, Lebrun sei Schuld , daß der König seine schönen mythologischen Bilder für das Hotel Lambert nicht erlaubt hat , im Louvre auszustellen ? « » Ach , Madame , « seufzte Lesüeur leise - » Euer Gnaden sind so gut , daß Sie von der Bosheit der Menschen keine Vorstellung haben - der Herzog von Rochefaucault war ja schon völlig von der Einwilligung des Königs überzeugt , als er plötzlich über die ganze Sache schwieg und endlich die Achseln zuckte . Was konnte das Anderes bedeuten , als daß Seiner Gnaden mir den Grund verschweigen wollten ? « » Wie das nun aus der Luft gegriffen ist und eigentlich Nichts beweist ! « fuhr die Marschallin fort . » Der Herr Herzog kann ja so viel verschiedene Gründe gehabt haben , zu schweigen , wie Seiner Majestät , es abzuschlagen ! « » Ja , « sprach Lesüeur heftig , » aber le Beaume , der Kammerdiener Seiner Majestät , sagte mir , Lebrun habe an dem Tage eine Audienz bei dem Könige gehabt . Da wird Seiner Majestät ihn über den Werth der Bilder befragt haben , und Lebrun wird sie der Ehre unwerth erklärt haben , im Louvre ausgestellt zu werden . « » Nun , weiß Gott , « rief die Marschallin lachend , » wenn solch ' ein eigensinniger Künstler Recht haben will , dann wird ihm die gesunde Vernunft selbst dienstbar , seine tollen Behauptungen zu unterstützen ! Klingt es nicht , als ob er Recht hätte ? Und doch ist es nicht wahr , das möchte ich beschwören - Und ich will es heraus bekommen , verlaßt Euch darauf ! Und ist es so , schaffe ich Euch Genugthuung - der Gram soll nicht auch noch an Eurem Herzen nagen ! « » Ach , « rief Lesüeur , » es hat mein Herz so tief getroffen , daß Hilfe zu spät kommt , fürchte ich . Ich bin öffentlich lächerlich damit gemacht , verachtet und dem Hofe bloß gestellt . Denn schon hatte sich das Gerücht dieser Ehre verbreitet , und ich hatte Glückwünsche darüber empfangen . Wollte Gott , ich wäre weit weg von Paris ! Die Steine auf der Straße sehen mich an , und ich zittere , irgend wem zu begegnen , der mich kennt ! « - » In Wahrheit , Lesüeur , « erwiederte die Marschallin , als der kranke Künstler ermattet sich in seinem Stuhle zurücklehnte , und große Schweißtropfen seine Stirn bedeckten - » es wäre besser , Ihr verließet auf einige Zeit Paris ; und statt zu arbeiten , genösset Ihr etwas die Landluft , die Euch , trotz der vorgerückten Jahreszeit , bei der Milde dieses Winters zusagen würde . - Geht auf meinen Plan ein , und ich gebe dem Intendanten Befehl , auf meinem Schlosse Moncay Alles zu Eurem Empfange bereit zu halten . Dort gehet und fahret spazieren und begleitet die Jäger zur Jagd ! Ihr seid in Wahrheit krank und habt eine Krankheit , die Paris , das Louvre und Lebrun heißt , und die Ihr nur los werdet , wenn Ihr ihr entlauft ! « Lesüeur war tief bewegt - zu sehr , um seiner Stimme vertrauen zu können . Er arbeitete deshalb still fort , und wenn er den engelschönen Ausdruck von Louisens theilnehmenden Augen zu kopiren vermocht hätte , mußte dies Bild allein ihn unsterblich machen . Leonin aber fühlte sich bezaubert von dem Talente des Künstlers , und je mehr er sich überzeugte , Louise selbst in all ihrer Schönheit und Jugend und dem rührenden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor , um , entfernt von dem Originale , Jedem zu sagen , welch ' ein reizendes Wesen sie sei - je glühender fühlte er das Verlangen , so Fennimors Bild zu besitzen ; und die Hoffnung , auf diese Weise seiner Mutter einen vortheilhaften Eindruck zu geben , unterstützte immer