Trotzkopf es der Wirtin , die ihn einmal ernstlich an seine Gatten- und Vaterpflicht erinnern wollte , ganz offen , wie eine schon ausgemachte Wahrheit , daß es für ihn da gar keine Pflichten gäbe . Die , welche nun einmal zu ihm gehörten , hätten ja noch immer mehr als genug daheim , um recht anständig leben zu können . Er gönne dem Weib die Freude , ihn die meiste Zeit gar nicht zu sehen ; dafür nun müsse sie ihm , wohl oder übel , eine Kurzweil im Wirtshaus erlauben . Seine Schulden würden gewiß in der Ordnung bezahlt , und sonst brauche doch ein Mann in seiner Lage sich nicht um alle die altmodischen Hausmannsregeln zu kümmern und könne seines Besitzes auf seine Weise sich freuen , wenn er nur frei von der Dummheit sei , sich dabei noch viel um so hohle Worte wie Ehr ' und guten Namen zu kümmern . So sagte der Andreas und machte dabei ein paar Augen , daß wohl mancher Mann am Platze der Wirtin sich vor seiner schon oft erprobten Faust gefürchtet und von Glück gesagt hätte , wenn gleich alles wieder aus gewesen wäre . Die Wirtin aber war durchaus nicht von der Art. Sie kümmerte sich auch nicht viel um die Kundschaft eines Mannes , der sich mit solchen Grundsätzen großtat . Andreas mußte nun eine lange , sehr gesalzene Predigt hören , und so schnell kam Schlag auf Schlag und traf so richtig , daß ihm nicht einmal mehr einfiel , er könnte ja gehen und dadurch sich aus der wachsenden Verlegenheit retten , ja , da die Wirtin ihm lebendig ausmalte , wie gut er es daheim hätte , wenn ein ordentliches Leben wieder den Segen Gottes auf sein Haus zöge , wie er aber statt dessen sich Weib und Kind entfremde , daß sie seiner sich schämen müßten , da wurde der Mann ordentlich weich und ließ die Wirtin nicht weiter ausführen , warum auch die ärmste Bettlerin mit Angelika noch lange nicht tauschen würde . » Sie liebt mich nicht mehr und glaubt mir nicht , das treibt mich aus dem Hause zu anderer Kurzweil . Es wird nie mehr besser , und drum kann ich auch nichts verderben , wenn ich mich auch räche , daß sie durch ihren finsteren Ernst mein Lebensglück zerstörte « , rief Andreas trotzig , aber doch etwas weich . Der Wirtin gefiel diese Antwort durchaus nicht , und sie verließ gleich die Stube . Dorothee dagegen , die neben der Stubentür am runden Haustische mit der großen Schiefertafel stand und des Pfarrers messingenen Bierkrugdeckel wieder glänzend fegte , glaubte aus dieser Rede des Andreas etwas wie eine Klage herausgehört zu haben . Nun erschien ihr selbst dieser Mann in viel günstigerem Lichte , als ihn sonst die öffentliche Meinung sehen ließ . Angelika war wirklich nicht mehr wie früher . Das Finstere , Abstoßende ihres Wesens hatte Dorothee schon an jenem Abende vor der ungültigen Beichte auf ihrem Spaziergang empfunden . Und beim Andreas kam dazu noch , daß sie mit besonderer Vorliebe von Stighansen zu erzählen schien . Jos hatte so ängstlich gefragt , ob sie , Dorothee , nicht mehr das Heimweh auf den Stighof habe ; wie weh nun mußten dem Andreas von seinem Weibe dergleichen Andeutungen tun und ihm das Leben unter seinem eigenen Dache verbittern . Man sieht , wie sich ' s das Mädchen schon angelebt hatte , sich in die Verhältnisse der Gäste mit Benutzung aller früher gemachten Beobachtungen hineinzuleben und mit ihnen und für sie zu sinnen und zu sorgen . Schon zu oft hatte sie die wunderbare Wirkung eines lobenden , tadelnden oder beruhigenden Wortes wahrgenommen , um nicht zuweilen auch so ein schöpferisches Werde sprechen zu wollen . Besonders nötig und auch nicht ganz vergebens schien ihr das jetzt beim Andreas . Freundlich , beinahe bittend sagte sie , daß der Mensch nie verloren sei , bis er sich selbst aufgebe , daß man aber bei anderen Einfluß und Achtung erst wieder gewinne , wenn man sich selbst und seiner Empfindlichkeit befehlen