doch nicht recht ; es solle machen , was nötig sei , es habe es ihr sein Lebtag besser getroffen als er . Vreneli versuchte nicht zu berichtigen oder zu widersprechen , fertigte vor allem einen Boten an Johannes ab , sandte ein Fuhrwerk nach Elisi , tat sonst das Nötigste , was üblich ist in solchen Fällen , und hatte noch viel mit Uli zu tun , dem der Tod der Base auch sehr nahe ging , den Schmerz aber auf ähnliche Weise wie Joggeli ausdrückte . Ihnen sei es viel zu übel gegangen , es sei eine brave Frau gewesen , hätte mit allen Leuten es wohl gemeint . Jetzt könnten sie zusehen , wie es ihnen erginge . Vor dieser Pacht hätte ihm immer gegraut , aber es hätte müssen erzwungen sein , und jetzt werde man erfahren , wer recht gehabt und wie es einem gehe , wenn man höher fliegen wolle , als man Flügel dazu habe . Vreneli gab darauf nicht einlässigen Bescheid , es war zu weich gestimmt , um die Weise , seinen Schmerz in Beschuldigungen Anderer auszudrücken , zu züchtigen , wie sie es verdiente . Diese Unart haben übrigens sehr viele Leute . Bei allen Unfällen und Widerwärtigkeiten , auch wenn sie sich dieselben auf die augenscheinlichste Weise selbst zuziehen , fassen sie rasch nach einem Sündenbock , ziehen ihn bei den Hörnern herbei , laden ihm alle Schuld auf ; finden sie keine Menschen , denen sie die Schuld aufladen können , so muß Gott selbst herbei und das Lamm sein , welches die Sünden und Schulden der Menschen trägt . Die Kinder säumten nicht , mit Johannes kam auch Trinette . Vielleicht noch nie in ihrem Leben hatten Elisi und Trinette ihre Toiletten so schnell gemacht , denn wenn es ans Erben geht , kriegen selbst die kriechenden Tiere Beine . Indessen war es mit dem Erben ein quasi heillos Ding , denn nach der Sitte fallen Kleider und Kleinodien einer Mutter den Töchtern zu ; Söhne und ihre Weiber haben keinen Teil daran , als was allfällig im guten Willen der Berechtigten liegt . Elisi war zuerst auf dem Platze . Kaum hatte es den Vater gegrüßt , hatte an der Mutter Bette einige Male das Gesicht abgewischt , sagte es : » He ja , gestorben muß sein , man wird sich drein schicken müssen , Wehren hilft nichts , und mit Wüsttun macht man niemand wieder lebendig . « Somit drehte es sich um , sagte , es müsse ein ander Schnupftuch haben , das seine sei ganz naß , öffnete Schrank um Schrank , um eines zu suchen , und wahrscheinlich geflissentlich zu allerletzt den rechten , wo die Schnupftücher , wie es wohl wußte , verwahrt lagen . Unterdessen war auch Trinette erschienen , und als sie Elisi über geöffneten Schränken sah , demselben zugefahren , ohne um die gestorbene Mutter sich zu kümmern , hielt die Inspektion mit . Elisi nun war boshaft genug , dieselbe nicht abzukürzen , sondern so recht auseinanderzulegen , was da war , es zu preisen und zu sagen , was dieses und jenes gekostet haben möge und was es damit zu machen gedenke . So redete es , bis der Trinette das Gift im Herzen siedete bis in den Kopf hinauf und Funken sprühte zum Mund heraus . » Du wirst doch nicht etwa meinen , das alles sei dein « , sagte sie giftig . » Es nimmt mich doch wunder , wo das geschrieben steht , daß eine Tochter alles vorwegnimmt ; soviel Mund , so viel Pfund , das ist das wahre Erbrecht . Das käme mir sauber heraus , wenn die Tochter alles alleine haben sollte , da könnte ja eine Mutter all ihr Vermögen in Kleider stecken , und somit hätten die Söhne und ihre Weiber das Nachsehen ; das wäre kommod , da könnte jede scheinbar den Narren machen wie jene bekannte Wirtin , welche über hundert Dutzend Hemden hatte , über hundert seidene Schürzen , die andern nicht gerechnet , seidene Tüchlein unzählbare , fünfzehn schwere silberne , teilweise mit Gold ausgelegte Göllerketten und alles andere in gleichem Verhältnis , so daß