Gefängniß und sollte er die ganze Stadt an allen Ecken anzünden , wie sie einst seinen Ahn aus dem Thurme holten , die guten Gesellen ! Was er thun und wagen würde , ich werde es thun und wagen ! Es kann mich doch höchstens das Leben kosten , und daß man sein Leben lassen muß , wenn es nicht mehr werth ist , gelebt zu werden - - der Wilde hat es mich gelehrt ! So wühlte und tobte es in mir , als wäre eine Hölle in meiner Brust entfesselt . Noch heute , nach so vielen Jahren , heute , wo ich freudigen und , so viel an mir ist , reinen Herzens jeder Sonne danke , die sich über mir erhebt und mir wiederum einen Tag ernster Arbeit und stillen Glückes im Kreise der Meinen verspricht - noch heute bebt mir das Herz und zittert mir die Hand , mit der ich diese Zeilen schreibe , die mir so lebhaft die Schrecken jener Nacht und jener Zeit vergegenwärtigen , da der Jüngling einen Ausweg aus dem Labyrinth suchte , in welchem er trostlos - verzweifelt umherirrte . Und werfe doch keiner einen Stein auf ihn , daß er so weit vom rechten Wege abirren konnte ! Wohl Dir , wer Du auch immer seist , dessen Stirn sich , indem Du dies liest , in richterliche Falten zieht - wohl Dir , wenn eine glückliche Mischung Deines Blutes Dich vor der blinden Wuth tobender Leidenschaften schützte , wenn eine weise Erziehung Dir frühzeitig einen klaren Blick in das wirre Leben gab , den Weg Deines Lebens freundlich ebnete . Auch dann - und dann gewiß ! danke Deinem guten Stern , der Dir dies Alles gnädig gewährte , und außerdem vielleicht selbst die Möglichkeit einer großen Verirrung von Dir fernhielt ! Und wo gebe es eine solche Möglichkeit nicht ? Sie ist schließlich immer vorhanden . So bete denn aus frommem Herzen , daß Du nicht in Versuchung geführt werdest , daß Dir keine Nacht komme , wie die , welche ich damals durchlitten ; eine Nacht , in welcher es dunkel ist um Dich her und in Dir selbst ; eine Nacht , an die Du noch nach dreißig Jahren schaudernd denkst ! Der Morgen , der nach dieser Nacht in meine Zelle graute , fand mich mit brennenden Schläfen , während kalte Fieberschauer mich schüttelten . Ich mochte wohl sehr verstört und bleich aussehen , denn des Wachtmeisters erstes Wort , als er mich erblickte , war : » Man ist krank , man muß heute von der Arbeit bleiben . « Ich war krank , ich fühlte es nur zu wohl ; so war mir noch nie im Leben gewesen . War dies ein Wink des Schicksals ? Wollte es nicht zulassen , was ich beschlossen ? Wenn ich heute nicht zur Arbeit ging , kam das Complot nicht zum Ausbruch . Der Katzen-Caspar rechnete auf mich , auf meine Kraft , auf meinen Muth , auf meine Verwegenheit . Mein Beispiel , das Beispiel Eines , der gewissermaßen freiwillig unter ihnen war , von dem sie wußten und fühlten , daß er nicht ihresgleichen sei , mußte überwältigend auf sie wirken , mußte sie in stürmischer Wuth mit fortreißen . Das hatte der Katzen-Caspar vollkommen begriffen ; er konnte und er würde ohne mich nichts wagen . » Man bleibe heute von der Arbeit « , sagte der Wachtmeister noch einmal . » Man sieht ja hundeteufelmäßig jämmerlich aus . Man hat sich gestern übernommen ; man hat nicht sieben Sinne wie ein Bär . « Ich wußte nicht , was der Wachtmeister mit den letzten geheimnißvollen Worten , die er oft anwendete , sagen wollte ; aber seine Meinung konnte nur eine freundliche sein , denn seine