eine Liebe ? hatte die Stimme noch scheuer gefragt ; aber deutlicher kannte er die Sprecherin schon , als er das Wort gesprochen : Durch Entsagung ! ... Er hatte diese Stimme schon oft gehört , wenn er die ihm so dringend empfohlene Gräfin Paula besuchte . Er hatte ihr Interesse beobachtet , ihr Erglühen , wenn er nahte , ihre Eifersucht auf Paula . Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt , ausgerüstet auf die schwierigsten Fälle , die die Moraltheologie für das wichtigste und schwerste Amt des Priesters vorhergesehen , ausgerüstet auf alle Vorkommnisse der Herzenserleichterung , auf Ausreden und Ausweichungen aller Art , auch auf jene Zudringlichkeit der Mittheilung , die eine der lästigsten Erfahrungen gesuchter Seelsorger ist , auf die Plaudersucht , auf die Geheimnißkrämerei , auf ein sich mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde Vertraulichkeitssucht , ja auf die Eitelkeit auf die Sünde - er kannte alles , was sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu enthüllen pflegt ; - aber daß ein zitternder , ihm bekannter und mit fühlbarem Athem sprechender weiblicher Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder , der ihn erbeben machte , davon in dieser Lage reden konnte , das war sogleich die stärkste Prüfung gewesen , die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen ! war die Aufforderung Lucindens gewesen . Er hatte sie ermahnt zum innern Gebet . Kennen Sie das innere Gebet ? ... Nein ! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt , die Ausmalung Ihrer Betrachtungen , als wären Sie bei dem , was Sie lesen , gegenwärtig ! Wählen Sie dazu das Gebet des Herrn im Garten von Gethsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der Darstellung , wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet ! Setzen Sie diese innern Betrachtungen über diese eine Stelle der Leidensgeschichte so lange fort , bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist , die Sie an der Kirchenthür draußen kaufen mögen ! ... Dann sprach er sein Absolvo und die Gestalt , die er nicht gesehen , war verschwunden . Zur Mehrung aber seiner harten Prüfungen , und doch ihn unendlich beglückend , kniete auf der andern Seite dann als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen ihrer freien Tage nützend , sein erstes Beichtkind sein wollen ! ... Lucinde war ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder , die ihr zuweilen im Traum erschienen . Ich habe verboten , liebe Comtesse , erwiderte er , daß man Ihnen wiedererzählt , was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer Nerven im Schlafe sprechen ! ... Es geschieht doch ! erwiderte sie , und ich hör ' es zu gern und es ängstigt mich ! ... Auch hier verließen Bonaventura gleich im Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorgänger in der Kunst der Ertheilung geistlicher Rathschläge ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lücken , die ihre reiche Vergangenheit für die reichere Gegenwart offen lassen muß ! Was soll sie sagen , wenn nicht die großen Männer der alten Kirchengeschichte , ein Gregor , ein Bernhard von Clairvaux in Dingen , die diese begreifen konnten , zu ihr sprechen , sondern solche neueste Erlasse der päpstlichen Curie , bei denen man immer fürchten muß , Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an und ringen im Kampfe ! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen Pönitentiarie noch Streitfrage ; jetzt hat ihn ein Erlaß derselben verworfen . Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an das Hochgefühl der Märtyrer und sagte , wie einst der arme verbitterte Schauspieler Serlo gesagt hatte , daß man Freude empfinden dürfe an sich selbst , setzte aber hinzu , nur müsse man über jedes Verdienst die Ehre Gott geben . Um die ihm unendlich werthe junge Freundin von der gefährlichen Sehergabe , deren Ruf schon die ganze Stadt erfüllte , ja die ihn selbst zum Spott der Neider und Feinde , die er schon hatte , sogar mit dem Bischofshut geschmückt hatte , zu heilen , rieth er ihr an , kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen , auch kein einziges Werk der nur den religiösen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu üben , sondern weltliche Schriften und weltliche Beschäftigungen - - So hatte er in wahrhafter Versuchung und wie zwischen » Himmel und Hölle « damals in der Mitte das wichtigste Werk seines Berufs begonnen , sich selbst darauf eine schwere innere geistliche Strafe für etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ... und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr überhaupt , das er noch in jener Stadt verleben mußte , wie mit einem einziges schrillen Septimenaccord durch seine Seele . Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller , kam die alte Renate , die Wirthschafterin , und ließ ihre Gebäcke duften - sie hatte für beiderlei Geschmack gesorgt : Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch - wurden die Stühle herangerückt und die Plätze vertheilt und auch schon der Kork einer Weinflasche wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben faßt oft das Unscheinbarste in Gold und Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers Innern in Kupfer und Blei ! Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich , daß Lucinde einen Wagen finden würde , der sie morgen früh nach Kocher am Fall bringen sollte . Benno und Hedemann erklärten sie begleiten zu wollen . Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppentheils , zu dem er gehörte , einige Tage zu stellen ; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Theuerung und einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt . Er erklärte sich davon um so befriedigter , als er bei einem der ersten Advocaten der Gegend , in der Residenz des Kirchenfürsten der Provinz , arbeitete und seine juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien . Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zurück und auf deren Verfasser . Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit , sich über die Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln . Lucinde hatte , noch ehe sie sich zu Tisch gesetzt , schon mit Renaten einen Strauß angebunden über einen Spiegel , von dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte . Frau Renate bemerkte diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ... Morgen wäre Putztag und das Fräulein brauchte sich nicht zu incommodiren , sagte sie spitz ... Lucinde replicirte , sie möchte sich beruhigen , ein Spiegel könne ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf wiederum Renate : Ei sie möchte doch nicht glauben , daß sie die einzige Dame wäre , die hier schon vorgesprochen ! ... Benno , dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens für seinen Cousin bald übersah , flüsterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort Mephisto ' s zu : » Du ahnungsvoller Engel du ! « Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt . Ihr Deckel warf einen dunkeln Schattenring über die Mienen der dem bescheidenen Mahle Zusprechenden . Renate saß nicht darunter , wohl aber Hedemann . Dieser war , wie der Knecht beim Bauer , wie der Edelknappe beim Ritter , Diener und Freund zugleich , ganz im Charakter jenes Landes , das nach Benno ' s Erzählung im Höhenrauch seinen ewig blauen ionischen Himmel findet . Hedemann durfte ebenso das Wort führen , wie er auch das Brot vorschnitt . Von den Italienern , die durch den Ort durchgefahren waren , sagte er : Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden ! Hedemann ! rief Benno . Mit ihren Waaren ! Gegenstände heiliger Verehrung Waaren ! Man sieht , wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben ! Hoffentlich kehren Sie an Porzia ' s Hand zur Rechtgläubigkeit zurück ! Bona , hast du nicht noch eine alte italienische Grammatik übrig ? Ich glaube , Hedemann verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana . Porzia Biancchi scheint es ihm angethan zu haben ! Lucinde schürte den Scherz und erbot sich , da Hedemann in Kocher am Fall wohnte , wenn er wollte , zum förmlichen Unterricht . Hedemann erwiderte seufzend : Ein Schüler von fünfundvierzig Jahren ! Wer mit fünfundvierzig Jahren noch lieben kann , ist zu allen Dingen gelehrig ! erwiderte