nur den tollkühnen Alten . So war er denn auch den Banditen dort sehr gefährlich , die vor seinem Namen zitterten , bis es den Bösewichtern gelang , ihn aus dem eignen Hause wegzurauben , und ihn unter stündlicher Todesbedrohung viele Tage im innern Gebirge zu verstecken . Seitdem denkt , sieht und hört der Arme nichts , als Banditen , denkt und träumt nur Mord und Brand , und aus dem verwegensten Menschen ist die feigste Seele geworden . « Sie gelangten an das Schloß , das in einer schönen , grünen Einsamkeit sich stattlich zeigte . Es war fest , wie es die damaligen unruhigen Zeiten notwendig machten , da Kampf und Überfall täglich sich ereignen konnten . Schon vor dem Tore kam ihnen der zitternde Velluti entgegen . Weinend küßte er die Hand des Grafen und rief bewegt : » O mein Wohltäter ! so sehe ich Euch doch noch einmal in meinem Leben wieder . Ich dachte , Euer liebes Angesicht nicht wiederzuerblicken . O nein , ich muß vergehn in meiner Angst , und Ihr werdet sterben , mein Hochverehrter . Ach ! da sind zwei greuliche Menschen unten im Schloß , zwei von denen , die Ihr auch wohl in den schrecklichen Bergen kennenlerntet . Kommt ihnen nicht zu nahe , läßt Euch mit ihnen nicht ein , wechselt kein Wort mit den Bösewichtern . « Sie betraten unter fröhlicher Begrüßung der Dienerschaft das Schloß . In den untern Gemächern traf Pepoli die beiden Flüchtigen . Der riesengroße Antonio war , wie immer , ruhig und barsch : » Ich dachte nicht « , sagte er mit grobem Ton , » daß ich noch einmal so herunterkommen würde , Eure Hülfe in Anspruch nehmen zu müssen , aber der Sixtus ist schlimmer als ein toller Eber , so daß sich auch der wilde Piccolomini von ihm hat ins Bockshorn jagen lassen . Und so sind wir , so gut wir auch organisiert waren , ausgerissen , denn der verrückte Pfaffe weiß sich nichts Köstlicheres , als Rädern , Köpfen , Verbrennen und Strangulieren . Das ist sein Konfekt des Nachtisches , die Folterqualen selber mit anzusehn . O wohin ist unsre goldene Freiheit ? « Ascanio erzählte wehklagend eine traurige Geschichte , wie klägliche Umstände ihn wieder jener früheren Verbrüderung zugeführt hätten . Der Graf gab ihnen bedeutende Summen , um sich mit diesen in das Venezianische , oder nach Korfu und Dalmatien , oder selbst nach Deutschland zu begeben . Sie eilten von dem freien Gebiete , wo ihnen keine Gefahr drohte , nach fern liegender Zuflucht , um dort ein neues Leben zu versuchen . Als die Herrschaften in heitern Gesprächen beim Abendessen saßen , stürzten atemlos und bleich einige Diener herein : » Was gibt es « , fragte der Graf . » Ist ein Unglück geschehn ? « » O weh ! « schrie der eine , » das Haus ist mit Soldaten und Truppen umstellt . « » Und der alte Velluti « , rief der andre , » ringt schon mit dem Tode ; so hat er sich über diesen Anblick entsetzt . « Alle erhoben sich vom Tische . » Was ist das ? « rief der Graf ; » was kann man von mir wollen ? - Sind es denn Kaiserliche ? « » Nein « , stammelte der Diener ; » römische Krieger und Häscher . « In der Verwirrung hatte man den Anführer schon in das Haus gelassen , er trat höflich grüßend herein , und mahnte den Grafen , sich mit ihm nach Bologna zu begeben . » Weshalb ? Was hat es zu bedeuten ? « » Ihr wißt « , fuhr jener fort , » die strengen , geschärften Befehle unsers Heiligen Vaters : wie