Spekulation gemacht und das Haus Wienand keine schlechte . O arme Helene , verkaufen möchten sie dich , wie sie die eigenen Seelen verkaufen würden ; aber sie sollen ihren Willen nicht haben ; ich leide es nicht , ich dulde es nicht . Habe ich dich damals als winziges , erbärmliches , schreiendes Ding in meine Arme genommen und dich zu einem so hübschen , verständigen Mädchen aufgezogen , um dich armes Lamm jetzt diesem abscheulichen höhnischen Jesuiten , der leider Gottes meinen Namen trägt , geduldig zu überliefern ? O sie sollen das Freifräulein von Poppen kennenlernen , diese - diese - Je - su - iten ! « Unnachahmlich war die Art , in welcher Juliane das Wort Jesuiten hervorstieß . Es war eins ihrer höchsten Worte , und sie wandte es nur in Augenblicken der zornigsten Aufregung an . Ihr Pflegekind dicht zu sich heranziehend , fuhr die alte Dame fort : » Weine nicht , mein Herzchen , es liegt immer noch ein weiter Raum zwischen ihrem Willen und der Vollendung ihrer liebenswürdigen Pläne . Noch bist du nicht Baronin von Poppen und sollst es mit Gottes Hülfe fürs erste nicht werden . Dein Vater hat nicht das Recht , dich ins äußerste Verderben zu stürzen . « » Ach , wie kann ich mich wehren gegen das , was mein Vater will ? « rief Helene , die Hände ringend . » Er ist mein Vater , und ich habe ihn so lieb , so lieb ! Wie kann ich jemals vergessen , daß er sonst so gut gegen mich war ? Wenn ich abends zu Bett gegangen bin , um mich in den Schlaf zu weinen , wie muß ich dann lauschen , ob er nicht wie früher wiederkommen will , um sich , wie früher - als er noch nicht krank war - , über meine Kissen zu beugen und mir die Stirn zu streicheln zu guter Nacht . Ich denke , es kann nicht anders sein , er muß wiederkommen , es kann nicht alles , alles so anders geworden sein ; er muß mich wieder an sein Herz nehmen , wie früher , er kann mich nicht so grenzenlos unglücklich machen wollen . « » Zur Baronin Poppen will er dich machen « , rief das Fräulein . » Er hält das gar nicht für etwas Schlimmes ; er verlangt ja deine ganze kindliche Dankbarkeit dafür . Ich wollte nur , ich hätte deinen Zukünftigen jeden Tag eine Viertelstunde im Bereich meines Krückstocks ! « » Solche Wünsche wie diesen , Fräulein , muß man im Leben leider nur zu oft unterdrücken « , seufzte Polizeischreiber Fiebiger . » Wir kommen durch alle Wünsche , Klagen , Hoffnungen und Befürchtungen auch nicht den kleinsten Schritt weiter , sondern geraten nur immer tiefer in Mutlosigkeit und Verwirrung . Am besten ist ' s , wir legen uns klar und trocken noch einmal alles auseinander , scheiden das Richtige von dem Unrechten und gehen dann ein jeder mutig , tapfer und ergeben den vorgeschriebenen Weg . Hier sind wir : die Alten , die den Kampf um das Dasein so ziemlich hinter sich haben , und die Jungen , welche soeben in den Kampf eingetreten sind und die von den Grauköpfen wissen wollen , wie sie durch den großen wilden Wald , den gnadenlosen Wald gekommen sind . Die Sache , um welche es sich handelt , ist sehr einfach und durchaus nicht neu , wie das Lied sehr richtig bemerkt . Wie oft aber auch der Knoten gelöst oder durchgehauen wurde , die jedesmal Beteiligten glauben stets , sie seien die einzigen , welche je vor solch ein Hindernis gerieten . Es gibt aber Knoten von mancherlei Art , und jeder findet sie an seinem Lebensstrick . Laßt uns die