die Lehrerwaise - sie war ja noch im Hause , und ihre fleißigen , geschickten Hände wurden sehr gerühmt ; sie machte die Sache jedenfalls ungleich besser , und es war vermessen von mir , mich ihr gleichzustellen . Ach , wie bitter bereute ich , in die Schreibstube gegangen zu sein ! ... Nicht ohne eine heftige Aufwallung des alten Trotzes nahm ich meine Probeschrift und steckte sie in die Tasche . » Ich fühle , daß ich unbescheiden gewesen bin und eine zu hohe Meinung von meinen Leistungen gehabt habe , « sagte ich mit fliegendem Atem . » Jetzt , wo ich diese schöne , graziöse Schrift sehe « - ich deutete nach der Papierhülse - » jetzt bin ich beschämt - « Hastig schritt ich nach der Thür , aber da stand er auch schon neben mir . » Gehen Sie nicht so von mir , « sagte er in seinen weichsten Tönen . » Ich handle thöricht ! Sie geben mir den ersten Beweis eines schwach aufkeimenden Vertrauens , und ich widerspreche Ihnen . - Aber ich kann nicht zugeben , daß Sie sich einer Marter unterziehen , die Ihrer ganzen Natur zuwiderläuft - Sie haben mir selbst gesagt , daß Sie das rein Mechanische mit zusammengebissenen Zähnen vollbringen ... Ich will ferner nicht , daß Ihre reine Hand , die bis jetzt das Geld mit seinem anklebenden Fluch kaum berührt , sich um den Groschen müht - das siebzehnjährige Menschenwunder , das noch nie Geld gesehen , glauben Sie , es wäre damals so flüchtig an mir vorübergegangen , wie vielleicht eine neue Gegend , eine fremdartige Nationaltracht oder dergleichen ? ... Ich habe Ihnen gleich zu Anfang erklärt , daß das überwuchernde wildtrotzige Element in Ihrer Natur gezügelt werden müsse - das Ungebärdige entstellt in meinen Augen das Weib , und mögen es Tausende als wilde Grazie preisen - aber Ihre Individualität darf dabei nicht angetastet werden . « » Nun , das Zügeln übernehme ich ja , indem ich arbeiten , fest und angestrengt arbeiten will , « versetzte ich hartnäckig . » Ich weiß es , andere suchen die Heilung auch in der Arbeit - Sie selbst sind ja thätig von früh bis spät und verlangen von Ihrer Umgebung streng das Gleiche . « Er lächelte . » Ich verlange von jedem mit Recht die angestrengte Thätigkeit in seinem Berufe ... Aber meinen Sie denn , ich sei ein so eingefleischter Arbeiter , daß ich urteilslos alles in eine und dieselbe Form knete ? ... Einen , der mit grober Säge die überflüssigen Aeste vom Baume schneidet , lasse ich ruhig schalten und walten ; allein ich kann sehr schelten , wenn er mir mit rohem Finger eine feine Blüte berührt und den keuschen Samt von den Blättern streift ... Ich möchte wohl das widerspenstige Zurückwerfen dieses kleinen Lockenkopfes gemildert sehen , aber nur durch die errungene geistige Ueberlegenheit , niemals unter dem lähmenden Joch der mechanischen Arbeit . « Ich stand auf dem Punkt , die Aussicht auf den einzig möglichen Erwerb zu verlieren , weil ich es nicht über mich gewinnen konnte , den geschäftsmäßigen Ton wieder anzuschlagen , der ihn selbst treulos verlassen hatte . Alles , was er sagte , klang so verhalten und gedämpft , als fürchte er , jede lautere Hebung der Stimme könne eine innere Glut zum Brand schüren , ihn zur Heftigkeit fortreißen . - War denn ein Wort gefallen , das die Erinnerung an die treulose Frau geweckt hatte ? ... Bewegt durch ein unerklärlich heftiges Weh- und Mitgefühl für den einst so schwer Gekränkten , griff ich zu dem einzigen Mittel , das mir blieb - zu der Bitte . Ich sprach und bat in warmen Tönen , vor denen ich selbst erschrak . Ein Aufstrahlen flog wie Sonnenschein über sein Gesicht . » Nun denn , Sie sollen haben , was Sie wünschen ! « sagte er wie nach kurzem Ueberlegen mit vibrierender Stimme . » Ich begreife jetzt , weshalb selbst die strenge , rauhe Frau Ilse so wenig mit dem Heideprinzeßchen auszurichten vermocht hat ! ... Nein , nein , so rasch sind wir nicht fertig ! « rief er , als ich nach einigen Dankesworten das Zimmer verlassen wollte . - » Es ist nicht mehr als billig , daß auch ich mir nun etwas erbitten darf , nicht wahr ? ... Erschrecken Sie nicht , Sie sollen mir keine Hand geben « - wie bitter und beschämend klang diese Beschwichtigung für mich ! - » Ich will Sie nur bitten , eine Frage aufrichtig zu beantworten . « Ich kehrte zurück und sah zu ihm auf . » Habe ich mich nicht getäuscht - war es wirklich Ihre Stimme , die mich anrief , als ich in der Unglücksnacht von Dorotheenthal zurückkehrte ? « Ich fühlte , wie mir ein brennendes Rot über das Gesicht lief ; aber ohne Zögern versetzte ich : » Ja , ich bin es gewesen - ich hatte Angst « - ich verstummte , denn die Thür ging auf , und der alte Erdmann trat ein ... Mit dem Ausdrucke des tiefsten Verdrusses zeigte Herr Claudius auf ein Paket Briefe , die nach der Post getragen werden sollten . Der alte Mann hatte bereits ein Schreiben in der Hand , das er auf den Tisch legte , während er seine Umhängetasche mit den Geschäftsbriefen füllte . » Von Fräulein Charlotte , « sagte er , als er bemerkte , daß der Blick seines Herrn mit sichtlichem Befremden an dem kleinen Siegel des mitgebrachten Schreibens haftete . » Der Brief wird erst morgen früh abgehen , Erdmann , « sagte Herr Claudius kurz und nahm ihn an sich . Währenddem hatte ich die Thür erreicht , und ehe er mich noch einmal anrufen konnte , stand ich mit heftig klopfenden Pulsen in der Hausflur . Ich atmete tief auf - der bärbeißige Alte war im glücklichen Moment eingetreten ; um ein Haar hätte ich mich hinreißen lassen , Herrn Claudius zu bekennen , was ich an jenem Abend um ihn gelitten ... Was war das nur ? Ich verlor allen Boden unter den Füßen ; der alte Herr mit der blauen Brille - wie ein Phantom war diese anfängliche Vorstellung in alle Lüfte verflogen , und von allem , was mir beim Eintritt in die neue Welt einen tiefen Eindruck gemacht , kam nichts mehr auf neben der imponierenden Erscheinung des » Krämers « . 27 Ich huschte die Treppe hinauf nach den Gesellschaftsräumen . Drei aneinanderstoßende Zimmer - das Charlottens mit inbegriffen - waren stets behaglich erwärmt und beleuchtet . Die Thüren standen weit offen , und Herr Claudius liebte es , im Gespräch dann und wann langsamen Schrittes die Räume zu durchmessen . Der Kreis , der sich um den Theetisch versammelte , war ein sehr enger . Einige bejahrte Herren , sogenannte Respektpersonen , und Freunde aus alten Zeiten kamen ab und zu ; mein Vater aber - sein » Gänseblümchen « selbstverständlich auch - und der junge Helldorf waren stehende Gäste ; auch Luise , die junge Waise und schweigsame Stickerin , fand sich ein . Dagegen hatte sich der Buchhalter ein für allemal dispensieren lassen mit der Entschuldigung , daß er alt werde und an kalten und nebligen Abenden den Weg durch die Gärten scheue ; in Wirklichkeit aber hatte er unverhohlen ausgesprochen , die Physiognomie des Hauses Claudius sei eine so bedenkliche geworden , daß er wenigstens » seine Hände wasche « und keinen Teil haben wolle an dem , was der gegenwärtige Chef der Firma seinen Vorgängern gegenüber