Abstand von dem höchsten Haupte in Deutschland , das die römische Königskrone trug und dazu bald auch die deutsche Kaiserkrone fügen würde , bis zu dem armen Steinmetzgesellen herab , der nichts sein nannte - nicht einmal einen Namen . Aber für Rachel erschien dieser Abstand ausgeglichen - in ihren Augen gab es keinen edleren , herrlicheren Mann als diesen Baubruder - sie fand es ganz in der Ordnung , wenn das Weib , für das er sein Leben gewagt , ihn in ihr Herz geschlossen hatte ; aber eben so überzeugt war sie von Ulrich ' s hohem sittlichen Werth , daß er weder sein Gelübde der Keuschheit verletzen , noch gar ein ehebrecherisches Verhältniß eingehen werde . Was sie jetzt von ihrem Vater gehört , hielt sie für Lüge , und nur das für möglich , daß zwischen Elisabeth und Ulrich ein Band der Dankbarkeit sich geknüpft haben könne - wie ja auch zwischen ihm und ihr selbst , und daß es jetzt mehr als je ihre Pflicht sei , Alles daran zu setzen , Ulrich vor den finstern Plänen zu behüten , die jedenfalls gegen ihn im Werke waren , und wieder unter der eigenen Betheiligung ihres Vaters - wenn nicht Ulrich dagegen schon Schutz im Kloster gefunden . Aber bei der Vorstellung , er könne für immer dahinein gegangen sein , empfand Rachel doch einen heißen Schmerz , der ihr bittere Thränen erpreßte : denn dann sah sie ihn ja niemals wieder und konnte die Schuld der Dankbarkeit nicht abzahlen , die sie gegen ihn empfand . Dies Alles überlegend war sie in die Stadt und in die Goldschmiedsstraße gekommen , wo die meisten Gold- und Silberarbeiter wohnten . Die meisten von ihnen machten mit den Juden heimliche Geschäfte , und so war bei ihnen die Jüdin weder eine fremde , noch gar zu mißliebige Erscheinung . Aber bei Allen erhielt sie auf ihre Frage nach dem Ringe dieselbe Antwort . Es hatte keiner einen solchen zu sehen bekommen , und so beschrieb sie ihn nur für den Fall , daß ihn etwa später noch Jemand zum Verkauf böte . Dann ging sie auch in die Winklerstraße zum Goldschmied Albrecht Dürer . Er war nicht allein . Sein alter Freund , der Harfenschläger und Mechaniker Hans Frey , war bei ihm , so wie der Junker Willibald Pirkheimer . Vater Dürer hatte gestern einen Brief von seinem Sohn Albrecht erhalten , der nun seit länger als einem Jahre in Calmar lebte , wo er den berühmten Maler Martin Schöngauer zwar nicht mehr am Leben gefunden hatte , aber von dessen Brüdern Schön ( Schöngauer war nur der angenommene Künstlername des Malers ) herzlich aufgenommen worden war . Jetzt wollte er seinen Wanderstab weiter setzen und in deutschen Landen lernen , um in ein paar Jahren wieder nach Nürnberg zurückzukehren . Ein Brief des Lieblingssohnes war immer ein Ereigniß in dem Leben des Vaters Dürer von größter Wichtigkeit und Freude , und um diese mit Andern zu theilen , von denen er wußte , daß sie den Jüngling eben so herzlich liebten , hatte er Frey und Willibald zu sich rufen lassen , damit sie auch mit von Albrecht hörten . Willibald war der geeignetste Vorleser für die Worte der ihm wohlbekannten Freundeshand . Die Drei sahen nicht eben freundlich auf , als durch den Eintritt des Judenmädchens eine Störung in ihre Vorlesung kam . Kurz beantwortete Meister Dürer ihre Frage nach dem Ringe mit Nein . Dennoch zögerte Rachel zu gehen ; sie hatte vorhin Willibald von dem alten Frey Junker Pirkheimer nennen hören , und besann sich , daß sie ihn früher in Ulrich ' s Gesellschaft gesehen - wer weiß , wußte nicht dieser , was ihn in ' s Kloster getrieben , denn sie selbst wußte nicht , daß Willibald inzwischen von Nürnberg entfernt gewesen . Sie faßte sich darum ein Herz und sagte sich an ihn wendend : » Verzeiht , Junker Pirkheimer , aber mich dünkt , daß