nickte schweigend . » Ihr schreitet wieder viel zu ernst einher ; es möchte einer glauben , Ihr wollet mit Sonne und Mond Kegel schieben , wenn Ihr des Weges kommt . ' s ist heißer Sommer jetzt , die Kapuze macht Euch schwül . Lasset Euch ein linnen Gewand beschaffen und meinetwegen auch den Schloßbrunnen übers Haupt rieseln , aber seid fröhlich und guter Dinge . Die Herrin möchte sonst recht gleichgültig für Euch werden . « Ekkehard wollte ihr die Hand reichen ; es deuchte ihm zuweilen , als sei Praxedis sein guter Engel . Da kam langsamen Hufschlages Herr Spazzo in den Burghof eingeritten . Sein Haupt senkte sich dem Sattelknopf entgegen , bleiernes Lächeln war über das müde Antlitz gegossen , halb schlief er . » Euer Gesicht hat sich namhaft verändert seit gestern « , rief ihm Praxedis zu . » Warum fliegen keine Funken mehr unter Faladas Huf ? « Er schaute mit stieren Augen zu ihr herab . Es flimmerte vor seinem Blick . » Bringt Ihr auch ein erklecklich Schmerzensgeld mit , Herr Kämmerer ? « fragte Praxedis . » Schmerzensgeld ? für wen ? « fragte Herr Spazzo stumpf . » Für den armen Cappan ! Ich glaube , Ihr habt eine Hand voll Mohnkörner gegessen , daß Ihr nimmer wisset , warum Ihr ausgeritten ... « » Mohnkörner ? « sprach Herr Spazzo mit dem gleichen Ausdruck , » Mohnkörner ? Nein . Aber Meersburger , roten Meersburger , ungefügigen , hundertschlündig224 zu trinkenden roten Meersburger ! ja ! « Er stieg schwerfällig vom Roß und zog sich in seine Gemächer zurück . Der Bericht über seiner Sendung Erfolg blieb unerstattet . Praxedis schaute dem Kämmerer nach , sie begriff den Grund seiner bleischweren Gemütstimmung nicht ganz . » Habt Ihr noch nie davon erzählen gehört , daß einem gesetzten Manne Gras , Blumen und Klee und aller Kräuter Meisterschaft , die Würze und aller Steine Kraft , der Wald und alle Vögelein - nicht so zur Erquickung frommen als ein alter Wein ? « sprach Ekkehard zur Ergänzung . » Aber schon der jüdische Prophetenknabe sprach zum König Darius , da die Kriegsleute und Amtmänner aus Morgenland um den Thron standen und stritten , wer der stärkste sei : der Wein ist der stärkste , der überwältigt die Männer , die ihn trinken , und führt ihre Gemüter in Irrtum . « Praxedis hatte sich weggewendet und stand an den Zinnen der Mauerbrüstung . » Seht einmal hinunter , Sonne der Wissenschaft « , sprach sie zu Ekkehard , » was kommt dort für ein sauber geistlich Männlein gewandelt ? « Ekkehard beugte sich über die Mauer und schaute an der senkrecht aufstrebenden Felswand hinab . Zwischen den Stauden am Burgweg wandelte ein braunlockiger Knabe ; er trug ein Mönchsröcklein , das bis an die Knöchel reichte , Sandalen am nackten Fuß , einen ledernen Ranzen auf dem Rücken , den eisenbeschlagenen Wanderstab in der Hand . Ekkehard kannte ihn noch nicht . Nach einer Weile stand er am Burgtor . Er hielt die Hand vor die Augen und schaute in das weite schöne Land hinaus . Dann trat er in den Hof und ging gemessenen Schrittes auf Ekkehard zu . Es war Burkard , der Klosterschüler , Ekkehards Schwestersohn , der von Konstanz herüberkam , seinem jungen Oheim einen Ferienbesuch abzustatten . Er machte ein feierlich Gesicht und sprach den Begrüßungsspruch , als hätte er ihn auswendig gelernt . Ekkehard küßte den wohlerzogenen Schüler , der in den fünfzehn Jahren seines Lebens noch keinen einzigen dummen Streich