Dies hat sich in der letzten Zeit verloren . Der stille Mann scheint aus seinen eigenen Charakter herausgejagt zu sein . Unser schneller Entschluß , gereift durch Gleichmuth ' s Lebensgeschichte und das plötzliche Erscheinen Burton ' s , wird ihm unbequem . Ein Durchkreuzen seiner Pläne muß für ihn darin liegen und dies stößt sein stilles Brüten zu einem hastigen Thun . Könnte ich nur ermitteln , was er bezweckt , wohin er zielt und wem sein geheimnißvolles Begehren gilt ! Du kennst meine Abneigung gegen Mardochai , die freilich vielleicht mehr eine Geburt der Furcht , als der Verachtung ist . Aber ich entsetze mich nun einmal vor diesem Menschen , weil ich begriffen habe , was eine misbrauchte geistige Kraft für entsetzliche Frevel begehen kann , wenn sie die Vergangenheit sich zum Leiter erwählt für die Gegenwart . Und gerade mit diesem Menschen verkehrt Bardeloh jetzt mehr als sonst . Er weiß , daß ich den Juden nicht leiden mag , daß ich sogar im geheim ihn beaufsichtige , und dennoch läßt er unverhohlen seine Vorliebe zu ihm durchblicken . Mardochai besucht fast jeden Abend meinen seltsamen Gastfreund . Eingeschlossen in Richard ' s Kabinet verkehren sie bis tief in die Nacht hinein mit einander , und Niemand erfährt , was sie sinnen und träumen . Ich fürchte aber , es wird das Erwachen entsetzlich genug sein , denn gestern Mittag sagte Bardeloh ganz unaufgefordert mit einem unbeschreiblichen Lächeln : » Nun bin ich bald fertig mit meiner Doctrin des Hasses , in etwa vier Wochen will ich eine Probevorstellung geben . « Ich stutzte , auch Rosalie zeigte einige Ueberraschung und Felix lag mit kindischer Neugier dem Vater um das Wie ? an und bat , ihn ja dabei nicht zu vergessen . Richard schien erschrocken über sich selbst , wußte sich aber bald zu fassen und versetzte auf das Bitten seines Sohnes : » dazu kann Rath werden , liebes Kind . Vielleicht darfst Du Dich ganz besonders eigenen , eine Hauptrolle bei der Probe zu übernehmen . « » Das wäre prächtig ! « rief Felix aus . » Das Schauspielern habe ich immer geliebt . Ich wollte meine Rolle gewiß recht gut auswendig lernen . Gib mir sie nur bei Zeiten , Vater . « » Zu gehöriger Zeit , « versetzte Bardeloh und lenkte das Gespräch auf andere Gegenstände . Eine unbezwingbare Unruhe trieb mich fort . Ich ging zu Gleichmuth , um von ihm zu erfahren , was er etwa selbst wissen konnte . Ich erzählte dem Pastor Bardeloh ' s Aeußerung , erwähnte seines häufigen Verkehrs mit dem Juden und der Besorgnisse , die ich daran zu knüpfen mich bewegen fühlte . » Lassen Sie geschehen , was immer will , « versetzte Gleichmuth . » Dies allein kann hier oder dort zum Ziele führen . Nur kein eigenmächtiges Eingreifen in das Handeln Anderer ! Es steht jeder Einzelne in der Hand der Weltgeschichte , die ihn führt und leitet , und die Gerechtigkeit fällt so von selbst aus dem Conflict der verschiedensten Handlungen heraus , daß es wahnsinnig sein würde , wollte hier Dieser oder Jener hemmend oder beschleunigend eingreifen . Ich ahne Bardeloh ' s Thun , aber ich werde kein Thor sein und es verrathen . Es ist gut , weil es der Nothwendigkeit , der Krisis der Zeitbewegung , angehört . « All mein ferneres Experimentiren blieb vergeblich . Der Pastor schwieg hartnäckig über dieses Thema und sprach von seiner Geschichte der Heiligen . » Diese Arbeit , « sagte er , » wird meinem Namen dereinst Renomée verschaffen bei den Deutschen . Darüber vergißt man sogar mein Leben . O , es ist gar nicht