jeder , der Banditen eine Freistätte gewährt , dem Gesetz verfallen ist . « » Wißt Ihr auch « , sagte der Graf stolz und fest , » daß ich hier in diesem meinem Kastell der Vasall des Römischen Kaisers bin ? daß in diesem Distrikt hier der Papst nicht mein Oberherr ist , und er mir hier gar nichts zu gebieten oder zu befehlen hat ? « » Ich folge der Ordre meiner Obern « , antwortete der Barigello , » mich kommandiert mein General , Graf Cordori , dieser steht unter dem Kardinal Salviati , welcher im Bolognesischen die Befehle des Heiligen Vaters mit aller Strenge auszuüben hat . Wollt Ihr uns nun , Herr Graf , gutwillig folgen , oder sollen meine Leute Euch mit Gewalt fortführen ? « » Dieser Friedensbruch « , sagte jetzt Bracciano , » und Verletzung des Bannes ist in der Geschichte unerhört . « » Ich bitte um Antwort « , sagte der Barigello . Man übersah aus dem Fenster die ansehnliche Mannschaft der Soldaten und Häscher , alle zum Kampf gewaffnet , an Widerstand war also nicht zu denken , an Flucht noch weniger . » Ich muß mich ergeben « , sagte Pepoli , » ich hoffe am Kardinal Salviati , der mir persönlich bekannt ist , einen verständigen Richter zu finden . « » Salviati ist mir von alter Zeit befreundet « , sagte der Herzog , » und ich begleite Euch zurück nach Bologna . Er wird Vernunft hören und annehmen . Kann er , oder der Papst den deutschen Kaiser so mutwillig kränken und beleidigen wollen ? « Vittoria sah die beiden Männer mit Erstaunen und Wehmut an . Sie begriff eigentlich den Handel nicht . Unten lag Velluti als Leiche . Er hatte sterbend seinen Wohltäter grüßen lassen . - Traurig , finster , kam Bracciano am folgenden Tage zurück . » Die Unmenschen ! « rief er der erschreckten Gemahlin zu ; » sie haben ihn sogleich als überführt im Gefängnis erdrosselt . Möchten die Erben doch ihre Klage bei Papst und Kaiser erheben , sagte der blutdürstige Salviati ; - o welcher Tiger , dieser Sixtus . - Als ich zornig sprach , drohte man mir selbst , als einem Banditenfreunde ! Laß uns dem Schlachthause entfliehen . « Sechstes Kapitel Am Gardasee , in der Nähe der kleinen Bergstadt Salo , lebte der Herzog mit seiner Gemahlin glückliche Tage . Sie lasen , sangen , dichteten , er ritt auf die Jagd , und sie begleitete ihn auf kleinen Reisen in der schönen und mannigfaltigen Umgegend . Die Nähe von Deutschland und der Schweiz , diese Bergnatur mit ihrem stets neuen Wechsel geben diesen Landschaften einen eigentümlichen Reiz . Von einem so einfachen , idyllischen Leben ist nur wenig zu berichten , das ruhige , ungestörte Glück kann niemals die Imagination des Dichters vielfach bewegen : nur von Wechsel , Unglück , Schlacht und Tod , Gram und Verzweiflung , oder Wunder , berichtet Legende und Romanze , das epische Gedicht wie das Drama . In dieser holdseligen Einsamkeit störte sie fast niemals ein Besuch . In Venedig waren sie gewesen , und die Republik hatte dem tapfern Herzoge eine hohe und rühmliche Befehlshaberstelle angetragen : er war gerührt von der ihm zugedachten Ehre , schlug aber diese Würde aus , was den Dogen und den Rat einigermaßen kränkte . Man hatte ihm und seiner Gemahlin mit einem feierlichen Aufzuge entgegenkommen wollen , welches aber nun , so viel Ehre sie ihm auch erwiesen , unterblieb . Es erfreute ihn aber , hier in dieser weltberühmten Stadt seine Vittoria