entscheidender sein eigenes Verlangen . Belebt von diesem Zwecke , suchte er ein Gespräch mit Lesüeur einzuleiten und sein Vertrauen zu gewinnen ; auch war dies nicht schwer . Krankhaft reizbar , war er eben so empfänglich für eine edle Behandlung , der seine eigene Richtung vollkommen entgegen kam . Er zeigte eine feine , künstlerische Bildung , ein vollkommenes Studium der klassischen Kunst , und obwol er Frankreich nie , Paris kaum verlassen hatte , kannte er doch aus Kupferwerken und Copien die italienischen Schulen , betete Raphael als seinen Schutzheiligen an und glaubte vorzüglich in diesen letzten mythologischen Bildern die Erfolge seiner Studien dargethan zu haben . Als die Sitzung aufgehoben war , begleitete ihn Leonin und beredete ihn , sein Zimmer zu betreten , unter dem Vorwande , seine Equipage zu bestellen , um den sichtlich erschöpften Künstler nach Hause bringen zu lassen . - Hier kam er auf den Plan der Marschallin zurück , daß Lesüeur aufs Land gehen solle - und schlug ihm endlich vor , Ste . Roche statt Moncay zu wählen , und abwechselnd dem Umherschwärmen im Freien und einer Arbeit zu leben , die er ihm dort aufzutragen dächte . Lesüeur war hingerissen von Leonins Betragen - voll Sehnsucht , Paris zu verlassen . Das Portrait der Mademoiselle Louise war fertig - vorläufig hielt ihn Nichts - und ehe sie sich trennten , hatte Leonin sein Wort . Die Abreise des Kammerdieners ward einen Tag aufgeschoben , damit er Lesüeur mit aller Sorgfalt , die seine Gesundheit erforderte , nach Ste . Roche begleiten könnte . » Was Sie dort für Arbeit finden , wird Ihnen ein Brief mittheilen , den Sie unterwegs lesen werden , « setzte Leonin lächelnd hinzu - » seien Sie sicher , der Gegenstand wird Sie begeistern ! « In diesem Briefe verläugnete er Fennimor als seine Gemahlin nicht ; doch mit dem ausdrücklichen Verlangen , hierüber noch das größte Geheimniß zu bewahren . Erst , als er Alles zu dieser Reise bei seinem gewandten Kammerdiener eingeleitet hatte , fühlte er sich geneigt , zu seiner Mutter zurück zu kehren . Die Marschallin hatte seine Rückkehr nicht erwartet und war einen Moment unangenehm davon überrascht ; denn sie sah es ihm an , er bestand hartnäckig auf seinem Vorsatze , ihr Vertraun zu erzwingen ; und sie mußte Anderes ersinnen , ihn abzulenken . » Nun , mein Lieber , kommst Du jetzt , Dir gnädige Strafe von Deiner Mutter zu holen ? « rief sie ihm entgegen . » Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat , mir zu sagen , womit ich sie verschuldet habe , « rief er arglos - und von dem leisesten Lächeln dieses spröden Mundes wie bezaubert , setzte er sich , mit der größten Zärtlichkeit in Blick und Miene , an ihre Seite . » Nun , « sagte die Marschallin , mein Tadel wird nur die Bestätigung davon sein , daß Frankreich das vollkommenste Land der Erde ist ; daß man alle Länder , alle Höfe bereist haben kann , und doch an dem hiesigen Hofe als ein Neuling erscheinen und die Schule von Vorne durchmachen muß . Sie sah bei diesen Worten anscheinend ruhig vor sich nieder ; doch entging es ihr nicht , wie Leonin ' s Antlitz mit Purpur überzogen ward , und er die empfindlich glänzenden Augen unruhig auf und nieder schlug . » Ich bin bekümmert - lassen Sie mich hinzusetzen , erstaunt , zu erfahren , daß ich diese Betrachtung auf mich anwenden soll ! « erwiederte er endlich - » fremd habe ich mich allerdings bei Hofe noch gefühlt ; aber dies schien mir keine Verschuldung oder doch eine solche , die alle Andern