Landes und seiner Zukunft . Er betrieb einen beschränkten Weinhandel , nur mit gutem und wertvollem Wein , mehr gelegentlich als geschäftsmäßig , und in seinem Hause ging alles seinen Weg , ohne daß er viel umhersprang . Auch er war ein Mann des Rates und der Tat , aber mehr in der moralischen Welt , und in politischen Dingen ein einflußreicher Volksmann , obgleich er nicht im Großen Rate saß . Bei den Wahlen hörten viele auf ihn ; daher mochte die Regierung ihn sowenig gegen sich aufbringen als den Holzhändler . Der Statthalter hatte jetzo die Gelegenheit ergriffen , zwischen den beiden Männern über fraglichen Straßenbau eine Verständigung herbeizuführen . Als ein freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hübschen Gesichte und vornehm grauen Haaren , welche an Puder erinnerten , trug er feine Wäsche und einen feinen Rock , an der weißen Hand goldene Ringe und lachte gern . Immer war er gelassen , führte seine Geschäfte mit Festigkeit durch , ohne sich auf die Gewalt zu berufen und als Regierungsperson zu brüsten . Staatswissenschaftlich gebildet , zeigte er davon jederzeit nur , soviel nötig war , und tat dies auf eine Weise , als ob er den Bauern nur etwas erzählte , das er zufällig erfahren und sie ebensogut wissen könnten , wenn es sich just gefügt hätte . Mit seinem feinen Rock und seinen Manschetten ging er überallhin , wo ein Bauersmann hinging , nahm seinen Putz nicht in acht dabei und verdarb ihn doch nicht . Zu den Leuten verhielt er sich nicht wie ein Vogt zu seinen Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen Soldaten , auch nicht wie ein Vater zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen Hirten , sondern unbefangen wie ein Mann , der mit dem andern ein Geschäft zu verrichten und eine Pflicht zu erfüllen hat . Er strebte weder herablassend noch leutselig zu sein , am wenigsten suchte er den besoldeten Diener des Volkes zu affektieren . Seine Festigkeit gründete er nicht auf die Amtsehre , sondern auf das Pflichtgefühl ; doch wenn er nicht mehr sein wollte als ein anderer , so wollte er auch nicht weniger sein . Und doch war er kein unabhängiger Mann ; einer reichen , aber verschwenderischen Familie entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger Vogel , kehrte er mit erlangter Besonnenheit gerade in das väterliche Haus zurück , als dasselbe in Verfall geriet ; so sah sich der junge Mann genötigt , gleich ein Amt zu suchen , und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen einer von denen geworden , die ohne ihr Amt Bettler und also Regierungspersonen von Profession sind . Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklärung dieser verrufenen Lebensart gelten ; den ersten Schritt hatte er in der lugend und in der Not getan , und als es nachher nicht mehr zu ändern war , zog er sich wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache . Der Schulmeister pflegte von ihm zu sagen , er sei einer von den wenigen , die durch das Regieren weise werden . Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht , den Holzhändler und den Wirt zu einer Verständigung zu bringen , damit er der Regierung berichten könne , welcher Zug der Straße in der Gegend allgemein gewünscht werde . Jeder der beiden Männer verteidigte hartnäckig seinen Vorteil ; der Holzhändler hielt sich schlechtweg an den Vernunftgrund , daß die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein müsse , und barg so seinen eigenen Vorteil hinter die Vernunft ; auch ließ er merken , daß er als Mitglied der Behörde jener zum Siege zu verhelfen hoffe . Der Wirt dagegen sagte geradezu , er wolle sehen , ob er es um den Staat verdient habe , daß man ihm das Haus seiner Väter in eine Einöde setze ! Herabzusteigen und an dem feuchten Wasser sich anzunisten wie ein Fischotter , dazu werde man ihn nicht überreden ; oben , wo es trocken und sonnig , sei er geboren , und dort werde er auch bleiben ! Hierauf versetzte sein Gegner lächelnd das möge er unbehindert tun und von der Freiheit träumen , während er ein Untertan seiner Vorurteile sei ; andere zögen es vor , in