Lucinde , die ein sittsames Verschleiern und nur leises Berühren zarter Gegenstände nicht in ihrer Art hatte . Hedemann verweilte in der That mit Antheil bei den Lebensverhältnissen dieser Italiener , bei ihrer leichten Art , das Leben aufzufassen , ihrer Kunst , wo und wie nur irgendmöglich , dem Leben Gewinn zu entlehnen , und wieder kam er bei der Thatsache an , daß sie eigens wären aufgefordert worden , gerade jetzt ins Land zu wandern und überall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten Preisen anzubieten . Nun ja , sagte Bonaventura , gerade jetzt , wo man wieder beweisen muß , daß es in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist , die Märtyrerkrone gewonnen zu haben ! Durch eine Ideenverbindung , die nicht ausgesprochen zu werden brauchte , weil jeder sie für sich selbst ergänzte , kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen Lebens überhaupt . Hedemann fragte , ob nicht Bonaventura der morgenden , zu Kocher am Fall stattfindenden Besprechung einer großen Anzahl von Geistlichen beiwohnen würde ? Bonaventura erwiderte zögernd mit der einfachen Frage : Bei Beda Hunnius ? Sein Vetter verstand , was er sagen wollte , und unterbrach die Angabe der Gründe , warum sich der Pfarrer solchen Verschwörungen gegen die Regierung entzöge , mit den parodirten Worten des Tell : Doch , was ihr thut , laßt ihn aus eurem Rath ! Er kann nicht lange prüfen oder wählen ; Bedürft ihr seiner zur bestimmten That , Dann ruft den Tell , es soll an ihm nicht fehlen ! Diese Worte erheiterten die etwas gedrückte Stimmung . Auch Bonaventura sagte mit einem Lächeln , das seinen Zügen einen unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Güte gab : Hätt ' ich gedacht , daß ich heute noch bei Erwähnung der Schweiz lachen würde ! Den ganzen Tag über war ich in die Erinnerungen verloren , die sich an unsern alten braven Mevissen knüpfen ! Das bereits gleich nach erster Begrüßung von Benno und Hedemann berührte Thema wurde aufs neue aufgenommen . Man sah , daß es sich um den Tod eines Mannes handelte , der einer ganzen , weitverzweigten Familie werth gewesen war . Da er aber auch an den Tod Friedrich ' s von Asselyn , des Vaters Bonaventura ' s , Gemahls der jetzigen Frau von Wittekind-Neuhof , erinnerte , so konnte sich niemand gedrungen fühlen , bei dem Gegenstande allzu lange zu verweilen . Nur Lucinde ... diese hatte schon seit lange das System , keine Wunde zu schonen , keinen Schmerz zu umgehen , alles gerade so zu nehmen , wie es ist . So sprach sie auch hier , ohne die geringste Besorgniß , ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen . Ich höre ja auch , daß dieser Mann in einem Sarge begraben ist , den er sich selbst gezimmert hat ? Ja , sagte Bonaventura , er fing diese Arbeit an nach einer Predigt , die ich am letzten Allerseelentage hielt ! » Wir leben den Tod ! « - diesen Spruch eines Weisen behandelte ich und ich mag es wol in zu lebhaften Bildern gethan haben ! Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmäßige Rhetorik in ein großes Leichentuch . Die Sterne waren die silbernen Verzierungen desselben , der Mond die Krone auf dem Grabe , ja alle Blumen , selbst die Rosen und Lilien , verwandelten sich in Palmenzweige und Todtenkränze . Von da an traf ich ihn in seinem Höfchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal über den Zaun fragte , was es geben sollte , war ' s erst ein Bett ; am Tage darauf sah ich , daß es ein Sarg wurde . Nun mußte man ihn in seiner Grille gehen lassen . Das Alter läßt sich nicht viel mehr von seinen Vorsätzen ausreden , am wenigsten den Ausdruck seines Kummers . Unwillkürlich mußte Lucinde bei diesen Worten ihres Pavillons in Schloß Neuhof gedenken und der alten Stammers , bei denen sie gewohnt hatte . Auch Hedemann nickte Beifall ... Benno wandte sich , nach dessen Aeltern zu fragen ... den Aeltern eines Fünfundvierzigjährigen ... Um die aus ihr unbekannten Ursachen nach wenig ausweichenden Worten entstehende drückende Stimmung freier zu machen , erwähnte Lucinde das im Weißen Roß vernommene Gerücht von Schätzen , die wol gar der alte Mevissen könnte mit sich genommen haben . Dafür erntete sie aber eine strafende Erwiderung der gerade im Abräumen begriffenen Renate . Ei was , sagte diese , wer spricht denn solche Lästerungen nach ! Schätze mit ins Grab nehmen ! Wer nur das gottlose Gerücht aufgebracht hat ! Sein ganzer Schatz ist sein gutes Herz gewesen ! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz ... und wenn man in den Wirthshäusern anders spricht , sollt ' es wenigstens hier bei einem geweihten Priester nicht wiederholt werden und über einen solchen Schimpf so still bleiben wie drüben - im Grabe ! Mit der peinlichen Stille , die auf diese entrüsteten Worte Renatens , die gleichfalls eine alte Dienerin des Hauses Asselyn gewesen war wie der Verstorbene , folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden sollte , um der so abgetrumpften Lucinde eine Genugthuung wenigstens des Anstandes zu geben , stand in fast gespenstischem Widerspruch ein Klopfen , das plötzlich vernommen wurde . Frau Renate , die am ehesten gegen die Voraussetzung einer unheimlichen Thatsache hätte gerüstet sein sollen , ließ vor Schreck fast einen ihrer Teller fallen . Hedemann und Benno waren schon aufgestanden . Sie gingen ans Fenster , wo sich das Pochen erneuert hatte . 4. Der am Fenster Pochende war aus dem Stern der Gensdarm gewesen . Der Wachtmeister ! hieß es schon beruhigter . Der ganze kleine Kreis kannte ihn . Was bringen Sie uns , Herr Grützmacher ? fragte Bonaventura , während man schon die Hausthür öffnete . Der eintretende Gensdarmenwachtmeister Grützmacher bildete in seiner wohlgenährten breitschulterigen Gestalt , seinem blondgrauen Knebelbart , glänzend gebräuntem Antlitz , seinem klirrenden Sarras und seinem Helm zu dem stillen Abendimbiß eines katholischen Priesters einen schroffen Gegensatz . Daß Herr Grützmacher sich auf einem Standpunkte wußte , der selbst bei gering nachhaltender Kraft seiner Katechismuserinnerungen , bei etwas gründlich vergessener Geometrie aus seiner , als er noch bei der Artillerie stand , weiland besuchten Compagnieschule , bei einem dunkeln Gefühl verklungener Sagen über die Lehre von den Brüchen benannter und unbenannter Zahlen , dennoch unendlich erhaben war über die Sphäre , in welche er Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner wichtigen Function hier eintrat , lag auf der Hand . War doch allen denen , die z.B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amthause wie einst die ghibellinischen Landsknechte in Italien unter den conspirirenden Welfen saßen , ein gewisser Zug des Antlitzes gemeinsam , den man den einer stereotyp gewordenen Ironie nennen darf . Dieser Zug , der dem Gefühl der Toleranz gegen ein absolut sich Ueberlebthabendes entsprach , milderte sich hier und dort schattirte sich , ja mischte sich z.B. bei dem Chef des Herrn Grützmacher , bei dem Gensdarmeriemajor Schulzendorf , der die Tafel des Dechanten zu St.-Zeno mit einer außerordentlich feinen Zunge zu würdigen verstand , sogar mit einer Ergebenheit , die bis zu einer offenbaren Unterwürfigkeit gegen Römisches ging ... Denn wiederum ist es eine ganz eigenthümlich bestätigte Thatsache , daß jener aufgeklärte blonde , urewig beamtische Menschenschlag zwischen Elbe und Oder auf fremdem Boden seine Kraft nicht immer mit besonderm Geschick zu behaupten versteht . Im Glück leicht übermüthig , in Schwierigkeiten vor Uebermaß entweder des Muthes oder der Einsicht nicht selten unentschlossen bis zum Zaghaften oder klug bis zum Ueberklugen , läßt sich diese angeborene , alles wissende und alles könnende Art oft von dem Fremdartigen imponiren , ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller Sicherheit des steten Gutsagens für sich selbst oft schon in ältern und neuern Geschichten vollständig den Kopf verloren . Aber Grützmacher gehörte nicht zu diesem überläuferischen Geschlecht . Ihm war es nicht so ergangen wie hier manchem schon der aus dem Lande des absolut Blonden kam , in größerm oder kleinerm Umfange diese Länder , die mit Rom noch etwas enger verwachsen sind als durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi ' s , regieren sollte und die Festigkeit des Willens allmählich verlor , indem er seine rauhe Art an dem schönsten aller Ströme , an den sanftesten Thälern , fröhlichsten Menschen , an Burgen und Nebengeländen , und vor allem an dem » Chrisam « , zu dem alle Menschen geschworen haben , selbst die Türken und Heiden , der Blume des köstlichsten Weines , abmilderte . Aus vielen Gründen sollte ja gerade jetzt dem unverbesserlichen Geiste dieser Provinzen nicht geschmeichelt werden , sollte keine Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen der Behörden ungerügt bleiben . Der Wachtmeister von Kocher am Fall , ohnehin ein geborener Jüterbogker , aus dem Lande , wo Tezel einst seinen Ablaßhandel so empfindlich abgebrochen bekam , hielt unter allen römischen Verführungen einen festen protestantischen Widerstand , obgleich er nur auskommen mußte mit monatlich 20 Thalern Löhnung , etwas Montirungsgeld und einem jährlich durch 80 Thaler » gutgethanen « , d.h. selbst zu stellenden Pferde . Sich umsehend und die für einen ehelos lebenden Geistlichen immerhin anmuthig gemischte Gesellschaft mit jüterbogker Anti-Ablaßironie würdigend , sagte er , es fiele ihm doch sehr auf , daß im Wirthshause die Leute beisammen säßen und von dem Begräbniß des alten Mevissen in einer Weise munkelten ... Ob er denn hier laut sprechen dürfte ? unterbrach er sich selbst . Herr Wachtmeister ! sagte der Geistliche , Sie brauchen hier auf niemand Rücksicht zu nehmen ! Herr Grützmacher wiederholte nun die Vermuthung , die bereits am Fuße der Maximinuskapelle Lucinde ausgesprochen . Dieselbe Vermuthung war entweder durch den Knecht aus dem Weißen Roß hierher verpflanzt worden oder war aus den Köpfen der Bewohner von St.-Wolfgang selbst entstanden . Ist es mit dem Sarge , schloß Grützmacher , nicht richtig , Herr Pfarrer , na , so erleben wir die Nacht Unrath ! Wie so ? Was erleben wir ? fragte Bonaventura . Na ! Na ! lautete des Wachtmeisters vieldeutige Antwort . Sie glauben , daß der Sarg erbrochen wird ? hieß es allgemein . Na natürlich ! war die Antwort jüterbogker Logik . Und es würde doch schade » sind « , fuhr Grützmacher , sich den Knebelbart streichelnd , fort , wenn man » det olle Männiken « da unten in der ewigen Ruhe stören wollte ! Gewiß ! sagte Bonaventura ernst , bestritt aber sowol die Annahme , daß der alte Diener seines Vaters mehr besessen hätte , als was ihm von den Seinigen zufloß , wie die Möglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in seiner Gemeinde . Hören Sie mal , Herr Pfarrer , bestritt Grützmacher mit größerer Entschiedenheit , det alte Männiken soll oft was aus Italien ' rausgekriegt haben ! Der Wirth vom Stern als Posthalter thut auch so und druckst als wenn er manchmal gar von Papstens - bitte um Entschuldigung , Herr Pfarrer - eine Anweisung auf hundert Zecchinen , heißt es ja wol in Rinaldo Rinaldini , herausgekriegt hat ... Und was wünschen Sie denn nun , Herr Wachtmeister ! fragte der Pfarrer , wider Willen lächelnd . Eine förmliche Räubergeschichte ! flüsterte Lucinde und Benno fiel ironisch ein : Was kann er wünschen als Kant ' s » Kritik der reinen Vernunft « ! Der Wachtmeister betrachtete beide Sprecher von oben bis unten . Lucinde , die jetzt in dem Wachtmeister fast einen alten Bekannten von Schloß Neuhof zu erkennen glaubte , beugte sich ins Dunkel nieder . Aber Benno betrachtend , musterte der Wachtmeister das militärische Kleid desselben und sagte nicht ohne Schärfe : Herr Musketier ! Wie meinen Sie das ? Herr Wachtmeister ! erwiderte Benno einlenkend und sich besinnend , daß er , wenn er zehnmal auch den Justinian studirt haben mochte , hier als Gemeiner einem Manne gegenübersaß , der ein silbernes Porteépée trug . Er griff wie zum Salutiren an die Stirn ... Ich meine , sagte er , Sie wünschen sowol den klaren Beweis , daß die Leute sich geirrt haben , wie die Vorbeugung eines polizeilichen Frevels ! Sie beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche ! Nimmermehr ! rief Bonaventura mit gerötheter Wange . Der Greis ist in allen Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren ! Er hatte den Sarg sich selbst gezimmert , hat darin aus einer Grille , die in seiner Frömmigkeit ihren Grund