mit demselben Nachbar , welcher am Abend , wo die Spinnte erstochen ward , das Gemeindeholz gebracht hatte . Auch kehrte Ehrhold erst nach einigen Minuten wieder zurück . » Warst Du beim Nachbar , Vater ? « fragte Haideröschen schüchtern , denn ihr Herz sagte ihr , daß eine Zusammenberufung der Wenden eingeleitet werde . Ehrhold läugnete es nicht , ja er fügte sogar offenherzig hinzu : » Es handelt sich um den bösen Grafen und ob man verpflichtet sein soll , einem so offenkundig schlechten Menschen fernerhin noch zu gehorchen . - Uns geht das im Grunde freilich nichts mehr an , denn wir sind ihm nicht mehr erbunterthänig , aber der Sache selbst wegen dürfen wir uns nicht ausschließen . « » Sie wollen ihm doch nicht ans Leben ? « fragte Haideröschen besorgt . » Damit geschähe dem Schufte zu viel Ehre . Nein , blos das Vermögen soll ihm verschnitten werden , und dazu , scheint mir , haben Viele triftige Gründe , wenn alle rechtmäßige Erben von ihm , sowohl lebende wie solche , die noch auf den Eintritt ins Leben warten , zu gleichen Theilen befriedigt werden sollen . « Bei der letzten Bemerkung seufzte Haideröschen und Clemens ging , um seine kochende Unruhe möglichst zu verbergen , summend in der Wohnstube auf und ab . Es trat eine Pause ein , die Niemand von den Dreien zu unterbrechen wagte , bis Ehrholds Gattin aus der Kammer kam und mit Schüsseln und Tassen im Topfbret zu klappern begann . Dabei redete sie mit allen Dreien zu gleicher Zeit nach Art alter Leute , ohne von irgend Jemand eine directe Antwort zu erwarten . Zum zweiten Male klopfte es draußen , diesmal jedoch an einem der Fensterladen . » Gott sei uns gnädig ! « rief Haideröschen , ihr Rädchen anhaltend , an das sie sich wieder gesetzt hatte , und die Hände im Schooße faltend . » Das bedeutet sicher ein recht großes Unglück , denn grade so klopfte es am Abend der letzten Spinnte , seitdem das Elend unter uns anhob . « Clemens hatte inzwischen das Schiebfenster aufgestoßen und gefragt , was man begehre ? Eine Stimme , die er nicht kannte , verlangte die » Jungefrau « zu sprechen . Haideröschen hörte dies und stand neugierig auf . » Wer seid Ihr ? « fragte Clemens ziemlich barsch . » Ich darf ' s nicht sagen ; es ist mir verboten , « antwortete die Stimme . » Ich soll ' was abgeben an die Jungefrau . « » Von wem ? « fragte Clemens schon ungeduldiger . » Wenn mich die Jungefrau selbst anhören will , werd ' ich ' s ihr nicht verschweigen . « Clemens fühlte eine Hand auf seiner Schulter . Haideröschen stand neben ihm . » Laß mich mit dem Manne reden , guter Clemens , « sagte sie sanft und bittend . » Vielleicht kenne ich ihn und er hat mir etwas zu sagen , das uns zum Guten gereicht . Du kannst ja dableiben und mit anhören , was wir reden . « Ungern und mit verdrießlichem Gesicht trat Clemens vom Fenster zurück . Haideröschen erblickte einen Mann in bäurischer Alltagskleidung . » Was habt Ihr an mich zu bestellen ? « fragte sie freundlich . » Der Voigt vom Zeiselhofe schickt mich zu Euch , liebe Jungefrau , « erwiederte der draußen Stehende . » Ich bin der Großknecht vom Hofe und eigentlich nicht der beste Freund von unserm Voigt . Weil aber der Mann krank ist und mich schon seit ein paar Tagen anfleht , ich möchte ihm doch den Gefallen thun und zu Euch gehen , bin ich heut in der Dämmerung fortgelaufen . Er hat mir eine Rolle gegeben , vermuthlich mit Schriften oder Verschreibungen - von dem gnädigen Herrn , sagt er - « » Hört auf , ich will nichts mehr hören ! « rief Haideröschen . » Nicht eine Stecknadel rühre ich an , wenn ich