Jemand einläßt , auf alle Fälle vorher ein stärkeres Parfüm sich hätte aufgießen sollen . In einem der hinteren Zimmer sitzt die corpulente Hauswirthin in schwitzender Selbstwonne , zählt unruhig die Häupter ihrer Lieben und denkt mit Wallenstein : - - - - - - - - - - - - - - - So Vielen Gebietest du ! Sie folgen deinen Sternen Und setzen , wie auf eine große Nummer , Ihr Alles auf dein einzig Haupt , und sind In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen . Doch kommen wird der Tag , wo diese Alle Das Schicksal wieder aus einander streut ; Nur Wen ' ge werden treu bei dir verharren . Den möcht ' ich wissen , der der Treuste mir Von Allen ist , die dieses Lager einschließt . Gib mir ein Zeichen , Schicksal ! Der soll ' s sein , Der an dem nächsten Morgen mir zuerst Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen . Während dem steht der dürre Gemahl im altmodischen schwarzen Fräckchen an der äußern Zimmerthüre und freut sich , wie ein Kind auf die Weihnachtsbescheerung , über jeden Neuangekommenen . Rechts und links streckt er die Hände zum sanften Drucke aus , während er einem Dritten zuwinkt und zu einem Vierten sagt : » Ei , Sie kommen sehr spät , Herr Hofkapellmeister . « Letzterer ist aber offenbar der Klügste , denn zu einem solchen Thé dansant in einem stillen Bürgershause früh zu kommen und spät zu gehen , dazu gehört mehr Heldenmuth als mancher Mensch besitzt . Hat man erst einmal seine Pflicht gethan , der Frau vom Hause ein Compliment gemacht , hat sich darauf wieder wie ein Krebs zurückgezogen - eigentlich ein schlechter Vergleich , denn ein Krebs braucht nicht rückwärts zu schauen und läuft behaglich im kühlen Wasser , während an dir sehr unbehaglich das Wasser herunter läuft und du jeden Augenblick hinter dich sehen mußt , um nicht die Perle irgend einer Rangklasse umzurennen - so kann man sich ja das Uebrige am andern Morgen von einem Freunde , der bis zum Ende geduldet und gelitten , der Morgens früh um drei Uhr , an allen Gliedern wie gerädert , der Hausfrau zum Abschied die Hand geküßt und ihr versichert hat , daß er lange keinen so charmanten Abend verlebt , erzählen lassen , kann da behaglich den Bericht anhören , wie der Andere die Tanzmusik noch von ferne gehört , den Thee und manches Andere von Nahem gerochen , das Backwerk gesehen und das Souper geahnet habe . Aber auch die Gastgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache , keine Belohnung für die aufgewendeten großen Kosten : ihr Sohn , der angehende Referendär , hat umsonst der Tochter des Präsidenten den Hof gemacht ; ihre beiden Töchter waren vergeblich in der glänzendsten Toilette erschienen , in ganz neuen blauen und rosa Barègekleidern ; einige junge Leute , für welche man diese Fallen gestellt , waren nur tändelnd um dieselben herum geflogen , keiner hatte sich die Flügel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt , - und Friederike war doch schon seit vier Jahren beinahe Zwanzig vorüber und ihre Schwester Louise ein paar Monate älter . Auch schien der Hausherr verdrießlich über die großen aufgewendeten Kosten und legte den Fascikel » Thé dansant vom vierten , « seufzend zu seinen Haushaltungsrechnungen . Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht die gehörige Aufmerksamkeit erwiesen , und die Frau des Ministers war nur einen Augenblick da gewesen , hatte sogar zwei und ein halbes Mal gegähnt und über ungeheure Fatigue geklagt , als sie sagte , sie müsse heute Abend noch in eine andere Soirée fahren , zur Baronin Schnabilinsky . - - Das hat man nun Alles hinter sich ; man will keinen Thé dansant mehr veranstalten , man will auch nicht zurückgreifen zu den langweiligen Theegesellschaften , und da taucht einem erfindungsreichen Kopfe die Idee auf , lebende Bilder zu stellen ; es ist das eine schöne Abwechslung und ein vielversprechendes Vergnügen . - Aber wie es dem armen Menschenkinde so oft geht : er sieht nur die Außenseite , ohne sich um die Schattenpartien zu bekümmern . Wir können ein Wort darüber mitsprechen , geneigter Leser , denn