dereinst verantworten müsse . Heute standen die Zimmer noch leer . Es war ein kalter Novemberabend ; in den feinen Regen , der sich , der Erde nahe , in widrige Dunst- und Nebelwolken auflöste , mischten sich die ersten vereinzelten Schneeflocken , und rauhe Windstöße pfiffen durch die Gassen . Bei meinem Eintreten in den Salon hantierte Fräulein Fliedner unter den klirrenden Tassen des Theetisches . Sie war erregt , die alte Dame , denn das Porzellan fuhr unter ihren Händen ein wenig konfus durcheinander ... Charlotte beobachtete sie mit einem malitiösen Lächeln . Sie hatte sich in die Sofaecke geworfen , halb versunken in die metallisch glitzernden Wogen einer mit Bauschen und Volants überladenen grünen Seidenrobe . Ihre imposante Schönheit interessierte mich aufs neue - die prächtigen Formen dehnten sich so behaglich in den warmen , elastischen Polstern ; dennoch fröstelte ich unwillkürlich unter der Einwirkung des Kontrastes zwischen dem draußen vorüberfegenden rauhen Novemberwinde und den entblößten Schultern und Armen des üppigen Mädchens , die nur eine Flut außerordentlich klarer Spitzen überrieselte . » Ich bitte Sie ums Himmels willen , liebste Fliedner , seien Sie vorsichtig , « rief sie mit affektierter Aengstlichkeit , ohne ihre nachlässig bequeme Stellung auch nur im mindesten zu verändern . » Die selige Frau Claudius müßte sich ja in der Erde umdrehen , wenn sie wüßte , wie Sie mit ihren porzellanenen Erinnerungen an frohe Wiegenfeste , Familienjubiläen , und was alle diese kostbaren Inschriften sonst noch verherrlichen mögen - in diesem Augenblicke umgehen ... Die Sache ist nicht der Rede wert , zu was alterieren Sie sich denn ? ... Kann ich etwas dafür , daß mir diese Luise antipathisch ist ? Und bin ich schuld , daß dieses Thränenweidengesicht stets aussieht , als wolle es Gott und alle Welt um Verzeihung bitten , daß es sich die Freiheit nimmt , überhaupt zu existieren ? ... Das Mädchen fühlt instinktmäßig , was ich ungezwungen ausspreche - sie gehört nicht in den Salon mit ihren Schulmeistermanieren . Es ist eine viel zu weit getriebene Humanitätsanwandlung des Onkels , ihr eine Stellung einzuräumen , zu der sie in keiner Weise berechtigt ist ... Du lieber Gott , ich bin auch kein Unmensch - aber was recht ist ! - Guten Abend , Prinzeßchen ! « Sie reichte mir die Hand und zog mich neben sich auf das Sofa . » Da bleiben Sie hübsch sitzen , Kind , und fahren nicht immer wie ein Irrwisch durch die Zimmer ! « sagte sie gebieterisch . » Sonst setzt mir der Onkel abermals eine Nachbarin zur Seite , die mich mit ihrer ewigen Batiststickerei und dem groben Stahlfingerhut an ihrer Hand zur Verzweiflung bringt . « » Einem dieser unerträglichen Uebel können Sie sehr leicht abhelfen , « meinte Fräulein Fliedner gelassen . » Geben Sie Luise einen Ihrer silbernen Fingerhüte - Sie benutzen sie ja doch nie - « » Wenigstens sehr selten , « lachte Charlotte auf und ließ ihre schlanken weißen Finger vor den Augen spielen . » Ich weiß auch warum ... Sehen Sie , beste Fliedner , diese Nägel ? ... Sie sind nicht besonders klein , aber hübsch rosig und tadellos gebildet - auf jedem sitzt ein Adelsdiplom - glauben Sie nicht ? « Sie zog in geistreich ausdrucksvoller Weise die Oberlippe scharf zurück und zeigte impertinent lächelnd die ganze Reihe ihrer schönen Zähne . » Nein , das glaube ich ganz entschieden nicht , « versetzte Fräulein Fliedner erregt - das Rot des Aergers trat ihr in die Wangen . » Die Natur gibt kein solches