Schreck , halb mit Wonne vermutet , wenn die Zeichen nicht trügen ? Noch hatte sie ihm keine Andeutung gemacht ... Die Stunde war wohl vorüber . Schlichting war verstört und müde . Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei . Es war ihm , als müßte er sich zu Bett legen wie ein Kranker . Wer weiß ! Aber umsomehr wollte er den Kindern die versprochene Freude machen und ihnen die Briefe an die ehemalige Hauslehrerin Fräulein Flora Kuglmeier anfertigen helfen . Es war ihm jetzt so eigen , wenn er an Flora dachte , so unheimlich , so fröstelnd , wie wenn es in die Blüten schneit und ein rauher Winterswind durch den Frühling fährt , alles so kläglich unzeitgemäß und freudlos . Die Kinder sahen den Herrn Kandidaten mit verwundert fragenden Blicken von der Seite an . Er war heute ganz anders wie sonst . Das Gefühl seiner Bedrückung hatte sich ihnen mitgeteilt . » Ja , die Briefe , ach , die Briefe ! « riefen sie aufatmend . » Aber lustig müssen sie werden , sonst mag ich gleich gar nicht , « ergänzte Hermann . » Die Stunde war recht langweilig . Fehlt Ihnen etwas , Herr Schlichting ? Hat Ihnen Mama etwas Schlimmes gesagt ? « » O nein , wie kannst Du glauben , die Mama ! « begütigte Franz und machte sein drollig altkluges Gesicht , ohne den älteren Bruder anzublicken . » Nun , mein Gott , es gibt allerhand Unzukömmlichkeiten , wie Papa zu sagen pflegt . Aber das macht der Liebe - - « » Willst Du den Mund halten , Hermann ! « verwies ihn Schlichting streng . » Du sollst Vater und Mutter ehren , lautet das Gebot - und Du äffst die Redensarten der Eltern nach ! Wahrhaftig , ich würde mich schämen . « » Sie verstehen heute aber auch gar keinen Spaß , Herr Schlichting ! « suchte sich der Zurechtgewiesene zu entschuldigen . » Nein , zum Spaßmachen sind wir nicht da . « » Wir wollen recht schöne Briefe schreiben , « bemerkte Franz geschäftig einlenkend . Der kleine Eugen hockte in der Ecke am Tischchen bei seinem Spielkameraden Werner , dem jüngsten Söhnchen des Postoffizials vom vierten Stock . Als er vom Briefschreiben hörte und von Fräulein Flora , legte er das Bilderbuch weg . » Auch schreiben , auch schreiben ! « Bald saßen die Raßlerschen Sprößlinge über ihre Hefte und Tafeln gebeugt , mit wahrem Feuereifer die Entwürfe ihrer Briefe bearbeitend . Eugen war am ungeschicktesten und darum am aufgeregtesten . Er wischte immer wieder aus und bestürmte Franz mit Fragen . » Wie machst Du ' s ? Laß sehen , laß sehen ! « Franz wies ihn mit erhobenem Ellbogen und ungeduldiger Geberde ab ; er zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief und so nahe auf das Heft , daß Eugen nichts mehr sehen konnte . Eugen wurde ganz rot im Gesicht , seine Bäckchen glühten ; plötzlich ließ er die Arme mutlos sinken und brach in Schluchzen aus . » Herr Schlichting , kein Mensch hilft mir ... « Schlichtung fuhr aus seinen Gedanken auf . » Komm ' her , armer Kerl ; wart ' wir wollen zusammenhelfen ; unser Brief - na , die Andern werden gucken . « » O je , das wird was Rechtes werden , « spottete Hermann , ohne böse Absicht , » wenn Eugen dem Herrn Schlichtung an Fräulein Flora schreiben hilft . « Und er tunkte gravitätisch eine frische Feder ein , blickte dabei dem Franz über die Schultern - und als er unachtsam mit der Feder zurückfuhr , fiel ein schwerer Tintentropfen auf das Papier . » Nun