gegen mich theilten . « » Das war es eben , mein Lieber ! Sie lassen sich imponiren - Sie zeigen keine Haltung - Sie sind nicht bei sich und reflektiren sich selbst - mit einem Worte , Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weise ! Ein Vornehmer , mein Lieber , muß nie in den Fall kommen , mit irgend Etwas fremd zu sein . Er muß überall mit ruhiger Gleichgültigkeit zu Hause scheinen - er muß mit sich selbst ein bestimmtes , von den Grazien des Anstandes gelehrtes Gefallen treiben , das ihm Unterhaltung und Beschäftigung gewährt und das Publikum zu ihm heranzieht , dessen Theilnahme er benöthigt ist . Sie müssen nie daran denken , sich dem Einen oder Andern anzuschließen . Sie , Sie selbst müssen da stehen , daß man sich an Sie anschließe ! Dazu gehört , daß Sie zu Anfange sich kalt in sich zurückziehen - daß Niemand erfahre , ob oder was für Meinung Sie haben , daß man sich Ihnen nähert , sie zu erfahren ; dann werden Sie Sicherheit bekommen , Ihre Meinungen auszusprechen , und diese müssen entscheidend , untrüglich und Alles überrennend sein . Sie müssen damit das Programm vertheilen , wie man sich gegen Sie zu verhalten hat , und in welcher Weise Sie sich verhalten wollen . Ob dabei Ihrerseits Irrthümer nachzuweisen sind , ist vorläufig gleichgültig - Irrthümer sind besser , wie Unsicherheit ; und stehen Sie erst fest und wollen Etwas ändern , so steht Ihnen dann das Recht zu , jede Laune einzuschalten . « Vielleicht war es Fennimor ' s guter Engel , der herbei eilte und mit seinen Thränen das neue Zeichen wegzuwischen trachtete ; denn Leonin fühlte es kalt über sein Herz gleiten , als er die Rolle vor sich entwickelt sah , die er hier lernen sollte , den Beifall seiner Mutter zu gewinnen . » Madame , « sagte er kalt , » ich fürchte , ich werde nie ein vornehmer Mann in Ihrem Sinne ! « » Das bilden Sie sich nur ein , mein Kind , « erwiederte die Marschallin unerschüttert - » Sie werden in kurzem einsehen , daß dies der einzige Weg ist , sich in der Masse hervorzuheben , daß es Alle so machen , die , wie Sie , einen vornehmen Namen zu behaupten haben ; und ich weiß sogar bestimmt , Sie werden diesen Weg gehn , ja , Sie würden ihn entdeckt haben ohne meinen Rath . Doch würde ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach gewesen sein ; auch hätte es eine kleine Verspätung veranlassen können , so daß man über Ihre Erscheinung abzuschließen Lust gehabt hätte ; und so Etwas ist nie wieder gut zu machen . « Obgleich Leonin mit seinem Betragen nicht zufrieden gewesen war , so lag dies , wenn auch zum Theil von seiner Eitelkeit angeregt , doch mehr in den Vorwürfen , die er sich machte , ihr mehr nachgegeben zu haben , als er seiner bessern Einsicht zugestehen durfte . Hier aber wurde er plötzlich aller Prädikate beraubt , die er mit angeborenem Standes-Stolze sich gesichert glaubte - und er versuchte vergeblich seine bessere menschliche Ueberzeugung gegen die Streiche , die sein Hochmuth empfing , zu Hülfe zu rufen . Die Marschallin behielt Zeit , fortzufahren : » Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen , einen Wechsel von Verbindlichkeit und Mißlaune in Ihren Mienen , Sie ließen sich ohne Wahl und Nachdenken bald Diesem , bald Jenem vorstellen - Herr von Fenelon ist bei weitem unter Ihrem Range , und ich habe Herrn von Dreux Vorwürfe gemacht , es zugelassen zu haben . Dem Könige haben Sie eine Theaterphrase geantwortet - die Erwiederung an Madame war ganz unüberlegt ; und dem Könige antwortet man