. » Ich kann mir denken , was Taube gesagt hat « , dachte er . » Das ist der Pojaz , der die vielen tollen Streiche gemacht hat . « Aber wer war die Fremde und wie war ihr Bild in Frau Rosels Strickbeutel gekommen ? » Kein gutes Bild « , dachte er . » Sie ist ja in Wirklichkeit noch viel schöner , auch nicht so mager , wie ich geglaubt hab ' . Und dieser Wuchs - wie eine Königin ... Aber was geht ' s mich an ! « Dies Letzte wiederholte er sogar laut , aber es wurde dadurch nicht wahrer . Der Gedanke an das Mädchen verließ ihn nicht , weder im Laden , noch daheim . Und der beste Beweis dafür war , daß er niemand nach ihr zu fragen wagte , weder den Winkelschreiber , der als Verwandter Grüns sicherlich um den Besuch wußte , noch Frau Rosel . Bei Einbruch der Dämmerung - Sender saß eben mit der Mutter beim Abendessen - trat der Marschallik ein . » Wißt ihr schon « , erzählte er unter anderem , » heut ' abend ist die Wahl . Man sagt , daß der gute Mensch , der Valerian , mehr Aussichten hat . Das wär ' gut für die ganze Stadt , und besonders für mich . Wenn die Leut ' erst bauen können , geht mein Geschäft doppelt so gut . Jossef Grün allein baut dann zwei neue Häuser - eins für seinen Schmule und eins für Mosche , den Jüngeren . « » Der ist ja noch ledig « , sagte Sender . » Wird ' s aber nicht lang mehr bleiben . Es ist zwar noch ein strenges Geheimnis , und wenn ihr jemand ein Wort davon sagt , zerstört ihr mir vielleicht das Geschäft , aber die Braut ist schon im Haus . Gestern abend ist sie gekommen . Ein schönes Mädchen , wunderschön , gute Familie , feine Mitgift , aber weil sie leider zufällig Deutsch lesen kann , will sie Jossef erst einige Zeit unter seinen Augen haben , ob sie fromm genug geblieben ist . « » Natürlich ! « sagte Sender grimmig . » So ein Glück , wie den dummen Jungen , den Mosche , der kaum sechzehn ist und wie dreizehn aussieht , ist nicht bald eine wert . « » Was geht das dich an ? « fragte der Marschallik . » Du bist ja ordentlich zornig geworden . Übrigens hast du recht : ein ungleiches Paar . Ich hab ' sie ursprünglich für einen anderen bestimmt , der besser für sie gepaßt hätte , aber das hab ' ich mir aus dem Kopf schlagen müssen ; der will , scheint es , überhaupt nicht heiraten oder wartet auf die Prinzessin aus dem Mond . Du kennst ihn auch ! « Sender zwang sich zu einem Lachen , aber es klang nicht ganz unbefangen . » Da habt Ihr recht getan « , sagte er . » Der heiratet schwerlich - das heißt , nicht so bald « , verbesserte er sich hastig , als er die Mutter schmerzlich zusammenzucken sah . » Aber wer ist es denn ? « » Reb Hirsch Salmenfelds Malke « , sagte der Marschallik , » die Freundin meiner Jütte , aus Chorostkow . « » So - die ? « sagte Sender langgedehnt . » Jütte hat ja Wunder von ihr erzählt . « Dann aber blitzte der Gedanke in ihm auf : Wenn er gar nicht ernstlich an mich gedacht hat , wie kommt Malkes Bild in den Strickbeutel meiner Mutter ? Laut aber sagte er : » Also die Verlobung mit Mosche ist beschlossene Sache ? « » Ich hoffe « , sagte Türkischgelb . » Jossef sagt : Wenn sie mir gefällt . Aber wem würde die nicht gefallen ? Eben hat er mir gesagt : Ihr habt sie noch zu wenig gerühmt , Reb Itzig . Und jetzt ist sie kaum einen Tag hier . « » Und wie gefällt sie dir ? « wandte sich Sender an die Mutter . » Ich kenn ' sie ja nicht « , erwiderte Frau Rosel . » Aber ihr Bild kennst du doch . « » Ihr Bild ? « Frau Rosels