weiß , daß der Graf sie zuvor in den Händen gehabt hat ! « » So ist ' s recht ! « sagte Clemens . » Immer packe den Rackern auf , daß sie erfahren , wie hoch man ihren Herrn in Ehren hält ! « » Aber liebe Jungefrau , so nehmt doch Vernunft an ! « fuhr der Großknecht fort . » Ich bin , weiß Gott , nicht für den gnädigen Herrn und wünschte lieber , der Teufel zerriß ihn heut als morgen und zerfetzte ihn dermaßen , daß nichts von ihm übrig bliebe , als eine Prise Schnupftabak für alle Herren , die just eben so denken wie er , aber den Auftrag des Voigtes muß ich vollziehen , sonst bringt er mich um . Werfts in ' s alte Gerülle das Ding , wenn Ihr ' s nicht ansehen wollt , nur nehmt ' s mir ab , daß ich als ehrlicher Kerl sagen kann : ich hab ' s richtig abgeliefert . « » Du nimmst nichts ! « befahl Clemens . » Hat der Herr Dir etwas zu übergeben , so kann er selber kommen . Dann will ich ihn schon empfangen . « » Es ist sehr wichtig , « sagte der Voigt . » Und wenn Tod und Leben daran hängt , Du nimmst es nicht ! « rief Clemens wie besessen . » Guter Freund , « fiel Ehrhold ein , » Ihr macht hier , wie Ihr seht , schlechte Geschäfte . Darum geht nur in Gottes Namen wieder auf den Zeiselhof , sagt dem Voigte einen guten Abend und für seine Geschenke im Namen des Herrn Grafen müsse die Jungefrau gar sehr danken . « » Nun so erbarme sich Gott meiner und des Voigtes ! « murmelte der Großknecht . » Seine Gnaden haben mit Galgen und Rad gedroht , wenn das Röllchen nicht vor Beerdigung des verstorbenen Herrn Grafen in der Jungefrau Hände gekommen sei , und wer ihn kennt , der weiß , daß er Wort zu halten pflegt . Wenn Ihr aber durchaus nicht wollt , nun gut , so weiß ich , was ich thun muß . Ich gebe das Ding zurück und flüchte mich noch in dieser Nacht in die Haide , um morgen nicht zu fehlen . Dann wär ' s möglich , daß weder Voigt noch Graf jemals ein Wort wieder von mir hörten . « » Was soll das heißen ? « fragte Haideröschen ihren Gatten . » Wäre wirklich etwas im Werke ? Ein Angriff auf den Zeiselhof ? - Vater , wie ist das ? « » Gedulde Dich bis morgen ! « sagte Ehrhold bedeutungsvoll . » Von einer Sache , welche gelingen soll , darf man nicht sprechen . « Haideröschen sah noch einmal zum Fenster hinaus , um durch neue Fragen dem Großknechte Näheres zu entlocken , der so schnöde Abgewiesene war aber inzwischen , ohne gute Nacht zu wünschen , seiner Wege gegangen . Nun fühlte sich die junge Frau so beunruhigt , daß sie den Rest des Abends für nichts mehr Sinn hatte und die ganze Nacht theils schlaflos , theils von fürchterlichen Träumen geängstigt , zubrachte . Fußnoten 1 So genannt , weil das Zeuch früher aus Lund bezogen wurde . Drittes Kapitel . Mutter , Sohn und Nichte . Unsere Leser erinnern sich , daß in Haideröschens verhängnißvoller Hochzeitsnacht die zu feierlichem Schwure niederknieenden Wenden die weithin schallenden Hufschläge des davon jagenden Grafen hörten . Magnus trieb nicht das innere Entsetzen über die eigene Schandthat von dem Schauplatze des Verbrechens , nur die Furcht , im Augenblick der Entdeckung von den zu ausgelassener Lust wie zu rasender Wuth aufgereizten Leibeigenen zerrissen zu werden , veranlaßte ihn , in größter Eile zu fliehen . Die That selbst hatte er dem strengen Rechte nach nicht zu scheuen ; denn als Herr und unumschränkter Gebieter stand ihm nach uraltem Herkommen das jus primae noctis zu , und wenn er es ausübte , durch List oder Gewalt , so konnte er sicher auf den jubelndsten Beifall all seiner Standesgenossen rechnen . Später stiegen allerdings Zweifel in