so übel , mit wissenschaftlichem Charpie die Wunden seines zerschlagenen , geistigen Lebens sauber zu verstopfen ! « Wich verdrossen die ausweichenden Antworten des Pastors . Aergerlich besuchte ich Sara , die noch immer auf ihrem süßen Wahne beharrt . Das Kind erbarmt mich und doch kenne ich kein Mittel , es zu heilen . Wäre Mardochai ein Anderer , so wäre dem Mädchen schnell geholfen ; ich kann aber diesem stolzen Rachegeist nicht die Schuhriemen lösen . Härte gebiert Härte , und müßte Sara , dieser Engel der Unschuld , als Sühnopfer fallen für viele , himmelschreiende Frevel , es könnte mich nicht bewegen auch nur ein heimliches Wort dem Juden zu gönnen . Die Liebe plaudert gern aus , Sara verrieth mir , was sie wußte von dem Thun ihres geheimnißvollen Vaters . » Du glaubst es gar nicht , « sagte das liebe Kind , » wie beschäftigt der Vater jetzt ist . Alle Tage kommen eine große , große Menge von Deinen Brüdern zu ihm , um zum großen Firmelungsfeste oder wie sie ' s sonst heißen , blanke Schmucksachen zu kaufen . Und der Vater ist so freundlich dabei und so gut ! Du solltest ihn nur sehen , wie glücklich er lächelt und wie er manchmal ein Stück Geld wieder zurückgibt . Alle Christen handeln gern mit meinem Vater , das magst Du glauben ! - Letzthin kamen auch die Kleinhändler wieder , um zum Feste ihre Einkäufe zu machen . « - » Was verkauft ihnen denn Dein Vater , « fiel ich der Schwätzerin in ' s Wort . » Alles , was sie gern haben und brauchen : kleine Marienbilder , Heiligenscheine , Kruzifixe und solche Korallenbänder , wie Ihr sie tragt , wenn Ihr betet . « - » Nun ja , « fuhr sie fort , wenn nun erst die Fastnacht herankommt , dann soll ' s groß hergehen , sagt mir der Vater . Es wird ein großer Aufzug geschehen und recht viel Scherz dabei getrieben werden . Der Vater ist ganz glücklich darüber und rennt von früh bis in die Nacht hinein , daß er oft ganz ermattet zurückkommt . Wenn ich ihn dann liebkosend den Schweiß von der bleichen Stirn trockne , spricht er : laß das , Sara ! Es geschieht Alles zur Ehre unseres Gottes . Wir werden bald frei sein . Ich verstehe ihn aber nicht ; denn so hat er schon oftmals gesprochen und ich habe doch hinterher nie eine Aenderung wahrnehmen können . Dies und Anderes erzählte mir Sara . Meine Neugier stieg mit dem Verdacht , welchen ich seit dem Tage gegen Mardochai hegte , wo er mich und Oskar in sein Waarenmagazin führte . Was die Unschuld des Mädchens nicht ahnte , das errieth der Argwohn meiner Furcht . Ich witterte irgend einen neuen Streich in der ausgesucht pikanten Manier , wie sie Mardochai bereits zur Genüge bewiesen hat . Möglichst bald verließ ich das holde Kind des Morgenlandes , diesmal weniger aufgelegt , mich seinen liebenden Tändeleien zu überlassen , als gewöhnlich . Ich eilte nach Hause . Schon von fern bemerkte ich in Bardeloh ' s Cabinet den falben Schimmer , den die künstlich bereitete Spiritusflamme gegen die Fenster strahlte . Behutsam schlich ich die Treppe hinan - der Argwohn macht den Besten zum Schurken - Niemand begegnete mir , ich kam glücklich an des Mönches Zimmer vorbei , den ich harmlos mit Felix plaudern hörte . Auch Casimir ' s Stimme klang von der andern Seite herüber . Er declamirte ein Bruchstück aus seinem colossalen Werke : » Besuch Gottes in der Hölle , « mit Donnerstimme , in die sich oft ein helles Gelächter mischte , ich weiß nicht , ob aus Freude über das Gedichtete oder aus Verachtung über die Zeit , die es möglich machen