mit jenem süßen Hauch , der das starre Eis zu rinnenden Thränen zwingt , der die Schneelast von Baum und Strauch löst , und ein wundersames Regen in allem weckt , was da lebt und webt , auch im Menschenherzen - es war Tauwetter im Anzuge ... Und weich wie die Luft lag auch das erste Abenddämmern auf der Gegend ; die harten , unvermittelten Töne der winterlichen Tagesbeleuchtung erloschen zu einem einzigen milden Grau , aus welchem bereits da und dort das Lampenlicht vereinzelter Dorfhäuser auftauchte . Und dort zur Rechten flimmerte es , als liege eine Perlenkette in schwach goldigem Glanze zu Füßen der alten Nußbäume - die ganze Fensterreihe des Prinzenhofes war beleuchtet , die Verlobungskerzen brannten ... Sie drückte sich tief in die Wagenecke , und erst als der Kutscher von der Chaussee ab in den Fahrweg nach der Fabrik einlenkte , und der Prinzenhof im Rücken liegen blieb , da sah sie auf , scheu und ungewiß , fast wie ein furchtsames Kind , das sich zu vergewissern sucht , ob eine unheimliche Erscheinung auch in der That verschwunden sei . Der Großpapa empfing sie mit freudigem Zuruf , und bei dem Laute der lieben , rauhen Stimme raffte sie sich auf und suchte möglichst unbefangen seinen Gruß zu erwidern . Aber der alte Herr war heute auch ernster als sonst . Zwischen seinen Brauen lag ein Zug finsteren Grolles . Er rauchte nicht , seine Lieblingspfeife lehnte kalt in der Ecke , und nachdem die Enkelin Hut und Mantel abgelegt , nahm er seine Wanderung durchs Zimmer , welche sie durch ihre Ankunft unterbrochen hatte , wieder auf . » Ja gelt , wer hätte das gedacht , Maikäferchen ? « rief er plötzlich vor ihr stehen bleibend . » Ein Narr , ein vertrauensseliger Schwachkopf ist dein alter Großvater gewesen , daß er die Augen nicht besser aufgemacht hat ! Nun kommt das wie ein plötzlicher Hagelschauer aus blauem Himmel über einen her , und man steht da wie in den April geschickt , und muß die Bescherung hinnehmen und Ja und Amen dazu sagen , als wenn man ' s gar nicht anders erwartet hätte . « Sie schwieg und sah zu Boden . » Arme Kleine , wie verstört und elend du aussiehst ! « sagte er , indem er die Hand auf ihren Scheitel legte und ihr Gesicht der Lampe zuwendete . » Nun , ein Wunder ist ' s nicht ; Schwerenot noch einmal , das ist mehr als genug , um einen alten Kerl wie mich außer Rand und Band zu bringen ! Und du verbeißest es und trägst es still und tapfer ! ... Herbert sagt , wie ein Mann , ein braver , mutiger Kamerad habest du neben ihm gekämpft . « Sie wurde feuerrot und sah ihn an , als schrecke sie aus einem Traume empor . Er sprach von den Enthüllungen in ihrer Familie , während sie gemeint hatte , sein Groll gelte Herberts Verlobung ... Es stand schlimm um sie ! So ausschließlich beherrschte sie der Gedanke an das , was zu dieser Stunde drüben im Prinzenhofe vorging , daß alles andere daneben spurlos versunken war . » Aber , nun paß auf , Kind ! « hob er wieder an . » In der Kürze wird man uns in unserem guten Krähwinkel auf das Allerschönste zerzausen . Die Klatschbasen haben vollauf zu thun , und es soll mich nur wundern , wenn sie nicht den Ausrufer auf den Markt schicken und die pikante Geschichte , so da geschehen im Hause Lamprecht , ausschellen lassen ... Na , thut nichts ! Um das Gerede in der Stadt hab ' ich mich mein Lebtag nicht gekümmert , und die Sache an sich wird ja wohl auch zu ertragen sein ; nur eines verwinde und verzeihe ich nicht - pfui Teufel , über die Feigheit , die Grausamkeit , mit der ein Vater sein Kind verleugnet und - « » Großpapa ! « unterbrach ihn Margarete flehentlich bittend und legte ihre Hand auf seinen Mund . » Nun , nun , « brummte er und schob die kleinen kalten Finger von seinem Schnauzbarte , » ich will still sein , um deinetwillen , Gretel . Ich will dir auch das Leben nicht sauer machen mit ungewünschten Ratschlägen und zudringlichen guten Lehren ; denn du wirst selbst am besten wissen , daß ihr viel gutzumachen habt an dem kleinen Burschen , der euch ins Haus gefallen ist , und auch an dem armen Kerl , dem alten Lenz . Möcht ' nur wissen , wie der ' s fertig gebracht hat , nicht mit beiden Beinen hineinzuspringen in die Geschichte und von dem - na , von deinem Vater , gleich zu Anfang das klare Recht für den Jungen zu fordern ! Na ja , ein Künstler , eine stille Mondscheinnatur ; wie soll da der Ingrimm , die Empörung hineinkommen ! « - Die Frau Faktorin hatte einen schönen Abendtisch hergerichtet ; aber Margarete konnte nicht essen . Sie bediente den Großpapa und sprach lebhaft dabei , und nach Tische stopfte sie ihm eine Pfeife . Dann packte sie seine Bücher in eine Kiste und trug alles herbei , was sich zur morgigen Fahrt nötig machte . Sie lief treppauf , treppab , und da blieb sie plötzlich an einem Fenster der unbeleuchteten Oberstube stehen und preßte beide Hände gegen die Brust , in welcher das Herz zu zerspringen drohte . Fast greifbar nahe blitzten dort die hohen , lichtfunkelnden Fenster des Prinzenhofes durch das Nachtdunkel herüber , und bei diesem Anblick brach der letzte Rest von Selbstbeherrschung , den sie mit fast übermenschlicher Kraft dem Großpapa gegenüber behauptet hatte , in ihr zusammen . Mit einem Jammerlaut aus tiefster Brust warf sie sich auf das nahestehende Sofa und wühlte das Gesicht in die Polster . Da zogen sie nun sieghaft an ihr vorüber , die Bilder , denen sie hatte entrinnen wollen ! Sie sah frohe , glückliche Menschen in den blumendurchdufteten , strahlenden Räumen des kleinen Schlosses , sah vor allem die Braut , die blonde Schönheit , die das Fürstenblut in ihren Adern nicht geltend machte , die ihren stolzen Namen aufgehen ließ in dem eines bürgerlichen Beamten um ihrer Liebe willen . Und er daneben - sie sprang auf und floh aus dem Zimmer . Drunten saß der Amtsrat in seiner Sofaecke hinter dem Tische . Er war offenbar ruhiger geworden , denn er las die Zeitung und rauchte seine frischgestopfte Pfeife . Margarete griff nach ihrem Mantel . » Ich muß einen Augenblick in die frische Luft hinaus , Großpapa ! « rief sie von der Thüre her dem Lesenden zu . » Geh du , Kind , « sagte er . » Wir haben Südwind , der löst die Spannung in der Natur und ihren Kreaturen und macht vieles gut , was der Mosje Isegrimm vom Nordpol her verbrochen hat . « Sie ging hinaus , an dem Teich vorüber , der , hartgefroren unter seiner Schneedecke , kaum vom Wege zu unterscheiden war . In den Fabrikräumen brannte längst kein Licht mehr - es war still im Hofe , und nur der grimme Kettenhund kam aus seiner Hütte und schlug an , als die junge Dame das Thor passierte . Draußen über die Felder her sauste der Tauwind , der in der hereingebrochenen Nacht allmählich zum Sturm anwuchs ; er zerwühlte das unbedeckte Haar der Dahinschreitenden , aber ihr Gesicht badete er gleichsam in weichen , feuchten , schmeichelnden Wogen . Es war sehr dunkel ; auch nicht das kleinste Sternenlicht blinzelte der Erde zu ; der Himmel hing voll schwerer , tiefgehender Wolken , die jedenfalls in dieser Nacht noch als warmer Regen niederrieselten . Dann war allerdings die Spannung gelöst , und es tropften wohlthätige Thränen von Ast und Zweig und nahmen der Mutter Erde den weißen Totenschleier vom Gesicht . Ja , wer sich ausweinen konnte ! Aber so mit trockenen , brennenden Augen in ein Leben voll unausgesprochener Schmerzen hineinsehen zu müssen ! Wo hinaus sie wollte ? Immer dem Lichte nach , dem verderblichen Lichte , das dem Nachtfalter die Flügel verbrennt und ihn tötet ! Und wenn ihr dort aus den Fenstern lodernde Flammen entgegengeschlagen wären , sie hätte den Fuß nicht rückwärts zu wenden vermocht ! Weiter , weiter , selbst in den Tod hinein , wenn es sein mußte ! Sie lief mehr als sie ging den festgetretenen Weg entlang , der das Ackerland durchschnitt . Noch knirschte der Schnee unter ihren Füßen ; das war bisher der einzige Laut gewesen , der die Nachtstille unterbrochen ; aber nun , nachdem auch die Chaussee überschritten war , und das weite Parterre des Prinzenhofgartens sich vor ihr hinbreitete , trug ihr der Wind rauschende Akkorde zu - im Schlosse wurde Klavier gespielt . Da saß die Braut am Flügel - keine zarte heilige Cäcilie mit durchgeistigtem Gesicht , weit eher eine Rubensgestalt von üppiger Fülle und blühendstem Inkarnat - das volle Blondhaar glitzerte im Lichte der Kronleuchter , und die schöngebogenen Finger glitten über die Tasten - aber nein , unter ihren Fingern erbrauste das Instrument nicht in so erschütternd beseelter Weise , Heloise von Taubeneck spielte stümperhaft und geistlos , wie sie neulich zur Genüge gezeigt hatte ! - Aber wer es auch sein mochte , der da spielte , er hatte teil an der Feier , die man heute beging - ein wahrer Sturm von Jubel und Begeisterung brauste durch den Vortrag . Vor der Nordfront des Schlößchens breitete sich ein mächtiger Lichtschein hin . Der weite , im Sommer von buntfarbigen Blumengruppen unterbrochene Rasengrund lag fleckenlos weiß , ein einziges glitzerndes Schneefeld , hinter dem Rankrosenspalier , das ihn von dem dicht an die Hausmauern stoßenden Kiesplatz schied . Dieser Platz war ziemlich von Schnee gesäubert , nur eine dünne , festgetretene Schicht lag auf den Kieseln . Margarete war bis hierher gekommen , ohne irgendwie durch Menschennähe erschreckt zu werden . Nun mäßigte sie ihren Laufschritt und ging unter den Fenstern hin . Was sie hier wollte ? Sie wußte es selbst kaum - eine geheimnisvolle , furchtbare Gewalt trieb sie wie der Sturm in den Lüften vor sich her ; sie mußte laufen und sehen und wußte doch , daß gerade der Anblick der Glücklichen ihr wie Dolchstiche das Herz zerfleischen mußte . In dem Salon , wo der Flügel stand , waren die weißen Rollvorhänge herabgelassen ; kein Schatten einer menschlichen Gestalt bewegte sich hinter dem transparenten Gewebe , man lauschte , wie es schien , regungslos dem meisterlichen Spiele . Dagegen waren die drei Fenster des anstoßenden Zimmers , in dessen Nähe das junge Mädchen stehen geblieben war , nicht verhüllt . Das Licht des Kronleuchters floß in grellem Glanze durch die Scheiben und auf die Fürstenbilder , die im Hintergrunde des Zimmers von der Wand herabsahen . Das war der Speisesaal ; hier hatte das Verlobungsdiner stattgefunden ; zwei Lakaien waren beschäftigt , die Tafel abzuräumen ; sie hielten die angebrochenen Flaschen gegen das Licht und tranken die Reste aus den Weingläsern . Die Schlußakkorde des Musikstückes waren