» Aber warum zögerst Du mit Deiner Wahl ? Die Kapelle könnte beinahe fertig sein , wenn Du gleich den ersten Plan ausgeführt hättest . « » Das doch wohl nicht ! « sagte Uriel etwas verlegen , und setzte nach einer Pause hinzu : » Ich werde den Plan ausführen , den Regina wählen wird . Sie müssen nun doch endlich wieder nach Windeck zurückkehren ; sie sind fast vier Monate abwesend ! - Regina hat einen so feinen Geschmack und sieht jetzt manche schöne Bauwerke , da kann sie mir einen guten Rat geben .... umsomehr , als ich ja doch nur für sie baue . « Hyazinth legte das Blatt sanft auf den Tisch , nahm zärtlich Uriels Hand und sagte : » Baue Schlösser , wenn Du willst , für Regina , aber die Stätte , wo der Altar stehen wird , auf dem das Lamm Gottes sich schlachten läßt , baue für Gott . « » Du hast recht ! « entgegnete Uriel und fuhr mit der Hand über die Stirne ; » aber mir scheint ja auch , daß ich alles für Gott tue , was ich für Regina tue : so verbunden mit Gott ist sie in meinem Herzen . « » Eigentlich steht es so mit Deinem Herzen : es vergißt Gott , es vergöttert Regina , und dann sucht es sich selbst zu täuschen , als ob diese Anbetung eines vergötterten Geschöpfes eins und dasselbe mit der Anbetung Gottes sei ; nicht wahr , so ist ' s ? « » O Hyazinth ! « rief Uriel , » dem Verstande nach wirst Du immer in diesen Sachen Recht haben . Aber ich muß mit dem heiligen Augustinus ausrufen : Gebt mir einen Liebenden und er wird mich verstehen ! « » Wie Du schlau bist ! « entgegnete Hyazinth mit sanftem Lächeln ; » jetzt berufst Du Dich sogar auf den großen heiligen Augustinus , der allerdings jenen Ausruf gemacht hat . Aber ebensowenig wie ein anderer bekannter Ausruf : Liebe ! und dann tue , was Du willst ! sich auf die Liebe zum Geschöpf bezieht , sondern auf die Liebe zu Gott - ebensowenig wird er mit Dir über die Anwendung einverstanden sein , die Du von seinen Worten machen willst . Nein , lieber Uriel , alle Heiligen kämpfen mit aller Kraft , welche sie aus der Gnade schöpften , gegen die parasytische Pflanze leidenschaftlicher Zuneigung , die allmählig das Herz dermaßen überwuchert , daß für die heilige Liebe kein Platz darin bleibt . « » Sobald ich meines Glückes sicher sein werde , « entgegnete Uriel , » sollst Du mit mir zufrieden sein , Hyazinth ! dann werde ich anfangen , Gott zu lieben ! Freude und Dankbarkeit werden das mit sich bringen . Aber jetzt , in dieser jahrelangen Spannung , Erwartung , Ungewißheit und Sehnsucht - jetzt bin ich wie ein Jäger auf dem Anstand , der für die ganze übrige Welt taub und blind ist . « Hyazinth legte mit einer tiefschmerzlichen Bewegung die Hände zusammen und rief : » O ewige Liebe , so wirst du behandelt von deinen Geschöpfen ! Wenn du ihren Willen tust , sind sie geneigt , dir zu danken ; bis du ihn erfüllt hast , denken sie nicht an dich , und wenn du ihn nicht erfüllst - - ja , was dann , Uriel ? « » Das weiß ich nicht , « erwiderte Uriel . » Zürne mir nicht , es ist nun einmal so ! Alle Hoffnungen meiner Zukunft sind mit Regina verwebt , und mir muß durch sie unsägliches Glück oder unsägliches Leid zuteil werden . Sie ist kein Wesen , das man lieben - und dann vergessen könnte ! Von Kindheit auf habe ich mich daran gewöhnt , unser Leben als ein gemeinsames - unsere Existenz als