blauen Augen ruhten derweilen mit einem Ausdrucke ernster Sorge auf mir . » Nicht doch « , sagte ich , » ich hoffe , daß mir draußen besser wird ; ich kann nur die Gefängnißluft nicht vertragen . « » Verträgt Keiner besonders « , brummte der Wachtmeister . » Und ich besonders schlecht , so schlecht , daß ich große Lust habe , nächstens von hier fortzugehen . « Ich blickte dem Alten starr in die Augen ; ich wollte , er sollte in meinen Augen lesen , was ich vorhatte . Aber er lächelte nur und meinte : » Würden nicht Viele hierbleiben , wenn Alle fortgingen , die Lust dazu hätten ; man würde selbst fortgehen . « » Warum thun Sie es nicht ? « » Man ist mit dem Herrn Rittmeister nun zusammengewesen an die fünfundzwanzig Jahre ; man wird bei ihm bleiben , bis man mausetodt stirbt . « » Was Einem alle Tage passiren kann . « Und wieder blickte ich dem Alten starr in ' s Gesicht . Diesmal fiel ihm der Ausdruck meiner Züge doch auf . » Man sieht ja drein wie ein Bär mit sieben Sinnen ; man sieht ja ganz raubmördergalgenmäßig drein « , sagte er . » Was man noch nicht ist , kann man ja noch werden « , sagte ich . » Wenn ich Ihnen zum Beispiel hier die Kehle zuschnürte ; ich bin dreimal so stark wie Sie . « » Man mache keine schlechten Witze « , rief der Wachtmeister , » man ist kein Bär , und ein alter Soldat ist kein Zahnstocher . « Damit hatte der ehrliche Herr Süßmilch die Sache erledigt ; wir gingen nach dem Bauplatze , da ich durchaus nicht in meiner Zelle bleiben , noch weniger nach dem Gefängniß-Arzt geschickt haben wollte . Auf dem Wege mußte ich einmal stehen bleiben , denn es wurde mir schwarz vor den Augen und ich glaubte zu sterben . Derselbe Zustand wiederholte sich noch mehrmals während des Tages , der ungewöhnlich heiß war . Im Uebrigen habe ich nur eine wüste , verworrene Erinnerung dieses entsetzlichen Tages . Ein wildes Fieber wüthete in meinen Adern ; eine schwere Krankheit kam in fürchterlicher Schnelle heran , ja war schon zum Ausbruch gekommen . Doctor Snellius sagte mir später und hat es mir erst vor einigen Tagen , als er bei mir zu Tische war , über der Flasche wiederholt , daß er es bis heute nicht begreifen könne , wie ein Mensch in dem Zustande , in welchem ich mich nothwendig befunden haben müßte , nicht nur einen ganzen Tag lang sich auf den Füßen halten , sondern eine schwere Arbeit habe leisten können . Er meinte , es sei ihm der merk würdigste Beweis , wie weit es der bis zum Uebermaß angespannte Willen contra naturam , gegen den Lauf der Natur vermöge . » Freilich « , fügte er mit einem Lächeln hinzu , indem er mir die Schulter berührte , » es geht nur bei Schmieden , Schneider sterben daran . « Was habe ich aber auch gelitten ! Wenn mir ein hämischer Asmodeus einmal einen recht bösen Streich spielen will , führt er mich im Traume an eine tiefe Grube , in welche eine mitleidslose Sonne brennt , und drückt mir eine Spitzaxt in die Hand , mit der ich wüthende Streiche gegen eine felsenharte Erde führe , nur daß die felsenharte Erde mein eigener Kopf ist und jeder Schlag mir in ' s Gehirn dringt , und dann füllt er die Grube mit Teufeln in Menschengestalt , die ebenso wie ich mit Spitzäxten oder Spaten und Schaufeln oder einer Karre arbeiten , und diese Teufel haben brutale , stumpfe Gesichter und böse Augen , die sie immerfort auf mich gerichtet halten und mit denen