sie ihren Wälderschmuck in höhere , todbringende Lüfte gehoben ? Oder hat sich der Boden geändert , oder waren die Gletscherverhältnisse andere ? Das Eis aber reichte einst tiefer : wie ist das alles geworden ? Wird sich vieles , wird sich alles noch einmal ganz ändern ? In welch schneller Folge geht es ? Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner Gewässer das Gebirge beständig zerbröckelt wird , wenn die Trümmer herabfallen , wenn sie weiter zerklüftet werden , und der Strom sie endlich als Sand und Geschiebe in die Niederungen hinausführt , wie weit wird das kommen ? Hat es schon lange gedauert ? Unermeßliche Schichten von Geschieben in ebenen Ländern bejahen es . Wird es noch lange dauern ? So lange Luft , Licht , Wärme und Wasser dieselben bleiben , so lange es Höhen gibt , so lange wird es dauern . Werden die Gebirge also einstens verschwunden sein ? Werden nur flache , unbedeutende Höhen und Hügel die Ebenen unterbrechen , und werden selbst diese auseinander gewaschen werden ? Wird dann die Wärme in den feuchten Niederungen oder in tiefen , heißen Schluchten verschwinden , so wie die kalte Luft in Höhen auf die Erde ohne Einfluß sein wird , so daß alle Glieder in unsern Ländern von demselben lauen Stoffe umflossen sind und sich die Verhältnisse aller Gewächse ändern ? Oder dauert die Tätigkeit , durch welche die Berge gehoben wurden , noch heute fort , daß sie durch innere Kraft an Höhe ersetzen oder übertreffen , was sie von außen her verlieren ? Hört die Hebungskraft einmal auf ? Ist nach Jahrmillionen die Erde weiter abgekühlt , ist ihre Rinde dicker , so daß der heiße Fluß in ihrem Innern seine Kristalle nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag ? Oder legt er langsam und unmerklich stets die Ränder dieser Rinde auseinander , wenn er durch sie seine Geschiebe hinan hebt ? Wenn die Erde Wärme ausstrahlt und immer mehr erkaltet , wird sie nicht kleiner ? Sind dann die Umdrehungsgeschwindigkeiten ihrer Kreise nicht geringer ? Ändert das nicht die Passate ? Werden Winde , Wolken , Regen nicht anders ? Wie viele Millionen Jahre müssen verfließen , bis ein menschliches Werkzeug die Änderung messen kann ? Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich , und es war , als wäre in mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen . Wenn ich gleich weniger sammelte und zusammentrug als früher , so war es doch , als würde ich in meinem Innern bei weitem mehr gefördert als in vergangenen Zeiten . Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist , so ist es die Geschichte der Erde , die ahnungsreichste , die reizendste , die es gibt , eine Geschichte , in welcher die der Menschen nur ein Einschiebsel ist , und wer weiß es , welch ein kleines , da sie von anderen Geschichten vielleicht höherer Wesen abgelöset werden kann . Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber wie in einem Schriftengewölbe in ihrem Innern auf , Quellen , die vielleicht in Millionen Urkunden niedergelegt sind , und bei denen es nur darauf ankömmt , daß wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechthaberei nicht verfälschen . Wer wird diese Geschichte einmal klar vor Augen haben ? Wird eine solche Zeit kommen , oder wird sie nur der immer ganz wissen , der sie von Ewigkeit her gewußt hat ? Von solchen Fragen flüchtete ich zu den Dichtern . Wenn ich von langen Wanderungen in das Ahornhaus zurück kam , oder wenn ich ferne von dem Ahornhause in irgend einem Stübchen eines Alpengebäudes wohnte , so las ich in den Werken eines Mannes , der nicht Fragen löste , sondern Gedanken und Gefühle gab , die wie eine Lösung in holder Umhüllung waren und wie ein Glück aussahen . Ich hatte mannigfaltige solcher Männer . Unter den Büchern waren auch solche , in denen Schwulst enthalten war . Sie gaben die Natur in und außer dem Menschen nicht so , wie sie ist , sondern sie suchten sie schöner zu machen , und suchten besondere Wirkungen hervorzubringen , Ich wendete mich von ihnen ab . Wem das nicht heilig ist , was ist , wie wird er Besseres erschaffen können , als was Gott erschaffen hat ? In der Naturwissenschaft war ich gewohnt geworden , auf die Merkmale der Dinge zu achten , diese Merkmale zu lieben und die Wesenheit der Dinge zu verehren . Bei den Dichtern des Schwulstes fand ich gar keine Merkmale , und es erschien mir endlich lächerlich , wenn einer schaffen wollte , der nichts gelernt hat . Die Männer gefielen mir , welche die Dinge und die Begebenheiten mit klaren Augen angeschaut hatten und sie in einem sicheren Maße in dem Rahmen ihrer eigenen inneren Größe vorführten . Andere gaben Gefühle in schöner Sittenkraft , die tief auf mich wirkten . Es ist unglaublich , welche