vielleicht bewies man es mir auch - ich hab ' es vergessen ! Dies Alles war nicht das was ich brauchte . Das unbekannte Gut , welches ich in jeder dem Menschen gegönnten Richtung gesucht hatte , in der Welt , in den Gefühlen , in der praktischen Thätigkeit , in der geistigen Ausbildung , und immer umsonst ! - ich suchte es jezt im religiösen Glauben - und ebenso vergeblich ; und es war doch das einzige was ich brauchen konnte . » Ihnen ist bei uns nicht zu helfen ! sprach meine Freundin . Ihre Phantasie wird durch den Katholischen Pomp gefangen , und Ihr Verstand huldigt dem Rationalismus . Diese zwei Elemente ersticken den wahren Glauben . « Es halfen keine Discussionen mehr ! ich konnte ihr nicht anschaulich machen , daß nicht der Katholische Pomp sondern die Katholische Einheit mich anzog ; nicht , daß ich den Rationalismus als ein Attribut steriler , dürftiger Naturen betrachtete , welche sich im Uebersinnlichen dermaßen unheimisch fühlen , daß sie es sinnlich sich erklären müssen ; und endlich nicht , daß es mir unmöglich sei mich einer religiösen Gemeinschaft hinzugeben , so lange ich entweder äußerlich mit ihrer Form - oder innerlich mit ihrem Princip und mit meiner Anschauungsweise in Conflict gerathen könne . So war mir der einsame Winter in der Villa paisible vergangen ; fast täglich ging ich nach Montreux , und jeden Sonntag fuhr ich zu Benvenuta nach Ouchy . Lectüre und Spaziergänge füllten meine übrigen Stunden . Im Junius mußte ich sie aber den Besitzern räumen . Ich besuchte Astralis in Freiburg , und hatte die herzliche Freude sie ebenso zufrieden , und geistig und körperlich in gesunden Elementen gedeihend zu finden , als Benvenuta . Beide waren kräftiger , munterer , frischer als bei mir . Otberts Behauptung fiel mir ein : jeder Mensch habe einen eigenen Lebensäther um seine Persönlichkeit , und dieser wirke entweder belebend oder vernichtend auf andre Persönlichkeiten . Der meine schien in der That verzehrender oder austrocknender Art zu sein . Es konnte Niemand so recht behaglich neben mir bestehen noch gedeihen . Ich ging nach dem Berner Oberland um mir dort ein stilles Plätzchen zu suchen . Das ist schwer genug . Allüberall wimmelt es von Reisenden . Grindelwald schien mir am meisten von dieser Stille zu bieten . Der weite Kessel am Fuß des Wetterhorns von dem die Lavinen donnernd herabstürzen - die grünen Matten der Abhänge auf denen zahlreiche Heerden weiden - der nackte Fels der höheren Bergwände und der ewige Schnee ihrer Häupter - unten die blumigen duftenden Wiesen mit einzelnen Bauerhäusern , Sennhütten und Gehöften , mit Gärten und Obstbäumen übersäet - machen das Thal von Grindelwald vielleicht nicht so malerisch und reich als das von Interlachen , Lauterbrunn und Meyringen ; aber sie geben ihm den Character eines einfachen Hirtenlandes , der mich wolthuend ansprach . An Reisenden fehlt es freilich auch dort nicht ! die beiden Gletscher , welche ihre Eisblöcke von den Bergen herab und auf den lachenden Teppich der Wiesen schieben , sind Merkwürdigkeiten welche die Touristen locken , ohne sie jedoch zu längerem Aufenthalt zu veranlassen . Am unteren Gletscher , der über dem Quell der Lütschine einen saphirfarbenen Betthimmel von Eis wölbt , lag ein Bauerhaus zwischen einem Nußbaum und einer Linde . Wer kennt sie nicht diese malerischen Hütten des Berner Oberlandes , ganz von Holz , mit flachem , breitem , weitschirmendem Dach , mit zierlich geschnitztem Altan rund ums obere Geschoß laufend , mit frommen Sprüchen