meine Hand berühren ! ich habe ihn ja nie geliebt ! O , Oswald , hab ' Erbarmen mit mir ! laß mich nicht so schwer büßen für Etwas , das ich ja doch nur aus rasender Liebe zu Dir gethan habe . Armes , unglückliches Kind , murmelte Oswald , sie zärtlich an sich drückend , armes unglückliches Kind ; und unglücklich durch mich ! das ist das bitterste Leid ! Emilie , Holde , Süße , weine nicht so ! Dein Schluchzen zerreißt mein Herz ! Laß ab von dem Manne , der Dich schon so unglücklich gemacht hat , und nichts weiter kann , als Dich nur noch unglücklicher machen ! Vergiß , daß Du mich je gesehen hast ! Kehre zurück zu Deinem Gatten . Du wirst mit ihm nicht glücklich werden , aber wer ist denn glücklich auf dieser Welt ! Du wirst Dich an ihn gewöhnen , wie sich der Mensch zuletzt an Alles gewöhnt . Und so wird Dir der Strom des Lebens verfließen , im Anfang vielleicht noch unwillige Wellen schlagend , dann allmälig ruhiger und träger , bis er zuletzt in das todte Meer dumpfer Resignation gleichgiltig mündet . O , mein Gott , mein Gott ! - Komm , Emilie ! es hilft uns nichts , daß wir einander unser Leid klagen . Die Nacht ist kalt , Deine Haare , Deine Kleider sind naß von dem Nebelgeriesel , wie Deine Augen von Thränen . Du mußt nach Haus . Er schlang seinen Arm um ihren Leib und führte sie den Weg , den sie gekommen waren , zurück . Emilie ließ es geschehen . Ihr leises Schluchzen hörte allmälig auf ; sie schien die Hilflosigkeit ihrer Lage zu begreifen . Plötzlich aber , als sie auf der Brücke waren , die aus dem Park herausleitet , blieb sie stehen , faßte Oswalds beide Hände und sagte mit leiser , fester Stimme : Ich hab ' es mir überlegt , und anders ist es nicht . Ich will ohne Dich nicht mehr leben , seitdem ich weiß , wie köstlich das Leben mit Dir ist . Wenn Du mich nicht lieben kannst , so beschwöre ich Dich bei Allem , was Dir heilig ist , sage es mir . Ich will kein Wort erwidern , kein Wort . Ich will nicht weinen , nicht klagen . Du sollst von mir nicht belästigt werden . Was ich dann thue , daß weiß ich . Emilie - Nein , laß mich ausreden . Ich sage Dir , ich will nicht ohne Dich leben . Wenn Du mich nicht liebst , kann es Dir ja gleichgiltig sein , was aus mir wird . Wenn Du mich aber liebst , so wirst , so mußt Du fühlen , daß wir uns auch , so oder so angehören müssen . Wie das geschehen kann , - ich weiß es jetzt noch nicht ; aber ich werde darüber nachdenken , und Du wirst darüber nachdenken , und wir werden einen Ausweg finden . Jetzt , sage mir : liebst Du mich , oder nicht ? Ich liebe Dich ! sagte Oswald , und er glaubte in diesem Augenblick , was er sagte . Emilie warf sich in seine Arme : Und ich liebe Dich , Oswald , wie Dich nie ein Weib geliebt hat , wie Dich nie ein Weib auf Erden lieben wird . Und nun , fuhr sie in ruhigem Tone fort , während sie langsam weiter schritten , laß uns unsre Lage überdenken . Vorläufig , das sehe ich wohl , muß es so bleiben , wie es ist ; aber auch so muß ich Dich von Zeit zu Zeit sehen , wenn ich nicht wahnsinnig werden soll . Hier in der Stadt , wo tausend Augen uns bewachen , ist es schwer ; aber ich habe einen andern Plan . Drüben in Fährdorf wohnt meine alte Amme , die mir unbedingt ergeben ist . Sie ist Wittwe und hat einen einzigen Sohn in meinem Alter , der für mich durch Wasser und Feuer geht . Sie ist kränklich ; ich schicke ihr alle Tage etwas , habe