in ihren Schränken ein großes Vermögen stak . So könnte es jede machen , und darum : soviel Mund , so viel Pfund , hörst ! « » Ja , ja , « sagte Elisi , » wenn es auf dich ankäme , so wäre es so , ich glaubs , aber es haben glücklicherweise andere gescheute Leute vor dir gelebt und die Ordnung gemacht ; wenn deine Mutter stirbt , kannsts dann auch nehmen , heißt das , wenn was zu nehmen ist , was ich nicht weiß . « Potz Himmel , wie es da losging und Trinette keifte , wie sie auch irgendwo zu Hause sei , wo man noch ganz andere Sachen hätte und das hier nur ein Bettel dagegen sei . » Warum willst du dann von diesem Bettel ? « grinste Elisi , » der ist jetzt mein und bleibt mein , « zog die Schlüssel ab und steckte sie in die Tasche . Ja , jetzt gab es erst Wetter , mit bedeutendem Donner drohte es loszubrechen da streckte Johannes sein schwer Gesicht zur Türe herein und sagte : » Es wäre beim - anständig , ihr hieltet euch still , ihr Hagels Gränne . Was werden die Leute sagen ? Höre ich euch noch einmal , so hocke ich euch kehrum aufs Maul , daß ihr das Reden für acht Tage vergeßt , zählt darauf ! « Die Drohung wirkte ; einen zweiundeinenhalben Zentner schweren Wirt auf dem Munde haben , ist allerdings ein gewichtig Heftpflaster . Johannes hätte eigentlich nicht Ursache gehabt , so hart zu reden , sintemalen er ein Zwiegespräch mit seinem Vater führte , freilich etwas leiser , welches die Selige vielleicht ebenso sehr betrübt hätte , wenn ihre Ohren noch offen gewesen wären menschlicher Rede . Aber Gott schließt den Toten mit den Augen auch die Ohren , er weiß wohl warum . Sie disputierten miteinander , freilich mit Anstand , das heißt ohne Gebrüll ; Keiner wollte wegen der Mutter Tod zum Pfaffen , das heißt Pfarrer , denn so betiteln reformierte Wirte , eidgenössische Lieutenants , sogenannte Schullehrer und andere Staatsmänner gewöhnlich die Geistlichen , und allgemach geht die Redeweise auch auf Schneider , Schuhmacher , Schreiner , Schinder , Sattler und andere Majestäten des Tages über ; ja sogar Schulbuben werden bei Anlaß der neuen Sprachlehren in die neuen Sprachweisen eingeübt , begreiflich ! Wenn die Hexenmeister des Tages die Kinder nicht alles lehren dürften , was sie wüßten , könnten , wollten , möchten , ja du lieber Gott , da wären sie in einem halben Tage am Ende ihrer Weisheit , und dann was weiter ? Nein , da sind sie viel klüger , akkurat wie viele Müller , welche auch nicht meinen , daß sie das Mehl rein geben müßten , sondern Kleien und Spreue noch beilaufen lassen , ja Taubenmist und Hühnerbohnen und was sie irgend vom Mühlstein abkratzen können , denn wer Liebhaber ist von reinem Mehl , kann es , wenn er es rein haben will , selbst auseinandermachen . Joggeli wollte nicht gehen . Er sei zu krank und angegriffen , sagte er . Johannes sagte , er wisse nicht , wie man dies verrichte , es sei ihm noch nie dazu gekommen , und wenn es nicht sein müsse , gehe er zu keinem Pfaffen . Sie wurden rätig , Uli zu senden , aber wohl , Vreneli sagte ihnen , was Ordnung sei . Sein Lebtag hätte es nie gehört , daß man irgendwo solche Dinge durch einen Knecht verrichten lasse , wie man etwa ein Stück Vieh mit einem Knechte zur Metzg schicke . Solches werde durch die nächsten Verwandten verrichtet überall . Nun nehme es ihns wunder , ob die gute Base es verdient um sie , daß niemand zum Pfarrer wolle , um sie anzugeben . Drüben zanke man sich wegen ihren Kleidern , hier um einen kurzen Gang . Es sei himmelschreiend und wunder nehme es ihns , ob es irgendwo in Heidenlanden ärger zugehen könne . Wenn die Base diese Liebe mitansehen müßte und hören die Worte , welche geredet würden , so würde ihr das Herz zu bluten anfangen , wenn es schon aufgehört habe zu schlagen . Johannes hatte einen gewissen Respekt