stützte den Kopf in die Hand , man sah ihr an , daß ihre ehrliche Natur mit sich zu Rathe ging . Der Baron ist ein edler , ein großherziger , er ist noch ein schöner , ein liebenswerther Mann , nahm die Herzogin nach einer Weile wieder das Wort ; aber freilich , er könnte Ihr Vater sein , und wie willig Sie sich ihm verbanden , Sie konnten ihn nicht lieben , wie die Jugend die Jugend liebt . Die Baronin fuhr leise zusammen . Sie konnten noch weniger für ihn die Nachsicht haben , welche wir Aelteren unsern Altersgenossen und der Jugend beweisen . Gewiß , liebe Angelika ! sagte sie mit jener weichen Stimme , deren Klang , wenn sie es wollte , unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte , Sie waren nicht gütig , nicht nachsichtig genug mit dem Baron . Sie sind auch jetzt nicht genug bemüht , ihm zu gefallen ; denn wäre es möglich , daß ich die Freundschaft Ihres Gatten in solchem Grade besäße , theure Angelika , wenn Sie sich ihm so jung und liebenswürdig zeigten , als Sie sind ? - Und die Hände der Baronin noch einmal in die ihren nehmend und sich mit besorgter Zärtlichkeit zu ihr neigend , sprach sie : Oder wäre es denn möglich , daß Sie Ihr Herz an einen Andern , an einen Mann ganz ohne Rang und Namen verlieren könnten , wenn Sie .... Aber sie konnte den Satz nicht vollenden . Um aller Heiligen willen , woher wissen Sie das ? rief die Baronin , während sie unter hervorbrechenden Thränen ihr Antlitz mit ihren Händen verhüllte . Die Herzogin schloß sie in ihre Arme , ohne ihr zu antworten . Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre Brust , und sie leise küssend , bat sie : Muth , Muth , mein theures Kind ! Nur ein wenig Vertrauen , und es ist nichts geschehen ! Angelika weinte still . Nach einer Weile richtete sie sich empor . Was soll ich thun ? rief sie .... Die Herzogin antwortete ihr nicht , denn sie wünschte ihr keinen unwillkommenen Rath zu geben . Was wird er von mir denken ? In welchem Lichte muß ich ihm erscheinen ! hub die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an . Sie war aufgestanden und ging nachsinnend in dem Gemache umher . Die Herzogin betrachtete sie mit einer Zufriedenheit , in die sich Mitleid und Erstaunen mischten . Aufgewachsen in einer Welt , in welcher man den Ehebruch so leicht nahm , als man sich der Gewalt der Leidenschaft überließ , glaubte sie aus dem Schmerze der Baronin auf deren thatsächliche Untreue gegen ihren Gatten und auf ein Verhältniß zu dem Architekten schließen zu dürfen , das schon lange bestanden haben mußte . Aber Angelika verlor dadurch in ihren Augen nicht , sie gewann vielmehr erst eine rechte Bedeutung für sie , denn jetzt wurde die Herzogin der Baronin unentbehrlich , jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte , auf dem sie sie einst anzutreffen gehofft , auf den sie selbst die Arglose hingeleitet hatte . Plötzlich knieete die Baronin vor der älteren Freundin nieder , umschlang sie mit ihren Armen und bat mit gerührter Stimme : Helfen Sie mir , rathen Sie mir , Cousine ! Was soll ich thun , mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu befreien ? Sie sollen vertrauen , sprach die Herzogin , sie sanft an ihren Busen ziehend , einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen , das Sie warnte , Sie in der ersten Stunde warnte , da die Gefahr an Sie herantrat , und das Sie verstand und Ihnen folgte , auch ohne daß Sie sprachen , theures Kind ! Oder glauben Sie , ich hätte es nie erfahren , wie gegen unsern Willen unsere Gedanken zu dem geliebten Gegenstande hingezogen werden , den sie meiden wollen ? Glauben Sie , ich hätte sie nie gekannt , die abmahnende Scheu , die wie ein trüber Morgennebel der hell aufflammenden Leidenschaft vorangeht ? - O , mein theures Kind , auch mir ist es nicht erspart geblieben , das ernste Kämpfen , das lange Zagen und das Unterliegen des armen , gequälten Herzens ! Und ich sollte Sie verkennen , Sie verdammen , Sie verlassen , theures , theures Kind ? Sie umarmte Angelika aufs Neue . Mit feurig beredtem Worte sprach sie aus , was Angelika sich selber keusch verschwiegen , ja , was zu denken sie sich nie gestattet haben würde . Aber es waren selige Thränen , mit welchen sie endlich , von der Herzogin weit und weiter fortgerissen , derselben rückhaltlos bekannte , was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte : daß sie Herbert liebe , schon lange liebe , daß sie für ihn fühle , was sie nie für den Baron gefühlt habe , und daß um den geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Wonne , ein Genuß sei . Die Herzogin lächelte und tröstete wie ein Engel mild . Sie warnte und sprach ihr Muth ein , sie ermahnte zur Entsagung und gab Hoffnung auf Glück , wie Angelika ' s wechselnde Bewegung es begehrte . Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche hätte die Gewissenhaftigkeit der Baronin mißtrauisch gegen die Beratherin gemacht , volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrängt oder ihr wohl gar den Mund verschlossen ; und nicht um den Frieden , nur um das Vertrauen Angelika ' s und um die Herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu thun gewesen . Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten wundersam beruhigt . Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen , was sie thun solle . Wenden Sie sich offen an den Baron ! rieth ihr die Herzogin , um sich den Schein der strengen Verläßlichkeit zu geben und um in einem Nothfalle sich vor dem Freiherrn dieses Rathschlages berühmen zu können . Wenden Sie sich an den Baron , bekennen Sie ihm .... Nein , nimmermehr ! rief Angelika mit lebhafter Abwehr . Die Herzogin schien nachzusinnen . Wie Sie auch fühlen und empfinden mögen , theure Angelika , sprach sie dann nach längerem Schweigen , Sie werden mir einräumen müssen , daß Ihnen nichts übrig bleibt , als von dem Freiherrn die Entfernung Herbert ' s , die Entfernung des jungen Mannes zu begehren , der , von Ihrer Nachsicht dreist gemacht , die Achtung und Verehrung , welche er Ihnen , der Frau des Freiherrn von Arten , schuldet , so ganz und gar vergessen , der Sie hinreißen konnte .... Die Baronin ließ sie nicht vollenden . Sie ahnte den Kunstgriff , mit welchem die Herzogin ihr zu Hülfe zu kommen und Herbert anzuklagen wünschte , und wahrhaft und offen rief sie : Herbert ist nicht schuldig , nicht schuldiger , o , lange so schuldig nicht , als ich - denn er ist frei ! Die Herzogin schloß die Augen . Ein Mann ist immer schuldig , wenn wir ihm uns und unsere Ueberzeugungen zum Opfer bringen ! sprach sie . Aber gleichviel , der junge Mann muß fort ! Ja , er muß fort ! wiederholte Angelika mit leiser Stimme . Denn unglücklich über die Liebe , die mich fortriß , macht die Liebe , die ich einflöße , mich nicht glücklich , und das Bewußtsein , von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein , auf welche seine Liebe mich stellte , steigert meine Qual und meinen Schmerz . Aber wie kann ich seine Entfernung fordern , da ihn sein Beruf bei uns festhält , wie soll ich fordern , daß er vergesse , was ich nie vergessen kann ? Thörichtes Kind , lächelte die Herzogin , wer muthet Ihnen denn ein so Unmögliches , ein so Gewaltsames zu ? Wer verlangt denn , daß Sie aus Ihrem Herzen reißen , was Sie dort als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen wünschen ? Sie sollen nur zu vergessen scheinen , was Sie vergessen zu machen wünschen ! Angelika sah sie fragend an , sie verstand sie nicht . Die Herzogin mußte sich deutlicher erklären . Wer will Sie daran erinnern , daß Ihre Liebe , Ihre Schwäche Sie einen kurzen Augenblick übermannten , wenn Sie sich daran nicht mehr zu erinnern scheinen ? sprach sie . Aus Ihrer Nähe , von seinem Glauben an Ihre Liebe , nicht von seiner