hab ' ich gar einen Batzen gemacht . « » Eine schwarze San , « vergröberte Franz den Ausdruck ; » Sündenschuld ; warum läßt Du uns nicht in Ruh . « Dabei schrieb er wie wütend und rutschte halb vom Stuhl . » Meinetwegen , so schick ich halt auch die Sau an Fräulein Flora . « » Und sagst , es wär ' Deine Photographie , « spottete Franz schlagfertig . » Du thust Dich leicht . Ach Gott , ist das Briefschreiben schwer . Ich bin totmüde . « » Faulpelz ! « gab ihm Hermann zurück . » Ich bin weiter , als Du , gib acht ! « Der kleine Werner saß während dessen mit seinem tiefsinnigen blonden Köpfchen und seinem grauen Wollenwämschen mutterseelenallein in der halbdunkeln Ecke , die Händchen auf die Kniee gelegt , ein Bild der Insichversunkenheit . Das schwarze Mitzikätzchen schlich sich heran und rieb sich an seinen Beinen . Ein leises Lächeln ging über sein Gesicht ; dann ergriff er mit der einen Hand das Tier mit der andern das Buch und wollte dem Mitzikätzchen die Bilder zeigen . » Hu , der Bär , Mitzi , der Bär ... « Franz legte die Feder weg und ging zu dem kleinen Werner . » Du hast es gut , Werni , Du brauchst keine Briefe zu schreiben . Magst Du geigen ? Ja , wir wollen geigen , gelt ? Musizieren ist viel gemütlicher , als schreiben . « Er trällerte leise . » Die droße Deige ! « sagte Werner , ließ die Katze los und seine Augen leuchteten vor Vergnügen . Das Geigen war seine Passion . Beim Einschlafen und Aufwachen sprach er von der » droßen Deige « und bat die Mutter , ihn morgen wieder zu Eugen hinabgehen zu lassen , damit er auf der schönen » droßen Deige « spiele . Die Frau Postoffizial stimmte dem Wunsche ihres Lieblings zu : » Ei gewiß , morgen darf Werni wieder geigen und wenn er brav ist , bringt ihm das Christkind selbst noch eine Geige . « Morgen wahrte oft freilich eine ganze Woche , denn sie wußte , daß der Herr Kommerzienrat ihrem Kindersegen gram war und die Güte der Frau Kommerzienrat , von der sie schon so viele Beweise erhalten hatte , mochte sie nicht mißbrauchen . Raßlers Kinder , besonders Eugen und Franz , hatten den kleinen Werni oft heimlich , herabgeholt und ihn auf sein Leibplätzchen in der Ecke postiert . Da gab ' s Bilderbücher und Spielzeug in Hülle und Fülle , aber , seit er die » droße Deige « in die Hand bekommen , freute ihn die mehr , als alles übrige . » Nein , jetzt wird nicht gegeigt , das stört uns ! « rief Hermann vom Tisch herüber . » Nur ganz leise , « meinte Franz und nahm die Geige aus dem Kasten . Werner wagte es nicht , das Instrument zu berühren ; sein Herzchen pochte . Nun drückte ihm Franz den Bogen in die Hand und blinzelte ihm ermutigend zu . Ganz sachte , mit zitterndem Bogen strich er über die Saiten der vor ihm auf dem Tische liegenden Geige . Bei dem kaum erklingenden , bebenden Ton seufzte der kleine Werner auf vor unfaßlicher Wonne . Sein bleiches Gesichtchen strahlte . Wie anbetend hingen seine Blicke an dem Instrument ... » Mama , hör ' nur , wie die uns wieder stören , Franz thut heute gar nicht gut , « beschwerte sich Hermann , als Frau Leopoldine unter der Thür erschien . » Sie sind noch beschäftigt , Herr Schlichting ? « » Wir wollen nur einen Brief fertig machen , gnädige Frau . « » Mama , schau was ich geschrieben habe ! « fuhr Eugen auf und schwang stolz seine Schiefertafel . » Das schreib ' ich dann auf einen schönen