und schlang das Taschentuch um den Hals . Sie sah sich genötigt , die Bank zu verlassen und auf der Plattform hin und her zu gehen , um sich vor Erkältung zu schützen . Oefters bog sie sich über das Geländer und sah hinab . Ueber die Lichtung wogten und wallten weißliche Streifen , wirbelten zusammen und flatterten zerrissen wieder auseinander ; es waren die Nebel , die dem feuchten Waldboden entstiegen ... Elisabeth dachte nicht mehr , wie bisher , an die buntschimmernde Pracht , an die Anmaßung und Eitelkeit , die sich vor wenigen Tagen da drunten gebläht hatten , nicht mehr an die vielen nichtigen Worte , die da gefallen sein mochten , und die ein Geschwirr hervorgebracht hatten , als stehe der Nonnenturm nicht auf altehrwürdigem , thüringischem Waldboden , sondern erhebe sich himmelstürmend an den Ufern des Euphrat . Aus den Dunstwogen tauchten die Schatten der Klosterfrauen auf mit starren , leidenschaftslosen Zügen , das ausgeglühte Herz unter dem lang herabfließenden Gewande , und die wächserne Stirn hinter der mattschimmernden Binde befreit von den unruhigen , marternden Gedanken , die den Weg zwischen Himmel und Welt unausgesetzt durchlaufen hatten und störrig immer wieder zurückgesunken waren auf die enge Erde voll Sünde und böser Lust ... Elisabeth dachte an jene finstere Zeit , da hier dunkle Mauern in die Lüfte stiegen , die Verbrechen eines adligen Mörders zu sühnen - kalte , starre Mauern , um den zu versöhnen , der uns das lebendige Wort gegeben hat , der der Urquell der warmen , ewigen Liebe ist ! ... Ob wohl all die geflüsterten Gebete der lebendig Begrabenen , all der Meßgesang und Orgelklang vermocht hatten , die Blutflecken hinwegzuspülen , die der Verbrecher hinauftrug zu den Füßen des Ewigen ? ... Nein , und abermals nein . Er läßt sich nicht Weihrauch streuen im Baalsdienste und ändert niemals seine ewigen Beschlüsse nach dem einsichtslosen Begehr seiner Kreaturen ! ... Welch grauenvolles Stück Familiengeschichte derer von Gnadewitz erzählten die zerbröckelnden Mauerreste da drunten ! ... Und doch sollte ein Wesen , das sich seines Ringens und Strebens nach Tugend und geistigem Fortschreiten wohl bewußt war , erst Geltung erhalten in dem Augenblicke , da es jenen Namen tragen durfte ? Es mußte erfahren , daß sein reines Leben als ein Nichts galt menschlicher Satzung gegenüber , die in der That ein Hirngespinst , ein Nichts war ? War der Aberglaube , der Hexen verbrannte , finsterer , als der Wahn der Geburtsbevorrechtigung , der , in seinen Konsequenzen wahrlich nicht weniger grausam als die Flamme des Scheiterhaufens , manche schöne , reiche Menschenseele erstickt ? Jener Wahn , der schnöde entgegentritt der Absicht des Allgütigen , nach welcher alle seine Kinder gleich aus seiner Hand hervorgehen , gleich in der äußeren Gestalt , in ihrem Baue , in der Ausrüstung ihrer Sinneswerkzeuge , mit denen der König wie der Bettler auf gleiche Weise genießt oder leidet , gleich in der Beschaffenheit des Lichtfunkens , der diese äußere Hülle beseelt ; oder wo wäre eine Seele , die selbst auf dem Gipfel menschlicher Vollkommenheit nicht ihre Schwächen hätte , und wo der gesunkenste Mensch , bei welchem unter dem Schutte der Verkommenheit nicht noch wenigstens eine gute Eigenschaft auftauchte ? ... Und er , der das Gepräge eines denkenden Geistes auf der ernsten Stirn trug , dessen Blick und Stimme , wenn auch selten , doch in einer Weichheit schmelzen konnten , wie sie nur aus einem Gemüte