der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben . Schon fing die Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen Anhängern Worte wie Starrsinn und Eigennutz ! laut zu werden , als ein fröhlicher Haufe den Tell zur Fortsetzung seiner Taten abholte , denn er sollte noch auf die Platte springen und den Vogt erschießen . Etwas zornig brach er auf , indes auch die übrigen sich zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen blieben . Die Unterredung hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht ; besonders am Wirt verletzte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen Vorteiles , an diesem Tage und in so bedeutungsvollem Gewande ; solche Privatansprüche an ein öffentliches Werk , von vorleuchtenden Männern mit Heftigkeit unter sich behauptet , das Hervorkehren des persönlichen Verdienstes und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde , welches von dem unparteischen Wesen des Staates in mir lebte und das ich mir auch von den berühmten Volksmännern gemacht hatte . Ich äußerte diesen Eindruck in vorlauten Worten gegen Annas Vater , hinzufügend , daß mir der Vorwurf der Kleinlichkeit , des Eigennutzes und der Engherzigkeit , welcher den Schweizern zuweilen gemacht würde , nun bald gerecht erschiene . Der Schulmeister milderte in etwas meinen Tadel und forderte mich zur Duldsamkeit auf mit der menschlichen Unvollkommenheit , welche auch diese sonst wackeren Männer überschatte . Übrigens , meinte er , sei nicht zu leugnen , daß unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein Gewächs der Scholle sei und daß unseren Fortschrittsmännern die wahre Religiosität fehle , welche in das schwere politische Leben jenen heitern , frommen , liebevollen Leichtsinn bringe , der aus warmem Gottvertrauen entspringe und erst die richtige Opferfreudigkeit , die allerfreieste Beweglichkeit von Leib und Seele möglich mache . Wenn unsere fleißigen Männer einmal einsähen , daß im Evangelio noch eine viel aufgewecktere und schönere Beweglichkeit gelehrt würde , als diejenige sei , welche der Holzhändler predige , so werde das Politisieren noch viel erklecklicher vonstatten gehen und erst die reifen Früchte bringen . Ich wollte eben hiegegen mein rundes Veto einlegen , als jemand mir auf die Achsel klopfte ; als ich mich umwandte , stand der Statthalter hinter uns , welcher freundlich sagte : » Obgleich ich nicht der Ansicht bin , daß man in einer guten Republik stark auf die Meinungen der Jugend achte , solange die Alten das Salz nicht verloren haben und Toren geworden sind , so will ich doch versuchen , junger Herr , Euern Kummer zu lindern , damit Euch über vermeintlichen trüben Erfahrungen nicht dieser schöne Tag zuschanden gehe ; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes Jugendalter erreicht , welches ich eigentlich meine , und da Ihr schon so kräftig zu tadeln wißt , so versteht Ihr gewiß noch ebensogut zu lernen . Vor allem freut es mich , Euch in betreff der beiden Männer , welche soeben weggingen , Euern Mut wiederaufzurichten ; es mögen allerdings nicht alle gleich sein in unserm Schweizerlande ; doch vom Herrn Kantonsrat wie vom Leuenwirt mögt Ihr sicher glauben , daß sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es einer für den andern opfern würden , wenn er ins Unglück geriete , und das vielleicht gerade desto unbedenklicher , als dieser andere sich heute kräftiger um die Straße gewehrt hat . Sodann merkt Euch für Eure künftigen Tage wer seinen Vorteil nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht , der wird auch nie imstande sein , seinem Nächsten aus freier Tat einen Vorteil zu verschaffen ! Denn es ist ( hier schien sich der Statthalter mehr an den Schulmeister zu wenden ) ein großer Unterschied zwischen dem freien Preisgeben oder Mitteilen eines erworbenen , errungenen Gutes und zwischen dem trägen Fahrenlassen dessen , was man nie besessen hat oder zu verteidigen zu blöd ist . Jenes gleicht dem großmütigen Gebrauche eines wohlerworbenen Vermögens , dieses aber der Verschleuderung ererbter oder gefundener Reichtümer . Einer , der immer und ewig entsagt , überall