sie auch schon besucht , und es wird nicht auffallen , wenn ich sie wieder besuche . Ihr Sohn ist Steuermann auf einem Fährboote , das ihr gehört , und er wird uns sicher und verstohlen hinüber und herüber bringen . Wenn in einigen Wochen , vielleicht schon Tagen , das Eis hält , ist die Sache noch viel einfacher , - - willst Du Oswald ? Der Plan ist gut , sagte Oswald , besonders deshalb , weil ich keinen besseren wüßte . Wann wollen wir ihn in Ausführung bringen ? Morgen , wenn Du willst . Wann ? Um fünf Uhr Nachmittags . Das heißt , wir dürfen nicht zusammen hingehen . Ich will schon früher fahren . Du kommst nach , wenn es dunkel ist . Die Rückfahrt findet sich . Die Wohnung der Wittwe Lemberg - vergiß den Namen nicht - ist das letzte Haus links am Strand . O , Oswald , Oswald , denke die Seligkeit mit Dir stundenlang ungestört beisammen zu sein ! Doch jetzt , mein Oswald , geh ! man darf Dich nicht sehen ; ich muß allein nach Hause gekommen sein . Leb ' wohl , - leb ' wohl - auf Wiedersehen . Die schlanke Gestalt Emiliens war heimlich durch das Dunkel bis an die Thür der Villa geschlüpft . Oswald hörte die Glocke ziehen . Die Thür wurde geöffnet und schloß sich wieder . Oswald war allein . Er war allein ; allein mit einem Herzen , in dem es finster war , wie die finstre Nacht , die wie ein schwarzes Leichentuch über der kalten , starren Erde lag . Kein Hoffnungsschimmer am Himmel und in seiner Seele ; dunkel , Alles dunkel vom Aufgang bis zum Niedergang . Er konnte es zu keinem bestimmten Gedanken bringen , nur zu dem einen , daß er sterben möchte , daß es ein Glück für ihn sein würde , wenn er seinem Leben ein Ende machte . Für ihn und für Andere ! Heftet sich nicht das Unglück an seine Fersen ? war es nicht sein Schicksal , Verwirrung und Leid zu bringen , wohin er kam ? Und dieser neueste Bund , den er geschlossen , unwiderruflich , wenn er nicht treulos sein wollte , wie - wie er es noch stets gewesen ! Melitta - Helene - Emilie ! Was hatte Emilie vor den Andern voraus , als daß sie zufällig die letzte war ? So irrte er , von den Furien des eigenen Gewissens gejagt , in dem Park umher bis an den Strand und wieder zurück und wieder an den Strand und wieder zurück . Die feuchtkalte Luft durchnäßte seine Kleider , er achtete es nicht ; er stieß sich an den triefenden Stämmen , er ritzte seine Hände an dem Hagedorn - er fühlte es nicht . Verwünschungen gegen die Vorsehung , gegen die Menschen , gegen sich selbst murmelnd , trank er in vollen Zügen aus dem Kelch der Leiden , die sich der Mensch in seines Sinnes Thorheit gegen der Götter Willen und des Schicksals Schluß bereitet . Zuletzt fand er sich , - er wußte nicht , wie er dahin gekommen war - vor der Pforte des Gartens von Fräulein Bärs Pensionsanstalt . Aus einem der Fenster - Helenens Zimmer - schimmerte Licht . Es war das erste Licht , das er jetzt seit Stunden gesehen , und es war ihm , als ob in die Nacht seiner Seele ein Stern hernieder leuchte . Zwar Trost und Hoffnung konnte ihm der Stern nicht bringen , aber er löste seine Verzweiflung in Wehmuth auf , als er jetzt , sich aufraffend und den Weg nach der Stadt einschlagend , die Stimme erhob und sang : Und muß ich sterben so frisch und jung , Ade dann , du goldener Sonnenschein , Und Mondenschimmer und Sternenlicht , Und ade , schwarzäugiges Mägdelein , Ich hab ' euch alle ja so geliebt , Und muß nun