ein saures Gesicht . Die Sonnenwirtin stieß ein grelles Gelächter aus , in das der weibliche Teil der Gesellschaft halblaut einstimmte , indem sie einander unwillig ansahen . » Ich laß meine Gäst nicht beleidigen ! « fuhr der Sonnenwirt zornig auf . » Ich hab niemand beleidiget « , erwiderte sein Sohn mit kalter Stimme , während seine blauen Augen immer wilder blitzten . » So eine Vergleichung « , rief die Sonnenwirtin mit aufreizendem Tone , » die soll keine Beleidigung sein ! « Die Weiber nickten ihr lebhaft zu . Der Bräutigam schwieg verlegen ; er sah ein , daß er den Freund , mit dem er soeben noch angestoßen , nur auf Kosten seiner Braut verteidigen könnte . » Was ! « schrie der Sonnenwirt , » so eine rechtschaffene Person vergleichst du in meinem Haus mit einer - « » Vater ! « unterbrach ihn Friedrich mit dem Tone der Verzweiflung und stand auf , » ich bitt Euch um Gotteswillen , seht Euch vor und hütet Eure Zung ! Ich hab ' s einmal für allemal erklärt und geschworen , daß ich sie nicht runtersetzen und schlecht machen laß , weder von Vater noch Mutter . Sie ist mein Weib vor Gott , und was ich geschworen hab , das halt ich , müßt man auch in Ebersbach etwas erleben , dergleichen seit Menschengedenken nicht geschehen ist . « » O du blutrünstiger Heiland , er droht seinem leiblichen Vater ! « rief die Sonnenwirtin , indem sie die Hände zusammenschlug . Die Weiber stießen Laute des Grauens und Entsetzens aus . Der Sonnenwirt , der sich gleichfalls erhoben hatte , stand in Ungewisser Haltung an die Stuhllehne angeklammert , schoß aber wütende Blicke nach seinem Sohne . Er fürchtete ihn , weil er ihn zu allem fähig glaubte , und eben diese Furcht erhöhte seine Wut . » Vater « , begann Friedrich wieder , nach der Wand deutend , wo neben dem Bilde des Herzogs das Bild des Gekreuzigten hing , und seine Stimme , die er zu mildern suchte , zitterte : » Vater , sehet Ihr Ihn , der nicht schalt , da er geschlagen ward , und nicht dräuete , da er litt ? Ich will ihm ja gern nachfolgen , so gut ich ' s kann . Wälzet Berg auf mich von Schimpf und Schmach , ich will nicht widerbellen , will ' s tragen als Euer Sohn . Aber auf mein Weib laß ich nichts kommen , eh mag das größt Unglück draus entstehen . Und leset im Testament , Vater : hat Er nicht seine eigene Verwandtschaft verleugnet und gesagt , die seien seine Eltern , Brüder und Schwestern , die sein Wort hören und den Willen Gottes tun ? Ist aber das Gottes Will , die Armut verachten und unterdrücken ? Und ist er nicht auch scharf gewesen ? Hat er nicht mit der Geißel ausgefegt ? Hat er nicht die ewig höllisch Verdammnis ausgegossen über die , so sein Volk betrübt und den Armen und Witwen ihre Häuser gefressen und langes Gebet vorgewendet haben ? Und was hat er gesagt , wie sie die Ehbrecherin vor ihn bracht haben , die doch gewiß eine größere Sünderin gewesen ist als mein Weib ? Wer unter euch ohne Sünde ist , hat er gesagt , der werfe den ersten Stein auf sie . « » Der kann predigen ! « zischelte die Braut mit unterdrücktem Kichern gegen ihren Bräutigam hin . Friedrich , der es gehört hatte , warf ihr einen Blick der Verachtung zu . » Man sollt schier gar glauben « , sagte die Sonnenwirtin mit ätzendem Spott , » wir haben da den lieben unschuldigen Heiland in unserer Mitte - verzeih mir Gott die Sünd . Ich hab aber nirgend in der Bibel gelesen , daß er so zu seinem Vater geredt hat . « Der Sonnen wir t war eine Zeitlang sprachlos und außer sich . Die Anrufung der Religion , als Anklägerin wider ihn , machte ihn rasend ; gleichviel ob sein Sohn mit Recht oder Unrecht zu diesem Mittel gegriffen - es erschien ihm als Bruch der letzten Schranke kindlicher Scheu . » Ich brauch weder ' n Hauspfaffen , noch ' n Hausdieb ! « schrie er , » wenn ich eine Predigt brauch , so will ich sie in der Kirch vom Pfarrer hören und nicht von so - so - . « Die Stimme versagte ihm . Der Bräutigam und die anderen Männer , die an der Haltung von Vater und Sohn ersahen , daß es Ernst wurde , sprangen dazwischen und suchten zu vermitteln , indem alles zu gleicher Zeit zusammenschrie . Aber bei dem Vater hatte Wein und Wut über die Furcht gesiegt , und vielleicht gab ihm auch das Dazwischenspringen der Männer , das ihn von seinem Sohne trennte , ein Gefühl der Sicherheit . Er fuhr in den höchsten Kehltönen , blaurot im Gesicht , zu toben und zu schimpfen fort , und durch den ohrzerreißenden Lärm der anderen drang von Zeit zu Zeit seine Stimme vernehmlich durch . » Ich laß mir in meinem eigenen Haus von niemand befehlen - - ich sag , was ich mag - und was ich sag , ist wahr - - - sie ist ein schlecht ' s Mensch « - er hatte sich Bahn zum Tische gebrochen und schlug mit der Faust darauf , daß Flaschen und Gläser tanzten und umfielen - » ein schlecht ' s Mensch , sag ich - ein ganz schlecht ' s , schlecht ' s , schlecht ' s - « Seine Stimme überschnappte , und zugleich erstarb ihm noch aus einer anderen Ursache das Wort im Munde , denn mit weitgeöffneten Augen zurückbebend , sah er , daß sein Sohn das Messer gezogen hatte und ihm mit der funkelnden Klinge gegenüberstand . Die Weiber kreischten fürchterlich , die Männer wogten hin und her und wichen teils zurück . Mit wildrollenden Augen war der Unglückliche vorgetreten , die Spitze des Messers nach seinem Vater gekehrt : - wenn man der Leidenschaft in ihrem vollen Ausbruche zutrauen darf , daß sie noch einen Rest von Besinnung in sich birgt , so kann man wohl nicht zweifeln , daß er froh gewesen wäre , sich durch ein dazwischenplatzendes Hindernis die Haltung seines blinden Eides unmöglich gemacht zu sehen . Auch wurde ihm dieser Wunsch , wenn er vorhanden war , erfüllt . Der Müllerknecht , hinter welchem die anderen allmählich zurückgewichen waren , sprang ohne weiteres auf ihn zu und packte ihn kräftig am Arme , um ihn zurückzuhalten . » Messer weg ! « schrie er , gleichfalls entbrannt , mit zornig gebietender Stimme und wildem Blick - aber ehe er vollenden konnte , hörte man aus dem Munde des Wütenden einen tollen Schrei , sah seinen Arm mit dem Messer zucken , und das Blut schoß dem zurücktaumelnden Knechte am Arme herab . Die Sonnenwirtin stürzte aus der Stube : » Feurio ! Mordio ! Feurio ! Ein Dieb ! Ein Mörder ! « hörte man sie nach einem Augenblick auf der Straße schreien , daß es durch die ganze Nachbarschaft gellte . Unten und oben erschallte verworrenes Geschrei . Die Gäste , den Sonnenwirt in der Mitte , stürzten der Frau vom Hause nach . Die Braut ließ sich , an ihrem Bräutigam hängend , von diesem mit fortschleppen und weinte überlaut über die böse Vorbedeutung dieses Unglückstages . Der Bräutigam wollte den