vor Vreneli und bequemte sich endlich zu dem Gang . Begreiflich trank er erst einen Schoppen oder zwei , ehe er ins Pfarrhaus ging , unter dem Vorwande , mit dem Wirte wegen dem Leichenmahl zu reden , eigentlich aber um sein Herz zu stärken und Courage zu trinken . Es ist kurios mit solchen Menschen ; sie scheinen ein Herz von Eichenholz zu haben , einen Mut , welcher den Teufel bei den Hörnern fassen darf , tun gewaltige Reden und zeigen gegen jeden Pfaffen die gründlichste Verachtung , renommieren vor ihren Gästen förmlich mit dieser Verachtung und predigen den Satz , wann endlich die Zeit komme , daß man mit solchen Tagdieben abfahre , auf alle mögliche Weise . Aber wenn sie dann mal zum Pfarrer sollen , so wird es ihnen unheimlich und öde ums Herz , sie müssen mühsam die Bruchstücke ihres Mutes zusammensuchen und sie dann erst noch zusammenleimen mit einem oder zwei Schoppen . Sie sagen zwar , es sei ihnen verflucht zuwider , zum Pfaff zu gehen , meinen vielleicht selbst oder machten wenigstens Andern es glauben machen , es sei wegen der Verachtung . Aber es ist durchaus nicht , sondern es ist nichts als Grimmen , Krümmen , Wenden , Aufblähen , welches nach der Sage die bösen Geister dem gegenüber , welcher sie bannen und austreiben will , versuchen . Der böse Geist fühlt , es steht ihm gegenüber eine feindliche Macht , vor welcher er sich beugen , welcher er weichen müsse , wenn sie dazu kömmt , sich an ihm zu versuchen . Er bietet daher allem auf , sie nicht an sich kommen zu lassen , sie ferne vom Leibe zu halten . Er fühlt , es ist da eine Macht , welche gegen ihn berechtigt ist , die er fliehen oder sich ihr unterwerfen muß ; er fühlt es aber in unheimlichen Wehen , in peinlichem Regen , zum hellen Bewußtsein kömmt es ihm nicht , wie übrigens diese Menschen selten oder nie im hellen Bewußtsein ihrer selbst sind . Dazu mag auch kommen , daß sie das Totenregister nicht gerne sehen , daß sie sich vor dem Gedanken furchten , wie lange es gehen werde , bis wieder einer zum Pfarrer kömmt und sagt : » Guten Tag , Herr Pfarrer , muß eine Leiche angeben und ( ihren Namen nennend ) fragen , wann wir ihn begraben können ? « So ging es Johannes . Der Pfarrer bedauerte während dem Einschreiben den Verlust der guten Frau sehr , sagte viel Gutes von ihr : Der Segen , eine solche Mutter zu haben , sei groß , es sei nur zu wünschen - » Ich werde fertig sein ? « frug Johannes aufstehend . » Die Sache ist eingeschrieben , « antwortete der Pfarrer , » ja , und wünschen möchte ich- « » So lebt wohl , Herr Pfarrer , « sagte Johannes , » muß pressieren , wir haben eine große Verwandtschaft ; nur bis allen Bescheid gemacht ist und niemand vergessen , gibt es zu tun und zu denken . Lebet wohl ! « , und wie ein Berg wälzte es sich ihm von der Brust , als er vom Pfarrhause wegging , und immer leichter und wohliger ward es ihm ums Herz , je näher er dem Wirtshaus kam , und als er endlich wieder drinnen saß , da ward es ihm akkurat , als sei er zu Hause . Der Pfaff hätte ihm noch eine Predigt halten wollen , sagte er zur Wirtin , aber dem habe er es schön gemacht , die Türe in die Hand genommen und sei gegangen . Gewiß stehe er noch mitten in der Stube und glotze die Türe an wie eine Kuh das neue Tennstor . So sollte man es allen denen - Pfaffen machen . Wenn alle es so machen würden , das Predigen und Leuteplagen verginge ihnen , denen - . Dazu stieß Johannes die Augen aus dem Kopf , daß sie anzusehen waren wie zwei Mailänderäpfel , riß das Maul auf , daß man es füglich für das berühmte Urnerloch hätte ansehen können ; aus dem einfach geöffneten Tor flogen abwechselnd ganze Wolken Rauch und ganze Wolken Flüche , und mit den breiten Fäusten schlug er den Takt dazu . Kurz er gebärdete sich ganz als ein Mann , dem ein Berg sich von