zusammenhängt ; - wie könnte der eine wahrhafte Liebe denken zu einem leblosen Ding ; denn so nennt der Philister die Pflanzen , die Bäume , die ganze Natur , - wie könnte der ahnen , daß ein höchst geistiger Umgang mit ihren schönen untadeligen Erzeugnissen stattfinden könne ? - Ein Wechseltausch von Empfindungen , der eine reine Leidenschaft zu ihr nährt und beglückt , - wie könnte dem je begreiflich werden , daß ein innerliches Dasein sich in sie überträgt , und daß , während die ganze Welt vergeblich unter Mitgeschöpfen herumschwärmt , von Liebe , von Freundschaft faselt , der beglückte Besitzer eines Baumes , der vor seiner Tür steht , in ihm den Freund gefunden hat . - Die alte hundertjährige Bas kam mir vor der Tür auch damit entgegen : » Ist ' s nicht barbarisch ? - Und daß die Großmama stillschweigt dazu , - wärst du nur hier gewesen , es wär nicht geschehen . « - Ich bin noch einmal in den Garten gegangen , wie es dunkel war ; denn am Tag hingehen schien mir beleidigend für die edlen Bäume ; - ich hab Abschied genommen vom Garten , ich mag nicht wieder hineingehen . - Ich hab auch den Gärtner besucht im Boskett , der sagte mir , es habe ihn sehr betrübt , daß diese Bäume abgehauen wären , er habe so manches sich immer gedacht dabei , jetzt könne er nichts mehr von ihnen sehen und hätt auch die Lust verloren , die Rosenhecke zu pflegen . - » Nun ! « - sagte ich , » aber in Gedanken können wir immer alles sehen , was wir lieb haben ? « - Das gab er zu . - » So gebt doch auch die Rosenhecke nicht auf , je höher sie wächst , je mehr könnt Ihr Euch dabei denken , daß im Gedächtnis alles Schöne fortblüht . « - Das bewilligte er mir , und er meinte , ich solle gewiß nicht klagen , daß er sie versäumt hätte , wenn ich wieder käm . - Im Gärtner liegt wahres Genie zu einem solchen Umgang mit seiner Umgebung in der Natur . - Noch kurz , eh ich mit Dir bekannt war , hab ich manchmal oben in dem Baumwipfel meine Stimmungen über die Naturerscheinungen aufgezeichnet ; so kindisch und unvermögend mich auszusprechen , ich hab sie in einer Mappe aufgehoben , da schreib ich Dir eines auf zur Gedächtnisfeier . Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag O himmlisch Grün , das unter Eis und Schnee in brauner Hülle sich barg und jetzt dein glühend Haupt im Antlitz der Sonne krönt . Geliebter Baum ! Könnt ich umwandeln doch in dein sanft rauschend Laub jene flüsternde Sprossen , die mit glänzendem Finger die Muse bricht , himmlischer Glorie voll , die Stirn zu umflechten dem Liebling , der mit Helm und Speer oder bogengerüstet , wo viel goldne Pfeile dahinfliegen , oder Rosse jagend oder mit leichtem Fuß zwölfmal umrennend das Ziel oder aufleuchtend mit der Flamme des Lieds , um sie wirbt . O Baum , dich umdrängt heute der Bienen Schar , sie ziehen dem Duft nach der honigregnenden Blüte , sie sammeln ihren befruchtenden Staub und versummen die Tagesglut in deiner Krone kühlem Rauschen . Aber dann würd in deinem Schatten ruhn , der König ist am Mahle des Geists , und nähren würde deine Wurzel die Flut , die den eignen Gott im Busen ihm begeistert , zu alleroberndem Triumph . Begegne dir nichts , was dich beleidigt , o Baum ! Den keiner der Unsterblichen umwandelt . Ich zwar träume den Frühling in deinem Schatten , und mir deucht von Unnennbarem widerhallen zu hören rings die Wälder und die Hügel . An die Günderode Ich lese Deinen Brief und schäme mich vor Dir , wie Du so edel und einfach mein verwirrtes Denken zurechtrichtest , und ich kann nicht ans Antworten denken , weil ich so voll Unruh bin . Die Bäume kränken mich ; ich kann ' s nicht begreifen , wie die Großmama sich nicht besser gewehrt hat , das ist ihre zu tiefe Empfindlichkeit , unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten , man muß sich wehren für die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen , der es antastet . Alles Erhabne und Schöne ist Eigentum der Seele , die es erkennt , und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet . Alles ist der Teufel , es sei denn reine freie Gewissenswahrheit , und ich weiß keine höhere Anweisung an den Geist als : frag dich selber ! Und wenn da einer nicht das Rechte findet , so ist er ein Esel , und alles , was sich Schreckendes dem inneren Willen entgegenwirft , das muß bekämpft und verachtet werden , er ist der Ritter , der das Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schöpft , vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmächtig . In Feenmärchen ist die heiligste Politik und auch die mächtigste ; ich wollt der größte Staatsmann werden und die ganz Welt unter meinen Fuß bringen , bloß daß die blaue Bibliothek mein geheimer Kabinettsrat wär ; und die Leut würden sich erstaunen , was ich als für Weisheit besäß . - Der Großmama möcht ich ' s sagen , sie wird es ganz gut aufnehmen ; und ich brauch sie auch nicht zu schonen . - Was ist ? - Die Großmama hat eine tiefe Seele , - andre nennen ' s Empfindsamkeit , Tiefe ist allemal Gewalt , aber sie ist gebunden und die Gewalt weiß nicht , wie leicht sie die Fessel abwerfen kann , hab ich mir doch manchmal den Atem fast ausgeblasen , wenn wir morgens im Wald uns ein Feuerchen wollten machen zu unserm Pläsier , und es ist immer wieder ausgegangen , und ich hab ' s immer am kleinsten Köhlchen wieder angezünd ' t , ich will auch blasen in der Großmutter ihr Judizium , warum ist sie betrübt , wenn es nicht ist , daß sie dadurch begreifen lernt , was sie den Bäumen schuldig war , alle Kraft ist man der Welt schuldig und dem der uns am nächsten steht , am ersten . Alle Anregung ist ein Aufwühlen des inneren Herzgrund , und das Unkraut muß untergepflügt werden , daß es die Wahrheit muß düngen , ich weiß nicht , was ich sagen wollt ; ich bin unruhig , verzeih mir ' s , ich kann Dir nicht auf Deinen Brief antworten , ich wär so gern heut wieder nach Offenbach , aber alles fuhr nach Rödelheim , und wir haben im großen Himmelspurpurmantel mit eingehüllt , auf der Wiese uns amüsiert , bis es Nacht war , ich ging mit dem Franz zu Fuß nach Haus , die andern fuhren , der Franz hat mir allerlei Schönes und Gutes gesagt unterwegs , ich hing mich mit beiden Händen an seinen Arm und verhopste alles , wie wir an die Bockenheimer Wart kamen , sagte er : » Häng dich doch jetzt an den linken Arm ; denn der andre ist mir schon eine Viertelelle länger gereckt , damit der doch auch so lang wird . « Am Montag Die Meline geht mit Savigny nach Marburg und sagt , ich soll auch mit , ich sag nicht ja , aber die Meline sagt : » Wer soll für dich sorgen , wenn ich ' s nicht tu , du wirst hier alles verschlampen , alles vergessen , alles verreißen , alles verschenken , alles verderben , Du mußt mit . « - Kommst Du früher , als die gehen , so bleib ich hier ; denn da hab ich einen Altar , an den ich mich festhalte , kommst Du aber nicht , so weiß ich , daß ich auf dem Glatteis , wie mir ' s unter den Fuß kommt , dahinfliege ohne Widerstand , es führt mich ja auch ebenso schnell zurück zu Dir , aber der Savigny schreibt , ich soll Dir sagen , daß er in den Sternen gelesen habe , Du werdest nach Marburg kommen . - Da leg ich Dir noch ein Blatt aus meiner Pappelbaumkorrespondenz bei , ich hab doch alle Pfingsten , der ich mich erinnere , unter diesen Pappeln zugebracht , - dies schrieb ich ihnen am letzten Pfingstfest , die schönsten Tage im Jahr sind Pfingsten , der Frühling feiert gekrönt seinen Sieg . Wie war ich so seelenzufrieden an jenen Tagen , alles ging aus ins weite Feld spazieren , alles fuhr über Land in schönen Kleidern , ich