mußte er haben , es mochte kosten , was es wollte , und wenn Alles darüber zu Grunde ging . Waren Sie denn während dieser ganzen Zeit noch auf dem Schlosse ? Warum nennst Du mich Sie , Junker ? Du hast es ja sonst nie gethan - ja wohl war ich auf dem Schlosse . Mein Mann war ja gestorben und die Jungen und die Dirnen waren gestorben und ich war ja die einzige , die nach dem Tode der gnädigen Frau Mutter noch ein bischen auf Ordnung sah . Ich war nicht gern da , das weiß der Himmel , denn im Schlosse ging es zu wie zu Sodom und Gomorrha . Alle Tage die saubern Freunde , und oft noch ein halb Dutzend dazu und dann gespielt und gezecht bis an den hellen Morgen . Kamen denn nie Damen auf ' s Schloß ? Nein , selbst die frechsten und übermüthigsten fürchteten sich vor diesen wilden Männern . Und es waren die meisten von ihnen auch noch nicht verheirathet , wie Herr von Berkow ; oder ihre Frauen waren gestorben , wie dem Herrn von Barnewitz seine Frau ; so konnten sie denn ihr böses Leben ganz ungestört führen . Freilich , an Weibern fehlte es nie auf dem Schlosse , aber sie blieben niemals lange und es waren immer nur solche , an denen nichts zu verderben war , bis auf Eine , bis auf Eine - Und wer war diese Eine ? Die Letzte - ein schöner , unschuldiger Engel , der auch die Teufel hätte bekehren können , aber Harald und seine Gesellen waren schlimmer als die Teufel . Wie hieß sie ? woher kam sie ? Wir nannten sie nur Fräulein Marie ; woher sie kam , habe ich nie erfahren , und eben so wenig , wohin sie ging . So hat sie sich das Leben nicht genommen , wie die Leute sagen ? Nein , denn dazu war sie zu fromm und gut ; sie hätte ihr Kreuz bis Golgatha getragen . O , sie war so jung und schön und so sanft und so lieb , wie meine alten Augen nie , weder vorher noch nachher , etwas gesehen haben . Wenn ich gewußt hätte , daß sie gemeint war , als Baron Harald über dem Weine mit Herrn von Barnewitz um , ich weiß nicht , wie viel Tausend Thaler wettete : das Mädchen solle ihm freiwillig nach Grenwitz folgen und freiwillig auf dem Schlosse bleiben - ich hätte sie Alle , wie sie da saßen , mit Gift vergeben , wie schnöde Ratten . Und wie fing es der Baron Harald an , seine Wette zu gewinnen ? Es ist eine lange Geschichte , Junker , und ich will sie Dir erzählen . Ich sage Dir , wenn alle Tropfen , die draußen fallen , Thränen wären , und alle um das arme Kind geweint würden - ich würde sagen : es sind eben nur genug . Als Harald mit Herrn von Barnewitz die schlimme Wette machte , war er vorher zwei oder drei Wochen mit ihm zusammen verreist gewesen ; ich weiß nicht wohin ; ich glaube in eine große Stadt , weit von hier , und da hatten sie , denke ich , das arme Kind gesehen . Bald darauf reiste er wieder fort und diesmal blieb er zwei Monate aus . Endlich schrieb er , er komme zurück , aber nicht allein . Seine Tante Grenwitz komme mit ; ich solle die Zimmer der verstorbenen gnädigen Frau auslüften und die Möbel gut ausklopfen lassen und Alles zu ihrem Empfang herrichten . Nun wußte ich wohl , daß der Baron eine Großtante hatte , die Schwester seines Großvaters ; aber sie mußte nach meiner Rechnung achtzig Jahre und drüber sein ; sie war zu meinen Lebzeiten nie in Grenwitz gewesen , und hatte sich nie um Harald bekümmert , so wenig , wie er sich um sie . Deshalb war ich nicht wenig erstaunt über den sonderbaren Entschluß , noch in so hohen Jahren eine so weite Reise zu unternehmen , denn sie wohnte viele , viele Meilen von hier ; aber ich that , was mich der Baron geheißen hatte . Sie kamen auch an dem von ihm bestimmten Tage ; ich empfing sie und