kann , solchen genialen Wahnsinn zu Tage zu fördern . Vor Bardeloh ' s Zimmerthür stand ich einige Secunden lauschend . Es war um die Zeit , wo der Jude gewöhnlich kommt . Sein Klopfen hatte ich ihm längst abgehorcht . Mit heuchlerischem Finger berührte ich die Thür , Bardeloh rief laut sein » herein ! « Ich folgte dem Rufe , der Mantel verhüllte mein Gesicht , den Hut hatte ich in die Augen gedrückt . Ehe noch Bardeloh ahnen konnte , wer ihn störte , war ich eingetreten , hatte rasch die Thür hinter mir verriegelt und stand mitten im Zimmer . Bardeloh saß am Pult . Der geheimnißvolle Wandschrank war geöffnet . Eine Pyramide von zehn Todtenköpfen grinste mich schauerlich daraus an . Aus dem obersten brannte eine blendende Gasflamme und verbreitete Tageshelle rings umher . Im Hintergrunde der Nische lagen eine sehr große Menge Maskenanzüge , Larven , falsche Haare , darunter lange Locken , wie sie die Altdeutschen trugen oder der Kopf des Johannes abgebildet wird , kurz ein ganzer Theatertrödel . Nur wenige Augenblicke waren mir zum Ueberschauen dieser Dinge vergönnt . Bardeloh kam auf mich zu und rief ein » guten Abend , Mardochai , « als er seinen Irrthum erkannte und mit zitternder Lippe verstummte . Ich war gefaßt auf einen bittern Gruß und hatte mich deshalb mit Gründen hinlänglich gewaffnet . Allein die Tiefe von Bardeloh ' s Leidenschaftlichkeit hatte ich nicht mit eingerechnet in meinen Plan . Kaum wußte er , wer sich unberufen zu ihm geschlichen hatte , als er mit Blitzesschnelle einen Dolch ergriff , deren eine große Anzahl die Todtenschädelpyramide wie ein Wald spanischer Reiter umhegten , eben so geschwind die Tapetenthür zudrückte und mich mit riesenstarker Faust so unversehens erfaßte , daß ich dem Grimm des Beleidigten erlag . Der Mantel hinderte mich an der Gegenwehr , ich taumelte , niedergehalten von Richard , auf die Ottomane , Bardeloh stämmte sein Knie gegen meine Brust und setzte mir mit wildem Blick den Dolch darauf . » Sind Sie des Lebens so überdrüssig , « raunte er mir leise murmelnd zu , » daß Sie mit Gewalt es verscherzen wollen ? Wer hieß Sie eindringen in mein Heiligthum zu einer Zeit , wo Sie wissen , daß nur Einer erscheinen darf ? « » Ich bin ein Christ , « stammelte ich . » Ein Schurke sind Sie , « rief Bardeloh und drückte heftiger den scharfen Stahl gegen meine Brust , » und es wäre am Ende wohlgethan von mir , wenn ich Ihnen augenblicklich jedes fernere Schleichen und Lauschen verbitterte . Was wollen Sie ? « » Warnen . « » Vor wem ? « » Vor Unrecht und Wahnwitz . « » Blöder Thor ! « versetzte Richard und ließ ab von mir . » Spricht der Mensch , als käme er erst hinter dem Großvaterstuhl hervor . Sind Sie denn umsonst ein halbes Jahr bei mir gewesen ? « » Um einen Mord schön zu finden , allerdings ! « versetzte ich . » Auch glaube ich in sofern auf unbedingtes Vertrauen Anspruch zu haben , als ich noch nicht Handel trieb weder mit dem Geiste des Christen- noch Juden- noch Menschenthums . Ich lebte blos der Freiheit und war bemüht , Sie zu eben diesem Leben herüber zu ziehen . « » Und was soll dies Alles hier und eben jetzt ? « » Es soll Ihnen die Augen öffnen . Hören Sie mich , « fuhr ich eifriger und warmer fort , » und achten Sie das Wort eines Christen wenigstens eben so hoch , als die schlaue Rede eines zweideutigen Juden . Mardochai ist ein großer Geist , aber kein edler Mensch . Mardochai lebt blos der Rache ! « » Glauben Sie mir denn damit etwas Neues zu sagen ? « » Nicht