vorliegende Verwicklung betrachten . Hier ist Robert Wolf aus Poppenhagen , der Arzneikunst Beflissener , ein junger Mensch von gutem Körperbau und mannigfachen Geistesanlagen . Wir , Heinrich Ulex und Fritze Fiebiger , gleichfalls aus Poppenhagen im Winzelwalde , haben in einem gefährlichen Zeitpunkt sozusagen die Rolle der Moira , des Fatums , für besagten jungen Wolf gespielt und haben ihn durch Gut und Böse , nasses und trockenes Wetter bis zum jetzigen Augenblick taliter qualiter durchgebracht . Hier ist auf der andern Seite Fräulein Helene Wienand , die Tochter des Bankier Wienand , ein armes kleines Mädchen , welches in ähnlicher Weise eine Beschützerin gefunden hat in dem Freifräulein Juliane von Poppen , ebenfalls aus Poppenhagen im Winzelwalde ; und unter unsern alten blinden Augen hat sich zwischen den beiden jungen Leuten etwas angesponnen , wovon in unserm Erziehungsplane nicht die Rede war . « Robert und Helene schlugen die Augen nieder , erröteten und zitterten an allen Gliedern ; das Freifräulein nahm Prise auf Prise , rückte immer unruhiger auf ihrem Sitze hin und her und hob jetzt abwinkend die Hand gegen den Schreiber ; dieser aber schüttelte den Kopf und sagte : » Nein , lassen Sie nur das Winken , Fräulein Juliane ; ich glaube , es wird am besten sein , wenn wir so offen und methodisch wie möglich zu Werke gehen ; das Rührende , Gefühl- und Tränenvolle wird schon von selbst sich in die Historie stehlen ; wir haben zur Hervorrufung desselben ja den Herrn Neffen , das staatsmännische Talent , welches zu so großen Dingen im Vaterlande berufen ist . Der Herr Bankier Wienand , der wenig oder gar nichts von unserm Robert weiß , zieht natürlich den hoffnungsvollen jungen Baron als Schwiegersohn bedeutend vor , und nur ein Bruchteil hiesiger Stadtbevölkerung verdenkt es ihm . Es ist nicht zu leugnen , daß der Vater in gewisser Weise das Recht hat , über die Zukunft seines Kindes zu verfügen und sich und es nach bestem Willen und Kräften glücklich zu machen . Die Frage stellt sich meiner Meinung nach jetzt einfach so : Gibt nicht der Vater , welcher den größten Teil der Seele seines Kindes einer andern Person , die treuer darüber waltet , als er selbst es vermöchte , überläßt , einen ebenso großen Teil an der Verfügung über dasselbe auf ? Hat das Freifräulein Juliane von Poppen das Recht , den Teil des Herzens Helene Wienands , der ihr gehört , gegen den Willen des Vaters zu wenden ? Ich kämpfe für die Seele , die ich zu vertreten habe ; ich vertrete das Glück meines Sohnes Robert Wolf und beantworte die Frage mit Ja ! « Robert Wolf stieß einen leisen Schrei hervor und streckte die Hände gegen den Erzieher aus ; Helene Wienand aber wurde fast noch bleicher als gewöhnlich , blickte starr , wie im höchsten Grade erschreckt , auf den Polizeischreiber und dann mit fragend gefalteten Händen auf die alte Freundin . Diese faßte die fieberheiße Hand des Kindes und rief : » Recht , recht , Fritz ; wir haben jeder eine Seele , die wir uns gewonnen haben , zu vertreten . Ja , ich habe mir diese Seele gewonnen , und ich gebe mein Recht daran gegen keinen auf . Nicht wahr , mein Liebchen , ich habe teil an dir , und du verlässest mich nicht ? Habe ich um dich gesorgt und in Krankheitsnächten an deinem Bettchen gewacht wie eine Mutter ? Konnte eine Mutter mehr tun , als ich für dich getan habe ? Welcher