war auch weiß geputzt , und die Haare schön gelockt und mit flatterndem Band und gelben Schuhen besucht ich schon früh den Baum ; heut konnt ich nicht hinaufklettern , ich hätte Schuhe und Kleid verdorben , darum dauerte mich der Baum , so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft , und weißt Du , was mich der Natur so anhängig macht ? - Daß sie manchmal so traurig ist , - andre nennen das Langeweile , was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein wie ein Stein aufs Herz fällt , ich aber leg es so aus : plötzlich steht man , ohne es zu wollen , ihr , der Allgöttin gegenüber , ein geheim Gefühl der unendlich zärteren Sorge , die sie auf uns verwendet , als auf alle anderen Geschöpfe , macht uns schüchtern ; alles umher gedeiht , jed Stäudchen , jed klein Käferchen zeigt von so tiefer feingegliederter Bildung , aber wo ist auch nur ein Knöspchen in unserm Geist , was nicht vom Wurm angenagt wär , sind wir nicht von Staub befleckt und zeigt sich ein Blättchen unserer Seele in seinem glänzenden Grün ? - Wenn ich einem Baum begegne , der vom Meltau oder vom Raupenfraß erkrankt ist , oder eine Staude , die verkeimt , dann mein ich , das ist Sprache der Natur , die uns das Bild einer ungroßmütigen Seele zeigt . - Und wären alle Fehler des Geistes überwunden , wären seine Kräfte in voller Blüte , wer weiß , ob dann in der Natur noch solcher Mißwachs oder schädlich Unkraut wär , ob der Brand noch ins Kornfeld käm , ob noch giftige Dolden wüchsen , wer weiß , ob noch solche traurige Augenblicke in ihr wären , die einem das Herz spalten ; und man wendet sich ab , weil man nicht ahnen will , was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt . Nein , sie findet kein Gehör , die Mutter , obschon ihre Vorwürfe so zärtlich sind , daß sie einem gleich in ihren Schleier hüllen möcht , und das Gift der Krankheit möcht sie mit ihren Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen , uns zu heilen . » Beweislos denken ist frei denken ! « Dies eine nur laß mich Dir mit einem Beweis noch bekräftigen zum Beweis , daß ich Dich versteh ! - Denken selbst ist ja von der Wahrheit sich nähren , sonst wär ' s Faseln und nicht Denken , Denken ist , jenen Balsam trinken , den die Mutter aus ihrem Blute mischt , der uns von Schwächen heilt , ist ja Gehör geben ihren zärtlichen Vorwürfen ; und durch Beweis dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen , die so ohne Rückhalt sich uns ergibt , ist Beweis genug , daß sie das Herz nicht rührte . - Die Wahrheit rührt das Herz , ist Geist , der augenblicklich höher steigt im Empfangen der Wahrheit selbst und sich nach Höherem umsieht . Du bist höher gestiegen in dieser Erkenntnis der reineren Geistesform , Du hast seine Krücken weggeworfen . - Sie sagen : wie will der Geist fortkommen ohne Krücken ? - Er hat ja keine Füße ! - Er wirft des Anstands enges Wams auch noch ab . - » Seht , ich habe Flügel ! « Und Deine Verteidigung , wie willst Du die führen , wenn Du keine Waffen hast , fragen die Philister . - » Ich bin Gottathlete , wer mit mir ringen wird , der mag meinen Triumph ohne Waffen um so tiefer fühlen , ich bin dann , und sie sind nicht mehr , die mit mir ringen ; und wen ich nicht überwinde , der reicht auch nicht an mich heran , mich zu bekämpfen . « - Ja , ich fühl ' s deutlich , wie tief recht Du hast , es ist einzig reine und heilige Sprachquelle , die Wahrheit ohne Beweis führen . Sprach und Geist müssen sich lieben , und da braucht ' s keiner Beweise füreinander , ihr gegenseitiges Erfassen ist Liebe , die sich in ewigen Gefühlen zu den Sternen hebt , - Du bist überwunden , Du bist ein Gefangner des Geistes - er besitzt Dich und tritt vor und spricht Dich aus . - Gute Nacht ! Schon sehr spät . - Vor zwei Jahren geschrieben am