eine unauflöslich verbundene zu betrachten . Mit dieser stillen ungestörten Gewohnheit ist später die Liebe mir ins Herz gedrungen und ist umso heftiger geworden , als zugleich auch heftige Störungen eintraten . Kein Mensch auf Erden läßt sich gleichgültig sein teuerstes Kleinod entreißen . Je höher er dessen Wert schätzt , desto lebhafter wird er sich gegen den Verlust sträuben und sein Anrecht behaupten . « » Hier ist aber nicht die Rede von einem Schatz , den Räuber und Diebe zu stehlen trachten , « sagte Hyazinth , » sondern von einem willensfreien Wesen , das mit demselben Rechte wie Du Anspruch macht an Glück , - und zwar an ein solches , welches dem Deinen entgegen steht . Das weißt Du ! seit vollen vier Jahren siehst Du , daß Regina bei ihrem heiligen Entschlusse bleibt , und dennoch kannst Du es nicht über Dich gewinnen , zu dem Deinen zu kommen . Ist das nicht feig ? « » Ich bin nicht feig ! « rief Uriel aufgeregt ; » aber ich liebe sie und so lange es liebefähige Herzen auf Erden gibt , werden sie Dir sagen , daß es möglich sei , keine Furcht vor Not und Tod , vor Armut und Elend zu haben und zu gleicher Zeit den Verlust eines geliebten Herzens bitterer als alle Todesschmerzen zu fürchten . Einem solchen Todesschmerz aber - das begreifst Du doch ? - wirft man sich nicht freiwillig in die Arme . Man wartet , bis er kommt . « » Und läßt sich das Herz zerbröckeln , anstatt es mit kräftigem Schnitt von seinen Fesseln zu befreien und die Wunde zu heilen ! « sagte Hyazinth . » Willst Du denn wirklich noch sechs Jahre hier auf Stamberg einsam sitzen und warten , bis die zehn Jahre um sind und Regina ihre Freiheit errungen hat und in ' s Kloster geht ? Ach , Uriel , verschwende doch nicht Dein Leben , Deine Kräfte , Deine Gaben , Deine Jugend an einen Traum von Glück . Gib Deine Ansprüche an Regina auf ! ... umso leichter läßt der Vater sie ziehen und ihre schöne Seele kommt dann in Ruhe . « » Liebst Du Regina so sehr , daß Du sie keinem andern gönnst ? « fragte Uriel scharf . » So sehr , daß ich sie nur Gott gönne - ja ! « antwortete Hyazinth ; » aber daß mich dazu keine persönlichen oder irdischen Wünsche bestimmen , brauche ich Dir nicht zu versichern . Ich denke nur an Euer beiderseitiges wahres Glück . « » Ich glaub ' es ! ich danke Dir ! « rief Uriel herzlich ; » aber , Hyazinth .... ich liebe sie ! Für sie und mit ihr will ich dies Stamberg zu einem Paradiese umschaffen , wo alles zu finden sein soll , was hienieden gut ist und glücklich macht ; ohne sie .. « » Nun ? ohne sie ? « fragte Hyazinth gespannt , da Uriel stockte . » Du hast also doch bereits an diese Möglichkeit gedacht ? « » Ohne sie ... fällt der Vorhang ! « versetzte Uriel . - Er ahnte nicht , wie nahe die geliebte Regina ihm sei ! ! Als Graf Windeck auf dem Heimwege in Frankfurt ankam , erklärte er plötzlich zu Regina ' s größtem Schrecken : » Jetzt überraschen wir Uriel ! darauf hab ' ich mich schon lange heimlich gefreut . Wir müssen doch sehen , wie der gute Junge auf seinem Bergschloß einsam wie ein verzauberter Prinz sitzt . « » O herrlich ! « rief jubelnd Corona . » Er ist nicht einsam , « wendete Regina schüchtern ein ; » nach den letzten Briefen ist Hyazinth noch bei ihm . « » Desto besser ! dann sehen wir sie beide ! « sagte der Graf entschieden . - So ging es denn am andern Morgen gen Stamberg . Nach einigen Stunden verließen sie die Eisenbahn und fuhren bergwärts in ' s Tal hinein und langsam steigend , in weiten bequemen Windungen zum Schloß hinauf . Die Brüder hatten ihr Gespräch abgebrochen und saßen schweigend im Erker . Jeder hing seinen Gedanken nach . Beider Blick ruhte auf der schönen Landschaft - und keiner nahm sie wahr ! Uriels schwärmerisches dunkles Auge glitt über Wälder und Hügel , über Täler und Ströme in eine Zukunft hinein , aus der Regina ' s edle und holde Gestalt beseelend und beherrschend aufstrahlte ; und Hyazinth ' s klares , stilles Auge flog über alle Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf , der das Wesen dieser Schattengestalten ist und ihnen ihre vergängliche Schönheit , den matten Abglanz seiner unvergänglichen und wechsellosen gibt . Das große Erkerfenster war weit geöffnet und rahmte ein Stück des leuchtenden blauen Himmels ein , aus dem der Sonnenstrahl , wie ein goldener Strom , in ' s Gemach quoll . Ein Nachzügler des Sommers , ein verspäteter Schmetterling , gaukelte durch die warme Luft und suchte umsonst nach den entblätterten Rosen . Eine Schwarzdrossel , verspätet auf ihrem Wanderzug , schlug zuweilen ein paar süße Töne an , Erinnerungsklänge an ihren vergessenen Liebesfrühling . Ein rötliches Blatt , müde von Regen , Wind und Sonnenglut , löste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das weiche Moos , das die mächtigen Wurzeln der Eiche bedeckte , in deren Wipfel es im Frühling gesäuselt hatte . Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen Natur , eine Stille , welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes beschwichtigt , bald als etwas Fremdartiges bedrückt . » Ohne sie .... fällt der Vorhang über alles , was erdenschön ist : das steht fest ! « sagte Uriel halblaut zu sich selbst , als das Ergebnis seines Nachsinnens . » Und gerade dann geht die übernatürliche Schönheit auf , « erwiderte Hyazinth und blickte mild in das schwärmerische Auge seines Bruders . » Du führtest vorhin Worte des heiligen Augustinus an ; vergiß nicht , daß er auch gesagt hat : Keine irdische Schönheit und keine irdische Freude konnte mich je glücklich machen . Müde machte sie mich , aber nie ruhig . Ein glückseliges Leben ist die Freude an der Wahrheit - ist die Freude an dir , o mein Gott , und in dir , denn du bist die ewige Wahrheit . « » Augustinus hat auch keine Regina geliebt , « erwiderte Uriel . » Er hat , wie Du , ein Geschöpf geliebt , « sagte Hyazinth , » und Adeodat ' s Mutter hatte das in ihrer Seele , was aus großen Sündern große Heilige macht : sie begriff das Opfer . Als sie sah , daß sie ein Hindernis für Augustins vorteilhafte Verehelichung sei , trennte sie sich von ihm , ging nach Afrika zurück und verzehrte ihr Leben in Buße und Tränen . Gewiß hat er sie sehr geliebt ; aber er gesteht , daß sein Herz erst dann Ruhe fand , als es in Gott ruhte . « Uriel schwieg und sank in seine Träumerei zurück . Da trat rasch ein Diener in ' s Zimmer und meldete , daß ein bepackter Wagen den Schloßberg hinauf fahre ; und er glaube den Kammerdiener des Windecker Grafen zu erkennen . Der Ausdruck einer so unaussprechlichen Freude ergoß sich über Uriels schönes Antlitz , daß Hyazinth mit einem Seufzer erkannte , des heiligen Augustinus Anathema gegen irdische Freude und Schönheit habe wenig Eindruck auf Uriel gemacht . Er folgte dem Bruder , der mit zwei Sätzen die Treppe hinabflog und im Hof dem Wagen entgegensah , der möglicherweise die Königin seiner Seele unter sein Dach führte . Als der Wagen durch das Schloßtor in den Hof fuhr , und Uriel in dem Kammerdiener erkannte , daß wirklich Regina komme , schloß er einen Moment die Augen , um sich zu sammeln und nicht ganz fassungslos seine Gäste zu bewillkommnen . Da hörte er auch schon die Stimme des Grafen , der ihm fröhlich zurief : » Schau , da sind wir , mein Junge ! wir müssen sehen , wie ' s dem Grafen von Stamberg geht ! das ist uns viel wichtiger als der Kristallpalast und alle sonstigen Herrlichkeiten Großbritanniens . Sind wir Dir auch willkommen ? « Uriel sah so strahlend glücklich aus , daß er keine Antwort zu geben brauchte - und es auch wirklich nicht tat . » Du hast wohl die Sprache verloren in Deiner Einsamkeit - armer verzauberter Prinz Uriel ! « sagte Corona schalkhaft . » Die kleine Fee Corona wird mir die Sprache schon wiedergeben , « antwortete Uriel , dem es am leichtesten wurde , scherzend zu sprechen , weil das Überwallen des Herzens dadurch in Schranken gehalten wurde . » Grüß Dich Gott , lieber Uriel , « sagte Regina mit der ihr eigentümlichen Innigkeit in Blick und Ton , indem sie ihm die Hand bot . Wie war sie so schön ! wie stand ihr die Halbtrauer so gut und der einfache Reiseanzug von hellgrauer Seide ! und der kleine weiße Taffthut mit dem Halbschleier von schwarzer Spitze ! - Corona und die Baronin Isabelle waren genau ebenso gekleidet . Davon bemerkte Uriel so wenig , daß er es gar nicht geglaubt haben würde ! Er war verloren in Regina ' s Anblick . Ihm war zu Sinn , als nehme sie Besitz von Stamberg , als könne er sie nimmermehr wieder ziehen lassen , als habe sie sich jetzt in die Gefangenschaft seiner Liebe begeben , als sei nun alle Ungewißheit vorüber und selige Erfüllung nahe , als müsse er in diesen Tagen die Siegesfahne auf den höchsten Zinnen seiner Wünsche aufpflanzen . Wie bei Gewitter Feuerflämmchen aus den Kelchen gewisser elektrischer Blumen aufsteigen , brach in Uriels Herzen die tiefe Glut der Leidenschaft zu lichter Flamme aus . Der Graf , dem Glut der Leidenschaft lebenslang ein unentdecktes Land geblieben war , ahnte nicht , welchen Sturm er über Uriel herauf beschwor und hoffte nur Regina etwas mit der Vorstellung vertraut zu machen , bald als Herrin und Hausfrau auf Stamberg einzuziehen . Sie benahm sich ja so vernünftig und so weltvertraut , als sei sie ganz bereit , auf ihre kindlich schwärmerischen Grillen zu verzichten . Man mußte ihr nur den Übergang zu den Realitäten des Lebens erleichtern , und das konnte möglicherweise durch diesen Besuch geschehen . Regina fühlte die Absicht ihres Vaters und den Eindruck auf Uriel und beschloß , sich eben hier und eben jetzt mit solcher Entschiedenheit auszusprechen , daß beide über ihre unveränderte Gesinnung klar würden . Uriel ' s Wunsch kam ihr entgegen ; die spannende Ungewißheit wurde ihm unaushaltbar . - Hyazinth ging jeden Morgen in grauer Dämmerung des Oktobers eine starke Stunde , um dem heiligen Meßopfer beizuwohnen , und Regina bat ihn , sie mitzunehmen . » Wenn Du fort bist und wir