am Gesims des unteren ; ein Brunnen daneben und zwei Schuppen : der größere für die Kuh und die Ziegen , für die Bienen der kleinere . Aus schönen Bildern oder aus der schöneren Wirklichkeit kennt Jeder sie und jenes Haus glich ihnen vollkommen . Nur war es ganz frisch und neu , und nie bewohnt gewesen ; denn eine Engländerin hatte es bauen und einrichten lassen zu ihrer Villeggiatura ; aber sie war im Frühling gestorben ohne es je gesehen zu haben , und ihre Erben wünschten dringend es zu verkaufen . Ich widerstand dieser Lockung nicht : für einen mäßigen Preis brachte ich das trauliche Hüttchen an mich , und mit unbeschreiblichem Wolbehagen nahm ich auf der Stelle davon Besitz . Es war so recht in meinem Sinn und nach meinem Geschmack in Harmonie mit Umgebung und Bestimmung eingerichtet : das untere Stockwerk für Dienstboten und wirthschaftliche Räume ; das obere für einen einsamen Menschen - vielleicht für zwei , wenn sie genügsam waren und sich liebten - und Alles mit der größten Einfachheit und Sauberkeit , die Wände nach Schweizersitte getäfelt mit braunem polirten Nußbaumholz ; von demselben Holz Tische und Schränke ; Vorhänge und Meublebezüge von hellem buntgeblümten Zitz - ein wahres Ideal von Einfach heit ! Schlaf- Wohn- und Eßzimmer nahm ich sogleich für mich in Besitz . Das vierte Zimmer bestimmte ich für Benvenuta , wenn sie in den Schulferien mich besuchen würde . Wie immer ging es mir Anfangs wol , denn ich genoß mit vollen Zügen den Zauber der Hochgebirgsnatur - - aber nicht wie auf der Reise , sondern in einer selbstgewählten Heimat . Das war mir neu ! eine Eigenthumsstätte hatte ich in fremden Landen nie gehabt . Es würde mir vorgekommen sein als nähme ich Besitz von einer neuen Welt im Kleinen , wenn ich die Frage hätte beschwichtigen können , welche sich vorwitzig aus meiner Selbstkenntniß mir entgegendrängte : Wie lange wird der Reiz währen ? wann wird er abgestumpft sein ? Das störte meinen Genuß . Uebrigens gab ich mich lediglich meinen Gedanken und den Einflüssen und Eindrücken der Natur hin . Ich hatte so viel gelesen und so wenig Befriedigung davon gehabt , daß Bücher mich angähnten ; ich verdankte das meiner eingewurzelten Thorheit : statt in ihnen die relative Wahrheit zu suchen und mir aus derselben einen Nahrungsschatz für eigene Meditationen zu sammeln , hatte ich nach der absoluten in ihnen geforscht und sie muthlos fallen lassen , als ich dieselbe nicht fand , nicht finden konnte . Immer wußte ich hinterher sehr genau was ich hätte thun , was meiden sollen , und meine ganze Erkenntniß bestand darin , daß ich mit immer klarerem Blick die Summe meiner Irrthümer überschaute , ohne ein einziges versöhnendes Resultat erspähen zu können . Durstend wie Keiner hatte ich mich in das Leben geworfen um mich an dessen Bächen und Quellen , Meeren und Strömen satt zu trinken . Durstend wie Keiner sah ich es um mich herum rinnen und verrinnen .... wie Wasser , das man mit der hohlen Hand schöpft und das zwischen den Fingern hindurchfließt , bevor es die lechzenden Lippen erfrischt hat . Aber wo gab es denn noch zu schöpfen ? zu welchem Brunnen konnte ich noch pilgern ? - Die Einsamkeit , die Natur , die Dürftigkeit der Verhältnisse die mich umgaben und mich zu wolwollender Theilnahme auffoderten - sollten sie meiner Seele ihr Genügen bereiten ? - - - Die Einsamkeit ist gut und nothwendig für mächtige Naturen die zum Bewußtsein über sich selbst , über ihr Ziel und ihre Mittel kommen wollen und einer erhabenen Bestimmung