Briefbogen ! « » Wenn nur die mit dem dummen Gegeig ' aufhörten , ich wäre schon fertig , « klagte Hermann wieder . Franz machte mit der Hand eine unmutige Bewegung gegen Hermann . » Was nicht gar ! Wir musizieren so anständig , Mama , daß man ' s beinahe nicht hört - und das nennt der ein dummes Gegeig ' - - ! « Ängstlich legte Werner den Fidelbogen weg und stützte seine Händchen aufs Knie . Sein Gesichtchen nahm wieder den scheuen , nachdenklichen Ausdruck an , das Grübchen im kleinen , runden Kinn zitterte . Die Frau Kommerzienrat hob den kleinen Musikanten auf den Arm . Wie ein verschüchtertes Vögelein huschelte er sich an ihre Brust . Sie nahm die Geige dazu : » So , mein Kind , Du unschuldiger Störenfried , jetzt gehst Du mit der Geige heim und musizierst so viel Du willst . Morgen kommst Du wieder , ja ? « Mit offenem Munde sah Hermann seiner hinausschreitenden Mama nach . » Nein , ist das komisch , « bemerkte er kopfschüttelnd und schob Herrn Schlichting sein Schreibheft hin . » Nimm wieder Platz , Franz , wir wollen nun hören , was jeder geschrieben hat . Hermann , wird uns zuerst vorlesen ! Wozu ich bemerke , daß es niemals komisch ist , was immer eine Mutter thun oder sagen möge - verstanden , Hermann ? « Franz protestierte dagegen , daß Hermann zuerst vorlesen sollte . Wer zuerst fertig gewesen , der habe auch das Recht zuerst gehört zu werden - und das sei er ! Das Alter mache gar nichts aus , wenngleich Hermann immer so gewaltig thue , weil er fingerslang älter sei . Hermann möchte überhaupt schon den großen Herrn spielen und im Haus kommandieren ! » Der Klügere gibt nach , « maulte Hermann , fügte aber gleich herausfordernd hinzu : » Herr Schlichting , so befehlen Sie dem Franz , seine Schmiererei zuerst vorzulesen . « » Oho , Schmiererei , da muß ich bitten ! « rief dieser und stellte sich mit seinem Blatt in Positur , nachdem ihm Schlichtung mit stummem Nicken das Zeichen zum Anfang gegeben . » Liebes Fräulein Flora ! Ich will Ihnen ein paar Zeilen schreiben , weil heute Nachmittag Gottlob keine Schule und Herr Schlichting sehr gut ist . Ich thue den ganzen Tag nichts als in die Schule gehen , lernen , schreiben , essen , schlittenfahren . Schlittenfahren hat jetzt aufgehört , weil der Frühling angefangen hat . Geigen hat jetzt auch aufgehört , weil mein Lehrer Herr Kellermann einen bösen Arm bekommen hat . Das kann noch lange dauern . Ich mache mir nichts daraus . Neulich ist ein sehr schöner und lustiger Tag gewesen . Wir durften auf den Maierhof gehen . Bis an die Eisengießerei sind wir gefahren . Wir hatten ein ländliches Mahl bei der Hofbäuerin , da gab es Bier , Brot , Käse und Butter , auch Milch , süße und saure , das schmeckte uns vortrefflich . Von der Hofbäuerin bekamen wir Haselnüsse mit nach Haus , und weil Eugen gar zu gern gelbe Rüben wollte , bekamen nur auch diese - - « Hier unterbrach Eugen : » Weiße Rüben habe ich haben wollen , keine gelben . « Franz : » Freilich , aber die gelben schmecken besser und Fräulein Flora mag auch die gelben lieber , als die weißen , darum habe ich gelbe Rüben geschrieben . « Schlichting : » Das ist sehr liebenswürdig von Dir , daß Du auf den Geschmack von Fräulein Flora Rücksicht nimmst , allein Wahrhaftigkeit steht höher als Liebenswürdigkeit , mithin hat es bei den weißen Rüben zu verbleiben . « Franz besann