, das ihn schon monatelang vor seinem Tode befallen hatte , schloß ihm die Sinne . So starb er im Juli 1793 , inmitten der Tage der Schreckensherrschaft , die er noch erlebt , aber nicht mehr mit Augen gesehen hatte . So etwa waren im Zusammenhange die Notizen , die die Gräfin vereinzelt gab . Sie wiegte sich in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit und wurde deshalb wenig angenehm überrascht , als Drosselstein , den Namen Lemierres einige Male wiederholend , wie wenn er sich auf etwas Halbvergessenes besinne , mit einem leisen Anfluge von Sarkasmus sagte : » Ja , es kann nur Lemierre gewesen sein ; gnädigste Gräfin entsinnen sich gewiß des Bonmots , das bei Gelegenheit der zweiten Aufführung des Guillaume Tell gemacht wurde ? Ich fand es in den Anecdotes dramatiques . « Die Miene , mit der Tante Amelie die Frage begleitete , ließ keinen Zweifel über die Antwort , so daß Drosselstein , um ihr die Verlegenheit eines » Nein « zu ersparen , ohne jede Pause fortfuhr : » Schon bei dieser zweiten Aufführung , trotzdem das Stück enthusiastisch aufgenommen worden war , war das Theater leer , und nur etwa hundert Schweizer hatten sich aus Patriotismus eingefunden . Einer von den anwesenden Franzosen bemerkte diese seltsame Zusammensetzung des Publikums und flüsterte seinem Nachbar zu : Sonst heißt es : kein Geld , keine Schweizer ; hier würd es heißen müssen : keine Schweizer , kein Geld . « Die Gräfin war selbst witzig genug , um unter dem Einfluß einer gut pointierten Wendung ihrer Verstimmung Herr zu werden , und bald wieder auf dem Vollklang Lemierrescher Tragödientitel , auf » Idomeneus « und » Artaxerxes « , sich wiegend , steigerte sie sich in ihrem Enthusiasmus bis zu der Behauptung , daß sich die Überlegenheit des französischen Geistes in nichts so sehr ausspräche als in der Tatsache , daß selbst Erscheinungen zweiten Ranges dem überlegen seien , was innerhalb der deutschen Literatur als ersten Ranges angesehen würde . Berndt , der ahnen mochte , auf was die Gräfin hinauswollte , horchte auf und bemerkte ruhig : » Könntest du Beispiele geben ? « » Gewiß ; und ich nehme das , das uns am bequemsten liegt , eben diesen Guillaume Tell , dem wir mit Hilfe unseres verehrten Gastes « , und hierbei machte sie eine verbindliche Handbewegung gegen Mademoiselle Alceste , » eine so schöne Stunde verdanken . Lemierre n ' est qu ' un auteur de second rang . Aber wie überlegen ist sein Guillaume Tell dem Wilhelm Tell des Herrn Schiller , ein Stück , in dem mehr Personen auftreten , als die vier Waldstätte Einwohner haben . Und dazu ein beständiger Szenenwechsel ; ein Lied wird gesungen , und ein Mondregenbogen spannt sich aus ; alles opernhaft . Zuletzt erscheint Geßler zu Pferde ... « » ... und der Souffleur gerät in Gefahr , wie Max Piccolomini unterm Hufschlag zugrunde zu gehen . Nicht wahr , Schwester ? « » Ich akzeptiere deine Worte und überhöre den Spott , der sich nach deiner Art mehr gegen mich als gegen den Dichter richtet . Er kann übrigens meiner Zustimmung entbehren ; der Weimaraner Herzog hat ihn nobilitiert . « » Das hat er . Hast du denn aber je den Schillerschen Tell mit Aufmerksamkeit gelesen ? « » Ich hab es wenigstens versucht . « » Da bist du mir in unserem Streit um einen Pas voraus , denn ich darf mich meinerseits nicht rühmen , auch nur einen Versuch zur Lektüre Lemierres gemacht zu haben . Aber eines ist sicher , er kam und ging . Sie mögen ihm , was ich nicht weiß , einen Sitz in