wir kennen das Kapitel lebender Bilder , wir haben dieses Vergnügen durchgekostet und genossen in allen seinen betrübenden Einzelheiten . Wir haben in lebenden Bildern mitgewirkt in der unschuldigsten und angenehmsten Art derselben , wo sie harmlos improvisirt waren , wo eine einfache Stubenthüre das Proscenium bildete , wo vorhandene Shawls , Tücher , Hüte , Hauben , Mäntel und Mantillen die ganze Garderobe ausmachten . Wir haben das ferner mitgemacht , wo in großen reichen Häusern appart eine Bühne aufgeschlagen wurde und Costüme eigens für diesen Abend gemacht waren , wo renommirte Künstler die Tableaux arrangirten und wo nichts gespart war an Dekorationen und Gewändern . Wir haben endlich mitgewirkt an der Aufführung lebender Bilder in großen öffentlichen Lokalen , wo keine Einladungen stattfanden , wo die Zuschauer sich Billete kauften und wo die Einnahme für einen guten Zweck bestimmt war ; wir haben dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht , haben dabei gesehen , welch ' unendliche Schwächen das Menschengeschlecht hat , wie Wenige unter ihnen wirklich einer guten Sache zulieb , die man vorschiebt , etwas thun , wie das eigene Ich überall selbstsüchtig hervorbricht , wie ein armer Unternehmer von dergleichen Geschichten beständig am Rande des tiefen Abgrundes hintaumelt , in welchen er hinein stürzen und sich auf ' s Allerhöchste blamiren kann , weil Madame oder Fräulein A. am Tage vor der Aufführung absagen läßt , da ihr die Rollen nicht brillant genug sind , den andern Abend aber dafür in ihrer Loge sitzt und die schärfste Kritik übt ; weil ferner die Madame B. die Madame C. , D. und F. dir abwendig macht , da auch Mamsell Y. und Z. mitwirken sollen , die , Beide einer anderen Rangklasse angehörend , nicht würdig genug befunden worden sind , neben den Reichern und Vornehmern für die leidende Menschheit zu wirken . Man kann es Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen , daß sie sich zurückziehen , denn es könnte da ja der traurige Fall eintreten , daß eine der Rangklasse nach geringere , in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei den lebenden Bildern einen Tag nach der Aufführung es wagen würde , die andere eines freundlichen Grußes zu würdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit schadete bei Vettern , Nichten , Basen und Muhmen , ja bei der ganzen hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft . - Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht enthalten , denn es wird gewiß auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Lieblosigkeit verfahren , einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere , die in ihren Aeußerungen so sehr nachhaltig und verletzend , ja die im Stande sein kann , Zukunft und Lebensglück zu untergraben , die sich nicht in einer einzelnen Mißhandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht , sondern die ein schwaches Gemüth , wie es deren ja viele gibt , durch fortgesetzte Quälereien und Nadelstiche zu Tode martert . Es ist das ein Kapitel , welches in keiner Sklavengeschichte fehlen darf , und das auch in Onkel Tom ' s Hütte vorkommen würde , wenn es dort bürgerliche Rang- und Klassenunterschiede gäbe , und wenn sich in Amerika eine schwarze Kommerzienräthin zieren würde , mit einer Gleichgefärbten am nämlichen Tische ihren Thee zu nehmen , weil sie selbst vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist , während der Vater dieser vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift . - Darin sind die Schwarzen glücklicher , denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben , wenn auch gleiche Leiden , doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden , wogegen bei uns freien Weißen neben der großen Peitsche , die das allgemeine Schicksal über uns schwingt , noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen , deren Schlag , heimtückisch und aus dem Dunkel nach uns geführt , viel schmerzlicher ist als der Schlag der großen Zuchtruthe . Diese Schläge aber , geliebter Leser , sind unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen , und es wäre gar zu komisch , wenn es auf einmal möglich gemacht würde , all ' die kleinen Geißeln zu sehen , die ein Mensch gegen den andern schwingt . Das wäre erstaunlich amusant , wenn du zum Beispiel bemerken könntest , wie jener Mann , der dir so theilnehmend erzählt , man habe von dir ausgesagt , du hättest neulich diese oder jene Schlechtigkeit begangen , aber es sei eine niederträchtige Verleumdung , und er selbst wisse das ganz genau , - wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich recht absichtlich tief in ' s Herz trifft . - Ja , in der That , wir wüßten nicht , was wir um den Anblick geben würden , unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal zu sehen bei Spaziergängen , in Gesellschaften , im Theater , bei freundschaftlichen Mittagessen , Alle in gegenseitiger Prügelbeschäftigung , Alle mit langen und scharfen Geißeln in der Hand . Aber es ist doch besser , wenn sie unsichtbar bleiben , denn es würde der geneigte Leser auch wahrnehmen , wie wir , seine harmlosen und ganz unterthänigsten Erzähler , zuweilen eine tüchtige Schnur an unsere Feder binden , um rechts und links um uns zu hauen , zur Belustigung der Unparteiischen , aber auch zur Strafe unserer Weißen Sklavenbesitzer . Neunundzwanzigstes Kapitel . Eine Probe lebender Bilder . Der Kommerzienrath Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die nothwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der Residenz freundlichst gebeten , sich zu einer ersten vorbereitenden Probe lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu wollen . Das Gerücht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen keine kleine Aufregung hervorgebracht . Manche Dame , die wohl erwarten konnte , zur Aufführung eingeladen zu werden , hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der Klingel zusammen , ob der ersehnte Bediente nicht erscheine . Manch ' schüchterne Frage an das Schicksal , das heißt in diesen Fällen an die Mutter und den Spiegel , wurde gethan , ob es denn wohl möglich sei , da ausgeschlossen zu werden , wo die Erwählten sich in schönen Stellungen und noch schöneren Costümen vor der ganzen Gesellschaft zeigen werden . Der Kommerzienrath war der Erste , der seit langen Jahren wieder die Tableaux in Aufnahme zu bringen versuchte , und man bemerkte deutlich an so Vielem , daß diese Idee eine zeitgemäße sei . Man hofirte dem alten Herrn , noch mehr aber der finsteren Räthin auf die auffallendste Art von der Welt ; es kamen Besuche über Besuche und deßhalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha , der Bediente nicht von der Hausthüre hinweg . Im Theater schmachtete man im ganzen zweiten Range nach der Loge des Banquiers , wie es der gesammte Adel im ersten Range bei festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestät zu machen pflegt . Der Kommerzienrath war in diesem Augenblicke nicht blos der König der Börse , er war auch der König seiner Gesellschaft , und wenn er in seine Loge trat , so zuckte es rechts und links von den Stühlen empor ; mancher lange Hals von der Weiße eines Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gans that das Uebermögliche , um sich um einen neidischen Pfeiler herum biegen zu können . Unternehmende Beamtentöchter der Kommerzienräthin gegenüber bemühten sich auf ' s Auffallendste , ihre körperlichen Reize in ' s beste Licht zu setzen ; sanfte Blondinen stützten sich schüchtern und melancholisch auf den Arm und schlugen in unnachahmlicher Weichheit zuweilen die Augen auf , um ihre Qualifikation zu irgend einer Heiligen oder gar zur Himmelskönigin darzuthun . Andere mit blitzenden Augen und vollen schwarzen Haaren sahen verwegen über die linke Schulter irgend einen zusammengehockten Rechnungsrath an , als fühlten sie die Kraft einer Judith in sich und sähen sich vielleicht veranlaßt , nächstens ihrem stillen Nachbar den Kopf abzuschlagen . Arthur hatte übrigens während dieser Zeit zu Hause mit Mama bedeutende Kämpfe zu bestehen . Die Costümfrage war glücklicher