Diplom mit , das gegen die Arbeit feit , und auch jenes geschriebene Fürstenwort , dem eine wahnwitzige Vorstellung eine ähnliche Wandlungskraft wie die des Abendmahls verleiht , und infolge deren ehrlich gesundes rotes Blut sich plötzlich in ein verkünsteltes blaues verändern soll - auch dieses Fürstenwort hat nicht die Macht , irgend ein Individuum von der Arbeit zu entbinden , zu der das Menschengeschlecht berufen ist . Es wäre schlimm und ein Widerspruch in Gottes Schaffen und Walten selbst , wenn den Herrschern in Wahrheit das Recht verliehen wäre , die Faulenzer zu sanktionieren ... An eines aber muß ich Sie bei dieser Gelegenheit erinnern , Charlotte - es ist bis jetzt nie über meine Lippen gekommen ; aber Ihr Uebermut kennt keine Grenzen mehr , er wird von Stunde zu Stunde unerträglicher , und so sage ich Ihnen denn : Vergessen Sie nicht , daß Sie ein Adoptivkind sind ! « » Ach ja , solch ein armes Geschöpf , das das Gnadenbrot ißt , nicht wahr , meine liebe gute Fliedner ? « rief Charlotte - ihre funkelnden Augen fixierten höhnisch das Gesicht der alten Dame . » Ja , denken Sie sich nur , darüber mache ich mir auch nicht so viel Kummer « - sie stippte Daumen und Zeigefinger gegeneinander - » es schmeckt mir ganz vortrefflich , weil ich mich durchaus nicht losmachen kann von dem Gedanken , daß es mir von Gott und Rechts wegen gehört ... Uebrigens war es ein wahres Wort , als ich heute Dagobert schrieb , daß Sie die erste Geige am Theetisch spielen , seit Eckhof in Ungnade gefallen ist . - Sie werden impertinent , meine Gute ! « Sie verstummte und sah über die alte Dame hinweg nach der offenen Thür , auf deren Schwelle Herr Claudius geräuschlos erschien . Nicht im mindesten verlegen , erhob sie sich und begrüßte ihn ... Er trat , ihren Gruß kurz erwidernd , an den Tisch und hielt das Siegel des Briefes , den er im Schreibzimmer konfisziert hatte , nahe an das Lampenlicht . » Wie kommst du zu diesem Wappen , Charlotte ? « fragte er ruhig , wenn auch mit bedeutender Schärfe im Ton . Sie erschrak - ich sah es an dem Zucken ihrer halbgeschlossenen Lider , unter denen hervor sie mit gutgespieltem Gleichmut auf das Wappen hinblinzelte . » Wie ich dazu komme , Onkel ? « wiederholte sie und zuckte in fast scherzhafter Weise die Achseln . - » Es thut mir leid - darüber kann ich dir keine Auskunft geben . « » Was soll das heißen ? « » War ich nicht deutlich genug , Onkel Erich ? - Nun denn , ich bin augenblicklich außer stande , dir zu sagen , wie dieses hübsche Petschaft in meine Hände kommt ... Ich habe auch so meine kleinen Geheimnisse , wie ja deren genug im alten Claudiushause herumfliegen ... Gestohlen habe ich ' s nicht ; ebensowenig gekauft ; es ist mir auch nicht geschenkt worden . « - Sie ging in ihrer Kühnheit so weit , vor diesem tiefernsten Gesicht das verhängnisvolle Rätsel wie einen Spielball in die Hand zu nehmen . » Die geistreiche Lösung ist , daß du es gefunden hast , wenn ich mir auch nicht denken kann , wo , « sagte er , augenscheinlich widrig berührt durch die kecke Art und Weise , mit ihm zu scherzen . » Es fällt mir nicht ein , weiter in dich zu dringen - behalte dein Geheimnis . Dagegen frage ich dich ernstlich : Wie kommst du dazu , dieses Wappen zu führen ? « » Weil - nun , weil es mir gefällt ! « » Ach so - das ist ja ein wunderbarer Begriff von Mein und Dein ! ... Freilich , dieses Wappen ist herrenloses Gut ; auch fehlt mir persönlich der Respekt vor dem angedichteten Nimbus solch eines kleinen Schildes - ich könnte dir schließlich die kindische Freude lassen , ferner deine Briefe mit diesem gekrönten Adlerflügel zu siegeln , wenn - du nicht Charlotte wärst ; einem notorischen Spieler aber , den man heilen will , gibt man keine Karten in die Hände ... Ich verbiete dir hiermit ein für allemal , das gefundene Petschaft ferner in Gebrauch zu nehmen ! « » Onkel , ich frage dich , ob du in Wirklichkeit das Recht dazu hast ! « rief Charlotte in unaufhaltsam hervorbrechender Leidenschaft . Ich zitterte vor Angst und Aufregung - sie stand auf dem Punkte , mit einem einzigen Hiebe den Knoten zu durchhauen . Herr Claudius trat um einen Schritt zurück und maß sie mit einem stolz erstaunten Blick . » Du wagst es anzuzweifeln ? « - Er zürnte , und doch blieb er vollkommen beherrscht in seiner äußeren Haltung . » In der Stunde , wo ihr - du und dein Bruder - an meiner Hand Madame Godins Haus verlassen habt , ist mir dieses Recht zugefallen . Ich habe dir den Namen Claudius gegeben , und kein Gericht der Welt kann es mir verwehren , wenn ich darauf bestehe , daß du ihn ohne alle Verballhornisierung trägst ... Sollte wirklich der Augenblick gekommen sein , wo ich bereuen müßte , dieses hochgehaltene Kleinod meiner Väter als Schild über dein und Dagoberts Haupt gedeckt zu haben ? ... Mein Bruder hat es geschädigt , indem er dieses Unding « - er zeigte auf das Siegel - » daran knüpfen ließ ; mit meinem Willen soll es nie wieder aufleben ! « Ein spöttisch überlegenes Lächeln huschte durch Charlottens Züge ; er sah es und runzelte finster die Brauen . » Kindisch schwache und angekränkelte Seele in einem so kräftigen , gesunden Körper ! « sagte er und ließ seinen Blick über die imposante Gestalt des jungen Mädchens hinstreichen . » Du klagst und schiltst über den unnahbaren Hochmut des Adels und stärkst ihn doch , wie tausend andere schwachsinnige Geister auch , durch die Gier , in seinen Kreisen zu verkehren , durch knechtische Unterwerfung , wenn man dich nur duldet ... Ich gehöre nicht zu jenen fanatischen Gegnern des Adels , die ihn von seinem Piedestal stoßen wollen - mag er doch da bleiben - ich behaupte auch den Platz , auf dem ich stehe ... Die Bedeutung seiner Weltstellung ist ohnehin eine andere geworden - wenn ich mich ihm nicht unterthänig mache , dann bin ich ' s auch nicht . Seine eingebildete Stärke wurzelt nur noch in eurer Schwäche - wo keine Anbetung , da ist auch keine Götze . « Charlotte warf sich wieder in die Sofaecke - ihre Wangen glühten ; es kostete ihr offenbar einen schweren Kampf , die Zunge zu zähmen . » Mein Gott , was kann ich für meine Natur ? « rief sie nicht ohne Hohn . » Sei es drum - ich kann mir eben nicht helfen , ich gehöre nun einmal zu jenen schwachsinnigen Geistern ! Warum soll ich ' s leugnen - hinge dieser reizende gekrönte Adlerflügel mit meinem wirklichen Familiennamen zusammen , ich wäre stolz - stolz über die Maßen ! « » Nun , es ist dafür gesorgt , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen ... Wehe denen , die mit dir verkehren müßten , wenn dir wirklich dieser sogenannte Vorzug der Geburt zufiele ! Glücklicherweise berechtigt dich weder dein Adoptivname noch der deiner eigentlichen Familie - « » Der meiner Familie ? - Und wie lautet er , Onkel Erich ? « Sie erhob sich unwillkürlich und heftete fest und durchdringend ihre glühenden Augen auf sein Gesicht . » Hättest du ihn in der That vergessen , ihn , der dir tausendfach süßer und vornehmer klingt als der grobe , deutsche , bärenhafte