überhaupt nie , ohne eine bestimmte Frage erhalten zu haben . Genug , mein Lieber - meine Absicht , Ihnen größere Freiheit , eine sicherere Haltung durch diese Reisen zu verschaffen , da Ihr Naturell etwas Zurücktretendes hat , scheint sich noch nicht zu bestätigen . Man könnte denken , Sie wären in der letzten Zeit in keiner guten Gesellschaft gewesen - wenigstens glaube ich sicher , unmittelbar aus der Gewöhnung dieses Hauses in unsere Zirkel übergehend , würde es Ihnen nicht an einer taktvolleren Haltung gefehlt haben ; - obwol ich gern zugeben will , daß der Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehörenden Umgebungen ganz geeignet ist , zu erschüttern und aus dem Gleise zu bringen . « » Ich habe hiervon in dem Maaße , wie Sie es voraussetzen , Nichts empfunden « - erwiederte Leonin und versuchte , seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende Stimme zu mäßigen . » Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen , wie dieser erste Versuch befürchten läßt , so ist es besser , ich folge meiner ohnehin stärkeren Neigung , mir selbst zu leben , und verlasse einen Schauplatz , dessen Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine ! « » Nun , wahrlich , « lachte die Marschallin hell auf - » ich freue mich , daß Sie nicht ganz das wilde Blut der Crecy verläugnen und bei der ersten kleinen Züchtigung Ihrer Eitelkeit gleich über die Leine schlagen und davon laufen wollen . Das ist mir lieb , und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter für angethane Beleidigung in die Schranken rufen , soll mich das nicht verdrießen . Eine Mutter ist so oft das Opfer ihrer Liebe für die Kinder ihres Herzens , daß sie selbst vor den Züchtigungen nicht zurückbeben darf , die diese Kinder ihr geben möchten . - Du zürnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter , Leonin ? « rief sie liebevoll scherzend und reichte ihm die Hand . Diese Art und Weise , von der größten Strenge und Härte plötzlich in die Zärtlichkeit einer Mutter überzugehn , war fast unwiderstehlich für Leonin . - Sein Herz fühlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlöst , das Blut floß wieder warm daraus hervor , und wenn seine Ueberzeugungen gegen ihre scharfen Geißelungen sich fest verhielten , wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt , als diese Weichheit hervortrat , die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen schien und ihn anregte , jede unsanfte Berührung von der zärtlich Hingegebenen abzuhalten . » O , meine Mutter , « rief er , ihre dargereichte Hand küssend , » wer könnte je Ihre ewig gleiche Liebe , Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen ? Vergeben Sie meine Aufwallung , die so natürlich ist bei der Befürchtung , Ihnen mißfallen zu haben ; doch lassen Sie mich hinzufügen , ich fürchte in Wahrheit und nicht aus Empfindlichkeit , wie es Ihnen eben schien , ich werde die Aufforderungen nie erfüllen können , die hier mit der Entäußerung unserer ganzen Ueberzeugung , an uns ergehen . « » Mein Kind , stelle Deine Ueberzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen Ansprüchen gemäß fest , so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nöthig haben . - Hierüber bist Du noch im Unklaren , daher entsteht der Widerspruch , der Dich reizt und den Du - von kleinen jugendlichen Phantasien abgezogen - nicht kräftig genug beseitigest . « » Nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien , meine Mutter ! « unterbrach sie hier Leonin hastiger , als sie es erwartet hatte - » worauf Sie hindeuten mit diesen Worten - es ist der ernste , heil ' ge Kern meines Lebens , den Sie mütterlich schützen müssen , wenn Sie Ihren Sohn glücklich sehen wollen ! « Er hoffte einen großen Schritt gethan zu haben ; er erwartete jetzt , sie werde ihm zu Hülfe kommen ihr endlich sein ganzes Verhältniß offen darlegen zu können ; aber die Marschallin zürnte sich und ihm , daß es so weit gekommen war , und dachte nur daran , ihn entweder zurückzudrängen oder seine Zuversicht zu erschüttern . Ehe sie indeß das Geeignete sagen konnte , sank Leonin , verführt von ihrem Stillschweigen , ihr zu Füßen . » Ich weiß , « - rief er , tief bewegt - » Sie erfuhren Alles ! Souvré hat Ihnen Nichts verschwiegen - er durfte es auch nicht ! Habe ich auch schnell , vielleicht voreilig gehandelt , so habe ich doch Nichts gethan , was mich verunehrt ; und das neue Verhältniß sichert mir Glück und die schönste Zukunft ! « Das Herz der Marschallin schwoll auf von Zorn . Sie mußte ihre Augen niederschlagen , um der Wichtigkeit dieser Mittheilung nicht Geltung zu verschaffen durch das Funkeln des Unwillens , dessen sie sich bewußt war . » Nehmen wir diese Sache , über die der Marquis de Souvré mir allerdings Einiges mitgetheilt hat , nicht zu wichtig , mein Sohn ! Es wäre besser gewesen , Du hättest es bei dem bewenden lassen , was ich darüber durch Souvré erfuhr . Es ist kein passender Gegenstand , um ihn mit Deiner Mutter zu verhandeln , die stets eine Frau von so reinen Sitten und so untadelhaftem weiblichem Gefühle war , daß sie selbst die Erzählungen von den Verirrungen ihres Geschlechtes in jenen niederen Ständen von sich abzuhalten wußte . Wenn ich gewünscht hätte , Deine Sitten auch in dieser Beziehung vollkommen rein erhalten zu sehen , so habe ich doch alle Schwächen einer Mutter , die nicht allein zum Verzeihen geneigt ist , sondern den Verführungen , die dazu hinlockten , gern einen bedeutenden Theil der Schuld beilegt . - Ich darf Dir übrigens den Trost geben , daß Dein Vater über diese Jugendthorheit gänzlich in Unkenntniß erhalten ward , und daß es uns auch gewiß leicht werden wird , ihn ferner darin zu bewahren . Seine ungemessene Heftigkeit würde , im Falle der Entdeckung , Dir und mir unangenehme Stunden machen . « So sehr Leonin sich auch mehrere Male bestrebte , die Worte seiner Mutter zu unterbrechen , so wollte ihm dies doch nicht gelingen , und er mußte den ganzen Inhalt ihrer Ansicht über sein Verhältniß erfahren , und damit den vollen Umfang seiner unglücklichen Stellung erkennen . » Um Gotteswillen , theure Mutter , in welchem Irrthume sind Sie über dies Verhältniß , daß Sie es so herabwürdigend bezeichnen können ! Hat man Ihnen denn nicht gesagt , welcher Heiligung es genießt - und wie es dadurch von jedem Makel der Unsittlichkeit befreit blieb ? « » Ich bitte Dich , mein Kind , « sagte die Marschallin , nach Fassung ringend , » erwähne die sonderbare Farce nicht , mit der Deine jugendliche Unerfahrenheit betrogen ward . - Obwol es empörend ist , kirchliche Formen , wenn es auch nur die unzureichenden jener Ketzersekte sind , da anzuwenden , wo selbst unsere heiligen Segnungen ihre Zulassung völlig ungesetzlich machten , so müssen wir jetzt doch Gott danken , daß weder Dein Alter , noch die Anwesenheit Deiner Aeltern den kleinsten Schein einer bindenden Verpflichtung auf diese unerlaubte Prophanie werfen können ; denn sie macht wenigstens ernstere Schritte unnöthig , Dir Deine Freiheit