noch länger hier bleiben , bin ich wieder auf den Sonntag beschränkt - wie ich es auf der ganzen langen Reise war , « setzte sie hinzu . » Fürchtest Du nicht die kühle Frühe ? « fragte er . » O Hyazinth ! « rief sie , » unser Gott und Heiland senkt sich vom Himmel auf den Altar - und mir sollte der Weg zu weit sein von Stamberg zum Altar ? « » Ich fragte auch nur ! ich glaubte es nicht , « entgegnete Hyazinth einfach . Am anderen Morgen , als das ganze Schloß noch in Morgenträumen lag , gingen sie still von dannen . » So ! « sagte Regina froh , » jetzt wollen wir denken , wir zögen mit den heiligen drei Königen nach Bethlehem zum Jesukindchen ! Gold und Weihrauch haben wir Armen nicht darzubringen ; aber desto mehr Myrrhen , die schönen heiligen Myrrhen der Abtötung . « » Oder wir gehen mit den Jüngern und den heiligen Frauen zum Grabe des Herrn , trauernd um die Sünde , die ihn dort in seinem Blut gebettet hat , « sagte Hyacinth . » Und mit den zwei Jüngern können wir gen Emaus wandern , « nahm Regina das Wort ; » o möchten wir dem Herrn begegnen und möchten wir mit liebentbranntem Herzen zu ihm sagen : Bleibe bei uns , denn es will Abend werden ! - - der Abend , Hyazinth , der eine gottentfremdete Finsternis ist , die jeden bedroht , der nicht mit Gott und seiner Gnade wandelt . « » Und all ' dieser süßen und göttlichen Mysterien , von der Menschwerdung , vom bittern Leiden und Sterben , von der Auferstehung , vom geheimnisvollen und wesenhaften Verbleiben bei den Seinen - feiern wir in heiliger Messe ! « rief Hyazinth , » und ich Glückseliger werde nun bald , trotz all ' meiner Unwürdigkeit , die himmlische Vollmacht erhalten , diese überirdische Feier zu begehen und mich ausschließlich dem Dienste des göttlichen Heilandes zu widmen . O Regina , welch ' ein Beruf für den staubgeborenen Menschen ! kein Engel hat einen höheren ! Dem Wort des Geschöpfes gehorcht der Schöpfer und zum mystischen Kalvarienberg des Altars kommt das Lamm Gottes . Ecce ! venit ! ruft staunend der Prophet Malachias . Siehe , Er kommt . « » Wie freue ich mich zu Deiner Primiz im nächsten Frühling , Hyazinth ! zuerst für Dich und dann für mich ; denn da muß mir Deine Bitte die Zelle des Karmels öffnen . « » Und wenn Du dann heimisch bist auf dem stillen Karmel , als die Taube in Felsenklüften des Hohen Liedes , dann zähle wiederum ich auf Dein Gebet , Regina ; denn alsdann bist Du geborgen vor dem Nebelanhauch der Welt und ich muß in ihr leben , ohne mich von ihr berühren zu lassen . « - In solchen Gedanken waren ihre Seelen zu Hause und in traulichem Gespräch oder in sinnender Stille wanderten sie unbedrückt durch die Schwere eines erdwärts gesenkten Sinnes , wie selige Geister zu ihrem Ziel . Regina empfing die heiligen Sakramente und so wurde es so spät , daß die Stunde des gemeinschaftlichen Frühstücks vorüber war , als sie mit Hyazinth zurückkehrte . Uriel kam ihnen schon am äußern Schloßtore entgegen und sagte bittend : » O Regina , ich hätte Dich ja so gern zur Messe fahren lassen ! Jetzt ist der Papa ungehalten über Deine Promenade in Nacht und Nebel - wie er sagt . « » Sei ruhig , lieber Uriel , er wäre es auch über die frühe Fahrt gewesen ; Du kennst ihn ja ! « versetzte Regina lächelnd . » Ich aber wollte es mir heute nicht nehmen lassen , den Tag