sie mir zuwinken : sie wüßten Bescheid und ich würde das Teufelswerk schon vollbringen . Und unter ihnen taucht von Zeit zu Zeit ein Kopf aus , der bösere Augen hat , als die anderen alle , und der Kopf sperrt den gräßlichen Mund auf , und wie aus einem Höllenrachen gähnt es mich an : » Kurz vor Sonnenuntergang ! Frisch Kamerad ! ich Rollmann nehmen , Du Wachtmeister . Schlag ' Schädel ein ! « Weg du entsetzlicher Traum ! Aber das Entsetzlichste ist noch übrig . Es ist eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang ; in einer halben Stunde wird die Glocke ertönen , die Arbeit eingestellt werden . Nicht blos für heute ; die Ausgrabung ist beendet , die Fundamentsteine sind herbeigeschafft . Morgen werden ordentliche Maurer an die Arbeit gehen , Einzelne von den Zuchthäuslern werden noch helfen ; Andere aber anderswo beschäftigt werden ; es ist der letzte Abend , wo die Elf , deren Zwölfter ich sein soll , beisammen sind . Jetzt oder nie ist der Augenblick gekommen und bereits ist das Signal gegeben . Es besteht darin , daß der Katzen-Caspar mit seinem Nachbar einen Streit beginnt , an dem sich nach und nach die Anderen betheiligen , während die Aufseher , der Wachtmeister an der Spitze , die scheinbar Wüthenden auseinander zu bringen suchen und den auf so unerhörte Weise gegen die Ordnung Frevelnden mit Wasser und Brod und Einzelhaft drohen . Aber Jene lassen sich nicht bedeuten , kommen im Gegentheil von Worten zu Thätlichkeiten , indem sie dabei , einander stoßend und schlagend , in immer dichteren Knäuel zusammendrängen und die Aufseher in den Knäuel zu verwickeln suchen . Das Vorspiel hat nur einige Minuten gedauert , und länger darf es auch nicht dauern , wenn der ungewöhnliche Lärm in der stillen Anstalt nicht andere Aufseher herbeirufen und so den ganzen Plan vereiteln soll . Hat man mich in den wüsten Knäuel hineingezogen ? Habe ich mich selbst hineingestürzt ? - ich weiß es selbst nicht ; aber ich bin mitten drin . Helfe ich den Aufsehern die Leute auseinanderhalten ? suche ich nur die Verwirrung zu vermehren ? - ich weiß es nicht , aber ich tobe lauter als Alle , ich schreie , jauchze , ergreife ein paar im Nacken und schleudere sie auf den Boden , als wenn es Puppen wären ; ich bin wie wahnsinnig ; ja , ich bin wahnsinnig , ohne es zu wissen , ohne daß ein Anderer es weiß , es merkt , auch der Katzen-Caspar nicht , der sich an mich herandrängt und mir laut zuruft : » Jetzt Kamerad ! « In diesem verhängnißvollen Augenblicke nähert sich , aus der Pforte des nahen Gartens kommend , eilenden Schrittes die hohe Gestalt eines Mannes dem Orte des Schreckens . Es ist der Director ; ein junges Mädchen von vierzehn Jahren , deren schlanken Wuchs ich schon öfter durch das Gitter des Gartens bewundert , faßt ihn an der Hand und scheint ihn zurückhalten oder auch die äußerste Gefahr mit ihm theilen zu wollen . Ein paar Knaben von zehn , zwölf Jahren zeigen sich in der Gartenpforte ; sie rufen Hurrah ! Sie haben wohl keine Ahnung von dem Ernste der Situation . Und da ist der Mann , den Jeder hat kommen sehen , dicht vor uns . Er machte die Linke sanft aus der Hand des jungen Mädchens los und drückt sie gegen die kranke , von der Anstrengung des eiligen Laufes keuchende Brust . Die andere hat er beschwichtigend erhoben , da er noch nicht zu reden vermag . Seine sonst so bleichen