wunderte mich , wie rüstig die alte Dame noch war , trotzdem sie an einem Stock ging und silbergrane Haare und Augenbrauen hatte . Harald war voller Respect gegen sie ; er führte sie an seinem Arm durch alle Zimmer des Schlosses und zeigte ihr Alles ganz genau , besonders die Familienbilder im großen Saale , wo auch ihr eigenes hing , wie sie als achtzehnjähriges Mädchen gewesen war . Davor blieben sie stehen und wollten sich todtlachen , und die Alte kriegte den Husten und Harald klopfte sie derb auf den Rücken . Ich wußte nicht , weshalb sie so lachten - ich glaubte , weil aus dem schönen Mädchen ein so häßliches Weib geworden war , denn damals ahnte ich noch nichts von dem schöndlichen Spiel . Am Morgen de nächsten Tages ließ der Baron wieder anspannen und die Tante setzte sich zu ihm in den Wagen . Wir kommen heute Abend wieder , sagte er , wenn es auch spät werden sollte . Wir bringen noch eine junge Dame mit , die Gesellschafterin bei Tante Grenwitz ist . Sie muß das Zimmer nebenan haben , hörst Du , Alte ? Aber Herr , sagte ich , in der rothen Stube ist die Baronin gestorben und es liegt und steht noch Alles so darin , wie an ihrem Todestage . So laß Alles ausräumen , sagte er , hörst Du , Alles , und schaffe es in ein anderes Zimmer und setze dafür andere Möbel hinein . Die junge Dame muß in Tante Grenwitz ' s Nähe schlafen . Was sagst Du , lieber Harald ? fragte die Tante , die auf dem einen Ohre taub war , und auf dem andern auch nicht besonders hörte , so daß sie mich durchaus nicht verstehen konnte , so laut ich auch schrie . Nichts , nichts , liebe Tante ! sagte der Baron ; fort Jochen ! Es war spät in der Nacht , als sie wieder kamen . Ich hatte alle Leute zu Bett gehen lassen mit Ausnahme des neuen Kammerdieners , den der Herr von seiner Reise mitgebracht hatte . Die junge Dame war mit im Wagen . Als sie auf den Flur traten und der Schein des Lichtes , das der Baptiste , so hieß der Mensch , in der Hand trug , auf das rosige Gesichtchen der jungen Dame fiel , verzog sich sein Gesicht zu einem recht widerlichen Lachen . Aber ich sah , daß Harald die Stirn runzelte , und mit den Augen winkte , da war Baptiste gleich wieder ganz Ernst und Diensteifer . Führe die Damen auf ihre Zimmer , Alte ! sagte Harald zu mir , und dann verbeugte er sich stattlich vor den Frauen und wünschte ihnen wohl zu schlafen . Wollen Sie mir Ihren Arm geben , liebe Marie ? sagte die Tante , als ich mit dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging ; meine alten Glieder sind doch etwas müde von der heutigen Fahrt . Wie soll ich Ihnen Ihre Güte danken , gnädige Frau ! sagte das Mädchen mit einer so weichen , süßen Stimme , daß ich mich unwillkürlich umsehen mußte . Die Alte und das Mädchen standen auf dem Absatz der Treppe . Der Schein von den Kerzen auf dem Armleuchter , den ich trug , fiel hell auf die Beiden und ich werde den Anblick nie vergessen , und sollte ich noch einmal achtzig Jahre verleben . So widerlich häßlich war mir die Tante noch nie erschienen , und so etwas Holdes und Schönes , wie die junge Dame , hatte ich im Leben noch nicht gesehen . Sie wissen es am Besten , liebes Kind , sagte die Alte , und dabei zog sie eine Fratze , die sie wo möglich noch häßlicher machte . Ich habe nur noch einen Wunsch auf Erden ; es steht bei Ihnen , ob mir dieser Wunsch erfüllt werden soll , oder nicht . Das Mädchen antwortete nicht , aber die hellen Thränen traten ihr in die Augen , und dann beugte sie die schlanke hohe Gestalt nieder und küßte der alten Hexe die Hand . Nun , nun , sagte die , Sie sind ein gutes Kind , wir werden uns schon