und sich wieder achten gelernt habe . Andreas antwortete so vernünftig , daß Dorothee sich in ein langes Gespräch mit ihm einließ und am Schlüsse desselben schon recht viel ausgerichtet zu haben meinte . Von jetzt an wendete sich Andreas immer nur an sie , sooft er kam , was immer häufiger geschah , und die Wirtin durfte ihm auch nicht einen Schoppen mehr bringen , obwohl er von Dorotheen ebenfalls zuweilen hören mußte , daß es nun genug sei , was er sich immer gleich beistimmend gefallen ließ . Dorotheen freute das um so mehr , da es ihr ja nur ganz natürlich , nicht etwa bloß geheuchelt schien . Seit langem schon machte wohl niemand ihm ein freundliches Gesicht , als wer etwa dabei seinen Vorteil suchte . Mußte ihm nicht wohl werden , als er sich wieder freundlich behandelt sah von ordentlichen Leuten , so daß er auch in den Augen anderer wieder ein wenig zu wachsen begann ! Dorothee hatte die größte Freude , ihn fast jeden Abend noch stiller zu sehen , so daß endlich auch die Wirtin sein Benehmen zu loben begann . Wenn sie nur immer einen freien Augenblick gewinnen konnte , setzte sie sich zu ihm und begann ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen , wie sehr dabei die anderen Gäste dann auch die Köpfe zusammenstecken mochten . Die Wirtin war nämlich bei den letzten unter allen , welchen das etwas verdächtig schien . Man erinnerte sich wieder daran , daß das Mädchen sich auch mit Stighansen so weit einließ , daß es aus dem Dienste treten mußte , damit es im Beichtstuhl wieder gehörig losgesprochen werde . Zwar wollte niemand etwas wissen und niemand etwas gesagt haben , aber das galt für eine ausgemachte Sache , daß das Mädchen reichen Leuten gegenüber ungemein schwach und blind sein müsse , sonst würde es wenigstens mit diesem landesbekannten Taugenichts nach den früher gemachten Erfahrungen in kein Gerede mehr gekommen sein . Die Wirtin , die Dorotheen recht von Herzen liebte , würde dem Andreas gerne das Haus für immer verboten haben ; aber sie fürchtete , dadurch dem nun einmal entstandenen Gerede noch einen Scheingrund zu geben , wie Hans , da er das arme Mädchen mitten in der Zeit fortschickte . Wollte sie Dorotheen warnen , so sagte diese , sie habe solches Gelärm schon gewohnen müssen und wolle nun durch den vielgeschmähten , unglücklichen Andreas beweisen , daß noch nicht jeder schlecht sei , den man verdamme , sondern mancher bloß durch solches Urteil den Glauben an sich selbst verliere und wirklich schlecht werde . Wurde die Wirtin , die es recht gut meinte , über solche Antwort ärgerlich , so konnte sie Dorotheen wohl zum Weinen , aber nie zum Nachgeben bringen . So saß die gute Frau eines Tages in der Stube bei ihrem Strickstrumpf , und während Masche sich an Masche reihte , sann sie darüber nach , wie wohl das unerfahrene Mädchen am besten von seiner Bekehrungssucht zu heilen wäre . Da polterte der Stighans herein und verlangte , sogleich ein vertrautes Wort mit ihr zu reden . Im Herrenstüble angelangt , zupfte der Bursche verlegen am Halstuch , während die Wirtin die Türe schloß , und sagte dann , rasch wie immer , wenn er kaum den rechten Anfang finden konnte : » Was ist denn anders worden in der Kronenwirtschaft , daß da ganz ein ordentliches Mädchen so ins Geschrei kommen kann ? « » Gerade so « , versetzte die Wirtin , » hätte man vor kaum einem halben Jahre auch die auf dem Stighofe fragen können . « » Nein « , widersprach Hans , » diesmal ist ' s viel ärger , und wer ihr zusieht , muß fast wider Willen glauben , was der Wein aus dem Großsprecher herausredet . « » Aus welchem Großsprecher ? « » Natürlich dem Andreas . « » Was weiß denn der ? « » Kurz und gut , daß er bei Dorotheen alles gelte , daß er sie fast um einen Finger wickeln könnte . Sicher sagt er zehnmal mehr , als wahr ist , aber er sollte gar