Teil deines Wesens gehört dem Bankier Wienand , und welcher gehört dem alten lahmen Fräulein von Poppen ? « » O meine Mutter , meine liebe , liebe Mutter « , rief Helene , das Freifräulein umarmend , » Sie sind meine wahre Mutter . Nimmer kann ich ausdenken , wie gut , wie liebevoll Sie für mich gewesen sind . So weich haben Sie mich durch das Leben getragen . Was wäre aus mir während der letzten Jahre geworden , wenn Gott Sie nicht mir gegeben hätte ? Ich bin lange nicht so gut , als Sie - als alle glauben ; aber was löblich an mir ist , das haben Sie , Mutter , zum größten Teil mir gegeben , und mein Vater - o mein lieber - armer Vater - « Das junge Mädchen vollendete seine Rede nicht ; die Worte gingen ihr im krampfhaften Schluchzen unter , und Robert Wolf stürzte mit tränenvollen Augen vor ihren Knien nieder : » Liebe , Liebe , ach quäle dich nicht so ! Gegen den falschen Leon wird dich das Fräulein Juliane schützen ; wir beiden aber müssen den Sternen trauen . Mein Herz blutet über dein und mein Weh ; aber die Sterne , die rechten , wahren Sterne täuschen nicht . - O weiser Meister , sagt es ihr , daß sie nicht täuschen ; sagt ihr , daß sie allen denen , welche ihnen trauen und treu , treu - bis in den Tod getreu zu ihnen aufblicken , den rechten Weg weisen . Meister , Meister , sprecht zu ihr , sprecht zu uns ; bei Euern Sternen ist Trost ; die Erde ist so wild und hart und grausam ; aber Eure Sterne sind milde und geduldig . Sie gehen nicht mit dem Strauchelnden ins Gericht ; sie bändigen durch Sanftmut die Leidenschaft - ich habe es erfahren ! - , in aller Not ist Heil bei ihnen . Meister , Meister , sprecht zu der armen Helene und zu mir , dessen Herz in so großer Not und Qual zwischen zwei Weltteilen schwebt , sprecht zu uns von Euern Sternen und ihrem Rat ! « Das Freifräulein sah erstaunt auf den erregten jungen Mann , der Polizeischreiber kratzte sich mit vielen Hm ' s und Ha ' s nach seiner Art hinter dem Ohre und brummte : » Da bin ich drin für die Kosten ! Bei Gott , der Alte hat mit seinem Idealismus doch das längste Ende gezogen ! Und ich habe dem Jungen so schöne skeptische Prinzipien vorgeritten . Da liegt der Napf im Feuer , und aus dem realen Punsch werden transzendentalblaue Flammen , die durch den Schornstein zu den - Ster - nen in die Höhe schlagen . « Es hatte sich aber Heinrich Ulex der Sternseher emporgerichtet , und leise sprach er : » Ich wußte es ! Ja , es konnte nicht anders sein . Gesegnet seien deine Worte , Robert ; mit ihnen überwinden wir das Leben , mit ihnen überwinden wir auch den Tod . Wie hinter dem Tode , so ist hinter der Geburt ein großes Geheimnis ; der Sterbende tritt in das eine , das Kind , welches geboren wird , in das andere . Auch das Leben ist eine Kette von Mysterien , die hienieden oft nur zum geringsten Teil gelöst werden . Den Schoß der Mutter verläßt das Kind und weiß nichts von sich . Es hört ein unbestimmtes Geräusch und wird von einem unbekannten Licht geblendet , mit Weinen und Klagen wehrt es sich gegen beides . Mit jeder Geburt hebt der uralte Sang von der Schöpfung wieder an : wüst war es und leer , und es war finster auf der Tiefe ; aber der Geist Gottes schwebte über den Wassern . Im Buche der Genesis freilich wird es mit einem Male Licht ; in der dunkeln Seele des Menschen jedoch kommt das Licht langsam , langsam ; erst ein dämmeriger