, immer noch den Finger auf die rosigen Lippen gedrückt . Sie athmete schwerer , eine Thräne glänzte in dem großen dunkeln Auge , aber sie blieb stumm wie das Grab , bis sie an die Stelle gelangt waren , wo sie Richard seiner eignen Führung überlassen wollte ; hier wandte sie sich plötzlich gegen ihn , und sah lächelnd unter Thränen ihn an . Hat Zoë es recht gemacht ? hat sie Dein Auge nicht erblicken lassen , was jedem Andern verborgen blieb ? fragte sie ; doch ich sollte Dich schelten , setzte sie mit aufgehobenem Finger drohend hinzu . Du , so groß , so alt ! so klug , und so ungeschickt ! Hat die Fürstin Dich nicht gehört ? und als sie aufgeschreckt an der Glasthüre vorübereilte , Dich sogar gesehen ? Was Du eben gethan weiß ich nicht , aber sie hat darüber geweint , glaube ich ; wenigstens sehen ihre Augen so aus . Und ich soll dergleichen mich nicht wieder unterfangen , gebietet sie , sonst - Dir aber sendet sie einen guten Morgen , und dazu den freundlichsten Dank , dafür , daß Du so bescheiden Dich betragen hast . Und das ist ihr für Dich noch nicht einmal genug ! Auch dieses soll ich Dir noch geben : zum Andenken an heute , sagt sie . Mit diesen Worten reichte Zoë ihm ein frisches weißes Lilienblatt aus dem Strauße auf dem Altare , und war verschwunden . Ein Schreiben von Mitchells Hand , welches Richard in seiner Wohnung vorfand , entriß ihn leider nur zu bald dem kurzen Vergessen , das nach so vielen peinlich verlebten Tagen einige Rast ihm gewährt hatte . Er versank von Neuem in jene dumpfe Verworrenheit , jene immer und ewig nach einem Auswege vergeblich suchende Unentschlossenheit , mit einem Worte , in jene innere Hölle , die er ohne eigentliches Verschulden mit sich herum tragen mußte . Auch dieser Brief enthielt in den ersten Zeilen die Nachricht , daß Mitchell im Begriffe stehe den Fürsten Andreas auf einer Reise nach Riga , vielleicht noch weiter , vielleicht sogar bis Memel zu begleiten . Die Veranlassung zu dieser Reise war persönliche Besorgung sowohl des Ausladens , als des weiteren Transports mehrerer aus England angekommener Modelle , Spinn- und Dampfmaschinen , neu erfundenen Ackergeräthes und ähnlicher Gegenstände , welche Mitchell auf des Fürsten Verlangen , mit großen Kosten und Überwindung bedeutender Schwierigkeiten , aus England hatte kommen lassen . Er bedauerte übrigens sehr , die Zeit seiner Ankunft in einer jener beiden Städte nicht im Voraus bestimmen zu können , da er und sein Reisegefährte Willens wären , unterwegs einige in der Nähe liegende Mühlen und andre Anstalten und Baulichkeiten zu besuchen . Endlich ermahnte er seinen sehr geehrten Landsmann und Freund , sich des Gegenstandes ihres letzten Gesprächs zu erinnern , denselben ja nicht aus den Augen zu verlieren , und dabei der strengsten Verschwiegenheit , wie auch der größten Vorsicht sich zu befleißigen . Der treffliche Mann schloß mit der ziemlich selbstsüchtigen Bemerkung , daß das Anerbieten dieser Reise ihm zwiefach willkommen gewesen wäre , weil , selbst wenn etwa während der Dauer derselben jener gefürchtete Sturm losbrechen sollte , er unter dem Schutze seines mächtigen und vornehmen Reisegefährten sich für vollkommen gesichert halten dürfe . So war denn Alles dem Unglücklichen unter den Händen entschwunden , woran er seine letzte Hoffnung