Ihr mit dem Baubruder Ulrich von Straßburg bekannt seid ; er hat uns in großer Gefahr beigestanden , und mein Vater möchte ihm gern einen Theil seiner Dankesschuld bezahlen ; er ist jetzt nicht in Nürnberg , und wir wüßten gern , ob und wann er wieder hierher zurückkehrt . « Willibald maß das Mädchen mit verwunderten Blicken - einmal , daß die Jüdin es überhaupt wagte , ihn anzureden , und dann , daß sie nach einem Baubruder fragte . Er antwortete kurz : » Wann er wieder zurückkommt , weiß ich nicht . Jetzt ist er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz , in das er mit seinem Kameraden berufen ward . « Rachel wußte genug , dankte und ging . Mit dieser Nachricht kam sie heim . Ihr Herz war leicht , denn Ulrich war nicht in ' s Kloster gegangen , um Mönch zu werden ! Ihrem Vater brachte sie die gewisse Kunde , wo er war und daß er später , aber wohl noch nicht gleich zurückkehren werde . » Wir haben keine Zeit zu verlieren , « sagte er , » wir müssen in ' s Kloster - die Baubrüder müssen uns Rede stehen , ob sie nicht gefunden den Ring ; wenn sie nicht gutwillig Rede stehen , muß es versucht werden mit List und Drohung . Rachel ' s Augen strahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzusehen . Zuversichtlich sagte sie : » Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts aus - laßt mich ihn bitten , und er wird uns den Ring geben , wenn er ihn gefunden , oder wenn ihn Jemand sonst im Hause hat , versuchen , uns dazu zu verhelfen . « Elftes Capitel Vater und Sohn Wieder waren mehrere Tage nach jener nächtlichen Unterredung zwischen Ulrich und Konrad vergangen , und die Wiederherstellung des Tabernakels beinahe vollendet , als der Novize zu dem Baubruder sagte : » Diese Nacht wird es möglich sein . Warte um Mitternacht vor Deiner Thür - ich hole Dich ab sobald ich kann . « Schon lange vor dieser Zeit , sobald Ulrich merkte , daß Hieronymus fest schlief , der einen gesunden festen Schlaf hatte und nicht eher aufwachte , bis zur gewohnten Stunde zum Aufstehen , wenn er nicht mit Gewalt geweckt ward , stand er vor seiner Zellenthür . Heute schien der Mond nicht mehr , es war ganz still und finster im Kloster . Todtenstille - Finsterniß und Kälte - es war eine schaurige Nacht ! In Ulrich nur pochte es laut und heiß von den Schlägen seines Herzens , wenn auch kalte Schauer ihn überrieselten - und die Finsterniß , die über seinem Leben lag , drohte ein schreckliches Licht zu erhellen , das vielleicht zur Brandfackel werden konnte , all ' seine Zukunftspläne und Hoffnungen zu verzehren ! War es kein Frevel , daß er selbst die Hand danach ausstreckte und nach den Funken dieses schrecklichen Lichtes begehrte ? Er fühlte , er konnte und durfte nicht anders handeln . Endlich kamen ganz leise Tritte ; er rührte sich nicht , bis eine leise Stimme rief : » Ulrich , komm ! Wo ist Deine Hand ? « » Konrad , hier ! « antwortete Ulrich eben so leise und reichte ihm die Hand . » Ich muß Dich führen , « flüsterte jener ; » wir haben einen weiten Weg , aber sprich nicht und halte Dich nur an mich . Tappe nicht an den Wänden , Du könntest Thüren streifen , hinter denen man nicht fest schliefe ; es wäre schlimm für uns Beide , wenn man uns entdeckte . « » Du wagst so viel um meinetwillen ! « seufzte Ulrich . » Wir sind Baubrüder ! « antwortete Konrad ; » ich halte fest an dem Gelübde von einst ! - Aber nun still , keinen Laut mehr ! « So wandelten sie schweigend weiter durch die finstern Gewölbe . Bald schienen es , dem Hall der Fußtritte nach , obwohl Beide mit bloßen Füßen wandelten , weite Hallen zu sein , bald waren es enge Gänge und Biegungen , wo sie an den Seiten die Wände streiften . Konrad hatte recht : es war ein weiter , endlos scheinender Weg . Dann stiegen sie eine Treppe hinab , und daran schloß sich wieder ein enger Gang , noch schmaler als jeder frühere - eine kellerartige Luft voll Dumpfheit und Moder herrschte hier . » Jetzt können wir Licht machen ! « sagte Konrad , nachdem er eine Eisenthür aufgeschlossen und wieder hinter sich zugemacht hatte ; » wenn nur der Zunder fängt in der feuchten Luft . « » Sind wir am Ziel ? « fragte Ulrich . » Wir haben nicht mehr weit - hier können wir auch sprechen , da hört uns Niemand . Hast Du die Uhr im Kopfe ? Länger als eine Stunde können wir uns nicht verweilen , « sagte Konrad , indem er den Stahl an den Feuerstein schlug . » Wie hast Du es heute möglich gemacht mich hierher zu führen ? « sagte Ulrich ; » oder warum nicht schon früher - kein Mensch ist uns begegnet . « » Sieh , « sagte Konrad , » das hab ' ich ausgekundschaftet : dort hinter jener Thüre führt ein unterirdischer Gang bis in eine Kapelle , die am Waldessaume steht ; der Weg ist gegraben worden , um für den Fall einer Belagerung oder eines Ueberfalles hier einen Ausgangspunkt zu haben ; aber freilich wird er oft auch benutzt , wenn Einer der Obern sich einmal ohne Erlaubniß auf ein paar Stunden aus dem Kloster entfernen will . Da ich heraus bekam , daß dies Einer heute beabsichtigte , und weiß , daß die Thür nur von innen geöffnet werden kann und dann offen bleiben muß , so wußte ich , daß der Weg uns frei sein würde ; aber wir dürfen nicht lange säumen - Jener ist schon ein paar Stunden fort und man weiß nicht , wann er zurückkommt - ich konnte nicht eher unbemerkt aus meiner Zelle . « » Aber wo hast Du den Schlüssel her zu Amadeus Gefängniß ? « fragte Ulrich . » Schlüssel ? « sagte Konrad verwundert ; » den giebt es nicht - er ist eingemauert . « » Eingemauert ? « rief Ulrich ; » wir können nicht zu ihm ? « Konrad ' s Zunder hatte endlich gefangen , indeß lange alle Funken aus dem Stahl vergeblich hervorgesprungen waren . Jetzt zündete er damit ein kleines Lämpchen an , das er in einer Art Blechlaterne unter seiner Kutte verborgen bei sich getragen . Während er noch den Zunder anblies , konnte er nicht antworten ; der glimmende Docht warf einen blendenden Schein auf Ulrich ' s todtbleich gewordenes Gesicht . » Ich meinte , ich hätte Dir das gesagt , « antwortete Konrad jetzt dem Entsetzten . » Es ist hier eine Reihe solcher Katakomben . Wenn eine spätere Zeit diese Löcher öffnet und Menschengebeine darin findet , wird sie meinen , es seien hier Todtengrüfte gewesen - nun , es sind auch welche , aber für die lebendig Begrabenen . - Weil Amadeus sein Verbrechen als Wahnsinniger büßt , so hat man ihn nicht zum Tode verurtheilt . Man hat ihn nur hier eingemauert , aber ein Loch in der Mauer gelassen , durch das man ihm täglich Wasser und Brod hereinschiebt und Gebete vorspricht . « » Das ist gräßlich ! « rief Ulrich ; » da wäre ja der Tod eine mildere Strafe ! « » Ich glaube , er wird bei ihm nicht lange auf sich warten lassen - indeß so lang ' er noch lebt , wird er nach einer Labe schmachten ; ich konnte es nicht über ' s Herz bringen , hierher zu gehen , ohne sie ihm zu bieten - warte , laß mich erst allein zu ihm - ich glaube , hier ist das Loch . « Er leuchtete an der Wand hin , wo man frischgemauerte Steine sah ; ungefähr eine Elle vom Erdboden entfernt war zwischen den Steinen ein Raum von etwa einer halben Elle ein Quadrat gelassen . Konrad brachte die Lampe dahin und rief : » Amadeus ! « » Licht - wer kommt ? « rief von innen eine heisere Stimme ; » ist denn schon wieder ein Tag vorbei ? « » Nein , « antwortete Konrad ; » sieh her - ich bin Konrad , den Mitleid zu Dir treibt - hier ist einmal Wein statt Wasser ! « Er schob eine