nichts zu sagen den Mut haben ; und wenn mancher herkommt und beide so vertraulich tun sieht , glaubt er schon alles bestätigt . Ich kenne das Mädchen freilich besser , möchte denn aber doch erfahren , was es mit dem Andreas immer zu reden gibt . Du mußt das wissen , sonst würdest du es gewiß nicht leiden . Von der Art bist du nicht , daß du solche Goldvögel um jeden Preis fangen und rupfen lassen willst . « » Ich meine doch auch « , sagte die Frau nicht ohne Selbstgefühl . » Wie kann aber Dorothee so blind werden und nicht merken , wer der Mensch ist und wohin er sie bringen möchte ? « » Ja « , sagte die Wirtin scharf , » sie muß sich beim Weinen über andere trübe Erfahrungen die Augen gewaltig verdorben haben . Andere , seit langem kurzsichtige Leute haben die gefährlichen Stellen im Gedächtnis , aber sie scheint eben an diesen Zustand noch nicht recht gewöhnt zu sein . « » Ich verstehe das nicht . « » Nun - dann werd ' ich dir mit einem Holzschlegel winken müssen . Wenn man von denen , die man schätzt und liebt , so wie sie dich geschätzt hat , nur feige Treulosigkeit erlebte , was um Gottes willen soll man dann von anderen denken ? Anfangs drückt so eine Erfahrung beinahe das Herz ab , später muß man an allem verzweifeln oder alles entschuldigen . Dorothee nun ist zum Verzweifeln zu gut . Jetzt glaubt sie jedes Fehlers Ursprung zu wissen , der Mensch hat immer keine Schuld , und alles ist nur durch die Verhältnisse so geworden . Sie muß das wohl , um den Leuten ein freundliches Gesicht machen zu können , so auslegen . An dem nun bist gewiß du so viel als einer schuld . Wie weh muß es ihr getan haben , als ein dummes Gerede dich schwach machte . Nun will sie größer sein als du , und den Glauben an das Urteil der Menge hat sie verloren , weil sie weiß , wie unschuldig sie damals verschrien und von dir verlassen wurde . « Hans stand eine Weile wie angedonnert , dann rief er : » Nur nicht aufbegehrt ! Sie hätte nicht gar so schnell gehen müssen . Mich hat das mehr geärgert als alles andere . Wärest nur du nicht auch noch dazwischen gekommen , so würde nun alles in schönster Ordnung sein . « » Damals « , fiel die Wirtin , die aus diesen Reden durchaus nicht klug werden konnte , ungeduldig ein , » damals hast du dich nicht so viel um des Mädchens Ehre bekümmert und um seinen guten Ruf wie heute . « » Damals « , erwiderte Hans , » hab ' ich der Mutter gefolgt und heute meinem eigenen Herzen . « » Solches Geschwätz « , fuhr die Wirtin auf , » hätt ' ich von dir nicht mehr zu hören erwartet . Jedes Kind weiß , wie ganz dich der Krämer in seiner Schublade hat , seit das auch der Mutter in ihren Kram paßt . Und nun kommt der Spitzbub ' und redet mir von seinem Herzen , als ob ich alles gerade so leicht entschuldigen tat wie Dorothee . « Hans fühlte sich jetzt viel zu sehr im Rechte , um so schnell wieder seine Fassung zu verlieren . » Die Mutter « , sagte er , » hätte jetzt auch gegen Angelika nichts mehr . Aber das ist schon zu spät . Sie ist gebunden , und ich kann sie nicht mehr erlösen , aber hoffentlich doch noch ein wenig etwas für sie tun . « » Für wen ? « » Muß ich auch noch mit dem Holzschlegel winken ? Für Angelika - « » Dann winke und deute nur zu , denn ich verstehe dich noch immer nicht . « » Dann bist du doch auch nicht gar so klug und hast alles gar so klar aus dem Kaffeesatz , wie man meint . Ich bin der Hans , aber als Dorothee mit dem Andreas ins Gerede kommen ist , da ist mir doch gleich etwas eingefallen , und dir kommt es jetzt noch nicht einmal in den Sinn . Ich hab ' mir eingebildet , wie weh dieses Gerede der Angelika tun müsse . Diese Vorstellung hat mir keine Ruh ' und an nichts mehr eine rechte Freude gelassen . « » An Angelika « , fragte die Wirtin erstaunt , » an die hättest du zuerst gedacht ? « » Allerdings , und hab ' ihr gewiß alles treulich nachempfunden , was die Arme litt . Ich kann das schon auch . Zwar bei so Mädchen , die jeder Wind herumdreht , kann kein Mensch erraten , aus welchem Dorfe sie eben wieder läuten zu hören meinen , und ich mag mich auch nicht besonders viel darum kümmern . Ein Weib aber hält vor allem , selbst vor ihrem Glück , an der Ehre des Hauses und hängt mit Leib und Seele fest an denen , mit welchen sie leben und Schand ' oder Ehre teilen muß . « » Du kennst die Weiber ziemlich gut « , spottete die Wirtin , obwohl oder gerade weil sie dem Burschen innerlich recht lassen mußte . Hans aber sagte ganz ruhig : » Ich hätte schon lange geheiratet , wenn man gleich ein Weib nehmen könnte . So ein unerfahrenes Ding jedoch ist nur zum Kurzweilen , zum Singen und Springen recht . « Der Wirtin kam diese Ansicht so vernünftig vor , daß sie dieselbe Hansen schwerlich einmal zugetraut hätte . Noch etwas ungläubig fragte sie : » Ist dir das schon immer so vorgekommen ? « » Nein , der Verstand kommt einem erst mit den Jahren . Damals , als Angelika noch ledig und ein junges Mädchen gewesen ist , ja , da hätt ' ich sie nicht anders wünschen können - in keinem Stücke . Später ist ' s mir so worden , und an den Mädchen gefiel mir das am besten , was dann zum Segen des Hauses mit in den Ehstand genommen werden kann . Es ist nicht die oder die gute Eigenschaft , und ich wüßte nicht , wie ich alles zusammen , was ich meine , ganz kurzweg nennen sollte . Auch Empfindlichkeit für die Ehre der Familie gehört dazu , drum hab ' ich mir gleich vorgestellt , wie weh der Angelika so ein Gerede tun müsse . Wohl hat man schon früher hören können , daß er , wie ein Lediger , mit allen Kellnerinnen bis Bregenz hinaus bekannt sei ; aber das war so allgemein und übertrieben , daß es viel weniger in die Augen stach , als was man jetzt von Dorotheen hört . Du nun kannst da viel ausrichten mit einem ernsten Wort , und ich halte das auch für deine Pflicht . « » Du hast recht « , sagte die Wirtin , und mehr konnte gewiß einer nicht verlangen , welcher kam , sie an ihre Pflicht zu erinnern . Hans ging auch recht zufrieden heim , obwohl er nicht wußte , wie leicht es ihm diesmal hätte fehlen können bei der Kronenwirtin , die sich noch von ganz anderen sehr ungern einreden und gar von der Ehre ihres Hauses vorpredigen ließ . Nun wurde Dorothee sogleich ins Herrenstüble gerufen , die Türe wieder geschlossen und ihr dann das ganze Gespräch mit Hansen mit nur wenigen Auslassungen mitgeteilt . Es war das anfangs nicht der Plan der Wirtin , doch als Dorothee sogar jetzt noch recht haben wollte , schien es ihr das klügste , Hansen selbst , den doch nicht jedes leere Geschwätz in der Welt herumtrieb , gegen sie auftreten zu lassen . Als nun das kam , was Andreas gesagt haben sollte , wechselte das Mädchen die Farbe . » Nun helfe mir Gott ! « rief es mit tonloser Stimme , » denn ich weiß mir nicht mehr zu helfen . Drückt denn die Armut so tief nieder , daß man in allem , was unsereins tut , nur etwas Schlechtes sehen kann ? « » Nun danke Gott für die Einsicht und glaube nicht , daß es dein Beruf sei , überall einzugreifen ! Dazu muß man fester stehen als du . Denk ' an den faulen Apfel , der den frischen ansteckt , statt neben ihm frisch zu werden ! « Schweigend verließ Dorothee das Herrenstüble und ging still wieder an ihre Arbeit . Es war Sonnabend und gab daher noch viel zu tun für den morgigen Tag , für den man , wie jeden Sonntag , auf sehr viele Gäste rechnen konnte . Das Mädchen aber beeilte sich , um fertig zu werden , bevor der Andreas kam . Vielleicht ging ihm auch alles um so schneller aus der Hand , weil es darauf hielt , seinen Unmut zu verwerchen und keinen Augenblick zu sich selber zu kommen . Wohl noch selten oder nie war die fleißige Magd so früh in ihr