wieder zu geben . Doch bitte ich Dich , wenn Du jetzt daran denken wirst , diese Verhältnisse zu beseitigen , daß dies mit dem Anstande geschieht , den Personen so hohen Ranges auch bei solchen Abfindungen sich selbst schuldig sind . Du hast Vermögen genug , dies ausreichend auszuführen , und selbst meine Kasse würde Dir offen stehen . « » Nein , nein , ich ertrage es nicht ! « schrie Leonin hier wie im Wahnsinne auf . - » Hören Sie mich ! Um Gottes Willen , hören Sie mich , wenn Sie mich nicht tödten wollen ! Sie sind im Irrthume , in einem schrecklichen Irrthume ! Lassen Sie mich Ihnen Alles , Alles erzählen , und dann lassen Sie mich fort von hier , wo ich nimmer hinpassen werde , verworfen von Allem , was hier Geltung hat ! « - » Gemach , mein Sohn ! « unterbrach ihn die Marschallin - » Sie verfehlen den Ton mit mir ! - Mademoiselle Louise , stehen Sie auf und erinnern Sie Ihren Bruder , daß Sie gegenwärtig sind , und daß diese Unterredung aufhört , passend zu sein für Ihre Anwesenheit ! - Lassen Sie uns jede Erörterung vermeiden , da sie uns nothwendig verstimmen muß ! « - » O , das ist kein Wort für eine Angelegenheit , die mein Lebensglück bedingt ! - Theure Mutter , entziehen Sie sich mir nicht so ! - Louise , meine Schwester , bitte für Deinen Bruder , wenn Du ihn nicht unglücklich und zerfallen mit sich und allen seinen Lebensverhältnissen sehen willst ! « - Louise warf sich ihm laut weinend in die Arme und umschlang ihn , als wolle sie mit ihrer zarten Gestalt ihn decken gegen jeden Angriff auf sein Glück . » Sei ruhig , Leonin - Du wirst , Du kannst nicht unglücklich werden ! Nein , nein , unsere Mutter wird Dich schützen - retten ! « - » Können Sie es verantworten , solche Scene veranlaßt zu haben ? « sagte die Marschallin , sich unmuthig erhebend . - » Louise , Du vergißt , daß Dich Fräulein von Lesdiguères erwartet . « » Gehen Sie so nicht von mir ! « rief Leonin , die weinende Louise aus seinen Armen sanft in einen Stuhl setzend - » meine Ehre , meine Pflicht befiehlt mir , Sie um Gehör zu bitten ; denn der größte Theil Ihres Unwillens beruht auf Ihrer Unkenntniß . « » Heute nicht , mein Sohn , « rief die Marschallin plötzlich wie erschöpft - » ich fühle , ich bedarf der Ruhe - ich kann von Ihnen diese Schonung fordern ! « - » Befehlen Sie über mich ! Wenn Sie mir diese Unterredung nicht versagen und bis dahin Ihr Urtheil zurückhalten wollen , werde ich voll Geduld und Ehrfurcht abwarten , bis Sie sich geneigt fühlen , mich anzuhören . « Obwol die Marschallin hierauf nichts erwiederte , mußte Leonin schon ihr Schweigen für eine Gunst ansehen , woran eine leise Hoffnung zu knüpfen , ihm der einzige Trost war bei der entsetzlichen Niederlage , die er erfahren . - Aber diese Unterredung , deren Ansetzung er mit so viel Unruh ' erwartete , erfolgte nicht . Eine Anregung von seiner Seite mißglückte um so mehr , da sie anzudeuten wußte , wie sie den Gegenstand längst für erledigt hielte und für zu unbedeutend , um darauf zurück zu kommen . In eben dem Maaße ward der alte Marschall dringender mit einer von ihm lebhaft gewünschten Vermählung seines Sohnes ; und obwol die Marschallin die Grundsätze gern vor ihrem Sohne entfalten hörte , die seinen Hoffnungen tödtlich werden mußten , so wußte sie sich doch stets höchst geschickt das Ansehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und so in der Stille Leonin ' s Dank zu verdienen . Seine öffentlichen Verhältnisse hatten indeß ganz die Wendung genommen , die , seiner