Wangen sind von einer fieberhaften Röthe übergossen ; seine großen braunen Augen blitzen ; sie müssen sprechen , da sein Mund es nicht vermag . Und die Tobenden , Wüthenden haben diese Sprache verstanden . Sie haben seit länger oder kürzer gelernt , in scheuer Ehrfurcht zu dem bleichen Manne emporzusehen , der immer ernst und immer freundlich ist , auch wenn er strafen muß , und den noch Keiner ungerecht hat strafen sehen . Sie sind auf Alles gefaßt ; darauf nicht , daß ihnen im letzten Augenblicke dieser Mann entgegentreten würde . Sie fühlen , daß ihr Spiel verloren ist , ja sie geben es verloren . Nur Einer nicht ; Einer ist entschlossen , es dennoch zu gewinnen oder doch sein Letztes auf eine blutige Karte zu setzen . Ja , vielleicht steht das Spiel besser als je . Liegt jener Mann zu Boden , wer oder was könnte ihn , könnte die Andern dann noch halten ? Ein Geheul ausstoßend , wie es so gräßlich aus eines wilden Thieres Brust nimmer schallen kann , stürzt er mit hochgeschwungener Spitzaxt auf den wenige Schritte nur Entfernten zu . Das junge Mädchen wirft sich vor den Vater , den Todesstreich aufzufangen . Aber ein Anderer , der besser im Stande ist , den Herrlichen zu schützen , ist schneller noch . Mit Einem Satze ist er zwischen Jenem und dem Caspar und fällt dem Rasenden in den Arm . Zwar streift die herabschmetternde Axt seinen eigenen Kopf ; was ist das im Vergleiche zu den Schmerzen , die ihm im Kopfe schon seit Stunden wüthen ? » Hund , verfluchter ! « brüllte der Katzen-Caspar , » hast Du uns verrathen ! « und abermals holte er mit der Axt aus . Er bringt sie kaum noch in die Höhe , da liegt er bereits am Boden und auf seiner Brust kniet Einer , dessen Kraft der Wahnsinn des Fiebers zum Ungeheuren angespannt hat , dem in diesem Augenblicke kein einzelner Mensch zu widerstehen vermöchte . Aber es ist auch nur ein Augenblick . Was er noch sieht , ist das gräßlich verzerrte Gesicht des Katzen-Caspar . Dann versuchen andere Hände seine Hände von dem Halberwürgten wegzureißen und dann versinkt Alles um ihn her in tiefe , schwere Nacht . Vierundzwanzigstes Capitel . In tiefe , schwere Nacht , die eine lange , lange Fortsetzung des entsetzlichen Traumes ist , bis endlich dann und wann dämmernd Licht in diese Nacht fällt , dämmernd-sanftes Licht , vor welchem die Grauengestalten verbleichen und freundlicheren Platz machen . Die schweben wieder in tiefe Nacht , aber es ist nicht mehr die alte , fürchterliche ; es ist ein süßes Versinken in ein seliges Nichts , und jedesmal , wenn ich wieder daraus hervortauche , sind die milden Gestalten deutlicher , so daß es mir manchmal schon gelingt , sie von einander zu sondern , während sie anfänglich immer unmerklich in einander übergingen . Jetzt weiß ich bereits , daß , wenn der lange , schwarzgraue Schnurrbart vor meinem Gesichte auf und ab nickt , eine treue , gutmüthige Dogge da ist , die immer aus tiefer , breiter Brust knurrt , nur daß ich die Dogge nie zu sehen bekomme und manchmal meine , es sei der lange schwarzgraue Schnurrbart selbst , der so murre . Wenn der Schnurrbart braun ist , höre ich eine sanfte Stimme , deren Klang mir unendlich wohlthut , daß ich immer lächeln muß , glücklich lächeln , während , wenn ich die Dogge höre , ich laut lachen möchte , nur daß ich nicht lachen kann , weil ich keinen Körper habe , sondern eine