sterben so jung ! Siebenundzwanzigstes Capitel Einige Tage später war beim Geheimrath Robran in dem Wohnzimmer eine kleine Gesellschaft versammelt , bestehend aus dem Geheimrath selbst , seiner Tochter , Franz und einer jungen Dame , die von Bemperlein bei Robrans eingeführt war : Mademoiselle Marguerite Martin . Man hatte zu Abend gegessen , nachdem man vergeblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet . Jetzt saß man um den Kamin ; auf einem Tische in der Nähe Sophiens stand statt der Theesachen heute eine kleine Bowle , aus der die junge Dame aber nur selten ein oder das andere Glas füllte . Die Conversation war nicht eben belebt ; es schien ein Schleier von Wehmuth über den Gesichtern Aller zu hangen . Kein Fremder hätte glauben sollen , daß diese stille melancholische Gesellschaft nichts mehr oder nichts weniger feierte , als was man im gewöhnlichen Leben einen » Polterabend « zu nennen pflegt . Und doch war dies der Fall . Morgen in den ersten Vormittagsstunden sollte in der Universitätskirche das junge Paar von Professor Doctor Schwarz eingesegnet werden , um dann eine Stunde später nach der Residenz abzureisen , wohin Franz dringende Geschäfte riefen . In den Plänen , die Franz für die Zukunft entworfen hatte , war nämlich noch in der elften Stunde vor seiner Verheirathung eine große Veränderung eingetreten . Das Opfer , welches er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und dem Glück der Seinigen bringen wollte , war nicht angenommen worden . Als er an Professor Kurzenbach schrieb , daß er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines ersten Assistenzarztes an dem Universitäts-Krankenhause ablehnen müsse , glaubte er die Sache ein für allemal abgethan . Aber Kurzenbach war nicht der Mann , einen ihm lieb gewordenen Gedanken so leicht aufzugeben . Er schrieb abermals an Franz , und - das hatte Franz nicht erwartet - zugleich an dessen Schwiegervater . So erfuhr der Geheimrath , was ihm , nach Franz ' Absicht , wenigstens bis Alles entschieden war , unbekannt bleiben sollte . Als Franz eine halbe Stunde später ihn zu besuchen kam , empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand . In dieser Stunde der Entscheidung fand Robran seine ganze alte Geisteskraft und Beredsamkeit wieder . Sehen Sie denn nicht , theuerster Franz , sagte er , daß dies ungeheure Opfer , welches Sie mir so leichten Muthes und - Sie müßten sonst kein vom Weibe Geborener sein , - schweren Herzens bringen , mich durch seine Größe niederdrückt und so zu sagen moralisch vernichtet ? Sie haben Ihr Vermögen für mich dahingegeben . Ich unterschätze das wahrhaftig nicht ; indessen das hat schon mancher Vater freudig für seinen Sohn gethan , weshalb sollte es nicht auch umgekehrt einmal ein Sohn für einen Vater thun ? Aber , indem Sie diese Stelle ausschlagen , opfern Sie mir etwas , das sich nicht mehr zählen und berechnen läßt . - Sie opfern mir Ihre Zukunft . Sie opfern mir den Ehrgeiz , der jedes edle , männliche Herz erfüllt , es in dem Berufe , dem man angehört , zur höchstmöglichen Vollkommenheit zu bringen ; ja , was am schwersten in die Wagschale fällt : Sie opfern mir auch , worüber Sie gar nicht frei verfügen können : die Pflicht , die Sie gegen Ihre Mitmenschen haben . Wem , wie Ihnen , viel gegeben ist , von dem kann und muß auch viel gefordert werden . Sie finden in der Residenz einen