sich einen Augenblick , dann machte er einen dicken Strich durch den Satz . » Wenn es keine gelben Rüben sein sollen , lasse ich die Rüben überhaupt ganz weg . « Schlichting : » Diese Wahl steht Dir frei . Weiter ! « » Der Hermann ist halt wie zuvor , doch nicht mehr ganz so böse - - « Hermann : » Da fehlt der Übergang von den Rüben zu mir . Was Du von mir sagst , ist mir gleichgültig . « » Ich weiß keinen Übergang . Ich will nicht verraten , daß Du einige Rüben stibitzt hast und sie dem hochwürdigen Herrn Beichtvater in den Rock gesteckt . « » Weiter ! « mahnte Schlichting . » Eugen ist recht brav . Er hat einen Schulsack von schwarzem Leder aus den Rücken bekommen . Der Herr Baron hat gesagt , er trägt ihn so stramm wie ein Soldat den Tornister - « Schlichting : » Ich bitte , den Herrn Baron zu streichen ; Fräulein Flora interessiert sich nicht für ihn und für das , was er gesagt hat . « » Woher wissen Sie das ? « fragte Hermann und blickte den Hauslehrer scharf an . » Woher ich das weiß ? Was kümmert Dich das ? Ich rate , den Herrn Baron aus dem Spiele zu lassen ; er gehört nicht in den Brief . « » Dann muß ich ihn gleichfalls streichen ? In meinem Brief steht er auch . « » Du thust mir einen Gefallen . Weiter , Franz ! « » Von Postoffizials Fanni habe ich ein schönes Einmerkerl bekommen , worauf steht : Aus Liebe und mein Name . Es ist sehr fein gestickt , rosa und grün . « Eugen , der mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhörte , bemerkte hier : » O , die Fanni ist gut , sie hat mir zwei Kartennetze und einen Bilderbogen geschenkt . Soll ich das dem Fräulein nicht auch schreiben ? « » Natürlich schreiben wir das dem Fräulein auch . « Worauf Hermann : » Damit sie sich ein Beispiel daran nimmt und Dir aus Italien auch etwas schickt . Eigentlich ist es sonderbar , daß sie uns erst zweimal geschrieben und noch gar nichts geschickt hat , außer ein bischen Lavasand vom Vesuv neulich . Neujahr wäre doch eine schöne Gelegenheit gewesen , nicht wahr , Herr Schlichting ? « » O , die bringt es selber mit . In Italien wird das Schicken recht schwer sein , « beruhigte Franz . » Wartet nur , bis sie wieder kommt . Fräulein Flora kommt gewiß nicht mit leeren Händen ; ich wette , sie bringt etwas mit . « » Das wollen wir hoffen , « schnitt Schlichting weitere Abschweife ab . » Und nun komm ' rasch zu Ende , Franz . « » Unsere Gusti hat von Mama zu ihrem Namenstage eine Kapuze bekommen , wie die Ihrige , aber anders , Mutter und Vater sind wie sonst , nur der Vater ist noch dicker geworden - - « » Unsinn ! « rief Hermann dazwischen . - - » dicker geworden und die Mama ist manchmal traurig . « » Das läßt Du besser weg , Franz , « bemerkte Schlichting . Franz schüttelte den Kopf : » Die Rüben bleiben weg , Vater und Mutter bleiben auch weg , da bleibt nicht mehr viel übrig . « » Was hast Du sonst noch geschrieben ? « fragte Schlichting den nachdenklich gewordenen Knaben . » Ich habe geschrieben , daß wir Zeitlang nach dem Fräulein haben und daß wir uns freuen , wenn wir sie bald wieder sehen - « » Das ist brav , Franz . Nun schreibst Du noch dazu : Auch Herr Schlichting wird sich von Herzen freuen , Fräulein Flora einmal zu sehen , am liebsten würde er zu ihr nach dem schönen Italien reisen , aber er hat jetzt keine Zeit und kein Geld , eine so weite Reise zu machen . Und dann