begangen . Burkard richtete Grüße von Sankt Gallen aus und brachte eine Epistel Meister Ratperts , der sich behufs vergleichender Studien von Ekkehard Auskunft erbat , in welcherlei Fassung und Wortlaut er gewisse schwierige Stellen im Virgilius zu übersetzen pflege . » Heil , Gedeihen und Fortschritt in der Erkenntnis225 ! « lautete des Briefes Abschiedsgruß . Ekkehard begann ein langes Fragen nach seinen dortigen Brüdern . Aber Praxedis fiel ihm in die Rede . » Lasset doch den frommen jungen Mann ausruhen . Trockene Zunge erzählt nicht gern . Kommmit mir , Männlein , du sollst uns ein lieberer Besuch sein als der böse Rudimann von der Reichenau . « » Vater Rudimann ? « sprach der Knabe , » den kenne ich auch . « » Woher ? « fragte Ekkehard . » Er ist vor wenig Tagen bei uns gewesen und hat dem Abt ein großes Schreiben überbracht und eine Schrift ; es soll vieles über Euch drin stehen , liebwerter Ohm , und nicht lauter Schönes . « » Hört ! « sprach Praxedis . » ... und wie er Abschied genommen , ist er nur bis zur Kirche gegangen ; dort hat er gebetet , bis daß es dunkel war . Er muß aber alle Gänge und Schliche im Kloster kennen , wie die Glocke die Schlafstunde angeläutet , ist er heimlich und auf den Zehen ins große Dormitorium geschlichen , um zu lauschen , was die Brüder vor Einschlafen über Euch und über das , was in seiner Schrift stand , zusammen sprechen würden . Die Nachtkerze hat trüb geflackert , daß er im Verborgenen niedersitzen konnte . Aber um Mitternacht ist der Vater Notker Pfefferkorn gekommen , der hat die Runde gemacht , nachzuschauen , ob jeder seinen Gürtel fest ums Gewand geschlungen , und ob kein Messer oder schädlich Gewaffen im Schlafgemach sei . Der hat den Fremden hervorgezogen aus seinem Versteck , und die Brüder sind aufgewacht , und die große Abtslaterne ist angezündet worden , mit Stecken und Stangen und der siebenfältigen Geißel aus der Geißelkammer sind sie herbeigesprungen und war ein großer Lärm und Geschrei , trotzdem daß der Dekan und die Alten abwinkten . Notker Pfefferkorn selber war hoch ergrimmt : Der Teufel geht lauernd umher und sucht , wen er verschlinge , rief er wir haben den Teufel , züchtiget ihn ! « » Vater Rudimann aber ist noch recht höhnisch gewesen : Ich gestehe , treffliche Jünglinge , hat er gesagt , wenn ich wüßte , wo der Zimmermann einen Weg offen gelassen , so würde ich auf Händen und Füßen von dannen gehen ; nun aber , da ich gern oder ungern euch in die Hände fiel , so gedenket , daß ihr eurem Gastfreund keine Schande antuet226 . Da wurden sie alle wild und schleppten ihn in die Geißelkammer ; nur auf den Knien konnt ' er sich losbitten , und als endlich der Abt sprach : Wir wollen das Füchslein heimspringen lassen in seinen Bau , hat er sich höflich bedankt . Ich bin gestern einem Fuhrwerk mit zwei großen Weinfässern vorbeigekommen : der Kellermeister der Reichenau schicke das dem heiligen Gallus für freundschaftliche Aufnahme , hat der Fuhrmann zu mir gesagt ... « » Davon hat Herr Rudimann nichts gemunkelt , wie er gestern bei uns war « , sprach Praxedis . » Für die Geschichte verdienst du ein Stück Kuchen , Goldsohn , du erzählst ja wie ein Jubelgreis . « » O « , sprach der Klosterschüler halb beleidigt , » es heißt nichts . Aber ich werde ein Gedicht darüber machen : Des Wolfs Einbruch im Schafstall und Strafe , - ich hab ' s schon halb im Kopf , das muß schön werden . « » Du machst auch Gedichte , junger Neffe ? « sprach Ekkehard heiter . » Das wär ' kein guter Klosterschüler « , gab der Junge zur Antwort , » der vierzehn Jahre alt würde und keine Gedichte machen könnte . Meinen Lobgesang auf den Erzengel Michael in doppelt gereimten Hexametern hab ' ich dem Abte vorlesen dürfen ; er hat meine Verse eine glänzende Perlenschnur geheißen . Und meine sapphische Ode zu Ehren der frommen Wiborad ist auch recht schön , soll ich sie vortragen ? « » Um Gottes willen ! « sprach Praxedis , » glaubst du , man fällt bei uns nur zum Burgtor herein und trägt gleich Oden vor ? Wart ' erst dein Stück Kuchen ab . « Sie sprang zur Küche und ließ den gelehrten Neffen Ekkehards im Gespräch mit seinem Oheim unter der Linde zurück . Der plauderte denn ein Namhaftes von Trivium und Quadruvium ; weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht einen feingezeichneten Schatten über das flache Land warf , erging sich der Klosterschüler in einer weitläufigeren Disputation über den Grund des Schattens , als welchen er mit Sicherheit einen dem Licht entgegenstehenden Körper bezeichnete und alle andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies . Wie ein Springquell entströmte dem jugendlichen Munde die Flut der Wissenschaft . Auch in der Astronomie war er bewandert ; das Lob Zoroasters von Baktrien und des Königs Ptolemäus von Ägyptenland mußte der Oheim geduldig anhören , über Form und Verwendung des Astrolabiums ward ihm scharf auf den Zahn gefühlt227 ; auch begann der braungelockte Schwestersohn auseinanderzusetzen , wie faselnd die Meinung derer sei , die da glauben , daß auf der Rückseite des Erdglobus das ehrenwerte Geschlecht der Antipoden228 hause - vor fünf Tagen hatte er all ' die schönen Sachen gelernt : aber schließlich erging es dem Oheim wie dem tapfern Kaiser Otto , da der weltweise Bischof Gerbert von Reims und Otrich , der Domschulmeister von Magdeburg , vor ihm und viel hundert gelahrten Äbten und Scholastern ihren Wettkampf über Einteilung und Grund der theoretischen Philosophie229 abhielten - er gähnte . Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirschkuchen und einem Körbchen Früchte , das gab den Gedanken des fünfzehnjährigen Weltweisen eine Wendung zum Natürlicheren ; als wohlerzogener Knabe sprach er erst den Hymnus230 vor dem Essen , wie er in der Klosterschule üblich , dann vertiefte er sich ganz in des Kuchens Aufzehrung und überließ die Frage von den Antipoden einer späteren Zukunft ... Praxedis wandte sich zu Ekkehard : » Die Herzogin läßt Euch kundtun « , sprach sie mit verstelltem Ernst , » daß sie gesonnen , zum Studium des Virgilius zurückzukehren ; sie ist begierig zu vernehmen , wie der Königin Dido Geschicke sich weiter abspinnen . Heute abend beginnen wir ; Ihr sollt ein freundlich Gesicht dazu machen « , fuhr sie leiseren Tones fort , » es ist eine zarte Aufmerksamkeit , Euch zu beweisen , daß trotz der Schriften gewisser Herren das Vertrauen auf Euere Wissenschaft nicht geschwunden . « Es war so . Ekkehard aber erschrak . Wieder in der alten Weise mit den zwei Frauen zusammen sein : schon der Gedanke tat ihm weh . Er konnte noch immer nicht vergessen , daß einst ein Karfreitagmorgen gewesen . Da schlug er seinen Neffen auf die Schulter , daß der zusammenfuhr . » Du kommst hier nicht in die Ferien zum Fischfangen