längst verhallt , und noch stand Margarete neben einer der niederen Kugelakazien , welche da und dort das Rankrosenspalier unterbrachen . Der Wind warf ihr das Haar von Stirn und Schläfen zurück und stäubte die gelockerten Schneereste von dem dürren Gezweig des Bäumchens über sie her . Sie fühlte es nicht . Ihr Herz hämmerte in der Brust , mühsam rang sie nach Atem , während ihre heißen Augen unablässig über alle unverhüllten Fenster irrten - einmal mußten sich die Glücklichen doch zeigen . O , der Thörin , die in Wind und Wetter harrte und aushielt , um einen tödlichen Streich zu empfangen ! - Da wurde plötzlich eine Thüre , ziemlich am Ende der Hausfront , geöffnet . Aus einem schwach beleuchteten Entree trat ein Mann und stieg die niedere Freitreppe herab , während die Thüre hinter ihm wieder geschlossen wurde . Einen Augenblick stand die Lauscherin wie gelähmt vor Schrecken . Das Rosenspalier hinderte sie , über den Rasengrund in die Dunkelheit des freien Feldes hinaus zu flüchten , und vor ihr lag der lange , fast tageshell beleuchtete Kiesplatz . Aber da gab es kein Besinnen , gesehen wurde sie , und nur ihre flinken Füße konnten sie vor einer unausbleiblichen Demütigung retten . So floh sie wie gejagt den Kiesplatz entlang und über die Auffahrt vor dem westlichen Portal des Schlößchens hinaus ins Freie . Hier packte sie der Wind ; er trieb sie vor sich her wie eine Schneeflocke und erleichterte ihr die Flucht ; allein weder er , noch ihr eigenes Dahinfliegen konnten ihr helfen - die Männerschritte , die sie verfolgten , kamen näher und näher . Der Weg war glatt und schlüpfrig geworden , sie glitt plötzlich aus und sank auf ein Knie nieder - in diesem Moment eines namenlosen Entsetzens umfaßte sie ein kräftiger Arm und hob sie empor . » Spottdrossel , hab ' ich dich ? « rief Herbert und schlang auch den anderen Arm um das atemlose , an allen Gliedern bebende Mädchen . » Nun sieh , wie du wieder frei wirst ! Mit meinem Willen niemals ! Der Spottvogel , der mir unbesonnen ins Garn geflogen ist , gehört mir von Gott und Rechts wegen ! Bist du ' s wirklich , Margarete ? - Ah , sie ist gekommen in Sturm und Regen ! « recitierte er und verhaltener Jubel durchbebte seine Stimme . Sie strebte vergebens , sich loszuwinden , er umschloß sie desto fester . » O Gott , ich wollte - « » Ich weiß , was du wolltest , « unterbrach er die fast weinend hervorgestoßenen Worte . » Du wolltest die erste sein , die dem Onkel gratulierte ! Deshalb bist du durch Sturm und Wetter über weite , öde Felder gelaufen , hast vor lauter Eifer vergessen , eine warme Hülle über deinen Tollkopf zu werfen , und bei alledem hast du dich rettungslos verflogen und wirst obendrein deine Glückwünsche nicht los werden , es sei denn , daß wir umkehrten und dem Prinzen Albert von X und seiner Braut unsere Aufwartung machten . Aber du wirst einsehen , daß dein windzerzauster Lockenkopf in diesem Augenblick nicht gerade salonfähig ist . « Jetzt hatte sie sich losgerissen . » Dein Glück macht dich übermütig ! « stieß sie in schmerzlichem Zorn hervor . » Das ist ein grausamer Scherz ! « » Ruhig , Margarete ! « mahnte er mit sanftem Ernst , indem er sie wieder an sich zog und ihre widerstrebende Hand fest in seine Linke nahm . » Ich scherze nicht . Fräulein von Taubeneck ist nach längerem Hoffen und Harren endlich mit hoher landesherrlicher Bewilligung die Braut des Prinzen von X geworden ; und jetzt darf es ja ausgesprochen werden , daß ich in