Dachkämmerlein gekommen als heute . Zum Schlafen war sie freilich nicht aufgelegt , aber sie hatte schon genug daran , doch nun allein und unbeobachtet sein zu können . Aufatmend öffnete sie das Fenster und schaute hinaus über die eingeschneiten Häuser , aus denen man da und dort noch ein Lichtlein schimmern und wie ein immer breiter werdender bläulich-gelber Streif über den Schnee vor dem Fenster hinausleuchten sah ; und hinauf zu den rötlich schimmernden Bergspitzen , deren eigentümliches Glühen wohl eine Sturmwoche verkünden mochte . Leise schlich die Ach hart neben dem Hause dahin , und Dorothee wollte sich zwingen , in Gedanken ihren Lauf bis zum Bodensee zu verfolgen , in der Hoffnung , daß auf dem langen Wege doch irgendein Zeitvertreib zu finden sein werde . Es gelang ihr nicht , die Gedanken anzubinden . Schon vor der Haustüre begegnete der aufgeregten Einbildung Andreas , wie er leibte und lebte , und sie begriff nicht mehr , wie sie sich um ihn so viel kümmern konnte , ihm es schon für ein Großes hielt , daß er sich einige Male wie andere vernünftige Menschen zu benehmen suchte . Wenn er anders geworden wäre , hätt ' es ihn gewiß früher heimgetrieben zu Weib und Kind , daß man ihn daran nicht mehr hätte mahnen müssen . Das alles mußte Dorothee sich jetzt gestehen , und es war ihr dabei stets , als ob jemand mit durchdringenden Blicken sie verfolge . Schon wollte sie das Fensterchen schließen , da glaubte sie das Geräusch von Tritten zu hören und sah gleich darauf , wie ein schwerbeladener Schlitten von zwei Männern vor dem Hause vorbeigezogen wurde . Das Mädchen horchte . » Wenn doch nur der Sturm noch wartet , bis wir auch dem Krämer seine Sachen unters Dach gebracht haben « , flüsterte der eine . Dorothee zitterte . Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt . » Sei du zufrieden , wenn du deinen Plunder hast . Der Krämer kann mir einige Träger mitgeben oder meinetwegen alles bei der Brunnenstube verschneien lassen « , versetzte Hansjörg mit heiserer Stimme . Dorotheen war ' s , als ob der schneidende Windstoß ihr den Geruch fauler Äpfel entgegentrüge . Erschrocken fuhr sie zurück und schlug das Fenster vielleicht noch um so heftiger zu , damit die beiden daran erinnert wurden , wie leicht man sie belauschen könnte . Der Schleichhandel kam ihr noch nie so verdächtig vor wie jetzt , aber mit den beiden , die sie eben gehört hatte , war sie doch nicht so bald fertig wie mit dem Andreas . Es wär ' ein Büchlein davon zu schreiben , wie sie von den schrecklichsten Gedanken , dann wieder von bösen Träumen gequält wurde , wie sie sann und betete , bis endlich - endlich das Morgenrot über die nahe Fluh heraufdämmerte . Zum lieben Glück hatte man diesen Tag das Haus voll Gäste , die das Mädchen kaum einen Augenblick zu sich selbst kommen ließen . Es waren viele da , die über Mittag trotz ihrer Sparsamkeit lieber im Wirtshaus blieben als in ihre entlegeneren Wohnungen eilten , da sie es für eine Gewissenssache hielten , besonders an einem so stürmischen Tag wie dem heutigen , wo Gott sich seinen Zorn einmal recht anmerken ließ , auch den nachmittägigen Gottesdienst nicht zu versäumen . Auch Andreas war über Mittag nicht heimgekommen und saß auf seinem alten Platze . Als Dorothee nun einmal einen freien Augenblick hatte , wollte er sie , ohne die vielen Anwesenden zu berücksichtigen , sogleich neben sich auf einen Stuhl ziehen . Das Mädchen jedoch sprang , einen Schrei ausstoßend , mehrere Schritte zurück und schickte dann , als es von seinem Schrecken sich wieder ein wenig erholt hatte , die Wirtin an den Tisch , wo nun Andreas den Ärger an den in einem Weinglas aufgestellten Zigarren auslassen zu wollen schien . » Ist das ein elendes Kräutlein , das nicht brennt und nicht geht , elend wie die ganze Wirtschaft « , rief er immer wieder , versuchte ein Stück nach dem andern und warf es dann zum Fenster hinaus . Der Wirtin ward das endlich zuviel , und als nun Andreas gar noch die Äußerung fallen ließ , er denke nicht daran , die weggeworfenen Stücke zu bezahlen , sagte sie ihm vor allen Leuten die Meinung , daß er es zur Erforschung des Gewissens nicht besser und genauer hätte wünschen können . Er sagte auch spottend , hier könne man sich nun auf die Beichte gehörig vorbereiten , aber niemand lachte über diese Bemerkung , und ihn selbst erschreckte die plötzlich entstandene Stille so , daß er , anfangs verlegen , sich nun erst recht in seinen Zorn hineinzureden begann . Immer wieder dachte er ans Beichten . Noch nie kam er sich so schlecht vor als jetzt , da auch Dorothee ihn verließ , deren Freundlichkeit ihm doch so wohlgetan hatte . » Aber weg mit solchen Gedanken ! « sagte er sich , ein volles Glas Wein hinunterstürzend , und schrie : » Kein Gericht und kein Amt kann mich zwingen , geschmuggelte schlechte Ware zu zahlen , die hier um den Preis der guten verkauft wird . Zeigt mich nur an , dann werdet ihr Wunder sehen . Ich kenne die Ware schon auch . « » Sie ist von deinem Schwiegervater , und noch kein Mensch hat sie getadelt « , versetzte die Wirtin . » Natürlich « , spottete der Andreas , » weil die dummen Bauern was Rechtes gar nicht kennen . Ich aber will schon Zeugen bringen , welche sagen , daß ich ' s kenne . Wer mit mir Händel anfängt , muß sie haben . « » Mache , was du kannst « , sagte die Wirtin . Dorothee zitterte für den Geliebten und ihren Bruder . Alles Frühere für den Augenblick vergessend , näherte sie sich ihm , und es gelang ihr leicht , den schon etwas Angetrunkenen zu besänftigen . Er zog sie neben sich und sagte : » Du Trotzkopf hast nicht einmal mehr mit mir dich unterhalten wollen ! « » Ich will noch nicht « , rief das Mädchen und machte eine vergebliche Anstrengung , sich zu befreien . Die Wirtin eilte der noch Ringenden zu Hilfe , doch sie kam schon zu spät . Dutzende von Händen hatten den Andreas beim Kragen , bei den Haaren , den Händen , überall erfaßt , und eine Minute später lag er neben der steinernen Stiege vor der Türe bei den zerstreuten Zigarren im Schnee . » Das ist euch nicht geschenkt ! « hörte man ihn keuchen , indem er sich aufrichtete . » So geht man nicht heim ; ihr sollt aber merken , wohin ich gegangen bin , und bis dahin will ich nicht mehr in dieser Gemeinde übernachten ; fort , fort ! « Und fluchend eilte er weg , wirklich nicht seiner Heimat , sondern dem Schnepfauer Walde zu . Vierundzwanzigstes Kapitel Wie sich der Andreas rächt und was daraus entsteht Als Hans am Samstag aus der Krone heimging , wo er die Wirtin an ihre Pflicht als Hausmutter erinnert hatte , wurde er vom Krämer , der ihn nicht gern von Dorotheen kommen sah , zu einer Unterredung in die Stube gerufen . Ein Wort gab nun das andere , und man trennte sich nicht mehr , bis Hansens Heirat mit der Zusel eine ausgemachte Sache war . Hans wünschte die Hochzeit noch zu verschieben , der Krämer jedoch war um so weniger dazu geneigt , weil er bei der Unterredung die unentschlossene Rat- und Tatlosigkeit des Burschen aufs neue kennen lernte . Schnell mußte da wohl alles gehen , wenn es nicht wieder vergehen sollte . Daß er Dorotheen besuchte , nachdem diese von Zusels Freundinnen abermals ins Geschrei gebracht wurde , blieb jedenfalls verdächtig . Der Krämer tat nun alles , um die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen . Er versprach dem stolzen Töchtermann sogar , nun als Mitglied einer angesehenen Verwandtschaft seine allerdings zuweilen entehrenden Händelchen , die böse Zungen Wucher zu nennen beliebten , für immer aufzugeben , sobald sein Laden geräumt sei . Hansen wurde schon um vieles leichter , als ihm endlich das Ja glücklich abgeschwätzt