Weise zu Gunsten des Theaters entschieden worden , und sogar mit Beihilfe einer alten geizigen Oberregierungsräthin , die von Adel war , wenn gleich etwas zweifelhaftem , dabei drei eingeladene erwachsene Töchter besaß , und die förmlich vor dem Gedanken zurückschauderte , denselben Costüme machen zu lassen . Was aber die Einladungen betraf , so konnte der Maler zu seiner großen Verzweiflung hierin nicht den Sinn der Mutter ändern . Er hatte natürlicher Weise die schönsten Frauen und Mädchen aufgeschrieben , sowie Männer von guten Gestalten und interessanten Köpfen ; die unbeugsame Mutter aber verfuhr streng nach dem Gesetz : sie fing oben bei ihrer Rangliste an , und da die gelben Töchter des Kanzleidirektors begreiflicher Weise vor der schönen , jungen Sekretärsfrau und vor den reizenden Töchtern des Postmeisters kamen , so wurden jene zur Aufführung eingeladen , diese aber zum Zusehen verdammt . Der verhängnißvolle Tag der ersten Probe kam so heran ; Arthur hatte den größten Saal des väterlichen Hauses dazu eingerichtet , indem er vorn auf verschiedenen Staffeleien die auserwählten Bilder aufstellte , im Hintergrunde aber eine kleine Estrade errichtet hatte , worauf probirt werden sollte . Der Kommerzienrath hatte sich von dieser Probe zu entschuldigen gewußt - er war auch in Wahrheit gänzlich überflüssig , und die alte Dame verstand , wie wir wissen , auch ohne ihn das häusliche Scepter zu schwingen . Sie saß steif in ihrer Sophaecke ; ihr hartes Gesicht war noch ernster als sonst , und wenn man die finster herabgezogenen Augenbrauen betrachtete , so bemerkte man , daß sich die Dame in keiner freundlichen Gemüthsstimmung befand . Außer dem alten Herrn war so ziemlich die ganze Familie versammelt ; Marianne saß wie damals neben ihrer Mutter in der anderen Ecke des Sopha ' s ; Alfons , der Schwiegersohn , ging mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab , und die beiden Söhne des Hauses , Arthur und Eduard , standen neben einander am Fenster . Ueber Alle aber schien sich ein verdrießlicher Geist niedergelassen zu haben . Die Kommerzienräthin hatte in den letzten Tagen mancherlei Aerger erlebt , ihre Schwiegertochter war mürrischer und unaufmerksamer gegen Mann und Kinder als je gewesen , und Alfons hatte ebenfalls mit seiner Frau einige heftige Scenen , die lebenden Bilder betreffend , gehabt . Er erklärte es nämlich für unpassend , daß sie selbst mitwirke , hatte auch unter Anderem gesagt , er finde diese Tableauxgeschichte durchaus nicht anständig und begreife nicht , wie Mama dergleichen arrangiren möge ; er für seine Person werde sich wohl hüten , in irgend einem Bilde mitzuwirken ; - wofür ihm Arthur übrigens sehr dankbar war ; - auch halte er es für unschicklich , hatte er ferner gemeint , mit jungen Männern oder auch mit jungen Damen in so vertrauliche Gruppen zusammen zu treten , wie es so häufig die Bilder erforderten . Die Kommerzienräthin hatte darauf ziemlich heftig zu Gunsten ihrer Soirée gesprochen , doch war immer von diesem ausgestreuten Samen ein Körnchen bei ihr aufgegangen , welches von einem dem Hause befreundeten Geistlichen genährt wurde , der unter Anderem mit niedergeschlagenen aber dabei verdrehten Augen nur ganz ergebenst darum gebeten hatte , keine Heiligenbilder oder Darstellungen aus der heiligen Schrift zu wählen . Arthur stand , wie gesagt , bei seinem älteren Bruder am Fenster , und wenn auch letzterer angelegentlich auf die Straße zu blicken schien , so warf er doch zuweilen verstohlener Weise einen Blick in die hinterste Ecke des Zimmers , wo seine Frau in einem Fauteuil lag , die Fingerspitzen beider Hände an einander hielt und sehr beruhigt an den winterlichen Himmel hinauf blickte . Eduard schien dagegen wie oft sehr aufgeregt . » Du kannst dir nicht denken , « sagte er leise zu seinem Bruder , » wie diese Frau es versteht , mich zu plagen und zu quälen . Ich will nichts davon sagen , daß sie mir täglich ein finsteres , mürrisches Gesicht macht , so daß ich es im ganzen Jahre ohne Anstrengung behalten kann , wenn sie