hageres Antlitz überzog sich mit dunkler Röte . » Woher weißt du , daß ich ihr Bild gehabt habe ? Ich hab ' nicht gewollt , daß du es siehst , wahrhaftig nein . « Sender kannte den Ton , das war die Wahrheit . Aber warum war sie dann gar so verlegen und blickte hilfeflehend nach dem Marschallik hin ? Dahinter steckte doch was . Er sollte es sogleich erfahren . » Wir wollen ihm die volle Wahrheit gestehen , Frau Rosel « , sagte Türkischgelb . » Wie ich ihn kenne , wird ' s ihn nicht kränken . Vor der Rekrutierung hab ' ich dich Reb Hirsch angetragen , er war einverstanden . Deine Krankheit ist dazwischen gekommen . Dann hab ' ich vor einigen Wochen die Sach ' wieder anspinnen wollen und deiner Mutter das Bild gebracht . Sie war ganz entzückt , das wird dich nicht wundern , du hast es ja gesehen . Nun sagt aber Reb Hirsch nein . Ich weiß , sagt er , er hat einen Gewinn gemacht , auch Jütte hat gut von ihm gesprochen , aber seit ich erfahren hab ' , daß er Deutsch kann , will ich nichts mehr von ihm wissen . Das ist alles . Es ärgert dich doch nicht ? « » Nein « , sagte Sender . Dann erhob er sich und trat ans Fenster . So konnte er nicht sehen , wie listig der Marschallik Frau Rosel zulächelte und dabei den Finger auf den Mund legte . In dem Augenblick erklangen alle Glocken der Stadt und des Klosters ; die Messe , die den Wahlakt einleitete , hatte begonnen . Der Marschallik verabschiedete sich . » Ich muß doch hören , was drinnen vorgeht « , sagte er . » Kommst du mit , Sender ? « » Später « , erwiderte dieser . » Mir scheint « , sagte der Marschallik , » du bist doch gekränkt . Bedenk ' , jeder Mensch muß seinem Gewissen folgen , auch Reb Hirsch . Und daß du niemand sagst , wozu Malke hier ist , darauf hab ' ich dein Wort - nicht wahr ? Denn Jossef ist ja auch sehr fromm , und wenn er etwa doch nein sagt - aber ich will dir keine Hoffnungen machen . « » Hoffnungen ! « rief Sender ärgerlich . » Redet keinen Unsinn . Ich denk ' gar nicht an Eure Malke . « » Das glaub ' ich gern « , erwiderte treuherzig der Marschallik und ging überaus vergnügt von dannen . Eine halbe Stunde später kam Sender desselben Weges . » Was so ein Chassid kann « , dachte er zornig . » So lang ich nichts kann und nichts habe , bin ich ihm recht - jetzt nicht mehr . Vernünftig geht ' s bei uns zu - das muß man sagen ! Ein so schönes , gebildetes Mädchen und dieser dumme , grüne Junge ! Übrigens - für mich ist ' s jedenfalls so besser , denn wenn mich der Vater gewollt hätt ' , ich hätt ' doch nein sagen müssen , und hier wär ' s mir schwer gefallen , glaub ' ich . « Vor dem Gittertor des Klosterhofs stand die halbe Gemeinde und harrte in angstvoller Spannung der Entscheidung . Man vernahm nur zuweilen ein Flüstern , zu lachen wagte niemand . Umso geräuschvoller ging es drinnen im Hofe zu . Da standen , saßen und lagen die katholischen Bürger der Stadt , tranken und aßen bei Fackelschein von den guten Gaben , die ihnen die Diener des Klosters auf mächtigen Holztischen hingestellt , und johlten dazu , daß die Fenster klirrten . Wurde der Lärm zu arg , dann erhob sich Fedko , der würdige Pförtner , von dem Bänkchen neben der Tür , murmelte etwas gegen die Trunkenen hin und rief dann mit Stentorstimme gegen den Haufen draußen : » Ruhe , ihr verruchten Juden ! Vor einem solchen Lärm würde der Teufel Reißaus nehmen und nun gar der heilige Geist ! Und der heilige Geist , ihr Lumpenhunde , ist doch bei