war . Nun hatte das Predigen der Mutter ein End ' , und er war doch im klaren darüber , was er zu tun hatte . Man täte nicht recht , es nur dem vom Krämer aufgestellten Weine zuzuschreiben , daß ihm so wohl wurde neben dem schönen , heute seltsam stillen Mädchen und er spät abends in der besten Stimmung das Haus verließ . Den Krämer hatte es etwas nachdenklich gemacht , daß die Gläser des Paares beim Anstoßen keinen Klang von sich geben wollten , obwohl er sah , wie ungeschickt der Bursche sein Glas in die Hand nahm . Schließlich aber lachte er über sich selbst , die gute Stimmung stellte sich wieder ein , und er begann an der Erfüllung des gegebenen Versprechens zu arbeiten . Von jetzt an wollte er ganz ruhig und behaglich leben . Sogleich schrieb er an einige Geschäftsfreunde , um die in letzter Zeit gemachten Bestellungen zu widerrufen , und erfreute sich dabei noch an dem Weine , welchen die Verlobten auf dem Tische hatten stehen lassen . Dann setzte er sich in den Lehnstuhl , kreuzte die Arme und malte sich seine Zukunft mit den lieblichsten Farben , bis Hansjörg kam und um einige Träger zur schnellen Beförderung der Waren bat , die er glücklich bis zur Brunnenstube beim Liggstein gebracht habe . Der Krämer gab ihm drei Taler und sagte : » Da nimm und suche dir deine Leute selber aus , aber zuerst komm und trink . « Erstaunt sah der Schwärzer die Gläser auf dem Tisch . Dann tat er einen herzhaften Schluck . Der Krämer fuhr fort : » Bring ' alles zum Andreas in den Stadel . Ich mag nicht hinein , damit ich weniger verraten werde . Jetzt schon gar nicht mehr , da nun doch alles bald aus ist . Der Vater der jungen Stighoferin treibt keine solchen Händel mehr , und du kannst mir morgen deine Rechnung bringen . « Dem Hansjörg war es im Kopf , als ob ihm jemand unversehens eine recht gottserbärmliche Ohrfeige gegeben hätte . Alles drehte sich surrend um ihn herum , und ohne auch nur noch gute Nacht gesagt zu haben , verließ er die Stube . Mit welcher Lust er nun an die Ausführung des Auftrages ging , den er mit den drei Talern erhielt , kann sich wohl denken , wer noch so wenig als er vergaß , welche Hoffnungen ihm der Krämer einst im Wald ob der Halde gemacht und seither immer mehr oder minder genährt hatte . Trotzdem aber merkten die gedungenen Gehilfen , unter denen auch der Jos wieder war , nichts Besonderes an ihm als seine Ermüdung , die sie natürlich fanden , sobald sie die Lasten sahen , die er den Tag über zur Brunnenstube geschafft hatte . Am Sonntag , während in der Krone der Andreas hinausgeworfen wurde , rechneten Hansjörg und der Krämer , der heute nicht karg war , im Frieden miteinander ab . Kein böses Wort wurde gewechselt . Hansjörg war dem Krämer sogar zu still , zu ergeben , und er hätte ein gesundes Aufbegehren weit lieber gehabt als diese Ruhe , die weiß Gott was verbergen mochte . Es war eine förmliche Herausforderung , als der Krämer schließlich sagte : » Von der Heirat kannst du erzählen , wem du willst . Am nächsten Sonntag wird sie freilich verkündet , aber es ist mir lieb , wenn die Leute schon jetzt wissen , woran sie sind . « » Zu Befehl « , sagte der Soldat trocken und ging . Ihm tat die Geschichte zu weh , als daß er hätte aufbegehren können . Nur Klagen hatte er , Klagen über seine Einfalt , die ihn ins Netz des bekannten Spitzbuben geraten ließ , und über die böse Welt . Aber um alles hätte er seine Gefühle vor dem herzlosen Manne nicht äußern mögen . Nun war der Krämer am Ziel . Er sah seine kühnsten Hoffnungen sich der Erfüllung nahen , und es waren doch elende Kleinigkeiten genug , ihm die Freude zu verderben . Zuerst lag das Klirren der Weingläser ihm in den Ohren , und nun hatte er stets Hansjörgs ernstes Gesicht mit dem unheilverkündenden Schatten vor sich . Schonungslos hatte der Mann jeden getreten oder