Arbeit muß der junge Mann entfernt werden . Ihm zu begegnen , dürfen Sie nicht einmal vermeiden . Sie müssen ihn wiedersehen , bald wiedersehen , aber im Beisein Ihres Gatten , mit freier Stirn , mit hellem Auge ! - Und seien Sie sicher , er wird bald glauben , geträumt zu haben , was Sie ihn ohne sein Verdienst erleben ließen , während Ihr Schuldbewußtsein Sie hoffentlich künftig nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten Freiherrn machen wird . Sind es zuletzt doch immer unsere Männer , denen die Schwächen und die Irrthümer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demuth die Frucht unserer Reue genießen . Nur Muth , nur Zuversicht , mein liebes Kind ! Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika . Sie wußte sich nicht zu entschließen , so viel Verwirrendes und Verführerisches auch in den Rathschlägen der Herzogin verborgen lag . Angelika hatte weder den Muth , sich ihrem Gatten anzuvertrauen , noch , wie sie es eine Weile vorgehabt , sich gegen Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen . Sie kannte jetzt die Schwäche ihres Herzens , und vor dem Mittel , welches die Herzogin ihr an die Hand gab , schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn gleichmäßig zurück . Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu Hülfe , indem sie ihr einen Ausweg zeigte , der annähernd zu dem Ziele führen konnte , das Angelika erstrebte , und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste erschien . Sprachen Sie nicht von einem Feste , welches Sie im Laufe der nächsten Wochen geben wollten , fragte sie , und für das Sie auch Monsieur Herbert ' s Zimmer zur Unterbringung Ihrer Gäste brauchen würden ? Die Baronin schöpfte Athem . Mich dünkt , es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede , daß er für eine Weile seine Zimmer würde räumen müssen , sagte die Herzogin , und in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen , für Andere Aufmerksamkeit haben zu müssen , würde Sie von sich selber abziehen , theure Freundin , und Ihnen eine Zerstreuung von den Gedanken sein , mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigkeit Sie peinigt ! Ja , ja , das kann geschehen ! rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an die Brust . O , Sie sind mein guter Engel , theure Margarethe ! So lassen Sie mich für Sie wachen , meine theure Seele , antwortete ihr die Herzogin , und gehen Sie zur Ruh ' , denn es ist spät , und Ihre Wangen brennen ! In so heftiger Erregung soll der Freiherr Sie nicht sehen ! Gehen Sie zur Ruhe , ich will ihn darauf vorbereiten , daß wir diese Woche unser Fest begehen , ich werde unseren Ungetreuen hier erwarten ! Ich wache für Sie Alle , für Sie Alle ! Spät am Abende , als der Freiherr und der Marquis nach Hause kamen , fanden sie die Herzogin wider deren Gewohnheit noch im Gartensaale lesend . Der Marquis berichtete von ihrem Ausfluge , der Freiherr erkundigte sich , wie die Damen ihren Abend zugebracht hätten . Wie können Sie das fragen ? scherzte die Herzogin . Natürlich in Unterhaltung über die Abwesenden ; denn es ist nicht wahr , daß die Abwesenden immer Unrecht haben , da ja Abwesenheit allein die Sehnsucht erzeugt ! Sie werden uns eitel machen , meine Freundin ! entgegnete der Freiherr , welcher für jede Schmeichelei , wenn sie sich anmuthig in der Form bewies , empfänglich war . Eitel , meinte die Herzogin , Sie eitel machen , Cousin ? Aber Sie sind es ja schon jetzt , Cousin ! Waren Sie denn ganz allein von Hause fort ? War nicht mein Bruder , war nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie ? Sie vermißten also den Marquis ? fragte der Freiherr . Als ob man einen Bruder vermissen könnte , wenn er über Land geht ! bedeutete die Herzogin . Also war es Monsieur Herbert , der Ihnen fehlte , dessen Abwesenheit Ihre Sehnsucht wach rief ? scherzte der Freiherr . Aber , mein theurer Baron , neckte die Herzogin , ich war ja nicht allein zu Hause , oder glauben Sie , daß die Gedanken der Baronin , unwandelbar wie die Magnetnadel , nur an Ihnen hangen ? Könnte nicht unsere liebe Angelika Jemand anders als Sie vermissen ? Ist der Marquis nicht liebenswürdig ? Versichern und beweisen Sie uns nicht alltäglich , daß Ihr Architekt ein geistreicher , ein schöner Mann sei ? Wie wäre es , wenn wir Ihnen endlich Glauben schenkten , wenn wir , nur aus Unterwürfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht , uns endlich überzeugen ließen ? Der Freiherr küßte ihr die Hand . Sie sind aufgeräumt , sagte er , Sie haben sich also wohl unterhalten , und ich muß mir daher Ihren Scherz gefallen lassen ! Doch kann ich von mir sagen , was ein junger deutscher Dichter in seinem schönen Trauerspiele den König Philipp von Spanien sagen läßt : Wo ich zu fürchten angefangen , hab ' ich zu fürchten aufgehört ! - Beruhigen Sie sich also , meine schöne Freundin - zur Eifersucht bin ich nicht gemacht , sie ist die Leidenschaft der niedern Stände , der Menschen ohne Selbstgefühl , sie ist unter unserer Würde ! Und doch hatten die neckenden Aeußerungen der Herzogin ihn verletzt , und doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male darüber , daß er den Architekten so viel und so ungehindert mit Angelika verkehren lasse , denn Herbert war in der That ein schöner Mann , und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des Frauenherzens ! Siebentes Capitel Herbert hatte seinen Vorsatz , graden Weges nach dem Amthause zu gehen , nicht ausgeführt . Er war , von dem schönen Tage verlockt , eine tüchtige Strecke in der Gegend umhergerannt , und die Sonne stand beinahe schon im Mittag , als er nach dem Amthofe kam . Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkennen . Die Arbeitswagen , die Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet vor den großen Scheunen , ein paar Stadtkinder kletterten auf den Deichseln herum und genossen die Feiertagsfreiheit . Der Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne . Langsam zogen im Teiche die Enten umher , während am grasigen Ufer der glänzend gefiederte Hahn unter seinen Hühnern umherstolzirte und selbst eifrig die Körner aufpickte , welche heute die Hand der fremden Kinder und Mädchen dem Federvieh verschwenderisch gestreut hatte . Unten vor der Thüre saßen trotz der frühen Stunde die Männer schon beim Tarockspiel . Es waren städtische Freunde des verstorbenen Amtmanns und daneben der Herr Oberförster und der Herr Pfarrer von Neudorf , welcher nach der Kirche zum Essen mit hinübergekommen war , weil am Nachmittage sein Neffe aus der Stadt für ihn die Predigt hielt . Sie achteten auf Herbert ' s Ankunft nicht . War doch so viel junges Volk über den Hof und durch das Haus gegangen , seit sie hier die Erntefeste feiern halfen ! War es doch auch allmählich älter geworden , hatte seine Kinder hergeschickt und war zum Theil gestorben ! Das kam und ging , und ging und kam ! Wer konnte die Menschen alle kennen ? Aber die große zinnerne Kanne , in der das Bier frisch vom Fasse auf den Tisch kam , und den zinnernen Leuchter und den Fidibus-Becher von Zinn , die neben dem Tabackskasten standen , die kannten die Männer , wie sie einander kannten ; die waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert . Es ist auch immer noch das gute , alte Bier und der gute , gelbe Knaster , bemerkte einer der Städter ; der Adam hält auf seines Vaters Art ! Ei , warum sollte er denn nicht ? meinte der Förster . Er ist in der Welt herumgewesen , weiß zu leben und ist wohl auf ! Er ist der Mann für den Platz ! Der Pfarrer , welcher immer erst bedächtig den Dampf aus der holländischen Kalkpfeife blies , ehe er vor einer so gemischten Gesellschaft eine Meinung abgab , nickte dem Oberförster beistimmend zu . Ja , sprach er , ja , Herr Oberförster , sie sind gut eingeschlagen , alle beide , unseres werthen seligen Amtmanns Kinder ! Selbst meine Frau , die das nicht von einer Jeden sagt , weil sie es genau mit solchen Dingen nimmt , nennt die Eva eine Wirthin , welche es mit mancher älteren aufnehmen könne , und was man hier davon im Hause sieht und was gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt , das läßt nichts zu wünschen , gar nichts zu wünschen übrig ! Wir halten viel auf sie , ich und meine Frau ; und auch mein Sohn hält in der Stadt , und trotz seiner Studien , die alten Spielgenossen werth ! Wollte nur unser Herrgott , es wäre auch sonst hier Alles noch so bei dem guten Alten geblieben ! Er seufzte , der Oberförster schien ihn zu verstehen , aber sie mochten vor den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus , und hätten sie es auch gewollt , sie hätten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem Lärmen um sie her . Denn kaum war man oben in der Giebelstube , wo Eva ' s Gäste , die jungen Mädchen , wohnten , des Architekten ansichtig geworden , so war auf Eva ' s Anschlag auch schon ein Plan gefaßt . Auf den Fußspitzen liefen sie die Treppe hinunter , damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre , zur Hinterthüre schlichen sie hinaus ins Freie und durch das große Hofthor kamen sie wieder herein , und ehe sich Herbert dessen versah , waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren losgelösten bunten Bändern ihn umschlungen , und wenn er den einen Arm frei machte , sich der Einen zu erwehren , so umwand die Andere ihm den anderen Arm , und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden , und ihn haschend und sich befreiend , und sich wehrend und ihn verfolgend , und lachend und schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und über den ganzen Hof , daß die Enten , welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten , sich überstürzend in das Wasser flüchteten , die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe schwangen , die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite suchten und die Hunde aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren . Gefangen , gebunden ! rief es hier und dort , um ihn dafür zu strafen , daß er nicht schon gestern gekommen war , als man den letzten Wagen in die Scheune gefahren hatte . Es war ein Lärmen und ein Lachen , ein Laufen und ein Jubeln ! Und die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichtern und brannte auf die entblößten Arme und Nacken und auf die lockigen Scheitel der fröhlichen Mädchen . Gefangen , gebunden , bestraft ! schallte es immer wieder , bis Adam mit seinen Freunden herbeikam , die Partei für Herbert nahmen , bis die hübschen Kinder , athemlos , sich der Verfolgung der Männer nicht mehr entziehen konnten und Herbert , nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu thun hatte , Eva ' s , als der Anführerin , habhaft wurde . Gefangen , gebunden ! rief jetzt auch er , und umschlang sie trotz ihres Sträubens und hielt sie fest und küßte sie nach Herzenslust auf die heißen , rothen Lippen . Das wirkte ansteckend , die Andern thaten es ihm bei den eingefangenen Mädchen nach , und sich von Herbert losmachend , rief Eva : Nun haben wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachträglich gebunden , nun kommt er auch nicht fort , so lange ihr Alle bei uns seid ! Aber wer sagt denn , daß ich gehen will ? Ich kam ja , um zu bleiben , Sie Gewaltthätige ! versicherte Herbert , indem er sie auf ' s Neue in seine Arme zu schließen suchte , und es wollte ihn dünken , als widerstrebe sie ihm nicht sehr . Herbert war recht von Herzen vergnügt . Selbst die Männer am Tarocktische , wie sie auch schmählten , daß man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe , sahen nicht böse drein . Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen lächelnd um die Lippen . Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde zu denken , die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte . Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem , genügten Allem , waren jung mit den Jungen und alt mit den Alten . Das ging den ganzen Tag so fort . Wenn ich nur wüßte , meinte Herbert am Abende , warum ich nicht alle Tage hergekommen bin ? Das will ich Ihnen sagen , entgegnete Eva und flüsterte ihm etwas in das Ohr . Er wollte nicht wahr haben , was sie sagte , aber die Mädchen behaupteten , er sei roth geworden und er möge sich in Acht nehmen ; sie wüßten , um was es sich handle , es sei nicht geheuer in den Schlössern . Freilich , freilich , bekräftigte Eva , es steckt noch immer etwas von der alten Burg darin ! Die Andern fragten , was das heiße . O , rief sie , ihr wißt ' s ja ! Da oben sind vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen , und nun ist ' s damit wie in der verkehrten Welt ! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre Frauen , jetzt halten die vornehmen Damen die Männer gefangen ! Man lachte über den Einfall ; sie neckten Eva , und einer der jungen Leute meinte : Sorgen Sie nicht , Mamsell Eva ! Monsieur Herbert sieht nicht aus wie einer , der so leicht zu fangen wäre ! Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert ? warf sie schnippisch und doch verlegen hin . Ich bin geduldig und werde warten , sagte er , sich mit scherzender Demuth vor ihr neigend . Sie that , als höre sie seine Worte gar nicht mehr , und sie hatte ja auch alle Hände voll zu thun . Das blankste Leinen , die besten Teller , selbst das Silberzeug mußte heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch . Alles sollte reichlich , Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause , da man so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder einmal in den Scheunen hatte . Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amthofe nicht viel zu merken . Aber der Pfarrer selber drückte ein Auge zu . Er hatte seine Absichten mit Eva , und sie gefiel ihm , wenn sie sich in Haus und Küche also regte und bewegte . Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen Geschäftigkeit . Er bot ihr seine Dienste an , sie wußte dieselben zu nutzen und , des Befehlens wohl gewohnt , ihn immer neben sich fest und immer in so guter Laune zu erhalten , daß er gar nichts sah und gar nichts denken konnte , als nur sie den lieben , langen Tag . Ihm war das aber recht und lieb , er verlangte es gar nicht besser . Nur Abends , als er allein war , in der nächtlichen Stille , da kehrte es wieder , wundersam ! Da sah er sie plötzlich vor sich , die schöne , hehre Gestalt , da sah er es wieder , das sanft bethränte Antlitz , und es zog ihn fort , es rief ihn von dannen , daß er nicht wußte , wie er hier verweilen könne , wie es ihm möglich gewesen sei , von dem Orte zu scheiden , an dem er ihr begegnen , sie sehen , ihr nahen konnte ; wie es ihm möglich gewesen sei , ungleich und gering von ihr zu denken , von ihr ! Die Aufregung , in welche Eva ' s Reize und ihre natürliche Gefallsucht ihn versetzten , ließ ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken , und die Feindin der Wahrheit , die Entfernung , verwirrte seine Phantasie , bis die Bilder der beiden Frauenzimmer , wie unähnlich sie einander auch waren , sich zu mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen , daß er Mühe hatte , es aus einander zu halten , was er mit der Einen , was er mit der Andern erlebt , was er der Einen , was er der Andern von seinen Eindrücken und Empfindungen verdankte und zollte . Aber alles Gute , alles Schöne wendete sich immer auf Angelika ' s Seite , und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte , so fühlte er sich jetzt wieder schuldig gegen sie , je länger , je mehr . Als sich ihm der zweite Tag