viele Grüße von ihm und von uns allen . So , mach ' das noch . Der Brief ist ganz nett und wird sie freuen . « » Warum schreiben Sie nicht selbst an Fräulein Flora , Herr Schlichting ? « fragte Hermann . » Das heb ' ich mir für später auf . Jetzt genügt es , daß Ihr schreibt . Sie hat ja auch nur an Euch geschrieben , nicht an mich . « » Also , nun komm ' ich an die Reihe ! « Die Frau Kommerzienrat öffnete die Thür : » Auf ein Wort , bester Herr Schlichting , verzeihen Sie die vielfache Störung ! « Das war wieder der tiefe Seelenlaut , der ihm zu Herzen ging wie der Notschrei am unvergeßlichen Abend ; wieder begleitet von einem Blick und einer Bewegung , welche die schmerzlichste Überraschung erwarten ließen . » Tat-twam asi ! « Warum kam ihm das so plötzlich wieder in den Sinn wie ein Ton , der unvermutet im Ohr anklingend , ein ganzes schluchzendes Miserere weckt ? » Legt die Briefe in die Mappe , Kinder , bis zur nächsten Stunde . Adieu ! « Schlichting folgte der erregten Frau ins Vorzimmer . » Aller Selbstbeherrschung zum Trotz , ich kann nicht mehr zur Ruhe kommen , Herr Schlichtung . Es ist wie ein schrecklicher Wirbeltanz , in den ich immer wieder hineingerissen werde . Soeben erzählte mir die Frau Postoffizial , sie habe von einer Bekannten gehört , im Hause des Preßbanditen habe es einen großen Skandal gegeben , der Preßbandit sei in seiner Stube überfallen und fürchterlich zugerichtet worden . Zu gleicher Zeit habe man Sie aus dem Hause gehen sehen . Man bringe mich und Sie mit dem Überfall in Zusammenhang ; Sie hätten in meinem Auftrag den Menschen halb todtgeschlagen . « » Ja , hätte ich das nur ! « lächelte Schlichting bitter . » Es wäre gewiß uns beiden wohler . Leider ist mir das nicht geglückt . Beruhigen Sie sich , gnädige Frau . Hat es ein Anderer besorgt , Gott segne ihn ! Ich weiß von nichts . « » Wer könnte dieser Andere sein ? Der Herr Baron ? Ich wag ' es nicht zu denken . Wenn ich es auch seinem leidenschaftlichen Ungestüm zutraute , so wäre es doch noch mehr zu beklagen , denn es verschlimmerte die Sache heillos , würde ich mit ihm im Zusammenhange des Attentates genannt . Hat er sich vielleicht gerade darum zurückgezogen , um diesen Plan auszuführen und mich an den Banditen zu rächen ? Rätsel über Rätsel ! Wie kann ich da Ruhe finden ? « » Was auch geschehen sein möge , gnädige Frau , direkt haben wir beide nichts damit zu schaffen . Ich erinnere Sie an Ihr Wort von vorhin : Mag werden , was da will ... Beruhigen Sie sich , wir sind ohne Schuld . Ich denke , wir können den Dingen ihren Lauf lassen und abwarten . « Gusti kam herein : » Gnädige Frau , die Dame mit dem Tituskopf ist wieder in München ; sie ließ vorhin ihre Karte abgeben . « » Sie haben Recht , Herr Schlichting , « sprach Frau Raßler lauter und mit Betonung : » Wie immer haben Sie Recht ; ich danke Ihnen . « Indem sie ihm die Hand reichte : » Also bis zur nächsten Stunde ! Leben Sie wohl ! « Sich an die im Hintergrunde wartende und beobachtende Gusti wendend : » Für die Dame mit dem Tituskopf bin ich niemals zu Hause . « Bertha Hohenauer war gemeint . Gusti stutzte . » Jawohl , gnädige Frau . « Und für sich : » Das heißt Fraktur gesprochen . Was nur da wieder dahinter stecken mag ! « Vor wenigen Tagen erst war Bertha von einem längeren romantischen Aufenthalt in Berlin zurückgekehrt . Sie