entgegen gehen . Sie ist der Concentrirung aller Gedanken auf einen Gegenstand günstig , und ist dieser ein großer , ein würdiger , so kann sie die ganze Seele unauslöschlich für ihn in Flammen setzen , die dann ausbrechen , wenn sie genug Nahrung gesammelt haben und der staunenden Welt ein neues Licht zum Himmel hinauf oder über die Erde hinweg anzünden . Aber für uns dürftige Menschen , die wir unser Ich zum Hauptgegenstand unsrer Betrachtung machen , taugt die Einsamkeit nicht , eben weil sie die Gedanken so concentrirt ; sie macht uns sehr leicht egoistisch , einseitig und fanatisch . Größe und Genie sind Könige in der Einsamkeit , denn sie ist ihr ihnen angebornes Reich : sie sind immer einsam . Aber die Masse der Menschen zählt nur als Gattung etwas , weil ihre Individuen der intensiven Kraft entbehren , welche ein eigenthümliches Leben erzeugt . Sie müssen in Schaaren leben ; für sie ist die Einsamkeit ein Kerker oder ein Grab . Ich fiel sehr bald in derselben der schwärzesten Melancholie anheim . Dies ungestörte Leben in der Natur , ohne ein beseelendes Gefühl , ohne eine beherrschende Idee , ohne jene glückliche physische Organisation die von ihren Elementen mit Wonne zehrt - überwältigte mich mit namenloser Traurigkeit ; denn ich fühlte mich außer Zusammenhang mit ihr : sie brauchte mich nicht - wie konnte ich mich an sie schmiegen ? Kein einziges der Bande womit sie den Menschen umschlingt und ihn heimisch und nützlich macht auf der Erde und ihm in diesem Bewußtsein süßen Genuß gewährt - kein einziges hielt mir Farbe ! Nicht von den Todten zu reden , deren Erinnerung mir längst wie Schatten in der grauen Dämmerung entschwebt war ; - nur von den Lebenden : von dem Gatten , von der Tochter , von dem Freund - was war ich ihnen und was waren sie mir ? Mit keinem Einzigen von ihnen hatte ich verstanden mich in das rechte Gleichgewicht zu setzen . Dem Einen war ich nur gleichgültig , dem Andern nur schmerzlich , und meinem Kinde entbehrlich . Sie hatten Alle sich von mir trennen können , und wir Alle lebten fort - in Freuden die Einen , in Qualen die Andern ; aber wir lebten . Auch wir Gequälten lebten äußerlich ruhig genug ! Wir standen alle Morgen auf , versäumten am Tage nie für unseren Lebensunterhalt zu sorgen , und gingen jeden Abend schlafen . Mit der Pünktlichkeit einer Uhr rollte sich die animalische Existenz mit ihren Functionen ab : sie allein hatte Bestand . Aber die Liebe , die Kraft , die Andacht , die Treue , der Glaube - diese Genien welche dem Menschen die Lehmhütte seines materiellen Daseins zu einem Tempel ausschmücken und lichten , in welchem er sich selbst geadelt und einer höheren Bestimmung würdig erscheint : sie hatten sich in mein Leben nicht wie ewige Gestirne , sondern wie zerplatzende Seifenblasen herabgelassen , und ich fühlte mich in das Nichts zerfließen , weil sie ins Nichts zerflattert waren . Ich verging an der allgemeinen Vergänglichkeit . Und das Ende von dem Allen - war der Tod ! und er konnte kommen heut , morgen - und ich mußte fort , und hatte nicht gelebt ! fort mit meiner weiten leeren Seele , die sich in dieser Welt des Unbestandes von nichts hatte fesseln lassen , und die nun vielleicht durch Aeonen ihren unerquicklichen Lauf fortsetzen mußte um das zu finden was sie ersehnte . Aber ist denn überhaupt für eine leere Seele , ohne Glaube und ohne Liebe , die Unsterblichkeit bestimmt ? hat sie sich durch ihre Leere nicht als unwürdig derselben erwiesen ? O wie beneidete ich Diejenigen , welche