im Allgemeinen , wol aber im Speciellen . « » So reden Sie ! « » Mardochai , « fuhr ich fort , » sinnt auf irgend eine That , womit er der großen Menge öffentlich Anstoß geben kann , wie er dies schon früher in der Stille gethan hat . Erinnern Sie sich an Gleichmuth ' s Manuscript ! « » Ich habe ein sehr gutes Gedächtniß , lieber Sigismund . Was haben Sie sonst noch entdeckt ? « » Ist das Gesagte nicht genug ? Oder wollen Sie etwa auch ein bloßes Werkzeug der Rache werden in der Hand des Juden ? « Ein verächtliches Lächeln spielte um Bardeloh ' s Mund . » Dieser Sorge hätten Sie sich doch wol entschlagen können , « erwiederte er . » Mich äfft kein Mensch , nur der Zeit könnte es gelingen , durch einen schnellen Umschwung meine Berechnungen zu vernichten . Darüber würde ich mich aber freuen . Ich weiß , was ich will , Sigismund , weiß , was der Jude treibt und bin einig mit ihm . Und nun , Lieber , schweigen Sie still und stören Sie nicht meine festgezogenen Kreise . Gehen Sie nach Amerika , wenn Sie zu feig sind , auszuhalten bis zum letzten Athemzuge in unserm hilfsbedürftigen Vaterlande . Der Starke versucht Alles , bevor er Alles aufgibt . Das ist mein Glaubensbekenntniß , dem sich das Mardochai ' s anschließt , obgleich dieser Mann des Schicksals nicht nur die Gegenwart zu berichtigen , sondern auch noch die Vergangenheit zu sühnen hat . Gehen Sie , ich höre ihn kommen . Sie werden es noch erleben , daß ich kein Feigling bin , noch weniger ein Betrogener . Gehen Sie ! Ihre Gegenwart wäre überflüssig bei unsern Verhandlungen , weil Sie wol die Zeit begreifen , aber noch lange nicht ihre unendlichen Schmerzen in sich durchgelebt haben . « Fast gewaltsam drängte mich der räthselhafte Mann fort . An der Thür begegnete ich dem Juden . Ich war froh , als die Unheimlichen meinen Blicken entschwanden . - So scheitert an der unerbittlichen Hartnäckigkeit dieses Mannes jeder Versuch , ihn zu stillem , besonnenen Handeln zu nöthigen , in dem ich , wie nun eben die Zeit vorliegt , doch das einzige sichere Heil erblicke , so wenig auch mein eigenes Naturell sich mit langsamem Umhertasten vereinbaren läßt . Gern will ich zugestehen , daß es beleidigend ist für einen reifen Geist , immer nur die Feinde siegen zu sehen , aber wo hinaus mit dem Sturm und Drange , selbst , wenn er nur heimlich sich austobt ? Die Betrachtung der Welt hat Bardeloh auf den Punkt getrieben , wo er selbst des Sohnes nicht mehr schonen würde , wollte er sich ihm - und sei es aus wahrhaftiger Güte - widersetzen . Dies muß unglücklich enden ! Denn ein solches Erfassen der Umstände ist selbst schon ein fertiges Unglück , das nur in sich selbst hinein seine Thränen weint . Wahrhaftige Männlichkeit vermag ich nicht zu erblicken in solchem Thun . Auch muthige Ausdauer liegt nicht im Harren und Hoffen , wo eben jedes Hoffen ein bloßes Morden des heiligsten Gedankenlebens ist ! Darin kann ich nicht stimmen mit Bardeloh . Was er bei mir Feigheit nennt , das halte ich für rüstige Kraft , seine Kraft aber ist krankhaft und wird , bricht sie aus , nur verwüstend , gleich einer Pest , Alles um sie her ergreifen . Raimund , mir graut vor dem Grimm des starken , europamüden Mannes ! Drei Tage später . Ein Brief des Amerikaners aus Paris meldet mir seine Zurückkunft in etwa vierzehn Tagen . Burton hat ganz Frankreich durchstreift und sich längere Zeit an den wichtigsten Orten aufgehalten , um die Sitten und den Willen des Volkes kennen zu lernen . Mit großen