ihm auf , und als er durch genaue Erkundigungen erfahren hatte , daß Haideröschen Mutterfreuden entgegensehe , beschlich ihn ein großmüthiger Gedanke . Er dachte nicht daran , die Frucht wilder Sinnenlust und capriciöser Herrenlaune vor der Welt anzuerkennen , aber zugleich lehnte sich der Stolz des Aristokraten gegen den Zufall auf , dem es in höhnischer Ironie einfallen konnte , den Sohn des reichen Grafen ein langes langes Leben als Bettler durch die erbarmungslose Welt zu hetzen . Schon diese Möglichkeit , die bei nur einigem Nachdenken , bei nur mittelmäßigem Combinationstalent sich in grauenvolle Wahrscheinlichkeit verwandelte , empörte ihn . Deshalb mußte einer so entwürdigenden Lage seines Sprößlings vorgebeugt werden . Lange war Magnus unschlüssig , was er thun wollte . Er wartete von Woche zu Woche , von Monat zu Monat . Am liebsten hätte er eine so delicate Angelegenheit mit Röschen persönlich besprochen , allein er sah wohl ein , daß er von dem Versuch , mit ihr ungesehen zu verkehren , abstehen müsse . Es war unmöglich und noch weniger rathsam , sich ohne bedeutende Bedeckung unter die Wenden zu wagen . Die Hochzeitsnacht von Sloboda ' s Tochter hatte diese so harmlos heitern Menschen vollkommen umgewandelt . Sie waren still und ernst geworden . Ihre Lieder auf Feldern und Wiesen , ihre schreiende Lustigkeit in Schenke und Kretscham waren verstummt . Man hörte weder am Feierabende noch Sonntags den quäkenden Dudelsack und die schrillende Huslje . Diese auffallenden Zeichen tiefen Grams und nach Innen sich einwühlenden Unmuthes entgingen Magnus nicht . Zugleich rief er sich die Aeußerungen des Maulwurffängers in Bezug auf das Vorhandensein einer Verschwörung unter den leibeigenen Wenden wieder ins Gedächtniß . Noch glaubte er zwar nicht daran , denn er kannte die Friedliebe und Muthlosigkeit dieses armen , unterdrückten , ungebildeten Völkchens , allein er konnte doch auch nicht umhin , rückwärts zu blicken auf Welt- und Sittengeschichte . So oft er dies that , überrieselten ihn eiskalte Schauer und eine nicht zu beseitigende Furcht vor der Zukunft bemächtigte sich seiner . Thaten , wie sie rohe Herrenwillkür ihn hatte begehen lassen , waren häusig grauenvoll bestraft worden , waren nicht selten das Zeichen gewesen zu völligem Umsturz alles Bestehenden , zu Zertrümmerung heiliger oder doch geheiligter Rechte , zu Vernichtung mächtiger Throne und Reiche . - Konnte ihm jetzt nicht etwas Aehnliches bevorstehen ? - Die unheimliche Stille unter seinen Leibeigenen schien fast darauf hinzudeuten . Es war daher gevissermaßen Sache der Nothwehr , die nicht zu verkennende Gährung zu ersticken , das jetzt noch aus der Ferne drohende Unglück abzuleiten . Eine Großmuthshandlung , glaubte er , würde dazu hinreichend sein . Aus diesen Gründen setzte er sich hin und entwarf eine Schenkungsurkunde , laut welcher Röschen Sloboda , im Falle sie lebendige Kinder zur Welt bringe , nach seinem Tode den fünften Theil seiner sämmtlichen liegenden Gründe als Entschädigung für das ihr durch ihn zugefügte Unrecht als rechtmäßige Erbin erhalten sollte . Magnus war schlau genug , die Formel dieser Urkunde so allgemein wie immer möglich zu halten , denn im Ernst dachte er gar nicht daran , sein zukünftiges Besitzthum auf solche Weise zu zerstückeln . Eben deshalb war auch des Ablebens seines Vaters gar nicht gedacht , so daß die Urkunde ohne Kraft gewesen wäre , im Fall Magnus vor seinem Vater sterben sollte . Ferner stand in dieser Verschreibung keine Hindeutung auf des Grafen Testament , in welchem doch