zu knüpfen gewagt hatte ! Den Fürsten einholen zu können , war reine Unmöglichkeit , jeder Gedanke seine Hülfe in Anspruch zu nehmen , wirklicher Wahnsinn . Und ohnedem , durfte , konnte Richard in dieser gefahrvollen Zeit von Helena und ihrer Mutter sich entfernen ? In all seiner überirdischen Glorie trat noch einmal das Bild der betenden Helena ihm vor die Seele ; er meinte vor Mitleid mit ihr , und auch mit sich selbst zu vergehen ; dennoch trachtete er jedes entnervende Gefühl zu überwinden , denn er fühlte es unläugbar , daß die ganze Last , die er auf Andreas zu übertragen Willens gewesen war , jetzt auf ihn allein zurückgefallen sei ; jeder unnütz vergeudete Augenblick Zeit konnte die entsetzlichsten Folgen nach sich ziehen . Unter Todesqualen hätte er sein Herzblut freudig vergießen mögen , wenn damit jene Gräuel von ihr hätten abgewendet werden können ; von ihr , die er seit jener letzten herzerhebenden Stunde inniger als jemals , gleich einer Heiligen verehrte . Untergang , Schmach , Schande drohten ihr und ihrem Hause , drohten Allem , was nur in irgend einer Beziehung ihr theuer war , und Helena in ihrer kindlichen Arglosigkeit ging , ohne eine Ahnung davon zu haben , dem Unheil lächelnd entgegen , das innerhalb weniger Tage über sie hereinbrechen konnte ! O könnte ich aus einem Leben flüchten , das in so drohender Gestalt sich vor mir ausbreitet ! Dürfte ich ins stille Grab mich betten , und nichts von Allem erfahren , was auf der schweren , über mich hingebreiteten Decke sich ereignen mag ! seufzte Richard . Doch diesen einzigen Ausweg aus aller Qual zu wählen , war ihm versagt : er durfte nicht zugleich mit dem Leben die schwere Verantwortlichkeit abwerfen , die jetzt auf ihm lastete ! Möglichst ruhig und besonnen bemühte er sich nochmals die ganze Lage der Dinge zu überdenken , zu ordnen , zusammenzustellen , was zusammen gehörte . Noch war nichts geschehen , noch stand es bei ihm das Geheimniß , das er im Gasthofe zum weißen Kreuz erlauscht hatte , zu verschweigen , zu vergessen , gänzlich zu ignoriren . Niemand konnte auf den Gedanken verfallen , daß er darum wisse ; es stand in seiner Macht jene Beiden ihr Vorhaben ungehindert ausführen zu lassen , und zu erwarten , was daraus erfolge . Dieser Erfolg - er ließ im Voraus sich berechnen ; das geheiligte Leben des Kaisers blieb erhalten , abgewendet war unsäglicher Jammer , Tod und Verderben von Millionen . Und Fürst Andreas war verloren , vernichtet ! Vernichtet er und sein ganzes Haus , Eugen , Alex , und sie , die edle fürstliche Frau , welche die mit ihrer Existenz am innigsten verzweigten Vorurtheile ihrer Kaste überwunden hatte , um ihm eine liebendere Mutter zu werden , als die es war , an welche die Natur bei seiner Geburt ihn gewiesen . Ach und Helena ! Kann ich , ohne vor Grauen vor mir selbst zu vergehen , einen solchen Gedanken nur denken , während die Möglichkeit , sie Alle zu retten , in meiner Hand liegt ? rief Richard laut . Eine einzige kurze Unterredung mit Pestel , und Alles bleibt wie es war , fuhr er gelassner fort . Jene Beiden fallen zwar als Opfer ihres Wankelmuths . Doch sie und ihr Geschick wiegen zu leicht , um hier in die Wage zu kommen . Hier Bedenken tragen , hier Rücksicht nehmen zu wollen , wäre schreiendes Unrecht gegen das große Ganze , das