Wirkungskreis , um den Sie selbst ein Cäsar beneiden würde , wenn ein Cäsar überhaupt jemals begreifen könnte , worin das wahre Herrscherthum des Menschen besteht . Sie werden in Wirklichkeit sein , wie die römischen Schmeichler ihre Neronen und Heliogabale nannten : decus und deliciolae generis humani : eine Zierde und Wonne des Menschengeschlechts , denn Sie werden , wie einst der göttliche Nazarener , Blinde sehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferstehen machen . Und von Ihren Worten und Werken begeisterte Schüler werden ausziehen in alle Lande , und so wird der Kreis Ihrer Wirksamkeit , wie der jedes wahrhaft großen und guten Menschen , eine unendliche Peripherie gewinnen . Was Sie in Grünwald leisten können , das können Andere auch . Was Sie dort leisten können , das können Wenige , und es ist recht und billig , daß jeder Soldat in der großen Fortschrittsarmee da marschirt , wo seine Stelle ist in Reih ' und Glied . Und nun abgesehen von diesen innern und moralischen Gründen , die Sie gebieterisch zwingen , auf den Ruf des großen Geistes , der durch Kurzenbachs Mund Ihnen geworden ist , mit Hier ! zu antworten , so sprechen auch selbst die äußeren Verhältnisse mehr für als gegen die Sache . Ich weiß sehr wohl , welche Motive Sie zu Ihrer Weigerung bestimmten ; aber - verzeihen Sie , Franz , wenn ich ganz aufrichtig spreche - sollten Sie dabei , wenn auch nicht Ihre Kraft überschätzt , so doch die meinige zu gering angeschlagen haben ? Ich weiß es : der Tod hat mich nur vorläufig gezeichnet , um mich bei nächster Gelegenheit desto sicherer zu treffen ; indessen sobald tritt diese Gelegenheit denn doch vielleicht nicht ein ; ich schätze , wenn Sie nicht etwas Besonderes dagegen haben , mein Leben immer noch auf zwei , drei Jahre , vielleicht noch länger . So lange werde ich meine Collegien lesen und meine Kranken besuchen , nach wie vor , und wenn ich nicht allein fertig werden sollte , so werde ich mir Jemand wählen , der mir nicht eine so gefährliche Concurrenz machen kann , wie mein vortrefflicher Schwiegersohn , den man mir jetzt schon hier und da vorzuziehen anfängt . Im Ernst , Franz , wir stehen uns vorläufig hier nur im Wege . Und wenn ' s doch einmal darauf ankommt , Geld zu machen , so ist es besser : Sie gehen nach Osten , und scheren Ihre Schafe , und ich schere hier im Westen die meinen . Franz war durch diese Argumente nicht ganz überzeugt ; aber er fühlte , daß der Geheimrath als Mann von Ehre nicht anders handeln könne . So ging er denn zu seiner Braut und sagte ihr : daß er einen Ruf nach der Residenz erhalten habe . Was sie dazu sage ? Ob Du dem Ruf folgen mußt , erwiderte Sophie nach kurzer Ueberlegung , das zu unterscheiden , muß ich natürlich Dir und dem Vater überlassen , denn ich verstehe nichts davon . Wenn ' s aber sein muß , werde ich gewiß nicht Nein sagen . Wann sollen wir fort ? Ich muß gegen Weihnachten spätestens da sein ; aber auch jetzt schon muß ich gleich nach unserer Hochzeit auf ein paar Tage hinüber , um das Terrain zu recognosciren . So reise ich mit Dir . Du sollst sehen , daß ich gar nicht so unpraktisch bin , wie Du glaubst . Wenn Sophie so ruhig , beinahe kühl über einen Plan sprach , der für ihre und Franzens Zukunft entscheidend war , dessen Ausführung sie von Vaterstadt und von Vaterhaus , von ihren Freundinnen und Bekanntinnen , von tausend und aber