Name Claudius ? ... Er lautet - Mericourt . « - Er sprach den Namen augenscheinlich mit Ueberwindung aus . Charlotte sank wieder in die Polster zurück und drückte das Taschentuch gegen ihre Lippen . » Ist Ihr Thee fertig , liebe Fliedner ? « wandte sich Herr Claudius an die alte Dame , die gleich mir in atemloser Spannung dem gefährlichen Gespräch gefolgt war . Während er sich einen Fauteuil an den Tisch schob , goß sie schleunigst Thee ein ; ihre kleinen , feinen Hände waren ein wenig unsicher , als sie ihm die Tasse hinreichte , und ein besorgter Blick streifte scheu seine verfinsterte Stirn - die alte Frau sollte ja seine Mitschuldige sein , diese sanfte , liebreiche , gütige alte Frau , die Mitwisserin einer fortgesetzten schwarzen Schuld - nimmermehr ! Herr Claudius hatte durch seinen letzten fest und sicher gegebenen Bescheid die Angelegenheit wieder in das tiefste Dunkel gezogen - ihm glaubte ich . Anders dachte Charlotte ; ich sah es an ihrem Gesicht , ihre Ueberzeugung war eine unumstößliche . Wie eine Fürstin saß sie neben mir und ließ sich von Fräulein Fliedner bedienen , und der spöttisch feine Zug , der ihre Mundwinkel abwärts bog , galt dem Namen Mericourt ... Welch ein Widerspruch in dieser hochmütigen Seele selbst ! Einst hatte sie mit dem französischen Namen die Voraussetzung , daß das deutsche plebejische Blut der Claudius in ihren Adern fließe , zornig und energisch abgewehrt , und nun verwarf sie ihn verächtlich wie ein abgelegtes Kleid , auf die Enthüllung hin , daß sie in Wahrheit eine Claudius , die leibliche Nichte des mißachteten Krämers sei ... Ach , ich harmloses Kind der Heide , ich begriff ja nicht , daß ein Machtwort des Fürsten , ein paar Federstriche seiner Hand den alten Stamm des Krämerhauses bis in die Wurzel gespalten und den abgetrennten Ast bis zur Unkenntlichkeit veredelt hatte ! Luise trat ein , und gleich nach ihr Helldorf . Ich schöpfte tief Atem , als wehe mich ein erfrischendes Element an - diese beiden hatten ja keine Ahnung von dem vulkanischen Boden , auf welchem der friedliche Theetisch stand ; sie unterbrachen in zwangloser Weise das dumpfe Schweigen , das seit Herrn Claudius letztem Wort herrschte ; auch hatte ich in Helldorfs Nähe stets das Gefühl des Beschütztseins , einer trauten , heimischen Beziehung - war ich doch auch allmählich das zärtlich gehegte und gehätschelte Kind im Hause seines Bruders geworden . Er reichte mir mit verständnisvollem Lächeln und vorsichtigen Fingern eine weiße Papiertüte hin - ich wußte , was sie enthielt - eine kaum aufgebrochene Theerose , die Frau Helldorf lange für mich gepflegt , und von welcher sie mir am Morgen gesagt hatte , sie werde sie mir noch an den Theetisch schicken , falls sie im Laufe des Tages den Kelch öffnen sollte . Ich stieß einen Freudenruf aus , als ich das Papier auseinanderschlug - mattweiß , tief im halberschlossenen , strotzenden Kelch , blaßgelb angehaucht , schwankte die starkduftende Blüte schwer am Stengel ... » O weh , nehmen Sie doch ein wenig Rücksicht auf mein Kleid , Luise ! Sie reißen mir ja die Spitzen von den Volants ! « rief Charlotte in diesem Augenblick heftig und zog die rauschenden Falten ihrer Robe an sich . Sie war sehr zornig ; aber ich konnte unmöglich glauben , daß es dem Kleide gelte - ein Riß in dem kostbarsten Anzug war ihr stets sehr gleichgültig . Ich hatte gesehen , wie sie das Dreieck , das ihr ein Dornbusch in ein prächtiges Spitzentuch gerissen , eigenhändig erweiterte , weil » es gar