thönerne Flasche durch die Oeffnung und sagte : » Da nimm und trink ' ! « » Dank ! « rief es von innen und man hörte gierig schlucken . Dann rief Amadeus : » Gott , was hast Du gethan ! wozu hab ' ich mich verführen lassen ! - Verhungern will ich , damit dies gräßliche Leben ende ! und nun wird es noch länger währen - das vergaß ich über das thierische Bedürfniß . Aber habe Dank , daß Du kamst - mit Dir kann ich reden - sind die Baubrüder noch im Kloster ? « » Ja , « antwortete Konrad , » und Ulrich von Straßburg ist in Verzweiflung über Dein Loos , weil er meint Deine That an das Licht gebracht zu haben . « » In Verzweiflung ? « fragte Amadeus . » Sage ihm , daß ich ihm vergeben - aber daß ich nicht wahnsinnig bin . Nicht wahr , Du bist auch ein Baubruder gewesen ? « » Ja darum bin ich sein Bruder , « antwortete Konrad . » Nun , dann sage ihm allein - aber Niemanden Andern , daß ich den Frevel mit Wohlbedacht beging ; ich wünschte Ulrich einmal zu sehen und zu sprechen - und damit er in ' s Kloster selbst beschieden würde , schien es mir zweckmäßig , eine Arbeit für den geschicktesten Baubruder nöthig zu machen - darum zertrümmerte ich das zierlichste Werk in der Kirche ! aber das sage ich nur Dir für ihn - die Andern mögen immerhin glauben , daß , was ich klug berechnet , eine That des Wahnsinnes und blinder Wuth gewesen ! Bring ' ihm meinen Gruß und meinen Segen . « » Geb ' t ihn ihm selbst - hier ist er ! « antwortete Konrad , und indem er sich von der Oeffnung zurückzog , neigte sich Ulrich an diese Stelle . » Amadeus ! « sagte er in tiefster Seele bewegt , » ich habe Euere Worte vernommen - die eigene Unruhe und Angst trieben mich hierher - ich wäre längst gekommen , wenn es möglich gewesen wäre ! « Er neigte sein Haupt durch die Oeffnung , der Schein der Lampe fiel voll auf sein edles Antlitz . Amadeus preßte dieses Haupt zwischen seine beiden Hände und starrte auf Ulrich . » Habe Dank , daß Du kommst - ich wollte Dich nur einmal sehen und meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen . Beim ersten Sehen , da Du meinen Rosenkranz zerrissest , floh ich vor Dir , weil Du Ulriken glichest - mir war , als habe ich ihr Gespenst gesehen . Seitdem konnt ' ich keine Ruhe finden - alle Schmerzen und Wünsche , die ich seit länger als einem Jahrzehent mit mir selbst in diesen Mauern begraben wähnte , wachten in mir auf ; damals war ich allerdings wie wahnsinnig - ich wüthete gegen mich selbst und das Kleid , das ich trug - dann geißelte ich mich selbst und ließ mich geißeln , bis ich ein hitziges Fieber bekam und still ward - und dann hieß es , ich habe Buße gethan und sei genesen und wieder begnadigt ! « » Ihr kanntet meine Mutter ? « unterbrach ihn Ulrich . » Ob ich sie kannte ? « rief Amadeus ; » so Zug für Zug lebt ihr Bild in meinem Herzen , daß ich an ihm Dich erkannte ! Wenn sie noch lebt , so sage ihr - « » O Gott ! « rief Ulrich , » ich weiß nichts von ihr , von dem Augenblick an , wo unser Heimathdorf im Elsaß verwüstet ward , indeß ich im Kloster eine Zuflucht gefunden - sag ' t mir , was Ihr von ihr wißt ! « » Es ist doch besser , ich nehme das Geheimniß mit in das Grab , « sagte Amadeus nach einigem Besinnen ; » oder vielmehr ich behalte es darin - ich bin schon im Grabe ! - Ulrich , wenn es sich Dir jemals entschleiert , so mache Dir dennoch keinen Vorwurf , daß Du mich in dies Grab gebracht ; es ist eine Sühne für meine Schuld und Rache für Deine Mutter ; Du warst berufen dies Amt zu vollstrecken - ich will meine Hand segnend auf Dein Haupt legen . Du hast es nun schon gehört , daß es nicht gemeine Bestialität meiner Natur war , die mich den Frevel an dem Heiligthum begehen hieß , für den Du so entsetzlich