dieser Angelegenheit der Vermittler gewesen bin . Die rote Kamelie , mit welcher ich neulich dekoriert wurde , war ein Dankesausdruck für meine sieggekrönten Bemühungen ... Darin also hast du schwer geirrt . Dagegen muß ich dir nach einer anderen Seite hin recht geben . Ich bin wirklich übermütig ! Ich triumphiere ! Ist mir nicht mein Glück von selbst in die Arme gelaufen ? Ja , bist du nicht gekommen in Sturm und Regen , getrieben von böser Eifersucht , die ich längst in deinem Herzen gelesen habe ? Denn du bist und bleibst die Grete , deren gerades , offenes Wesen keine Weltpolitur hat schädigen können . Nun leugne noch , wenn du kannst , daß du mich liebst - « » Ich leugne nicht , Herbert ! « » Gott sei Dank , er ist begraben , der alte Onkel ! Und du bist fortan nicht meine Nichte , sondern - « » Deine Grete - « sagte sie mit schwacher Stimme , von dem jähen Wechsel zwischen Glück und Leid völlig überwältigt . » Meine Grete , meine Braut ! « ergänzte er mit siegerhaftem Nachdruck . » Nun wirst du auch wissen , weshalb ich es abgelehnt habe , dein Vormund zu werden . « Er hatte sich längst so gestellt , daß er sie mit seiner hohen Gestalt vor dem brausenden Winde schützte ; nun bog er sich nieder und küßte sie innig ; dann nahm er den Seidenshawl von seinem Halse und band ihn sorglich über ihr unbedecktes Haar . Nunmehr schritten sie in raschem Tempo der Fabrik zu ; und dabei erzählte er der Aufhorchenden , daß er von der Universitätszeit her mit dem jungen Fürsten von X befreundet sei . Derselbe habe ihn gern und gebe viel auf sein Urteil . Vor einem halben Jahre nun habe der jüngere Bruder des Fürsten die schöne Heloise am Hofe ihres Onkels kennen gelernt und eine tiefe Neigung für sie gefaßt . Diese Neigung sei auch von ihrer Seite erwidert worden , und ihr Onkel , der Herzog , habe dieselbe begünstigt . Dagegen sei der fürstliche Bruder ein entschiedener Gegner der Verbindung gewesen , auf Grund der illegitimen Geburt der jungen Dame . Der Herzog habe schließlich ihn , Herbert , in das Geheimnis gezogen und die Vermittelung in seine Hand gelegt , und daß dieselbe zum glücklichen Ziele geführt , beweise die heutige Feier im Prinzenhofe . » Hast du das wundervolle Klavierspiel gehört ? « fragte er zum Schluß . Sie bejahte . » Nun , das war er , der Bräutigam , der sein Glück in alle Lüfte hinausjubelte ... Morgen wird unsere gute Stadt auf dem Kopfe stehen vor Erstaunen über das Ereignis . An beiden Höfen ist das strengste Stillschweigen beobachtet worden , und daß ich das Geheimnis ebenso streng behütet habe , versteht sich von selbst . Nur mein guter Papa hat darum gewußt . Ich hätte es nicht ertragen , wenn er auch nur stutzig geworden wäre gegenüber dem allgemein kolportierten , albernen Märchen von meiner Bewerbung um Fräulein von Taubenecks Hand ! ... Aber mit dir habe ich nun noch eine Rechnung abzumachen . Du hast mich für einen Erzbösewicht verschrieen , hast mir die schnödesten Bitterkeiten gesagt über mein Buhlen um Fürstengunst ; einer jener gewissenlosen Streber sollte ich sein , die , über das Lebensglück anderer hinweg , die höchste Spitze des Kletterbaumes zu erreichen suchen , gleichviel , ob sie für eine hohe , verantwortliche Stellung befähigt sind oder nicht , und was dergleichen schöne Dinge mehr sind - was hast du darauf zu sagen ? « » O , sehr viel ! « antwortete sie , und wenn es nicht tiefdunkle Nacht gewesen wäre , so hätte er sehen müssen , wie das liebliche , schalkhafte