Seifenblase bin , die aus der Bodenluke in meinem Vaterhause herausschwebt in die sonnige Luft , bis sich zwei Brillengläser in ihr spiegeln , die keinen Schnurrbart haben . Die Brillengläser machen mir viel zu schaffen , denn , wenn sie auch niemals einen Schnurrbart haben , so sind sie doch manchmal blau , und dann sind sie eine Frau ; wenn sie aber weiß sind , sind sie ein Mann und haben eine quäkende Stimme ; aber die blauen Gläser haben die sanfteste Stimme , noch sanfter als der dunkle Schnurrbart . Ich kann es nicht herausbekommen , wie das zugeht , und räthsle viel darüber , bis ich wieder einschlafe . Und als ich erwache , beugt sich Jemand über mich , der einen braunen Schnurrbart und braune Augen hat und gerade so aussieht wie Jemand , den ich kenne , obgleich ich mich nicht besinnen kann , wo und wann ich ihn gesehen habe . Aber es wird mir so wohl und wehe bei dem Anblicke des bekannten Unbekannten , weil mir ist , als ob ich ihm Unendliches zu danken hätte , obgleich ich gar nicht weiß was . Und dies Dankgefühl ist so lebhaft , daß ich seine Hand , die er auf meine Hände gelegt hat , langsam , leise - denn ich habe wenig oder keine Kraft - an die Lippen ziehe und die Augen schließe , aus denen selige Thränen über meine Backen rollen . Ich will auch etwas sagen , aber ich kann es nicht , und will mich darauf besinnen , und als ich die Augen wieder öffne , ist die Gestalt nicht mehr da , sondern das Zimmer ist leer und von einer lichten Dämmerung gefüllt , und ich schaue mich verwundert in dem Zimmer um . Es ist ein mäßig großes , zweifenstriges Zimmer ; an den Fenstern sind die weißen Gardinen herabgelassen und auf den Gardinen schwanken die Schatten von Weinranken auf und nieder . Ich sehe lange dem reizenden Spiele zu ; es ist ein Bild meiner Gedanken , die ebenso hin- und herwiegen und einen Punkt festzuhalten suchen , es aber nicht vermögen und immer wieder herüber- und hinüberziehen . Dann blicke ich abermals in das Zimmer und jetzt finden meine Augen einen Ruhepunkt . Es ist ein Bild , das an der einfarbigen , lichtgrauen Wand mir gerade gegenüber hängt : ein schönes junges Weib mit einem Knaben auf dem Arm . Sanft und mild blicken die Augen der jungen Mutter , still und fast schwermüthig , als sänne sie einem großen Geheimnisse nach , während die Augen des Knaben unter der vorgewölbten Stirn über seine Jahre ernst , fast trotzig und groß , als könnten und wollten sie die ganze Welt umspannen , geradeaus in die Ferne , in die Unendlichkeit blicken . Ich kann die Augen kaum von dem Bilde wenden . Meine Bewunderung ist sehr rein und unbefangen ; ich habe keine Ahnung von dem Original und weiß nicht , daß dies eine ausgezeichnete Kreidezeichnung nach dem berühmtesten Bilde des Meisters der Meister ist ; ich weiß nur , daß ich so etwas Schönes in meinem Leben noch nicht gesehen habe . Unter dem Bilde hängt eine kleine Etagere mit zwei Reihen sauber gebundener Bücher . Unter der Etagere ist eine Commode , alterthümlich geschweift mit messingenen Griffen . Auf der Commode liegen Zeichnen-Materialien und , zwischen zwei kleinen , antiken Vasen aus Terracotta , steht ein Arbeitskörbchen , über dessen Rand ein Faden rother Wolle hängt . Zwischen Fenster und Commode , offenbar auf die Seite gerückt , sehe ich eine Staffelei , auf der Staffelei ein umgekehrtes Reißbrett ; auf