tausend Gewohnheiten vielleicht für immer trennte , so war ihr doch der Gedanke , von dem Vater , den sie so liebte , von dem sie so sehr geliebt wurde , scheiden zu sollen , unsäglich schmerzlich ; aber sie wußte , daß er in der Stunde der Entscheidung an den Grundsätzen , die er der Tochter eingeprägt , festhalten und von ihr dieselbe Festigkeit erwarten würde . Von diesem Momente an war Sophiens ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet , Alles im Hause zu ordnen , daß der Vater nach ihrer Entfernung wenigstens den Comfort des Lebens , an den er sich nun einmal gewöhnt hatte , nicht vermißte . Vor Allem handelte es sich darum , ein weibliches Wesen zu finden , das ihre Stelle an der Tafel und beim Theetisch ausfüllen und überhaupt die Leitung der häuslichen Angelegenheiten übernehmen könnte . Ihre Wahl war bald getroffen . Bemperlein hatte , auf Sophiens ausdrücklichen Wunsch , ihr Mademoiselle Marguerite schon am nächsten Tage nach der denkwürdigen Unterredung vor dem Kaminfeuer zugeführt . Sophie hatte an der hübschen schwarzäugigen Französin großes Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu seiner Wahl gratulirt . Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen , ob Marguerite nicht später , wenn sie selbst verheirathet war , dem Vater die Wirthschaft führen könnte . Jetzt beeilte sie sich , diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen . Der Vater , auf den » die kleine Lacerte , « wie er das zierliche Figürchen nannte , einen sehr günstigen Eindruck gemacht hatte , fand den Plan seiner Sophie » so übel nicht ; « Franz » billigte « ihn , und was Bemperchen anbetrifft , so verstand es sich von selbst , daß er mit Enthusiasmus darauf einging . Er , als die geeignetste Person , erhielt demzufolge den Auftrag , Marguerite ' s Sinn in dieser Hinsicht zu erforschen und bei einem so feinen Diplomaten wie Anastasius Bemperlein , meinte Sophie , sei es selbstverständlich , daß der entschiedenste Erfolg seine delicate Mission kröne . Marguerite erklärte , daß sie die ihr zugedachte Ehre annehmen werde , sobald sie sich von ihren jetzigen Verhältnissen losgemacht habe . Jetzt fehlte also weiter nichts , als die Entlassung der Demoiselle Marguerite Martin aus ihrem bisherigen Verhältnisse zu bewirken . Dies ging zu Aller Erstaunen leichter , als man erwartet hatte . Der Baronin waren die klugen Augen ihrer Gouvernante schon lange unbequem gewesen , besonders , seitdem in ihrem Hause so Mancherlei vor sich ging , was eine scharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte . Ueberdies hatte sie stets den Grundsatz gehabt , mit ihrem Dienstpersonal in bestimmten Intervallen zu wechseln , da sie die Erfahrung gemacht haben wollte , daß » nur neue Besen gut fegten ; « und Marguerite war schon weit über die gewöhnliche Zeit in ihrem Hause gewesen . So gab sie derselben denn ohne weiteres den geforderten Abschied und erlaubte sogar , daß sie schon an einem der nächsten Tage in das Haus des Geheimraths übersiedelte . Daß Marguerite dabei , in Anbetracht der bedeutenden Unbequemlichkeiten , ja offenbaren pecuniären Einbußen , welche der Baronin aus ihrem plötzlichen Fortgehen erwüchsen , auf das Gehalt des laufenden Quartals verzichten mußte , verstand sich um so mehr von selbst , als » die junge Person , « wenn sie der Baronin fünf Jahre lang mit unermüdlichem Eifer gedient , doch