im Glanz einer Fürstin auftreten zu sehen ; es schmeichelte ihm , wie der Doge und hohe Adel ihrer Schönheit huldigte , und jedermann sich ihr nur mit Erstaunen und Bewunderung näherte . Auch die Gelehrten und Dichter brachten ihr Opfer des Lobes und der Schmeichelei , da man in Italien , wenn sie auch ohne Namen gedruckt waren , ihre feurigen Lieder kannte . Nachdem sie das großartige Verona besucht hatten , begaben sie sich wieder in die Einsamkeit ihrer Berge und nach dem schönen , romantischen See , den sie auf einer Barke , mit Musik begleitet , überschifften , und sich an den alten Romanzen ergötzten , die man in diesem Lande vernahm . Zuweilen erfüllte die hohe Schönheit den Wunsch des Geliebten , sich ihm in der Gestalt und Tracht der Diana zu zeigen , und er rief einmal in seinem Entzücken : » Ja , du mein Herz und meine Seele , in dieser herben Jungfräulichkeit , du wildes Kind , wurdest du mein , denn ein Mägdlein , nicht eine Frau gönnte mir an jenem Abend , wo Hymen uns vereinte , den kostbarsten Schatz ihrer Liebe . Oh , du Wunderwerk der unerschöpflichen Natur ! wie wandelst du dich in alle Gestalten , und in jeder neuen bist du schön und herrlich . Wenn ich dich als Pallas anbeten muß , so hüpft mein Herz im Rausche der Wonne , wenn ich dich auch im Taumel der Liebe als Bacchantin sah , und immer weiblich edel , immer von Grazie und Holdseligkeit umgossen . Wenn andere Frauen sättigen , entzündest du die Liebe und ihr Verlangen nur mehr und mehr . Wie ich nach dir brannte , wie mein Herz nur dein und deiner immer und ewig begehrte , und der Moment , daß du mein werden konntest , mir von feindseligen Dämonen festgeschmiedet schien , um mich ohne Labsal verschmachten zu lassen ; - so - oh , mißverstehe mich nicht , mein Abgott - so sehne ich mich jetzt , daß ich mir nur ein einzig armes Mal sagen könnte : jetzt ist mein Herz und Sinn gesättigt , ich bin , auf diesen Augenblick doch , der Sehnsucht und dieses Rausches frei . « Da zog jene wundersame Glut der Schamröte über ihr Lilienantlitz , und sie schmiegte , ihr Auge verbergend , das Lockenhaupt an seine Brust . » Oh , mein Paul ! « flüsterte sie ihm zu , » - du mein Gott und alles - was bin ich durch dich geworden ? Eine Selige , der Olympischen eine . - Aber warum , du Wilder , bist du so wild und ungestüm ? Ist es denn nicht oft , als wolltest du Seele und Leben , die ganze Ewigkeit in diesen Momenten des Rausches opfern ? Oh , mein Gatte , mein Held , mein liebliches Kind , mein sanftes Lamm und auch Bacchus und Apoll und Jupiter - willst du , kannst du nicht sanfter , demütiger - ach ! Himmel ! - Was soll ich sagen ? - Du verstehst mich gewiß . « Er lächelte selig und sah auf sie nieder , etwa wie Herkules mag auf die Göttin der Jugend sanft und stolz hinabgesehen haben . Wenn sie einmal allein war , was sich nur selten zutrug , so war ihr Sehnen nach ihm so milde und genügend , die Erinnerung so still behaglich , daß das Herz sich immerdar in sanfter Freude wiegte . » Daß den Sterblichen « , sagte sie dann , » ein solches Glück zugewiesen werden könne , ist mir ehedem nicht glaublich gewesen ; ja , ich habe keine Ahnung von einem solchen Leben gehabt . « Ein andermal neckten sie sich wieder , wie die Kinder , und übten tausend kleine Schalkheiten aneinander aus . Im Garten stellten sie einst