Getroffenen mit sich ziehen , aber dieser riß sich los und blieb steif und starr vor seinem Angreifer stehen , während ihm das Blut fortwährend vom Arme niedertroff . Friedrich kam wie aus einer langen Betäubung zu sich und gewahrte , daß er mit dem Knecht allein in der Stube war . Er hatte das Messer noch immer in der Hand . » Da nimm ' s « , sagte er zu dem Opfer seines Jähzorns , » und stich mich über den Haufen , du tust ein gut ' s Werk . « Der Knecht wies das dargebotene Messer zurück . » Ich bin kein Mörder wie du « , sagte er , während seine gläsern gewordenen Augen sich nach und nach wieder belebten . » Peter ! Um Gottes willen ! Hat ' s dir was getan ? « rief Friedrich , dem seine Tat erst jetzt zum klaren Bewußtsein kam . » Laß mich sehen , komm , ich will dich verbinden , du verblut ' st dich ja . « Der Knecht stieß ihn zurück . » Ist schon recht « , murmelte er , » ' s ist recht , ja , ja - sein ' Wohltäter stechen - ist eine neue Art , seine Schulden zu zahlen - ' s ist aber schon recht - ich will dich finden - ja , ja ! ' s ist recht , ist ganz recht . « - Er wiederholte diese Worte wohl ein dutzendmal , während er langsam aus der Stube ging und erst jetzt daran dachte , seinen verwundeten Arm mit der anderen Hand zusammenzuhalten . Friedrich blieb allein und wie verhext in der Stube zurück . Er blickte auf den Tisch , der soeben noch voll Menschen gewesen war , dann auf das Messer in seiner Hand , dann auf das Bild des Gekreuzigten , zu dem er vorhin emporgedeutet und dem er nachzufolgen gelobt hatte . » War das eine Nachfolge ? « sagte eine Stimme in ihm . Er hatte gelobt , jede Schmähung zu dulden , die nur über ihn selbst ausgeschüttet würde , und dieser Arme hatte nicht einmal ihn , geschweige Christinen geschmäht . Wenn auch seine Zunge vielleicht Schmähworte beherbergt hatte , die nur durch den Stoß des Messers abgeschnitten worden waren , wenn auch der herausfordernde überlegene Ton , womit er ihm Entwaffnung geboten , sich , wie seine nachherigen Worte zu zeigen schienen , auf eine Gefälligkeit berufen wollte , die zwar eine Verpflichtung , aber keine Abhängigkeit begründet , wenn auch ein christliches Verzeihen ihm fremd und fern zu sein schien - was war das alles gegen einen Mörderstreich ? Stolz und Zorn - dies sagte ihm die innere Stimme mehr oder minder klar - hatten ihn in einem Augenblicke zu dem Gegenteil von dem gemacht , was er den Augenblick vorher zu sein sich vermessen hatte . Indessen blieb ihm wenig Zeit , solchen Gedanken nachzuhängen . Der Lärm vor dem Hause wurde stärker , und die Anzahl der Stimmen mehrte sich . Er hörte den Knecht , dessen Betäubung allmählich in Wut überzugehen schien , aus den anderen Stimmen herausbrüllen : » Er ist nicht bloß ein Mörder , er ist auch ein Dieb ! Sein eigener Vater hat ihn ' n Dieb geheißen ! « - » Ja « , schrie die gellende Stimme der Sonnenwirtin , » er hat seinem Vater Frucht gestohlen und an sein Mensch gehängt . « - » Man muß seiner habhaft werden ! « rief eine neue Stimme , an weloher er den Amtmann erkannte . - » Ja ! « gellte die Summe der Sonnenwirtin , » kriegen muß man ihn und wenn man das Haus anzünden müßt ! « - Bald konnte er auch durch die offen gebliebene Türe Tritte im Hausgang und auf dem unteren Treppenabsatz vernehmen . Die Verfolger kamen . Das Bewußtsein , daß er es mit aufgebrachten , wütenden Menschen zu tun habe , entflammte auch in ihm , der kaum zuvor einem Strahl der Wahrheit und Demut Raum gegeben hatte , von neuem die mörderische Wut , zu welcher sich nun ein unbestimmter Trieb , bevorstehenden Übeln zu entgehen , gesellte . Er flog die obere Treppe hinauf auf den Boden , wo er sich rücklings auf einen Kasten legte , sein Messer in eine danebenstehende Bettlade steckte und in dieser Verfassung die Verfolger erwartete . » Er muß auf der Bühne sein ! « rief ' s unten , und die Schar drang herauf . Die vordersten waren der Amtsknecht , der Fleckenschütz und der Fischer ; hinter ihnen drängte es sich auf der Treppe Kopf an Kopf . » Komm mir keiner zu nah ! « rief der tolle Bursche und griff nach dem Messer . Sie stutzten und wichen zurück . » Holet ein Gewehr ! « rief einer . » Da ist schon eins ! « antwortete es vom Fuß der Treppe . » Her da ! « rief ' s oben , » man muß nach ihm schießen , bis ihm der Krattel vergeht ! « Er fuhr von seinem Lager auf , ließ das Messer stecken und stürzte nach einem Dachladen , durch den er alsbald verschwand . Ein Geschrei von unten erscholl . » Er hat sich hinuntergestürzt ! « schrie der Amtsknecht . Die einen warfen sich auf das Messer , um sich desselben zu bemächtigen , die anderen rannten nach dem Dachladen . Der Fischer war der erste , der daselbst ankam und den Kopf hinausstreckte . Er zog ihn aber alsbald zurück und rief : » Nein , er schiebt sich das Dach hinauf und hat mich mit einem Ziegel auf den Kopf schlagen wollen . « » Das Dach aufgehoben ! « schrien einige und machten Anstalt , am Sparrenwerk hinaufzuklettern ; da flog durch eine Lücke ein Ziegel herein , der zwar keinen traf , aber alle von dem vorgeschlagenem Unternehmen abschreckte . Fluchend und schreiend verließen sie den oberen Boden und gingen auf die Straße hinunter , von wo sie nun sehen konnten , wie des Sonnenwirts Frieder , dem ganzen Flecken zum Schauspiel , auf dem Dachfirst seines väterlichen Hauses ritt . Es war lächerlich und jämmerlich zugleich anzuschauen , obgleich er sich fest wie im Sattel eines Pferdes hielt , seine Verfolger höhnte und heraufzukommen einlud . Der ganze Platz um das Haus war voll Menschen , und aus den anstoßenden Gassen drängten sich immer neue Zuschauer herbei . » Was gibt ' s ? Was gibt ' s ? « riefen die einen ; - » ' s ist e ' Kuh fliegig worden ! « - » Nein , e ' Stier ! « schrien andere . - » Dem Sonnenwirt sitzt ein fremder Vogel aufm Haus ! « - » Schießet ihn vom Dache abe ! « - » Holet ihn mit der Feuerspritz runter ! « - So ging das Geschrei und Gelächter durcheinander . Ein Wagen , der auf ; der Straße herausfuhr , mußte haltmachen , weil ihn das Gedränge nicht durchließ . Bei den Pferden stand der alte Fuhrmann und blickte , traurig den Kopf schüttelnd , nach dem verwahrlosten Jüngling hinauf , den er hatte retten wollen . In seinen gefurchten Zügen malte sich eine trübselige Befriedigung ; er nickte ein paarmal und sagte vor sich hin : » Hab auch wieder einmal eine richtige Vorahnung gehabt . « Der Sonnenwirt , der sich halbtot schämte , hatte sich mit dem verwundeten Knechte zu seinem Schwiegersohne , dem Chirurgen , zurückgezogen und schickte diesen , ob er dem schmählichen Auftritte nicht auf irgendeine Weise ein Ende machen könne . Der