am Ende nichts weiter gethan hatte , als » ihre Pflicht und Schuldigkeit . « So war Marguerite ein Mitglied der Familie des Geheimraths geworden , und es war daher natürlich , daß sie heute Abend bei diesem , im engsten Kreise der Familie gefeierten Feste nicht fehlen durfte . Auch war sie die Einzige , welche die Kosten der Unterhaltung ohne Mühe bestreiten konnte . Zwar gab sie sich ersichtlich Mühe , dem Ernst des Augenblicks gerecht zu werden und die Gefühle der Andern nicht durch unzeitige Lustigkeit zu beleidigen , aber bei ihrer angeborenen Lebhaftigkeit wurde es ihr nicht leicht , lange schweigsam zu sein , wie ein vergnügter Kanarienvogel , dem man das Bauer zugedeckt hat , sobald der erste Schreck vorüber ist , wieder lustig anfängt zu schmettern . Aber ich möchte doch um Alles in der Welt wissen , wo Bemperlein bleibt , sagte Sophie , nach der Uhr sehend ; er hatte versprochen , um acht Uhr hier zu sein ; jetzt ist es bereits halb zehn . Vielleicht kann uns Fräulein Marguerite Auskunft geben , sagte der Geheimrath . Moi ? pas du tout ! erwiderte Marguerite , froh eine Gelegenheit zum Sprechen zu finden . Ich nicht habe ihn gesehen seit gestern Abend . Ich glaube beinahe , daß er ist krank , denn er sah diese Tage aus sehr aufgeregt . Ich war heute bei ihm , sagte Franz . Nun ! sagte Sophie . Ja , denkt Euch : ich habe den seltsamen Menschen gar nicht zu Gesicht bekommen . Er rief durch die verschlossene Thür : er könne mich nicht sehen ; er habe eine wichtige chemische Untersuchung , von der er keinen Augenblick fort dürfe . Es wird doch nichts passirt sein ? fragte Sophie , willst Du nicht lieber noch einmal zu ihm gehen , Franz ? Recht gern , sagte Franz , sein Glas leerend und aufstehend . In demselben Augenblick erschallte aber vom Hausflur her das unterdrückte Gelächter der Mädchen und des Bedienten . Alsbald ging auch die Thür auf , und herein trat eine wunderlich herausgeputzte Gestalt , die sich durch zwei mächtige , an den Schultern angeheftete Gänseflügel , durch einen Bogen in der Hand , nebst obligatem Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken , durch einen Kranz auf dem Kopf unzweifelhaft als Amor präsentirte , wenn auch die Brille nicht ganz zu der diesem Gott charakteristischen Blindheit und der schwarze Anzug zu der classischen Nacktheit , in welcher sich der Sohn der Liebesgöttin fast ausschließlich gefällt , stimmen mochten . Diese seltsame Gestalt näherte sich zierlichen Schrittes der Gesellschaft am Kamin , blieb in angemessener Entfernung stehen , verbeugte sich und sprach : Hochverehrliches christliches Brautpaar , sehr würdiger christlicher Brautvater und liebwerthe Demoiselle ! Ich bin , wie Jeder leicht erkennt , Der große Gott Amour . Wenn ' s irgendwo im Herzen brennt , Dann brennt durch mich es nur . Wer meinen Köcher rasseln hört , Der schlägt die Augen nieder ; Der Pfeil , der von dem Bogen fährt , Durchbohret West ' und Mieder . Und wen so traf in ' s Herz der Schuß , Um den ist es gescheh ' n ; Von meiner Kunst , o Publicus , Sollst Du ein Pröbchen seh ' n. Hier nahm Amor mit großer Ostentation einen Pfeil aus dem Köcher und sagte : Haben Sie keine Angst , meine Herrschaften , die Sehne ist sehr schlaff und die Pfeile haben , wie Sie gefälligst bemerken werden , faustgroße Gummibälle statt der Spitzen . Darauf legte er den harmlosen Pfeil auf den harmlosen Bogen