Schein , dann ein Funke hier , ein Funke da , ein Aufleuchten , welches eine mehr oder weniger fremdartige Gegend zeigt , ein Verschwinden jeglichen Scheins , wieder ein Blitz , ein Zerreißen der Finsternis , neue schwarze Wolken , und so bis zum Tode ein Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman ! Dunkel ist an und für sich das Universum , und das Licht darin geht nur von den glänzenden Kugeln aus , die wir Sterne nennen ; dunkel ist auch von Grund aus die Menschenseele , ein ebenso großes Mysterium wie das Weltall ; auch in ihr kommt das Licht von den Sternen , und deren gibt es viele und sehr schöne . Jeder von ihnen wirft einen andern Schein in das dunkle Sein , und dem echten Menschen verbinden sie sich in jeder guten , aber viel mehr noch in jeder bösen Stunde zu heilbringenden Konstellationen . Der Mensch der Materie , der Mensch des Paradieses , der weder Gut noch Böse kennt , gibt den Steinen , Pflanzen und Tieren Namen ; aber der sittliche Mensch , welchem Gott befahl - erectos ad sidera tollere vultus - , das erhobene Gesicht zu den Sternen zu richten , dieser Mensch gab den Gefühlen Namen und nannte sie : Liebe , Freundschaft , Glaube , Geduld , Barmherzigkeit , Mut , Demut , Ehre - und Jahrtausende vergingen , ehe diese Namen und so viele gleiche gefunden waren . Seht nach dem Stern der Liebe , meine Kinder ; aber du , schöne Jungfrau , vergiß auch nicht den Stern des kindlichen Gehorsams ; es ist ein edles Gestirn , folge ihm bis zur Entsagung , in das Verderben jedoch darfst du ihm nicht folgen . Mein Sohn , du hast eine köstliche Tramontana gefunden ; aber erinnere dich , daß du schon einmal glaubtest , sie gefunden zu haben . Gedenke immer der Verzweiflung , aus welcher wir dich emporzogen ; denke daran , wie du damals das Leben wegwerfen wolltest gleich einem vollgeschriebenen Blatt Papier . Es hat sich nachher auf dem Blatt immer noch Platz für mancherlei gefunden . Du glaubtest das Dasein verloren zu haben , ehe du es angefangen hattest . Damals warst du ein verblendetes Kind , heute bist du ein Mann ; damals glaubtest du zu lieben , heute liebst du - ernst , schweigend , geduldig , in alle Ewigkeit . Was geschehen mag , du hast viel gewonnen ; habe nur weiter acht auf die Sterne der Ehre und des Mutes . Gebet mir eure Hände , ihr beiden armen lieben Kinder ; jedes von euch weiß Bescheid von dem andern - mehr Bescheid , als wir Alten wissen können . So soll nun jedes dem andern sagen , was es zu tun hat . Sprich zuerst , Robert Wolf , was verlangst du von Helene Wienand ? « Die beiden jungen Leute sahen sich in die Augen ; jahrelang hatten sie nachher zu sinnen , um sich über diese flüchtige Minute Rechenschaft zu geben ; in einem fliegenden Augenblick zog ihnen ihr ganzes vergangenes Sein durch die Seele ; und Robert sagte mit kaum vernehmbarer Stimme : » Habe Mitleid mit mir ; traue auf mich , ich will immer mehr deiner würdig werden . Du hast es gehört , du weißt es , daß ich dir nicht ein unberührtes Herz bringen kann ; ach , ich darf ja eigentlich gar nichts von dir fordern . Was du Reine mir geben willst , ist alles ein unverdientes Geschenk . Und doch verlange ich Liebe , Liebe von dir ; denn trotz allem , was aus der Vergangenheit , was jetzt sich zwischen uns drängt , sind wir mit unlöslichen Ketten aneinandergeschlossen ; du kannst dein Herz nicht losreißen , ohne daß es zu Tode blutet . Liebe , Liebe verlange ich von dir , doch verlange ich nicht , deine Hand zu berühren , wenn der Vater zürnend es verbietet . Geduldig will ich harren , bis du zu mir kommen darfst und ich zu dir . Viel zu sehr liebe ich dich , um je ungeduldig zu werden . So sitze still , beuge dein Haupt , weise das Schlechte und Falsche im heiligen Zorn von dir - du darfst es . Ich liebe dich , ich liebe dich , Helene Wienand ; - ich liebe dich und will warten auf dich bis über den Tod ! « Der Sternseher hielt das junge Mädchen mit dem Arm umschlungen ; jetzt machte es sich los und warf die eigenen Arme dem Schüler des alten Heinrich Ulex um den Nacken . Ins Ohr flüsterte sie ihm kaum vernehmlich : » Geh zu unserer Schwester , geh zu Eva , ich will stark und treu sein wie sie . Gleichwie sie auf unsern Bruder , auf Friedrich , gewartet hat , will ich auf dich warten . Auch sie wollte Leon von Poppen in den Schmutz ziehen ; aber es ist ihm nicht gelungen . Wie Eva Dornbluth wird Helene Wienand ihr Gewand ; ihre Hand rein erhalten vor seiner Berührung . Gehe ruhig , ganz ruhig , du Lieber , ich will stark und treu sein , wie Eva Dornbluth . « Der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen überließ sich wieder einmal Körperverrenkungen , welche kein Komplimentierbuch für gesellschaftlich zulässig erklärt und welche den Polizeirat Tröster mit Entsetzen erfüllt haben würden . Das Freifräulein Juliane von Poppen aus Poppenhagen ließ Tabaksdose und Krückstock achtlos zur Erde fallen , sie riß wild das Pflegekind an die Brust und schluchzte und lachte durcheinander . Der Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen hielt still die Hand seines Schülers mit der Rechten und beschattete mit der Linken die Augen . Da klang auf der Treppe draußen das Gepolter unsicherer Tritte , als ob Leute , die mit dem Wege vollkommen unbekannt wären , emporstiegen . Eine dünne schneidende Stimme rief : » Vorsichtig , excelsior ! Immer mit Vorsicht höher hinauf , Herr von Wienand ! Beim Zeus , das ist ja eine wahre Räuberhöhle - höchst interessant - Hasenpfote als Glockenzuggriff - noch höher ? Leuchten Sie doch , alte Dame , - ah , per aspera ad astra , hier sind wir - stellen Sie die Lampe auf das Geländer , gute Frau ; wir kommen sogleich zurück . Mut , Mut , teurer Herr , Mut und Geduld ! Ich beschwöre Sie , sich zu erinnern , daß Sie mir versprochen haben , unter allen Umständen ruhig zu bleiben ! Durch Geschrei und Trompetenfanfaren mochten wohl die Mauern von Jericho einfallen ; aber gegen ma chère tante richten wir damit nichts aus . Ich kenne die Gnädige . « Achtundzwanzigstes Kapitel Der Baron Leon von Poppen steigt wieder herunter vom Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex Der Bankier Wienand hatte das Haus in der Kronenstraße , in welchem ihm einst seine Freunde eine Wohnung mieteten , angekauft , da das Gebäude , welches er auf der Brandstätte in imposanter Pracht errichtete , immer noch nicht bewohnbar war . Es war ihm widerlich , mit andern , Gleichberechtigten unter einem Dache zu hausen ; überall wollte er den Fuß auf eigenen festen Grund und Boden setzen ; die krankhafte Scheu vor allem , was er » unsolide « nannte , sprach sich auch hierin aus . Ein magisches Glück begünstigte alle seine Unternehmungen ; rastlos arbeitete er Tag und Nacht . Wo eine Eisenbahn