen Idealismus ! Die Wahrheit wäre ja gemein , wäre unschön und außerdem - unklug . O nein , die Wahrheit ist halt erhabener und poetischer , als die Phrasen-Rhetorik schönfärbender Idealisten . Allerdings gehören starke Nerven dazu , um sie zu ertragen . Ich gestehe , die wahre Geschichte des edeln Marschall Rais , Marschall von Frankreich , dieses Teufels in Menschengestalt , der an der Seite der Jungfrau focht , ergötzt mich mehr als der symbolischmystische Schwarze Ritter . Jaja , wir wissen , daß dem nichtsnutzigen König und seinen hochadligen Maitressen eine verderbte Satanskirche und ein Stallbubenadel würdig entsprachen . Sie waren es wie immer , für die das brave Volk sich opferte und welche die Früchte seines Patriotismus einheimsten . Sie waren es , welche das Heldenmädchen , die Heilige Frankreichs , in ihrem genialen Wirken hemmten und endlich der Kreuzigung überlieferten . Es ist die alte Geschichte . « » Für mich eine neue Geschichte , « gestand Dondershausen verblüfft . » Sie rauben mir ja all meine Illusionen , Sie böser Mensch . « » So ? Das ist gesund . Ja , ich gestehe gern , ich bin ein böser Mensch . Seine Majestät Karl VII. , Seine Hoheit den Herrn Herzog von Burgund und andre erlauchte Wesen , an die ein niedriggeborener Plebejer wie ich nur mit Ehrfurcht denken sollte , möchte man noch nachträglich mit der Schärfe des Schwertes in Stücke hauen . Aber wenn man das Leben Jeanne d ' Ares , dieses kleinen Bauernmädels , vor sich aufsteigen läßt , dann vergießt man die bittersten Thränen . « » Sie können auch Thränen vergießen ? « fragte der Oberst ironisch . » Versteht sich . So sentimental sind wir Realisten - wir , denen es einen Hochgenuß bereitet , dreiste Unfähigkeit , gemästete Dummheit , strebende Schusterei mit unversöhnlichem Hohn und Grimm zu verfolgen , zu brandmarken , zu würgen . « » Na , na ! das wird ja gefährlich ! « Der Oberst z.D. rückte ordentlich vom Tisch ab . Leonhart aber fuhr begeistert fort : » Ach , um so leuchtender , verklärt in himmlischer Glorie , hebt sich von diesem höllendunkeln Hintergrund die Lichtgestalt des Engels ab , den der Weltgeist wie den Hirtensohn Isais erweckte zur Befreiung des Vaterlandes ! Die ganze Geschichte der Jungfrau liest sich wie das Evangelium Johanni . Sie erscheint als der weibliche Heiland der Menschheit . Grade das wirkt so unbeschreiblich rührend und herzbewegend , daß dies überirdische Geschöpf äußerlich stets das einfache Mädchen aus dem Volke blieb und die Schwäche ihres Geschlechtes nie verleugnete . Es mag Schopenhauerianer zum Nachdenken anregen , daß die reinste Heldengestalt der Geschichte ein echtes Weib gewesen ist . Als sie zum ersten Mal vor Orleans verwundet wird , fängt sie an zu weinen . Aber nur einen Augenblick , denn sie hat ihre Stimme vernommen . Ihre Stimme ! Die seichte Naseweisheit des naturwissenschaftlichen Materialismus hat sie