nothwendig von einer solchen Schenkung die Rede sein mußte . Alles dies hatte Magnus mit Vorbedacht weggelassen , um seinen gesetzlichen Erben möglichst viele Auswege zu geben , wenn die Wendin dereinst ihre Ansprüche auf die Schenkung geltend machen sollte . Daß er die Wenden selbst mit einem derartigen Papiere betrügen und ihre bösen Anschläge würde abhalten können , daran zweifelte er nicht ; denn er kannte den leichten Sinn dieses Völkchens und ihre unzureichenden , fast an das Kindische streifenden Rechtskenntnisse . Wie aber dieses Papier in Haideröschens Hände bringen ? Anfangs wollte er selbst sein eigener Bote sein . Dies gab er jedoch bald auf , denn er sah ein , daß die jugendliche Frau des Freibauers Clemens wie eine Fürstin bewacht wurde und durchaus jeder noch so schlau angelegten List unzugänglich bleiben mußte . Gewaltsames Eindringen wäre allerdings noch möglich gewesen , dies konnte aber auch das Signal zu einem wüthenden Aufstande , vielleicht gar zu seiner Ermordung sein . Er hatte ein- für allemal das Vertrauen seiner Unterthanen verloren und dafür mußte er jetzt büßen . Wäre er als strahlender Engel der Liebe unter ihnen erschienen , sie würden ihn dennoch für einen verkappten Teufel gehalten und als solchen behandelt haben.- Nach langem Hin und Hersinnen entschloß er sich endlich , den Voigt mit dieser Sendung zu belasten . Er war der einzige Mensch aus seiner näheren Umgebung , dem er noch vertrauen konnte , da die persönlichen Juteressen desselben an die seinigen geknüpft waren . Der Voigt wurde von dem Gesinde , das er beaufsichtigte und tyrannisirte , gehaßt als das blind gehorchende Werkzeug des gefürchteten Herren . Schon deshalb konnte dieser Mann nicht von ihm abfallen . Alle Uebrigen , sowohl Dienerschaft wie Knechte und Mägde , waren ihm feindlich gesinnt und zu offenem Aufstande geneigt , wenn das Zeichen dazu gegeben ward . Vor diesen also mußte er sich hüten . Erst , wenn Haideröschen das Papier empfangen und gelesen hatte , und der Inhalt desselben von ihren nächsten Verwandten den Bewohnern der Haidedörfer mitgetheilt ward , erst dann konnte er wieder furchtlos unter seine Leute treten und ausrufen : Seht , so verkennt Ihr mich , der ich doch immer nur für Euch denke und nur Euer Bestes will ! Zu diesem Behufe schlug nun Magnus die entworfene Schenkungsurkunde für Haideröschen und deren Nachkommenschaft in Wachsleinwand und übergab sie dem Voigte mit der Weisung , dieselbe in den nächsten Tagen an die verehelichte Clemens abzuliefern . Von dem Inhalt der Rolle ließ er nichts verlauten und der Voigt war nicht der Mann , aus Neugierde danach zu fragen . Er sagte zu und Magnus dachte nicht mehr daran . Da starb Erasmus in Folge der Entdeckung , welche ihm seine unglückliche Nichte gemacht hatte . Die bestürzte Utta sendete sogleich einen Eilboten an ihren Sohn ab , damit er als Universalerbe persönlich Besitz von der Burg nehme . Ein Testament war nicht vorhanden , mithin über Erbschaft und Erbschaftsantritt gar kein Zweifel . Magnus gehorchte auf der Stelle seiner Mutter , im Herzen froh , den Vater nicht mehr lebendig zu finden . Aeußerlich nahm er freilich die Haltung eines tief Betrübten , eines unaussprechlich Erschrockenen an . Er gab die nöthigen Befehle an den Voigt , schärfte ihm nochmals ein , die sehr wichtige Rolle nunmehr abzugeben und ja nicht länger damit anzustehen . Der Voigt hatte auch den besten Willen , aber er erkrankte plötzlich , wie wir wissen , und der nach Magnus Dafürhalten so überaus schlau angelegte Plan scheiterte gänzlich . Als der