Gewalt Worte üben können ; ich liebte die Worte , und liebte die Männer , und sehnte mich oft nach einer unbestimmten , unbekannten glücklichen Zukunft hinaus . Die Alten , die ich einst zu verstehen geglaubt hatte , kamen mir doch jetzt anders vor als früher . Es schien mir , als wären sie natürlicher , wahrer , einfacher und größer als die Männer der neuen Zeit , und als lasse sie der Ernst ihres Wesens und die Achtung vor sich selbst nicht zu den Überschreitungen gelangen , welche spätere Zeiten für schön hielten . Ich trug Homeros , Äschylos , Sophokles , Thukydides fast auf allen Wanderungen mit mir . Um sie zu verstehen , nahm ich alle griechischen Sprachwerke , die mir empfohlen waren , vor und lernte in ihnen . Am förderlichsten im Verstehen war aber das Lesen selber . Bei den Alten nahm ich Geschichtschreiber gerne unter Dichter , sie schienen mir dort einander näher zu stehen als bei den Neuen . Da geriet ich auch auf das Malen . Die Gebirge standen im Reize und im Ganzen vor mir , wie ich sie früher nie gesehen hatte . Sie waren meinen Forschungen stets Teile gewesen . Sie waren jetzt Bilder , so wie früher bloß Gegenstände . In die Bilder konnte man sich versenken , weil sie eine Tiefe hatten , die Gegenstände lagen stets ausgebreitet zur Betrachtung da . So wie ich früher Gegenstände der Natur für wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte , wie ich bei diesen Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war , wie ich ja vor kurzem erst Geräte gezeichnet und gemalt hatte : so versuchte ich jetzt auch , den ganzen Blick , in dem ein Hintereinanderstehendes , im Dufte Schwebendes , vom Himmel sich Abhebendes enthalten war , auf Papier oder Leinwand zu zeichnen und mit Ölfarben zu malen . Das sah ich sogleich , daß es weit schwerer war als meine früheren Bestrebungen , weil es sich hier darum handelte , ein Räumliches , das sich nicht in gegebenen Abmessungen und mit seinen Naturfarben , sondern gleichsam als die Seele eines Ganzen darstellte , zu erfassen , während ich früher nur einen Gegenstand mit bekannten Linienverhältnissen und seiner ihm eigentümlichen Farbe in die Mappe zu übertragen hatte . Die ersten Versuche mißlangen gänzlich . Dieses schreckte mich aber nicht ab , sondern eiferte mich vielmehr noch immer stärker an . Ich versuchte wieder und immer wieder . Endlich vertilgte ich die Versuche nicht mehr , wie ich früher getan hatte , sondern bewahrte sie zur Vergleichung auf . Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach , daß sich die Versuche besserten und die Zeichnung leichter und natürlicher wurde . Es war ein gewaltiger Reiz für das Herz , das Unnennbare , was in den Dingen vor mir lag , zu ergreifen , und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte , desto schöner wurde auch dieses Unnennbare vor mir selbst . Ich blieb so lange in dem Gebirge , als es nur möglich war , und als die zunehmende Kälte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar verbat . Im spätesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in das Rosenhaus . Es war zur Zeit , da in dem Gebirge schon mannigfaltige Schneelasten auf den Höhen lagen und das flache Land sich schon jedes Schmuckes entäußert hatte . Der Garten meines Freundes war kahl , die Bienenhütte war in Stroh eingehüllt , in den laublosen Zweigen schrillte nur noch manche vereinzelte Kohlmeise oder ein Wintervogel , und über ihnen zogen in dem grauen Himmel die grauen Dreiecke der Gänse nach dem Süden . Wir saßen in den langen Abenden bei dem Feuer des Kamins , arbeiteten unter Tags an der Einhüllung und Einwinterung der Gegenstände , die es bedurften , oder machten an manchem Nachmittage einen Spaziergang , wenn der regsame Nebel die Hügel und die Täler und die Ebenen umwandelte . Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen Malen , weil ich es gewissermaßen für eine Falschheit gehalten hätte , ihm nichts von der Veränderung zu sagen , die in mir vorgegangen war . Ich scheute mich sehr , die Versuche vorzulegen , ich tat es aber doch , und zwar zu einer Zeit , da auch Eustach zugegen war . Als Einleitung erklärte ich , wie ich nach und nach dazu gekommen wäre , diese Dinge zu machen . » Es geht allen so , welche die Gebirge öfter besuchen , und welche Einbildungskraft und einiges Geschick in den Händen haben , « sagte mein Gastfreund , » Ihr braucht Euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen , es war zu erwarten , daß Ihr nicht bloß bei Eurem Sammeln von Steinen und Versteinerungen bleiben werdet , es ist so in der Natur , und es ist so gut . « Die Entwürfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen , als sie verdienten . Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach jedes Blatt öfter betrachtet hatten , sprachen sie mit mir darüber . Ihr Urteil ging einstimmig darauf hinaus , daß mir das Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als das Künstlerische . Die Steine , die sich in den Vordergründen befänden , die Pflanzen , die um sie herum wüchsen , ein Stück alten Holzes , das da läge , Teile von Gerölle , die gegen vorwärts säßen , selbst die Gewässer , die sich unmittelbar unter dem Blicke befänden , hätte ich mit Treue und mit den ihnen eigentümlichen Merkmalen ausgedrückt . Die Fernen , die großen Flächen der Schatten und der Lichter an ganzen Bergkörpern und das Zurückgehen und Hinausweichen des Himmelsgewölbes seien mir nicht gelungen . Man zeigte mir , daß ich nicht nur in den Farben viel zu bestimmt gewesen wäre , daß ich gemalt hätte , was nur mein Bewußtsein an entfernten Stellen gesagt , nicht mein Auge , sondern daß ich auch die Hintergründe zu groß gezeichnet hätte , sie wären meinen Augen groß erschienen , und das hätte ich durch das Hinaufrücken der Linien angeben wollen . Aber durch beides , durch Deutlichkeit der Malerei und durch die Vergrößerung der Fernen , hätte ich die letzteren näher gerückt und ihnen das Großartige benommen , das sie in der Wirklichkeit besäßen . Eustach riet mir , eine Glastafel mit Kanadabalsam zu überziehen , wodurch sie etwas rauher würde , so daß Farben auf ihr haften , ohne daß sie die Durchsichtigkeit verlöre , und durch diese Tafel Fernen mit den an sie grenzenden näheren Gegenständen mittelst eines Pinsels zu zeichnen , und ich würde sehen , wie klein sich die größten und ausgedehntesten entfernten Berge darstellten , und wie groß das zunächstliegende Kleine würde . Dieses Verfahren aber empfehle er nur , damit man zur Überzeugung der Verhältnisse komme und einen Maßstab gewinne , nicht aber , daß man dadurch künstlerische Aufnahmen von Landschaften mache , weil durch einen solchen Vorgang die künstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren würde , welche in Bezug auf Darstellung das Wesen und das Herz der Kunst sei . Das Auge soll nur geübt und unterrichtet werden , die Seele müsse schaffen , das Auge soll ihr dienen . In Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er mir , dort , wo ich einen Zweifel hätte , ob ich etwas sähe oder nur wisse , es lieber nicht anzugeben , und überhaupt in der Farbe lieber unbestimmter als bestimmter zu sein , weil dadurch die Gegenstände an Großartigkeit gewinnen . Sie werden durch die Unbestimmtheit ferner und durch dieses allein größer . Durch Linien des Zeichnenstiftes auf dem kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand könne man nichts groß machen . Durch Verdeutlichung werden die Körper näher gerückt und verkleinert . Wenn überhaupt ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht werden müsse - und kein Mensch könne Dinge , namentlich Landschaften , in ihrer völligen Wesenheit geben - , so sei es besser , die Gegenstände großartiger und übersichtlicher zu geben , als in zu viele einzelne Merkmale zerstreut . Das erste sei das Künstlerischer und Wirksamere . Ich sah sehr gut ein , was sie sagten , und wußte auch , woher die Fehler kämen , von denen sie redeten . Ich hatte bisher alle Gegenstände in Hinblick auf meine Wissenschaft gezeichnet , und in dieser waren Merkmale die Hauptsache . Diese mußten in der Zeichnung ausgedrückt sein , und gerade die am schärfsten , durch welche sich die Gegenstände von verwandten unterschieden . Selbst bei meinem Zeichnen von Angesichtern hatte ich deren Linien , ihr Körperliches , ihre Licht- und Schattenverteilung unmittelbar vor mir . Daher war mein Auge geübt , selbst bei fernen Gegenständen das , was sie wirklich an sich hatten , zu sehen , wenn es auch noch so undeutlich war , und dafür auf das , was ihnen durch Luft , Licht und Dünste gegeben wurde , weniger zu achten , ja diese Dinge als Hindernisse der Beobachtung eher weg zu denken , als zum Gegenstande der Aufmerksamkeit zu machen . Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand plötzlich geöffnet , daß ich das , was mir bisher immer als wesenlos erschienen war , betrachten und kennen lernen müsse . Durch Luft , Licht , Dünste , Wolken , durch nahe stehende andere Körper gewinnen die Gegenstände ein anderes Aussehen , dieses müsse ich ergründen , und die veranlassenden Dinge müsse ich , wenn es mir möglich wäre , so sehr zum Gegenstande meiner Wissenschaft machen , wie ich früher die unmittelbar in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte . Auf diese Weise dürfte es zu erreichen sein , daß die Darstellung von Körpern gelänge , die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Körpern schwimmen . Ich sagte das meinen Freunden , und sie billigten meinen Entschluß . Wenn der Nebel oder überhaupt die trübe Jahreszeit einen Blick in die Ferne gestattete , wurde das , was mit Worten gesagt wurde , auch an wirklichen Beispielen erörtert , und wir sprachen über die Art und Weise , wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von ihnen oder näher gehende , von der Hauptkette sich ablösende Gründe darstellten . Es ist unglaublich , wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte unterrichtet wurde . Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern , welche ich las , und erzählte ihm von dem großen Eindrucke , welchen ihre Worte auf mich machten . Wir gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bücherzimmer , er führte mich vor die Schreine , in welchen die Dichter standen , und zeigte mir , was er in dieser Hinsicht besaß . Er sagte auch , ich machte während des Aufenthaltes in seinem Hause von den Büchern Gebrauch machen , wie ich wollte ; ich könnte sie im Lesezimmer benützen oder auch in meine Wohnung mit hinübernehmen . Es waren Werke in den ältesten Sprachen da , von Indien bis nach Griechenland und Italien , es waren Werke der neueren Zeiten da , und auch der neuesten . Am zahlreichsten waren natürlich die der Deutschen . » Ich habe diese Bücher gesammelt , « sagte er , » nicht , als ob ich sie alle verstände ; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd ; aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt , daß die Dichter , wenn sie es im rechten Sinne sind , zu den größten Wohltätern der Menschheit zu rechnen sind . Sie sind die Priester des Schönen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten über Welt , über Menschenbestimmung , über Menschenschicksal und selbst über göttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende . Sie gehen es uns im Gewande des Reizes , der nicht altert , der sich einfach hinstellt und nicht richten und verurteilen will . Und wenn auch alle Künste dieses Göttliche in der holden Gestalt bringen , so sind sie an einen Stoff gebunden , der diese Gestalt vermitteln muß : die Musik an den Ton und Klang , die Malerei an die Linien und die Farbe , die Bildnerkunst an den Stein , das Metall und dergleichen , die Baukunst an die großen Massen irdischer Bestandteile , sie müssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen ; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen Stoff mehr , ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung , das Wort ist nicht der Stoff , es ist nur der Träger des Gedankens , wie etwa die Luft den Klang an unser Ohr führt . Die Dichtkunst ist daher die reinste und höchste unter den Künsten . Da ich nun meine , daß es so ist , wie ich sage , so habe ich die Männer , welche die Stimme der Zeiten als große in der Kunst des Dichtens bezeichnete , hier zusammengestellt . Ich habe Dichter in fremden Sprachen , die ich nicht verstand , dazu getan , wenn ich nur wußte , daß sie in der Geschichte ihres Volkes vorzüglich genannt werden , und wenn ich von einem Fachmanne das Zeugnis hatte , daß ich in dem Buche den Dichter besitze , den ich meine . Sie mögen unverstanden hier stehen , oder es mag wohl einer oder der andere in diesen Saal kommen , der manchen versteht und liest . Ich habe wohl auch solche Bücher hieher gestellt , die mir gefallen , das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst festzustellen sein . In diesen Büchern habe ich viel Glück gefunden , und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend . Wenn auch die Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken aufnimmt , wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit Sehnsucht in dem Busen trägt , so ist es doch fast stets mehr die Wärme des eigenen Gefühles , die sie empfindet , als daß sie die fremde Weisheit und Größe in ein besonnenes , betrachtendes , abwägendes Herz aufnehmen könnte . Ihr seid selber jung , und die Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag Euch fördern und Euer Herz jedem künftigen Großen öffnen , wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut ; aber Ihr werdet selber einmal sehen , um wie viel milder und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend , die alles mit ihrem Glanze färbt , so wie es eine Tatsache ist , daß die innige , wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt als die lodernde Leidenschaft der jungen , schönen , schim- mernden Braut . Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und Unendlichkeit der Zukunft , diese verhüllt die Mängel und ersetzt das Abgängige . Sie dichtet in das Kunstwerk , was im eignen Herzen lebt . Daher kömmt die Erscheinung , daß Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf gleiche Art entzücken können , und daß Erzeugnisse höchster Größe , wenn sie keine Widerspieglung der Jugendblüte sind , nicht erfaßt werden können . In dem Alter werden selbst solche Glanzstellen der Jugend , die schon sehr ferne liegen , wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und Grenzenlosigkeit , oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe , oder die Träume künftiger Taten und künftiger Größe , der Blick in ein unendliches , erst kommendes Leben , oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst von dem Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglückender aufgefaßt als von dem Jünglinge , der sie in dem Brausen seines Lebens überhört , und an der grauen Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als der feurige Funke , der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des Jünglings springt und keine Spur hinterläßt . Ich lese jetzt selten mehr die größten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es wohl , weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind - , aber ich lese immer in ihnen , und werde wohl bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen . Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens , und werden mir wohl , wie ich ahne , an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen , als wären sie von meinen eigenen Rosen geflochten . Deshalb gehe ich auch kein Buch aus dem Hause , weil ich nicht weiß , ob ich es nicht in nächster Zeit selber brauchen werde . Im Hause stehen sie jedem , der davon Gebrauch machen will , zu Gebote . Nur für Gustav wird eine Auswahl getroffen , weil er noch zu jung ist und nicht alles sondern kann . Er würde hier zwar nichts gänzlich Schlechtes finden ; aber nicht alles Gute würde er verstehen , und dann wäre die daran gewendete Zeit verloren ; oder er könnte es mißverstehen , und dann wäre der Erfolg ein unrichtiger . Das Schlechte , das sich Dichtkunst nennt , ist der Jugend sehr gefährlich . In der Wissenschaft zeigt es sich viel leichter auf . In der Mathematik liegt es in der Darstellung , da solche Werke wohl kaum vorkommen dürften , in denen sogar der Stoff fehlerhaft wäre , in der Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe , in welch letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht ; nur in der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie in der Dichtkunst , weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen gestellt ist und wirkt ; aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst versteckt es sich vor dem blühenden Gemüte des Jünglings , dieser breitet seine Blüten und seine Begierden darüber , und saugt das Gift in sich . Ein klarer Verstand , der sich von Kindheit an eben zur Klarheit hingeübt hat , und ein gutes , reines Herz sind Schutzwehren vor Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen , weil der klare Verstand den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz die Unsittlichkeit ablehnt . Aber beides geschieht nur gegen die Entschiedenheit des Schlechten . Wo es in Reize verhüllt ist und mit Reinem gemischt , dort ist es am bedenklichsten , und da müssen Ratgeber und väterliche Freunde zu Hilfe stehen , daß sie teils aufklären , teils von vornherein die Annäherung des Übels aufhalten . Gegen die Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht man kein Mittel als sie selber . Ihr seid zwar noch jung ; aber Ihr seid nicht so jung zu dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten unserer Jünglinge , und Ihr habt so viel in Wissenschaften gelernt , daß ich glaube , daß man Euch alle Dichter in die Hände geben kann , ohne Gefahr zu befürchten , selbst bei solchen , die in ihrem Amte sehr zweifelhaft sind . Euer Geist wird sich wohl heraus finden und gerade dadurch noch mehr klären . Da ich von der Weisheitslehre sprach , welche man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem griechischen Worte Philosophie bezeichnet , muß ich Euch sagen , was Ihr wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt , daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte , wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande auftritt . Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen ; aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben , als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte , ja sie sind mir sogar widerwärtig . Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem Gegenstande . Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe , so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern , am wenigsten aus den neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt ; sondern ich habe sie aus Dichtern genommen , oder aus der Geschichte , die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt . « Als ich meinen Gastfreund so reden hörte , erinnerte ich mich , daß ich ihn in der Tat viel lesen gesehen habe . Oft war er mit einem Buche unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank , oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben , er ist sehr häufig in dem Lesezimmer gewesen , und er trug Bücher in seine Arbeitsstube . Als wir die letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten , hatte er Bücher mitgenommen , und ich glaube von Gustav gehört zu haben , daß er auf jede Reise Bücher einpacke . Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in das Bücherzimmer , und wie ich früher vor den Schränken gestanden war , die die Werke der Naturwissenschaften enthielten , und wie ich damals manches Buch in das Lesezimmer mitgenommen hatte , so stand ich jetzt vor den Schreinen mit den Dichtern , sah viele einzelne der vorhandenen Bücher an , trug manches in das Lesezimmer oder mit Bewilligung meines Gastfreundes in meine Stube , und schrieb mir die Aufschrift von manchem in mein Gedenkbuch , um es mir , wenn ich nach Hause gekommen wäre , zu kaufen . Gegen das Ende meines Aufenthaltes , da noch einige sonnige Tage kamen , zeichnete und malte ich auch mehrere Stücke der schönen getäfelten Fußböden , die in diesem Hause anzutreffen waren . Ich tat dies , um dem Vater von allen Dingen , welche ich gesehen hatte , einiger Maßen Abbildungen bringen zu können . Als es schon bald zu meiner Abreise kam , sagte mein Gastfreund , er hätte noch etwas mit mir zu reden , und er sprach : » Weil Euch Euere Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat , den Ihr um Euch gesteckt habt , weil Ihr zu Euren früheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt , so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein Schritt aus Eurem Kreise war , so erlaubet mir , daß ich als Freund , der Euch wohl will , ein Wort zu Euch rede . Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage legen . Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind , so wird der Mensch , eben weil alle Kräfte wirksam sind , weit eher befriedigt und erfüllt , als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt . Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet . Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an , verhindert ihn , das Nebenliegende zu sehen , und führt ihn in das Abenteuerliche . Später , wenn der Grund gelegt ist , muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden , wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll . Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen . In der Jugend muß man sich allseitig üben , um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein . Ich sage nicht , daß man sich in das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse , wie zum Beispiele in allen Wissenschaften , wie Ihr ja selber einmal angefangen habt , das wäre überwältigend oder tötend , ohne dabei möglich zu sein ; sondern daß man das Leben , wie es uns überall umgibt , aufsuche , daß man seine Erscheinungen auf sich wirken lasse , damit sie Spuren einprägen , unmerklich und unbewußt , ohne daß man diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe . Darin , meine ich , besteht das natürliche Wissen des Geistes zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege desselben . Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens . Ihr habt , scheint es mir , zu jung einen einzelnen Zweig erfaßt , unterbrecht ihn ein wenig , Ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen . Schaut auch die unbedeutenden , ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an . Geht in die Stadt , sucht Euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen , kommt dann zu uns auf das Land , lebt einmal eine Weile müßig bei uns , das heißt , tut , was Euch der Augenblick und die Neigung eingibt , wir wollen dieses Haus und den Garten genießen , wollen den Nachbar Ingheim besuchen , wollen auch zu anderen , entfernteren Nachbarn gehen , und die Dinge an uns vorüber fließen lassen , wie sie fließen . « Ich dankte ihm für seine Bemerkungen , sagte , daß ich selber so etwas Ähnliches in mir empfinde , daß ich wohl etwas unbeholfen gegen das Leben sei , daß meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht mit mir haben müssen , und daß ich für jeden Wink dankbar sei . Besonders freue mich die Einladung in sein Haus , und ich werde ihr mit vieler Freude Folge leisten . Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war , packte ich die Zeichnungen und alles , was ich in dem Rosenhause hatte , ein