Erwartungen trat der Mann die Reise an , und arm daran kehrt er zurück . Burton hat sich bitter getäuscht gefunden , nur wenig Hoffnung ist ihm geblieben . » Die Franzosen von heut , « schreibt er mir , » sind nicht mehr die Franzosen von 1789 . Der Heldenmuth ist zum Speculanten geworden , der nur nach Pfunden die Freiheit abwiegt . Das Volk scheint mir gegenwärtig sehr erschlafft zu sein und wird es täglich mehr durch den scheinbaren Wohlstand , den die Klugheit Philipps der Hauptstadt zu geben weiß . Jammer und Elend aber nisten im Innern der Provinzen . Ein Anblick , wie ihn Lyon bietet , war mir neu , obwol ich die Welt kenne und gewohnt bin an Schreckensscenen . Das war ein schweigender Schrecken , der mir in dieser Stadt begegnete , und ich wundere mich nur wie der lebhafte Geist des Volks diesen Jammer so geduldig erträgt . Solche Armuth ist kein Zeichen der Freiheit , denn wo wahre Freiheit wohnt , da verhungert Niemand.- - - Die Politik behandeln die Franzosen gegenwärtig wie eine Boulevard-Liebschaft . Sie ist ihre Grisette , sie müssen mit ihr tändeln und wär ' s auch blos zum Zeitvertreib während des Frühstück ' s. Aber wohin ist der republikanische Ernst , der in den Zeiten der Revolution mit Blitz und Donner die Welt erschütterte ? Schauspiele und Gassenemeuten , gleich dazu eingerichtet , um sie am nächsten Tage im Guckkasten für einen lumpigen Sou dem Pöbel zu zeigen ; das sind die schmachvollen Vergnügungen der großen Nation . - O , wohin ist es gekommen mit den blühenden Hoffnungen der Julisonne von 1830 ! - Oder wäre auch dies blos eine allgemeine St. Simonistische Liebschaft des ganzen Volkes gewesen ? Es scheint beinahe so , und mein Argwohn , der nie viel Gutes hoffen konnte von dieser dreitägigen Farce in der europäischen Weltgeschichte , steigert sich , je länger ich den Geist des Volkes erforsche . Zwar lebt noch die alte Lust , die alte Hoffnung in diesem Geschlecht , aber sie liegt verschleiert unter einer merkwürdigen Apathie , die mir eine völlig neue Erscheinung bleibt an den Franzosen . Eine recht eclatante Dummheit könnte sie wol wieder zur Vernunft bringen , oder irgend ein vielversprechender Krieg . Nur mit der Industrie allein ist den Franzosen nicht geholfen , überhaupt dem ganzen Europa nicht . Der europäischen Freiheit fehlt es noch immer an dem allseitig Beglückenden , doch , hoffe ich , wird ihr auch dies mit der Zeit zu Theil . Gegenwärtig läßt sich aber auf nichts mit Gewißheit bauen . Wer darauf warten will , kann zu Grunde gehen und als ein gutmüthiger Narr der Zeit sterben . Mir wird mächtig bange in Europa , und ich fange an einzusehen , daß die Jugend nicht Unrecht hat , wenn sie eine schönere Gestaltung der Zustände herbeiwünscht , oder sich offen und frei als müde dieses Daseins erklärt . Bitter beklage ich , daß ein so mächtig schönes Land dem Zorn , ich weiß nicht welchen Geistes , erliegen muß . Und doch kann ich immer noch nicht an den Untergang glauben . Es ist gewiß nur eine Krisis , die vielleicht bald vorübergeht . Dann wird sich der alte Welttheil wieder erheben in seiner ganzen Pracht , und eine Art Instinct lehrt mich fürchten für mein schönes Vaterland . Denn schwerlich erhält sich Amerika ' s Freiheit so lange , als Europa ' s Kampf um dieselbe . Und tritt irgend wie einmal ein neuer Umschwung ein , dann erfolgt eben so schnell auch wieder eine neue Völkerwanderung . Ueberhaupt glaube ich , das Wandern der Völker wird permanent werden . Sollte dies wirklich