in Rothenfeld zu Ende neigte und das junge Volk , welches in der nächsten Frühe das Amthaus verlassen und in die Stadt zurückkehren sollte , in seiner Fröhlichkeit nur immer weiter ging , als müsse nun in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden , als man bei der Abendtafel , trotz des warmen Wetters , die Punschterrine auftrug und Eva mit lachenden Augen und mit ihren flinken Händen die Gläser immer auf ' s Neue füllte , bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen , und selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise , welche man in Vorschlag brachte , mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus , wo der Amtmann endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die Cousine im Schleifer zu drehen begann - da bemächtigte sich Herbert ' s eine große Traurigkeit . Er konnte sich nicht helfen , er wußte sich nicht zu finden , nicht zu rathen . Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr , die ihm mit ehrlicher Zuversicht in das Auge blickte , und er sagte sich : Wie schlecht bin ich , dieses liebe Geschöpf nur als Zeitvertreib zu brauchen ! Wie schlecht war es von mir , daß ich hieher ging , daß ich mich von ihr , von jener schönen , edlen Frau entfernte , die nicht so glücklich , ach , lange nicht so glücklich ist , als diese guten Menschen hier ! Er fühlte eine wahre Sehnsucht , wieder in Richten zu sein . Was mochte die Baronin von ihm denken , daß er sie mied , da sie sich ihm zugeneigt hatte ? Was sollte er ihr sagen , wenn sie ihn deßhalb befragte ? Wie es tragen , wenn sie ihm zürnte ? Seine Vorstellungen wechselten schnell , seine Zerstreutheit fiel zuletzt seiner Tänzerin auf , und es ging ihr wie Jedem , der von einem Gedanken vollständig beherrscht ist : sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus . Sehen Sie doch nicht traurig aus , rief sie plötzlich und arglos , wir bleiben ja hier beisammen , Sie reisen ja nicht wie die Andern fort ! Er hätte sich darüber freuen mögen , aber er konnte es nicht . Er besorgte , weiter gegangen zu sein , als er sich dessen bewußt war , Wünsche und Hoffnungen erregt zu haben , die er in diesem Augenblicke durchaus nicht theilte . Seine Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurück . Er sagte , daß ja auch seines Bleibens hier nicht sei und daß auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen werde . Um so besser , meinte sie , so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen , denn Sie kommen ja doch wieder ! Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor , was er noch vor wenig Tagen selbst gewesen war . So gesund , so frisch , so zuversichtlich hatte er in die Ferne geblickt ; jetzt konnte er sich nicht klar machen , was er fühlte , was er wünschte und was der nächste Tag ihm bringen würde . Er wußte kaum noch , weßhalb er von Richten fort , weßhalb er hieher gegangen sei . Es war Alles verwirrt in ihm . Er schlief schlecht in der Nacht , und als er sich mit der Sonne erhob , rief er ein Gottlob ! als stehe er am Ende einer Trübsal und vor der Thüre eines Glückes , und doch war und blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor . Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf ; sie wollten theils vor der Mittagshitze , theils vor Abend in ihrer Heimath sein . Ihn nöthigten die beiden Geschwister noch zum Verweilen . Der Amtmann sagte , er müsse gegen zehn Uhr nach dem Schlosse und sie könnten mitsammen hinaufreiten . Es sei Zeit genug , da der Baron nicht früh aufstehe und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft abmache . Aber Herbert war nicht zu halten , und als Eva ihm dies übel nahm und mit ihm schmollte und ihn kalt entließ , war ihm das lieber als die Zuversicht , mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte . Achtes Capitel Es war noch Alles still , da er nach Richten kam . Er ging