Lächeln , das ihn beim ersten Wiedersehen an der » übermütigen Grete « überrascht und entzückt hatte , ihr Gesicht belebte . » Wer hat mich geflissentlich in dem Glauben bestärkt , daß der Landrat Marschall um die Nichte des Herzogs freie ? Du selbst . Wer hat das schlimme Feuer der Eifersucht in einem armen Mädchenherzen entfacht und böswillig zur hellen Flamme angeblasen ? Du , nur du ! Und wenn ich anfänglich nicht glauben konnte , daß du Liebe , wahre , tiefe Liebe für die schöne , aber erschrecklich indifferente Heloise fühltest , so geschah das aus Respekt vor deiner geistigen Ueberlegenheit , und ich mußte , wie die böse Welt auch , zu dem Schluß kommen , daß die weißen Hände der herzoglichen Nichte erkoren seien , dich auf die höchste Staffel des Kletterbaumes , den Ministerposten , zu heben ... Abbitten werde ich nicht mehr - wir sind quitt ! Du hast selbst glänzend Revanche genommen . Denke nur an das arme Mädchen , das du der Nacht und Nebel zu einem Gang nach Canossa getrieben hast ! « Er lachte leise in sich hinein . » Das konnte ich dir nicht ersparen - ich habe ja selbst dabei gelitten . Aber es war doch schön , zu beobachten , wie du mir Schritt um Schritt näher kamst ! Nun aber genug des Kampfes ! Friede , seliger Friede sei zwischen uns ! « Er schlang seinen Arm um ihre Schultern , und nun ging es in wahrem Sturmschritt fürbaß . 29 Am anderen Morgen war es , als sei die gute Stadt B. durch plötzlichen kriegerischen Trommelwirbel aus dem gewohnten Geleise des Werkeltages aufgeschreckt worden . Das Gerücht von der Verlobung im Prinzenhofe lief von Mund zu Mund , und daß keine Menschenseele auch nur » eine blasse Ahnung « davon gehabt hatte , ja , daß selbst die Damenkränzchen mit ihrem unbestrittenen Monopol für Spürsinn und Kombinationen so stockblind gewesen waren , das machte allerdings die Leute nahezu auf dem Kopfe stehen . Durch das Stubenmädchen kam auch die alarmierende Nachricht brühwarm in das Schlafzimmer der Frau Amtsrätin . » Unsinn ! « rief die alte Dame verächtlich , fuhr aber doch mit beiden Füßen aus dem Bette und stand nach wenigen Minuten im Schlafrock und Nachthäubchen vor ihrem Sohne . » Was ist das für ein fabelhaft dummes Gerede über Heloise und den Prinzen von X , das die Bäckerjungen und Metzgerfrauen von Haus zu Haus tragen ? « fragte sie , das Thürschloß in der Hand . Er sprang auf von seinem Schreibstuhl und bot ihr die Hand , um sie tiefer ins Zimmer zu führen ; aber sie wies ihn zurück . » Lasse das ! « sagte sie hart . » Ich habe nicht die Absicht , hier zu bleiben . Ich will nur wissen , wie es möglich ist , daß ein solch grundloses Gerücht entstehen konnte . « Er zögerte einen Moment . Sie that ihm leid , daß sie diesen bitteren Kelch leeren mußte , wenn sie auch selbst die Schuld trug ; aber nun sagte er ruhig : » Liebe Mama , die Leute reden die Wahrheit , Fräulein von Taubeneck hat sich allerdings gestern mit dem Prinzen von X verlobt . « Das Thürschloß entglitt ihrer Hand - sie fiel fast um . » Wahr ? « stammelte sie und griff nach ihrer Stirn , als zweifle sie an ihrem eigenen Verstande . » Wirklich wahr ? « wiederholte sie und sah ihren Sohn mit funkelnden Augen an ; dann brach sie in ein hysterisches Gelächter aus und schlug die Hände zusammen . » Da hast du dich ja schön an der Nase herumführen lassen ! « Er blieb vollkommen gelassen . » Ich bin nicht geführt worden , wohl aber habe ich das Brautpaar zusammengeführt , « entgegnete er ohne die