gebaut wurde , erschien das Haus Wienand an der Spitze der Aktionäre ; das Feuer auf manchem Fabrikherde wurde durch Mithülfe des Hauses Wienand unterhalten ; auf der Börse gab es keinen geachteteren Namen als den des Bankiers Wienand . Das Fieber des Ehrgeizes , die Gier des Erwerbs trieben den Mann mit rasender Hast vorwärts , und laut klatschte die Stadt Beifall ; - der Bankier Wienand imponierte der Stadt ungemein . Wo aber war die markige Gestalt , die einst so fest auf den Füßen stand ? Wo war der helle joviale und doch so scharfe Glanz der Augen ? Der berühmte Bankier bediente sich eines Krückstocks wie das Freifräulein Juliane von Poppen , und wenn er ohne Stab gehen mußte , so lehnte er sich gern auf einen fremden Arm - am liebsten auf den Leons von Poppen , wie wir leider wissen . Die Augen glänzten zwar noch , aber es war nicht mehr der frühere ruhige , klare Schein in ihnen ; halb scheue , halb gierig suchende Blicke schossen sie . Es war der glasige Schimmer , den ihnen die Krankheit gegeben hatte , nur zum Teil gewichen . Einst - in jener verhängnisvollen Nacht , in welcher im Semmelrothschen Geschäft der Funke in der Asche vergessen worden war , hatte der Bankier Wienand die starke männliche Faust selbstbewußt , triumphierend auf sein Hauptbuch gelegt ; wo war jetzt diese starke sehnige Hand ? Magere zitterige Finger wendeten die Blätter in dem neuen Buche und reihten Zahlen aneinander . Über das große Buch gebeugt , saß der reiche Mann und horchte zwischen seinem Rechnen auf den Schritt Leons , der allabendlich um diese Zeit auf der Treppe erklang . Helene hatte mit dem Freifräulein vor kurzer Zeit das Haus verlassen , dem Bankier war die Stille , die in demselben herrschte , unangenehm ; er wartete mit Verlangen auf den Baron , während dieser auf eigene Hand das Wohl des Hauses Wienand in Obacht nahm . Wenn auch Eifersucht grade nicht im hohen Grade zu den fehlerhaften Seelenneigungen des jungen Diplomaten gehörte , so kannte er doch seinen Vorteil viel zu gut , um nicht einiges Mißbehagen , einige Sorge beim Anblick Robert Wolfs zu empfinden . Er wußte ganz genau , daß jedesmal , wenn der » alberne Bursche aus dem Walde « während seiner Studienzeit in der Stadt anwesend war , eine Zusammenkunft zwischen demselben und Helene stattfand ; er hatte nur darüber gelächelt und sogar den Bankier gehindert , etwas dagegen zu sagen oder zu tun . » Es ist Kinderei « , hatte er gemeint , » regen wir uns und die Damen nicht unnötigerweise auf . Im gegebenen Augenblick können wir alles ganz behutsam und ohne Lärm arrangieren . « Jetzt aber , wo seine Verlobung mit der Tochter des Bankiers , wie er meinte , so nahe bevorstand , glaubte er Grund zu haben , » die Geschichte zum Abschluß zu bringen « , und so eilte er denn , nachdem er vorhin den Nebenbuhler mild , höflich , überlegen und lächelnd begrüßt hatte , so eilig wie möglich der Kronenstraße zu , und wir betreten mit ihm abermals das Haus der Baronin Victorine de Poppen . Noch immer grinste oder glotzte einem beim Eintritt Baptiste , der bunte Lakai , entgegen , noch immer trippelte Elise kokett treppauf und -ab oder durch die Gemächer . Zwei weitere Jahresringe hatte die Baronin angesetzt ; immer weichmütiger , immer schläfriger war sie geworden , und winselnd beklagte sie die vollständige Entfremdung der beiden Freundinnen Artemisia und Lydda