einen Wettlauf an , und er blieb weit zurück . » Du bist zu stark « , sagte sie lachend und ihn verspottend ; » wie willst du die Last eines großen Körpers , deine hohe Gestalt so schnell bewegen und so behende ? Ich darf dir viele Schritte vorausgeben , und du wirst mich doch nicht einholen . « » Mit der Atalante « , erwiderte er , » kann keiner rennen , ich müßte dir denn , wie jener Freier , die goldnen Äpfel zum Abirren weit wegwerfen . « » Und so kann ich dir also doch weglaufen , sobald ich nur will . « » Dann schleudere ich , dein Zeus , Donner und Blitz dir nach , die sind doch rascher als deine schönen Beine : meine Liebesgedanken ereilen dich dann , wie sie dich ja auch so eingeholt und überlaufen haben , daß du mein Weibchen geworden bist . « » Bin ich es denn ? « sagte sie , ihn küssend , » deine Geliebte bin ich , dein wildes Kind , wie du mich so oft nennst . Wie du mich neulich schlugst , mit meinen eigenen schweren Locken , als ich deine Heldentaten gegen den Türken nicht glauben wollte , du Prahler ! « » Prahler ! « fuhr er auf , und umschloß sie mit seinen kräftigen Armen , » und eben ermahnte sie mich noch , in meiner Liebe mäßiger zu sein , die nüchterne , ungläubige Heidin ! Ja , morden könnte ich dich , du Gottlose , liebste Liebe , in diesen höchsten Momenten der Liebe . « » Und warum nicht gern sterben ? « antwortete sie , » und mit Freudentränen im Auge ? - Ach , Paul , mein Giordano ! wenn wir uns nach dem Tode wiederfinden , wenn ich dir entgegenstürze , in jenem uns unbekannten Lande : wird dann die Wonne nicht vielleicht noch größer sein ? oder anders ? oder ist es , wie mir im Leben vorher war , daß wir es uns jetzt nicht denken können ? « » Tod und Leben in deiner Nähe ist mir eins « , antwortete Bracciano : » für dich nur hat mich das Schicksal auf einer langen , und oft rauhen Bahn erzogen . So ist mein Lieben jetzt die Schule , deiner in Zukunft noch würdiger zu werden . « » Ja « , fuhr sie fort , » und so schweben wir in jenen , uns jetzt unsichtbaren und undenkbaren Gebieten , wir beide eins , und zugleich mit Andacht , Anschauen der vorigen Kräfte eins , wie wir schon jetzt in begeisterten Momenten aufgehen mit der schönen Natur umher , mit Luft , Himmel , Licht , den Gestirnen der Nacht , und wir in Entzücken die ewigen Kräfte fühlen , die magisch im Gestein und Wasser , in Mond und Sonne weben : wir hören dann , wir fühlen den Pulsschlag der allgewaltigen Natur , Gottheit weht durch unser ganzes Wesen , und auch die kleinste Faser unsers Daseins ist geweiht und klingt , wie die windbewegte Saite der Harfe , in den Akkord der Unendlichkeit hinein . « » Und auch dies Gespräch « , fuhr er fort , » ist bacchantischer Natur . Wir Menschen können nicht anders . Wohl dem Eingeweihten in Eleusis ' Mysterien , wenn er in jeder Chiffer , die ihm die Wirklichkeit vorhält , ein Geheimnis findet , ihm verständlich . « » Oder ein Rätsel « , sagte sie , » das , als unerraten , lieblicher und tiefer unser Wesen durchschauert , als wenn sich uns die sogenannte Wahrheit enthüllte . « » Darum ist jede Wirklichkeit , jede Erscheinung Symbol « , sagte Bracciano , » und wieder , oft in anderer , irdischer Begeisterung angesehen , bedeutet es doch nur sich selbst , genügt sich selbst , und ist sich selbst das Höchste . Es ist Abend geworden , laß uns ruhen , und jene sich genügenden höchsten Mysterien feiern . « Sie sah ihn mit leuchtenden , aber keuschen Blicken an und schüttelte lächelnd das Haupt . Er küßte sie aber und sie folgte ihm nicht unwillig . - So zählten sie in immer neuem Glück nicht Zeit und Stunde . - Flaminio war in Padua , und hatte dort den Palast für sie eingerichtet , wenn sie mit dem Beginn des Winters diesen beziehen würden . Der Herzog hatte den ältern Bruder Marcello auch dorthin beschieden , der jetzt , durch den erlauchten Schwager in Wohlhabenheit versetzt , sich vornahm , fortan ein anständiges Leben zu führen . Der Sommer war vergangen , aber die beiden Glücklichen dachten noch nicht daran , ihre schöne Einsamkeit zu verlassen . Es war schon im Herbst , und einer von jenen wunderbaren Tagen , wie man sie nur in den südlichen Berggegenden erleben kann . Er wollte das wundersam schöne Wetter einmal ganz für sich allein im Walde genießen . Vittoria blieb einsam zurück und saß sinnend und schreibend bei offenen Türen im Saal , welcher die Aussicht auf die schöne Landschaft erlaubte . » Wie selig müde « , so schrieb sie , » wie erregt in schlummernde Mattigkeit , wie wach und bewußt in diesem seligen Traum ! Die Liebe ist es , durch die ich alles verstehe , durch welche auch das scheinbar Tote lebt . Der See schimmert und rauscht und flüstert unter seinen wechselnden und spielenden Lichtstrahlen . Oft klingt wie aus dem Grunde ein Glockenton herauf und tönt fort , wie mahnend unter die kosenden , vielfach schwatzenden Laute hinein . Ist es des Wassers ernster Geist , der die plaudernden Kinder ermahnt ? Denn wie die kunstbegabte Hand durch die vielfach tönenden Saiten der Harfe sich klug auf und ab bewegt , wie auf dem Spinett die angeschlagenen Tasten klingen , so hält die Fee der Wasser die glänzenden Finger hinein , und spielt mit den vor Freude zitternden Wellen und läßt sie rieseln und klingen . Der ernste Felsen drüben zieht schon , wie zum Schlaf , die ernste Nebelkappe über sein rauhes Haupt , um andächtig zuzuhören , und die Wälder fragen sich : wird die Nacht kommen und die Traumgestalt , die dann durch das dunkele Grün poetisch wandelt ? Das kleine Gesträuch schwatzt am Ufer von jener Zeit , in welcher es zu Bäumen wird , und statt der Amsel und der Nachtigall der Adler sie besucht , und der Reiher in ihnen sein Nest baut . Wie spiegelt sich die schlüpfende Eidechse noch in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne ! Nun wandelt und wimmelt das kleine Wurmgeschlecht , die Völkerschaft der kleinen Käfer auf mannigfachen Wegen durch das dunkler leuchtende Gras . Der Adler fliegt zu seinem Horst und trinkt die Strahlen der Abendröte : die Schafe kommen blökend von der Weide , die Glocken der Kühe tönen den einförmigen Schall - ein Schweigen ruht auf Wasser , Feld und Berg - es horcht brütend und aufmerksam in die Tiefe der Erde hinein , was die Geister dort ausschwatzen , die niemals an die Oberwelt kommen . Nun stehen die Kuppen der Berge hell blühend im Rosenlichte , die Nebel ziehen sacht , vom Strahle geküßt , in den Wald hinab , die großen Wolken malen kühn Schlacht und Tumult und Ovidische Metamorphose in das dunkelnde Himmelsgwölbe . Nun geht sie fort , die Abendröte , die Königin ; bläulich grau , wie Leichname , stehn die Felsenkuppen , wie Gespenster fast , und mich