allein auf diesem Wege erhalten werden kann . Erhalten ! erhalten ! schrie er heftig auf : blöder , kurzsichtiger Thor ! was bliebe erhalten , wo Pestel und seine Kreaturen freies Spiel haben ! Dann erst , dann gewinnen Mord und Gewalt die Oberhand , dann erst geht Alles unter , Kaiser und Ordnung und Gesetz in einem Meere von Blut , in wilder Flamme rasender Anarchie . Sie wären zwar gerettet . Doch um welchen Preis ! Erschöpft schwieg Richard eine Weile ; dann sprach er tief bewegt zu sich selbst : Und bin ich denn wirklich zu dieser gräßlichen Wahl berufen ? Mußte ich auf jener fernen Insel in Dunkel und Niedrigkeit geboren werden , um hier über das Wohl und Wehe , über die Erhaltung und den Untergang eines großen Reichs , eines mächtigen Monarchen zu entscheiden ? Ist dem so ? Herr der Himmel ! nun so erleuchte du dein armes Geschöpf , zeige ihm den Weg , den es gehen soll ! Meine Wohlthäter , sie die mir mehr sind , als Vater und Mutter seit meiner Geburt mir gewesen ! und Helena ! Alles kann beendet werden ohne mich , muß ich , muß ich Schwacher hier thätig einschreiten ? Wenn nun Krankheit mein Gedächtniß verwirrt hätte , oder wenn ich in jener Unglücksstunde jene Beiden nie vernommen hätte ? Dann würde ich ruhig dasitzen und sagen : komme was kommen mag , ich kann es nicht ändern . Der Bund wäre vernichtet , alles wäre gerettet . Nur sie nicht ! und die Ihrigen nicht , und es ist dem nicht so ! O Gott ! Gott ! ist denn bei dir kein Erbarmen mehr ? Wirst du nicht durch ein Wunder das vollkommenste Bild von dir retten , das jemals aus deiner Schöpferhand hervorging ? Unbeschreibliche Angst verwirrte Richards Gedanken ; wieder war es ihm unmöglich sie auf einem Punkte festzuhalten . Rettung ! Rettung für sie ! o Herr des Himmels , das Wunder ! das Wunder ! rief er überlaut , rang die Hände sich blutig , warf sich nieder zum Gebete , sprang auf , irrte blindlings mit großen weiten Schritten im Zimmer auf und ab . Dann rief er wieder , in halbem Wahnsinne seiner selbst nicht mehr bewußt : Rettung ! das Wunder ! du thust deren täglich , eins mehr eins weniger , gilt dir gleich . Gott , gnädiger , allgewaltiger Gott ! flehte er mit herzdurchdringender Inbrunst , indem er wieder zu einiger Besinnung gelangte : heute , als du deine Sonne aufgehen ließest über Gute und Böse , heute noch stieg das Gebet des reinsten Wesens auf dieser Welt zu dir auf , o verwirf es nicht vor deinem Throne ! Sie betete für ihre Eltern , für den Kaiser - und auch für mich ! Du bist allmächtig und gerecht und allbarmherzig , du mußt , du wirst ihr Gebet erhören , das wortarme Gebet , aus kindlich vertrauendem Gemüthe . Das Wunder ! das Wunder ! übe es an mir ! erleuchte meinen blöden Sinn , gieb mir ins Herz , was ich thun soll . So schrie der unselig Verzweifelnde zum Himmel auf , bis zur peinlichsten Erschöpfung . Regungslos , in sich selbst versunken , lag er da , lange , lange . Ein zitternder , halberstickter Ton , man könnte es beinahe ein Aufschreien nennen , entrang plötzlich sich seiner Brust . Er fuhr auf , rieb mit der flachen Hand sich Stirn und Augen , gleich einem aus tiefem Schlafe Erwachenden , der sich zu besinnen sucht , ob das was ihn eben quälte , Traum oder Wirklichkeit sei . Allmälig trat jetzt die seltsamste Veränderung seiner Haltung , seines