der Akademie gegeben , ihm Kränze geflochten , ihm in irgendeinem Ehrensaal ein Bild oder eine Büste errichtet haben , es bleibt doch bestehen , was ich sagte : er kam und ging . Er hat keine Spur hinterlassen . « » Und doch folgten wir vor einer Stunde erst eben diesen Spuren und waren hingerissen durch die Schönheit seiner Worte . « » Seiner Worte , ja ; aber nicht durch mehr . Er mag das Herz seiner Nation berührt haben , aber er hat es nicht getroffen . Nach solchen Balsam- und Trostesworten , wie sie der Schillersche Tell hat : Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden , Greift er getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew ' gen Rechte , wirst du den Tell deines Lemierre , dessen bin ich sicher , vergeblich durchsuchen . Ich wüßte sonst davon . Dieser Herr Schiller , wie du ihn nennst , ist eben kein Tabulaturdichter , er ist der Dichter seines Volkes , doppelt jetzt , wo dies arme niedergetretene Volk nach Erlösung ringt . Aber verzeih , Schwester , du weißt nichts von Volk und Vaterland , du kennst nur Hof und Gesellschaft , und dein Herz , wenn du dich recht befragst , ist bei dem Feinde . « » Nicht bei dem Feinde , aber bei dem , was er vor uns voraushat . « » Und das ist in deinen Augen nicht mehr und nicht weniger als alles . Ich sehe seine Vorzüge , wie du sie siehst , aber das ist der Unterschied zwischen dir und mir , daß du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen zugestandenen Überlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst . Erinnere dich , es gibt Fruchtbäume , die nur spärlich tragen ; vielleicht ist Deutschland ein solcher . Und wenn denn durchaus gescholten werden soll , so schilt den Baum , aber nicht die einzelne Frucht . Diese pflegt um so schöner zu sein , je seltener sie ist . Und eine solche seltene Frucht ist unser Tell . « Während dieses Streites hatte sich aus dem Salon und dem Billardzimmer her ein rasch wachsender Kreis von Zuhörern um Vitzewitz gebildet , welcher erst , als er schwieg , das Peinliche der Situation empfand ; nicht seiner ihn stets herausfordernden Schwester , wohl aber Mademoiselle Alceste gegenüber . Er trat deshalb auf diese zu , küßte ihr die Hand und sagte : » Pardon , Madame , wenn ich durch eines meiner Worte Sie verletzt haben sollte . Ich fühle , was wir einem fremden Gaste , aber zugleich auch , was wir unserem Vaterlande schuldig sind . Sie sind Französin ; ich frage Sie , was Sie an irgendeiner Stelle Frankreichs bei Unterordnung Ihres Corneille unter einen fremden Poeten zweiten Ranges empfunden haben würden ! Ich täusche mich nicht in Ihnen , Sie hätten gesprochen nach Ihrem Herzen , nicht nach der Forderung gesellschaftlicher Konvention . Madame , ich rechne auf Ihre Verzeihung . « Mademoiselle Alceste erhob sich mit einer Würde , als ob ihr mindestens eine Corneilleszene zu spielen auferlegt worden sei , und sagte : » Monsieur le Baron , vous avez raison , et je suis heureuse de faire la connaissance d ' un vrai gentilhomme . J ' aime beaucoup la France , mais j ' aime plus les hommes de bon coeur partout où je les trouve . « Dann , sich respektvoll vor der Gräfin verneigend , fuhr sie , gegen diese gewandt , fort : » Mille pardons , Madame la Comtesse , mais , sans doute , vous vous rappelez la maxime favorite de notre cher prince : la vérité c ' est la meilleure politique . « Die Gräfin reichte der alten Französin die Hand und lächelte gezwungen . Den Blick des Bruders vermied sie . Sie