der heiligen Therese zu feiern und vor dem heiligsten Sakrament mein Gelübde zu erneuern - Solo Dios basta . « Uriel wurde leichenblaß . Regina sagte : » Komm ' ein wenig in den Park « - und schlug aus dem Hof den Weg dahin ein , während sie Hyazinth zuwinkte , ins Schloß zu gehen , was dieser sehr gern tat und heimlich seinem Gotte dankte , daß er kein solches Gespräch zu führen und zu hören habe , wie jetzt Regina . Sie ging schweigend durch eine Kastanienallee zu einem freien , sonnigen Platz auf einem Hügelvorsprung , wo unter einer herrlichen alten Eiche Gartenstühle um einen Tisch standen ; ein allgemeiner Lieblingsplatz wegen seiner schönen Aussicht . Da setzte sie sich nieder und Uriel setzte sich schweigend zu ihr . » Lieber Uriel , « hub sie mit fast zitternder Stimme an , » es tut mir unaussprechlich leid , daß ich hier bin ; aber Du weißt , daß der Vater seinen Gang geht . « » Ich weiß , daß Du mir keinerlei Freude gönnst , « entgegnete er finster . » Du irrst , lieber Uriel ! Stände es in meiner Macht , Dir Glück und Freude zu bereiten , es sollte Dir nicht fehlen . « » Wozu die leeren Versicherungen , da Du ja sehr gut weißt , daß es in Deiner Macht steht , und nur in ihr , mich glücklich zu machen . « » Du vergißt , daß ich gebunden bin . « » Das Band ist zu lösen ! « » Daß mein Herz gebunden ist und bleibt , Uriel , wenn mein Gelübde auch tausend Mal gelöst würde . « Er machte eine ungeduldige Bewegung und rief : » Genug und übergenug ! ich warte ! « » Und was ist Deine Absicht dabei ? « » Du sollst nicht glücklich sein ohne mich , so lange ich es hindern kann ! « rief er heftig . » Ist das edel gedacht , Uriel ? O verleumde Dich nicht ! Nein , Deine Absicht ist nur , Deine Hoffnung auf eine unmögliche Erfüllung zu nähren . Du hoffst mich treulos zu sehen , damit ich Dir Treue versprechen könne . Schlechte Bürgschaft für Dein Glück ! Möchtest Du eine Frau , die zehn Jahre geschwankt hätte in ihrer Wahl zwischen Dir und einem anderen Mann ? - schwerlich ! Um wieviel weniger , wenn sie schwankte zwischen Gott und einem Menschen ! Welch ' eine armselige Charakter- und Herzensschwäche würde das verraten ! Laß mich also ganz sein , was ich sein kann und sei auch Du es ganz . Dadurch , daß Du und nicht Orest , wie wir alle glaubten , Stamberg geerbt hast , sind Deine Verhältnisse ja ganz verändert . Du wirst hier leben , findest hier den Kreis Deiner Wirksamkeit Dir zugewiesen und Haus und Herd bereit . Nun , so nimm sie in Besitz , aber ganz und vollständig ! Mache Dir den häuslichen Herd lieblich und traut , schmücke Dein Haus mit Deinen eigenen Tugenden und denen einer lieben frommen Frau , erfülle Deine schöne , segensreiche Bestimmung und laß mich die meine erfüllen - dann wirst Du mehr und mehr Deinen Frieden finden , weil Du Dein Leben ordnest nach dem Willen Gottes , anstatt es zu verschwenden an leere Leidenschaft . Einsam darfst Du nicht bleiben ! Du würdest Dein Herz hängen an Hunde und Pferde , an Bauten und Parkanlagen , vielleicht an den Mammon - was weiß ich ! die Einsamkeit mitten in weltlichen Verhältnissen ist Vereinzelung und tut weh , weil das Herz durch sie abstirbt oder verknöchert . Ach , Uriel , Du kannst ja ein so schönes Leben haben ! wolle nur ! « Während sie sprach , schwand der finstere Ausdruck