ganzen Wesens ein . Er richtete aus der bisherigen gedrückten Stellung sich auf , die Brust hob sich hoch und frei in raschen Athemzügen ; frische Lebensröthe färbte das bis dahin aschenbleiche Gesicht , innere Gluth lang entfremdet gebliebener Begeisterung flammte in seinen Augen auf . Sinnend schritt Richard einige Male im Zimmer auf und ab . Ich erflehte ein Wunder , und siehe es ist mir geworden ; es geschehen deren täglich , nur wir erkennen sie nicht . Sie recht benutzen , kostet freilich zuweilen einen etwas hohen Preis ; doch hier gilt kein Markten ; ein bittres Lächeln umkräuselte , kaum merkbar , seine Lippen , indem er diese Worte halb leise vor sich hinsprach . Dann fuhr er wieder einige Male mit der flachen Hand sich über Stirn und Augen , als wolle er sich ihm aufdrängende unangenehme Gefühle oder Gedanken von sich wegscheuchen , und setzte sich an den Schreibtisch . Jede Spur früherer wilder Aufregung war von ihm gewichen , sein Benehmen war ernst und gefaßt , wie das eines Mannes , der Wichtiges , ja selbst sehr Schweres zu vollbringen hat , aber alles bedenkend und überlegend , entschlossen und muthig an das Unvermeidliche geht , ohne sich , von was es immer sei , abschrecken zu lassen . Die Gelehrten unter uns wissen die Entfernung der hoch über unsern Häuptern wandelnden Gestirne zu ermessen ; sie berechnen , viele Jahrhunderte im Voraus , die Bahn des Kometen , sie ergründen die Tiefen der Meeresklüfte ; doch wer ergründete jemals die weit furchtbareren Tiefen in einer Menschenbrust ? Dort schlummern Gedanken ; gleich den Furien der Alten ruhen sie unter dünner Decke , lauschen unbeweglich , oft so lange als das Herz schlägt , als das Leben in unsern Adern pulsirt , und gehen dann mit uns ins Grab . Aber ein Hauch ruft zuweilen sie auch wach ; wehe dann dem Unseligen , in dessen Brust ein solcher ersteht ! Er ergreift ihn mit eiserner Gewalt , und läßt ihn nicht los , bis er ihn fortgerissen hat zu unerhörter That , gut oder böse , wie die Umstände es verlangen . Denn der Gedanke ist die höchste Gewalt , der Tyrann , der mächtigste Gebieter des kurzen schwachen Menschenlebens , bei ihm gilt kein Entrinnen . Unerwartet , gleich dem aus dunkler Nacht blendend auftauchenden Meteore , leuchtet er plötzlich in uns auf , und wird der Keim zu Begebenheiten , welche die Nachwelt , preisend oder verdammend , gleichviel , oft nach Jahrhunderten noch bewundernd anstaunt ! Ein solcher Gedankenblitz war es , an welchem die Fackel des noch immer als berühmt anerkannten Mordbrenners Herostrat vor Jahrtausenden sich entzündete ; aber auch die heilige Gluth zu schwerer That begeisternder Vaterlandsliebe , in der Brust der im Vaterhause still und einfach auferwachsenen Charlotte Corday , die sie trieb den Dolch zu erfassen , und ihr Kraft gab , dem Tode in seiner grauenvollsten Gestalt muthig entgegen zu gehen . Verloren ist , ich wiederhole es , verloren der , in dessen Brust ein solcher Gedanke erwacht , er kommt nie davon los , bis er ihn ausgeführt . Es ist die alte in tausend Abänderungen sich wiederholende Geschichte vom kleinen Vogel und dem Zauber im Blicke der Klapperschlange . Auch Richard war in diesem Augenblicke jener unsichtbaren Macht verfallen , die oft zum Großen und Rechten , oft aber auch zum Gegentheile führt . Die