konnte Szenen wie diese vergessen , aber nicht sogleich . Der Augenblick behauptete sein Recht über sie . - Es war elf Uhr vorüber . Das Gespräch , das schon zu lange literarisch geführt worden war , wandte sich jetzt den alleräußerlichsten Erörterungen zu und drehte sich um die Frage : wann der Wagen oder Schlitten vorfahren , wer aufbrechen oder bleiben solle . Gegen Tubals und Kathinkas Abreise wurde seitens der Gräfin ein entschiedenes Veto eingelegt , dem sich die Geschwister unschwer fügten . Sie willigten ein , zu bleiben , mit ihnen Doktor Faulstich und Mademoiselle Alceste . Kathinka verließ gleich darauf das Zimmer , angeblich , um ihren Koffer- und Etuischlüssel an Eva zu geben , in Wahrheit , um mit dieser zu plaudern . Denn sie war auch darin ganz Dame von Welt , daß ihr Kammermädchengeschwätz sehr viel und Professorenuntersuchung sehr wenig bedeutete . In immer flüchtiger werdenden Fragen und Antworten setzte sich mittlerweile die Konversation fort , in die selbst einige Bammesche Drastika kein rechtes Leben mehr bringen konnten . Endlich schlug es zwölf ; Berndt öffnete eines der Flügelfenster , um das alte Jahr hinaus- , das neue hereinzulassen , und rief , während die frische Luft einströmte : » Ich grüße dich , neues Jahr ; oft hab ich dich kommen sehen , aber nie wie zu dieser Stunde . Es überrieselt mich süß und schmerzlich , und ich weiß nicht , ob es Hoffen ist oder Bangen . Wir haben nicht Wünsche , wir haben nur einen Wunsch : Seien wir frei , wenn du wieder scheidest ! « Die Gläser klangen zusammen , auch das Mademoiselle Alcestes . Sie teilte ihre patriotischen Empfindungen zwischen ancien régime und Republik ; gegen den Kaiser , der ihr ein Fremder , ein Korse war , unterhielt sie einen ehrlichen Haß . So war denn nichts in ihrem Herzen , das dem unglücklichen Lande , in dem sie so viele glückliche Jahre gelebt hatte , die Rückkehr zu Freiheit und Machtstellung hätte mißgönnen können . Die Aufregung , die der kurze Toast geweckt hatte , dauerte noch fort , als Kathinka wieder in den Saal trat . » Wir haben Blei gegossen « , sagte sie lachend und legte einen blanken Klumpen , auf dem eine Moosgirlande sichtbar war , vor die Tante nieder . » Eva meint , daß es ein Brautkranz sei . « Alle waren einig , daß Eva richtig gesehen und sehr wahrscheinlich noch richtiger prophezeit habe . So ging das gegossene Blei von Hand zu Hand . Es kam zuletzt auch an Lewin , auf den es bei seiner Befangenheit in abergläubischen Anschauungen einen Eindruck machte , daß der Kranz nicht geschlossen war . Die Diener traten ein , um zu melden , daß die Wagen und Schlitten warteten . Berndt empfahl sich zuerst ; dann folgten die anderen Gäste , meist paarweise oder mehr . Mit Drosselstein war der lebusische Landrat ; sie hatten denselben Weg . Nur Lewin fuhr allein . Aus den ersten Dörfern scholl ihm noch Musik entgegen ; dazwischen Schüsse , die das neue Jahr begrüßten . Dann wurd es still , und nur das Bellen eines Hundes klang von Zeit zu Zeit aus der Ferne her . Sein Schlitten schaufelte , wo die Fahrstraße schlecht war , nach rechts und links hin den Schnee zusammen ; er selber aber hing träumerisch den Bildern dieses Tages nach . Auf dem Polstersitze saß wieder Kathinka ; » nun ist es Zeit , Lewin , an unsere Lektion zu denken « , und er beugte sich vor , daß ihre Wangen einander berührten , und begann ihr die Verse vorzusprechen . Dann sah er sie auf der Bühne stehen , ruhig , ihres Erfolges sicher , und es war ihm , als vernähme er den Wohllaut ihrer Stimme . » Wie schön sie war ! « Ein leidenschaftliches Verlangen ergriff ihn , ihr zu Füßen zu stürzen und ihr seine Liebe , die sie verspottete , weil er nicht den Mut eines Geständnisses hatte , unter tausend Schwüren und Küssen zu bekennen ; aber er schüttelte den Kopf , denn er fühlte wohl , daß es umsonst sei und daß er sie nie besitzen werde . Die Sterne flimmerten immer heller ; er sah hinauf , und in seiner Seele klangen plötzlich wieder die Worte jener Bohlsdorfer Grabsteininschrift : » Und kann auf Sternen gehen . « Da fiel alles Verlangen von ihm ab . Er sah noch das Bild Kathinkas , aber es verdämmerte mehr und mehr , und der Friede des Gemütes kam über ihn , als er jetzt einsam über die breite Schneefläche des Bruches hinflog . Dritter Band Alt-Berlin Erstes Kapitel Im Johanniter-Palais Der alte Vitzewitz war bald nach sechs Uhr früh in Berlin eingetroffen und in der Burgstraße , nur hundert Schritt von der Langenbrücke , in dem dazumal angesehenen Gasthofe » Zum König von Portugal « abgestiegen . Er gab einige Weisungen an Krist , die sich auf den » Grünen Baum « , wo , wie herkömmlich , das Gespann untergebracht werden sollte , bezogen , und beschloß dann , in zwei Stunden Morgenschlaf alles , was er in der Nacht versäumt haben mochte , nachzuholen . Viel war es nicht , denn er gehörte zu den Glücklichen , denen , wenn die Müdigkeit kommt , Bett oder Brett dasselbe gilt . Um neun Uhr , er hatte die zwei Stunden pünktlich gehalten , saß er frisch bei seinem Frühstück . Die Stutzuhr tickte , das Feuer im Ofen prasselte , die Eisblumen schmolzen , alles atmete Behagen ; Berndt trat an das Fenster und sah geradeaus über den Fluß hin , auf die gotischen , im hellen Morgenschein erglänzenden Giebel des hier noch mittelalterlich gebliebenen Schlosses . » Das kann nicht über Nacht verschwinden « , sprach er vor sich hin und begann dann , aus der Fensternische zurücktretend , sich mit militärischer Raschheit anzukleiden . Er wählte statt seiner neumärkischen Dragoneruniform , die sich für die Mehrzahl der Visiten , die er vorhatte , wohl am besten geeignet hätte , den roten Frackrock der kurbrandenburgischen Ritterschaft und war eben mit seiner Toilette fertig , als ein eintretender Diener meldete , daß Geheimrat von Ladalinski vorgefahren sei . Berndt nahm Hut und Handschuh , drehte den Schlüssel im Schloß und saß eine Minute später an der Seite des Geheimrats , mit dem er sich brieflich zu gemeinschaftlicher Abmachung einiger Neujahrsgratulationen verabredet hatte . Der Geheimrat war in Gala . Sie begrüßten sich herzlich , verzichteten aber auf ein eigentliches Gespräch , da der ihnen zunächstliegende Zweck ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . Nur die Namen einzelner Minister und Gesandten wurden genannt , bei denen Karten abzugeben waren , bis endlich der Wagen auf die Rampe des an der Ecke des Wilhelmsplatzes gelegenen Johanniterordens-Palais rollte . In diesem Palais wohnte der Herrenmeister des Ordens , der alte Prinz Ferdinand , zu dem Geheimrat von Ladalinski seit einer Reihe von Jahren beinahe freundschaftliche Beziehungen unterhielt , während Berndt von Vitzewitz , der ihn nur oberflächlich kannte , lediglich den Bruder Friedrichs des Großen in ihm verehrte . Hierin begegneten sich damals viele Herzen , und dem zweiundachtzigjährigen Prinzen wurden Huldigungen zuteil , die bis dahin seinem langen und immerhin ereignisreichen