der anderen Seite der Thür ein Pianino , dessen oberer Theil eine sonderbare leyerförmige Gestalt hat . Ich weiß nicht , was mich plötzlich an Konstanze von Zehren denken läßt , vielleicht , daß mich das leyerförmige Instrument an ihre Guitarre erinnert hat . Es muß wohl sein , denn sonst erinnert dies Zimmer in nichts an jenes Konstanzens . So wunderlich wüst es dort aussah , so sauber und freundlich ist Alles hier ; kein fadenscheiniger , zerrissener Teppich deckt die weißen Dielen , auf welchen sich die sonnebeschienenen Fenster abzeichnen , und abermals , aber schwächer als auf den weißen Gardinen die Schatten der Weinranken spielen . Nein , ich bin nicht auf Schloß Zehren , im ganzen Schlosse war kein Gemach wie dieses , so heiter , so rein ; und Schloß Zehren , fällt mir ein , ist ja abgebrannt , bis auf den Grund , haben sie gesagt ; ich kann also nicht auf Schloß Zehren sein , aber wo bin ich denn ? Ich blicke das schöne junge Weib auf dem Bilde an , als ob sie mir Antwort geben könnte ; aber über dem Anblicke vergesse ich , was ich habe fragen wollen . Ich habe nur das Gefühl , daß es sich ruhig schlafen lasse , wenn solche Augen über Einem wachen , und wundere mich , daß der schöne Knabe den Kopf nicht an die Schulter , an den Busen der Mutter sinken läßt , die großen , trotzigen Augen schließt und süß schläft , ach so süß . Der lange , süße Schlaf hat mich wunderbar erquickt . Als ich erwache , richte ich mich ohne weiteres in die Höhe , stütze mich auf den Ellenbogen und starre Herrn Wachtmeister Süßmilch , der vor meinem Bette sitzt , verwundert in das braune , furchendurchzogene Gesicht mit den blauen Augen , der großen Habichtsnase und dem langen , schwarzgrauen Schnurrbart . Der Alte blickte mich seinerseits nicht minder verwundert an . Dann zuckt ein freundliches Lächeln von dem Schnurrbart durch ein paar der allertiefsten Furchen hinauf in die blauen Augen , wo es verweilt und gar lustig blinkt und blitzt . Er legt drei Finger seiner rechten Hand an die Stirn und sagt : » Serviteur ! « Das kommt so drollig heraus , daß ich lachen muß . Ich kann jetzt lachen und der Alte lacht ebenfalls und sagt : » Gut geschlafen ? « » Ja , « sage ich , » köstlich . Ich habe wohl lange geschlafen ? « » Ein wenig , morgen werden es acht Wochen , « erwiedert der Alte freundlich . » Acht Wochen , « wiederhole ich mechanisch , » das ist sehr lange , « und ich streiche nachdenklich mit der Hand über den Kopf . Der Kopf ist sonst mit sehr dichten , sehr krausen und trotzdem sehr weichen ( nebenbei etwas röthlichen ) Locken bedeckt ; jetzt fühle ich nur ganz kurze Stacheln , wie bei einer Bürste , die noch dazu mit der Zeit arge Lücken bekommen hat . » Das ist doch sonderbar , « sage ich . » Wird schon wieder wachsen , « sagt der Wachtmeister tröstend , » haben mich auch ritze-ratze-kahl geschoren , als ich dies da weg hatte « - er zeigt auf eine tiefe Narbe über der rechten Schläfe , die in dem dichten , grauen Haar verläuft , und die ich jetzt zum ersten Male bemerke - » ich habe doch wieder einen Schopf bekommen wie ein Bär - « » Mit sieben Sinnen , « füge ich hinzu und muß durchaus über meinen Witz lachen . Es scheint , daß ich einen Kinderkopf auf den breiten Schultern habe . Der Alte lacht auch sehr herzlich , wird aber plötzlich ganz ernsthaft und sagt : » Nun aber schweige man und