von Flöte . Immer rücksichtsloser wurde sie von dem » bösen Kinde « , dem eigenwilligen Leon , behandelt , und den Plänen desselben in Hinsicht auf seine Verbindung mit dem Hause Wienand konnte sie nur den allerpassivsten Widerstand entgegensetzen . Dieser Widerstand beschränkte sich darauf , daß sie von ihrem Diwan aus , mit sehr kläglicher Stimme , Klagelieder sang , die sehr einschläfernd auf den vortrefflichen Ministerialsekretär wirkten . Leon erreichte das Haus seiner Väter ; Baptiste trat ihm mit dem Licht entgegen , leuchtete ihm zu seinen Gemächern voran und wurde sanft gebeten , für einige Augenblicke in dieselben mit einzutreten . » Lege ein Schloß vor deinen Mund , knöpfe Ohren und Augen auf , Mensch « , sagte der Baron . » Ich habe einen Taler und einen Auftrag für dich , im Notfall aber auch eine Tracht Prügel . Zeige dich als ein vernunftbegabtes Wesen , welches verdient , einen so guten Herrn , wie ich bin , zu haben . « Baptiste verbeugte sich bei jedem Redepunkt , und der Baron fuhr fort : » Mache dich so dünn wie möglich , Esel . Hinunter mit dir in die Gasse ; gib acht auf die Tür drüben - du weißt . Ich werde am Fenster warten . Sobald ma tante , das Freifräulein von Poppen , an deinem Horizont aufgeht , das heißt an der nächsten Ecke erscheint , benachrichtigst du mich durch den bekannten Pfiff . Wenn sie drüben eintritt , achtest du darauf , ob sie mit dem gnädigen Fräulein von drüben ausgeht . Geschieht das , so folgst du den Damen so unbemerkt als möglich ; du bringst mir Nachricht , wohin sie gehen - ventre à terre . Allez ! « Baptiste verdiente es , einem so guten Herrn zu dienen ; er pfiff nach einer halben Stunde und kam nach einer andern halben Stunde mit der Botschaft heim : die gnädige Tante habe sich mit dem gnädigen Fräulein im Niklaskloster verloren . Leon von Poppen zog den Überrock und die Handschuh an , setzte den Hut auf und ging zum Bankier Wienand , indem er brummte : » Wirklich , die Geschichte mit diesem jungen Waldteufel tritt aus dem Stadium der Lächerlichkeit in das der Langweiligkeit . Machen wir ein Ende . « Er hatte eine kurze , aber lebendige Unterhaltung mit dem Bankier , und zehn Minuten später fuhren die beiden Herren ebenfalls dem Nikolauskloster zu . Auf dem Hofe des alten Gebäudes griffen sie ein altes Weib mit einer Laterne auf und gelangten unter ihrer Führung zur Tür des Sternsehers . Heinrich Ulex öffnete ihnen , und sie fanden sich inmitten der kleinen Versammlung . Wild suchend blickte der Bankier umher ; doch ungemein verbindlich grüßte Leon und schien sich im geheimen sehr an der peinlichen Erstarrung , die sich auf den Gesichtern der überraschten Freunde malte , zu ergötzen . » Bitte die Herrschaften tausendmal um Entschuldigung , wenn wir stören ! « lächelte er und machte sogar Miene , der Tante die Hand zu küssen ; aber er erhielt für diesen Versuch eine so gut angebrachte Ohrfeige , daß das Lächeln von seinen Lippen ganz verschwand und peinliche Erstarrung auch seinen Zügen sich mitteilte . Auf seine Tochter ging der Bankier zu und faßte heftig ihren Arm : » Was geht hier vor ? Weshalb bist du hier ? Bist du toll geworden , daß du dich in solcher Weise von mir suchen lassest ? Komm fort - auf der Stelle ! « » O mein Vater ! « schluchzte Helene ; aber der Bankier unterbrach sie und sagte mit berechneter Betonung seiner Worte : » Wer es