dem Herzen gewälzt hat oder der einer großen Gefahr entronnen ist und es sich nun behaglich macht . Jetzt hatte er nichts mehr zu pressieren , ließ es sich so wohl sein , daß er geholt werden mußte , um Nötiges zu beschicken . Vreneli verlebte die nächsten Tage voll Zorn und Wehmut , es gedachte der Worte der Seligen über ihre Kinder und begriff sie . Es betete zu Gott , daß was bei Menschen unmöglich sei , Gott möglich machen möge , der Seligen die Last von der Seele nehmen und sie nicht entgelten lassen möchte , was sie in Unwissenheit und aus gutem , wenn auch schwachem Herzen getan . Am bösten war es über die zwei Weiber . Es war ihm unmöglich , ihnen ein gutes Wort zu geben ; daß so gemein , herzlos , blechern ums Herz zwei Menschen sein könnten , das hatte es sich nicht vorgestellt . Fressen und Zanken war ihr Tagewerk . Am besten kam es mit Johannes aus . Der hatte doch noch ein Herz von Fleisch und Blut , und manchmal war es sogar , als fahre wie ein Blitz ein höheres Gefühl durch dasselbe , aber wenn man es fassen wollte , siehe so war es schon nicht mehr da . Indessen begehrte er doch bestmöglichst den Anstand und das Übliche zu berücksichtigen , hörte Vreneli an , wenn es etwas anbrachte , gab ihm zumeist recht und half zuweilen selbst etwas anordnen aus eigenem Antriebe . Johannes hatte eine von den brüllhaften Naturen , welche die ganze Welt voll himmeldonnern , daß man glauben sollte , in ihnen sei die Macht aller wahren und falschen Gottheiten , von Saturn bis auf Hegel , welche bekanntlich darin große Ähnlichkeit haben , daß sie ihre eigenen Kinder fressen , konzentriert . Betrachtet man diese Naturen in der Nähe , so sind sie zumeist ohne alle innere Kraft und Macht , ihr ganzes Vermögen geht eben in ihrer Brüllhaftigkeit auf . Man sieht zuweilen Menschen in Kaffeehäusern , bei Spiel und Champagner die bedeutendsten Rollen spielen , daß man meinen sollte , sie wohnten in Palästen , schliefen auf Schwanenfedern unter seidenen Decken , und es sind die ärmsten Schlucker von der Welt , wohnen zur Miete oder wohnen auch gar nicht , und wenn sie Kinder haben , so haben diese oft gar nichts , um die Nase zu wischen , als was sie auf die Welt gebracht . Hört man sie , so glaubt man , Gott habe einmal statt Frösche , wie er zuweilen tut , Helden regnen lassen hageldick , die halbe Welt voll ; prüft man sie , so sind es lauter Windbüchsen , bläst man nichts hinten rein , kömmt nichts vornen raus , sind ohnmächtige Wesen , untertan jeglichem Winde , der über sie hinfährt , haben aber große Fähigkeit , den Wind zu fassen , große Fähigkeit , ihn verflucht ring wieder von sich zu geben ; wäre aber kein Wind , so wären sie auch nichts . Es sind moderne Naturen , oder , etwas vulgär gesagt , die Schweinsblasen des Zeitgeistes oder jedes andern Geistes , der sein Maul an ihr Röhrchen wagt . Derlei Naturen stolpern zu Tausenden in der Welt herum , vom Himmel geregnete Frösche , brüllen die Welt voll , daß man in Versuchung gerät , sich zu ducken , als wäre eine Herde von zehntausend Büffeln im Anzug . Wer aber Courage hat , standhält , merkt gleich , daß es eben nur Frösche sind , und wer Geduld hat und warten mag bis übermorgen , merkt Keinen mehr von ihnen ; unerwartet sind sie gekommen , unerwartet verschwinden sie , woher , wohin weiß man nicht , aber wahrscheinlich , ihrer Natur nach , aus dem Schlamm und in den Schlamm . So war auch der Johannes ein Koloß an Gestalt und Gebrüll , und ein klein Kind konnte seine Grundsätze lenken , seine Redensarten bestimmen , konnte alles mit ihm machen , Speise und Trank vorbehalten , denn in dieser Beziehung alleine besaß er große Selbständigkeit . Zu allem Peinlichen kam noch der ausgebrochene Kinderkrieg , welcher , man möchte fast sagen , Tag und Nacht kein Ende