sanftmütig hintenansteht , mag ein guter harmloser Mensch sein ; aber niemand wird es ihm Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen Vorteil verschafft ! Denn so etwas kann , wie schon gesagt , nur der tun , der den Vorteil erst zu erwerben und zu behaupten weiß . Wo man das aber mit frischem Mute und ohne Heuchelei tut , da scheint mir Gesundheit zu herrschen und gelegentlich ein tüchtiger Zank um den Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu sein . Wo man nicht frei heraus für seinen Nutzen und für sein Gut einstehen kann , da möchte ich mich nicht niederlassen ; denn da ist nichts zu erholen als die magere Bettelsuppe der Verstellung , der Gnadenseligkeit und der romantischen Verderbnis ; da entsagen alle , weil allen die Trauben zu sauer sind , und die Fuchsschwänze schlagen mit bittersüßem Wedeln um die dürren Flanken . Was aber die Meinung der Fremden betrifft ( hier wandte er sich wieder mehr an mich ) , so werdet Ihr einst auf Euren Reisen lernen , weniger darauf zu achten ! « Nach dieser Rede schüttelte uns der Statthalter die Hände und entfernte sich . Ich war indessen nicht überzeugt worden , sowenig als dem Schulmeister die Wendung des Gesprächs zu behagen schien . Doch kamen wir darin überein , daß er ein liebenswürdiger Mann sei , und indem ich ihm , mich durch seine Ansprache geehrt fühlend , wohlwollend nachblickte , pries ich ihn gegen den Schulmeister als einen verdienstvollen und daher gewiß glücklichen Mann . Der Schulmeister schüttelte aber den Kopf und meinte , es wäre nicht alles Gold , was glänze . Er hatte seit einiger Zeit angefangen , mich zu duzen , und fuhr daher jetzt fort : » Da du ein nachdenklicher Jüngling bist , so gebührt es dir auch , einen Blick in das Leben der Menschen zu gewinnen ; denn ich halte dafür , daß die Kenntnis recht vieler Fälle und Gestaltungen jungen Leuten mehr nützt als alle moralischen Theorien ; diese kommen erst dem Manne von Erfahrung zu , gewissermaßen als eine Entschädigung für das , was nicht mehr zu ändern ist . Der Statthalter eifert nur darum so sehr gegen das , was er Entsagung nennt , weil er selbst eine Art Entsagender ist , das heißt weil er selbst diejenige Wirksamkeit geopfert hat , die ihn erst glücklich machen würde und seinen Eigenschaften entspräche . Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen Augen eine Tugend ist und er in seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und nützlich dasteht , als er es kaum anderswie könnte , so ist er doch nicht dieser Meinung , und er hat manchmal so düstere und prüfungsreiche Stunden , wie man es seiner heiteren und freundlichen Weise nicht zumuten würde . Von Natur nämlich ist er ebenso feuriger Gemütsart als von einem großen und klaren Verstande begabt und daher mehr dazu geschaffen , im Kampfe der Grundsätze beim Aufeinanderplatzen der Geister einen tapferen Führer abzugeben und im großen Menschen zu bestimmen , als in ein und demselben Amte ein stehender Verwalter zu sein . Allein er hat nicht den Mut , auf einen Tag brotlos zu werden ; er hat gar keine Ahnung davon , wie sich die Vögel und die Lilien des Feldes ohne ein fixes Einkommen nähren und kleiden , und daher hat er sich der Geltendmachung seiner eigenen Meinungen begeben . Schon mehr als einmal , wenn durch den Parteienkampf Regierungswechsel herbeigeführt wurden und der siegende Teil den unterlegenen durch ungerechte Maßregeln zwacken wollte , hat er sich wie ein Ehrenmann in seinem Amte dagegen gestemmt ; aber das , was er seinem Temperament nach am liebsten getan hätte , nämlich der Regierung sein Amt vor die Füße zu werfen , sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und mittelst seiner Einsicht und seiner Energie die Gewalthaber wieder dahin zu jagen , von wannen sie gekommen das hat er unterlassen , und dies Unterlassen kostet ihn zehnmal mehr Mühe als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsführung . Den Landleuten gegenüber braucht er nur zu leben , wie er es tut , um in seiner Würde fest zu stehen . Bei den Behörden aber und in der Hauptstadt braucht es manches verbindliche