kommt , welches tiefen Erschütterungen zugänglich ist , auch er stand unter dem Einflusse jener starren Vorurteile ? Die zerbrechliche Form stellte er über das unsterbliche Recht des Menschengeistes , nach welchem wir frei denken und handeln sollen ? ... Und war es nicht gerade das höchste und heiligste Gefühl des menschlichen Herzens , die Liebe , das so oft von jenem Systeme erbarmungslos zermalmt wurde ? Hätte Elisabeth in der That Hollfeld geliebt , was wäre ihr Los gewesen , ohne jene Entdeckung ? ... Und wäre - ein schneidender Zug flog um die zuckenden Lippen des jungen Mädchens - in Herrn von Waldes Brust je eine Neigung für sie aufgetaucht , und er käme jetzt und böte ihr seine Hand ? Schrecklicher Gedanke ! Nie und nimmer würde sie neben ihm leben können in dem Bewußtsein , daß ihre unsägliche Liebe nur insoweit erwidert werde , als es die Konvenienz , alterssteife , verknöcherte Gesetze gestatteten . Einer solchen fortgesetzten Qual gegenüber verlor der Schmerz der Entsagung viel von seiner Furchtbarkeit . Mit verfinstertem Blick trat Elisabeth in die Ecke des Geländers und sah hinüber nach dem Lindhofer Schlosse . Dort herrschte das tiefste Schweigen . Ueber der ärmlichsten Hütte des Dorfes , wie über dem stolzen Schloßbau flimmerte ein und derselbe Stern und schickte seinen milden Schein unparteiisch hernieder , oder fiel wirklich ein vereinzelter Strahl des roten Lichtes dort auf die Stelle , wo der Wald sich lichtete und in den Park auslief ? Nein , der Schimmer stieg vom Boden auf und färbte , rasch in den dichten Wald eindringend und fortlaufend , schwachrötlich die Wipfel . Es war ohne Zweifel eine Fackel , die den schmalen Weg entlang getragen wurde , auf welchem auch Elisabeth bis zum Nonnenturm gelangt war . Einmal blieb das Licht unbeweglich stehen , und in demselben Augenblicke drang ein ferner Ruf bis zu Elisabeth herüber . Sie sagte sich freudig , daß sich Hilfe nahe , daß sie gesucht werde , und erhob ihre Stimme zu einer Antwort , obwohl sie wußte , daß der schwache Laut die Rufenden nicht erreichen könne . Noch einen Augenblick verweilte der Schimmer , dann kam er in fliegender Eile näher und näher . Das junge Mädchen unterschied bald die Flamme und sah , wie beim Niederstoßen auf den Boden ein Funkenregen umhersprühte . » Elisabeth ! « scholl es plötzlich durch den Wald . Die Stimme ging ihr durch Mark und Bein , denn es war seine Stimme ; Herr von Walde rief nach ihr in den Tönen unbeschreiblicher Angst . » Hier , « rief sie hinab , » hier bin ich , auf dem Turme ! « Der Fackelträger stürzte durch das Dickicht , über die Waldblöße hinweg . In wenigen Augenblicken stand er drinnen auf den obersten Treppenstufen und rüttelte mit gewaltiger Hand an der Thür . Unmittelbar darauf erfolgten einige kräftige Fußstöße , und das alte Brettergefüge barst krachend auseinander . Herr von Walde trat heraus auf die Plattform . In der Linken hielt er die Fackel und mit der Rechten zog er Elisabeth in den Bereich der Flamme . Er war ohne Kopfbedeckung , das dunkle Haar fiel ungeordnet auf die Stirn und eine tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht . Sein Blick lief wie ein Blitz über ihre Gestalt , als wollte er sich überzeugen , daß sie auch wirklich unverletzt vor ihm stehe . Er schien in einer unbeschreiblichen Aufregung zu sein ; die Hand , die ihren Arm umklammerte , zitterte heftig , er war im ersten Augenblicke keines Wortes mächtig . » Elisabeth , armes Kind ! « stieß