nahm . Elisis Kinder waren da , Trinettes ebenfalls , die letzteren größer , die ersteren kleiner , mischten sich unter einander und mit Vrenelis Kindern , und so unartig , zanksüchtig , meisterlos als möglich erzogen , gab es ununterbrochenen Streit , begleitet mit einem Geheul , ungefähr wie die Indianer heulen , wenn sie die Hütte eines Blaßgesichts überfallen . Zuweilen stürzte in das Geheul mitten hinein scheltend und schreiend ein Weib , schlug drein links und rechts , trug zappelnd und blutend ein Kind von dannen , und hinter ihr her scholl mit verdoppelter Macht das Geheul . Wenn es noch eine Woche so ginge , so liefe es fort , sagte Vreneli , solcher Spektakel sei , so lange die Glungge stehe , nicht erlebt worden . So viel als möglich schloß es seine Kinder ein , denn mit diesen gingen die andern akkurat um , als wenn es junge Katzen wären , welche man plagen und martern dürfe ungestraft . Endlich kam der Tag , an welchem die gute Mutter begraben werden sollte . Da konnte man sehen , was eine gute Frau zu bedeuten hat in einer Gegend , sie ist , was ein warmer Ofen im harten Winter ; jeder , dem es schaurig wird in der kalten Welt , läuft ihm zu , sucht und findet Behagen in seiner Nähe . Gar Viele legten in lauter Wehklage Zeugnis ab , daß sie nackt gewesen , von ihr gekleidet , hungrig und durstig , von ihr gespeiset und getränkt worden . Diese Zeugnisse werden wohl noch ihren alten Wert besitzen ; was sie diesen getan , wird der , der einst zu richten kömmt die Lebendigen und die Toten , ansehen , als hätte er es empfangen , und hier wird wohl auch die Sühnung liegen von allem , was sie gefehlt in Unwissenheit und allzu großer Milde . Indessen wem die Klage am tiefsten aus dem Herzen floß , waren doch Joggeli und Vreneli . Joggeli fühlte , daß man seinen Stab und Stütze zu Grabe trug ; ein düsteres Ahnen der Tage , die seiner warteten , beschlich ihn . Schon jahrelang war er immer am Stock gegangen und hatte es sich so angewöhnt , daß er vom Tische zum Bette den Stock zur Hand nahm . Aber viel schwächer als seine Beine war sein Wille , der änderte sich alle Tage und jedes Kind konnte ihn meistern ; seine Frau hatte ihn auch gemeistert , aber zu seinem Besten . Solange sie lebte , klagte er dar , über bitterlich , jetzt , da sie tot war , vermißte er dieses Meistern noch viel bitterer ; er fühlte , daß er den Halt im Leben verloren . Vreneli ging es fast ebenso ; es war ihm , wie es dem Schiffer ist , dem auf wild bewegtem Meere das Ruder entgleitet , der Kahn der Willkür der Wellen preisgegeben ist . Es war ihm wie einem Kinde , welchem im Marktgetümmel der Mutter leitende Hand entfährt , hin- und hergestoßen wird von des Marktes Wellen , umsonst nach der Mutter sieht und schreit . Das Verschwinden eines Menschen von der Erde ist schauerlich , und Wenige werden , wenn sie an einem offenen Grabe stehen , diesen Schauer nicht fühlen , sich nicht sagen : » Siehe , so sieht auch die Türe aus , durch die du mußt zum andern Leben , so sieht dein Grab auch aus , aber wie wird dein und aller Erwachen sein ? « So werden die Meisten denken , welche nicht mit besonderer Liebe an die Leiche gefesselt sind . Wo die Liebe recht lebendig ist , da verzehrt sie alle Gedanken , nur der Schmerz des Missens , das Sehnen nach Wiedersehen fluten durch die erregte Seele . Da wird uns klar , wie wir selbst ein Geheimnis sind im Werden und im Sterben , ein Geheimnis , welches kein Sterblicher offenbart , da begreifen wir , daß wir wandeln müssen im Glauben , nicht im Schauen , daß wir nichts sind als ein Hauch des Allmächtigen , aber ein wunderbarer , der kommt und schwindet nach seinem Wohlgefallen . Da fühlen wir , daß alles Wissen und Sagen der Gelehrten Stückwerk ist und ein kindisch Gerede und nichts Kraft und Macht