der Wahl notwendig . Denn wie sollen die hochwürdigen Herren sonst auf den Rechten kommen ? « Da drängte hastig ein halbwüchsiger Bursche durch die Reihen der Juden . » Platz ! « schrie er . » Mich schickt mein Vater . « Es war Mosche Grün . » Fedko « , rief er den Pförtner an . » Ihr sollt sagen , wer gewählt ist . Aber gleich ! « » O du freche , kleine Kröte « , zeterte der Alte . » Willst du es früher wissen als der heilige Geist ? Zurück - oder ! « Er hob die Hand . Mosche flüchtete kreischend . Die anderen verhöhnten ihn , und am lautesten Sender . Dann ging er weiter auf den Marktplatz . Auch hier wimmelte es von Menschen , und wer nicht auf die Straße getreten , stand doch am offenen Fenster . So Jossef Grün ; er sprach mit einigen Männern auf der Straße . Im Fenster daneben stand die Fremde neben Taube und blickte ernst auf das laute Treiben nieder . Sender trat so weit zurück , daß sie ihn nicht gewahren konnte , und starrte zu ihr empor . » Warum sollt ' ich ' s nicht tun ? « dachte er . » Ein schönes Gesicht darf man doch ansehen ! Und merkwürdig , jetzt so von der Seite , ist sie schöner als bei Tage . Wie diese dicke Taube , die doch sonst ein hübsches Weib ist , neben ihr aussieht ! Wie eine Stopfgans neben einem Schwan ! Wahrhaftig die passende Braut für den Jungen , der sich eben so ausgezeichnet hat . « Da kam dieser eben herbeigestürzt . » Vater « , klagte er , » sie sagen mir ' s nicht . Und der Fedko hat mich schlagen wollen , und die anderen haben mich ausgelacht . « » Ein geschickter Bote bist du « , zürnte Jossef und ließ den Blick über den Platz schweifen . » Ist denn kein verständiger Mensch da , der es mir so bald wie möglich meldet ? « Da trat Sender hervor . » Ich will ' s versuchen , Reb Jossef « , sagte er und schielte dabei zum Nebenfenster empor . Er sah , wie Taube auflachte und dabei Malke neckend anstieß ; die aber wurde rot und trat rasch ins Zimmer zurück . » Brav , Sender « , sagte der Vorsteher erfreut . » Du bringst es gewiß heraus . « Sender eilte zum Kloster zurück . » Was bedeutet das ? « dachte er . » Sie haben ' s beide wieder so gemacht wie heute vormittag . « Fedko hatte eben abermals eine Mahnrede gehalten , diesmal mit merklich unsicherer Stimme . Sender trat auf ihn zu . » Wie steht ' s drinnen ? « fragte er . » Senderko - du ? « rief Fedko zärtlich und klammerte sich ans Gitter . Es war keine überflüssige Bewegung , denn die große Flasche , die auf dem Bänkchen stand , war bereits nahezu leer . » Noch nichts entschieden ! Aber sobald ich was weiß , sag ' ich ' s dir - dir allein - denn du bist zwar verrückt , ganz verrückt - Kommedia , hebe ! - und ein Jude , aber ich hab ' dich gern , Senderko , sehr gern ... « Sender blieb neben dem Gitter stehen . Er brauchte nur wenige Minuten zu harren . Ein dienender Bruder erschien im Hofe und rief laut : » Geht heim , die Entscheidung wird erst morgen verkündet . « Unter den Juden erhoben sich Rufe der Enttäuschung ; von den Zechern drinnen horchten nur wenige auf . » Frag ' ihn , was es gibt « , bat Sender den Pförtner , und der steuerte denn auch gehorsam im Bogen auf den Frater zu und kam dann ebenso zurück . » O die Schlauen « , kicherte er . » Sie wollen nur das betrunkene Pack los sein . Sie fürchten , die Kerls lassen den Valerian sonst bis morgen früh hochleben und fordern immer mehr Met und Schnaps . Schande « - er taumelte - » Schande , sich bei solcher Gelegenheit