hatte , geschlafen ... Als er verblichen war , nahmen freundliche Hände - Da ! Ich brauche nur auf Frau Renate zu verweisen ! - ihn von seinem gewohnten Lager , ordneten die rohe Polsterung ... alle senkten wir ihn in die Grube mit dem Segen und den Weihen der Kirche ... wie kann ich jetzt um eines thörichten Wirthshausgeredes willen einen heiligen Vorgang gleichsam wieder rückgängig machen wollen ! Na ! Na ! Na ! Na ! beschwichtigte Grützmacher gutmüthig den Eifer des Geistlichen und die allzu düstere Auffassung . Warten Sie es doch ab ! vermittelte Hedemann . Abwarten , Hedemann ? Die Polizei soll vorbeugen ! sagte Grützmacher zu Hedemann fast vertraulich . Dann aber , um den Pfarrer nicht zu erzürnen und sich selbst beherrschend , fuhr er fort : Herr Pfarrer , überlegen Sie sich , was da am Ende das Beste sein wird ! Entweder Sie buddeln den » ollen Jungen « selber heraus oder es thun ' s hernach andere ... Und geschieht dieses , na dann , dann sehen Sie , krieg ' ich wieder ' ne Nase - so lang , wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate ! Sie sind ein vortrefflicher Staatsdiener , Herr Wachtmeister ! sagte Benno . Ja , Herr Musketier , erwiderte der Wachtmeister , der Ironie nicht achtend , sagen Sie lieber , ich habe blos Nachsicht mit dem Herrn Pfarrer , weil er früher selber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant ! Fähnrich ! Fähnrich ! verbesserte Bonaventura . Weiter bracht ' ich es nicht , Wachtmeister ! Jetzt bin ich noch immer Fähnrich ! Ich trage die Fahne meiner Kirche ! Den scherzhaften Ton der Erwiderungen festhaltend , trat Grützmacher dem Pfarrer näher , klopfte ihm auf die Schulter und sagte wie in intimster Vertraulichkeit ; Lassen Sie ihn ausbuddeln ! Was ? Nein , lieber Wachtmeister ! Ich bekomme eine Nase wie wegen Jubilate - Ich theile sie dann ... Sie haben gut theilen ! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage ! Je mehr Sie von uns Nasen kriegen , desto schöner stehen Sie auf dem seiner Conduitenliste ! Aber unsereins ! Fünf lebendige Kinder ! Eine kränkliche Frau ! Zwei hintereinander gefallene Pferde ! Das bringt einen Gensdarmen Matthäus am letzten ! ... Buddeln Sie ihn aus ! Wachtmeister ! Sie hätten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden sollen ! sagte Bonaventura . Ne , Herr Pfarrer ! Warum ewig die Stänkereien machen ! Man hätte dann oben gesehen , wie die Leute es aufnehmen , wenn wir Feiertage bekommen , die gar nicht in unserm Kalender stehen ! Also danken Sie mir ' s nicht einmal ? Machen Rebellion und ich zeige Sie nicht an , Herr von Asselyn ? Sie wissen , wie gut wir in Kocher standen , als Sie bei uns Kaplan waren ! Neulich sagte noch Frau Ley - lieber Gott , das arme Twall1 wird nicht mehr lange machen ! - als die Rede davon war , daß sie schon ein Dutzend mal gethan hat als wenn sie sterben wollte : Ich wache auch nur darum immer wieder » uf « , weil mir ' s ist als müßt ' ich die letzte Zehrung ( so heißt ' s ja wol ? ) vom Herrn von Asselyn , d.h. junior ... bekommen ! Senior - dem wünsch ' ich ' s nicht , daß Mutter Ley sich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens , wo die Federn am wärmsten sind ! Ihre freundliche Gesinnung thut mir und uns allen sehr wohl , lieber Herr Wachtmeister ! sagte der Pfarrer und gab Grützmachern die Hand . Aber melden Sie nur ruhig meine Fehler ! Es ist trostlos genug , daß alle Schwächen , alle Gebrechen , die , da wir alle Menschen sind , bei den Geistlichen von sieben Millionen Katholiken nicht ausbleiben können , an den Centralsitz eines andersgläubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden zum Amusement Ihrer Consistorialräthe ! Können wir etwas dafür , daß die Leute jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchthüren stehen und lärmen und sich weigern dem Rufe der Glocken zu folgen , und Drohungen ausstoßen , die ich diesmal erst beschwichtigte , als ich im Ornat unter sie trat und ihnen sagte : Ein Hochamt ist zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unsere Knie dann gewiß beugen , wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und Hagel bitten wollen ! Da