mich einmal heiter anblickt , - aber ihre Gleichgiltigkeit gegen mein Haus , gegen ihre Geschäfte als Frau , ja gegen meine Kinder ist oft wahrhaft empörend ! « Arthur zuckte die Achseln . » Euch Beiden ist schwer zu helfen , « sagte er . » Das sehe ich leider Gottes ein . Aber soll ich denn diese Geschichten ewig ertragen ? - Ich mag nach Hause kommen , wenn ich will , so finde ich Ursache zum Klagen und zum Streit . « » Du nimmst auch Alles zu genau . « » Ich nähme Alles zu genau ! « erwiderte Eduard vorwurfsvoll ; » ich möchte dich sehen , wenn du an meiner Stelle wärest ! Du weißt zum Beispiel , wie sehr ich auf Ordnung in meinem Schreibzimmer sehe . « » Ja , ja ; darin hat ja deine Frau nichts zu thun und kann also nichts in Unordnung bringen . « » Sie geht selbst auch nicht hinein ; aber sie läßt meine Papiere , meine so zierlich aufgestellten Sachen den Kindern zum willkommenen Spielzeug . « » Das ist freilich arg . « » So komme ich denn gestern nach Hause ; sie ist in ihrem Salon , unsere Mägde halten Kaffeegesellschaft im Hinterzimmer , mein Herr Sohn und meine Fräulein Tochter beschäftigen sich gerade damit , aus ganz wichtigen medizinischen Gutachten , die ich da liegen habe , Düten zu schneiden , in welchen sie meinen feinen Tabak und Streusand unter einander mischen , um sich einen Laden zu arrangiren . Dazu haben sie meine Pfeifen von den Gestellen herabgenommen , ein paar sind schon zerbrochen , und ich komme noch gerade recht , um größeres Unheil zu verhüten . « » Da würde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abschließen und den Schlüssel beständig bei mir tragen . « » Allerdings hätte ich vielleicht dort Ruhe , aber um nicht den ganzen Tag Ursache zum Aerger vor mir zu sehen , müßte ich schon das ganze Haus abschließen und Niemand darinnen lassen als mich und meine Kinder . Du hast gar keine Idee davon , Arthur , was diese Frau für ein Talent zur Unordnung besitzt ; es ist dies ein wahres Talent zu nennen und wäre unter anderen Bedingungen erstaunenswerth . Sie schließt keine Thüre und kein Fenster , sie legt keinen einzigen Gegenstand an den gehörigen Platz ; läßt sie sich einmal herab , dem Hund sein Futter zu geben , so bekommt er dasselbe in irgend einer meiner kostbaren japanischen Tassen ; zieht sie eine Uhr auf , so sprengt sie entweder die Feder oder verwickelt die Ketten in einander . - Nun , von ihrer Toilette will ich gar nicht sprechen , das hast du ja vor Augen und wirst es mir deßhalb glauben . Betrachte sie ein einziges Mal , ob der Anzug , den sie trägt , vollkommen zu einander paßt ! Ich wette hundert gegen eins , daß dir eine ganze Menge Unordnungen beim ersten Anblick in die Augen springen werden . - Siehst du , Arthur , und das macht mich unaussprechlich elend ; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften Aufregung . « » Wodurch du aber die Sache nicht besser machst , « entgegnete der Maler . » Eben diese krankhafte Aufregung ist schuld , daß du wie ein Falke nach Allem spähst und gewissermaßen froh bist , wenn du etwas findest , was dir gestattet , diese Aufregung explodiren zu lassen . « » Nein , gewiß nicht . « » Was du mir da Alles erzählt hast , sind an sich nur Kleinigkeiten ; aber obgleich ich mir wohl denken kann , daß sie dich auf ' s Tiefste verstimmen , wenn sie beständig vorkommen , so solltest du dir doch einmal fest vornehmen , dich dadurch nicht zum Zorn hinreißen zu lassen , sondern ruhig und bestimmt das zu sagen , was du sagen willst , dann dich auf dem Absatz umzudrehen und deiner Wege zu gehen . « » Du hast Recht , lieber Arthur , « versetzte seufzend der Bruder . » Wenn ich das nur könnte ! Aber ich bin es nicht im Stande ; wenn ich zu Hause nur einen einzigen Menschen hätte , der es mit mir hielte , der mich unterstützte ! Aber ich versichere dich , bis auf die Kinder hinab komplottiren sie gegen mich . - Und erst unsere Dienerschaft ! Die handelt vollkommen nach dem Beispiel von Madame . - Unordnung und Gleichgiltigkeit vornen und hinten . « » Aber denen kannst du doch befehlen . « » Ich befehle auch , um von ganz gewöhnlichen Dingen zu reden , daß zum Beispiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Morgen ihren Kaffee haben sollen , und zwar an einem bestimmten Tische ; ich setze es nicht durch , Gott bewahre ! Eins wird im Bett gefüttert , das andere verzehrt sein Frühstück auf dem Waschtisch , und ich bin schon dazu gekommen , daß Oskar in aller Gemüthlichkeit sein Brod in das Seifenwasser tunkte und dann aufaß . Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge stehen ? « Arthur zuckte beistimmend die Achseln . » Du weißt , ich will immer um ein Uhr zu Mittag speisen , « fuhr Eduard fort ; » aber ich bringe es nicht dahin . Bald will sie Nachmittags etwas vorhaben , und es steht dann die Suppe schon nach zwölf Uhr auf dem Tisch , bald ist es Zwei und ich mag klingeln wie ich will , es erscheint Niemand . - Das sind freilich Alles keine großen Sachen , aber es ist viel schlimmer als ein schweres Unglück , das uns betrifft und mit einem Mal zu Boden schlägt , - es martert uns mit beständigen Nadelstichen zu Tode . « » So wird also deinen Befehlen nicht Folge geleistet , und wenn du hie und da eine Scene aufführst , was nicht selten bei dir vorkommt - ? « » So habe ich selbst den Schaden davon . Madame zieht bei dem leisesten Wort ein Gesicht und sagt mir während vier Wochen nicht die Tageszeit , ich bin in meinem eigenen Hause wie die reine Gottesluft , ich existire als Gegenstand für Niemand - man sieht mich gar nicht an . Und das zu ertragen bin ich einmal nicht im Stande ! « » Und deßhalb bist du der Erste , der wieder gute Worte gibt ! « sagte Arthur mit leisem Tone . » Was soll ich machen ? - Ich kann solch ' ein Leben zu Haus nun einmal nicht ertragen . Du hast gar keine Idee davon , was es heißt , so ein finsteres Gesicht vor sich zu sehen . Morgens vom Aufstehen , bis Abends , wo man zu Bette geht , kein Zorn , kein Aerger , der sich dem meinen entgegensetzt , nein - nein , eine unheimliche Gleichgiltigkeit , die Schwüle eines Gewitters , das nicht zum Ausbruch kommt , das keine wohlthätigen Blitze herabsendet , welche die Luft reinigen , und bei dem man nur in der Ferne ein gelindes Donnern hört . - Letzteres besorgen an solchen Tagen meine freundlichen Dienstboten , die im Verein mit Madame mich zu bestrafen trachten , indem sie meine Befehle schlecht und mürrisch ausführen , jeden Augenblick Gläser und Schüsseln hinfallen lassen und die Thüren zuschlagen , daß Einem Hören und Sehen vergeht . « Obgleich Eduard diese Schilderung seiner häuslichen Sklaverei dem Bruder im Tone des tiefsten Schmerzes machte , so konnte sich doch dieser eines kleinen Lächelns nicht erwehren . - » Es sind das allerdings Nadelstiche , « sagte er , » aber du mußt sie zu pariren wissen . Waffne deine Haut mit Geduld , tritt fest auf , zeige deinen Frauenzimmern den Herrn , und wenn sie anfangen mit dir zu boudiren , so zwinge dich , darüber zu lachen und nimm die Sache ebenfalls gleichgiltig . « » Wie oft habe ich mir das schon vorgenommen ! « versetzte Eduard mit betrübtem Tone ; » aber ich kann nicht . Ach ! wie könnten wir so glücklich sein , wenn meine Frau anders wäre ! Ich liebe sie immer noch wie damals , und wenn hie und da ihr Gemüth freudig ist und sich in ihrem Auge ein Sonnenstrahl zeigt , so bin ich der glücklichste Mensch von der Welt , vergesse und vergebe Alles , trage sie auf den Händen und - « » Verderbe damit Alles , « warf Arthur ein . - » Aber ich habe gut predigen , wir haben vom Vater das weiche Gemüth , vielleicht ginge es mir gerade so . Du mußt dich in Geduld fassen . « » Ja , « seufzte der Andere , » ich muß mich in Geduld fassen . Aber wenn die Geduld einmal bei mir zu Ende ist , wenn mein trostloses Hauswesen von keinem Strahl der Freude mehr erhellt und wenn es rings um mich immer finsterer wird , dann - - gibt es doch noch einmal ein gräßliches Unglück , « setzte er mit ganz leiser Stimme hinzu . Während dieser Unterredung , die am Fenster und natürlicher Weise nicht laut geführt wurde , schien für die Uebrigen ein