er endlich seufzend hervor . » Hierher , in die dunkle Nacht , auf dies unheimliche Gemäuer hat Sie die Schmach getrieben , die Sie heute in meinem Hause erdulden mußten ? « Elisabeth erklärte ihm , daß ihr Verweilen hier oben kein freiwilliges gewesen sei , wie ja die geschlossene Thür beweise , und erzählte in flüchtigen Worten den Verlauf der Sache . Dabei schritt sie die Treppe hinab . Er ging ihr voraus und bot ihr die Hand , um sie zu stützen ; aber sie faßte nach dem Strick , der als Treppengeländer diente , und wandte die Augen weg , um seine Bewegungen ignorieren zu können . In diesem Augenblicke erlosch die Fackel , die ohnehin nur noch schwach brannte , in einem starken Luftzuge , der durch eine offene Luke einströmte ; tiefe Finsternis umgab die Hinabsteigenden . » Geben Sie mir jetzt die Hand , « sagte er , in den befehlenden Ton von früher verfallend . » Ich halte mich am Geländer und brauche keine andere Stütze , « entgegnete sie abwehrend . Kaum war das letzte Wort über ihre Lippen , als sie sich von zwei Armen umschlungen fühlte , die sie ohne weiteres wie eine Feder vom Boden aufhoben und die Treppe hinabtrugen . » Thörichtes Kind , « sagte er , indem er sie draußen auf dem Rasenplatze niederließ , » ich werde doch nicht leiden , daß Sie sich auf den Steinfliesen des Turmes die Glieder zerschmettern ! « Sie schlug den Weg ein , der direkt nach dem Lindhofer Schlosse führte ; er war ja der kürzeste . Herr von Walde schritt schweigend neben ihr her . » Sie haben die Absicht , heute von mir zu gehen , ohne mir ein versöhnliches Wort zu sagen ? « fragte er , plötzlich stehen bleibend . In seinem Tone stritten Schmerz und verhaltener Groll . » Ich habe das Unglück gehabt , Sie zu beleidigen ? « » Ja , Sie haben mir wehe gethan . « » Weil ich meinen Vetter nicht sofort zur Rechenschaft zog ? « » Das konnten Sie ja nicht , seine Werbung geschah mit Ihrer Genehmigung . Sie so gut , wie die anderen , wollten mich zwingen , Herrn von Hollfeld meine Hand zu reichen . « » Ich Sie zwingen ? ... Kind , wie schlecht verstehen Sie sich auf die Erforschung eines männlichen Herzens ? ... Ich war von einem finsteren Irrtume befangen , oder richtiger , ich wollte diesen Irrtum vollends von mir werfen , wollte prüfen , als ich ja sagte ... Sie sollen im Gegenteil erfahren , daß ich alles entfernen werde , was Sie an den heutigen Vorfall erinnern könnte ... Sie sind gern in Lindhof ? « » Ja . « » Die Baronin Lessen wird das Schloß verlassen , und ich will Sie bitten , meiner Schwester Stütze und Umgang zu sein , wenn - wenn ich wieder in die weite Welt hinausziehen werde , wollen Sie ? « » Das kann ich Ihnen nicht versprechen . « » Und warum nicht ? « » Fräulein von Walde wird meine Gesellschaft nicht wünschen , und wenn auch ... ich habe heute schon einmal erklärt , daß ich den neuen Namen nicht führen werde . « » Wunderliche Antwort ! ... Das gehört nicht hierher ... Ah , jetzt verstehe ich ! Endlich wird es hell vor meinen Augen ! Sie glauben also , ich habe Hollfelds Wahl gebilligt , weil Ihnen plötzlich ein adliger Name zugefallen ist ... wie , ist ' s nicht so ? « » Ja , das glaube ich . « » Und folgern weiter , daß ich Sie aus dem Grunde auch jetzt als Umgang für meine Schwester wünsche ? ... Sie sind überhaupt der Ansicht , daß der Aristokrat bei allem , was ich thue und denke , die erste Stimme hat ? « » Ja , ja ! « » Nun , dann frage ich Sie , welchen Namen führten Sie , als ich hier , auf diesem