mindeste Gereiztheit und knüpfte daran mit wenig Worten die Mitteilung des Sachverhaltes . Sie hatte ihm , während er sprach , immer mehr den Rücken gewendet und nagte erbittert an der Unterlippe . » Und das alles erfahre ich jetzt erst ? « fragte sie , nachdem er geendet , mit zuckenden Lippen über die Schulter zurück . » Kannst du von deinem Sohne wünschen , daß er ein ihm anvertrautes Geheimnis vor Damenohren laut werden läßt ? Ich habe nach Möglichkeit gegen deinen Irrtum angekämpft ; ich habe dir oft genug erklärt , daß mir Fräulein von Taubeneck vollkommen gleichgültig sei , daß es mir nicht einfiele , mich je ohne Liebe zu binden . Du hast für alle diese Versicherungen stets nur ein geheimnisvolles Lächeln und Achselzucken gehabt - « » Weil ich sah , wie dich Heloise mit ihren Blicken verfolgte und - « Er errötete wie ein Mädchen . » Und ist das nicht einseitig gewesen ? Kannst du dasselbe von mir behaupten ? Fräulein von Taubeneck ist sich ihrer Schönheit bewußt und kokettiert mit allen . Solche Blicke sind wohlfeil - mir machen sie nicht den geringsten Eindruck . Du aber solltest doch wissen , daß das ein leichter amüsanter Tauschhandel ist , den die meisten für erlaubt und durchaus nicht für verpflichtend halten . Fräulein von Taubeneck wird trotz alledem eine brave Frau werden - dafür bürgt schon ihre große Gemütsruhe . « Die Thüre fiel wieder zu , und die alte Dame verschwand mit blassem , verstörtem Gesicht abermals in ihrem Schlafzimmer . Aber eine Stunde später eilte das Stubenmädchen zur Schneiderin und in die Putzhandlung , und der Hausknecht rumorte auf dem Boden und schleppte verschiedene Koffer und Köfferchen die Treppe hinab - die Frau Amtsrätin wollte nach Berlin zu ihrer Schwester reisen . Und als gegen Mittag der Amtsrat seinen Einzug hielt und am Arme seines Sohnes die Treppe im Lamprechtshause hinaufstieg , da kam just seine Frau im Pelzmantel und Schleierhut von oben herab , um in der Stadt Abschiedsbesuche zu machen . Sie sprach überall von ihrem längstgehegten , sehnsüchtigen Wunsche , doch auch wieder einmal eine gute Oper und Konzerte zu hören , der sie nunmehr unwiderstehlich nach Berlin locke . Das Ereignis im Prinzenhofe wurde nur nebenbei berührt , und lächelnd als etwas längst Gewußtes behandelt , über das sich selbstverständlich jedes loyale Herz innig freuen müsse ; der Allerintimsten aber flüsterte sie ins Ohr , daß sie den anfänglichen Widerstand des Fürsten von X sehr wohl begreife - es sei nicht jedermanns Sache , die Tochter einer ehemaligen Ballerina in seine Familie aufzunehmen . Mit ihrer Abreise wurde es für einige Tage still und friedlich im alten Kaufmannshause ; aber dann kam noch ein Sturm , der allen Bewohnern das Herz erbeben machte . Reinhold mußte endlich die Umwandlung der Familienverhältnisse erfahren . Der alte Amtsrat und Herbert waren möglichst vorsichtig zu Werke gegangen ; allein die Enthüllungen hatten trotz alledem die Wirkung einer zerspringenden Bombe gehabt . Reinhold geriet in eine furchtbare Aufregung . Er schrie und tobte und erging sich in den heftigsten Anklagen gegen seinen verstorbenen Vater . Sein leidenschaftlicher Protest half ihm freilich nichts , er mußte sich schließlich fügen . Aber von da an zog er sich noch mehr als früher zurück von der Familie - er aß sogar allein auf seinem Zimmer , aus Furcht , daß er dem kleinen Bruder einmal in der Wohnstube begegnen könne ; denn mit » dem Burschen « wolle er nie und nimmer etwas zu