und Vogelstellen , Burkard ! « sprach er , » heute nachmittag lesen wir Virgil mit der gnädigen Herzogin , du wirst dabei sein . « Er gedachte den Knaben als schirmende Abwehr zwischen die Herzogin und seine Gedanken zu stellen . » Wohl ! « sprach Burkard mit kirschrotblauen Lippen , » Virgilius ist mir lieber als Jagen und Reiten , und ich werd ' die Frau Herzogin bitten , mir von ihrem Griechischen etwas zu lehren . Nach jenem Besuch , wo sie Euch mit fortgenommen , haben die Klosterschüler oftmals gesagt , sie wisse mehr Griechisch als alle ehrwürdigen Väter des Klosters zusammen , sie habe es durch Zauberei erlernt . Und wenn ich auch im Griechischen der erste bin ... « » Dann kann dir ' s nicht fehlen , daß du in fünf Jahren Abt und in zwanzig Jahren heiliger Vater zu Rom wirst « , sprach Praxedis spottend . » Einstweilen fließt dort der Burgbrunnen , das Blau deiner Lippen zu tilgen ... « Um die vierte Abendstunde harrte Ekkehard im säulengetragenen Gemach seiner Gebieterin , die Lesung der Äneïde wieder aufzunehmen . Über ein halb Jahr war abgelaufen , daß Virgilius Ruhe gehabt . Ekkehard war beklommen , er hatte die Fenster weit aufgetan . Wohltuende Kühle des Abends strömte herein . Der Klosterschüler blätterte in der lateinischen Handschrift . » Wenn die Herzogin mit dir spricht , sei fein artig « , sprach Ekkehard . Er aber antwortete mit Selbstgefühl : » Mit einer so vornehmen Frau red ' ich nur in Versen . Sie soll sich überzeugen , daß ein Zögling der inneren Schule vor ihr steht . « Jetzt trat die Herzogin ein , gefolgt von Praxedis . Sie grüßte mit leichtem Kopfnicken . Ohne daß sie Ekkehards hoffnungsvollen Neffen zu bemerken schien , ließ sie sich im schnitzwerkverzierten Lehnstuhl nieder . Burkard hatte sich zierlich verneigt und stand am Ende des Tisches . Ekkehard schlug den Virgilius auf . Da fragte die Herzogin gleichgültigen Tones : » Was soll der Knab ' ? « » Ein demütiger Zuhörer « , sprach Ekkehard , » dem die Sehnsucht , das Griechische zu erlernen , Mut gibt , so erlauchter Lehrerin sich zu nahen . Er wird glücklich sein , wenn er von Eueren Lippen ... « Aber bevor Ekkehard seine Rede geendet , war Burkard vor die Herzogin getreten , befangen und keck zugleich sprach er mit niedergeschlagenen Augen und genauer Betonung des Silbenmaßes : » Esse velim Graecus , cum vix sim , dom ' na , LatinusA1 , 231 . « Es war ein tadelloser Hexameter . Frau Hadwig hörte ihm halb erstaunt zu . Ein braunlockiger Knabe , der einen Hexameter sprach , war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes . Und er hatte ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif ersonnen . Darum ergötzte sie sich an dem jungen Verseschmied . » Laß dich einmal näher beschauen « , sprach sie und zog ihn zu sich . Er gefiel ihr ; es war ein lieblich Knabenantlitz , durchsichtig Rot auf den Wangen , so fein und zart , daß das blaue Geäder in leichtem Umriß drunter zu erschauen war , üppig wallten die Locken um die Stirn , eine kecke Adlernase ragte über den gelehrten jungen Lippen wie ein Hohn auf das , was unter ihr gesprochen werde , in die Luft . Da schlang Frau Hadwig ihren Arm um den Knaben , hob ihn empor und küßte ihn auf Lippe und Wange und tat schier kindisch mit ihm ; dann schob sie den gepolsterten Schemel hart an ihre Seite und setzte ihn drauf : » Einstweilen sollst du von meinen Lippen etwas