geschehen , dann wäre aller Welt geholfen , denn nur im Wandel liegt die unerschütterliche Stätigkeit aller Freiheit . « - - - So schreibt mir Burton . Ich enthalte mich aller Anmerkungen . Du magst sie selbst machen , wenn Du glaubst , es bedürfe deren . Jedenfalls ist es interessant , die Ansicht eines freien Amerikaners über Europa ' s gegenwärtige Lage und seine etwaige Zukunft zu vernehmen . Ein Brief ist kein Buch , aber doch der unmittelbare Abdruck eines tiefen augenblicklichen Empfindens . Und darin liegt immer eine große Wahrheit , die man nie ganz unberücksichtigt lassen sollte . - Hier dauern die geheimen Machinationen fort . Ich habe es aufgegeben , Bardeloh zu gewinnen , suche aber Rosaliens Mismuth durch stäten Hinweis auf die rettende Zukunft zu verscheuchen . Eine Art Instinct läßt mich ein merkwürdiges Vertrauen auf meine Worte setzen , das vielleicht nur Ergebniß der Sicherheit ist , die sich jetzt meines nächsten Lebens bemächtigt hat . Man kann sich nie genaue Rechenschaft ablegen über das heimliche Spiel der Seele mit Ruhe und Unruhe . Ueberdies glaube ich wirklich , Rosalie wird mich mit Auguste und den Andern begleiten . Bis zum Mai ist es ja noch lange hin ! Seit Bardeloh so bestimmt fast jeden Verkehr mit mir abgebrochen hat , macht es mir ein peinigendes Vergnügen mich etwas angelegentlicher mit Casimir , Eduard und Friedrich zu beschäftigen . Das ist ein Triumvirat , wie es wol nicht gleich wieder zusammentreten möchte . - Casimir wird zu Grunde gehen ! Das fühle ich tief und schmerzlich , aber er kann nicht ausdauern in unserer Zeit , selbst nicht in Amerika . Es gibt eine Art des geistigen Versinkens in geniale Tollheiten , das fast eben so widerlich ist , als ein sinnlich-thierisches Verschlammen . Sobald sich ein Mensch heraus nimmt , mit dem Geist der Weltgeschichte ( Gott mag ich hier nicht sagen ) » Kämmerchen vermiethen « zu spielen und dabei unanständige Geberden zu machen , wahnsinnige Fratzen zu schneiden , so schüttelt er die Menschheit freiwillig ab . Hat er Glück bei diesem Manöver , so wird er ein großartiges Vieh ! Höher aber kann er es nicht bringen . Auf diesem Punkt ist Casimir angekommen . In ihm waltet eigentlich nichts wahrhaft Heiliges mehr , nur einzelne Funken , die sich vom rein Göttlichen etwa noch in ihm herumtreiben , blitzen zuweilen durch die scheußliche Nacht seines chaotisch gewordenen Geistes . Das ist kein Wahnsinn , auch nicht Blödsinn , es ist die Brunst eines Genies , das geil geworden ist in unerlaubt raffinirten Schöpfergedanken . Casimir ' s Geist - erlaube den etwas starken Ausdruck - meckert sich selbst an , wie ein brünstiger Bock - kann dabei etwas Anderes herauskommen , als das pure Nichts ? Eine geistige Schöpfung Casimir ' s ist eine Zote , die aussieht , als hätte sie die ungezähmte Geistigkeit , oder die schaffende Natur gerissen , in einem Augenblicke , wo die ordnende Kraft sich von ihr entfernte . Und auf diese geniale Seelenraserei bildet sich der ideenbesoffene Mensch noch etwas ein ! Seinen » Besuch Gottes in der Hölle , eine Tragödie mit umgekehrten Lettern , « wie er das Ding nennt , hält er für das größte Product , was je geboren worden ist . Das confuseste , vielleicht auch das wahnsinnigst genialste mag es unbedingt sein , aber nur kein Kunstwerk , nur nicht schön ! Es ist das Häßlichste , was ich kenne , es kann die Grundzüge entwerfen helfen zu einer wissenschaftlich scharfsinnigen Lehre vom Häßlichen . - Und das Ding