wollte sich ganz stille in München wieder einrichten . Wie sie die Stille verstand , zeigte das Inserat , das sie am zweiten Tag in die Neuesten Nachrichten einrücken ließ : » Amusement . Feine Dame sucht Herrn zum Vierhändigspielen u.s.w. Exp . Nr. 169015 . « Schlichtung ging nach Haidhausen hinüber , wo er mit dem Bildhauer Achthuber im Hofbräuhans-Keller zum Abendbrod zusammentreffen wollte . Der Gedanke gewährte ihm einige Befriedigung , daß der Auswürfling von einem Preßbanditen den Rechten gefunden habe . So rächt sich früher oder später jede Schuld . Doch gelüstete ihm jetzt nicht , Näheres zu erfahren . Achthuber erschien nicht . Nach einem appetitlos verzehrten Imbiß ging er in die Gasteig-Anlagen . Sein Kopf schmerzte ihn . Er ließ sich auf einer einsamen Bank unter einer Gruppe , von jungen Eichen nieder . War er eingeschlummert in der Stille der Dämmerung ? Als er sich erhob , war es später Abend geworden . Millionen Lichter funkelten vom Himmel hernieder . Aus dem Thal rauschte die Isar herauf . Fröstelnd trat er den Heimweg an . Als er hinter der Grütznervilla den Hügel hinab wollte , rief ihn eine Gestalt an , die auf der dortigen Bank kauerte . Er trat näher . Es war ein altes , zerlumptes Weib , mit einer weißen Binde mitten im Gesicht und einem Korb auf dem Schoß . » Was wollt Ihr von mir ? « » Hihihi , schöner Herr , ein Bettelweib , das läßt man hocken , da geht man vorüber . Wär ' ich noch jung und sauber , ging zu dieser Stunde kein Mannsbild gleichgültig an mir vorbei . Ich hab ' s erfahren . Da gab ' s Blicke und Worte und Anträge , nicht wahr , schöner Herr ? Eine alte Hexe freilich , hihihi , da drückt man sich . Die kann der Teufel holen . « » Was fehlt Euch , Frau ? « » Hihihi , die Nase fehlt mir . Oder sie fehlt mir auch nicht . Ich hab ' sie nur am unrechten Platz . Ich hab ' sie hier im Korb . « Sie nahm ein Papierpäckchen heraus , wickelte es auseinander und hielt Schlichting ein unförmliches , blutiges Stückchen Fleisch hin . » Sehen Sie nur her , schöner Herr , das ist eine Nase , war eine Nase , eine feine Nase , aber sie hatte den Krebs , und heute hat man sie mir im Haidhauser Spital aus dem Gesicht geschnitten . Hihihi ! « Entsetzt wandte sich Schlichting ab . Das war zu grauenhaft ... Er lief den Weg zurück ... Immer mehr Sterne beschienen den nächtigen Pfad - und der nasenlose Mond ... Sollte er den leuchtenden Welten da droben einen Gruß hinaufsenden , er , der Einsame , der Leidende , der Zeuge so vieler Scheußlichkeiten ? Was wußten sie von Menschenleid ! An dieser Stelle war es , wo er neulich von der Brücke aus das glänzende Meteor gesehen , einen Boten himmlischen Lichtes in tiefdunkler Nacht . Wie anders würde er ' s heute deuten ! Ein kurzes Aufflackern . Glühen und Leuchten , ein Freuden-oder Weheschrei ist alles Dasein . Dann wieder Nacht und Schweigen und ewiges Vergessen . Das ist die Deutung unseres Loses . Tat-twam asi . Es ist nichts . Und wie er milden Fußes über dir Maximiliansbrücke ging , klangen ihm zum Rauschen der Isar die Worte des persischen Dichters in die traurige Seele : Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen , Sei nicht in Leid darüber : es ist nichts ! Und hast du einer Welt Besitz gewonnen , Sei nicht erfreut darüber : es ist nichts ! Vorüber geh ' n die Schmerzen wie die Wonnen , Geh ' an