ergreift ein Schauer , und zittert an mein Herz hinan . « - Wirklich ergriff sie ein fröstelndes Zittern , und sie stand auf die Fenster und Türen gegen die eindringende Abendluft zu schließen . Indem sie sich umsah , nahm sie in der Ecke des Saales ein zusammengekauertes , kleines graues Wesen wahr , das sich in der Nähe einer Tür gelagert hatte . Ihr erster Gedanke war , einen jener blödsinnigen Bettler , oder die Gestalt eines Kretins vor sich zu sehn , wie sie wohl in jenen Gegenden zu finden sind . Sie wollte die Diener rufen , um das kleine Wesen mit einem Geschenke abzufinden , als dieses sich erhob und den nebelgrauen Finger warnend ausstreckte . Es war nicht Wirklichkeit , so sagte sie zu sich selbst , sondern eine Schöpfung ihrer aufgeregten Phantasie . Sie trat dem Fremden dreist näher und heftete die Augen fest auf ihn , aber er verschwand nicht , wie sie erwartet hatte . Sein hängendes Gewand war grau , mit einem schwärzlichen Gurt in der Mitte zusammengehalten , die weiten Ärmel schlotterten , und Arme , Finger , und Hände waren unendlich mager : sein Angesicht war wie das eines halb verweseten Leichnams , die Lippen blaßbläulich und die Augen dunkel mit stechendem Blick . So mutig sie war , so genau sie den Unheimlichen zu betrachten wagte , so konnte sie sich doch einer angsthaften Furcht nicht erwehren . - » Wer bist du ? « redete sie ihn an ; » was willst du von mir ? « » Dein Warner « , krächzte kaum vernehmlich der Kleine ; » sollst dich hüten ! - Er - jetzt eben - « Da ging sie ganz nahe , aber ihre Hand erfaßte nur die Mauer , es war nichts da , was gesprochen haben konnte , aber viel finsterer war die Stelle des Saales , als vorher , als der Kleine noch dort in seinem grauen Schimmer gestanden hatte . - Aber sie faßte sich und rannte schnell aus dem Hause , da sie glaubte , soviel begriffen zu haben , er sei in Gefahr . - Sie eilte in den nahen Wald . Hier war die Dämmerung schon in Dunkel und Finsternis verdichtet . Es war , als wenn ein unsichtbarer Führer sie auf den Fußsteigen geleitete , die sich nach allen Seiten ausstreckten , denn sie zweifelte nicht , daß sie ihrem Gemahl begegnen müsse . Er kam ihr auch nach geraumer Zeit entgegen , schwankend , ungewissen Schrittes , auf einen fremden Mann gestützt . Sie eilte in seine Arme , er lehnte sich auf sie und rief : » Nun bin ich getrost , da ich dich wiederhabe ! « Sie wußte nicht , was sie antworten sollte . » Dank Euch , mein guter Mann « , sagte Bracciano , » daß Ihr mir bis hierher geholfen habt , jetzt ist mir besser . « - Sie sah sich um , der Wald war an dieser Stelle um ein weniges lichter , und schnell hatte sie mit einem kräftigen Stoß den unbekannte Begleiter zu Boden geworfen . » Du Elender ! « rief sie , » willst uns auch bis hierher verfolgen ? « Bracciano stand verwundert still . » Es ist ja der verächtliche Mancini , ein Spießgesell von Mördern , der uns damals von meinem unglücklichen Bruder den Zettel brachte in der verhängnisvollen Nacht . Seitdem hat mich eben Marcello wiederholt und dringend vor diesem Menschen warnen lassen , der im Solde unserer Verfolger steht . « - » Mancini ! « rief Bracciano , » ich kenne ihn als meinen Feind , ob ich ihn gleich früher niemals sah . « Der Niedergestürzte raffe sich auf und floh mit größter Eil in das Dickicht des dunkeln Waldes . Sie wollte ihm nach , aber das Zittern und Schwanken des Gemahls hielt sie bei diesem zurück und der Verdächtige entkam . Vittoria führte ihn , ihn sicher stützend , in das Haus ; er legte sich tu Bett , und mit größter Eil wurden Ärzte aus der nächsten Stadt herbeigerufen . Sie wachte indessen bei seinem Lager , und er , so matt er sich fühlte , konnte nicht einschlafen . - » Was ist dir geschehn ? « sagte Vittoria in der Nacht : » du siehst bleich , deine Hand zittert , dein Auge ist matt und sieht starr . « » Ich fürchte « , antwortete der Herzog , » ich bin durch mein Verschulden meinen listigen Feinden in die Hände geraten : daß du diesen Mancini , vor welchem mich seit lange schon freundschaftliche Briefe warnen , wiedererkannt hast , gibt mir fast die Gewißheit davon . Ich glaube , daß ich ihnen und ihren Künsten unterliege , und daß du zu spät zu meiner Rettung herbeigeeilt bist . O Vittoria ! wir sind alle schwache , gebrechliche Menschen . Indem uns die eine Torheit verläßt , meldet sich schon die andre bei uns an , und wir gestatten ihr gern den Eingang . O freilich war es eine Lüge , daß deine Liebe mir eins und alles sei , denn wäre dies , so hätte ich mich nicht von dieser Schwachheit so gröblich hintergehn lassen . Schon vor Jahren laborierte ich mit meinem Schwager , dem Großherzog . In seinem Kabinett bewahrt er Wundersachen , die ich mir nicht zu erklären weiß . Und mag man disputieren und klug sein , wie man will , mich hat noch kein Argument so getroffen , daß es meine Überzeugung sei , nur ein Tor könne auf die Verwandlung der Metalle und auf das Erringen des Goldes hoffen . Wie dieser Wonnerausch der Liebe alle unsre Kräfte erhöht , wie wir im Glauben , oder Aberglauben , so selig sind , so kamen auch die alten , vergessenen Träume wieder zu mir . Wer kann die Scheidewand ziehn zwischen Glauben und Aberglauben ? Ich erinnerte mich nun , daß ich schon einmal mit dem berufenen Deutschen , dem Thurneiser gearbeitet hatte , daß ich zu verschiedenen Zeiten die Hoffnung genährt , dem Geheimnis ganz nahe auf der Spur zu sein . Vor einiger Zeit traf ich in diesem Walde einen alten Mann welcher Kräuter suchte . Wir kamen ins Gespräch , er sagte mir einiges von Blumen , von der Kraft mancher Gewächse , was mir ganz neu war . Seine Wohnung wollte er mir nicht anzeigen , er war überhaupt in allen seinen Reden kurz angebunden , und er schien vielmehr mich vermeiden , als aufsuchen zu wollen . Ich traf ihn ein andermal wieder , und nun erzählte er mir von einem viel ältern Manne , dessen Schüler er sei , und welcher das große Mysterium besitze . Es lag ihm aber , so tat er , nichts daran , daß ich den Greis kennenlernte . Nur wie zufällig fand ich ihn noch einmal , und nun führte er mich auf mein Ersuchen zu einer Waldhütte , wo ich den Magier traf . Auch dieser rückhaltend , kannte mich nicht , wollte mich auch nicht näher kennenlernen . Aber auf meine dringenden Fragen gab er Antwort . Kurz , er war nicht abgeneigt , mir einen sichtlichen Beweis seiner Kunst zu geben , wenn ich nämlich Mut genug dazu besitze . Es war von nichts Geringerem die Rede , als mir die Geister meiner Eltern zu zeigen , was mir um so merkwürdiger war , da der Zauberer , so wie ich glaubte , mich gar nicht kannte . Zu keinem Sterblichen , so hatte ich mein feierliches Versprechen gegeben , durften ich eine Silbe von diesem Abenteuer erwähnen , darum verschwieg ich auch dir alles , was ich nicht hätte tun sollen . Heute , so war die Verabredung , ging ich zu ihm . Nun die gewöhnlichen Vorbereitungen : er gab mir einen Trank der Weihe , wie er ihn nannte , der mich stärken sollte , um das Ungewöhnliche , oder Erschreckende leichter zu ertragen . Auch er trank davon , um mich ganz sicher zu machen . Kein Mensch war im Zimmer als wir ; die Fenster wurden gegen das Sonnenlicht geschlossen , geweihte Kerzen angezündet , magische Kreise zog der Beschwörer , und ein sinnebetäubender Rauch stieg aus seiner Pfanne , und erfüllte das ganze Zimmer . Schon fing meine Nachgiebigkeit an , mich zu gereuen , als wirklich im Dunst meine Eltern erschienen , und mit drohender Gebärde die Zeigefinger gegen mich erhuben . Vielleicht hatte man auf Schrecken oder Entsetzen von meiner Seite gerechnet , da ich aber kaltblütig blieb , so mußte man weiterschreiten . Ich war jetzt schon überzeugt , daß der Gaukler mich kenne , und daß alles , vom ersten Augenblick an , auf eine gröbliche Täuschung berechnet gewesen sei . Ich schämte mich vor mir selber . Da erschien im Dampf das Bild jener Isabella von Florenz , dann der ermordete Peretti blutend . Ich wollte mich entfernen , als der Dampf so vermehrt wurde , daß ich zu ersticken fürchtete , und plötzlich standest du , in Qualen , halb nackt , aus vielen Wunden blutend , verzerrten Angesichts da . Dem unerwarteten Anblick war ich nicht gewachsen , ich stürzte nieder , bewußtlos . Nach einiger Zeit traf ich mich im Walde wieder , von jenem Menschen geführt , den du wiedererkanntest . - Meine Feinde haben mich überwältigt , und diese meine Schwachheit benutzt ; ich fühl es , von diesen Dämpfen bin ich vergiftet und jede Hülfe wird vergeblich sein . « - Noch in der Nacht erschienen einige Ärzte . Siebentes Kapitel Es war der Winter eingetreten , welcher in Oberitalien eine rauhe und traurige Jahreszeit ist und viel Regen und Kälte mit sich bringt . Der Herzog Bracciano war gestorben und zur Erde bestattet . Vielfache Gerüchte waren seinerhalb verbreitet . Waren es die Orsini , die Gegner in Florenz , die Freunde des in Paris ermordeten Troilo , die sich ihm in Masken genähert und ihn listig fortgeschafft hatten ? Das Haus , wo jene Geisterscheinungen vor sich gegangen sein sollten , konnte man im Umfange des Waldes , sosehr man sich auch bemühte , nicht auffinden ; derjenige , welchen Vittoria als Mancini erkannt hatte , war seitdem nirgend gesehen worden . So glaubten manche , die sich für die Einsichtigen hielten , ein Fieber habe den Herzog hingerafft , und seine sonderbaren Aussagen zeugten nur von der Krankheit seines Gemütes und einer schon ganz irregeleiteten Phantasie . Die Wundergläubigen dagegen behaupteten , seine Visionen in dem rätselhaften , verschwundenen Hause hätten sich , sei es durch einen Magier , sei es auf andre übernatürliche Weise , dem Verstorbenen wirklich gezeigt , um ihm alle Sünden und Verbrechen seines Lebens vorzuhalten , und keine giftigen Dünste oder Getränke , sondern die Qual des aufgescheuchten Gewissens habe seinen frühen Tod herbeigeführt . Vittoria ertrug ihren Schmerz , wie große Seelen fast immer die herbsten Verluste zu tragen pflegen . Man sah sie nicht klagen und weinen , ihr Unglück war zu