kam aber , fuhr Grützmacher fort , mein Kamerad Müller von Stockhofen drüben und hörte , wie geschrieen und gelärmt wurde und wie sie riefen , daß die richtige Hagelschadenmesse erst in ein paar Wochen stattfände und wie sie sich von Ketzern keine Feiertage vorschreiben ließen ! Ich ritt gerade auf Inspection durch , bekomm ' s von Müllern brühwarm , soll ' s » pläng carrière « Landrathn anzeigen und hab ' das nun nicht gethan ! Wie gesagt , die Nase war so lang ! Und deshalb ... buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen ' raus ! Thun Sie mir ' s zu Liebe ! Bonaventura bot Grützmachern wiederholt die Hand , dann auch ein Glas Wein , blieb aber bei seiner Weigerung . Grützmacher hatte schon lange Lucinden fixirt . Und noch mehr , als diese mit einer fast herausfordernden Miene sagte : Was ist denn aber das ? Ein neuer Feiertag ? Benno erklärte : Es ist merkwürdig mit unserm allergnädigsten König und Herrn ! Es ist gewiß ein ganz vortrefflicher Monarch und man muß ihm nachsagen , daß er für sein tragisches Schicksal von 1806 bis 1813 die gegenwärtige Heilige Allianz-Ruhe verdient hat ! Aber wenn er sie doch nur mit seinem herrlichen Kriegsheer , seinen schönen Bauten und seinem vortrefflichen Theater allein genießen wollte ! Metternich sorgt ja für Schlummer in der ganzen Welt ! Was muß denn nun ewig unsern König so der Geist Gottes drängen , wie ein byzantinischer Kaiser , den Theologen zu machen ! Daß er in seinem ehrenwerthen Glauben die Gegensätze , die dreihundert Jahre alt sind , beim Läuten der Reformationsglocken 1817 versöhnt zu haben meinte und auch einige versöhnte , ist an sich ganz brav von ihm ; nun aber glaubt er , wenn man nur schön gebunden die neue Agende auf die Altäre legt , so wäre sie auch deshalb ins Leben getreten und überall eine Wahrheit geworden ! Meinetwegen drüben ! Aber hüben ? Ausgleichungen auch mit uns ? Sein Gemüth gefällt sich in dem Gedanken , neue Festtage zu erfinden , die in seinen sämmtlichen Staaten mit derselben Gesinnung zu gleicher Zeit gefeiert werden , z.B. einen Buß- und Bettag ! In seiner ganzen Monarchie soll zu einer einzigen gewissen Stunde , wie bei uns das Angelus gebetet wird bei Sonnenuntergang , so in allen seinen Staaten Kirche sein , sowol in den Garnisonskirchen , bei den Feld- und Divisionspredigern wie in unsern alten Domen und neuen Kapellen . Schmuggeln sie uns durch einfachen Gubernialerlaß einen Hagelschadenfeiertag in unser Kirchenjahr , nur damit der liebe sentimentale Herr in seinem Schloßgarten spazieren gehen und sagen kann : Heute zieht die ganze Natur und alle Menschheit in meinen Landen ihren alten Winterrock aus und legt sich äußerlich und innerlich neue Sommerbeinkleider an ! ... Und nach zehn Jahren werden wir wieder weiter kommen , glaubt er , und nach wieder zehn Jahren noch weiter ... und wenn alles gut geht , geben die Consistorialräthe ein bischen heraus und der Papst gibt ein bischen heraus und die schönen Unionstage , die einst Leibniz in Charlottenburg geträumt hat , gehen in Erfüllung ! Hören Sie mal , Herr Freiwilliger ! Herr Freiwilliger ! drohte Grützmacher mit künstlicher Entrüstung , indem er von seinem Portefeuille aufblickte , wo er in Papieren blätterte und mit scharfem Blick wiederholt auf Lucinden , diese musternd , gesehen hatte . Das ist ja gerade als wenn man einen langhaarigen Demagogen reden hörte von Anno Köpenick , Herr von Asselyn ! Das Gemüth regiert die Welt nicht ! warf Lucinde ein . Drei Monarchen stiften eine Heilige Allianz ! fuhr Benno fort . Schon ihre Minister standen damals hinter ihnen und putzten sich nur die Nase , während jene Thränen vergossen ! Grützmacher opponirte nicht länger . Er war die gutmüthigste Seele von der Welt und ohnehin zerstreut durch einige Notizen seines Portefeuilles . Endlich erschreckte er Lucinden nicht wenig , als er sie anredete : Na , Fräulein Schwarz ! Jetzt haben Sie doch wol endlich Ruhe vor uns von wegen dem Paß , den ich Ihnen , ich glaube schon vor sieben Jahren , immer bei Witoborn vergebens abverlangte ! Wissen Sie denn noch , auf Schloß Neuhof ! Na , was macht denn Excellenz der Kronsyndikus ? Und