schaffen haben , und wenn er hundert Jahre alt werden solle , wiederholte er immer wieder . Für diesen Ausspruch hatte der alte Hausarzt immer nur ein melancholisches Lächeln - er wußte am besten , wie es um die Altersaussichten seines Patienten stand . Er forderte deshalb möglichste Nachgiebigkeit und Schonung von seiten der Verwandten für den Kranken , und das geschah bereitwilligst . Der kleine Max kreuzte seinen Weg nie . Die Thüre nach dem Packhause war nicht zugemauert worden ; auf diesem Wege wurde der lebhafte Verkehr zwischen dem Vorder- und Hinterhause vermittelt ... Der Amtsrat hatte den prächtigen Knaben an sein Herz genommen , als sei er auch ein Kind seiner verstorbenen Tochter , und Herbert war sein Vormund geworden . In Stadt und Land machte , wie vorausgesehen , das geoffenbarte Geheimnis des Lamprechtshauses großes Aufsehen ; es blieb lange Tagesgespräch , und in den Klubs , den Damenkränzchen und auf den Bierbänken wurde für und wider debattiert - die Lamprechts wurden in der That » auf das Allerschönste zerzaust « . Dieser Widerstreit blieb jedoch ohne jedwede Einwirkung auf das jetzige friedvolle Zusammenleben in Großpapas Zimmer , dem roten Salon . Man kam da täglich zusammen , ein enger Kreis von Menschen , die innige Liebe und Zuneigung verband . Und auf dieses Bild der Eintracht zwischen alt und jung sah » die Frau mit den Karfunkelsteinen « lächelnd und augenstrahlend herab . » Die Schönheit der Frau da oben ist so dämonisch und packend , daß man sich vor ihr fürchten könnte , « sagte Frau Lenz eines Abends erblassend zu Tante Sophie , die neben ihr auf dem Sopha saß und Margaretens Namenschiffre in eine Ausstattungsserviette stickte . Eine Lampe stand auf der Kommode unter dem Bilde , und aus dem Lichtstrom tauchte das junge Weib so lebenatmend empor , als werde es im nächsten Augenblick die Lippen öffnen , um auch ein Wort in die Unterhaltung zu werfen . » Dieser verderbliche Zauber muß sich meiner armen Blanka förmlich an die Fersen geheftet haben , als sie von hier wieder in die Welt hinausgegangen ist , « setzte die alte Frau mit gepreßter Stimme hinzu . » Sie hat sich am liebsten mit den Steinen geschmückt , die dort in den dunklen Haaren stecken , und in ihren letzten Fieberträumen hat sie mit der schönen Dore gerungen , die - sie mitnehmen wolle . « Der Landrat stand auf und rückte die Lampe fort , so daß die Gestalt wieder ins Halbdunkel zurücktrat . » Ich habe die Rubinsterne heute in den Händen gehabt und sie weggeschlossen ... In dein Haar werden sie nie kommen ! « sagte er zu Margarete . Sie lächelte . » Denkst du wie Bärbe ? « » Das nicht - aber an den Neid der Götter muß ich denken . Und so mag das unheimliche rote Gefunkel für künftig in Frieden ruhen ! « Bärbe aber sagte fast zu derselben Stunde drunten in der Küche zu den anderen : » Der Weg , den unser Junge jetzt alle Tage durch den Gang machen muß , will mir aber nicht gefallen . Die mit den Karfunkelsteinen hat ihr Kindchen mit in die Erde nehmen müssen , und da ist nun so ein schöner strammer Stammhalter dageblieben , und das macht boshaftig . « » Jetzt müssen Sie sich aber die Zunge abbeißen , Bärbe ! « sagte der Hausknecht . » Sie haben ja von dem Unwesen in Ihrem ganzen Leben nicht wieder sprechen wollen . « » Ach was , einmal ist keinmal ! Am besten wär ' s , der Gang würde vermauert ; denn wer kann ' s wissen , ob nicht jetzt gar auch noch der schöne Flachskopf neben der Schwarzhaarigen umgehen thut ?