von Uriel ' s Zügen , und er sagte in ihren Anblick verloren : » Ja , Regina , es ist alles ganz richtig , was Du sagst , und ich könnte ein schönes Leben haben , aber nur durch Dich und nur mit Dir ! und ich begreife nicht , wie Du so fest auf dem Wege Deiner Liebe wandeln - aber zugleich mir raten kannst , den meinen zu verlassen . « » Weil das ein Unterschied ist wie Himmel und Erde - den Schöpfer zu lieben .... oder ein Geschöpf ! Die Welt wimmelt von Reginen , aber der Geliebte meiner Seele ist nur einer . Du kannst ohne mich eine tausend Mal bessere Wahl treffen ; ich würde durch jede andere Wahl ein elendes Loos ziehen . « » Meine Liebe läßt sich nicht beliebig auf irgend ein Individuum - gleichviel welches ! - des weiblichen Geschlechtes übertragen , Regina . Bei einer so ernsten , so heiligen , so verantwortungsschweren Verbindung wie die Ehe , die unwiderruflich über das Lebensglück von zwei Menschen entscheidet , genügt das allgemeine Wohlwollen und die christliche Nächstenliebe nicht . Da muß zugleich tiefe Übereinstimmung über die höchsten Angelegenheiten - und ausgleichender Gegensatz in den Charakteren herrschen . Da muß das Etwas sein - die Sympathie , die Neigung , der unerklärliche und unleugbare Zug des Herzens , den man Liebe nennt , der ein Wesen ausscheidet aus tausenden , ja aus allen übrigen - und der durch dies eine Wesen alle Hoffnungen , alle Wünsche , alle Träume , alle Sehnsucht zugleich geweckt und erfüllt sieht . Sage mir nicht , daß man sich irren kann , daß man getäuscht wird , daß man statt Glück - Elend findet ; oder sage es , denn ich leugne es nicht , und das Alles beruht auf unserer Schwäche , unserer Unvollkommenheit , unserem Mangel an Selbstbeherrschung . Aber dennoch , so lange Menschenherzen hienieden schlagen , wird die Liebe , die ausschließliche Neigung zu einem Wesen , heimatberechtigt in ihnen sein - und mögen sie dieselbe kennen durch Schmerzen und Opfer oder durch Wonnen und Trost - sie finden eine unausfüllbare Kluft zwischen dem einen geliebten Geschöpf und den Millionen nicht geliebten . Ich weiß , man schließt Ehen ohne eine solche exklusive Neigung , und diese Ehen fallen ganz gut aus . Ach , warum nicht ? Die Menschennatur ist schmiegsam in jeder Beziehung , siedelt sich auch in einem Kamtschatka an und hat Freude an ihrer Ansiedelung , weil es eben die ihre ist . So kann sich auch das Herz in einem Kamtschatka zurechtfinden , wenn es nie im blauen duftenden Süden selig war , oder wenn Pflicht oder was weiß ich für Rücksichten es an den Nordpol in ' s Exil schicken . Aber , Regina , dann ist man eben glücklich durch mancherlei , was nicht Liebe ist und wodurch nicht jeder glücklich werden mag und kann . Das liebende Herz empört sich gegen die Zumutung , seine Neigung auf einen anderen Gegenstand übertragen zu sollen . Das meine ist Dir anvermählt und bleibt es für Zeit und Ewigkeit . « » Nein , Uriel ! « rief Regina erbleichend , » das darf nicht sein ! das wäre Torheit , Sünde vielleicht . « » Hast Du allein das Recht , Gelübde abzulegen , die anderen als Torheit erscheinen ? « fragte er . » Ja ! « sagte sie fest ; » denn meine Torheit ist die des Kreuzes und mein Wille ist kein Eigensinn , sondern ist eingesenkt in die zärtlichste und schönste Absicht Gottes mit seinen Menschen - während der Deine dem göttlichen Willen widerspricht . « » Wenn ich es nur fassen könnte , daß es wirklich unmöglich ist , Gott und einen Menschen zu lieben ! « brach Uriel aus . » O glaube mir , Du würdest hier einen viel größeren Wirkungskreis für Deine Liebe zu Gott finden , als im Kloster ! Wünschest Du ein Krankenhaus , eine Schule , irgend ein Asyl für menschliches Elend - Du sollst es haben ! ja , unter Deinem Dach haben . Sieh ' , wie groß das Schloß ist ! Sieh ' , die Stallgebäude werden verlegt und deren Flügel , der an die Kapelle stößt , wird ausgebaut nach Deinem Wunsche und Deiner Angabe für Christus in den Armen . Sage nur ein Wort ! sage nur - Ja ! und es geschieht . « » Ich glaub ' es , Uriel , « entgegnete Regina und sah ihn mit unaussprechlicher Freundlichkeit an . » Aber wenn Du es unmöglich findest , mit Deiner Liebe im Herzen eine Frau zu heiraten , welche Du nicht liebst , wie soll ich es denn möglich machen , einem ungeliebten Mann mein Jawort zu geben , während mein Herz in den stillen Flammen einer Liebe steht , die , wie Naphthaquellen , unsichtbar und unauslöschlich brennt . Gewiß , es stünde schlimm um die Welt , wenn man nicht Gott und einen Menschen zugleich lieben könnte ! allein ich bin in meiner Meinung gerade so exklusiv , wie Du in der Deinen . Ich überlasse es anderen , jene schwierige Aufgabe zu lösen , ohne daß Gott dabei zu kurz komme - und halte mich einfach an der meinen : Solo Dios basta . Wir stehen , wie mir scheint , auf einem Wendepunkt Deines Lebens , wohin die Hand Gottes Dich geführt hat , damit Du klarer als bisher den Weg überschauen könnest , welchen Du zu wandeln hast . Deshalb hab ' ich es für meine Pflicht gehalten , Dich mit aller Entschiedenheit daran zu erinnern , daß mein Entschluß jetzt so fest ist , wie er vor vier Jahren war und wie er , mit Gottes Gnade , in sechs Jahren sein wird . Auf diese Weise nehmen ich keinen Teil an der Peinlichkeit , welche unser Zusammenleben vielleicht für Dich hat . « Sie wollte aufstehen . Heftig ergriff Uriel ihre Hand und rief : » Bleibe noch ! ist hier ein Wendepunkt in meinem Leben , so kann ich unmöglich zugeben , daß er schon jetzt erreicht - daß ich schon jetzt verdammt sei , auf der Nachtseite des Erdenglückes zu gehen . Du mußt mich hören . « » Und was hast Du noch zu sagen ? « fragte sie . Uriel sah sie an und sagte langsam : » Ich liebe Dich . « Sanft und traurig wendete Regina ihre Augen von ihm ab und ließ sie auf der lieblich beleuchteten Landschaft ruhen . Auch Uriel schwieg und blickte auf das zarte Profil ihres Angesichtes , das sich von dem blauen Himmel abschnitt und auf das Ganze ihrer edlen Erscheinung , die im Goldglanz der Morgensonne schwamm , wie ein Heiligenbild in der Glorie . » Ich liebe Dich ! « fuhr er fort ; » und nach Deinem Beispiel richte ich mein Leben für meine Liebe ein . Alle Äußerlichkeiten haben nur insofern Wert für mich , als ich sie in Zusammenhang mit Dir bringen kann . Kann ich das nicht , so fallen sie von mir ab , wie Dinge , die mich nichts angehen , denn mein Herz kennt sie nicht . Ich liebe Dich ! nun wohlan , Regina , gehe Deinen Weg - ich gehe den meinen . « » Zu Gott , Uriel ? « fragte sie mit gepreßter Stimme . » Was Du so nennst - schwerlich ! « Um ihre eigene Bangigkeit zu unterdrücken