Chirurg , nachdem er die Wunde des Knechts untersucht und verbunden , drängte sich durch die Menge , wurde von dem Amtmann , der ratlos , was er befehlen sollte , in der Haustür der Sonne stand , herbeigewinkt und mit einem heimlichen Auftrage versehen , drängte sich wieder in die Straße durch und gab Zeichen nach dem Dache , um die Aufmerksamkeit seines jungen Schwagers auf sich zu ziehen . Friedrich , der ihn mit seinen Falkenaugen schon längst bemerkt und angerufen hatte , ohne in dem Tumult vernommen zu werden , schrie mit einer Stimme , die alle übertönte : » Still da drunten ! « Ein zorniges Gelächter der Menge antwortete ihm . Der Chirurg aber bat und beschwor die Umstehenden so lange , bis wenigstens in der Nähe der Lärm sich etwas legte und eine notdürftige Stille entstand . » Herr Schwager ! « rief jetzt Friedrich herab , » was macht der Peter ? « » Er ist den Umständen nach ganz wohl ! « antwortete der Chirurg durch die vorgehaltenen Hände , mit welchen er das etwas schwache Erzeugnis seiner Lunge zu verstärken suchte . » Die Wunde ist gar nicht gefährlich ! « » Gott sei Lob und Dank ! « rief Friedrich und schlug die Hände erfreut zusammen . » Gib doch acht ! Sei nicht so frech ! « schrien einige von denen , die ihm wohl wollten . » Das hat kein Not ! « antwortete er und drehte sich wie der Blitz herum , so daß er , die Knie schnell wieder an das Dach anstemmend , nach der entgegengesetzten Seite gerichtet saß . Das tolldreiste Kunststück , das er in der Freude seines Herzens machte , rief bei der Menge einen Schrei des Entsetzens hervor , welchem ein schallendes Gelächter folgte . » Grad wie ein Aff auf einem Kamel ! « schrien sie . » Schwager , geh Er herunter ! « rief der Chirurg . » Wenn mir der Herr Schwager sicheres Geleit verspricht ! « antwortete Friedrich , » sonst tut sich ' s ganz wohl da oben ! « » Ich gebe Ihm mein Ehrenwort , daß Ihm nichts zuleid geschieht ! « rief der Chirurg hinauf . » Sein Ehrenwort ? « » Mein Ehrenwort ! « Er verließ seinen luftigen Sitz mit einem leichten Ruck , der unten von einem Schrei des Schreckens und zugleich der Bewunderung begleitet wurde . » Der sitzt vom Dachgrat ab wie ein Reiter von seinem Gaul ! « schrie die Menge . Im nächsten Augenblick hatten sie Ursache , ihn mit einer Katze zu vergleichen , so leicht sah man den behenden Burschen auf Händen und Füßen am Dach herabrutschen , bis er den Laden wieder erreicht hatte , durch welchen er im Nu verschwand , noch einmal mit einem Fuße hinauszappelnd , gleichsam zu Ehren des versammelten Publikums , das hierüber in ein wieherndes Gelächter ausbrach . Nach wenigen Sekunden verriet eine Bewegung der in und vor der Haustüre stehenden Leute , daß in dem verlassenen Hause sich etwas Lebendiges regte und die Treppe herunterkam . Der Amtmann flüchtete sich in den dichtesten Schwärm heraus . » Der Bursche hat heut vormittag schon gezeigt , was er für ein gefährlicher Kerl sein kann ! « sagte er und versammelte alsbald eine Schar handfester Männer um sich , worunter der obere Müller nicht fehlte , der durch das Geschrei , daß des Sonnenwirts Frieder seinen Knecht gestochen habe , herbeigezogen worden war . Jetzt erschien der Held des Tages , von niemand um seinen Lorbeer beneidet , in der Haustüre . Ruhig , als ob er nicht begreifen könne , warum die