Lächeln , manche wenn auch noch so unschuldige Schnörkelei , wobei er lieber sagen würde : Herr ! Sie sind ein großer Narr ! oder : Herr ! Sie scheinen ein Spitzbube zu sein ! Denn , wie gesagt , er hat ein dunkles Grauen vor dem , was man Brotlosigkeit nennt . « » Aber zum Teufel ! « sagte ich , » sind denn unsere Herren Regenten zu irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stück Volk , und leben wir nicht in einer Republik ? « » Allerdings , mein lieber Sohn ! « erwiderte der Schulmeister ; » allein es bleibt eine wunderbare Tatsache , wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stück Volk , ein repräsentativer Körper durch den einfachen Prozeß der Wahl sogleich etwas ganz merkwürdig Verschiedenes wird , einesteils immer noch Volk und andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes , fast Feindliches wird . Es ist wie mit einer chemischen Materie , welche durch das bloße Eintauchen eines Stäbchens , ja sogar durch bloßes Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihren Verbindungen verändert . Manchmal will es fast scheinen , als ob die alten patrizischen Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren vermochten . Aber lasse dich ja nicht etwa verführen , unsere repräsentative Demokratie nicht für die beste Verfassung zu halten ! Besagte Erscheinung dient bei einem gesunden Volke nur zu einer wohltätigen Heiterkeit , da es sich mit aller Gemütsruhe den Spaß macht , die wunderbar verwandelte Materie manchmal etwas zu rütteln , die Phiole gegen das Licht zu halten , prüfend hindurchzugucken und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden . « Den Schulmeister unterbrechend , fragte ich , ob denn der Statthalter als ein Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch eine Privattätigkeit ernähren könnte als durch ein Amt ? Worauf er antwortete : » Daß er dies nicht kann oder nicht zu können glaubt , ist wahrscheinlich eben das Geheimnis seiner Lebenslage ! Der freie Erwerb ist eine Sache , für welche manchen Menschen der Sinn sehr spät , manchen gar nie aufgeht . Vielen ist es ein einfacher Tick , dessen Verständnis ihnen durch ein Handumdrehen , durch Zufall und Glück gekommen , vielen ist es eine langsam zu erringende Kunst . Wer nicht in seiner lugend durch Übung und Vorbild seiner Umgebung , sozusagen durch die Überlieferung seines Geburtshauses , oder sonst im rechten Moment den rechten Fleck erwischt , wo der Tick liegt , der muß manchmal bis in sein vierzigstes oder fünfzigstes Jahr ein umhergeworfener und bettelhafter Mensch sein , oft stirbt er als ein sogenannter Lump . Viele Personen des Staates , welche zeitlebens tüchtige Angestellte waren , haben keinen Begriff vom Erwerbe ; denn alle öffentlich Besoldeten bilden unter sich ein Phalansterium , sie teilen die Arbeit unter sich , und jeder bezieht aus den allgemeinen Einkünften seinen Lebensbedarf ohne weitere Sorge um Regen oder Sonnenschein , Mißwachs , Krieg oder Frieden , Gelingen oder Scheitern . Sie stehen so als eine ganz verschiedene Welt dem Volke gegenüber , dessen öffentliche Einrichtung sie verwalten . Diese Welt hat für solche , die von jeher darin lebten , etwas Entnervendes in bezug auf die Erwerbsfähigkeit . Sie kennen die Arbeit , die Gewissenhaftigkeit , die Sparsamkeit , aber sie wissen nicht , wie die runde Summe , welche sie als Lohn erhalten , im Wind und Wetter der Konkurrenz zusammengekommen ist . Mancher ist sein Leben lang ein fleißiger Richter und Exekutor in Geldsachen gewesen , der es nie dazu brächte , einen Wechsel auszustellen und rechtzeitig einzulösen . Wer essen will , der soll auch arbeiten ; ob aber der verdiente Lohn der Arbeit sicher und ohne Sorgen sein oder ob er außer der einfachen Arbeit noch ein Ergebnis der Sorge , des Geschickes und dadurch zum Gewinst werden soll , welches von beiden das Vernünftige und von höherer Absicht dem Menschen Bestimmte sei das zu entscheiden wage ich nicht , vielleicht wird es die Zukunft tun . Aber wir haben beide Arten in unseren Zuständen und dadurch ein verworrenes Gemisch von Abhängigkeit und Freiheit und von