strafende Worte hattest , daß ich erst in diesem Augenblick , da Du sie sprachst , fühlte , ich habe wirklich eine Schandthat begangen . Es war ein Frevel und eine Verirrung - aber in dem Augenblick einer ungezügelten Sehnsucht überlegt man weiter nichts , als daß man das Mittel wählt , was sie am sichersten zu befriedigen verspricht . Ich erreichte meinen Zweck , ich durfte gen Nürnberg zum Propst Anton Kreß gehen und Dich von ihm zur Arbeit erbitten - es ahnte mir nicht , daß ich damit einen doppelten erreichen würde : daß Du das langersehnte Ende meines Lebens herbeiführen werdest ! « Ulrich antwortete : » Amadeus ! hier hört uns Niemand , Konrad ' s Verschwiegenheit bin ich sicher ; wahrscheinlich versteht er uns nicht einmal - er steht dort fern , um zu wachen , daß uns Niemand entdeckt - ich weiß von dem , was Ihr mir nun verschweigen wollt , zu viel , um die Ruhe finden zu können , die Ihr vielleicht denkt mir durch Euer Schweigen zu bewahren , und wieder zu wenig , um in irgend einer Gewißheit gegen das Quälende meiner Ahnungen einen Trost zu finden - was wißt Ihr von meiner Mutter ? warum nehm ' t Ihr Antheil an mir ? « » Weil ich glaube , daß Du mein Sohn bist ! « rief Amadeus ; » nun weißt Du es ! « fügte er erschöpft hinzu . Ulrich zuckte zusammen und unterdrückte mühsam einen Schrei . Nun müßt Ihr Alles sagen , « sagte er tonlos . » Vor achtundzwanzig Jahren , « sagte Amadeus , » war Amadeus von Wildenfels ein stolzer feuriger Ritter , als er bei einem Reichstag in Kostnitz die liebreizende Ulrike Kreß kennen lernte , die dort als eine alleinstehende Verwandte in der Familie lebte , in deren Haus er wohnte . Ein Vierteljahr hatten sie sich täglich gesehen und mehr und mehr geliebt ; obwohl der Ritter wußte , daß die Seinigen einer Verbindung mit einer Bürgerlichen entgegen sein würden , so verlobte er sich doch mit ihr und versprach , sobald er aus dem Kampf , in den er eben mitziehen mußte , heimkehren werde , sie zum Altar zu führen . Aber in der Aufregung der Trennungsstunde nahmen sie das dann verheißene Glück voraus . - Ein Jahr verging , ehe der Ritter zurückkehren konnte . Er fand Ulrike , die eine Waise war , nicht mehr in Kostnitz ; von der Familie , bei welcher sie gewohnt , erfuhr er nur , daß sie vor einem halben Jahr dieselbe verlassen habe , und daß man ihr auch nie wieder die Aufnahme in sie gestatten werde , weil sie sich derselben unwerth gemacht . - Ueberall forschte ich vergeblich nach ihr ; von einem gemeinschaftlichen Bekannten hörte ich einmal , daß man etwa vor einem halben Jahre eine weibliche Leiche im Rhein gefunden habe , und daß man glaube , es sei Ulrike gewesen , die sich , um der Schande zu entgehen , den Tod gegeben . Verzweiflungsvoll irrt ' ich noch immer umher nach ihr fragend und suchend , aber nirgend erhielt ich eine andere Antwort . Ich entsann mich , daß sie einen Bruder Anton gehabt hatte , der Geistlicher war - ihn fand ich endlich in Worms , aber es ging ihm wie mir : er wußte auch nichts von seiner Schwester . « Ulrich hörte mit äußerster Spannung zu und sagte : » Meine Mutter war eine geborene Waise - « » Höre weiter ! « sagte Amadeus . » Jahre vergingen , und man sagt ja , daß die Zeit jeden Schmerz heilt . Ich heirathete ein ebenbürtiges Edelfräulein , das mich zärtlich liebte und das ich glücklich machte . Ich selbst war es wohl auch einige Zeit - aber das Umhertreiben in Kampf und Gefahr in allen Landen war mir lieber , als daheim auf meinem Schlosse zu sitzen bei Weib und Kind . So kam ich auch einst an der Spitze einer Schaar in das Elsaß , und dort gab es bei einem Dorfe ein Gefecht , welches dasselbe ganz verwüstete . Wer kampffähig war , mußte mitziehen , und die