den Tod lieben als ihren Erlöser und Befreier von dem Folterbette des Daseins ! .... und wie viel mehr jene Anderen , jene Begnadeten , welche das Leben lieben , weil sie sich ihm trotz verzehrender Wonnen und Schmerzen gewachsen fühlen ! Ich konnte keins von Beiden ! - - - - - - - Gott , welche Nächte durchwachte ich in dem Thal von Grindelwald ! Das waren nicht die üppigen von Sorrent , nicht die phantastischen von Venedig , die meiner Jugend angehörten und durch deren Hofnungen , Träume und Erwartungen gelichtet waren . O nein ! ich war nicht mehr jung , ich hatte zu früh , zu viel , zu verzehrend , zu gewaltsam gelebt , um nicht vor der Zeit alt zu sein ! Jezt war eine Nacht wirklich für mich Nacht , dunkel , kalt und kerkerhaft . Nicht ihre süßen Geheimnisse erzählten mir die Sterne , sondern meine eigenen traurigen Gedanken , Fragen und Geschichten knüpften sich an sie . Nicht in großen Harmonien umrauschten mich die Naturstimmen , die Nachts so vernehmlich vom Gebirg herabkommen , auf den Wipfeln der Bäume und auf den Wellen des Flusses säuseln , und in die Ferne hinein hallen ; - denn sie klangen mir wie eine lange , unendlich lange , ewig wiederholte Frage .... ohne Antwort ! und das macht müde . Aber dennoch war mir die Nacht lieber als der Tag mit seinem angstvollen Menschengewimmel , das nach nichts Anderem als nach Zerstreuung und Vergessenheit ringt ! der Arme : nach der Leibesnothdurft eines Bissen Brotes , der Reiche nach Befriedigung imaginärer Bedürftigkeit . Darum verschlief ich die Tage , und die Nächte - verträumt ' ich . Im Herbst besuchte mich Benvenuta , und vierzehn Tage lang unterhielt sie sich vortreflich bei mir . Sie hatte mir so viel zu erzählen , daß sie meistentheils die Kosten der Unterhaltung trug . Ueberdas gefiel ihr das ganz ländliche Leben das sie an ihr geliebtes Engelau erinnerte . Ich machte große Spaziergänge mit ihr , besuchte mit ihr die Hütten der Landleute , meiner Nachbarn , mit denen ich auf einem viel freundlicheren Fuß lebte als mit den Nachbarn von Engelau - nicht nur weil ich im Stande war ihnen zuweilen Hülfe und Beistand zu leisten , sondern hauptsächlich weil ich sie besuchen durfte ohne weiße Handschuh anzuziehen . Indessen nach vierzehn Tagen waren wir wiederum Beide von der Anstrengung erschöpft uns gegenseitig dieselbe zu verhehlen , und ich brachte sie nach Ouchy zurück . Besorgt fragte sie mich ob ich wirklich dem Winter in meiner einsamen Cottage zwischen Schnee und Gletschern trotzen wolle . Ich war dazu entschlossen ; meine Gesundheit hatte sich in der frischen Bergluft , bei der höchst einfachen Kost und Lebensart sehr gebessert ; dazu waren mir meine vier Wände behaglich , die ganze häusliche Einrichtung bequem ; weshalb sollte ich diese Vortheile aufgeben für die ich in Lausanne oder Genf kein Aequivalent fand , da Geselligkeit und Umgang mich langweilten und abstießen ? » Und wirst Du Dich nicht zu sehr langweilen , so ganz .... ganz allein ? meine arme liebe Mama ! « fragte Benvenuta , mich zärtlich umschlingend und mit den guten Augen ihres Vaters mich ansehend . » Nein geliebtes Kind ! entgegnete ich wehmüthig und durch die Wehmuth die Vorsicht vergessend : - wenn ich ganz allein bin langweile ich mich noch am wenigsten . « » Ach ! da bin ich Dir wol auch langweilig ! « rief sie betroffen . » Du bist mein Kind : das zählt nicht als Gesellschaft ! « erwiderte ich lachend . Aber solche kleine bedenkliche Aeußerungen fielen auf beiden Seiten doch bisweilen , und darum war