Leute so zusammengelaufen , kam er heraus und suchte mit den Augen seinen Schwager , auf den er sodann zuging . Man ließ ihn vorbei . » Da bin ich « , sagte er zu dem Chirurgen , » ein Mann , ein Wort . « - » Ich halte , was ich versprochen habe « , entgegnete der Chirurg mit schlauem Lächeln . - » Du bist kein Mann , du bist ein Bub ! « schrie ihn der dabeistehende Richter an , » dir braucht man nicht Wort zu halten ! « - » Greift ihn ! « befahl der Amtmann , und ehe der zuversichtliche Bursche sich ' s versah , befand er sich unter der Gewalt von mehr als zehn Fäusten . Er wehrte sich wie ein Eber , schimpfte , tobte , schlug um sich , aber zuletzt erlag er der Übermacht und wurde zu Boden geschlagen . In diesem Kampfe , der lange dauerte und an welchem seine Widersacher sich wetteifernd beteiligten , erhielt er jeden bösen Gruß , den er in Worten oder Werken unter seinen Mitbürgern ausgeteilt hatte , mit Wucherzinsen heimbezahlt . Zuletzt banden sie ihn mit Stricken , so daß er ganz zusammengerollt am Boden lag und ihnen zu den vielen Tierbildern , die sie heute schon an ihm erschöpft hatten , auch noch die Vergleichung mit dem verachteten Igel auf die Zunge legte . - » Etwas hat ihm gehört « , sagte der gleichfalls anwesende Heiligenpfleger , der sich als Zahlmeister auf volle Summen verstand , » jetzt wär ' s aber genug . « - » Kuh ! Narr ! Jetzt geht ' s erst recht an « , erwiderte der Richter lachend seinem Kollegen , den er , im Range etwas höher stehend , dieser vertraulichen Anrede würdigte . - » Fort mit ihm aufs Rathaus ! « rief der Amtmann . - Der Gebundene wurde aufgehoben und fortgetragen . Ein Teil der Menge folgte . Andere blieben zurück und redeten noch lange miteinander über die Begebenheit , welche die alltägliche Ruhe des Fleckens völlig unterbrochen hatte . » Das ist aber ein Mensch , Kreuzwirt ! « sagte eine der auswärtigen Frauen von der Brautgesellschaft , die sich jetzt dem Schauplatze näher wagte , zu einem dort stehenden leibarmen Manne mit kleiner spitzer Nase , den wir aus der Unterredung der beiden Müller bei ihrem Friedenstrunke als den geschlagenen Ursächer von Friedrichs zweiter Zuchthausstrafe kennen . » Das ist ein Mensch , sag ich ! Hat der seinem Vater eine Predigt gehalten und hat ihm die Bibel ausgelegt , wie wenn er der Pfarrer wärl Es ist mir ganz kalt aufgangen , und ich hab mich ganz drüber vernommen . Und kaum ist die Predigt ausgewesen , so hat man gesehen , wer ihn regiert : der Teufel , der Mörder von Anbeginn ! « » Ja , ja , Adlerwirtin « , antwortete der Angeredete mit näselnder Stimme , » das hat man damals auch gesehen , wie er mich auf seines Vaters Anstiften , recht wie ein Erzspitzbub und Mörder , auf dem freien Feld ohne eine einzige Ursach angefallen hat und so behandelt , daß ich außerstand bin , lebenslang einen Batzen zu verdienen , ohne meine tägliche viele Schmerzen , wodurch ich und mein Weib und Kind in die äußerste Armut versetzt und samtlich verderbt worden sind . « » Nu , nu , Kreuzwirt « , sagte die Adlerwirtin aus der Nachbarschaft , » so gar arg ist ' s doch grad nicht , wenn man die Leut hört . Weiß wohl , die Zeiten sind hart ; man kann sich auch ein bißle verspekulieren , wenn man den Nagel gar zu b ' häb auf den Kopf treffen will . Und mit der Bresthaftigkeit ist ' s auch nicht