Wege , Sie um einen Glückwunsch für mich bat ? « » Damals wußten wir noch nicht , welches Geheimnis der Erker enthielt , « flüsterte Elisabeth kaum hörbar . » Haben Sie die Worte vergessen , die Sie mir an jenem Tage nachsprechen mußten ? « » Nein , ich habe jede Silbe klar und fest im Gedächtnis , « entgegnete das junge Mädchen rasch . » Nun , und halten Sie es für möglich , daß solche Worte enden könnten mit einem und bleiben Sie gesund im neuen Jahre oder dergleichen ? « Das junge Mädchen antwortete nicht , sah aber tief errötend zu ihm auf . » Hören Sie mich einen Moment ruhig an , Elisabeth , « fuhr er fort ; er selbst aber war so wenig ruhig , daß man das Klopfen seines Herzens in der schwankenden , von innerer Bewegung fast erstickten Stimme hören konnte . » Ein Mann , den das Glück bevorzugte , indem es ihm eine höhere Lebensstellung und Reichtum in die Wiege legte , mißtraute diesen Vorzügen , als er anfing , selbständig zu denken . Er fürchtete , daß gerade an ihnen das scheitern könne , was er Lebensglück nannte . Er schuf sich deshalb in bezug auf die Wahl seiner Lebensgefährtin ein Ideal ; nicht , daß er außerordentliche geistige und körperliche Vorzüge beansprucht hätte , er suchte einfach ein Wesen im Besitze eines reichen und reinen Herzens , das kein Verständnis habe für die Vorteile des Ranges und Reichtums und sich ihm , nur ihm ohne jedwede Nebenrücksicht , hingeben würde ... Er kam allmählich zu der Ueberzeugung , daß sein Ideal ein Ideal bleiben werde ; denn er war über seiner Erforschung nachgerade siebenunddreißig Jahre alt geworden ... Wenn die Hoffnung bereits die Flügel zusammenfaltet , wenn es dunkel werden will , dann hat das in der zwölften Stunde noch plötzlich aufglühende Morgenrot etwas Ueberwältigendes für die Menschenseele . Sie wird aus dem Geleise gerissen , und eben die Verspätung , das so lange erfolglose Harren stürzen sie in ein Meer von Zweifeln und lassen sie nicht recht mehr an das unerwartete Glück glauben ... Elisabeth , er fand ein solches Herz , das , unterstützt von einem klar erwägenden , reich ausgestatteten Geiste , hoch stand über jenen kleinlichen Interessen ; aber es schlug in einer jungen , mit dem höchsten Liebreize geschmückten Hülle ... War es da wohl ein Wunder , wenn der gereifte Mann , der , wie er wohl wußte , nichts Bestechendes in seinem Aeußern hatte , mißtrauisch und voll Angst auf einen anderen blickte , der Jugend und eine schöne Gestalt in die Wagschale legen durfte ? ... War es ein Wunder , wenn er durch einen Blick , eine Versicherung , eine Handlung des jungen Mädchens sich einen Augenblick zu den kühnsten Hoffnungen hinreißen ließ , um im nächsten der tiefsten Mutlosigkeit zu verfallen , wenn er jenen um sie bemüht sah ? War es nicht ganz begreiflich , wenn er fürchtete , die Jugend werde sich zur Jugend gesellen ? ... Nie hat wohl ein männliches Herz glühender die Erfüllung seiner Wünsche herbeigesehnt , als das seinige , nie aber auch mag feiger gezweifelt worden sein an einem Erfolge , als er in namenloser Qual gezweifelt hat ! ... Und als man ihm sagte , daß sein kleiner , vergötterter Liebling jenem andern angehören werde , da leerte er den Schmerzenskelch und sagte ja , weil er wähnte , er handle in ihrem Sinne ... Elisabeth , ich stand heute völlig vernichtet und verzweifelnd an der Schwelle des Pavillons . Sie wissen nicht , was es heißt , wenn der Schiffer alle seine besten Schätze , seine Kleinodien auf ein einziges