Leben versagt geblieben waren . Er hatte die » große Zeit « mit gesehen und mit durchgekämpft ; das gab ihm in diesen Tagen der Erniedrigung ein Ansehen über seine sonstige Bedeutung hinaus , und manche Hoffnung richtete sich an ihm auf . Auch konnt es nicht ausbleiben , daß ihm der Heldentod seines ältesten Sohnes zu Dank und Mitruhm angerechnet wurde . Dieser älteste Sohn war der in Liedern vielgefeierte Prinz Louis , der , die hereinbrechende Katastrophe voraussehend , am Tage vor der Jenaer Schlacht bei Saalfeld gefallen war . Der alte Prinz , als ihm die beiden Herren gemeldet wurden , war bereit , dieselben zu empfangen , und ließ sie bitten , ihn in seinem Arbeitszimmer erwarten zu wollen . Als sie dasselbe betraten , wurden die Rollen zwischen ihnen dahin verteilt , daß Berndt so weit wie möglich die Konversation führen , der Geheimrat aber nur gelegentlich sekundieren solle . Das prinzliche Arbeitszimmer schloß die Front des Hauses nach links hin ab und sah mit zweien seiner Fenster bereits auf die Wilhelmsstraße . Es war von größerer Behaglichkeit , als sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen . Dicke türkische Teppiche , halb zugezogene Damastgardinen , Portieren und Lambrequins verliehen dem nicht großen Raume das , was er bei vier Fenstern und zwei Türen eigentlich nicht haben konnte : Ruhe und Geschlossenheit , und das Feuer im Kamin , indem es zugleich Licht und Wärme ausströmte , steigerte den wohligen und anheimelnden Eindruck . An den Fensterpfeilern befanden sich niedrige Bücherschränke und Etageren , so daß Raum blieb für Büsten und Bilder , darunter als bestes ein Landschaftsbild mit Architektur , Schloß Friedrichsfelde , den Sommeraufenthalt des Prinzen , darstellend . Sein eigenes lebensgroßes Porträt , von der Hand Graffs , hing über dem Kamin . Daneben zog sich ein breites Sofa ohne Lehne bis an die nächste Türeinfassung , während ein runder , mit einer alabasternen Blumenschale geschmückter Tisch in den durch das Sofa gebildeten rechten Winkel hineingeschoben war . Berndt , der sich zum ersten Male an dieser Stelle sah , hatte seine Musterung kaum geschlossen , als der Prinz , die Portiere der zu seinem Schlafzimmer führenden Türe zurückschlagend , früher eintrat , als erwartet war , und , die Verbeugung beider Herren mit freundlichem Gruß erwidernd , durch eine Handbewegung sie aufforderte , auf dem Sofa Platz zu nehmen . Er selber stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin , die Hände nach hinten zu gefaltet und ersichtlich bemüht , soviel Wärme wie möglich mit ihnen einzufangen . In diesem Bedürfnis verriet sich sein hohes Alter ; sonst ließ weder seine Haltung noch der Ausdruck seines Kopfes einen Zweiundachtziger vermuten . Berndt erkannte gleich das Eigentümliche dieses Kopfes , das ihm in einer seltsamen Mischung von Anspruchslosigkeit und Selbstbewußtsein zu liegen schien . Und so war es in der Tat . Von Natur unbedeutend , auch sein lebelang , zumal an seinen Brüdern gemessen , sich dieser Unbedeutendheit bewußt , durchdrang ihn doch das Gefühl von der hohen Mission seines Hauses und gab ihm eine Majestät , die , wenn er ( was er zu tun liebte ) die Stirn runzelte , sich bis zu dem Ausdruck eines donnernden Jupiters steigern konnte . Eine mächtige römische Nase kam ihm dabei zustatten . Wer aber schärfer zusah , dem konnte nicht entgehen , daß er , im stillen lächelnd , den Donnerer bloß tragierte und allen ablehnenden Stolz , den er