verschiedenen Anschauungen . Der Statthalter glaubt sich abhängig und enthält sich während jeder Krise verschlossenen Sinnes gleichmäßig aller eigenen Kundgebung und weiß dabei nicht einmal , wie viele sich bemühen , hinter seinem Rücken seine innersten Gedanken zu erfahren , um sich danach zu richten . « Ich empfand eine große Teilnahme für den Statthalter und ehrte ihn , ohne mir darüber Rechenschaft geben zu können ; denn ich mißbilligte höchlich seine Scheu vor der Armut , und erst später wurde es mir klar , daß er das Schwerste gelöst habe eine gezwungene Stellung ganz so auszufüllen , als ob er dazu allein gemacht wäre , ohne mürrisch oder gar gemein zu werden . Indessen waren mir die Reden des Schulmeisters über das Erwerben und über den rechten Tick keine liebliche Musik ; es wurde mir fraglich , ob ich diesen auch erwischen würde , da ich einzusehen begann , daß für alles dies rüstige Volk die Freiheit erst ein Gut war , wenn es sich seines Brotes versichert hatte , und ich fühlte vor den langen , nun leeren Tischreihen , daß selbst dieses Fest bei hungrigem Magen und leerem Beutel ein sehr trübseliges gewesen wäre . Ich war froh , daß wir endlich aufbrachen . Annas Vater schlug vor , wir beide sollten uns zu ihm ins Fuhrwerk setzen , damit wir zusammen dem Schauspiele nachführen ; doch gab sie den Wunsch zu erkennen , lieber den ausgeruhten Schimmel zu besteigen und noch ein wenig umherzureiten , da es später unter keinem Vorwande mehr geschehen würde . Hiemit war der Schulmeister auch zufrieden und erklärte so wolle er wenigstens mit uns fahren , bis er etwa Gelegenheit finde , einer bejahrten Person den Heimweg zu erleichtern , da ihn die Jungen alle im Stiche ließen . Ich aber lief mit frohen Gedanken nach dem Hause , wo unsere Pferde standen , ließ dieselben auf die Straße bringen , und als ich Anna in den Sattel half , klopfte mir das Herz vor heftigem Vergnügen und stand wieder still vor angenehmem Schreck , weil ich voraussah , bald allein neben ihr durch die Landschaft zu reiten . Sechzehntes Kapitel Abendlandschaft . Berta von Bruneck Dies traf auch ein , obgleich noch auf andere Weise , als ich es gehofft hatte . Wir waren noch nicht weit aus dem Tore , als der gastliche Schulmeister sein Wägelchen schon mit drei alten Leutchen beladen hatte und in lustigem Trabe vorausfuhr , der angenommenen hohlen Gasse zu . Still ritten wir nun im Schritte dahin und grüßten sehr beflissen die fröhlichen Leute , denen wir begegneten , links und rechts , bis wir in die Nähe der wogenden und summenden Menge kamen und dieselbe beinah erreichten . Da stießen wir auf den Philosophen , dessen schönes Gesichtchen vor Mutwillen glühte und den tollen Spuk verkündigte , welchen er schon ausgeübt . Er war in gewöhnlicher Kleidung und trug ein Buch in der Hand , da er nebst einem andern Lehrer das Amt eines Einbläsers übernommen , um überall zur Hand zu sein , wenn einen Helden die Erinnerung verlassen sollte . Doch erzählte er jetzt , wie die Leute gar nichts mehr hören wollten und alles von selber seinen ziemlich wilden Gang ginge ; er habe daher , rief er , nun die schönste Muße , uns beiden zu der Jagdszene zu soufflieren , die wir ohne Zweifel auszufahren so einsam ausgezogen wären ; es sei auch die höchste Zeit dazu und wir wollten uns ungesäumt ans Werk machen ! Ich wurde rot und trieb die Pferde an ; aber der Philosoph fiel uns in die Zügel ; Anna fragte , was denn das wäre mit der Jagdszene , worauf er lachend ausrief er werde uns doch nicht sagen müssen , was alle Welt belustige und uns ohne Zweifel mehr als alle Welt ! Anna wurde nun auch rot und verlangte standhaft zu wissen , was er meine . Da reichte er ihr das aufgeschlagene Buch , und während mein Brauner und ihr Schimmel behaglich sich beschnupperten , ich aber wie auf Kohlen saß , las sie , das Buch auf dem rechten Knie haltend , aufmerksam die Szene , wo Rudenz und Berta ihr Bündnis schließen , von Anfang bis zu Ende , mehr und mehr errötend . Die Schlinge kam nun an den Tag , welche ich ihr so harmlos gelegt , der Philosoph rüstete sich sichtbar zu endlosem Unfuge , als Anna plötzlich das Buch zuschlug , es hinwarf und höchst entschieden erklärte , sie wolle sogleich nach Hause . Zugleich wandte sie ihr Pferd und begann feldein zu reiten auf einem schmalen Fahrwege , ungefähr in der Richtung nach unserm Dorfe . Verlegen und unentschlossen sah ich ihr eine Weile nach ; doch faßte ich mir ein Herz und trabte bald hinter ihr her , da sie doch einen Begleiter haben mußte ; während ich sie erreichte , sang uns der Philosoph ein loses Lied nach , welches jedoch immer schwächer hinter uns verklang , und zuletzt hörten wir nichts mehr als die muntere , aber ferne Hochzeitsmusik aus der hohlen Gasse und vereinzelte Freudenrufe und Jauchzer an verschiedenen Punkten der Landschaft . Diese erschien aber durch die Unterbrechungen nur um so stiller und lag mit Feldern und Wäldern friedevoll im Glanze der Nachmittagssonne wie im reinsten Golde . Wir ritten nun auf einer gestreckten Höhe , ich hielt mein Pferd immer noch um eine Kopflänge hinter dem ihrigen zurück und wagte nicht ein Wort zu sagen . Da gab Anna dem Schimmel einen kecken Schlag mit der Gerte und setzte ihn in Galopp , ich tat das gleiche ; ein lauer Wind wehte uns entgegen , und als ich auf einmal sah , daß sie , ganz gerötet die balsamische Luft einatmend , vergnügt vor sich hin lächelte , den Kopf hoch aufgehalten mit dem funkelnden Krönchen , während ihr Haar waagrecht schwebte , schloß ich mich dicht an ihre Seite , und so jagten wir wohl fünf Minuten lang über die einsame Höhe dahin . Der Weg war noch halb feucht und doch fest ; rechts unter uns zog der Floß , wir blickten seine glänzende Bahn entlang , jenseits erhob sich das steile Ufer mit dunklem Walde , und darüber hin sahen wir über viele Höhenzüge weg im Nordosten ein paar schwäbische Berge , einsame Pyramiden , in unendlicher Stille und Ferne . Im Südwesten lagen die Alpen weit herum , noch tief herunter mit Schnee bedeckt , und über ihnen lagerte ein wunderschönes mächtiges Wolkengebirge im gleichen Glanze , Licht und Schatten ganz von gleicher Farbe wie die Berge , ein Meer von leuchtendem Weiß und tiefem Blau , aber in tausend Formen gegossen , von denen eine die andere übertürmte . Das Ganze war eine senkrecht aufgerichtete glänzende und wunderbare Wildnis , gewaltig und nah an das Gemüt rückend und doch so lautlos , unbeweglich und fern . Wir sahen alles zugleich , ohne daß wir besonders hinblickten ; wie ein unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um uns zu drehen , bis sie sich verengte , als wir allmählich bergab jagten , dem Flusse zu . Aber es war uns nur , als ob wir im Traume in einen geträumten Traum träten , als wir auf einer Fähre über den Fluß fuhren , die durchsichtig grünen Wellen sich rauschend am Schiffe brachen und unter uns wegzogen , während wir doch auf Pferden saßen und uns in einem Halbbogen über die Strömung weg bewegten . Und wieder glaubten wir uns in einen andern Traum versetzt , als wir , am andern Ufer angekommen , langsam einen dunklen Hohlweg emporklommen , in welchem schmelzender Schnee lag . Hier war es kalt , feucht und schauerlich ; von den dunklen Büschen tropfte es und fielen zahlreiche Schneeklumpen , wir befanden uns ganz in einer kräftig braunen Dunkelheit , in deren Schatten der alte Schnee traurig schimmerte , nur hoch über uns glänzte der goldene Himmel . Auch hatten wir den Weg nun verloren und wußten nicht recht , wo wir waren , als es mit einem Male grün und trocken um uns wurde . Wir kamen auf die Höhe und befanden uns in einem hohen Tannenwald , dessen Stämme drei bis vier Schritte auseinander standen , auf einem dicht mit trockenem Moose bedeckten Boden , und die Äste hoch oben in ein dunkelgrünes Dach verwachsen , so daß wir vom Himmel fast nichts mehr sehen konnten . Ein warmer Hauch empfing uns hier , goldene Lichter streiften da und dort über das Moos und an den Stämmen , der Tritt der Pferde war unhörbar , wir ritten gemächlich zwischendurch , um die Tannen herum , bald trennten wir uns , und bald drängten wir uns nahe zusammen zwischen zwei Säulen durch , wie durch eine Himmelspforte . Eine solche