Schiff häuft , und dies vor seinen Augen versinkt ... Soll ich Ihnen beschreiben , was ich empfand , als Sie so entschieden die Standeserhöhung von sich wiesen und somit eine Verbindung mit Hollfeld unmöglich machten ? Soll ich Ihnen sagen , daß mich nur der Zustand meiner Schwester und die Rücksicht auf Sie selbst abhalten konnten , den ehrlosen Buben vor Ihren Augen zu züchtigen ? ... Er hat bereits Lindhof verlassen und wird nie wieder Ihren Weg kreuzen . ... Wollen Sie die Beleidigung vergessen , die Ihnen heute in meinem Hause widerfahren ist ? « Er hatte längst ihre beiden Hände ergriffen und hielt sie gegen seine Brust . Sie ließ es widerstandslos geschehen und bejahte mit bebenden Lippen seine Frage . » Und wollen wir nicht überhaupt alles vergessen , meine süße , kleine Goldelse , was sich zwischen Anfang und Schluß des Glückwunsches gedrängt hat ? ... Mein liebliches , blondes Mädchen , die Wonne meiner Augen , meine kleine Elisabeth Ferber steht wieder vor mir und sagt folgsam Wort für Wort nach , nicht wahr ? ... Der letzte Satz , der so grausam unterbrochen wurde , lautete ? « » Hier ist meine Hand als Bürge eines unaussprechlichen Glückes , « stammelte Elisabeth . » Ich will die Deinige sein im Leben und Sterben bis in alle Ewigkeit ! « Aber sie öffnete vergebens die Lippen , um die Worte , die er feierlich in tiefster Bewegung sprach , zu wiederholen . Thränen stürzten aus ihren Augen , und sie schlang ihre Arme um den Hals dessen , der sie jubelnd an seine Brust zog ... » Nun flieht mein himmlischer Traum wieder von mir , « sagte er mit einem Seufzer , als sich Elisabeth endlich leise aus seinen Armen wand . » Lasse mir wenigstens deine Hand , Elisabeth ; ich muß erst lernen , an mein Glück zu glauben . Wenn du heute von mir gehst , werde ich in die Nacht der Zweifel zurückfallen ... Du bist dir klar und fest bewußt , daß du jetzt unwiderruflich mein bist ? Du weißt doch , daß du nun Vater und Mutter und die traute Heimat auf dem Berge verlassen mußt um meinetwillen ? « » Ja , das weiß ich und das will ich , Rudolf , « sagte sie lächelnd , aber fest . » Sei gesegnet , mein Liebling , für diese Worte ... Aber du sollst die ganze Schwäche meines Unglaubens kennen lernen . War es nicht nur Erbarmen mit meiner grenzenlosen Liebe , was dich bewog , meiner ungestümen Werbung nachzugeben ? « » Nein , Rudolf , es war die Liebe , die in meinem Herzen lebt , seit ich - klingt das nicht seltsam - in deine zürnenden Augen sah , seit ich deine Stimme gehört hatte , wie sie menschliche Grausamkeit und Härte unerbittlich richtete . Und sie ist seit jenem Augenblicke auch nie wieder von mir gewichen ; sie ist im Gegenteil groß gewachsen und immer mächtiger geworden , trotz all meines Bestrebens , sie zu vernichten , trotz aller rauhen Worte , die oft genug tödlich verwundeten . « » Wer hat das gethan ? « » Du selbst , du warst heftig , abstoßend gegen mich . « » O Kind , das waren die Ausbrüche einer wahnsinnigen Eifersucht ! Ich habe mich mein ganzes Leben hindurch in der Selbstbeherrschung geübt , aber jene schrecklichste aller Qualen ließ sich nicht hinter den Schild zwingen ... Und deshalb wollte mein kleines Mädchen den Himmel zerstören , den sie mir jetzt eröffnet ? « » Deshalb nicht , das wäre auch ganz vergebliche Mühe gewesen , denn ein warmer Blick von dir machte alles wieder gut ; aber es trat ein anderer hartnäckiger Streiter in die Schranken - das war der Verstand . Er hatte sich die allgemein