Eitelkeit zusagend , die Vorwürfe der Marschallin zu entkräften schienen . Täglich öffnete sich ihr Hotel für die ausgezeichnete Gesellschaft , die sie zu empfangen pflegte . Leonin war den Personen , aus denen der Hof bestand , bekannt geworden , und ohne daß er es gewahr wurde oder doch sich eingestehen wollte , war das Bild , das seine Mutter von einem vornehmen Manne entworfen hatte , in seine Phantasie übergegangen , und drückte sich nach und nach in seinen Formen aus . Er fühlte sich dabei wohler , den Verhältnissen gegenüber erleichtert , und nicht nachfragend , wohin dieser Weg ihn führen müsse , lebte er , wie der Augenblick es ihm bequem finden ließ . Endlich wurde große Cour und ein darauf folgendes Fest bei der Königin angekündigt , welche seit dem erwähnten Unfalle bei dem Hotel Biron sich unwohl gefühlt hatte , und ein Gegenstand der zartesten Aufmerksamkeit des Königs gewesen war . Man sprach zwar von dem Verhältnisse zur Lavallière , aber nur andeutend - und mit einer Schonung , die diesem Verhältnisse einen Karakter romantischer Empfindsamkeit - einen Grad von Ehrbarkeit verlieh , an dem die Gewalt zu erkennen war , die der König selbst über die feststehendsten Grundsätze auszuüben vermochte , die man aufhörte der gewöhnlichen Prüfung zu unterwerfen , wenn sein Wille sie gestaltete . Das demüthige und bescheidene Verhalten der Lavallière trug hierzu bei - sie war immer ablehnend gegen jede Auszeichnung und setzte die Geduld des Königs täglich auf Proben , die nur seine anbetende Liebe gegen sie überwand . Man sagte sich leise , sie würde bei dieser Cour zuerst als Herzogin erscheinen , wozu der König sie vor kurzem fast mit Gewalt erhoben hatte , die Ausstattung des Hotels Biron dieser Auszeichnung hinzufügend ; man wußte , daß die Königin von den Liebesbeweisen ihres Gemahls gerührt , ihre Einwilligung gegeben hatte , sie mit den ihr zustehenden Vorrechten als Herzogin zu empfangen . Diesem Schauspiele drängten sich nun die Hofleute , welche berechtigt waren bei der Königin zu erscheinen , in großer Anzahl entgegen , und es war kein kleines Geschäft , die Ordnung herzustellen , die Jedem den Platz anwies , den sein Rang erforderte . Der Marschall hatte sich gleichfalls herausgerissen , um wenigstens ein Mal den geliebten Sohn vor den Augen seines Königs zu sehen . Er war mit ihm vorangefahren , und die Marschallin und Louise , die ihnen folgten , noch nicht eingetroffen , als die voraneilenden Cavaliere erschienen und Anna von Oesterreich , die Mutter des Königs , verkündigten , welche unmittelbar darauf mit dem größten Pompe eintrat , von ihrem ganzen Hofstaate gefolgt . - Die Zeit seit dem Tode Mazarin ' s hatte die Eindrücke gemildert , die damals an ihren Anblick die gehässigsten Empfindungen knüpften . Die ungemeine Hochachtung , die kindliche Ehrfurcht , mit welcher der König seine Mutter behandelte , ließen keinem Andern eine Wahl seines Verhaltens . Anna von Oesterreich , welcher es nicht an feinem Verstande fehlte , und deren unglückliche und ungewöhnliche Verhältnisse , als Gattin Ludwigs des Dreizehnten , Entschuldigungen zuließen , wußte jetzt eine so würdevolle Stellung zu behaupten , daß sie bei allen Angelegenheiten ihrer Kinder , wie die des Hofes , einen wirklich mütterlichen Rang einnahm und ihnen zur Ausgleichung ihrer Streitigkeiten auf verständige Weise behilflich war . Auch jetzt hatte sie die Königin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de Lavallière beredet , und die