so lächerlich aussehe « , und Fliedners kleinen Pinscher hatte sie lachend an den Ohren gezupft dafür , daß er » so reizend boshaft « den Besatz eines neuen Kleides zerfetzt hatte . Luise fuhr erschrocken , mit todesängstlichen Augen empor und stammelte eine Entschuldigung um die andere , obgleich sich der prophezeite Schaden nirgends entdecken ließ - man sah dem scheuen , gedrückten Geschöpf die Furcht an , die ihr die herrische junge Dame einflößte ... Die Szene war peinlich und hätte sicher noch eine unangenehme Wendung für Charlotte genommen , wäre nicht Fräulein Fliedner ablenkend eingeschritten . Mit einem Blick auf Herrn Claudius ' finster gefaltene Brauen ergriff sie die Rose und steckte sie mir in die Locken . » Sie sehen prächtig aus , kleine Orientalin ! « sagte sie , mich freundlich auf die Wange klopfend . Charlotte lehnte sich in ihre Ecke zurück - tief , als schlafe sie , lagen die breiten dunklen Wimpern auf ihren heißglühenden Wangen - sie würdigte den Schmuck in meinem Haar nicht eines Blickes . Trotz des häßlichen Wetters fanden sich noch einige Gäste aus der Stadt ein . Ein lebhafter Wortwechsel entspann sich sofort , und Charlotte erwachte aus ihrer scheinbaren Apathie - der Lockung , mit ihrer Konversationsgabe zu brillieren , konnte sie nicht widerstehen . Heute sprühte ihr Geist förmlich Funken ; ich hatte sie noch nie so hinreißend beredt gesehen . Freilich klang ihr Spottgelächter oft grell und unharmonisch dazwischen , und das fast bacchantisch wilde Zurückwerfen und Emporschnellen der üppigen Gestalt , das ungezwungene Spiel der weißen vollen Schultern in dem die Büste nur lose umschließenden Kleid löschten den letzten Anhauch des Mädchenhaften von dem strahlenden Frauenbild - es war , als prickele es ihr elektrisch in jeder Fiber , als flösse nicht Blut , sondern Feuer durch ihre Adern ... Mit einem Gemisch von Grauen und Bewunderung hing mein Blick wie festgebannt an ihr - da glitt langsam eine Hand vor meinen Augen nieder , als wolle sie mir den Blick verwehren - es war Herr Claudius , der neben mir saß . Zugleich forderte er Helldorf auf , ein Lied zu singen . Seine unverkennbare Absicht , durch den Gesang des jungen Mannes den witzsprudelnden roten Mund dort für einen Moment wenigstens zum Schweigen zu bringen , mißglückte ; Charlotte sprach , wenn auch mit etwas moderierter Stimme , weiter , als habe sie keine Ahnung davon , daß drüben am Flügel » Der Wanderer « von Schubert in tiefergreifender Gewalt gesungen werde . » Wenn du selbst keine Achtung vor der Musik hast , Charlotte , dann störe wenigstens den Genuß anderer nicht , « unterbrach sie Herr Claudius plötzlich streng und winkte , Schweigen gebietend , mit der Hand hinüber . Sie fuhr zusammen und verstummte . Mit einer gleichgültig stolzen Bewegung ließ sie den Kopf auf die Sofalehne sinken , nahm eine der beiden dicken Locken auf , die ihr über den Busen herabhingen , und ließ sie in nervös aufgeregtem Spiel über die zuckenden Finger rollen . Sie hob nicht einmal die Lider , als der junge Mann wieder in das Zimmer trat und den begeisterten Dank der Anwesenden empfing . Einer der Herren bat sie dennoch , ein Duett mit Helldorf zu singen . » Nein , heute nicht - ich bin nicht aufgelegt , « sagte sie in nachlässigem Ton , ohne ihre Stellung zu verändern , ja , ohne auch nur die Augen aufzuschlagen . Ich sah , wie Helldorfs schönes Gesicht bis in die Lippen bleich wurde . Er that mir unsäglich leid - ich konnte es nicht ertragen , daß ein