verbreitete Sage von deinem unglaublichen aristokratischen Hochmute wacker eingelernt und wiederholte mir bei jeder Aufwallung meines Herzens eindringlich den Grund , weshalb du die Hand einer fürstlichen Hofdame zurückgewiesen haben solltest . « » Ah , die sechzehn Ahnen ! « rief Herr von Walde lächelnd . » Siehst du , kleine Goldelse , das ist das Walten der Nemesis ! « fuhr er ernster fort . » Um Widerwärtigkeiten zu entgehen , griff ich ohne weitere Ueberlegung zu dem ersten , besten Mittel , das wie ich jetzt merke , mich um ein Haar mein ganzes Lebensglück gekostet hätte ... Ich verkehre sehr gern mit dem Fürsten von L. , aber der Aufenthalt an seinem Hofe wurde mir eine Zeitlang gründlich verleidet durch die Heiratspläne , mit denen mich besonders die Prinzessin Katharine verfolgte . Sie hatte sich in den Kopf gesetzt , aus einer ihrer Hofdamen und mir ein Paar zu machen . Daß mir das Mädchen völlig gleichgültig sein könne , hielt man für unmöglich , da sie für eine der ersten Schönheiten galt und vieler Herzen umstrickt hatte . All mein Protestieren half nichts , man spann die kleine Intrige immer weiter , und so schnitt ich sie eines Tages kurz ab , indem ich Ihrer Durchlaucht erklärte , daß mich eine derartige Wahl eines meiner Güter kosten würde ; denn es falle laut Testament meines Onkels dem Staate anheim , wenn ich eine Gattin heimführen sollte , die nicht ihre sechzehn Ahnen habe ... Mit jener Erklärung hatten alle Quälereien ein Ende ; im ganzen , kleinen Lande ist ja kein solcher Stammbaum zu finden , und man begriff völlig , daß ich mein Gut zu behalten wünschte . « » Und um meinetwillen erleidest du jetzt einen solchen Verlust ? « rief Elisabeth betroffen . » Es ist kein Verlust , Elisabeth , es ist nur ein Tausch , ein Tausch , bei welchem ich einen unermeßlichen Schatz , des Lebens höchste Glückseligkeit , gewinne . « Eine Fackel tauchte seitwärts im Dickicht auf . » Halt , hierher ! « rief Herr von Walde . Einer seiner Diener stand alsbald vor ihm . Er beauftragte denselben , so rasch wie möglich hinauf nach Gnadeck zu eilen und Fräulein Ferbers Zurückkunft anzumelden . Der Bediente eilte spornstreichs davon . » Ich bin sehr egoistisch gewesen , Elisabeth , « sagte Herr von Walde , indem er ihren Arm in den seinen legte und nun ungesäumt mit ihr vorwärts schritt . » Ich wußte , daß deine Verwandten in großer Angst und Unruhe um dich sind ; Vater und Onkel suchen dich drüben im fürstlichen Waldreviere ; meine sämtlichen Leute und die Lindhofer Bauern durchstreifen deinetwegen die Gegend nach allen Richtungen hin , und ich vergaß alles in dem Augenblicke , als ich dich fand . « » Meine armen Eltern ! « seufzte Elisabeth nicht ohne Gewissensbisse ; auch für sie war ja die ganze Welt versunken , als er gekommen war , sie zu befreien . » Friedrich hat flinke Füße , « tröstete Walde , » er wird lange vor uns auf dem Berge sein und die Deinen beruhigen . « Sie traten in den Park ein und schritten am Schlosse vorüber . Es lag finster und schweigend da . Nur aus Helenes Schlafzimmer schimmerte gedämpftes Lampenlicht . » Dort wird jetzt ein Kampf auf Leben und Tod gekämpft , « murmelte Herr von Walde hinüberblickend . » Sie hat den Elenden wahrhaft fanatisch geliebt ; wie furchtbar muß die Erkenntnis sein ! « » Gehe hinauf und tröste sie , « bat Elisabeth . » Trösten ? In solchem Augenblicke ? ... Kind , mir hätte einer mit Trostgründen kommen sollen , als ich dich zu verlieren glaubte ... Helene hat sich eingeschlossen , seit ich den Befehl gegeben habe , man möge Herrn von Hollfelds Pferd vorführen , aber die Kammerfrau ist in ihrer Nähe . Es wird einer längeren Zeit bedürfen , ehe sie mich sucht und meinen Anblick wünscht , denn sie hat sich um jenes Erbärmlichen willen von mir losgerissen ; ein Mensch aber , der so schwer getäuscht wurde , kehrt selten augenblicklich zurück zu denen , die ihn gewarnt haben ... Uebrigens werde ich heute mein Haus nicht wieder betreten , ohne mich versichert zu haben , daß deine Eltern dich mir nicht entreißen wollen . « Seitwärts zweigte sich der Weg ab , an welchem die bewußte Gartenbank stand . » Weißt du noch ? « fragte Elisabeth lächelnd und deutete hinüber . » Ja , ja . Dort sprachst du den kühnen Entschluß aus , als Erzieherin in die weite Welt zu gehen , und ich nahm mir die Freiheit , zu denken , daß ich dies nun und nimmer zugeben würde . Es bedurfte all meiner Selbstbeherrschung , daß ich den kleinen verwegenen Zugvogel nicht sofort in meine Arme nahm und sein goldenes Köpfchen voll trotziger , stolzer Gedanken an meine Brust drückte ... Dort entlockte ich dir das unbewußte naive Geständnis , daß deine Eltern noch den ersten Platz in deinem Herzen behaupteten . Aber du nahmst auch eine abweisende , kühle Haltung an , als ich mich unterfangen wollte , vertrauensvoll zu sprechen . « » Das war Schüchternheit ... und ich bin noch nicht sicher , ob ich nicht morgen , wenn ich deine strenge Stirn bei Tagesbeleuchtung sehe , in meine Verzagtheit zurückfalle . « » Sie wird nicht mehr streng aussehen , mein Kind , das Glück hat sie mit weichem Finger berührt . « - Bald nachher erlebten die alten Buchen , die über die Waldblöße hinweg in das hellerleuchtete Ferbersche Wohnzimmer sehen konnten , ein seltenes Schauspiel . Ein hoher Mann , dessen Gesicht die Blässe tiefer , innerer Bewegung bedeckte , führte die Tochter den Eltern zu , um sie in demselben Augenblicke zurückzufordern als sein künftiges Weib , sein zweites Ich . Die alten Buchen sahen , wie er die junge Braut in die Arme nahm und so den Segen der erschütterten Eltern empfing , sahen , wie ein unter Thränen lächelndes Muttergesicht dankend zum Himmel aufblickte , und wie der kleine Ernst an Hänschens Käfig rüttelte , um dem verschlafenen Sänger im gelben Fracke feierlich zu verkünden , daß die Else merkwürdigerweise Braut sei . 20 Während im Zwischenbau auf dem alten Gnadeck Glück und Freude einzogen , ereignete sich ein Fall trauriger Art unten im Thale . Zwei Lindhofer Bauern , die , mit Fackeln versehen , nach Elisabeth suchten , hörten , als sie von ihrem Dorfe her nach dem Walde schritten , vor sich plötzlich ein heftiges Knurren , es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes . Nicht weit von ihnen lag eine Gestalt quer über den Weg hingestreckt ; ein großer Hund stand daneben und hatte , wie zur Verteidigung , beide Vorderpfoten auf das am Boden liegende Wesen gestellt . Das Tier wurde wütend bei Annäherung der Männer , fletschte die Zähne und machte Miene , auf sie loszuspringen . Sie wagten sich nicht weiter und liefen in das Dorf zurück , wo sich in demselben Augenblicke mehrere Fackelträger zusammenfanden , unter ihnen der Oberförster , der soeben durch Herrn von Waldes Bedienten erfahren hatte , daß Elisabeth gefunden sei . Sofort eilten alle nach der bezeichneten Stelle . Diesmal knurrte der Hund nicht . Er winselte und kroch schwanzwedelnd bis zu den Füßen des