Pfingstmontag Bäume , die ihr mich bergt , mir spiegelt in der Seele sich euer dämmernd Grün , und von euern Wipfeln seh ich sehnend in die Weite . Dorthin fließt der Strom und hebt nicht zum Ufer die Wellen , und es jagt nicht mit den Wolken seine fröhlichen Schiffe der Wind . Der hellere Tag flieht und mein Gedanke lauscht , ob Antwort vielleicht ein sausender Bote von dir ihm bringe , Natur ! O du ! - du , der ich rufe , warum antwortest du nicht ? - Immer gleich Herrliche ! Allebendige ! Schauder über Schauder flößt mir , Herr ! Herr ! deine Natur ein . Da senkt sich der Wagen des Donnerers , die Berge hallen , es braust und duftet und weht ! - Wohin ihr Nebel ? - Ihr Rauchsäulen ? - Wohin wandelt ihr alle ? - Warum bin ich ! - Warum mich an deinen Busen Natur , wenn nicht erquickend mir ' s quillt aus deinen Tiefen , wie aus den Bergen quellen die rauschenden Wasser . Ich hör dich Donnerer , langsam ziehn am windstillen Tag übers Gebirg , in meiner Seele Saiten tönt ' s nach , sie bebt , die Seele , und kann nicht seufzen . Lust und Hoffnung , ihr habt oft mich gewiegt wie die rauschenden Wipfel , ihr schienet endlos mir einst wie jetzt mein düsterer Tag . Da brechen die Wolken und strömen unter dir , Befreier ! - Und rings trinkt die Erde - und deine Donner - wohin ? - Und ihr atmet wieder , Wiegengesang flüstert , wogt in eurem Laub , das mich umfängt . Und ich will gern wieder leben mit euch allen , ihr Bäume , die ihr trinkt segnende Ströme vom Himmel und fröhlich wieder säuselt im Wind . An die Günderode Heut morgen wach ich auf vom Rufen der Italiener , die Parapluies feiltragen , die wahre Lockstimme für mich , - unwiderstehlich , ich denk gleich , der Italiener mag Regen wittern ; denn sonst gehn sie nicht so früh herum , ich lass ' die Liesbet den Mann heraufholen und lauf zur Meline - die liegt noch im Bett , - ob wir nicht einen Parapluie wollen kaufen , mitzunehmen nach Marburg ? Die Meline kriegt einen Schrecken - sie glaubt , ich hab ' s Fieber , daß ich nach einem Parapluie frag , unterdessen war il signor Pagliaruggi vor der Tür , und ein grünseidner Regenschirm gekauft , den ich auch gleich probieren wollt , so ging ich vors Tor in die Mess am Main , und so blieb ich bei den Klickerfässern stehen und kauft an dreißig Klicker , einer schöner wie der andre , von Achat und Marmor und Kristall , damit ging ich hinunter am Main , wo die Steinergeschirrleut halten , und besuchte die in ihren strohernen Hütten und die Esel , die mit herzlichem Geschrei mich begrüßten , und die kleinen Hemdlosen , die da herumlaufen und klettern - und teilt ihnen meine Klicker aus , sie hatten keine Taschen , weil sie nackend laufen , so mußt ich ihnen meine Handschuh geben , daß sie die Klicker konnten aufheben , die banden sie sich mit Bindfaden um den Leib fest , das war kaum geschehen , so rief mich ein Schiffer an , ob ich nicht wollt überfahren . - Ich frag : » Es wird wohl regnen ? « - » Nun , was schad ' s , Sie haben ja ein Wetterdach bei sich . « Wie ich drüben war , so denk ich , ich will nach Oberrat gehen zur Großmama ihrer Milchfrau und da Milch trinken , wie ich an der Milchfrau ihr Haus komm , so sagen die Leut , alleweil ist die Annemarie fort mit der Milch nach der Gerbermühl , wie ich auf die Gerbermühl komm , so läuft mir die Annemarie schon fort nach Offenbach mit der Milch , ich sag , ich will mit ihr gehen , sie hat ihre zwanzig Gemüskörb auf dem Kopf und ihre Milchkann am Arm , und so schlendert der groß Gemüsturm und ich als hintereinander durch die Hecken , sagt die Annemarie : » Es fängt schon an zu trepele , es werd gleich e dichtiger Schitel komme , warte Se , ich will Ihne ans von dene klene Körbercher gebe , des könne Se uf den Kop setze , do kommt ihne ken Rege an . « - Nun