Großknecht an dem erwähnten Abende verdrießlich wieder zurückkam und dem im Bett liegenden Voigte die Rolle einhändigte , warf dieser sie ebenfalls ärgerlich in ein altes Pult , wo verschiedene Papiere und Briefschaften , die Niemand brauchte , aufbewahrt wurden , und sagte : » Nun so bleibt ' s , bis ich wieder gesund bin . Wir Beide können ' s nicht ändern . - « An demselben Abend gegen Mitternacht wußte alles Gesinde auf dem Zeiselhofe , was die Wenden im Sinne hatten , und nicht ein Einziger , selbst nicht die Mägde , weigerten sich , ihre Theilnahme zuzusagen . Der kranke Voigt allein erfuhr nichts von der still fortglimmenden Verschwörung gegen seinen verachteten Herrn . Magnus war seit dem Osterfeste nicht mehr auf Boberstein gewesen . Er hatte daher auch nichts Zuverlässiges von Herta und deren Zustande erfahren . Oft schmeichelte er sich mit der Hoffnung , durch einen Brief von seiner schönen Cousine überrascht und zu einem Besuche nach Boberstein eingeladen zu werden . Aber das stolze , tödtlich beleidigte Mädchen schwieg so hartnäckig , wie sein Vater . Außer dem , was hin und wieder gehende Boten Unklares mündlich erzählten , war die Kunde von dem Ableben des Greises die erste directe Nachricht von der Burg seiner Väter . Magnus verwünschte sein böses Geschick und sah mit bitterm Verdruß auch diesen seinen kühnsten Plan , seinen heißesten Wunsch an der Unlenksamkeit eines festen Charakters zu Grunde gehen . Die trauernde Dienerschaft begrüßte den jungen Erben mit der ihm zukommenden Ehrerbietung , doch schweigend und düster gestimmt . Magnus achtete nicht darauf . Er eilte mit schnellen Schritten die Freitreppe hinan - denn in der Schloßhalle ruhte bereits die Leiche des Grafen - um am Busen seiner Mutter den zärtlichsten gerührtesten Sohn zu heucheln . Utta war so vollendete Aristokratin und so ganz ein verbildetes Geschöpf ihrer Zeit , daß sie die Fehltritte ihres geliebten Sohnes als verzeihliche Amusements eines liebenswürdigen Cavaliers betrachtete . Diese Art kecker Donjuanerie verschaffre den Söhnen reicher Familien die besten Partien , da sie das unwiderleglichste Zeugniß von der Fähigkeit ablegten , ein altes Geschlecht frisch wieder aufblühen zu machen . Was daher immer von dem sittenlosen Wandel des Grafen Magnus ihr zu Ohren kam , sie ließ es unbeachtet verhallen und ging nur im Geiste recht fleißig die großen und reichen Grafen- und Fürstenfamilien des heiligen römischen Reichs durch , um aus ihnen die schönste und reichste Erbin als dereinstige Gattin für ihren geliebten und liebenswürdigen Sohn auszuwählen . An ein ernstliches Verhältniß des leichtfertigen jungen Mannes mit seiner schönen Cousine hatte sie nie gedacht und mochte es auch nicht . Herta war ihr zu neugeistig gesinnt , zu selbstständig , und außerdem arm und nicht makellos genug geboren , um dem einzigen Erben von Boberstein mit Fug und Recht ihre Hand reichen zu können . Als sie nun das berechnete Bubenstück ihres Sohnes erfuhr , war sie vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben wahrhaft erzürnt auf Magnus . Zwar wollte sie nicht zugeben , daß er mittelbar der Mörder seines Vaters geworden sei , so wie sie auch in ihrer kühlen Ruhe den Tod des Gatten mit vornehmer Gefaßtheit ertrug und als ein Schicksal dahin nahm . Was sie aber mit der entehrten Herta beginnen , wie sie diese Schandthat des Sohnes verheimlichen und das gekränkte , herzlos hingeopferte Mädchen einigermaßen entschädigen sollte , darüber konnte sie mit sich selbst nicht einig werden . Einen wahren Trost gewährte ihr in