es gut wenn wir nicht lange beisammen blieben . Im October fiel schon Schnee und ich machte mich zu meinem Winterschlaf zurecht . - Die große Schaar der Reisenden hatte sich längst im Oberland verlaufen ; nur einige Nachzügler kamen noch zuweilen nach Grindelwald , wenn ein schöner Tag und ein tiefblauer Himmel das Gebirg und die Gletscher in ihrer Pracht zeigten . Es war um die Mitte eines solchen Tages . Ich war lange umhergestreift und hatte hier und da nach meiner Gewohnheit in einigen Hütten eingesprochen um zu sehen ob und wie sich das arme Volk zum Winter einrichten könne , wo so mancher Verdienst und Vortheil wegfällt , den der Sommer mit sich bringt . Ich kehrte heim . In einiger Entfernung hinter mir gingen zwei Männer , ein Reisender und sein Führer . Durch die klare stille Luft drangen ihre Worte zu mir als der erste fragte : » Wer ist die Dame die vor uns geht ? « » ' s ischt die guti Fru vom Grindelwald , « entgegnete der Führer , dessen Stimme ich kannte , denn ich hatte mich seiner Schwestern angenommen , die hier lebten - zwei brave blutarme Weiber . Da ich nicht zweifelte daß nun der gute Aloys eine lange mich betreffende lobende Geschichte erzählen würde - und da ich es nie habe ertragen können mein Lob zu hören : so blieb ich am Wege stehen und sagte : » Grüß Gott , Aloys ! Ihr habt einen stärkern Schritt als ich : da geht nur erst vorüber ehe Ihr weiter von mir sprecht . « Aloys zog seine Kappe und entgegnete unverzagt : » Nichts für ungut , Fru ! der Herrgott thut ' s auch hören wenn man ihn lobpreist . « » Wohin geht ' s , Aloys ? « fragte ich abbrechend . » Ins Gasthaus zuerst , denn wir kommen von Meyringen , und dann zu den Gletschern ! morgen früh nach Lautérbrunn über die Wengernalp , und Abends nach Interlachen ; - von da gen Bern . « » Glückliche Reise ! « sprach ich und winkte dem Reisenden an mir vorüber und weiter zu gehen , was er mit einem etwas verwunderten Gruß auch that . Aloys folgte ihm . Einige Stunden später machte sich ein großer Auflauf beim unteren Gletscher und es verbreitete sich die Nachricht ein Paar Engländer wären in einen Spalt hinabgestürzt . Allmälig berichtigte sie sich dahin , daß ein Fremder einen höchst gefährlichen Sturz gethan und schwer verwundet aber noch am Leben sei . Nach einiger Zeit brachte man den Reisenden von heute früh besinnungslos getragen , und Aloys stürzte voran und zu mir mit der Bitte ihn bei mir aufzunehmen . Ich hätte es ohnehin gethan . Mein Gastzimmer war schon bei der ersten Kunde in Bereitschaft gesetzt . Als die Leute ihn bei mir untergebracht sahen , entfernten sie sich mit der tiefen Zuversicht : nun würde er schon wieder gesund werden und es könne ihm keine Pflege fehlen . Mich rührte dies Vertrauen , weil es mir ihre wolwollende Gesinnung bewies ; aber zerbrochene Glieder und ein zerschmetterter Kopf begehrten ärztliche Behandlung . Ich schickte reitende Boten nach Unterseen , nach Thun und Bern . Bis aus Bern ein berühmter Wundarzt kam , vergingen über vierundzwanzig Stunden . Die beiden Andern waren früher da , und es erwies sich zu meinem nicht geringen Entsetzen , daß das rechte Bein und der rechte Arm an der Schulter gebrochen sei . Die Verwundung am Kopf war ebenfalls höchst gefährlich . Es war ein junger , schöner , gesunder Mensch , der vielleicht sterben - vielleicht Zeitlebens ein Krüppel bleiben konnte . Mich erbarmten die Seinen .... seine Mutter , die ihn in frischer Jugendblüte entlassen hatte und Gott weiß wie und wann wiederfinden mogte . Ich gab mir das Wort ihn wie einen Sohn zu pflegen . Wie er hieß , wer und woher er war - davon hatte Niemand die leiseste Ahnung . Von Luzern war er mit Aloys über den Brünig ins Berner Oberland gekommen und seinen Koffer hatte er von dort nach Genf geschickt . In seinem kleinen Mantelsack befanden sich so wenig Sachen und Geld als man zu einer Fußreise braucht - übrigens weder Briefe , noch Paß , noch legitimirende Papiere . Aloys meinte er habe ein kleines Portefeuille in der Brusttasche seiner Blouse getragen und dasselbe vermuthlich bei seinem Sturz verloren . Mich beunruhigte dies nur in dem traurigen Fall seines Todes . Blieb er am Leben , so würde er sich mit der Zeit schon legitimiren . Er blieb am Leben ; aber es war qualvoll , der Leib gemartert , der Kopf fast immer besinnungslos ; und traten lichte Augenblicke ein , so waren sie von so unerhörter Schwäche begleitet , daß Gedanken und Gedächtniß sich nicht sammeln konnten . Außer meiner Mutter hatte ich nie einen Menschen so heftig , so lange , so in jedem Nerv vom Scheitel bis zur Sohle leiden sehen . Aber er hielt es aus ! der Körper ist eine wunderbar kräftige Pflanze so lange sie in der Jugend wurzelt . Wir hatten Alle schwere Zeiten ! er - durch Leiden ; wir - durch leiden sehen und nicht helfen können . Unter wir verstehe ich Aloys , den ich zu seinem speciellen Dienst bei mir behielt , mich und meine Dienstboten . Ich befand mich vielleicht von ihnen Allen am wolsten : ich vergaß mich selbst , und meine Tage waren mit etwas Andrem gefüllt als mit meinem erbärmlichen Ich . Ich konnte noch nützlich sein , noch einem Menschen zu demjenigen helfen , was eine so köstliche Gabe sein kann , wenn man sie zu benutzen versteht : zum Leben ! konnte für Eltern ein Kind retten , vielleicht ein Einziges , vielleicht den letzten Trost einer elenden Mutter . So vergingen Wochen und Monate . Um Weihnachten trat endlich wahrhafte Besserung ein ; die Lethargie wich , die Besinnung kehrte zurück , Fieber und Phantasieen hörten auf . In den qualvollen Schienen eingezwängt konnte er nur seinen linken Arm brauchen und bedurfte daher einer Menge kleiner Dienstleistungen . Sein erstes Wort an mich das er mit Bewußtsein und mit dem Ton innigster Dankbarkeit aussprach , war : » O ! die gute Frau vom Grindelwald ! « Der fieberhafte Schleier war also endlich von seinen Blicken genommen . Jenes Wort des Aloys war nicht das letzte welches er gehört - aber das letzte welches Eindruck auf ihn gemacht hatte ; seine Erinnerung war bei demselben stehen geblieben und kam mit ihm zur Besinnung . » Gott sei Dank ! Sie erkennen mich ! « sagte ich froh . - Mit erleichtertem Herzen konnte ich nun daran denken zum Neujahrsfest , das in der Schweiz den Platz unsers Weihnachtsfestes einnimmt , die Kinder zu besuchen . Am Tage vor meiner Abreise kündigte ich dieselbe meinem Kranken an , und fragte ihn ob in Genf oder Bern keine Briefe ihn erwarteten , die ich ihm mitbringen oder zusenden könne . Auf dem Postamt in Genf müßten deren wol einige sein - meinte er . » Dann muß ich um Ihren Namen bitten , sagte ich lächelnd , damit ich die richtigen fodern kann . « » Nicht einmal meinen Namen wissen Sie ! .... und wo ist denn mein Paß geblieben ? « » Da ich kein Thorwächter bin der nach Paß und Namen zu fragen hat , so habe ich mich bisher um Beides nicht gekümmert . Was ersteren betrift , so glaubt der Aloys Ihr kleines Portefeuille sei bei Ihrem Sturz verloren gegangen . « » Darin war mein Paß und ein Creditbrief an