edle , sanfte und zärtlich liebende Maria Theresia hatte den neuen Schmerz zu bekämpfen gesucht , immer hoffend , so sich den König dereinst zurück zu führen . - Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur Königin voran , diese durch ihren Zuspruch und ihre Gegenwart zu stützen . Sie begrüßte deshalb die zahlreiche Versammlung nur vorübergehend ; als sie aber den Marschall Crecy-Chabanne erblickte , dessen auffallende Erscheinung nicht leicht übersehn werden konnte , blieb sie stehen und nickte ihm wohlwollend zu . » Das ist brav , Marschall , daß ich Euch hier am Hofe eben so in den vordersten Reihen finde , als früher in der Schlacht ! « rief sie mit starker , herzlich klingender Stimme und näherte sich ihm ; aber längst vom Vater weg auf Leonin blickend , dessen jugendliche Schönheit dies vollkommen rechtfertigte . » Doch habt Ihr auch , wie ich sehe , eine Stütze mit Euch geführt , die ausreichen wird , wenn Ihr ermüdet . - Ich heiße Euch willkommen , junger Mann ! Man sagt mir , Ihr seid nicht umsonst gereist , Ihr habt Euren Verstand entwickelt ; das ist zu loben und wird nie von Seiner Majestät dem König übersehen - auch ich werde mich dessen erinnern . « » Lassen Euer Majestät ihn sich empfohlen sein ! « rief der Marschall , seiner alten Herrin gegenüber hoch erfreut - » ich hoffe , er soll den Namen nicht verunehren , den Eure Majestät so oft ausgezeichnet haben . « » Ja , ja , Marschall , wir haben viel zusammen Rath gehalten , « fuhr die Königin fort , angenehm durch ihn an ihre Regentschaft und Macht erinnert - » und immer wart Ihr ein Brausekopf , der , den Degen in der Hand , die Scheide weg warf - dafür suchtet Ihr sie aber auch nicht früher wieder , als Eurer Königin Recht geschah . « - » Wer durfte auch das Glück , Euer Majestät dienen zu können , anders ehren ? War doch das gute Recht immer auf unserer Seite . « - » So war es ! « erwiederte Anna , » und ich verstand es Euch zu lohnen , nicht wahr ? Das eigne , liebste Hoffräulein , Mademoiselle Soubise , mußte Euch die Brautkrone flechten . « - » Euer Majestät wußten immer vollkommen richtig , so wichtige Angelegenheiten zu leiten . Ich denke die Namen unserer gleich alten Häuser haben sich stets gut nebeneinander ausgenommen , und ich war stolz darauf , sagen zu können : diese Wahl hat meine Königin selbst getroffen ! « - » Ja , « lachte Anna von Oesterreich , » wir hielten etwas auf unsern Marschall ! Und fast habe ich Lust , bei dem Sohne fortzusetzen , was mir bei dem Vater so gut gelungen . Wie ist es , junger Mann - ich hoffe , Ihr seht die Schönheiten unseres Hofes nicht als kalter Zuschauer ? « - » Wer könnte an diesem Hofe kalter Zuschauer bleiben , da jeder Tag uns eine neue erhabene Vereinigung unvergänglicher Schönheit und edler Geistesbildung darbietet ? Zu den Interessen des eignen Herzens behält hier Niemand Zeit ! « - » So ! « erwiederte die Königin , nicht anstehend , diese schnell hervorgebrachte Antwort als einen Tribut für sich anzunehmen - » nun , dann will ich schon für Euch Zeit finden und die Wahl besorgen ! « Leonin schwieg - der Marschall aber sprach seine Freude , sein Entzücken so laut aus , daß die Königin , über den alten Kriegshelden wohlgefällig lachend , ihn verließ und in die inneren Gemächer verschwand . Das Ende dieser Scene hatte die Marschallin , die an Louisens Seite indessen die Zimmer erreicht hatte , mit angehört , und auf ihrem Platze gefesselt , konnte sie nicht allein beobachten , sondern behielt auch Zeit