und schnellte ihn auf Sophie ab , die ihn geschickt mit der Hand auffing und mit komischem Pathos an ' s Herz drückte . Diese Procedur wiederholte sich bei Franz mit der Ausnahme , daß dieser den Gummiball an den Kopf bekam . Nachdem Amor also bewiesen , daß er nicht vergeblich drohe , fuhr er fort : Nun ist ' s den Beiden angethan , Und hin ist ihre Ruh ' ; Man sieht es ihnen deutlich an : Es drückt sie wo der Schuh . Sie ruhen und sie rasten nicht , Mag ' s brechen oder biegen , Bis daß der Pfaffe Amen spricht , Und sie sich endlich kriegen . Dann heißt ' s : Ade , du Elternhaus , Ich muß nun in die Welt hinaus ! Ade , ade , lieb ' Väterlein , Ade , es muß geschieden sein ! Ade , du traute Freundesschaar , Für die ich Licht und Leben war ! Ade , ihr lieben Leute ! Ihr habt mich nur noch heute ; Wann morgen blinkt der Abendstern , Dann bin ich viele Meilen fern . Diese letzten Verse sprach Amor mit sehr bewegter Stimme . Die Gesichter der Gesellschaft um den Kamin , die im Anfang von Heiterkeit geglänzt hatten , waren nach und nach ernster geworden ; von der halboffenen Thür , in welcher sich die Dienstleute drängten , vernahm man unterdrücktes Schluchzen . Trinken Sie ein Glas Bowle , Bemperchen , sagte Sophie , Amor ein Glas präsentirend . Auf Ihr Wohl , Fräulein Sophiechen , erwiderte Amor , das Glas auf einen Zug leerend . Nun setzen Sie sich aber wieder , ich bin noch nicht fertig . Amor trat jetzt einen Schritt zurück , klapperte mit seinem Köcher , wie , um sich zu überzeugen , daß er sich noch nicht verschossen habe , und sprach darauf also : So schrecklich , wie dies Beispiel zeigt , Ist Amor ' s grause Macht ; Doch wird ' s nicht immer ihm so leicht , Manch ' Herz ist streng bewacht ; Es schwärmt der gute Jüngeling , - Bei diesen Worten blickte Amor anbetungsvoll auf Mademoiselle Marguerite - Sie aber ist ein schnippisch Ding . Wenn er von seiner Liebe spricht , So sagt sie : ick versteh ' Sie nicht . Bei dieser für die Eingeweihten sehr verständlichen Anspielung konnte sich Niemand eines Lächelns erwehren , aus dem aber ein lautes Gelächter wurde , als Mademoiselle Marguerite , die von Allem , was Amor sagte , kaum ein Wort verstand , aus dem Lachen der Anderen aber merkte , daß irgend etwas ganz besonders Witziges gesagt sein müsse , sich zu Sophie wandte und ganz laut fragte : Qu ' est-ce qu ' il dit ? Amor hatte Humor genug , in das Gelächter der Anderen mit einzustimmen ; aber alsobald fuhr er mit noch größerem Ernst als vorhin fort : Da kommt in allergrößter Eil ' Der Jüngling denn zu mir , Und fleht : Mit deinem schärfsten Pfeil Triff ' s böse Mädchen hier - Bei diesen Worten legte Amor die Hand auf ' s Herz . Damit sie wisse , wie es thut , Wenn Einer liebet treu und gut . Und ich sodann : Mein feiner Knab ' , Dein Flehen rühret mich , Den schärfsten Pfeil , den ich nur hab ' , Ich schieß ' ihn ab für dich . Wen dieser traf in ' s junge Herz , Der fühlt gar bald den Liebesschmerz . Amor präsentirte einen Pfeil , den er bei den letzten Worten aus dem Köcher genommen hatte . An der Gummikugel war ein Zettel befestigt , auf dem etwas geschrieben stand , was man aus der Entfernung nicht lesen konnte . Er zielte auf Mademoiselle Marguerite und rief mit erhobener Stimme : Wenn das nicht gut für Liebe ist , Sagt ' s mir , wenn Ihr was Bess ' res wißt . Der Pfeil flog vom Bogen , Mademoiselle Marguerite