fällt mir ein , daß ich doch das Wetterdach , den Parapluie mitgenommen hab , wo ist der geblieben ? Entweder ich muß ihn haben bei den nackigen Büberchen lassen stehen , oder ich hab ihn im Schiff liegen lassen , beides ist gleich möglich , ich konnt ihn also die Wasserprob nicht halten lassen ; so setzt ich der Milchfrau ihr rundes Gemüskörbchen mit Blumenkohl auf den Kopf . Sie sagt : » Sie sehn so schön drunter aus wie die schönst Pariser Madam . « - Es war recht lustig , es begegneten mir allerlei Leut , die dachten , ich wollt balancieren lernen , der Regen hatte bald wieder aufgehört , so war ich ohne dran zu denken bis Offenbach gelaufen , an der Kastanienallee nahm ich den Korb ab . In der Stadt war recht Sonntagswetter , alles voll Sonnenschein , und in der Domstraß lag auf jeder Haustrepp vor der Tür ein Jolie mit dem blauseidnen Halsband , alle Jolies kennen mich , sie kamen an mich herangebellt , und da kamen die Spitze auch , und Bommer , und endlich auch dem Anton Andree seine englische Dogge mit siebzehn Jungen , die schon ziemlich herzhaft bellen . Die Milchfrau blieb ein paarmal stehen , um das Springen und Toben der Hunde zu sehen und auch aus Furcht , sie möchten ihr den Gemüsturm aus der Balance bringen . » Ei « , sagte sie , » der türkisch Kaiser kann nicht schöner begrüßt werden , die bleiben ja in einem Vivatrufen . « - So klingelten wir an der Haustür , die Cousine meldete , daß die Großmama noch schlief , in den Garten wollt ich nicht gehen , ich blieb vor der Tür stehen bei den Hunden , da kam mein guter Herr Arenswald vorbei , er nahm den Hut ab , ich sagte ihm nicht , daß er ihn wieder aufsetzen solle ; denn ich hatte gesehen , daß ein Loch drin war , und wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen . Er erzählte mir , er habe diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht , weil er seinem Drang , die Natur dort zu betrachten , nicht habe widerstehen können , er bereue es auch gar nicht , obschon es ihm viel gekostet , ja , er glaube , es sei sein letzter Heller draufgegangen , ich war etwas beschämt und wollte ihm bei dieser vertrauten Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen , meine Augen fielen auf seine Stiefel , da präsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm , sein großer Zehe , welchen Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte ; denn er drückte ihn unter den Absatz vom andern Stiefel , der leider wie ein schlechtgeschlossner Laden vom Wind auffuhr , wo sollt ich meine Augen hinrichten ? - Ich sah auf seinen Bauch , da fehlten alle Knöpfe und die Weste war mit Haarnadeln zugeklemmt , wo er die mag her erwischt haben ; denn er trägt einen Caligula , welches bekanntlich die höchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist , wozu man weder Pomade , noch Kamm , noch Haarnadel braucht , sondern nur Staub und Stroh , damit die Schwalben und Sperlinge immer Material für ihre Bauten da finden . Unterdes erzählte er mir , es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen , man habe ihm nämlich erzählt , daß es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken gäb , die sehr schmecken , und daß es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt , er habe solche auch in Masse im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen , daß er ihrer mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei , als er ins Wirtshaus zurückkam , verbat er sich sein Mittagessen , weil er zu viel von den so gut schmeckenden Schnecken gefunden , und habe sie mit so großem Appetit verzehrt , daß er unmöglich noch was genießen könne . » Wie ? « - sagte der Wirt , » Sie haben die schmeckenden Schnecken gegessen ? « - » Nun ja , warum nicht , sagten Sie nicht selbst , daß die Schnecken sehr