anderes pflücken als Griechisch « , sprach sie scherzend und küßte ihn noch einmal , - » jetzt sei aber so brav wie vorhin und sag ' schnell noch ein paar leichthingleitende Verse . « Sie strich ihm die Locken zurück . Der Klosterschüler war errötet , aber seine Metrik kam durch einer Herzogin Kuß nicht aus der Fassung . Ekkehard war ans Fenster getreten und schaute nach den Alpen , Burkard aber sprach , ohne sich zu besinnen : » Non possum prorsus dignos componere versus , Nam nimis expavi duce me libante suaviA2 . « Es waren wiederum zwei tadellose Hexameter . Die Herzogin lachte laut auf : » Du hast sicher schon das Licht der Welt mit lateinischem Vers begrüßt ; das klingt und strömt ja , als wäre Virgil aus dem Grabe gestiegen . Warum erschrickst du denn , wenn ich dich küsse ? « » Weil Ihr so vornehm und stolz und schön seid « , sprach der Knabe . » Sei zufrieden « , entgegnete die Herzogin , » wer mit frisch glühendem Kuß auf den Lippen so regelrechte Verse aus dem Ärmel schüttelt , dem hat der Schreck nicht tief ins Herz geschlagen . « Sie stellte ihn sich gegenüber . » Warum begehrst du so eifrig , das Griechische zu erlernen ? « » Sie sagen , wenn einer Griechisch versteht , kann er so gescheit werden , daß er das Gras wachsen hört « , war des Klosterschülers Antwort . » Seit mein älterer Mitschüler Notker mit der großen Lippe sich gerühmt hat , er wolle dereinst den ganzen Aristoteles auswendig lernen und verdeutschen , läßt mir ' s keine Ruhe mehr . « Da lachte Frau Hadwig : » Vorwärts denn ! Weißt du den Antiphon : Ihr Meere und Flüsse , lobet den Herren ! « » Ja « , erwiderte Burkard . » So sprich mir nach : Thalassi ke potami , eulogite ton kyrion ! « Der Knabe sprach ' s nach . » Jetzt sing ' es ! « Er sang es . Ekkehard schaute vorwurfsvoll auf die Gruppe herüber . Die Herzogin verstand den Blick . » So , nun hast du bereits sechs Worte gelernt « , sprach sie zu Burkard . » Wenn du wieder in Hexametern drum bittest , soll dir ein Mehreres verabreicht sein . Setz ' dich jetzo mir zu Füßen und hör ' andächtig zu . Wir werden Virgilius lesen . « Da begann Ekkehard mit der Äneïde viertem Gesang und las die Sorgen der Dido , wie immerdar der Gedanke an den edeln Trojaner Gast sie umschwebt und fest im innersten Busen sein Antlitz haftet und Wort . Und sie klagt ihr Leid der Schwester : » Wenn ' s nicht fest in der Seele und unabänderlich stünde , Keinem wollt ' ich hinfort durch ehliches Band mich gesellen , Seit mit dem Erstgeliebten mir Freud ' und Hoffnung dahinstarb , Wenn nicht verhaßt Brautkammer und Hochzeitfackel mir wäre : Dieser einen Versuchung vielleicht noch könnt ' ich erliegen . Anna , ich will es gestehn : nachdem mein armer Sichäus Sank , der Gemahl , und troffen in Bruderblut die Penaten , Hat er allein mir gewendet den Sinn und die wankende Seele Mir bewegt , ich erkenne die Spur vormaliger Flammen . « ... Aber Frau Hadwig war wenig ergötzt von den Schmerzen der karthagischen Königswitwe . Sie warf sich in ihrem Lehnstuhl zurück und schaute zur Decke empor . Sie fand keine Beziehungen mehr zwischen sich und der Frauengestalt des Dichters . » Haltet an ! « rief sie dem Vorlesenden zu , » man merkt wieder , daß ein Mann das geschrieben . Er will die Frau demütigen . Alles falsch . Wer wird sich so in einen fremden Gast vernarren ? « » Das mag Virgilius verantworten « , sprach Ekkehard . » Die Geschichte wird ' s ihm so überliefert haben . « » Dann lebt jetzt ein stärker Frauengeschlecht « , sagte die Herzogin und winkte ihm weiterzulesen . Sie war fast beleidigt von Virgilius ' Schilderung , vielleicht daß sie sich selber didonischer Anwandlungen erinnerte . Es war nicht immer gewesen wie heute . Und er las , wie Anna der Schwester zusprach , nicht vergeblich wider gefällige Liebe zu streiten , wie an der Götter Altären Friede und Heil durch Opfer erfleht wird , dieweil die geschmeidige Flamme fortzehrt im Mark und die alte Wunde nicht vernarbt . Und wieder will die Betörte von den Kämpfen um Ilium vernehmen und hängt am Mund des Erzählers - » Wenn sie darauf sich getrennt und ihr Licht die erdunkelnde Luna Jetzo gesenkt und zum Schlaf die sinkenden Sterne ermahnen , Trauert sie einsam im leeren Gemach - aufs verlassene Lager Wirft sie sich , jenen entfernt den Entferneten hört sie und schaut sie . Oft den Ascanius auch , von des Vaters Bilde bezaubert , Hält sie im Schoß , um zu täuschen die unaussprechliche Liebe . « Ein leises Kichern unterbrach die Vorlesung . Der Klosterschüler war aufmerksam zu der Herzogin Füßen gesessen , schier angeschmiegt an ihr wallend Gewand , jetzt hatte er gekämpft , ein aufsteigend Lachen zu unterdrücken , es mißlang , er platzte heraus und hielt die Hände vergeblich vors Antlitz , sich zu decken . » Was gibt ' s , junger Versemacher ? « sprach Frau Hadwig . » Ich habe denken müssen « , sprach der Junge verlegen , » wenn meine hohe Herrin die Königin Dido wäre , so wär ' ich vorhin der Ascanius gewesen , da Ihr mich zu herzen und küssen geruhtet . « Die Herzogin schaute scharf auf den Knaben herab . » Will man ungezogen werden ? Kein Wunder - « schalt sie mit einem Fingerzeig auf seine Locken , » die junge Altklugheit trägt ja schon graue Haare auf dem Scheitel . « » ... Das ist von der Nacht , da sie den Romeias erschlugen « , wollte der Klosterschüler sagen . » Das ist vom Fürwitz , der törichte Dinge redet , wo er schweigen sollte « , fuhr die Herzogin drein . » Steh auf , Schülerlein ! « Burkard erhob sich vom Schemel und stand errötend vor ihr . » So « , sprach sie , » jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde ihr , es müßten dir zur Strafe alle grauen Haare abgeschnitten werden , und bitte schön , daß sie dir ' s tue . Das wird gut sein für unzeitig Lachen . « Dem Knaben standen die hellen Tränen in den Augen . Er wagte keine Widerrede . Er ging zu Praxedis hin , die hegte Teilnahme für ihn , seit sie gehört , daß er des Romeias Gefährte bei seinem letzten Gang gewesen : » Ich tu ' dir nicht weh , kleiner Heiliger « , flüsterte sie ihm zu und zog ihn zu sich . Das junge Haupt in ihren Schoß gebeugt , mußte er vor ihr knien , da griff sie eine mächtige Schere aus ihrem strohgeflochtenen Nähkorb und vollzog die Strafe . Betrüblich klang erst des Klosterschülers Schluchzen , - wer sein Haupthaar von fremder Hand berühren ließ , galt eigentlich für schwer beschimpft232 - aber Praxedis ' weiche Hand fuhr ihm streichelnd über die Wangen , nachdem sie das Gelock zerzaust hatte , da ward ihm bei aller Strafe so seltsam zu Mut , daß sein Mund lächelnd die letzte niederrollende Träne auffing . Ekkehard sah eine Weile stumm vor sich hin . Das Spiel leichtfertiger Anmut macht den Traurigen trauriger . Er war verletzt , daß die Herzogin so sein Lesen