dieser Noth die Gewißheit , daß ihr Gemahl ohne testamentarische Verfügungen gestorben war . Als einziger Erbe , der keinerlei Legate zu zahlen hatte , war Magnus jetzt einer der reichsten Adligen in Deutschland , der nöthigen Falls auch einige Prozesse ohne merkliche Vermögensverluste durchfechten konnte . Entehrt , von der öffentlichen Meinung gebrandmarkt wollte sie ihren Sohn nicht sehen , und außerdem war sie doch so sehr Weib , daß ihr die verübte That Alles zu übertreffen schien , was ein gewissenloser Mann einem wehrlosen Mädchen zufügen kann , und so dachte sie entschieden daran , Herta ihrem Sohne zu vermählen . Sie setzte voraus , daß Magnus diesen Gedancken selbst hege und daß ihre Nichte , auch im Fall mangelnder Neigung , diesen Ausweg für klug und wohlwollend anerkennen und genehmigen werde . Mit nicht erkünstelter Kälte empfing Utta den jungen Grafen , der sich anfangs sehr ergriffen zeigte und dem Todten alle möglichen Lobsprüche ertheilte . Seine Mutter hörte diesen Ergüssen eines nach dem Erbe gierenden Sohnes gelassen zu , dann aber erzählte sie ihm eben so ruhig wie ernst die Veranlassung zum Tode ihres Gatten und wie er , ihn verfluchend , seinen Geist aufgegeben habe . - Das hatte Magnus doch nicht erwartet , und weil es ihn so ganz fremd , als grauenvolle Wahrheit überraschte , darum brach er fast vor den gräßlichen Folgen seiner That zusammen . Er war so ganz zerschmettert , daß er weder aufzusehen noch zu antworten wagte . Schweigend ließ er die gerechten Vorwürfe seiner zürnenden Mutter über sich ergehen , die , einmal in den Fluß gekommen , auch wirklich den Verbrecher nicht eben zart und rücksichtsvoll behandelte . Nachdem sie sich hinlänglich über die Scheußlichkeit seiner That ausgesprochen und namentlich das gänzlich Unadlige derselben gebührend hervorgehoben hatte , ging sie sogleich grade auf das Ziel los . » Es ist jetzt Deine Pflicht , « sagte sie , » Deiner Cousine die Ehre wiederzugeben . Noch weiß Niemand unserer hohen Verwandten das Vorgefallene , meine Nichte hat sich sehr klug , sehr edel , völlig unegoistisch benommen . Ihr Augenmerk war blos auf unser altes Geschlecht gerichtet ; darum schwieg sie so hartnäckig still . Du wirst demnach noch heut um Herta werben und Dich vierzehn Tage nach dem Begräbnisse Deines Vaters mit ihr verbinden . « » Theuerste Mutter , « erwiederte Magnus , Utta ' s Hand mit Küssen bedeckend , » Sie sprechen den tiefsten , den heiligsten Wunsch meines reuigen Herzens aus ! Ich liebte Herta immer , ich habe sie geliebt vom ersten Augenblicke an , wo ich sie kennen lernte , bis auf die gegenwärtige Minute . Meine Cousine kannte meine Leidenschaft , aber sie gefiel sich darin , mir kalt , schneidend , abweisend zu begegnen . Sie ließ es mich so oft fühlen , daß ich nicht rein sei und edel , wie sie , daß mein heiß brausendes Blut mich zu mancher tadelnswürdigen Handlung hinreiße . Ja sie gestand mir sogar , daß sie mich deswegen hasse und verachte ! Da verließ mich die ruhige Besinnung . Mit Herta ' s Abneigung wuchs meine Liebe zu ihr und von blinder Leidenschaft getrieben griff ich zu einem Mittel , das ich tausendmal selbst verflucht habe , das ich für schändlich , verbrecherisch anerkenne und willig mit jeder Strafe abbüßen will , die Herta über mich zu verhängen gesonnen sein sollte ! Aus Schaam , Reue und Zerknirschung verbannte ich mich freiwillig von dem Angesicht der Geliebten , deren zürnendes Bild doch im wilden Schmerz der Einsamkeit mein alleiniger Trost war und blieb bis auf den heutigen Tag ! « Solche Zerknirschung