will Bardeloh drucken lassen ! » Es muß in die Welt , « sagt der starre Mann , » damit Europa sieht , was aus ihm werden kann , wenn eben nichts aus ihm wird . « - Das ist sehr witzig von Richard und um diesen Preis muß man dem tollen Treiben schon billiger zusehen . Vielleicht bewege ich Casimir zur Mittheilung seiner Schöpfung . Dann sollst Du sie späterhin erhalten , und wäre es mir auch erst möglich , Dir sie von Amerika aus zuzusenden . Dabei zeigt sich Casimir ruhiger als früher . Nur seine Redeweise bleibt dieselbe auch , wenn er Sara besucht , die den widerlichen Menschen immer gewogener wird . Oder läge es wirklich in der Natur der Unschuld , daß sie so etwas ganz außer allem Gewohnten Stehendes anziehend finden könnte , und darin nur das Gewaltsame der Natürlichkeit erblickte , nicht das Monströse der Carikatur , hervorgerufen durch den Gegensatz , der in der Verfeinerung der Zeit zu Tage liegt ? Es muß doch irgend so etwas sein . Ich treffe ihn öfters bei der schönen Jüdin und halte dann Gespräche mit ihm , die ich lebensgern von irgend einem Geheimschreiber nachgeschrieben wünschte . Denn das Wenige , was sich etwa im Gedächtniß davon aufbewahren läßt , ist doch kaum nennenswerth . Zuweilen kommt auch noch Friedrich dazu , der jedoch nie spricht , wenn er nicht mit Gewalt dazu aufgefordert wird . Er spielt uns wunderliche Tänze , Serenaden , Jammeriaden und andere Dinge vor und weiß manchmal auf eine merkwürdig passende Weise unsere Gedanken zu accompagniren . Casimir erbarmt mich . Dieser Mensch , so ganz abgestorben dem Leben der Zeit , für das er in dem Sinne von uns Modernen durchaus keine Sympathie hat , fühlt doch das Bedürfniß , sich anzuschließen . Er hat von jeher Alles unter die Füße getreten und sich dadurch innerlich mit aller Welt verfeindet . Leidenschaft und Verachtung , selbst der Natur , ließen ihn ausschweifen über die Gebühr und am Ende auch den reinen Genuß verachten . Nun aber rächt sich die Sehnsucht darnach und die naive Natürlichkeit in Sara ' s Wesen hat einen Eindruck auf ihn gemacht , der , wie die Ahnung der Liebe , sein theilnahmloses Gemüth gefangen hält . Casimir wird unwiderstehlich hingezogen zu Mardochai ' s Tochter und würde vielleicht Erhörung finden , wäre er minder Cyniker und Mardochai nicht Sara ' s Vater ! Ich begreife nicht , wie sich hier irgend ein dauerndes Verhältniß gestalten soll . Und so oft ich auch diese geschiedenen Naturen betrachte , und von Mitgefühl hingerissen , beide verbunden wünschte , so oft zerreißt Friedrich ' s parodirendes Spiel immer von neuem wieder das fertige Netz meiner Entwürfe . Neben diesen Beiden rumort Eduard auch wieder nach seiner Weise . Der Mensch wird jetzt von Tag zu Tag beredter und mag es gern leiden , wenn wir ihn häufig besuchen . Die gesunde Vernunft geht in einem Tollen eigentlich nicht unter , sie verpuppt sich nur . Eduard spricht vernünftig , wenn man die Wortmaskerade , die er dabei aufzuführen sich erlaubt , durchschauen kann . Solche toll gewordene Narren sind die Schalksnarren des Himmels , ihnen steht es gar wohl an , die entsetzlichsten Dinge auszusprechen , ohne daß sich die ehrsame Hausbürgerlichkeit der Tugend die Schürze vor die Augen zu halten braucht . Ein Narr spricht immer noch anständig , wenn ein Mensch mit gesunden fünf Sinnen bereits als ein gemeiner Strick von aller Welt geflohen werden müßte . Das ist die göttliche Grobheit des Narrenthums , die allein unangefochten bleibt in Europa . Es lebe