Engel oder ein Polizeidiener , wie man zu sagen pflegt , durch das Zimmer zu schweben , denn es sprach weiter Niemand ; nur die alte Dame machte hie und da einiges Geräusch , indem sie mit den Fingern leicht auf dem Tische trommelte , was bei ihr jedoch immer als ein Zeichen ziemlich übler Laune anzusehen war . Dreißigstes Kapitel . Gesellschaftliche Correspondenzen . Um drei Uhr sollte die Probe beginnen , und man hatte bis dahin noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit . Der Bediente trat in das Zimmer und überreichte der Kommerzienräthin zwei Briefe . Sie öffnete dieselben , las sie durch und reichte sie dann ihrem Sohne Arthur . » Hochverehrtheste Frau Räthin , « hieß es in dem einen ; » Sie werden wahrscheinlich überzeugt sein , wie außerordentlich schätzenswerth und höchst angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladungen ist . Deßhalb kämpfte ich auch bis heute , ja bis um diese Stunde , ehe ich den Entschluß fassen konnte , Ihnen vorliegende Zeilen zu übersenden , mit denen ich Ihnen , hochgeschätzte Frau , unter tiefstem Bedauern anzeigen muß , daß es mir unmöglich ist , in den lebenden Bildern mitzuwirken . Natürlicher Weise können Sie verlangen , den Grund dieses meines harten Kampfes und späten Schreibens zu erfahren ; aber nehmen Sie es mir nicht übel , werthgeschätzte Frau , wenn ich Ihnen die Wahrheit sage . Es wurde gestern nämlich gerüchtsweise bei Obertribunalraths erzählt , es sei durch Ihren Herrn Sohn Arthur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F. mit seiner Frau gelangt ! - Wenn diese Leute auch hie und da in größeren Gesellschaften gesehen werden , so bin ich fest überzeugt , daß Sie , werthgeschätzte Frau , doch Anstand nehmen , sie zur Aufführung lebender Bilder einzuladen . In einer Soirée kann man sich ausweichen , aber in einem Tableau - meine Töchter befinden sich in unbeschreiblicher Aufregung und Angst . Denken Sie , wenn es Ihrem Herrn Sohn , dem Herrn Maler Arthur , am Ende einfiele , die Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu plaziren ! Ich bin fest überzeugt , die Frau würde darauf hin eine nähere Bekanntschaft versuchen , und dafür müßte ich - doch ganz besonders danken . Uebrigens bin ich wie immer mit aller Freundschaft Ihre Albertine Wasser , verwittwete Tutelar-Räthin . « Die Kommerzimräthin hatte , während ihr jüngster Sohn las , jede Miene desselben mit Ruhe aber großer Bestimmtheit betrachtet , ja , sie war mit ihrer langen spitzen Nase seinen Augen gefolgt , wie sie auf dem Papier hin und her liefen , und als bei Erwähnung des Doktors F. und Frau ein verächtliches Lächeln über seine Züge flog , drückte die alte Dame ihre Augenbrauen finster herab und trommelte drohend und in einer unbeschreiblichen Taktart auf dem Tische . » Nun ? « fragte sie streng , nachdem Arthur den Brief durchlesen und nun lächelnd aufschaute . » Was ist an dieser Geschichte ? « » Sie kennen ja den Doktor F. und seine liebenswürdige Frau , « erwiderte Arthur , - » einen meiner besten Freunde ; sie wurden Ihnen durch mich vorgestellt . « » Das weiß ich ; - aber die andere Geschichte ! « » Sie machten mit Papa auch einen Gegenbesuch . « » Schicklichkeitshalber . Aber - « » Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem großen Thé dansant ein , « fuhr der Sohn ruhig fort . » Das that ich , « entgegnete sehr ernst die Mama , » erstens , weil ich auf deine Bitten die Vorstellung geduldet , zweitens , weil sich die Leute , so lange sie hier sind , nicht unanständig aufgeführt , und drittens , weil , wie die verwittwete Tutelar-Räthin ganz richtig bemerkt - das bei einer großen Soirée in der Menge verschwindet . « » Aber F. ' s waren auch später noch einmal da , « sagte Arthur , indem er den Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen stützte - eine Haltung , die Jemand annimmt , der zum ernstesten Widerstand entschlossen ist . Die Nase der Kommerzienräthin erhob sich einen halben Zoll höher . Sie hörte auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche , in das sie leise