unterbrochen . Aus ihren Augen las er keinen Trost : » sie spielt mit dir , wie sie mit dem Knaben spielt « , dachte er und schlug seinen Virgilius zu und erhob sich . » Ihr habt recht « , sprach er zu Frau Hadwig , » es ist alles falsch . Dido sollte lachen und Äneas sollte hingehen und sich ins Schwert stürzen , dann wäre es richtig . « Sie blickte unstet auf . » Was habt Ihr ? « fragte sie . » Ich kann nicht weiter lesen « , erwiderte er . Die Herzogin war aufgestanden . » Wenn Ihr nicht mehr lesen möget « , sprach sie mit scheinbar gelangweiltem Ausdruck , » es gibt noch mannigfache Mittel und Wege , uns Kurzweil zu schaffen . Wie wär ' es , wenn ich Euch aufgäbe , uns etwas Anmutiges zu erzählen , - Ihr möget dabei auslesen , was Euch gefällt , es gibt so viel Liebreizendes und Gewaltiges noch außer Euerem Virgil . Oder gehet hin und dichtet selber etwas . Euch drückt irgendeine Last , Ihr mögt nicht erklären , Ihr mögt nicht aufs Land gehen , alles tut Euern Augen weh , Eurem Geist fehlt eine große Aufgabe , wir wollen sie Euch setzen . « » Was sollt ' ich dichten ? « erwiderte Ekkehard . » Ist ' s nicht schon Glück genug , das Echo eines Meisters , wie Virgilius , zu sein ? « Er sah mit umflortem Auge auf die Herzogin . » Ich wüßte nur Elegien zu singen , sehr traurige . « » Sonst nichts ? « fragte Frau Hadwig vorwurfsvoll . » Haben unsere Vorfahren keine Kriegszüge getan und ihr Heerhorn mit Sturmschall durch die Welt erklingen lassen und Schlachten geschlagen , so viel wert wie die des Landfahrers Äneas ? Glaubt Ihr , der große Kaiser Karl hätte die uralten Lieder der Völker sammeln und singen lassen , wenn nur leeres Stroh darin steckte ? Müßt Ihr zu allem Eure lateinischen Bücher haben ? « » Ich weiß nichts « , wiederholte Ekkehard . » Ihr sollt aber etwas wissen « , sagte die Herzogin . » Es stünde doch zu verwundern , wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensäßen und von den alten Geschichten und Sagen plauderten , ob da nicht mehr zusammenkäme , als in der ganzen Äneïde steht ? Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkümmert gestorben , aber uns allen haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an . Erzählet uns eine solche , Meister Ekkehard , dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen Königin Dido . « Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwärts . Er schüttelte sein Haupt wie ein Träumender . » Ich sehe , Ihr brauchet Anstoß « , sprach die Herzogin . » Es soll Euch von allen ein gut Beispiel gegeben werden . Praxedis , halt ' dich bereit und künde es dem Kämmerer Spazzo an , wir wollen uns morgen an Erzählung alter Sagen erfreuen . Ein jedes sei gerüstet . « Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch , als Zeichen , daß eine neue Ära beginne . Ihr Gedanke war gut und anregend . Nur dem Klosterschüler , der während der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis ' Schoß hatte ruhen lassen , war es nicht ganz deutlich . » Wann darf ich weiter Griechisch lernen , gnädige Herrin ? « sagte er . » Thalassi ke potami ... « » Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind « , sprach sie heiter und küßte ihn wiederum . Ekkehard ging mit großen Schritten aus dem Saal . Fußnoten A1 Der ich kaum ein Lateiner bin , ein Grieche möcht ' ich werden . A2 Ich finde keinen Vers mehr , es stockt der Rede Fluß , Zu tief hat mich erschreckt der Herrin süßer Kuß . Zwanzigstes Kapitel . Von deutscher Heldensage . Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich Gärtlein angelegt ; ein steiler Felsvorsprung , von Mauerwerk eingefaßt , umschloß den mäßigen Raum . Es war ein feiner Platz , als wie eine Hochwacht , denn steil abwärts sprang der Fels , also , daß man über die Brüstung gelehnt einen Stein mochte hinabschleudern ins tiefe Tal , und wer sich am Ausspähen erfreute , der mochte Umschau halten über Berg und Fläche und See und Alpengipfel , keine Schranke hemmte den Blick . Im Eckwinkel des Gärtleins ließ ein alter Ahorn vergnüglich seine Wipfel im Winde rauschen , schon war das beflügelte Samenkorn reif und gebräunt und wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder ; - eine Leiter war an den grüngrauen Stamm gelehnt , zu Füßen stand Praxedis und hielt die Enden eines schweren langen Zeltgetüchs , in den Ästen aber saß Burkard , der Klosterschüler , mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln . » Achtung ! « rief Praxedis , » ich glaube , du schauest dem Storch nach , der dem Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt . Paß auf , du Ehrenpreis aller lateinischen Schüler , und schlag ' mir den Nagel nicht neben den Ast . « Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten , jetzt ließ es der Klosterschüler fahren , da zog sich ' s gewichtig herab , riß von dem lässig eingeschlagenen Nagel und sank schwerfällig , so daß die Griechin schier ganz drein begraben ward . » Warte , Pfuscher ! « schalt Praxedis , wie sie sich aus der groben Umhüllung vorgewickelt , » ich werd ' einmal nachsehen , ob es keine grauen Haare mehr abzuschneiden gibt . « Kaum war das letzte Wort gesprochen , so ward der Klosterschüler auf der Leiter sichtbar , er kletterte die Sprossen bis zur Hälfte nieder , dann sprang er mit gleichen Füßen auf das Tuch und stand vor Praxedis . » Setzt Euch « , sprach er , » ich will mich gern wieder strafen lassen . Ich hab ' heut nacht geträumt , Ihr hättet mir alle Haare ausgerauft und ich wär ' mit einem Kahlkopf in die Schule gekommen und es hätt ' mich gar nicht gereut . « Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt . » Werd ' nicht zu üppig in den Ferien , Männlein , sonst wird dein Rücken ein Tanzboden für die Rute , wenn du wieder im Kloster bist . « Aber der Klosterschüler dachte nicht an den kühlen Schatten seiner Hörsäle . Er stund unbeweglich vor Praxedis . » Nun ? « sprach sie , » was gibt ' s noch ? Was begehrt man ? « » Einen Kuß ! « antwortete der Zögling der freien Künste . » Hört mir den Zaunkönig an ! « scherzte Praxedis . » Was hat Eure Weisheit für Gründe zu solchem Begehr ? « » Die Frau Herzogin hat ' s auch getan « , sagte Burkard , » und Ihr habt mich schon über ein dutzendmal aufgefordert , ich soll Euch die Geschichte erzählen , wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als ein tapferer Held gestritten hat . Das erzähl ' ich Euch aber nur um einen Kuß . « » Höre « , sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene , » ich muß dir etwas sehr Merkwürdiges mitteilen . « » Was ? « frug der Knabe hastig . » Du bist der törichtste Schlingel , der je seinen Fuß über eine Klosterschulschwelle gesetzt ! ... « sprach sie , verstrickte ihn schnell in ihre weißen Arme und küßte ihn derb auf die Nase . » Wohl bekomm ' s ! « rief