gelegentlich zeigen zu müssen glaubte , nur nach Art einer Familienpflicht erfüllte . » Sie kommen , mir Ihre Glückwünsche zum neuen Jahre auszusprechen « , hob er an . » Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit um so mehr , je gewisser es das Los des Alters ist , vergessen zu werden . Die Zeitläufte weisen freilich auf mich hin . « Er schwieg einen Augenblick und setzte dann , einen Gedankengang abschließend , dessen erste Glieder er nicht aussprach , mit Würde hinzu : » Ich wollte , daß ich dem Lande mehr sein könnte als eine bloße Erinnerung . « » Eure Königliche Hoheit sind dem Lande ein Vorbild « , antwortete Ladalinski . » Ich bezweifle es fast , mein lieber Geheimrat . Wenn ich meinem Lande je etwas war , so war es durch Gehorsam . Nie hab ich , im Krieg oder Frieden , die Pläne meines Bruders , des Königs , durchkreuzt ; ich habe nicht einmal den Wunsch darnach empfunden . Das ist jetzt anders . Der Gehorsam ist aus der Welt gegangen , und das Besserwissen ist an die Stelle getreten , selbst in der Armee . Ich frage Sie , wäre bei Lebzeiten meines erhabenen Bruders der Austritt von dreihundert Offizieren möglich oder auch nur denkbar gewesen , ein offener Protest gegen die Politik ihres Kriegs- und Landesherrn ? Ein Geist der Unbotmäßigkeit spukt in den Köpfen , zu dem ich alles , nur kein Vorbild bin . « Der alte Vitzewitz , wiewohl er sicher war , daß der Prinz von seinen Plänen nichts wußte , nichts wissen konnte , hatte sich bei diesen Sätzen , deren jeder einzelne ihn traf , nichtsdestoweniger verfärbt . » Eure Königliche Hoheit « , nahm er das Wort , » wollen zu Gnaden halten , wenn ich die Erscheinungen dieser Zeit anders auffasse und nach einer anderen Ursache für dieselben suche . Auch der große König hat Widerspruch erfahren und hingenommen . Wenn solcher Widerspruch selten war , so war es , weil sich Fürst und Volk einig wußten . Und in der bittersten Not am einigsten . Jetzt aber ist ein Bruch da ; es fehlt der gleiche Schlag der Herzen , ohne den selbst der große König den opferreichsten aller Kriege nicht geführt haben würde , und die Maßregeln unserer gegenwärtigen Regierung , indem sie das Urteil des Volkes mißachten , impfen ihm den Ungehorsam ein . Das Volk widerstreitet nicht , weil es will , sondern weil es muß . « » Ich anerkenne den Widerstreit der Meinungen . Aber ich stelle mich persönlich auf die Seite der größeren Erfahrung und des besseren Wissens . Und wo dieses bessere Wissen zu suchen und zu finden ist , darüber kann kein Zweifel sein . Sie müssen der Weisheit meines Großneffen , meines allergnädigsten Königs und Herrn , vertrauen . « » Wir vertrauen Seiner Majestät ... « » Aber nicht dem Grafen , seinem ersten Minister . « » Eure Königliche Hoheit sprechen es aus . « » Ohne Ihnen zuzustimmen ; denn , mein lieber Major von Vitzewitz , dieser Unterschied zwischen dem König und seinem ersten Diener ist unstatthaft und gegen die preußische Tradition . Ich liebe den Grafen von Hardenberg nicht ; er hat den Orden , dem ich fünfzig Jahre als Herrenmeister vorgestanden , mit einem Federstrich aus der Welt geschafft , er hat unser Vermögen eingezogen , unsere Komtureien genommen ; aber ich habe seinen Maßregeln nicht widersprochen . Ich kenne nur Gehorsam . Wir leben in einem königlichen Lande , und was geschieht , geschieht nach dem Willen Seiner Majestät . « » Dem Worte nach « , antwortete Berndt mit einem Anfluge von Bitterkeit . » Der Wille des Königs - wer will jetzt