der Zeit vorüber : es ist nichts ! Ein unsagbares Grauen vor allem Menschlichen , wie er ' s nie gefühlt , hatte ihn erfaßt . Die abgeschnittene Nase der verrückten Vettel ... Ja , es ist ein elend , jämmerlich Ding um alles Lebendige ... Er bog rechts in die Mühlgasse ein . Wie die wie wahnsinnig arbeitende Hofsägemühle mit ihrem kreischenden , schneidenden Pschßpschß ihm die Ohren zerriß und durch Mark und Bein ging ! Früher hatte er dieses höllische Sägen und Schneiden kaum wahrgenommen . Alles bereitete ihm jetzt Schmerz . Er eilte heimzukommen in seine stille , dunkle Kammer ... Kommerzienrat Raßler hatte heute länger als gewöhnlich sich in die Lektüre der Zeitungen vertieft . Die Artikel » Zur Sanierung der königlichen Kabinetskasse « , die sich nun schon seit Wochen bandwurmartig durch die Neuesten Nachrichten wanden , hatte er seither kaum beachtet . » Das ist Kurpfuscherei , « sagte er ; » auch ist die Kassa gar nicht krank , ganz wo anders sitzt das Übel und zwar an einer Stelle , wo überhaupt kein Arzt hinkommen kann . Die Kasse hat ein böses Loch , das ist wahr , aber das verstopft man nicht mit Zeitungspapier . Das geht bloß das königliche Haus an und da hat sich kein Unberufener einzudrängen . Das sind Familienangelegenheiten , die nicht in die Öffentlichkeit gehören ; die Prinzen werden schon wissen , was sie zu thun haben . Sie sollen ' s nur machen , wie ich ' s mit meinem Neffen gemacht habe . Aber freilich , Unzukömmlichkeiten sind da nicht zu vermeiden . Man muß keck zugreifen . « Nachdem jedoch auch die Berliner und Frankfurter Blätter Betrachtungen über die bayerische , Kabinetskasse anstellten und lange Auszuge mit allerhand Glossen aus den Sanierungsartikeln brachten , faßte der Kommerzienrat die Sache schärfer ins Auge ; heute zum erstenmal hat er einen solchen Artikel ganz gelesen und sich bemüht , seinen Inhalt zu durchdringen . Er glaubte das seiner Stellung als Münchener Finanzgröße schuldig zu sein . » Eine verwickelte Geschichte . Der König baute eben , wie er aus Geschäft kam , meinen alten Biswanger haben sollen . So ein junger Monarch ohne volkswirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse und den Kopf voll Wagelaweia ... ein kompletter Phantasiemensch ... « Er griff nach einem anderen Blatt . » Nein , jetzt wächst mir die Volkswirtschaft selber zum Hals heraus . Wie diese armen Schlucker von Zeitungsschreibern mit ihrer Finanz-Gescheidigkeit sich aufspielen , übersteigt alle Begriffe . Das ist heute nun schon der dritte Artikel über das Thema mobiles Kapital und Grundbesitz ... Ich wette , daß der Schreiber weder Kapitalist noch Grundbesitzer ist , also gar keinen Dunst von der Sache hat . Wer etwas hat , der hält ' s zusammen und macht keine Redensarten , und wer nichts hat , der schaue , daß er etwas bekomme , inzwischen kann er mir mit seiner Weisheit gewogen bleiben . Übrigens lese ich da doch einen guten Satz : Einstweilen ist die übliche Schimpferei auf die Kuponsabschneider und die Rentenbesitzer , welche angeblich vom Schweiße der ehrlichen Arbeit leben , geradezu eine Lächerlichkeit . Natürlich ist sie das . Das habe ich meinen Leuten immer gesagt , wenn sie mir mit ihren sozialdemokratischen Flausen gekommen sind . Der Eine muß im Schweiße seines Angesichtes seine Renten erarbeiten , der Andere muß im Schweiße seines