Oberförsters ; es war Wolf , sein Hofhund , und dort lag , anscheinend leblos , Bertha . Sie blutete aus einer Kopfwunde , und das Gesicht hatte die Blässe des Todes . Der Oberförster sagte kein Wort . Er vermied es , den mitleidigen Blicken der Umstehenden zu begegnen ; in seinen Zügen kämpften Groll und Schmerz . Er hob Bertha vom Boden auf und trug sie in das letzte Haus des Dorfes ; es war das Weberhäuschen . Von dort aus schickte er einen Boten nach Sabine . Zum Glück verweilte der Wahlheimer Arzt noch bei einem Patienten im Dorfe . Er wurde herbeigeholt und brachte die Ohnmächtige sehr bald wieder zu sich . Sie erkannte ihn und verlangte nach einem Trunke Wasser . Ihre Wunde war ungefährlich ; aber der Arzt schüttelte den Kopf und warf einen seltsamen Blick auf den Oberförster , der mit besorgter Miene seine Manipulationen verfolgte . Der Doktor war ein gerader Mann von etwas rauhen , derben Manieren . Er trat plötzlich auf den Oberförster zu und sagte ihm mit nicht sehr unterdrückter Stimme einige Worte . Wie von einem tödlichen Schusse getroffen , taumelte der alte Mann zurück , starrte den Doktor an wie geistesabwesend , und ohne auch nur eine Silbe zu erwidern , ohne einen Blick auf die Kranke zu werfen , schritt er zur Thür hinaus . » Onkel , Onkel , verzeihe mir ! « schrie das Mädchen mit herzzerreißender Stimme auf , aber er war schon verschwunden in der dunklen Nacht draußen . Dafür erschien Sabine atemlos auf der Schwelle . Eine Magd folgte ihr und trug ein ungeheures Bündel Bettstücke auf dem Kopfe und einen Handkorb voll Verbandzeug , Erfrischungen und aller möglichen praktischen und nötigen Dinge am Arme . » Gott im Himmel , was machen Sie für Streiche , Berthchen ? « rief die Alte mit Thränen in den Augen , als sie das entfärbte Gesicht mit dem Verbande über der Stirn auf dem Kissen liegen sah . » Und gerade heute mittag , wie Sie fortgingen , kamen Sie mir munterer vor ; Sie hatten so schöne rote Backen . « Das Mädchen vergrub das Gesicht in das Bett und verfiel in ein konvulsivisches Schluchzen . Der Arzt gab Sabine einige Verhaltungsregeln , verbot der Kranken streng alles Reden und verließ das Zimmer . » Nicht sprechen soll ich ! « rief Bertha , indem sie sich im Bette aufsetzte . » Solch einem alten Manne mit dem kühlen Blute in den Adern und den abgemessenen Gedanken unter den weißen Haaren , dem mag das Schweigen freilich leicht werden . Aber ich , ich muß sprechen , Sabine , und wenn es mir den Tod bringt , desto besser ! « Sie zog die Haushälterin auf den Bettrand und beichtete bitterlich weinend ihre Schuld . Sie hatte ein Liebesverhältnis mit Hollfeld gehabt . Er hatte ihr versprochen , sie zu heiraten ; sie dagegen hatte ihm feierlich schwören müssen , daß sie das Verhältnis geheimhalten und ihre Rechte auch nicht eher öffentlich geltend machen wolle , als bis er sie dazu autorisiere ; denn er mußte , wie er vorgab , seine Mutter und die Verwandten in Lindhof berücksichtigen , die er erst ganz allmählich seinen Wünschen geneigt machen könne . Die Unbesonnene schwur , und , exaltiert wie sie war , fügte sie das Gelübde hinzu , daß anderen gegenüber nicht eher wieder ein Wort über ihre Lippen kommen solle , als bis sie der Welt ihr stolzes Geheimnis mitteilen dürfe . Die Zusammenkünfte beider fanden gewöhnlich im Nonnenturme oder im Pavillon des Lindhofer Parkes statt . Niemand kam ihnen auf die Spur . Nur die Baronin Lessen hatte eines Tages Verdacht geschöpft , infolgedessen sie