versöhnte Utta schnell wieder mit ihrem Sohne . Sie hörte es gern , daß Magnus einer großen überwältigenden Liebe fähig und dieser erlegen war , und sie hielt es nach diesem reuigen Geständniß für Mutterpflicht , dem Gesunkenen die Hand zu reichen und ihn mit Milde wieder aufzuheben . » Ich werde Dir Gelegenheit verschaffen , Herta ohne Zeugen zu sprechen , « sagte Utta schon viel sanfter , als vorher . » Sie wird Dich freilich nicht sehr freundlich begrüßen , denn sie zürnt Dir mit Recht . Aber sie ist ein Mädchen , ein gefühlvolles , mit großen Eigenschaften begabtes Mädchen , das Selbstüberwindung zu den ersten Tugenden rechnet . Ueberzeugt sie sich also von der Wahrhaftigkeit Deiner Reue , wie ich schon davon überzeugt bin , so wird sie nicht immer taub gegen Deine Bitten bleiben und Dir endlich sogar verzeihen . « » Willig füge ich mich allen Bedingungen , meine gütige Mutter ! Um den Besitz der geliebten Herta mir zu erringen , würde ich das Himmelreich opfern ! « » Es wird so großer Opfer nicht bedürfen , « sagte die Gräfin . » Ich werde Dich bei Herta selbst anmelden und sie auf Dich und Deinen Antrag vorbereiten . « Magnus klopfte das Herz ; denn obwohl er das von seiner Mutter angedeutete Ziel wünschte , schlug ihm doch auch das böse Gewissen und eine ernste Frage an sich selbst sagte ihm , daß er Herta nicht mehr liebe , sie vielleicht nie geliebt habe . Ihre Schönheit , ihre Jugend , ihr hoher Geist und der verführerische Trotz , den sie seinen Bewerbungen entgegengesetzt , hatten sie ihm begehrenswerth gemacht . Nur die Sinne , nicht sein Herz hatte geliebt . Dies war hohl , leer , nicht fähig einer großen reinen Leidenschaft . Tausend unerlaubte und unreine Genüsse hatten seine ursprüngliche Gluth vor der Zeit aufgezehrt . Magnus fürchtete ein Zusammentreffen mit Herta . Indeß war Utta keine Frau , die einen einmal entworfenen Plan , wenn er größeren Zwecken zu entsprechen schien , sogleich wieder aufgab oder einen Entwurf nur zur Hälfte ausführte . Ihr langer Verkehr mit ihrem jesuitischen Onkel hatte sie die Wichtigkeit consequenten Handelns kennen gelehrt , und wie sie im Denken und Leben von der praktischen , ob auch unlautern Weltweisheit des feinen , vielerfahrnen Mannes den Schein als glänzenden Ersatz eines in der Wirklichkeit nicht vorhandenen Gutes kennen gelernt hatte , so hielt sie auch Alles für erlaubt , was nicht durch ausdrückliche Gesetze verboten war , oder was durch ein betrügliches Spiel des Geistes , gleichsam durch ein Volteschlagen aus Schwarz in Weiß , aus Böse in Gut , aus Verlust in Gewinn verwandelt werden konnte . Sie ging deshalb unverweilt zu ihrer Nichte , und so vortrefflich hatte sich die kluge Frau mit zarter , theilnehmender Anmuth , mit mütterlicher Würde , mit christlich mildem Zuspruch , mit liberal tönenden ein lautes Echo in Herta ' s halbgebrochenem Herzen erweckenden Phrasen ausgerüstet , daß ihr das Unbegreifliche in kurzer Frist gelang , nämlich ihrer Nichte die Bewilligung zu entlocken , den reuigen Frevler ruhig anzuhören . Eine Viertelstunde später meldete Emma ihrer traurigen Gebieterin den jungen Grafen . Herta winkte der Zofe , ihren Cousin einzulassen und sich zurückzuziehen . In einfacher schwarzseidener Kleidung , ein Florband durch ihr schönes Haar gewunden , saß Herta in der Epheulaube ihres Fensters . Grüßend erhob sie sich beim Eintritt des Grafen , den sie mit anmuthiger Handbewegung aufforderte , niederzusitzen . Zum ersten Male in seinem Leben war Magnus verlegen und in Folge dessen etwas linkisch . Er rückte einen der