so schlimm : Ihr seid von jeher ein dünns Pappelbäumle gewesen , und ' s kann ja auch nicht jeder ein Eichenbaum sein . « » Ja , aber mein Arm ! « klagte der Kreuzwirt . » Der Mordbub hat mir ihn halb auseinandergeschlagen . Da sehet selber , Adlerwirtin , wie er mir geschweint ( geschwunden ) ist . « Die Frau streifte ihm ohne Umstände den schlotternden Rockärmel auf und besah sich den Arm mit prüfendem Blicke . » Das ist nicht die Schweine « , sagte sie , » seid nur ganz ruhig , das hat nicht viel zu bedeuten . Der Arm ist eben ein wenig dürrer als der ander . Das kommt oft vor , auch ohne Schlag . Waschet ihn fleißig mit ein wenig Wein oder auch mit Kirschengeist , daß er wieder zu Kräften kommt . Hundsschmalz drauf gebunden soll auch gut sein ; ich hab ' s aber nie probiert . « » Ihr seid ja ein ganzer Doktor « , sagte der Kreuzwirt . » Ja , ja « , lenkte er wieder in das vorige Gespräch ein , » der Sonnenwirt hat heut ein ' sauren Tag erlebt . Dem sitzt gewiß kein Storch mehr aufs Dach . Aber die Zuchtrut ist ihm gesund , er soll nur fein demütiger werden , er hat ' s nötig . Das ist mir ein Christentum , wenn man durch eigennützige Konzession im Metzgerhandwerk seinen Mitmenschen das Brot vom Maul wegnimmt , durch Geld und Arglist mehr Freiheit im Handwerk an sich reißt als ein anderer ehrlicher Meister . Nun zeigt sich ' s , was das fruchtet . Der Gewinner , sagt das Sprichwort , muß einen Vertuner haben . Das Auge Gottes siehet alles , höret alles , straft alles zu seiner Zeit . Das Wort des großen Gottes geschähe zu dem Propheten Eli : Darum , daß du nicht sauer gesehen hast zu dieser deiner Kinder Bosheit , so soll die Missetat an dem Hause Eli nicht versöhnet werden , weder mit Speisopfer noch Rauchopfer ewiglich , im ersten Buch Samuelis , im dritten . An den Früchten erkennet man den Baum . Kann man auch Trauben lesen von den Dornen , oder Feigen von den Disteln ? Jetzt hat er ' s und muß zusehen , wie der Sohn seines Vaters ruhmwürdiges Wirtshaus blamiert . Ist ' s nicht so , Adlerwirtin ? « » ' s ist eben e ' Welt « , antwortete diese , welche sich nicht näher in kitzliche Erörterungen einlassen wollte . » Jetzt kann ich mich aber nicht länger aufhalten , denn es will Abend werden , heißt ' s im Evangelium , und der Tag hat sich geneigt . Meine Leut werden ungeduldig , sie wollen fort . Ja , ja , ich komm ja ! « winkte sie gegen ein Häuflein der Umstehenden hin , worunter sich die Ihrigen befanden . » B ' hüt Gott , Kreuzwirt , Ihr wisset ja , der Mensch will eben heim . « Unterdessen hatte man den gefangenen Wildling in das Rathaus geschleppt , wo man ihn gebunden , wie er war , in ein Gelaß warf und liegen ließ . » Der Bursche scheint mir ziemlich betrunken zu sein « , sagte der Amtmann , » er mag seinen Rausch ausschlafen , dann will ich ihn morgen vormittag verhören . Der Herr Pfarrer wird nichts dagegen haben , wenn man einmal am Sonntag Justiz ausübt und ein nötiges Exempel statuiert . Nun wollen wir aber gleich heute noch mit dem Allernötigsten beginnen . « - Er ließ zwei Urkundspersonen rufen und begann sofort eifrig zu amten ; denn wie der Staat im Fürsten , so war in ihm die Gemeinde aufgegangen , ja noch weit mehr . Gleichwie ein absterbender alter Baum , dessen Stamm nach unten schon mürbe und hohl geworden ist , doch in