in den Schooß . Amor aber wartete den Erfolg seiner Heldenthat nicht ab , sondern wandte den mit Gänseflügeln geschmückten Rücken und eilte , von dem Gelächter der Gesellschaft gefolgt , zur Thür hinaus . Was steht auf dem Zettel , Marguerite ? Den Zettel müssen Sie zeigen , Mademoiselle ! Das versteht sich ! So riefen Sophie , Franz und der Geheimrath durcheinander . Aber Marguerite hatte kaum einen Blick auf den Zettel geworfen , als ihr ausdrucksvolles Gesicht von dunkler Röthe übergossen wurde . Sie riß in aller Eile das Papier ab und warf es in den Kamin ; Sophie aber , die dies erwartet hatte , war sofort mit dem Schüreisen bei der Hand und schnellte den Zettel , ehe ihn die Flamme ergreifen konnte , geschickt heraus . Marguerite wollte ihr das Document entreißen , Sophie lief damit fort , Marguerite hinterher , während Franz und der Geheimrath sich über die Anstrengungen der kleinen Lacerte , an der schlanken Sophie , der sie kaum bis an die Schultern reichte , hinaufzuspringen , höchlichst ergötzten . Bei ihrer Jagd kamen die jungen Damen in die Nähe der Thür , und da Bemperlein , der sich unterdessen seiner himmlischen Attribute erledigt hatte , gerade hereintrat , so stürzte ihm Marguerite , die ihren Lauf nicht so schnell hemmen konnte , direct in die Arme . Seht Amor ' s heilige Macht ! rief Sophie bei diesem Anblick jubelnd . Hier Marguerite , haben Sie Ihren Zettel wieder . Nachdem ich diesen Erfolg gesehen , will ich gar nicht mehr wissen , was auf dem Recept gestanden hat . Bei diesen Worten überreichte sie mit einem tiefen Knix Marguerite den Zettel , die ihn eiligst im Busen verbarg . Sie haben Ihre Sache brav gemacht , Bemperchen , sagte die übermüthige junge Dame sodann ; ich muß Sie nothwendig auch umarmen . Damit nahm sie den hocherröthenden Bemperlein ohne weiteres bei den Schultern und gab ihm einen herzlichen Kuß . Ich rufe Sie zum Zeugen , Herr Geheimrath , rief Bemperlein , daß die Damen sich um mich reißen , ohne daß ich ihnen die geringsten Avancen mache , und daß , wenn Franz mich fordert , ich ihm keine Satisfaction zu geben brauche . Durch Bemperlein war ein anderer Geist in die Gesellschaft gekommen und Scherz und Lachen die Ordnung des Abends geworden . Die gute Laune des kleinen Kreises stieg in demselben Maße , als das Niveau in der Bowle sank . Nur Marguerite war stiller als vorher , indessen man hatte den Scherz weit genug getrieben und ließ die kleine Lacerte in Ruh ; achtete auch nicht weiter darauf , wenn sie den Platz am Kamin verließ und in dem großen Zimmer auf und ab gehend , ihren Gedanken nachhing ; ja Franz , Sophie und der Geheimrath , die in ein wichtiges Familiengespräch gerathen waren , bemerkten nicht , daß Bemperlein geräuschlos aufgestanden war , sich Marguerite zugesellt und mit ihr ein leises Gespräch angeknüpft hatte , welches bald so interessant wurde , daß sie nothwendig das tiefe Erkerfenster aufsuchen mußten , wo sie vor den Blicken der Gesellschaft am Kamin durch die breiten Falten des schweren Vorhangs gänzlich verborgen waren . Indessen war das Gewebe dieses Vorhangs nicht dicht genug , auch die Schallwellen vollständig zu brechen , und so geschah es denn , daß nach Ablauf von ungefähr fünf Minuten die am Kamine durch ein Geräusch erschreckt wurden , das aus dem Erker kam und unmöglich durch etwas Anderes hervorgebracht sein konnte , als dadurch , daß die