Glied der mir so liebgewordenen Familie beleidigt wurde . Mutig erhob ich mich . » Ich will das Duett mit Ihnen singen , wenn Sie es wünschen , « sagte ich zu ihm - meine Stimme bebte freilich , denn mir selbst schien es , als thäte ich etwas Ungeheuerliches , etwas ganz Uebermenschliches . Und er wußte das - er kannte meine Scheu vor fremden Zuhörern ... Mit einer lebhaften Bewegung zog er meine Hand an seine Lippen ; dann traten wir an den Flügel . Ich glaube , ich habe nie in meinem Leben so gut und ausdrucksvoll gesungen wie an jenem Abende . Eine mächtige , wenn auch noch unbegriffene Erregung ließ mich die Angst überwinden , die meine ersten Töne umschleierte ... Schon während des Gesanges waren die Anwesenden geräuschlos , eines nach dem anderen , herübergekommen , und nach dem Schluß überschütteten sie uns mit Beifall ; ich ganz besonders wurde von den alten Herren als Lerche , Flöte und Gott weiß was alles bis zum Himmel erhoben . Da kam auch Charlotte herübergerauscht . Sie stürmte auf mich zu und legte ihren Arm um meine Taille . Ich erschrak vor ihr - sie bog sich tief genug über mich , daß ich die funkelnden Thränen in ihren Augen sehen konnte ; aber es waren Thränen des Zornes , die sie mit festzusammengepreßten Lippen und schweratmender Brust gewaltsam niederzuschlucken suchte . Hätte ich damals nur entfernt begriffen , welcher Art die Leidenschaft war , die sie so furchtbar aufregte , wie leicht wäre es mir geworden , sie zu beschwichtigen , und wie gern hätte ich ' s gethan ! So aber überschlich mich ein unbeschreibliches Angstgefühl , und unwillkürlich strebte ich , mich aus der Umschlingung loszuwinden . » Nun sehe einer die kleine Heidelerche an ! « lachte sie auf . » Mit einem einzigen Griff könnte man dieses Vogelkörperchen zerdrücken , « sie schnürte ihren Arm so fest um meinen Leib , daß mir der Atem stockte , » und das schmettert , daß die Wände zittern ! « Ehe ich mich dessen versah , hatte sie mich scheinbar kosend und hätschelnd aus dem Kreise der Umstehenden mehr in das Dunkel hineingezogen - sie fuhr mit der Hand heftig über den Scheitel , und plötzlich flog die Rose aus meinen Locken weit in den anstoßenden Salon hinein . » Kleine , reizende Kokette , Sie haben Ihre Rolle glanzvoll durchgeführt - wer hätte gedacht , daß solch ein gefährliches Element in dem Barfüßchen stecke ! « raunte sie mir mit mühsam beherrschter Stimme zu . » Wissen Sie auch , wie man es mit den Gefeierten macht ? « rief sie lauter . » Man hebt sie hoch über den gemeinen Menschentroß ... Sehen Sie so , so , Sie - federleichtes Ding , Sie allerliebstes Nichtschen ! « Ich schwebte plötzlich hoch droben in der Luft und hätte den Stuck des Plafonds mit den Händen berühren können , denn das obere Stockwerk des Vorderhauses war sehr niedrig . Auf den riesenstarken Mädchenarmen war ich allerdings eine gen Himmel gewehte Flaumfeder , ein schwaches Geschöpf mit wehrlosen Kinderhändchen , ein Nichts ; selbst über meine Stimme hatte ich keine Macht , Scham und Schrecken schnürten mir die Kehle zu - ich wähnte mich in der Gewalt einer Wahnwitzigen . Lachend flog sie mit mir durch die Zimmer , während ich unwillkürlich die Augen schloß ... Da durchfuhr jäh ein schmetternder Schlag meinen Kopf - wir waren gegen den tiefniederhängenden schweren Bronzekronleuchter im letzten Salon gerannt . Ich stieß einen zitternden Schrei aus - die Anwesenden stürzten auf uns zu , während meine Trägerin mich erschrocken niedergleiten ließ . Wie durch einen