zu betrinken . Aber wer gewählt ist , darf ich dir nicht sagen , der Bruder hat ' s verboten . « » Dann will ich nicht in dich dringen « , lachte Sender und trat zurück . Im nächsten Augenblick umgab ihn ein Knäuel Fragender , und zwanzig Hände zugleich faßten ihn am Kaftan , Knöpfen und Ärmeln . » Was hat er gesagt ? Was hat er gesagt ? « Aber er schüttelte sie ab . » Ich weiß es nun « , rief er . » Aber der Vorsteher muß es zuerst erfahren . « Wie ein Triumphator , rings von einem Gefolge umgeben , trat Sender den Weg zum Marktplatz an , anfangs rasch , dann immer langsamer . Denn das Gefolge wuchs von Schritt zu Schritt lawinenartig an , weil einer dem anderen zurief : » Sender hat ' s herausgebracht und bringt ' s nun dem Vorsteher . « Aber auch Sender beeilte sich nicht , es war ihm nicht unbehaglich , so dahinzuschreiten , von allen Seiten bei den Knöpfen gefaßt , aber auch bewundert , denn auch sein Lob erklang von aller Lippen . » Sie wollen ' s nicht sagen , aber der Pojaz weiß es . « Als der Zug endlich vor Jossef Grüns Haus anlangte , war er , aber auch Senders Verdienst ins Ungemessene angewachsen : » So ein Kopf ! Das war noch nicht da . « Jossef , der eben mit den Seinen beim Abendessen gesessen , eilte ihm auf die Gasse entgegen und führte ihn in die Stube . » Nun « , rief er in atemloser Erregung , » rede ! Marcellin oder Valerian ? « Aber mit einem Worte Antwort zu geben , war Sender nicht gewillt . Er ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen . Da stand die ganze Familie und die anderen angesehenen Leute der Stadt und hingen an seinem Munde . Malke hatte sich in einer Ecke verborgen , hinter dem breiten Rücken der Freundin , aber auch ihre Augen sah er erwartungsvoll auf sich gerichtet . » So große blaue Augen « , dachte er , » wie heißt die griechische Göttin im Lesebuch , die solche Augen hat ? « Laut aber sagte er endlich : » Furchtbar ist es bei der Wahl zugegangen , Reb Jossef , ganz furchtbar . Und Sachen haben sich die beiden Parteien gesagt , Sachen , schön war ' s nicht . Wenn ihr den Valerian wählt , riefen die einen , so ist ' s mit der Klosterzucht vorbei und er verkauft ganz Barnow an die Juden . - Und wenn ihr den Marcellin wählt , riefen die anderen , so ist unser Leben hier nicht länger zu ertragen und das Kloster verarmt . Warum sollen wir den Juden nicht gegen gutes Geld Baugrund verkaufen ? Es bricht ja vielleicht eine Pest aus , wenn wir sie noch länger zusammenpferchen . Es ist aber noch schlimmer gekommen - « » Schlimmer ? « rief Jossef erblassend . » Schlimmer ? « wiederholten die anderen atemlos . » Bei den Verhandlungen nämlich « , sagte Sender . » Böse Worte - aber wozu die wiederholen ? Endlich sagt der Subprior : Wir werden uns nicht überzeugen . Wählen wir . Er verteilt die Stimmzettel und - « » Und ? « » Athene heißt die Göttin « , dachte Sender , » aber diese Augen sollen mich noch länger so ansehen ! « - » Und jeder schreibt einen Namen auf « , fuhr er fort . » Auch dabei ist es nicht ganz glatt zugegangen , hör ' ich . Endlich sammelt der Pater Sekretär die Stimmen und der Subprior beginnt zu lesen : Marcellin - Valerian - Marcellin - Valerian - « » Stimmengleichheit ? « stieß der Vorsteher hervor . Sender schüttelte den Kopf . Zapple nur , dachte er , so ein Mädchen für deinen Mosche ! - » Dann Marcellin , Marcellin , Marcellin - « » Gott Israels ! « stöhnte Jossef Grün angstvoll . » Und Marcellin « , fuhr