sagen , wie und wo und was er ist . Unter dem großen König , Eurer Königlichen Hoheit erhabenem Bruder , lag es den Ministern ob , den Willen Seiner Majestät auszuführen , jetzt liegt es Seiner Majestät ob , die Vorschläge , das heißt den Willen seiner Minister zu sanktionieren . Was sonst beim Könige lag , liegt jetzt bei seinen Räten ; noch entscheidet der König , aber er entscheidet nicht mehr nach dem Wirklichen und Tatsächlichen , das er nicht kennt , sondern nur noch nach dem Bilde , das ihm davon entworfen wird . Er sieht Freund und Feind , die Welt , die Zustände , sein eigenes Volk durch die Brille seiner Minister . Der Wille des Königs , wie er aus Erlassen und Verordnungen zu uns spricht , ist längst zu einer bloßen Fiktion geworden . « Der Prinz verriet kein Zeichen des Unmuts . Er schritt einige Male über den Teppich hin ; dann wieder seinen Platz am Kamin einnehmend , antwortete er mit einem Ausdrucke gewinnender Vertraulichkeit : » Sie verkennen den König , meinen Großneffen , Sie und viele mit Ihnen . Ich darf mich nicht rühmen , in die Pläne Seiner Majestät eingeweiht zu sein ; es ist nicht Sitte der preußischen Könige , die Mitglieder des Hauses , alt oder jung , zu Rate zu ziehen oder auch nur in den Geschäftsgang einzuweihen ; aber das glaube ich Ihnen auf das bestimmteste versichern zu dürfen : das persönliche Regiment , von dem Sie glauben , daß es zu Grabe gegangen sei , ist um vieles größer , als Sie mutmaßen . « » Eure Königliche Hoheit überraschen mich . « » Ich glaube es wohl ; auch mag ich mich in diesem und jenem irren ; aber in einem irre ich mich nicht , und dies eine ist die Hauptsache . Wie sollen wir uns zu dem Kaiser , unserem hohen Verbündeten , stellen ? Das ist die Frage , die jetzt alle Gemüter beschäftigt . Sie glauben , daß es der Minister sei , der zu zögern und hinauszuschieben und durch Versprechungen Zeit zu gewinnen trachtet ; ich sage Ihnen , es ist der König selbst . « » Weil ihm die Dinge derartig vorgelegt werden , daß er zu keinem anderen Entschlusse kommen kann . « » Nein , weil er in einer Politik des Abwartens allein das Richtige sieht . Die Zeit allein wird die Lösung dieser Wirren bringen . Er ist durchdrungen von der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände , und mehr als einmal habe ich ihn sagen hören : Der Kaiser ist ohne Mäßigung , und wer nicht Maß halten kann , verliert das Gleichgewicht und fällt . Er hält das Kaisertum für eine Seifenblase , nichts weiter . « » Aber eine Seifenblase von solcher Festigkeit , daß Staaten und Throne bei der Berührung mit ihr zusammenstürzen . « » Ich bin nicht impressioniert , das Wort meines Großneffen , trotzdem es meine eigene Meinung ausdrückt , aufrechtzuerhalten . Aber er sprach auch wohl von einem Gewitter , das sich austoben müsse . Und glauben Sie einem alten Manne , der durch fast drei Menschenalter hin den Wechsel der Dinge beobachtet hat : es wird sich austoben . « » Gewiß , Königliche Hoheit , aber nachdem es vorher die höchsten Spitzen getroffen hat . « » Wenn sich diese Spitzen nicht so zu schützen wissen , daß der Strahl an ihnen niedergleitet . « » Durch Bündnis ? « Der Prinz nickte . Berndt aber fuhr fort : » Es mag auch das seine Zeit gehabt haben , aber diese Zeit ist um . Ein jeder Tag hat seine Pflicht und seine Forderung . Der eine fordert Unterwerfung , der andere Bündnis , ein dritter Auflehnung . Ich möchte glauben , Königliche Hoheit , der Tag der Auflehnung sei angebrochen . « » Womit ? Wir haben keine Armee . « » Aber wir haben das Volk . « » Der König mißtraut ihm . « » Seiner Kraft ? « » Vielleicht auch der ; aber vor allem dem neuen Geiste , der jetzt in den Köpfen der Menge lebendig ist . « » Und gerade in diesem Geiste liegt das Heil , wenn man ihn zu nutzen und ihm in Klugheit zu vertrauen versteht . « » Ich widerspreche nicht ; aber dieser Aufgabe fühlt sich der König nicht gewachsen , sie widersteht seiner Natur . Ihm bedeuten viele Köpfe viele Sinne . Erwarten Sie nach dieser Seite hin nichts von ihm . « » Ich hoffe , daß ihm Zuversicht kommt und in dieser Zuversicht der Glaube an ein gutes und treues Volk , das nichts anderes begehrt als die Gewährung , für seinen König sterben zu dürfen . « Der Prinz , seinen Platz abermals wechselnd , schob einen Fauteuil neben das Sofa , nahm , sich niederlassend , Berndts Hand in die seine und sah ihn dabei fest und freundlich mit seinen großen Augen an . » Ich kenne das Volk ; ich habe mit ihm gelebt . In meinen hohen Jahren , wo sich der Sinn für vieles schließt , öffnet er sich für anderes , und so sage ich , weil ich es weiß , es ist ein gutes Volk . Ich sehe es so klar , als ob es vor meinem leiblichen Auge stünde . Aber der König ist eingeschüchtert ; er hat viel Schmerzliches erlebt und nicht das Große , das meine jungen Tage gesehen haben . Ich kenne ihn genau . Er schließt lieber ein Bündnis mit seinem Feinde , vorausgesetzt , daß ihm dieser Feind in Gestalt eines Machthabers oder einer geordneten Regierung entgegentritt , als mit seinem eignen , in hundert Willen geteilten , aus dem Geleise des Gehorsams herausgekommenen Volke . Denn er ist ganz auf die Ordnung gestellt . Mit einem einheitlichen Feinde weiß er , woran er ist , mit einer vielköpfigen Volksmasse nie . Heute ist sie mit ihm , morgen gegen ihn , und während das ihm zu Häupten stehende Napoleonische Gewitter ihn treffen , aber auch ihn schonen kann , sieht er in der entfesselten Volksgewalt nur ein anstürmendes Meer , das , wenn erst einmal die Dämme durchbrochen sind , unterschiedlos alle gesellschaftliche Ordnung in seinen Fluten begräbt . Und die gesellschaftliche Ordnung gilt ihm mehr als die politische . Und darin hat er recht . « Eine kurze Pause entstand ; der Prinz erhob sich wieder , ein Zeichen , daß er die Audienz zu schließen wünsche . Er reichte beiden Herren die Hand und dankte dem Geheimrat , daß er ihm Gelegenheit gegeben habe , die nähere Bekanntschaft eines dem Vaterlande treu ergebenen Mannes zu machen . » Es ist hocherfreulich , selbständigen und bestimmten Ansichten zu begegnen ; aber erschweren Sie dem leitenden Minister nicht seine Stellung . Wir werden das Bündnis aufrechterhalten , bis es sich von selber löst , und dieser Zeitpunkt , so nicht alle Zeichen trügen , ist nahe . Der versinkende Dämon nimmt dann auch die Kette mit , die uns an ihn fesselte . « » Aber nur , um uns doch und vielleicht für immer in Unfreiheit zurückzulassen ; wir werden nichts als die Herrschaft gewechselt haben . Denn unser Tun und Lassen bestimmt unser Los , und andere werden kommen , die dem , der so willfährig die Schleppe trug , eine neue Kette schmieden . « » Hoffen wir das Gegenteil . « Damit schieden sie . Beide Herren verneigten sich , der Wagen fuhr wieder auf die Rampe , und der französische Doppelposten , der vor dem Palais stand , machte die Honneurs . » Wie hat Ihnen mein Prinz gefallen ? « fragte der Geheimrat . » Gut ; ich fürchte , daß