schlafe wieder wie - « Er beendet seine Lieblingsphrase nicht , augenscheinlich aus Besorgniß , mich zu neuer und für meine Verhältnisse schädlicher Lustigkeit aufzuregen ; aber ich lache trotzdem und streife dabei den Aermel meines Hemdes auf , der mir ungewöhnlich weit vorkommt . Der Aermel ist nicht weiter als gewöhnlich , aber mein Arm ist dünner , so dünn , daß ich ihn kaum für den meinen halten kann . » Wird schon wieder stärker werden , « sagte der Wachtmeister . » Ich bin wohl sehr krank gewesen ? « fragte ich . » I nun , « meint der Wachtmeister ; » es war dicht vor dem Zapfenstreich ; « aber ich habe immer gesagt : » Unkraut vergeht nicht ; « und er reibt sich vergnügt die Hände . » Aber jetzt hat man genug geschwatzt , « fügt er in befehlendem Tone hinzu . » Man hat strenge Ordre , sich , wenn man aufwachen sollte , auf keinen Disput einzulassen und sogleich Meldung zu machen , was nunmehro geschehen soll . « Der Wachtmeister will sich erheben ; ich lege ihm die Hand auf eine seiner braunen Hände und bitte ihn , noch zu bleiben ; ich fühle mich ganz kräftig , das Sprechen greife mich nicht im mindesten an , noch weniger das Hören , und ich möchte gern hören , wie ich in diesen Zustand gekommen , in welchem ich mich befinde ; wer die Leute gewesen seien , die um mich gewesen , und deren Gestalten ich durch den Nebel meiner Träume habe gleiten sehen ? Ob nicht auch eine gute , große Dogge dagewesen sei , die mich beschützt und dazu aus tiefer Brust geknurrt habe ? Der Alte sieht mich bedenklich an , als meine er , es sei doch noch nicht ganz richtig unter dem borstigen , halbkahlen Schädel , und die höchste Zeit , daß er Rapport abstatte . Er legt meine Hände auf die Bettdecke und sagt : » So , so ! « glättet das Kopfkissen und sagt wieder : » So , so ! « und ich thue ihm den Gefallen und schließe die Augen und höre , wie er leise aufsteht und sich auf den Fußspitzen entfernt ; aber die Thür hat sich kaum hinter ihm geschlossen , als ich die Augen wieder öffne und resolut daran gehe , mir selbst die Fragen , die ich dem Alten vorgelegt habe , zu beantworten . Und nach und nach - gerade wie aus einem Nebelmeer , auf das wir von einem hohen Berge herabblicken , hie und da einzelne lichte Punkte auftauchen , ein sonnebeschienenes Kornfeld , eine Hütte , ein Stück Weges , ein kleiner See mit grasigen Ufern und endlich die ganze Landschaft klar vor uns liegt , bis auf wenige Stellen , über welchen noch graue Streifen sich breiten , die langsamer als die andern die Bergschluchten aufwärts ziehen - gerade so löste sich vor meinem inneren Auge die Nacht der Vergessenheit , in welche für mich meine jüngste Vergangenheit während meiner Krankheit versunken gewesen war . Ich erinnerte mich wieder , daß ich , und warum ich im Gefängnisse , daß der alte Mann mit dem langen Schnurrbart nicht mein guter Freund und Krankenwärter , sondern mein Schließer war ; daß ich mich mit dem Gedanken getragen hatte , ihn zu erschlagen , wenn es sein mußte , damit ich wieder frei würde ; und so an Alles , was geschehen war , bis auf den letzten schrecklichen Tag , an diesen aber nur sehr verworren , sehr dunkel , so verworren , so dunkel , wie diese Erinnerung bis auf heute in meiner Seele geblieben ist . Dunkel und peinlich ; aber seltsam - dieses peinliche Gefühl wendete sich ausschließlich gegen mich selbst . Der Haß , die Erbitterung , der Groll , die Verzweiflung , die Raserei der Leidenschaft - alle die Dämonen , die vorher in meiner Seele gehaust , sie waren verscheucht , als hätte sie ein Engel mit flammendem Schwert - der Todesengel vielleicht , der über mir geschwebt - vertrieben . Selbst jener Rest von Pein löste sich auf in Dankbarkeit , daß mir das Entsetzlichste erspart worden , daß ich auf meine abgemagerten Hände blicken konnte , ohne zu schaudern . Und wie ich , also sinnend , dalag , und mein Blick auf das schöne , junge Weib fiel , die ihren Knaben so sicher im treuen , starken Mutterarme hielt , falteten sich unwillkürlich meine Hände ; ich dachte meiner eigenen , so früh , viel zu früh für mich verstorbenen Mutter , und wie wohl Alles anders gekommen wäre , hätte sie immerdar schützend mit ihrem Arm mich umfassen , hätte ich in meinen jungen Leiden und Zweifeln an ihrem Busen Schutz und Rath und Trost suchen und finden können . Und auch meines Vaters dachte ich , der jetzt so einsam war , dessen Hoffnungen ich so bitter getäuscht , dessen Bürgerstolz ich so tief verwundet , und dachte seiner - zum ersten Male - ohne allen Groll , nur mit dem Gefühle innigsten Mitleids mit dem armen , alten , verlassenen Manne ! » Aber er wird ja leben bleiben , « sagte ich , » und ich bin ja auch nicht gestorben und werde leben und Alles wieder gut machen . Nein , nicht Alles , das Verlorene läßt sich nicht wieder gut machen , nur die Zukunft gehört mir , selbst im Gefängnisse ! « Im Gefängnisse ! aber war das ein Gefängniß , wo ich mich befand : dieses freundliche Zimmer , dessen Fenster nur mit nickenden Weinranken vergittert war , in welchem Alles auf ein friedlich-heiteres Stillleben der Bewohnerin deutete ? - Der Bewohnerin ! ich weiß nicht , wie ich abermals auf diesen Einfall kam ; aber ich konnte mich nicht davon losmachen , und da hingen auch wieder die rothen Wollfäden aus dem Arbeitskörbchen . Was hat ein Arbeitskörbchen mit rothen Wollfäden in dem Zimmer eines Mannes zu thun ? Ich sann und sann ; ich konnte es nicht ergründen ; der Nebelstreifen rückte nicht von der Stelle , ja schien sich auszubreiten zu einem dünnen Flor , der allmälig wieder die ganze Landschaft verdecken wollte . Nun wohl , ich hatte sie einmal gesehen und wußte , daß ich sie wiedersehen würde , auch daß ich die Stimmen wieder hören würde , die jetzt aus weiter , weiter Ferne an mein Ohr schlugen und zwischen denen ich doch noch das dumpfe Knurren meiner treuen Dogge und die sanfte Stimme unterschied , mit der die braunen Augen immer milden Glanzes in meine Nacht geleuchtet hatten . Und als ich wiederum erwachte , war es wirklich Nacht oder doch so spät am Abend , daß das Nachtlicht in dem Astrallämpchen auf dem Tische bereits angezündet war , und bei dem matten Scheine des Lämpchens sah ich Jemanden vor meinem Bette sitzen , den ich nicht erkannte , da er den Kopf in die Hand stützte . Aber als ich mich regte und er den Kopf hob und mich fragte : Wie geht es Ihnen ? wußte ich , wer es war . Die leise , sanfte Stimme klang immerfort in meinem Ohr ; ich würde sie unter tausenden erkannt haben . Und jetzt , sonderbarerweise , ohne daß ich nur einen Augenblick nachzudenken brauchte , als hätte es mir während meines Schlafes Jemand ausführlich erzählt , wußte ich auch , daß das Haus , in welchem man mich seit