Frauen , die unsern Leuten gefielen , wurden auch nicht geschont . Da hört ' ich den Namen Ulrike - in der dürftigen Tracht einer Bäuerin erkannt ' ich die Geliebte meiner Jugend nach zehn Jahren der Trennung wieder und sie erkannte mich . Die Zeit und Alles , was inzwischen geschehen , versank vor uns - wir hatten Beide einander für todt beweint - wir lebten und hatten uns wieder ! So wunderbar zusammengeführt , gehörten wir einander an . Ich erfuhr von ihr , daß ihr ein halbes Jahr nach der Trennung von mir die Kunde gekommen , daß ich im Kampf geblieben sei , und daß sie verzweiflungsvoll von ihren gegen sie wüthenden Verwandten in die weite Welt geflohen sei - um den Tod zu finden . Wohl war ihr oft die Versuchung gekommen , Hand an sich selbst zu legen , aber gerade um ihrer Mutterschaft Willen hatte sie ihr widerstanden . So war sie immer rheinab gepilgert , arbeitend oder bettelnd , je nachdem es gekommen . In einem Stall , auf einem Meierhof im Elsaß , wo man sie mitleidig aufgenommen , hatte sie einen Knaben geboren . Dort durfte sie eine Zeitlang bleiben , und so viel es ihre Kräfte erlaubten , mitarbeiten . Ein Bauernbursche , der auch hier arbeitete , fand Wohlgefallen an ihr ; in seiner Heimath hatte er eben ein kleines Grundstück geerbt , und da er es ohne Frau nicht bewirthschaften konnte , so fragte er die fleißige Ulrike , ob sie mit ihm ziehen wolle , sie wollten sich hier trauen lassen und er ihr Kind als das seine anerkennen - in seinem Dorfe wisse man viel , ob sie schon ein Jahr verheirathet wären oder nicht . Mußte sie es nicht als ein Glück betrachten , so sich vor Schande bewahrt und die Zukunft ihres Knaben gesichert zu sehen ? Freilich war es ein großer Schritt abwärts aus dem höheren Bürgerstande , dem sie angehört , zu der niedern Frau des rohen Bauers , die sie nun ward . Aber sie fühlte sich ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft - sie mußte froh sein , wenn sie in dieser untersten Stufe ihr wieder angehören konnte . Sie wollte auch todt und vergessen sein für Alle , die sie sonst gekannt - so war sie dessen am gewissesten , und alles Leid , das ihr nun das Leben noch zu bieten wagte , das betrachtete sie als Strafe und Buße für ihren Fehltritt . Glücklich war sie keinen Augenblick gewesen , außer durch ihr Kind , das ihr einziges blieb . Ihr Mann hatte sie später viel mißhandelt und gepeinigt . So bekannte sie mir - so fanden wir uns in der alten Liebe . Es war leicht , sie von ihrem Peiniger zu befreien ; gegen hohen Sold ging er mit uns - er willigte darein , sich von Ulriken zu scheiden und nie wieder in das Elsaß zurückzukehren . « Amadeus holte tief Athmen , Ulrich faßte seine Hand und sagte : » So seid Ihr mein Vater ! « » Wenn das die Geschichte Deiner Mutter ist , « sagte Amadeus , » nur das wußt ' ich nicht gewiß - « » O es trifft Alles , « sagte Ulrich , » bis auf jenen Namen . « » Sie hatte ihren Geschlechtsnamen verändert , auch ihr Mann hat nie ihren wahren erfahren , und den meinigen nicht eher , als bei meiner Rückkehr , da ich sie von ihm forderte - kaufte . « » Weiter - was ward weiter ? « bat Ulrich . Jetzt kam Konrad , blies die Lampe aus und sagte : » Man kommt , wir müssen fort . « Ulrich warf seinen Meißel durch die Oeffnung und sagte : » Der Sohn muß den Vater befreien ! Hier - meißele von innen die Steine locker - in ein paar Nächten komme ich zurück und befreie Dich . « » Fort , fort ! « drängte Konrad . So schnell es in der Dunkelheit und bei den verwickelten Wegen ging , eilten die Beiden zurück . » Nun weißt Du es , daß Dein Geschick das meinige ist ! « sagte Ulrich leise zu ihm . » O hättest Du es doch nie erfahren ! « jammerte Konrad , » hätte ich Dich