verstehen , und mein Harald , mein Augapfel , wird noch glücklich werden . Lassen Sie sich den Leuchter geben , liebe Marie ; ich kenne das Schloß meiner Ahnen noch recht gut , obgleich ich es nun seit sechzig Jahren nicht gesehen habe . Gehe Sie zu Bett , liebe Clausen ; ich bemühe die Leute nicht gern unnöthiger Weise . Und das mußte man der Tante lassen ; wir bekamen nur sehr selten ihre Klingel hören . Sie zog sich selbst an und aus ; freilich brauchte sie mehrere Stunden dazu , aber Keiner von uns durfte ihr die geringste Hülfe leisten ; ja , seitdem eins der Mädchen einmal , während sie sich anzog , in ihre Stube gekommen war , schloß sie stets hinter sich ab . Sie hatte sonderbare Gewohnheiten , die alte Frau . So konnte sie des Abends nicht müde werden , und ich sah sie manchmal noch bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern , dafür schlief sie aber bis in den Nachmittag hinein . Bei Tische hatte sie nie Appetit , aber auf ihrem Zimmer konnte sie desto mehr essen und trinken , manchmal zwei , drei Flaschen alten Wein an einem Tage . Aber was das Merkwürdigste war , sie schien heute fünfzig und morgen achtzig Jahre alt zu sein ; sie konnte in dieser Minute das leiseste Wort hören und in der nächsten war sie stocktaub ; sie schleppte sich das eine Mal nur so an ihrem Stocke fort und das andere Mal kam sie die Treppen schneller hinab , als ich , obgleich ich damals erst sechzig Jahre und noch vollkommen rüstig war . Mir war es ganz unheimlich bei der alten Frau , und ich war froh , wenn ich ihr möglichst weit aus dem Wege gehen konnte . Und wie lebte Fräulein Marie unterdessen ? Sie war fast immer in Harald ' s Gesellschaft . Ich sah sie des Morgens zusammen zwischen den thaufrischen Beeten des Gartens unherschweifen , Arm in Arm , sie , die Augen verschämt niederschlagend , und Harald , eifrig und leise zu ihr sprechend . Ich sah sie des Nachmittags in den kühlen Zimmern , die nach dem Park hinausliegen , sitzen , sie , mit einer Arbeit beschäftigt , die aber oft müßig in ihrem Schooß lag ; ihn , aus einem Buche vorlesend , noch öfter aber den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt , während sie selig lächelnd zu ihm emporschaute , sie mit glühenden Blicken verschlingend und ihr von Zeit zu Zeit das seidenweiche braune Haar aus der schönen Stirn streichend . Ich sah sie des Abends wieder draußen herumschweifen , oder in den hellerleuchteten Zimmern , Arm in Arm , langsam auf- und abwandeln , während Tante Grenwitz auf dem Sopha saß und las , oder doch that , als ob sie läse . - Ach ! es war eine köstliche Zeit für das arme Kind ; und sie sah stets so glücklich und selig aus , daß es einem angst und bange wurde , wie das enden solle ; und wenn sie mich traf , hatte sie stets ein freundliches Wort für mich : Wie geht ' s , liebe Frau Clausen ? oder : kann ich Ihnen nicht helfen , liebe Frau Clausen ? Sie lassen es sich gar so sauer werden . Ich schäme mich , daß ich hier so müßig gehe . Eines Nachmittags begegnete sie mir im Garten . Es war ein sonniger heißer Tag ; sie hatte ein weißes Kleid an und ein Strohhut mit breitem Rande hing an ihrem schönen runden Arm . Der Baron war ausgeritten , seit langer Zeit zum ersten Male , die Tante war noch nicht aufgestanden . Ich hatte mir schon lange vorgenommen , wenn es die Gelegenheit erlaubte , ein Wort mit dem Mädchen zu sprechen und ihr die Augen zu öffnen . So faßte ich mir denn ein Herz , als sie mit einem : Guten Tag , Mutter Clausen , wie geht ' s ? an mir vorüber wollte , und sagte : Schön Dank , Fräulein Marie ; haben Sie einen Augenblick Zeit ? ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen ! - Recht gern ; sagte sie , und als sie in mein Gesicht sah , das wohl recht ernst und traurig sein mochte , rief sie : Um Gotteswillen , es ist doch kein Unglück passiert ? - Nein , Fräulein Marie , sagte ich , aber es könnte leicht eins passiren , wenn Sie sich nicht besser vorsehen ; und das sollte mir herzlich leid thun , denn Sie sind so jung und sehen so gut und rein und unschuldig aus . - Was meinen Sie ? sagte das arme Kind und wurde dunkelroth . - Kommen Sie hierher , Fräulein Marie , sagte ich und zog sie in einen Buchengang , wo wir vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnten , ich will Ihnen Alles sagen , was ich auf dem Herzen habe . Ich bin eine alte Frau und Sie sind ein junges Ding , das viel weiß , wie ' s in der Welt aussieht , und wie es hier in Grenwitz zugeht . Und nun schilderte ich ihr das Leben auf dem Schlosse , wie es bis zu ihrer Ankunft gewesen war , und welch ' ein wilder , wüster Mensch Harald sei , und daß er falsch und grausam sei , wie ein Tiger . Sie hörte mir mit glühenden Wangen und die langen dunkeln Wimpern nicht von den schönen blauen Augen aufschlagend , ohne mich nur einmal zu unterbrechen , ruhig zu , dann sagte sie leise : ich danke Ihnen , liebe Frau Clausen - aber was Sie mir da sagen , das weiß ich Alles schon . - Ich war wie vom Donner gerührt . Sie wissen das , rief ich , und haben gnädigen Tante hierher folgen können ? Sie wissen das und sind noch hier ? Sie wissen das , und fürchten sich nicht , mit dem Baron stundenland , halbe Tage lang allein zu sein ? O , Kind , Kind , was soll ich von Ihnen denken ! - Denken Sie nichts Schlechtes von mir , gute Frau , sagte sie , mir die Hand auf die Schulter legend . Und denken Sie auch nicht so schlecht vom Baron . Er wird nie wieder so wild und bös sein , wie er vormals gewesen ist . - Woher wissen Sie das , Fräulein ? sagte ich . - Weil er es mir versprochen hat . - Und glauben Sie , daß er dies Versprechen hält ? - O , gewiß . - Warum ? - Weil er mich liebt . - O , Kind , Kind , rief ich , um Gotteswillen , es ist die höchste Zeit : fliehen Sie , oder Sie sind rettungslos verloren . Unglückliche , die Sie seinen Schwüren glauben ! Er schießt das Pferd todt , das ihm nicht länger gefällt und er bricht den Schwur , der ihm lästig wird . Was er Ihnen geschworen hat , ist ein altes Lied ; er pfeift es , wie ein Staar sein Stückchen pfeift , ohne etwas dabei zu denken . Was er Ihnen schwur , hat er schon hundert Andern geschworen , von denen freilich die Meisten nicht viel besser waren , als er selbst , und sich einen Treubruch schon gefallen ließen , wenn er nur gut bezahlt wurde . - Hören Sie auf , rief Fräulein Marie heftig ; ich kann und darf Sie nicht länger anhören . Und dann setzte sie lächelnd hinzu : Sie werden bald einsehen , gute Frau , wie bitter Unrecht Sie meinem Harald - wie sehr Sie dem Baron Unrecht gethan haben . - Ihrem Harald ? sagte ich , armes Kind , er wird nie Ihr Harald . Der nimmt , was ihm der Zufall in den Weg führt , und weil Sie nun einmal zufällig hier sind - Und wenn ich nicht zufällig hier wäre ? sagte sie , schelmisch lachend ; wenn ich nun nicht der alten Baronin , sondern die alte Baronin meinethalben hier wäre ? und wenn ich nun gar nicht wieder fort ginge und gar hier bliebe . - In diesem Augenblick kam Harald plötzlich in den Baumgang , in welchem wir redend auf- und ab gingen . Er stutzte , als er mich mit dem Mädchen allein sah . - Fräulein Marie , sagte er , ich glaube , die Tante wünscht Sie zu sprechen . Und als das Mädchen fort war , trat er an mich heran und sagte leise durch die weißen Zähne : Was hast Du ihr gesagt , Alte ? - Daß Du sie an der Nase führst , Harald , antwortete ich . - Ich werde Dir dafür den Hals umdrehen , sagte er und die Zornesader auf seiner Stirn schwoll . - Immer noch besser , als wenn Du dem armen Dinge das Herz brichst , sagte ich . - Höre , Alte , sagte er , und wenn ich es nun diesmal wirklich ehrlich meinte ; wenn ich das wüste Leben , bei dem man ja doch früher oder später zum Teufel gehen muß , herzlich satt hätte ; wenn ich nun das Mädchen heirathete , wie dann ? - Ist sie von Adel ? sagte ich . - Harald lachte : Eines Schneiders Tochter ist sie . Ich werde die Scheere und das Bügeleisen in unser Wappen zeichnen lassen müssen . - Wenn sie nicht von Adel ist , sagte ich , wirst Du sie nie heirathen , und es wäre auch nur eine Grausamkeit mehr . Das arme Geschöpf würde unter Deinem Spott und dem Hohn Deiner Freunde verbluten , wie ein gehetzter Hirsch unter den Zähnen der Hunde . Schicke das Mädchen fort ; ich beschwöre Dich , Harald , heute lieber , als morgen . Und die alte Baronin auch ; setzte ich hinzu . - Er sah mich groß an und dann lachte er und sagte : Du bist doch dümmer , als ich gedacht habe , Alte . - Damit wandte er mir den Rücken und ging trällernd in das Schloß . Ich wußte nicht , was ich von dem Allen denken sollte . Hatte Harald dem Mädchen die Ehre versprochen , glaubte sie alles Ernstes , daß er - von dem sie sagte , daß sie sein früheres Leben kenne - dies Versprechen halten würde ? Sie schaute so klug und verständig aus ihren großen blauen Augen , wie konnte sie sich ein solches Märchen aufbinden lassen ? Wie hatte es Harald angefangen , ihre Klugheit so ganz zu umnebeln ? Was meinte das Mädchen damit , daß die Tante ihrethalben hier sei ? Mir ging das Tag und Nacht im Kopf herum , daß ich fast darüber wurde . Ich hätte das arme , unschuldige Lamm so gern gerettet , und dem Harald diese Sünde erspart - hatte er doch schon genug auf dem Gewissen ! Aber ich wußte nicht , wie ich es anfangen sollte . Seit jener Unterredung im Garten wich Fräulein Marie mir überall aus ; die Tante kam nur noch des Abends aus ihrem Zimmer und hatte trotz des heißen Wetters den Kopf stets dicht in Tücher eingewickelt . Harald hatte schon seit Tagen kein Wort mehr mit mir gesprochen . Er schien wirklich ein ganz anderer Mensch geworden zu sein . Er war , so lange Fräulein Marie auf dem Schlosse war , nicht ein einziges Mal betrunken gewesen ; hatte keinen der Leute geprügelt ; kein Pferd zu Schanden geritten , während doch sonst kein Tag hinging , wo er nicht diesen oder jenen verrückten Streich ausführte . Wenn er sonst bei der geringsten Veranlassung tobte und fluchte und sich wie ein Rasender gebehrdete , so war er jetzt gegen Alle mild und freundlich , nur nicht gegen mich , weil er wußte , daß er sich vor mir nicht verstecken konnte , die ihn von Kindesbeinen an kannte - und gegen den neuen Kammerdiener . Das war ein widerwärtiger Mensch , der beständig lächelte , und immer hinter den Mädchen her war , die ihn alle nicht leiden konnten . Er hatte den ganzen Tag nichts zu thun , als mit den Händen in den Taschen umherzuschlendern und Grimassen zu schneiden . Für den Baron that er gar nichts , im Gegentheil , seitdem Harald ihm einmal einen Fußtritt gegeben , daß er noch vierzehn Tage nachher hinkte , ging er ihm überall aus dem Wege . Kein Mensch konnte begreifen , weshalb ihn der Baron nicht wieder fortjagte . - Während dieser ganzen Zeit war keiner von den Herren , die sonst bei uns aus- und eingingen , zum Besuch auf dem Schlosse