altmodischen , aber kostbaren Stühle in Herta ' s Nähe und sich nach seiner Gewohnheit auf die Lehne stützend , überflog er die reizenden Züge seiner Cousine mit scheuem Aufblick , ohne sie anzureden . Statt seiner ergriff nun Herta das Wort . » Auf Fürbitten meiner geliebten Tante , Ihrer verehrten Frau Mutter , « sprach sie vollkommen ruhig , » habe ich mich entschlossen , Sie zu sprechen , Herr Graf . Ich ersuche Sie daher , mir Ihr Anliegen in möglichster Kürze vorzutragen , da Sie hoffentlich einsehen werden , daß unsere Unterhaltung keine ausführliche sein kann . « » Es scheint mein Schicksal zu sein , theure Cousine , « versetzte Magnus , » Ihnen stets widersprechen zu müssen , und weil dies denn einmal so ist , so stehe ich nicht an , auch jetzt eine andere Meinung zu verfechten . Mich dünkt , liebe Herta , nie hätten zwei Menschen mehr Ursache gehabt , sich recht viel zu sagen , als wir . « Herta erröthete und der Zorn grub eine leichte Falte in ihre weißglänzende Stirn . Sie erwiederte : » Da ich Ihnen nichts zu sagen habe , Herr Graf , so fahren Sie fort . « » Lassen wir diese erkältenden Förmlichkeiten , theure Herta , « sagte Magnus wärmer und dringender , indem er den Stuhl einen halben Schritt näher an Herta ' s Sitz schob , » sprechen wir wie nahe , theure Verwandte zusammen und reichen wir uns die Hand zur Versöhnung . « » Ich verstehe Sie nicht . « » Sie wollen mich nicht verstehen , Herta ! - Ein Unglücklicher , ein von den grausamen Rachefurien eines schuldbeladenen Gewissens furchtbar Gepeinigter steht vor Ihnen . Bittere Reue nagt an seinem Herzen , der Fluch eines Vaters lastet auf seiner Seele und dennoch , dennoch wagt er zu hoffen , wagt er leben und wieder unter gesittete Menschen treten zu dürfen , ohne daß man ihm ausweicht , wie einem Scheusal ! Er wagt dies , wenn Sie , Herta , Ihre Engelshand ausstrecken , sein schuldbeladenes Haupt damit berühren und ihm vergeben ! « Magnus schob den Stuhl zur Seite und ließ sich mit Heftigkeit vor der ernsten stillen Mädchengestalt auf ein Knie nieder . » Stehen Sie auf , Herr Graf ! Um Komödie zu spielen , wählen Sie den Ort schlecht . « » Komödie spielen ! Sie nennen Komödie spielen , was mein Herz zerreißt , was mit Höllenqualen meine Seele foltert ! « » Es gab eine Zeit , wo ich weit mehr litt , Graf ! Damals ergetzten Sie sich an den Qualen eines armen schwachen Mädchens und lachten ihrer flehenden Bitten . War dies nicht auch Komödie gespielt ? « » Ich bekenne mich ja schuldig , theure , geliebte Herta - « » Mißbrauchen Sie nicht ein so heiliges Wort , ich verbiete es Ihnen ! « unterbrach Herta mit edlem Zorn die Rede des Grafen , » Sie kennen keine Liebe , Sie trachten nur nach Sinnenlust , nach betäubendem Rausch ! Gehen Sie und befreien Sie mich von Ihrer verhaßten Gegenwart ! « Magnus hatte die Lehne des Stuhles wieder erfaßt . Seine Cousine , die ihm immer reizender erschien , schon mit zuversichtlicherem Auge betrachtend , versetzte er : » Herta ! Mein Vater ist aus dieser Welt geschieden , ohne mir die Hand gereicht zu haben . Wie die Sachen stehen , muß ich mich für seinen Mörder halten ! Begreifst Du , welch entsetzliches Gewicht , welch gräßliche Anklage darin liegt ? - Soll ich erdrückt werden von ihr trotz meiner Reue ? - Ist es christlich , einen zerknirschten Sünder erbarmungslos zu verstoßen ? - « » Wer verstößt Sie denn ? « » Du , Du , mein heiliger Engel ! Du , Herta , an der ich gefrevelt habe aus Uebermuth , von Wahnsinn erfaßt , im Augenblick gänzlicher Verwilderung . Du , Herta , um deretwillen ich