doch nicht hierher geführt und Amadeus wäre damit gestorben . « » Nein , er darf hier nicht sterben und verderben ! « rief Ulrich , » und wenn es dadurch gleich die ganze Welt erführe und alle Schmach mich träfe : ich kann nicht hierher gekommen sein , um der Mörder meines Vaters zu werden - ich muß sein Retter sein ! « » Still jetzt ! « gebot Konrad . So erreichten sie wieder Ulrich ' s Thür . » Sinn ' auf Mittel , wie wir ihn retten - und habe Dank ! « sagte er zu Konrad ; » ich habe viel gehört - aber das Ende noch nicht ! « » Ich will sehen , was ich thun kann - armer Bruder ! « sagte Konrad . So schieden sie . Der folgende Tag verging für Ulrich peinlich wie die Nächte . Konrad flüsterte ihm zu , daß es ihm erst am dritten Tage möglich sein werde ihm beizustehen . Ulrich war wie im Fieber . Wenn sein Vater indeß stürbe ? - und wenn auch nicht , wie sollte der Plan der Rettung gelingen ? Immer machte er einen neuen , und verwarf ihn wieder , weil irgend ein unüberwindliches Hinderniß oder ein Mangel dabei war . Gern wagte er sein Leben selbst - was war es ihm jetzt ? vielleicht war es in Kurzem dem Schimpf und der Schande geweiht - seine That selbst , ein Wort von Amadeus konnte verrathen werden und ihn verrathen ! - Konrad hatte Recht : wenn Amadeus hier starb , so war mit ihm sein Geheimniß vermauert - draußen , ein flüchtiger , von Kerker und Alter geschwächter Mann , konnte es mit ihm selbst leicht an den Tag kommen . Und war ihm denn dieser Mann , der seine Mutter unglücklich gemacht und den er nie gekannt hatte ? Und war es denn wirklich seine , Ulrich ' s , Schuld , daß er hier für den Frevel litt , den er ja in der That begangen ? Hatten nicht Hieronymus und Konrad gleich ihm die Untersuchung gefordert ? Der Versucher rief diese Frage in Ulrich auf ; aber sein Gewissen und der Ruf der Natur sprachen gleichzeitig : Hebe Dich weg ! Lieber unschuldig leiden für eine fremde Schuld , als sich selbst vor äußerm Unglück schützen durch das Aufsichladen einer eigenen Schuld . Eines Morgens meldete ihm der Pförtner , daß drüben im Oeconomiegebäude Leute wären , die nach Ulrich von Straßburg fragten . Mitten in der Nacht wären sie ganz erfroren angekommen und hätten um Obdach gebeten , das man ihnen auch nicht verweigert - obwohl sie Juden wären , Vater und Sohn . Da sie gehört , daß er hier sei , hätten sie nach ihm verlangt . Ulrich war zwar wenig erbaut von dieser Nachricht , die ihn in ein zweideutiges Licht setzte ; aber er ging , denn er gedachte des Ringes , den er gefunden und an einer Schnur sich umgehangen - ja er erzählte gleich dem Pförtner ohne Weiteres , daß sie wahrscheinlich wüßten , daß er einen Ring gefunden , den die Juden vor seinem Haus verloren , und den er noch nicht abgegeben , weil auch er seiner Sache nicht gewiß sei . Man hatte den Juden nicht in der allgemeinen Herbergsstube Quartier verstattet , sondern nur auf einem Heuboden . Dort fand Ulrich den Vater Ezechiel und seinen - Sohn ; aber in der Männertracht erkannte er Rachel . Die Unterhaltung kam schnell zu Stande . Nach Rachel ' s erster Frage nach dem Ringe ließ er sich denselben von ihr beschreiben , und da die Beschreibung paßte , lieferte er ihn sogleich aus . Ezechiel war überglücklich und redete etwas von Finderlohn . Ulrich wies das stolz zurück und wollte sich entfernen - da fiel sein Blick auf ein Bündel , das der Jude neben sich liegen hatte , dachte daran , wie derselbe immer einen Trödlerkram mit sich zu führen pflegte - ein Gedanke schoß plötzlich in ihm auf ; aber ehe er ihn noch ausgesprochen , begann Ezechiel : » Wir sind Euch verpflichtet zu gar so viel Dank - Ihr solltet uns nicht halten für zu schlecht , ihn Euch abzutragen . Hab '