gewesen . Ich hatte immer gehofft , es sollten welche kommen , damit ich Gelegenheit bekäme , mit Fräulein Marie zu sprechen , der Harald jetzt gar nicht mehr von der Seite ging . Wenn sie vorher schön mit einander gethan hatten , so war das jetzt noch viel schlimmer geworden . So wie sie sich unbeobachtet glaubten , lagen sie einander in den Armen , und das war ein Herzen und ein Küssen ! - Du lieber Himmel , das ist unter Liebesleuten so der Brauch , und ich hatte es nicht besser gemacht , als ich ein so junges Ding war , und ich wußte am besten , wie die Grenwitzer Barone einem armen hübschen Mädchen schön thun und schmeicheln können ; aber ich wußte auch , daß man jeden ihrer Küsse mit tausend Thränen bezahlen muß . - Und eines schönen Morgens , als ich Fräulein Marie wieder einmal begegnete , und fragte : wie geht ' s Fräulein Marie ? gut geschlafen ? da wurde sie purpurroth und konnte vor Verlegenheit kein Wort hervorbringen und stand da , und zitterte , wie ein Espenblatt . Und als ich das sah , wußte ich auch , was geschehen war , und da wurde mir das Herz so centnerschwer , daß ich mich auf eine Bank setzte und weinte . Als das Fräulein Marie sah , fing sie auch an zu weinen und setzte sich zu mir , schlang ihren Arm um meinen Hals und sagte schluchzend : Weinen Sie nicht , gute Mutter Clausen ! Es wird noch Alles gut werden ! - Das gebe Gott , Kind , sagte ich ; aber ich glaube es nicht . - Aber , sagte sie , Sie sehen ja selbst , wie gut und freundlich der Baron jetzt ist , und er ist doch nur so , weil er mich liebt , und wenn er mich nicht heirathen wollte warum hätte er dann die Tante mitgebracht ? und wenn die Tante nichts dagegen hat , die so stolz und hoffärtig ist , wie Harald sagt , da können ja die andern Verwandten doch auch nicht nein sagen ! - So sind Sie nicht Gesellschafterin bei der alten Baronin ? fragte ich verwundert . - Nein , sagte sie , ich habe sie hier zum ersten Mal gesehen . - Aber um ' s Himmelswillen , Kind , rief ich , wie kommen Sie denn hierher , wenn Sie nicht der Baronin gekommen sind ? - Die Kleine weinte noch stärker , als zuvor . Ich darf es Ihnen nicht sagen , rief sie , ich habe dem Baron versprochen , gegen Jedermann zu schweigen , bis wir uns öffentlich - sie schwieg , als hätte sie schon zuviel gesagt . Ich darf nicht sprechen , wiederholte sie ; aber glauben Sie mir , ich bin kein so schlechtes Mädchen , wie Sie denken . - Damit küßte sie mich auf die Stirn und eilte von mir fort ins Schloß . Seit diesem Tage sah ich Fräulein Marie oft mit verweinten Augen ; und wohl mochte sie Ursache zum Weinen haben , das arme Kind . Harald that , was ich schon längst gefürchtet hatte : er fing sein altes Leben wieder an ; freilich nur allmälig . Die Freunde kamen noch immer nicht aufs Schloß aber er selbst ritt aus , und blieb halbe und manchmal ganze Tage lang fort . Wenn er wieder kam , war er oft in seiner bösen Weinlaune , in welcher er die Diener mit Fußtritten und Stockschlägen tractirte , und die armen unschuldigen Möbel zerschlug . Doch war es noch immer golden , im Vergleich mit sonst , und er war auch noch immer zärtlich gegen Fräulein Marie , besonders wenn er sah , daß seine wüthende Heftigkeit sie bis zum Tode erschreckt hatte . Mit der Tante verkehrte er beinahe gar nicht mehr , seitdem sie sich des Abends , wenn Fräulein Marie zu Bett gegangen war , ein paar Mal im Salon gezankt hatten , daß wir es draußen hörten . Ich glaubte , die Alte setzte ihm den Kopf zurecht und da schickte ich ihr gern so viel Braten und Wein auf ihr Zimmer , wie sie haben wollte , obgleich es unglaublich