einen Banquier in Genf , « sagte er besorgt . » Trösten Sie sich ! entgegnete ich lächelnd . Ein Paß ist Ihnen vor der Hand ganz überflüssig da Sie Grindelwald nicht verlassen können ; - und ich gebe Ihnen mehr Credit als Ihr Banquier in Genf ! - Aber den Namen muß ich wegen der Briefe wissen . « » Ich heiße Graf Wilderich Wildeshausen , sagte er , und auf einem Schloß dieses Namens in Ostfriesland lebt meine Mutter , der ich gern Nachricht von meinem Unfall zukommen ließe . « » Ich will ihr schreiben und ihr die Wahrheit nicht verhehlen , aber auch die Gewißheit Ihrer Genesung ihr geben ! « unterbrach ich ihn lebhaft . Er nahm meine Hand , küßte sie und fragte : » Sie verlassen mich nicht ? Sie kommen wieder ? « » Gewiß , in vierzehn Tagen komme ich wieder , und Sie werden während meiner Abwesenheit keine Pflege entbehren . « » Aber Ihre Gegenwart ! « » Allerdings ! denn eine Doppelgängerin bin ich nicht . « Er lächelte . Es war mir eine stille Freude ein Lächeln auf diesem Antlitz zu sehen , das so lange von Schmerz und Krankheit zerstört war ; mit dem Lächeln ging das Menschliche wie eine Sonne über ihm auf ; Leidensausdruck hat auch das Thiergesicht . Tags darauf reiste ich ab , über Bern und Freiburg nach Ouchy . Ich hatte schon viel von meinem unbekannten Kranken an Benvenuta geschrieben , die sich wie alle junge Mädchen außerordentlich für das Geheimnißvolle interessirte . Jezt mußte ich ihr noch viel mehr von ihm erzählen ; aber als sie erfuhr daß er ein ganz gewöhnliches Menschenkind - kein entthronter Fürst , kein Flüchtling , kein Verbannter , kein großer Künstler , Maler oder Dichter sei : nahm diese Theilnahme wenigstens um die Hälfte ab , denn es blieb nur noch die für sein Unglück , und die für seine Persönlichkeit fiel weg . Ich schickte meinen Diener nach Genf , der sich Wilderichs Briefe und Effecten einhändigen ließ ; und ich selbst schrieb an die Gräfin von Wildeshausen . Ich bekam jeden dritten Tag ein Bülletin seines Befindens von meiner Kammerfrau , die seit zwanzig Jahren in meinem Dienst und eine so zuverlässige Person war , wie man es unter diesen Umständen nur wünschen konnte ; deshalb hatte ich sie zurückgelassen . Die Nachrichten lauteten befriedigend , und als ich wieder nach Grindelwald kam fand ich Wilderich merklich besser und sehr erfreut über meine Heimkehr . Die Briefe die ich ihm mitbrachte erhöhten seine Freude , obgleich die letzten große Besorgniß ausdrückten veranlaßt durch sein langes Schweigen . Ein Schreiben seiner Mutter an mich , das bald darauf anlangte , sprach mir den Dank eines sorgengedrückten , tiefbekümmerten Herzens aus . Wie sie wünsche anstatt dieses Briefes selbst zu kommen ! wie ihre zahlreiche Familie und ihre Verhältnisse es unmöglich machten ! Ich gab den Brief an Wilderich ; er las ihn mit Thränen . » Immer muß ich ihr Sorgen machen ! « - sprach er bewegt . » Das ist das allgemeine Schicksal der Eltern ihren Kindern gegenüber ; entgegnete ich tröstend . Aber wie man um einen Sohn Sorgen haben könne - die abgerechnet , daß er sich Arme und Beine bricht - begreif ' ich nicht . Unsre Welt ist für die Männer eingerichtet , nämlich so daß man durch ringen , stoßen , drängen , ja einiges boxen vorwärts kommt - und das verstehen die Männer , das können sie aushalten , das bekommt ihnen sehr gut . Eine Frau kann daran zu Grunde gehen und wird immer fürchterlich leiden . Darauf muß eine Mutter für ihre Tochter vorbereitet sein ! die Chancen des Glücks sind unendlich viel seltner für sie . « » Sie haben kein Herz für die Söhne weil Sie nur eine Tochter haben , gnädige Gräfin , sagte Wilderich . Ich denke mir daß das Kind der Mutter Sorge macht , und ein Sohn ist auch ein Kind . « » So wird ' s wol am richtigsten sein , mein armer Wilderich ! und eben deshalb sagte ich , Sie sollten sich nicht zu sehr um die Sorgen Ihrer Mutter quälen ; denn die sind nun einmal dem mütterlichen Herzen eingeboren . « » Mein Vater ist seit zehn Jahren todt , ich bin der Aelteste von acht Kindern , und meine Mutter muß uns mit einem sehr geringen Vermögen erziehen : das ist eine unsäglich sorgenschwere Aufgabe . « » Ach ! rief ich , ohne die Verwöhnungen des Reichthums erzogen zu sein ist ein außerordentlicher Vortheil ! darin liegt der Sporn zur Entwickelung des Mittelstandes . Wenn unsre Zeit höhere Interessen als die des Materialismus , des Genusses in höchster Potenz , hätte : so könnte dieser Sporn der Unverwöhntheit zu etwas Tüchtigem und Großen treiben . Aber die Idee , welche der Mittelstand von den Bedürfnissen des Jahrhunderts , der Zeit und der Völker hat , ist folgende : Jezt sollen mir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen , welche bisjezt dem einen bevorzugten Stande zugeflogen sind ! - An diese fixe Idee von den gebratnen Tauben und wie ihnen beizukommen sei , vergeudet er seine Kräfte , denn all seine liberalen Machinationen und seine schwindelnden Speculationen sind ja weiter nichts als Bestrebungen um den Traum von den gebratnen Tauben zu realisiren . Lassen Sie ihn fahren , Wilderich ! er macht den Menschen nicht gut und nicht glücklich , sondern das , was er am meisten fürchten und fliehen sollte - gemein . « » Sie sprechen wie eine reiche Frau , die Sie auch sind , gnädige Gräfin « .... - - - » Lebe ich wie eine reiche Frau ? unterbrach ich ihn . Wo sind Pferde und Wagen , Livreebediente , Sofas von Sammt , Vorhänge von Seide , goldene Spiegel ? .... was Alles die erste beste Doctorsfrau in unsrer Heimat hat . « » Sie leben dennoch wie eine reiche Frau : nämlich - unabhängig ! und das ist der größte Vorzug des Reichthums . « » Lieber Wilderich ! der Reichthum knechtet die Seele und macht sie in zehntausend Fällen höchstens Einmal unabhängig . « » Ach , gnädige Gräfin , Sie würden anders sprechen wenn Sie nicht reich , und hingegen Mutter einer zahlreichen Familie wären ! Ich habe vier Brüder : die beiden jüngsten sind schöne , prächtig aufgeweckte Kinder , die sich schon ihr Fortkommen in der Welt erringen werden . Aber die beiden andern sind arme unfähige Knaben . Was soll aus ihnen werden ? In welcher Weise sollen sie es möglich machen ihren Stand , ihren Namen zu vertreten , da ihnen jedes Mittel dazu versagt blieb ? Wären sie die Söhne einer unbemittelten bürgerlichen Familie , so wäre ihre Unfähigkeit ein stilles Unglück das eben nicht über die vier Wände ihres Hauses hinaus reichte ; sie könnten ein leichtes Handwerk lernen , sich ihr Brot erwerben und Keinem zur Last fallen . Bei uns ist das anders ! uns wird solche ein Unglück zur Schmach und zum Vorwurf gemacht ! Da heißt es hier : » nichts als Dummköpfe sind diese Hochgebornen ! « - da heißt es dort : » Wie diese sogenannt Vornehmen degeneriren und nichts als Blöd- und Schwachsinnige erzeugen , welche dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar über uns erheben wollen ! « - Dieser Hohn ist schwer zu ertragen , gnädige Gräfin . Der Reichthum ist ein Bollwerk gegen ihn . Sie werden das nicht glauben , weil Sie nicht solche gemeine Brut