manchem Frühling durch seinen grünen Wipfel zeigt , daß die Wurzel noch frischen Saft nach der Krone zu treiben vermag , so war von der alten württembergischen , aus schwäbisch-deutschem Recht erwachsenen Verfassung an der Spitze des Staatslebens ein Rest zurückgeblieben , der , neben argem Scheinholz zwar , noch lebendige Bestandteile enthielt und dem giftigen Pfropfreise der fürstlichen Alleinherrschaft empfindliche Hindernisse zu bereiten wußte , während das Gemeindeleben beinahe völlig vom Wurm zerfressen und ertötet war . Die Gemeindebehörde , bestehend in Gericht und Rat , den morschen Überresten des altdeutschen Gleichgewichts von Gewalt und Beschränkung , war , in den größeren Ortschaften wenigstens , unter das Regiment eines fürstlichen Beamten gestellt ; sie hatte zwar nicht ganz nichts , aber doch herzlich wenig zu sagen und war von der Wurzel des Gemeindelebens losgerissen , denn sie pflanzte sich , wie der dem Fürsten zur Aufsicht beigegebene ständische Ausschuß - aber nicht so wie dieser von dem noch nicht ganz zugefallenen öffentlichen Auge überwacht - auf dem verrotteten Wege der Selbstergänzung fort , welche noch obendrein in den meisten Fällen ungescheut von dem Beamten selbst in die Hand genommen wurde . Von diesem also , der die fürstliche Herrschaft bei der Gemeinde und die Gemeinde bei der Herrschaft zu vertreten hatte , hing es beinahe ausschließlich ab , welche der beiden Vertretungen , die nur eine gesunde Zeit im Gleichgewichte halten konnte , er bei sich überwiegen lassen wollte . Die eine versprach ihm von einem Volke , dem sein eigenes Rechtsleben fremd geworden war , beinahe mehr Verwirrung als Dank : die andere trug ihm von einem Hofe , der seinen Dienern unbedingt befahl und bald so weit kommen sollte , daß er sich ihre Stellen abkaufen ließ , ja sogar Gemeindedienste , über die er gar nicht verfügen durfte , bis auf den niedrigsten herunter um Geld vergab - lockenden Lohn oder wenigstens Ruhe vor Verfolgung ein . Wenn es in solcher Zeit doch immer noch einzelne Beamte gab , die ihre schwere Doppelstellung gegen oben zu kehren und dem ständischen Widerstände wider die fürstliche Willkür Nachdruck zu geben vermochten , so mußte dies dem Lande , dessen Geschichte ihre Namen zum Teil aufgezeichnet hat , ein tröstliches Zeichen sein , daß die alte gute Wurzel noch nicht völlig erstorben sei und in besseren Tagen den kranken Baum vielleicht wieder zu erneuern vermögen werde . Für einen wilden Schößling aber findet sich in einem selbst faulen Gemeindeleben nicht immer so leicht ein Gärtner , der ihn durch Strenge und Milde zugleich in ein gesundes Reis zu verwandeln versteht . Statt die wilden Triebe , die sie mit schlimmen Tiernamen brandmarken , einzudämmen und die Kraft , die sie mit dem Bilde des Löwen bezeichnen , für das kleinere oder größere Gemeinwesen brauchbar zu machen , eilen sie , weil jeder mit sich selbst genug zu tun hat , ihn als einen schädlichen Knorren auszureißen und ins Feuer zu werfen . So war es , und so oder ähnlich wird es immer sein , wo - nicht ohne Schuld der Glieder , doch mehr noch durch die zum Tode oder zu einer reicheren Zukunft führende Entwickelungskrankheit - in dem Baume selbst die schaffende und heilende Lebenskraft für eine Zeit verkümmert ist . Die nämlichen , die in ihrem Feuereifer