Sender fort . Halt , dachte er , dreizehn Wähler sind ' s ja nur . - » Dann aber Valerian und Valerian bis zu Ende . « » Und wer ist gewählt ? « » Valerian ! Aber es wird erst morgen verkündet ! « » Valerian « , jauchzte der Vorsteher und umarmte Sender . » Valerian « , fielen die anderen ein . Und es klang auf die Straße hinaus und einige Minuten später bis in die entlegenste Ecke des Ghetto : » Gott sei gelobt , Valerian ! « Auch der Ärmste , der nie hoffen durfte , ein Fußbreit Erde sein Eigen zu nennen , jubelte auf , als wäre ihm ein Haus geschenkt ; ein schwerer Druck war von den Gemütern genommen , unter jenen Männern , von denen das Schicksal dieser Mühseligen und Belasteten abhing , war ein menschlich Gesinnter mehr . » Wein her ! « rief Jossef . » Setzt euch alle . Du , Sender , neben mich . Du weißt , ich hab ' immer was von dir gehalten . Und nun erzähle : wie hast du alles so genau erfahren ? « » Mein Geheimnis « , erwiderte Sender lächelnd . Wieder schweifte sein Blick zu Malke hin . Sie vermied es , ihn anzusehen , aber hören sollte sie ihn . » Es ist doch auch vielleicht manchmal für die Gemeinde gut , wenn einer Deutsch lesen kann und auch andere Leut ' kennt , als Juden . « » Gewiß « , gab Jossef zu . » Das heißt « , fügte er zögernd bei , » für alle wär ' s nicht gut . Aber wenn ' s ein Mann zugleich zu seinem Geschäft macht , wie du , und so einen feinen Kopf hat , so kann niemand was dagegen haben ... Also « , fuhr er hastig fort , um von dem heiklen Thema abzukommen , » wie du es erfahren hast , ist ein Geheimnis . Aber warum wird die Wahl erst morgen verkündet ? « » Fragt nicht , Reb Jossef « , sagte Sender mit vielsagendem Lächeln . » Laßt Euch an der Nachricht genügen . Denn wenn ich Eure Neugierde befriedige , so wird mir dadurch vielleicht ein Weg verrammelt , auf dem ich der Gemeinde auch in Zukunft nützen kann . Ein Weg ins Kloster - Ihr seht , ich bin ein gefährlicher Mensch . « » Nein « , rief Jossef eifrig , » daß du ein guter Jude bist , weiß ich . « » Ich widerspreche nicht « , sagte Sender lächelnd , aber mit Würde . » Auch leidlich vernünftig bin ich geworden , Zeit wär ' s. « Er blickte Taube scharf an . » Wer mich jetzt noch als Pojaz ausschreit , tut mir unrecht . Und das alles trotz der deutschen Bücher , Reb Jossef ; sie können also nicht gar so schlecht sein . Ihr sagt : Du bist ein Geschäftsmann , dir verzeihen wir sie . Freilich muß ich sie auch zu meinem Geschäft machen , ich bin ja arm . Aber wenn ich reich wär ' , tät ' ich ' s erst recht . Und wenn Ihr so denkt , so muß Euch ja ein Mädchen , das deutsche Bücher liest , gar als Sünderin erscheinen ? « Der Vorsteher stieß ihn heftig mit dem Fuß an . » Der neue Prior - « begann er laut . Aber Sender war nicht der Mann , sich einschüchtern zu lassen . » Warum tretet Ihr mir auf den Fuß ? « fragte er noch lauter . » Ich wüßt ' gern , wie Ihr über so ein Mädchen denkt ? Ich meine , man muß ihr deshalb nur noch mehr Achtung - « Er verstummte bestürzt . Malke , die bisher mit glühenden Wangen und gesenktem Blick dagesessen , hatte sich geräuschvoll erhoben . » Komm ' , Taube « , sagte sie und schritt zur Tür hinaus . Frau Taube lachte laut auf und folgte ihr . » Hast du denn nicht gewußt , wer das ist ? « fragte der Vorsteher . » Das Mädchen kann ja selbst Deutsch lesen . Nun hat sie ' s für Spott genommen . « » Aber das war ' s nicht « , beteuerte Sender . » Ich bitt ' Euch , sagt ihr das . « Eine Schar neuer Gäste trat lärmend ein , auch sie überhäuften Sender mit Lobsprüchen . Aber seine Stimmung war für heute abend verdorben . Er trat ans Fenster ; draußen gingen Malke und Taube Arm in Arm auf und nieder . Sollte er sie ansprechen , sich entschuldigen ? Vielleicht machte er ' s dadurch noch schlechter . » Ach was « , dachte er , » den Hals kann ' s nicht kosten ! « Und er trat hinaus und auf Malke zu . » Verzeiht « , sagte er . » Eine Fremde soll nicht glauben , daß ich sie kränken wollte . Ich hab ' s gut gemeint - « Die blauen Augen blickten ihn abweisend , fast feindselig an . » Es hat mich nicht gekränkt « , sagte sie kalt . » Nur unangenehm war ' s mir . Es war gar so deutlich ... « » Das war ' s « , gab er kleinlaut zu . » Jetzt versteh ' ich . Wenn man die Absicht merkt , wird man verstimmt , heißt ein deutsches Sprichwort , das in meinem Lesebuch steht . « Sie lächelte spöttisch . » So beiläufig heißt es « , sagte sie . » Aber es ist kein Sprichwort , sondern ein Vers aus Goethes Tasso und lautet : So fühlt man Absicht , und man ist verstimmt . « » Ich will ' s mir merken « , sagte er demütig . » Ist dieser Tasso auch ein Spiel ? « » Was versteht Ihr darunter ? Ein Drama ? Ja ! « Es klang messerscharf . » Komm ' , Taube . « Aber das behäbige junge Weib empfand Mitleid mit dem Mißhandelten . » Ihr habt Euch ja heut ' ausgezeichnet , Sender . Wie hast du ihn genannt , Malke ? Der Held des Abends . « Sie wollte dadurch ein Pflaster auf seine Wunde legen . » Aber warum habt Ihr mich vorhin so scharf angesehen ? Ich red ' Euch nichts Böses nach . Nicht wahr , Malke ? « Das Mädchen zuckte die Achseln . » Ich erinnere mich überhaupt nicht « , sagte sie , » daß wir über diesen - Herrn gesprochen hätten . Komm ' ! « Das war Taube denn doch zu arg . » Aber Malke ! « sagte sie und bot Sender herzlich die Hand zum Abschied . » Ihr könnt heut ' wohl schlafen , Ihr habt uns allen eine große Freude bereitet . Hoffentlich Euch selber die größte « , fügte sie neckend bei . Und als er sie fragend anblickte . » Wann baut Ihr Euer Haus , Sender ? « » Ich ? « Er lachte auf . » Mit Gottes Hilfe in hundert Jahren . Denn nach meinem Tod müßt ' s sein . Lebend tu ' ich ' s nicht . Wozu brauch ' ich ein Haus ? « » Um darin mit Weib und Kind zu wohnen « , lachte sie . » Freilich , Euch sagt man nach , daß Ihr nie heiraten werdet . Ist das wahr ? « » Nie ? « erwiderte er . » Derlei soll man nicht verschwören . Aber nicht so bald . « Da durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke : Dieses hochmütige Mädchen behandelte ihn deshalb so schlecht , weil sie wußte , daß ihr Vater ihn abgelehnt hatte , und nun befürchtete , er könnte die Werbung nochmals bei ihr selber versuchen . » O « , dachte er , » diesen Irrtum wollen wir dir nehmen . « » So in zehn oder fünfzehn Jahren « , fuhr er fort , » früher nicht , und wenn mir die Schönste , Klügste und Bescheidenste begegnete . Denn Bescheidenheit , Frau Taube , ist in meinen Augen mehr wert , als alles andere zusammen , mehr , als wenn man den ganzen Goethe auswendig kann und Lessing und Schiller und Moritz Hartmann und Shakespeare und was weiß ich ! « Er wurde immer heftiger . » Ein Mann soll heiraten , wenn er was ist , und dann jene , die er sich aussucht , nicht der Vermittler . Warum mich dann , werdet Ihr fragen , der Marschallik dennoch ausbietet , wie der Metzger das Kalb ? Weil er hofft , er bringt mich doch herum . Aber er irrt sich . Seit der Mielnicer Sach ' hab ' ich von nichts mehr gehört und darum auch nicht nein sagen können . Aber ohne mich geht ' s doch nicht . Und werd ' ich gefragt , so sag ' ich nein ! nein ! nein ! « » So « , dachte er , » nun weißt du ' s , du Hochmütige ! « Aber wie ward ihm , als nun das Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot . » Ihr habt recht « , sagte sie fast bewegt . » Es freut mich , daß Ihr so denkt ! Die Vermittler stiften viel Unheil an ... Und erst die frühen Ehen ! ... Meine Jütte hat mir gesagt : Dieser Sender hat seine eigenen Gedanken ! Es freut mich , daß sie recht hat und daß es vernünftige Gedanken sind . « Frau Taube starrte die beiden betroffen an . » Unsinn ! « sagte sie dann mit verlegenem Lachen . » Wenn jeder so dächte , dann könnt ' die Welt aussterben . « Sie errötete . » Ich hab ' meinen Schmule erst unter dem Trauhimmel gesehen , auch ist er zwei Jahr ' jünger als ich , und seit ich meine Bübele hab ' , bin ich doch ganz glücklich . Sollen sich etwa jüdische Kinder gar noch aus Liebe heiraten ? « » Bewahre « , sagte Malke . » Es wär ' zu entsetzlich . « Sie wollte es spöttisch sagen , aber es klang wie der Aufschrei eines wunden Herzens . Dann wandte sie sich an Sender , der noch immer ganz betroffen dastand . » Ich höre « , sagte sie freundlich , » daß Ihr nie einen Lehrer gehabt habt . Wie seid Ihr eigentlich zum Deutschen gekommen ? « » Durch Zufall « , sagte er zögernd . » Aber ich weiß darum auch wenig genug . Ihr habt mich vorhin zweimal auf Fehlern ertappt - aber wenn Ihr wüßtet - « » Verzeiht mir « , sagte sie herzlich . » Es war nicht recht von mir . Wenn Ihr meine Lehrer gehabt hättet , wo wäret Ihr ! « » Kaum ebenso weit « , erwiderte er und wunderte sich im selben Atemzuge , daß ihm das galante Wort eingefallen . Denn sein Hirn wirbelte wie ein Kreisel , namentlich wenn er sie ansah - und wie schön sie nun war , da ein freundliches , gütiges Lächeln die ernsten Züge verklärte ! » Freilich hab ' ich ' s nicht leicht gehabt . Wißt Ihr , wie mir mein bißchen Bildung vorkommt ? Da hab ' ich da einen bunten Flicken auf meinen Kaftan geheftet und dort einen - wie ich sie eben bekommen konnte , aber ein deutscher Rock ist ' s nicht geworden . « » Wer weiß « , tröstete sie , » vielleicht schneidert Ihr Euch den auch noch einmal zusammen ... Aber es ist spät ! « Sie bot ihm die Hand . » Gute Nacht - und auf Wiedersehen , nicht wahr ? « » Auf Wiedersehen « , erwiderte er , drückte ihre Hand herzhaft und ließ sie dann errötend fahren . Langsam ging er heim . Alle fünf Schritte blieb er stehen und legte die Hand auf die heiße Stirne , aber davon wollte es drinnen nicht klarer werden . » Da erklär ' mir einer das Mädchen « , murmelte er . » Bin ich höflich , wird sie grob , werd ' ich grob , ist sie höflich ! Und da erklär ' mir einer mich selber ! Möcht ' ich sie heiraten ? Behüte ! Warum hab ' ich mich dann so geärgert , daß sie mir beigestimmt hat ? « Vierundzwanzigstes Kapitel » Ich fahr ' aus der Haut ... Was hast du da geschrieben ? ... Ich platz ' . « » So faßt Euch doch , Reb Dovidl ! « » Fassen ? Nicht mich , sondern dich werd ' ich fassen und vor die Tür setzen . Oder ins Irrenhaus stecken . Wenn diese Eingab ' abgegangen wär ' , hätten sie mich gefaßt . Das war noch nicht da ! « » Aber was ist es denn ? « » Er fragt noch , was es ist ! Was schreibst du in der Sach '