Angesichts seine Renten verzehren . Ich sehe da keinen so großen Unterschied ... Hier schon wieder ein Wischiwaschi-Artikel : Die volkswirtschaftliche Mitleidenschaft des Rentenkapitals . Das ist der Zeitungsgenuß in einer Kunststadt ! Als ob sich die Kerls das Wort gegeben hätten , von nichts anderem zu schreiben , damit ja diese Dinge dem unzufriedenen Volk immer im Kopf herumgehen , bis sie an gar nichts anderes mehr denken und die rote Drehkrankheit kriegen und ihr bischen Verstand vollends verlieren . Alle besseren Empfindungen sterben ab , wenn die Menschen immer an den Geldsack denken . Wo will denn das noch hinaus ? Wer keine Kinder hat , dem kann , schließlich die ganze Lumpenkomödie Wurst sein , wenn doch einer den andern auffrißt - wer aber Kinder hat , der besinnt sich , solche brennende Fragen ins Volk zu schlendern , die niemals gelöst werden können , so lange der Menschheit Besitz und Eigentum noch heilig sind . Wer an das Gut meiner Kinder tastet , Kapital , Fabrik , Grundbesitz , den schlag ' ich nieder : das ist meine Sozialpolitik ... Hier ein Artikel über Das Wohnungselend der arbeitenden Klassen . Den les ' ich nicht . Schade für die Druckerschwärze . Jeder wohnt halt so gut oder schlecht als es seine Verhältnisse erlauben . Daran ändert keine Salbaderei etwas . Nach der Bibel hatte Jesus Christus nichts , wo er sein Haupt hinlegte . Und er war Gottes Sohn ! Wir sind nur armselige , Menschen . Gottes Sohn war eigentlich obdachlos und wenn er heutzutage und in Bayern lebte , wäre er in schöner Verlegenheit , wenn ihn ein Gendarm nach seinem Unterstand und seinen Existenzmitteln fragte . Dagegen bewohnt sein dermaliger Stellvertreter auf Erden , der Papst in Rom , einen Palast , der elftausend Wohngemächer enthält , und erfreut sich einer Jahreseinnahme von mehreren Millionen . Man spricht jetzt wieder so viel von praktischem Christentum . Ich sehe aber nicht , daß es die Wortführer desselben anders als wir treiben . Also möge man uns in Ruhe lassen . « In einem andern Blatte fand er einen Aufsatz » Volkswirtschaft und Schule . « Der kam ihm über alle Maßen lächerlich vor . » Also die Schulkinder möchten ' s auch schon mit ihren Theorieen verhetzen . Großartiger Fortschritt ! Wenn jetzt zum Beispiel der Schlichting da hinten , ein gutmütiger und gelehrter Bursch , der keinen roten Heller von Haus aus hat , meinen drei Söhnen seine Volkswirtschaft auskramen wollte ! Das wär ' ja so dumm , daß eine alte Kuh den Lachkrampf kriegen mußte . Solchen Schulmeistern wollt ' ich aber heimleuchten . Ei , da kommt ja eine Musterlektion , die muß ich des Spaßes halber doch lesen . Hören wir ! « Raßler pflegte Geschriebenes oder Gedrucktes , das er rasch seinem Verständnis näher bringen wollte , sich halblaut vorzulesen , um mittelst des Ohres sich die Auffassung zu erleichtern . In eintönig singender Weise las er folgendes : » Für wenige hundert Mark erwirbt jemand eine Bodenfläche , abseits gelegen und wenig fruchtbar , ohne sonderlichen Wert für irgend einen Zweck . Einige Zeit später wird durch Neuanlage einer Straße , einer Eisenbahn , eines Kanals jene Gegend dem Verkehr erschlossen . Die Stadt dehnt sich nach jener Richtung hin aus und der Wert des Grundstücks wächst mit jedem Jahre . Bald ist die jüngst noch wertlose Fläche ein vielbegehrter Baugrund und der Eigentümer