auch sei , der dich gegen meinen Willen , ohne mein Wissen an solche Orte , in solche Gesellschaft lockt , ich habe nicht die Verpflichtung , ihm dafür dankbar zu sein . Leon , geben Sie dem albernen Geschöpf , dem törichten Mädchen Ihren Arm ; ich meine , es ist nichts mehr zu sagen , und wir können gehen . « » Es wäre noch recht viel zu sagen , wenn Sie Vernunft annehmen wollten , Wienand ! « sprach das Freifräulein . » Aber Unglück und Krankheit haben Sie verblendet ; Sie können nicht sehen , nicht hören . Wienand , Sie sind ein beklagenswerter Mann ! « Zornig schrie der Bankier auf : » Wessen Mitleid verlange ich ? Wer wagt es , mich zu bedauern ? Gnädiges Fräulein , was verlangen Sie eigentlich von mir ? Sie haben mir Gutes - Dienste - erwiesen , Sie haben sich meines Kindes angenommen zu einer Zeit , wo ich in einiger Verlegenheit war . Ich habe das immer anerkannt , und ich erkenne es auch jetzt noch an ; aber ich habe auch von Ihnen mehr ertragen , als ich von irgendeinem andern Menschen erduldet haben würde . Sie haben oft , sehr oft in meinem Hause die Tyrannin gespielt , und ich habe mich Ihnen gefügt , ohne ein Wort darüber zu verlieren . In diesem Fall aber leide ich es nicht , daß Sie meinen Wünschen , meinem wohlbedachten Willen so schroff entgegentreten . Sie haben mir einen großen Teil der Neigung meines eigenen Kindes entfremdet - wollen Sie mir alles nehmen ? Ich sage Ihnen , im Notfall überlasse ich Ihnen die Liebe der verzogenen Dirne , den Gehorsam derselben halte ich aber fest . « » Vater , Vater , o höre mich ! « rief Helene jammernd . » Still , Mädchen ! Zu Hause will ich zu dir reden . Fräulein von Poppen , weshalb führen Sie meine Tochter ohne mein Vorwissen zu diesem Orte ? Wer sind diese Herren ? Wer ist dieser junge Mensch ? Ich bitte gehorsamst um Antwort ; die Auskunft wird mir sehr interessant sein . « » Dieser Ort « , sprach Juliane von Poppen ernst , fast feierlich , » dieser Ort ist für Leute Eures Schlages heiliger Boden ; Ihr habt im Grunde doch großen Respekt davor , wie Ihr Euch auch stellen mögt . Und hört , Wienand ; wenn das Schicksal es wollte , daß ein neuer Windstoß abermals Euer armes buntes Kartenhaus umstieße , und der böse Geist - Ihr wißt , was ich meine - abermals die Hand nach Euch ausstreckte : so klopft schnell , schnell an diese Tür und bittet um Einlaß , und wenn der Euch gewährt wird , so ziehet die Schuhe von den Füßen und tretet ein . Erinnert Euch daran , daß damals nichts Euch vor dem schwarzen Dämon schützen konnte : hier an diesem guten Ort findet Ihr vielleicht die Sicherheit , welche Euresgleichen die ganze weite Welt versagt , Sooft der Herr der Wasser und der Erden Die Krämer beugt , daß sie nicht Fürsten werden . Was diese Männer anbetrifft , so sind es meine Freunde , und bessere , treuere sind nimmer zu finden . Gott gebe Ihnen solche Freunde , Wienand , und dazu die Macht , sie zu erkennen und hochzuhalten . Gib mir deine Hand , Robert Wolf ; - sehen Sie hier , Herr Bankier Wienand , diesem jungen Mann habe ich einst verboten , sich Ihrer Tochter , meinem Pflegekind , zu nähern , ich habe ihm meine Gründe dafür gesagt , und er hat gehorcht , obgleich er Helene liebte . Jetzt hab ich selber mein Kind , Ihre Tochter , ihm entgegengeführt , um es zu erretten vor jenem klugalbernen Laffen , Leon von Poppen , meinem Neffen , welchem Sie