war , was sie verzehren konnte . Da geschah es , daß , als ich einmal in der Nacht , nachdem Alle zu Bett waren , die Runde durchs Haus machte , wie ich es immer that , um zu sehen , ob die Lichter überall ausgelöscht waren , mir auf einmal auf dem Corridor , der von dem Thurm aus in das alte Schloß führt , wo die Damen logirten , ein heller Schein entgegenleuchtete . In dem ersten Schrecken und ohne noch zu wissen , ob die Gefahr groß oder klein war , schrie ich Feuer ! Feuer ! so laut ich konnte . Zugleich lief ich den Corridor entlang nach der Stelle zu , wo es brannte . Auf einmal war Harald an meiner Seite . Ich wußte nur zu gut , aus welcher Thür er gekommen war , obgleich ich ihn nicht hatte kommen sehen . - Still , Alte , rief er , Du siehst ja , es brennt nur die Gardine vor dem Fenster . Und damit fing er an , die brennenden Fetzen herabzureißen und mit den Füßen auszutreten . Plötzlich öffnete sich die Thür , die zu dem Zimmer der Baronin führte , und die dem brennenden Fenster gerade gegenüber lag , und heraus stürzte die alte Hexe mit einem großen Bündel unter dem Arm , und der Kammerdiener mit einem noch größeren Bündel auf der Schulter , kam hinterher . Sie hätten uns beinahe umgerannt , aber Harald packte den Kammerdiener und schleuderte ihn so gewaltig zurück , daß der Mensch sammt seinem Packet zu Boden stürzte . Steckt Ihr wieder einmal bei einander , Lumpenpack ? herrschte er die Alte an , die , als sie den Baron so wüthend sah , am ganzen Leibe zitternd stehen geblieben war ; scheert Euch in die Stube zurück , oder ich will Euch auf den Marsch bringen . Auf einmal fing er laut zu lachen an , denn er sah , und ich bemerkte es auch erst jetzt , daß die Alte in der Eile vergessen hatte , sich die Perrücke aufzusetzen , und ihr eigenes rothes Haar in nicht allzu kurzen Zöpfen aus der schmutzigen Haube herabhing . Den Stock hatte sie natürlich auch stehen lassen , und sah überhaupt so verändert aus , daß ich meinen Augen kaum traute . - Scheer ' Dich zum Teufel , alte Hexe , rief Harald , noch immer aus vollem Halse lachend , und laß Dich erst wieder anstreichen , sonst sieht man doch gar zu deutlich , woher Du stammst . - Die Alte murmelte etwas , das ich nicht verstand , und ging in das Zimmer zurück ; der Kammerdiener hatte sich unterdessen wieder aufgerafft und war die kleine Treppe , die von dem Corridor in den Garten führte , hinab , davongeschlichen . - Geh zu Bett , Alte , sagte der Baron zu mir , und denke , Du hast dies Alles geträumt , oder denke auch , was Du willst , mir gilt es gleich . Die Komödie kann ja doch ewig dauern . Und die Komödie war denn nun auch vorbei . Am nächsten Morgen waren die Alte und der Kammerdiener verschwunden und Niemand von uns hat je wieder etwas von ihnen gesehen oder gehört ; Keiner jemals erfahren , woher sie kamen . Nur das eine war sicher , daß die Alte so wenig des Barons Tante gewesen war , wie ich seine Mutter . Die Leute lachten , und der Baron lachte , trotzdem die Beiden an Silberzeug und Kostbarkeiten mitgenommen hatten , was sie forttragen konnten , aber ich lachte nicht , und da war noch eine Andere , die auch nicht lachte . Das arme herzige Kind ! se wollte es zuerst gar nicht glauben , daß der Baron sie so schändlich habe betrügen können . Sie ging mit weiten , starren , thränenlosen Augen umher , und wenn sie mir begegnete , sah sie mich an , so angstvoll , so kummervoll , daß es mir in ' s Herz schnitt . Ach , ich konnte ihr ja nicht helfen ; ich konnte nur mit ihr weinen und das that ich denn redlich , als das arme Kind sich von ihrem ersten Entsetzen erholt