wohlschmecken , und daß die Leute gewaltig danach her sind , sie zu sammeln ? « - » Ja , sehr schmecken hab ich gesagt , aber nicht : wohl ! - Schmecken heißt bei uns stinken , und die Leute sammeln sie für die Gerber , um das Leder einzuschmieren . « - » So hab ich also dieses Gerbermittel gespeist und mich sehr wohl dabei befunden « , erzählte Herr Arenswald , während ich sehr errötet in die Luft guckte ; denn es war kein andrer Platz da , ohne auf eine grobe Sünde des gänzlichen Mangels zu stoßen . - Die Schneckenmahlzeit mag nun wahr sein oder auch erfunden , um mir auf eine feine Art verstehen zu geben , daß ihn der Hunger dazu gezwungen . Die Cousine rief mich herein , und Arenswald nahm , wie bei hohen Potentaten , rückwärtsgehend Abschied von mir , woraus ich schloß , daß es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein möge . Also erst die Begrüßung bei meinem Einzug , der Jubel war türkisch-kaiserlich nach der Milchfrau , der Gemüskorb mit Blumenkohl war meine Kron , den Baldachin , den Parapluie , hatt ich im Schiff gelassen , die erst Audienz war auch mit allen kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen , unterwegs hatt ich großmütige Geschenke gemacht an die nackigen Büberchen , Arenswalds Audienz war auch eine untertänigste Ansherzlegung des menschlichen Elends . Was will ich mehr ? - Immer hat ' s mir im Sinn gelegen , ich werde noch zu hohen Würden steigen . - Ich werd auch geruhen , des schmeckenden Schneckenfressers außerordentliche Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen , durch den Jud Hirsch , der morgen nach Offenbach geht ; wenn mir ' s nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie der Parapluie , ein Fehler , den ich mit allen hohen Häuptern gemein hab . - Die Großmama war mir sehr freundlich , wir sprachen von Dir , sie will , daß Du sie besuchst , wenn Du zurückkehrst . Ich sagte ihr , daß ich , wenn sie es erlaube , nach Marburg gehen werde mit der Meline , diese kleine Ehrfurchtsbezeugung , um ihre Einwilligung zu bitten , schmeichelte ihr sehr , sie gab mir ihren besten Segen dazu , nannte mich » Tochter ihrer Max , Kindele , Mädele « , ringelte mein Haar , während sie sprach , erzählte im schwäbischen Dialekt , was sie nur in heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswürdigkeit einflößt , ihr Bezeigen war mir auffallend , da ich vor vier Tagen sie so tief verletzt , beinah erbittert fand über die Schmach , die ihrem gütigen Herzen widerfahren war . - Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prächtigen silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz , worum in griechischer Sprache geschrieben steht : Alles aus Liebe , sonst geht die Welt unter , es ist dem Großpapa von der Stadt Trier geschenkt worden , weil er als Kanzler in trierischen Diensten sich gegen den Kurfürsten weigerte , eine Abgabe , die er zu drückend fand , dem Bauernstand aufzulegen ; als er kein Gehör fand , nahm er lieber seinen Abschied , als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu schreiben ; so kamen ihm die Bauern mit Bürgerkronen entgegen in allen Orten , wo er durchkam , und in Speier hatten sie sein Haus von innen und außen geschmückt und illuminiert zu seinem Empfang . Die Großmama erzählte noch so viel vom Stadionischen Haus , worin sie so lang mit dem Großpapa lebte , wenn ich ' s nur alles behalten hätt , doch vergeß ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht auf dem See von Lilien , wo immer ein Nachen vorausfuhr , um in dem Wald von Wasserpflanzen eine Wasserstraß mit der Sense zu mähen , wie da von beiden Seiten die Schilfe und Blumen über den Kahn herfielen und die Schmetterlinge - und alles weiß sie noch , als wenn es heut geschehen wär . - Der Pappeln wollt ich nicht gedenken , die jammervolle Person des Arenswald , der so munter und grün über sein Elend hinaussteigt ins Freie , hatte mich aus den Angeln der Empfindsamkeit gehoben , ich will wetten , jetzt , wo er Waldschnecken fressen kann , daß er noch viel mehr wagt , und wenn er nur so viel hat , daß er seine Beine reisefertig kriegt , so muß das andre mit und muß allerlei andre Dinge noch dazu fressen lernen . Die Großmama fing aber von selbst von den Bäumen an , bei Gelegenheit des Wappens , sie erzählte , der Spruch sei wirklich Ersatz dem Großvater geworden , und er habe oft bei der Einschränkung , in der er später leben mußte , gesagt : » Besser konnt ich mir ' s nicht wünschen . « - Das Wappen hing über seinem Schreibtisch , und da er bei Bauer und Bürger in großem Ansehen stand , so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten , da hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur Nachsicht bewogen , er sei dadurch so im Ansehen gestiegen , daß sein Urteil mehr wirkte wie alles Rechtsverfahren , und mancher , der dem Buchstaben des Gesetzes nach sich durchfechten konnte , hat , um nicht das Urteil des Großvaters gegen sich zu haben , sich verglichen , und der Kurfürst hat sich auch wieder mit ihm versöhnt und ihm vollkommen recht gegeben , aber der Großvater schlug seine Anstellung aus , die der Kurfürst ihm wieder anbot ; er sagte : » Hat mir Gott das Hemd ausgezogen und gefällt ' s ihm , mich schon auf Erden nackt und bloß herumlaufen zu sehen , so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt für den menschlichen Ehrgeiz vorhalten , dem Herrn Kurfürst steh ich zu Diensten in allen gerechten Dingen , so wie mich Gott geschaffen hat , und der sich nicht vor ihm zu schämen braucht ; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus , denn ich mag mich mit keinem Feigenblatt inkommodieren , ich bin der unverschämteste Kerl von der Welt , und der Kurfürst ist die sittsamste Jungfer , die unter den geistlichen Würden zu treffen ist , er will keinen seiner Freunde nackt und bloß herumlaufen oder vor sein Angesicht kommen lassen ; aber mir gefällt es besser , ganz nackend mit seinen Mummenschanzen herumzuspringen , denn da hab ich den Vorteil , daß sie sich selbst nicht mehr kennen ; denn sie wissen so wenig , was das ist , ein Mensch sein , daß einer , der ohne Bemäntlung ihnen die Natur eines Menschen , wie sie vor Gott bestehen kann , darstellt , ihnen natürlich zeigen muß , daß sie selber Mißgeburten sind . « - In dieser Art hat der Großpapa auf des Kurfürsten Anträge geantwortet . - Die Großmama besitzt noch eine Korrespondenz , wo mehrere Briefe von des Kurfürsten eigner Hand dabei sind , mit den Abschriften vom Großvater ; - der Großvater hatte ein Buch gegen das Mönchswesen geschrieben , was gar viel Aufsehen in damaliger Zeit machte , ins Französische übersetzt wurde , das hat mir die Großmama geschenkt ; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit zwischen dem Kurfürsten und ihm , weil darin so viel Skandal der Mönche aufgedeckt ist , und war auch die erste Veranlassung zur Versöhnung ; denn der Kurfürst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt : » Wir werden diesem Ungeziefer , das mich mehr plagt als den armen Lazarus , dem ich mich gar sehr vergleiche , seine Schwären , noch eine Umwälzung in unserer Religion zu verdanken haben , es vergehet keine Woch , daß nicht verdrießliche Berichte dieser unflätigen Mönche einlaufen , der Mantel der christlichen Kirche , unter dem sie alle eingekeilt stehen wie ein Ballen Stockfische , reicht nicht mehr zu , ihren Unflat zu bedecken . « - Schreibt der Großvater hierauf einen wunderschönen Brief über Religion und Politik , den ich nicht behalten hab , worin mir aber jedes Wort wie Gold klang , - er sagt : in einem