Pforte fanden wir aber gesperrt durch den quergezogenen Faden einer frühen Spinne ; er schimmerte in einem Streiflichte mit allen Farben , blau , grün und rot , wie ein Diamantstrahl . Wir bückten uns einmütig darunter weg , und in diesem Augenblicke kamen sich unsere Gesichter so nah , daß wir uns unwillkürlich küßten . Im Hohlweg hatten wir schon zu sprechen angefangen und plauderten nun eine Weile ganz glückselig , bis wir uns darauf besannen , daß wir uns geküßt , und sahen , daß wir rot wurden , wenn wir uns anblickten . Da wurden wir wieder still . Der Wald senkte sich nun auf die andere Seite hin und stand wieder im Schatten . In der Tiefe sahen wir ein Wasser glänzen , und die gegenüberstehende Berghalde , ganz nah , leuchtete mit Felsen und Fichten im hellen Sonnenscheine durch die dunklen Stämme , unter denen wir zogen , und warf ein geheimnisvolles Zwielicht in die schattigen Hallen unseres Tannenwaldes . Der Boden wurde jetzt so abschüssig , daß wir absteigen mußten . Als ich Anna vom Pferde hob , küßten wir uns zum zweiten Male , sie sprang aber sogleich weg und wandelte vor mir über den weichen grünen Teppich hinunter , während ich die beiden Tiere führte . Wie ich die reizende , fast märchenhafte Gestalt so durch die Tannen gehen sah , glaubte ich wieder zu träumen und hatte die größte Mühe , die Pferde nicht fahrenzulassen , um mich von der Wirklichkeit zu überzeugen , indem ich ihr nachstürzte und sie in die Arme schloß . So kamen wir endlich an das Wasser und sahen nun , daß wir uns bei der Heidenstube befanden , in einem wohlbekannten Bezirke . Hier war es womöglich noch stiller als in dem Tannenwalde und am allerheimlichsten ; die besonnte Felswand spiegelte sich in dem reinen Wasser , über ihr kreisten drei große Habichte in der Luft , sich unaufhörlich begegnend , und das Braun auf ihren Schwingen und das Weiß an der inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flügelschlage und den Schwenkungen im Sonnenscheine , während wir unten im Schatten waren . Ich sah dies alles in meinem Glücke , indessen ich den guten Gäulen , welche nach dem Wasser begehrten , die Zäume abnahm . Anna erblickte ein weißes Blümchen , ich weiß nicht , was für eines , brach es und trat auf mich zu , es auf meinen Hut zu stecken ; ich sah und hörte jetzt nichts mehr , als wir uns zum dritten Male küßten . Zugleich umschlang ich sie mit den Armen , drückte sie mit Heftigkeit an mich und fing an , sie mit Küssen zu bedecken . Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still , dann legte sie ihre Arme um meinen Hals und küßte mich wieder ; aber bei dem fünften oder sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen , indessen ich ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fühlte . Die Küsse erloschen wie von selbst , es war mir , als ob ich einen urfremden , wesenlosen Gegenstand im Arme hielte , wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht , unentschlossen hielt ich meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch fester an mich zu ziehen . Mich dünkte , ich müßte sie in eine grundlose Tiefe fallen lassen , wenn ich sie losließe , und töten , wenn ich sie ferner gefangenhielt ; eine große Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere kindischen Herzen . Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander , beschämt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden . Dann setzte sich Anna auf einen Stein , dicht an dem klaren tiefen Wasser , und fing bitterlich an zu weinen . Erst als ich dies sah , konnte ich mich wieder mit ihr beschäftigen , so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Kälte versunken , die uns überfallen hatte . Ich näherte mich dem schönen , trauernden Mädchen und suchte eine Hand zu fassen , indem ich zaghaft ihren Namen nannte . Aber sie hüllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grünen Kleides , fortwährend reichliche Tränen vergießend . Endlich erholte sie sich ein wenig und sagte bloß : » Oh ! wir waren so froh bis jetzt ! « Ich glaubte sie zu verstehen , weil ich ziemlich das gleiche fühlte , nur nicht