hat in den Schauern des Todes und des Grabes als die Verheißung , daß auferstehen werde in Kraft und Herrlichkeit , was verweslich und in Schwachheit ausgesäet worden . Wenn einer geht ins bessere Land , entsteht wohl eine Lücke in der Welt , kleiner oder größer , je nach des Menschen Stand und Bedeutung , aber schnell ist die Lücke zugewachsen in der Welt , schneller noch , als das Gras wächst auf dem Grabe . Nur die Lücken in den Herzen wachsen nicht zu ; wenn sie aufhören zu bluten , blüht ein freundlicher Gedanke auf , schöner , als je Rosen auf einem Grabe geblüht . So verschwand auch die Base . Die Arbeit , welche sie noch getan , verrichteten Andere , der Lauf der Welt blieb der gleiche ; aber die , welche sie geliebt , vergaßen sie nimmer , und lange wird kaum ein Tag vergangen sein , daß ihrer hienieden nicht in Liebe gedacht wurde von denen , denen sie wohl , getan . Sie ruhte im Grabe im Herrn und darum sicher auch sanft . Desto weniger Ruhe hatte Joggeli . Beide Kinder , oder statt Elisi vielmehr der Baumwollenhändler ( denn was frug Elisi dem Vater und allem Übrigen nach , seit es der Mutter Schätze geerbt ! ) , stritten sich um ihn schrecklich ; jeder wollte , er solle zu ihm ziehen , um auf den Händen getragen zu werden , daß sein Fuß an keinen Stein mehr stoße , wie der Teufel es dem Herrn verhieß , als er ihn verleiten wollte , von der Zinne des Tempels zu springen . Hier könne er nicht bleiben , so verlassen , wo niemand zu ihm sehe , ihm begegnen könnte , was da wollte , niemand sich dessen achte . Nun wollte ihn aber jeder zu sich , darüber entbrannte der Streit . Jeder wußte , was mit Joggeli zu machen war , wenn man ihn in Händen hatte ungestört , darum wollte ihn jeder , aber um alles in der Welt nicht , daß er zum Andern ziehe . Johannes stellte ihm vor , wie kurzweilig es bei ihm sei , da habe er den ganzen Tag Gesellschaft und zu essen , was ihm nur in den Sinn komme ; er habe eine Köchin , wo er ausbieten wolle , sie mache gebackene Fische und saure Leber trotz dem Koch beim Falken . Der Baumwollenhändler dagegen schilderte gräßlich die Unruhe in einem Wirtshause , wo fast kein Schlaf möglich sei , man auch nie das Essen zu der Zeit haben könne , sondern wenn es der Köchin gelegen sei , und oft nichts als die Tellerräumeten der Fremden . Bei ihm hätte er goldene Ruhe und ausgesuchtes Essen , welches er befehlen könne nach Belieben ; wolle er Gesellschaft , so könne er auslesen nach Belieben ; im Orte , wo er wohne , seien neununddreißig Wirtschaften , allenthalben finde er ausgesuchte Gesellschaft , und wolle er Ruhe , so finde er sie daheim , da solle er Herr sein und kommandieren , wie er wolle , gehorcht solle ihm werden , wie wenn er der Napoleon wäre . Das waren die Präliminarien , von denen kamen sie immer tiefer in die Materie hinein , zerrten erst die Weiber gegenseitig im Maul herum , daß wenig gute Fetzen an ihnen blieben , dann sich selbst , und fast wäre es zum tätlichen Abschluß gekommen , wann Joggeli nicht selbst gemahnt hätte , was die Leute sagen würden , wenn man sich sozusagen über der Mutter Grab prügle . Das endliche Resultat war , daß Joggeli bleiben durfte , so gleichsam auf neutralem Boden , und so war es Joggeli wirklich auch am liebsten , denn wenn er auch über niemand mehr zu klagen wußte als über Vreneli , so vertraute er sich ihm doch am liebsten an ; er wußte , er hatte es hier am besten und ruhigsten . Sein Aufbegehren war eigentlich nichts als der Ärger darüber , daß er der hohen Natur untertan sein müsse , während nach der äußern Stellung das umgekehrte Verhältnis stattfinden sollte . Indessen traute weder Johannes noch der Tochtermann dem Handel ; jeder dachte , sobald er glaube , der Andere sei fort , so komme er wieder her und mache mit Joggeli , was er gut finde . Begreiflich aber dachte er zugleich , der Andere werde es auch so machen , der verfluchte Schelm sei nicht zu gut dafür . Jeder suchte daher bei Vreneli eine Privataudienz so versteckt als möglich , versprach ihm , man werde ihm daran denken , wenn es aufpasse , was der Andere mache , wenn er kommen sollte . Sobald es was Verdächtiges merke , solle es Bescheid machen , plötzlich , sein Schade solle es nicht sein . Vreneli aber wollte sich mit solchen Aufträgen nicht befassen ; zum Vetter wolle es sehen , daß es es einmal verantworten könne bei der Base , wenn sie wieder zusammenkämen , sagte es . Daneben würde es ihm übel anstehen , wenn es bei ihm den Landjäger machen wollte . Es werde ein jedes Kind das Recht haben , mit dem Vater zu reden , ohne daß jemand anders dabei sei ; einstweilen sei er bei gutem Verstand , und trauten sie nicht , sollten sie ihn bevogten lassen , da seien sie Kummers ledig . Aber das wollte Keiner , dieweil jeder von ihnen Privatabsichten hatte , welche unausführbar wurden , sobald ein Vogt oder Vormund Joggeli beschirmte und selbst verantwortlich war . Ob aber den Leuten hier zu trauen sei ? frug der Baumwollenhändler , dem diese Abfertigung verdächtig vorkam und der Verdacht auftauchte , sie könnten Joggeli selbst melken wollen . Gutsprechen wolle er für niemand , sagte Johannes , indessen traue er den Leuten mehr als den nächsten Verwandten , denn bis dahin hätte er noch nichts Schlechtes von ihnen gehört . Übrigens würde der Vater es bald genug klagen , wenn sie an ihm rupfen wollten . Der Schwager nahm die Prise . Also aufgepaßt , dachte er , jedenfalls tue ich den ersten Zug ; dann macht jeder , was er kann . Elisi mochte nicht warten , bis es mit seinen Sachen fort konnte , sie in Sicherheit bringen vor Trinettes gierigen Blicken , und hatte doch wieder Freude daran , alles so recht vor Trinettes Augen herumzuziehen , hatte eine leise Hoffnung , sie sterbe vielleicht vor seinen Augen an Neid und Ärger . Da hatte sich Elisi verrechnet , Trinette mochte mehr ertragen . Trinette paßte auf , ob Elisi nicht unter den Sachen der Mutter Dinge fortschaffe , welche zum Haushalt gehörten , und hatte den festen Entschluß , wenn das geschehe , Elisi tüchtig zu prügeln , kratzen , raufen ; denn Trinette wußte sich die Stärkere , hatte sich nicht umsonst Speise und Trank ungemessen behagen lassen , während es bei Elisi oft knapp genug zuging . Indessen es ging gerecht zu ; Trinette kam so wenig dazu , Elisi zu prügeln , als Elisi , Trinette sterben zu sehen . Drauf und dran war es einige Male , besonders als endlich alles geladen war , ein ziemlich groß Fuder , schwer genug für zwei Pferde , im Hofe stund und Elisi Trinette spöttisch fragte : » Willst mich etwa begleiten und mit Auspacken helfen ? Es käme mir kommod ! « Da wars gut , stund Elisi im Hofe und war sonst noch jemand da , das Ding hätte gefährlich werden können . Das gute Elisi hatte niemand nötig zum Auspacken . Uli war mit dem Fuder vorausgefahren ; der Baumwollenhändler fuhr mit Frau und Kindern nach , säumte sich unterwegs ebenso oft und lange , und Elisi hatte allenthalben so viel zu er , zählen von den Schätzen , welche es bei seiner Mutter gefunden , daß Uli längst auf dem Heimweg war , als sie anlangten . Uli hatte Kasten und Kisten ihnen ins Haus gestellt , wo er Platz dazu fand , und dort ließ man sie stehen . Die kurze Zeit vor dem Schlafengehen mußte Elisi verschwatzen , noch hier und dort Bericht geben , wie es gegangen und was es mitgebracht ; das war eine notwendige Erleichterung , ohne welche es nicht hätte schlafen können . Elisi hatte zwei gute Dinge an sich , Appetit und Schlaf , selbst die Freude über sein Heimgebrachtes trieb ihns nicht aus dem Bette . Längst war acht Uhr vorüber , als es