die Narrheit , hoch ! Stimme mit ein , Raimund , es geht mir recht warm von Herzen . Abermals hoch die Narrheit , und nochmals hoch ! - 16. An Ferdinand . Den 29. Januar 18 - Du erhältst in der Beilage die nöthigen Briefe , um meine Angelegenheiten zu ordnen . Aengstige Dich nicht , Lieber ! Es ist nothwendig , daß man streng wird gegen sich selbst . Den Brief an meinen Vater gibst Du erst ab , wenn Du definitiv den letzten von mir erhalten haben wirst . In einem Vierteljahre ist auch dies geschehen . Dann zeige Dich würdig Deiner Stellung und mache Deinem Amte Ehre , wenn es nöthig sein sollte ! Mein Vater wird des Trostes bedürfen . Mich schmerzt schon jetzt sein Kummer , aber ich kann nicht anders . Dieser Gram ist unerläßlich und muß sich noch hunderttausend Mal wiederholen , wenn Europa gerettet werden soll . Die übrigen kleinen Zettel gib nach ihren verschiedenen Adressen ab . Du kannst Dir Zeit nehmen , da es nicht eilt . Gestern ist Burton zurückgekommen von Paris . So wenig Muthlosigkeit in dem Charakter eines ächten Amerikaners liegt , so niedergeschlagen erschien mir doch dieser freie , starke Mann . Dies erst kann uns lehren , wie gewaltsam die Schwäche eines Erdtheils auch den Tüchtigsten zu erlahmen im Stande ist . Ich hatte mich über den Grund von Burton ' s Mismuth nicht geirrt . Ein Gespräch , das ich heut morgen mit ihm hielt , bewies mir dies . Seine Worte bestätigten jede Zeile seines Briefes . » Machen Sie sich bereit , « sagte er zu mir , » denn wir müssen reisen , sobald als möglich . Hier breche ich in mir selbst zusammen , weil Alles gehemmt ist . Ihr habt ja nicht den Willen , glücklich zu werden . Wie könnt Ihr da leben und wirken ! Nichts wundert mich mehr , als die Zähigkeit , wodurch Ihr das fröhliche Schaffen einer freien Natur manchmal klug genug zu ersetzen wißt . Für mich taugt dies nichts , auch Sie werden ohnmächtig dabei , oder zum Schurken . Sammeln Sie also , was Sie bedürfen . Wer uns begleiten will , schließe vorläufig ab mit der alten Welt . Ich habe nach Rotterdam geschrieben , wo man mir die Führung eines Schiffes anvertrauen wird . Ich erwarte nur bestimmte Antwort , um alsdann sogleich in See zu stechen . « Unverzüglich setzte ich Auguste davon in Kenntniß . Meine eigenen Angelegenheiten sind bereits ziemlich in Ordnung gebracht . Am meisten Kummer verursacht mir Rosaliens Trauer über die Hartnäckigkeit Bardeloh ' s. Nochmals haben wir alle vereint ihn gebeten , er solle sich losreißen von seinem Vaterlande , das ihm ja doch nichts gibt , als Qualen und Schmerzen , aber dieser Mann hat ein Herz von kaltem Marmor , oder geht noch mit etwas Großem schwanger in seinem düstern Geiste . Bald werde ich fast daran glauben , wenn ich seine abgerissen hingeworfenen Worte zusammenstelle , sein geschäftiges , aber geheimes Thun betrachte und des häufigen Verkehrs mit dem Juden gedenke . Casimir will thun , was ihm einfallen wird , Eduard kann nicht ohne Bardeloh ' s Einwilligung fortgebracht werden , und Friedrich ist so eng an Mardochai gekettet , daß es grausam wäre , ihn aus dem gewohnten Kreise herauszureißen . So muß ich beinahe völlig unthätig dem Zufall Alles anheim stellen . Die Aufmerksamkeit der Bewohner richtet sich jetzt übrigens ausschließlich auf den nahe bevorstehenden Carneval . Bardeloh hat , wie gewöhnlich , bei den Anordnungen der Festlichkeiten eine Charge und betreibt diese Spielereien mit einer seltsamen Ernsthaftigkeit . Mehre angesehene Männer kommen zu ihm