peinigende Ungewißheit war plötzlich von ihm gewichen , die gebietende Stimme in seiner Brust bezeichnete ihm deutlich den Weg den er einzuschlagen hatte , und für ihn gab es keine Wahl mehr ! Groß war die Freude , mit welcher Richard noch im Verlaufe des nämlichen Tages im Hause des Kapellmeisters Lange empfangen wurde . Zwar hatte er seit längerer Zeit die Schwelle seiner musikalischen Freunde nicht überschritten , und wir , meine Leser und ich , können gar leicht eine gültige Entschuldigung dafür finden ; doch Richard bedurfte hier einer solchen nicht ; es lag nicht in ihrer Art , durch Furcht vor verdienten oder unverdienten Vorwürfen ihren , zuweilen etwas flatterhaft sich zeigenden Freunden , die Rückkehr zu ihnen zu erschweren . Spät kommt Ihr , Doch Ihr kommt , Graf Isolani ! rief Frau Karoline sehr freundlich ihm entgegen . Heute doch nur um mit einem Auftrage Ihnen lästig zu werden , an dessen pünktlicher und sorgsamer Ausführung zu viel gelegen ist , als daß ich sie andern Händen als den Ihrigen anvertrauen möchte . Der gemessne feierliche Ton , in welchem Richard diese Worte vorbrachte , fiel seinen Freunden auf , beide sahen forschend ihm in ' s Gesicht . Sie sind krank gewesen , rief Lange , Sie haben Verdruß gehabt , rief mit ihrem Manne zugleich Frau Karoline . Eigentlich beides , eins folgte aus dem andern ; doch das ist nun überstanden , bis auf eine ziemlich angreifende Nachkur , von der man freilich im Voraus nicht genau wissen kann , wie sie anschlägt , erwiederte Richard . Der Kapellmeister drückte recht herzlich besorgt ihm die Hand , Frau Karoline schüttelte sehr bedenklich den Kopf ; Richard fuhr indessen halb leise vor sich hinmurmelnd und an den Fingern abzählend fort : Heute wäre also der vierte Tag . Schon ! schon ! o wie die Zeit im Galopp geht ! Heute Dienstag der vierte , morgen Mittwoch der dritte , Donnerstag - ja Donnerstag , Freitag wäre schon zu spät . Lieben Freunde , blickt nicht so angstvoll auf mich : sprach er , mit lauter Stimme , anscheinend ruhig weiter ; die Ausführung dessen was ich von Ihnen verlangen will , ist weder schwer noch gefährlich , doch Vorsicht , Treue , vor allem strenge Pünktlichkeit , sind dabei unerläßlich . Und wo wären diese sicherer zu finden , als bei einem so tactfesten und gerechten Manne , der selbst dem kleinsten vierundsechszig Theilchen im schnellsten Tempo sein ihm gebührendes Recht widerfahren läßt , setzte er hinzu , und klopfte lächelnd dem Kapellmeister auf die Achsel . Doch weder auf diesen noch auf Frau Karolinen schien dieser Versuch heiter zu erscheinen den gewünschten Eindruck zu machen ; beide erwiederten ihn nur mit Versicherungen ihrer Bereitwilligkeit jeden seiner Wünsche zu erfüllen . Richard zog jetzt zwei versiegelte Briefchen hervor : es gilt nur diese beiden Billette an die Adresse abzugeben , und dafür zu sorgen , daß sie zur rechten Zeit in die rechten Hände gelangen : sprach er etwas kurz abgebrochen und beklommen . Ich bitte Sie inständigst , merken Sie alle beide recht genau auf meine Worte ! Heute Dienstag , morgen Mittwoch - diese beiden Tage bleiben diese Briefe in Ihrer sichern Verwahrung liegen , wenn ich nicht selbst , schriftlich oder persönlich , sie wieder zurück fordere . Doch übermorgen , übermorgen ist Donnerstag ! - der Donnerstag ist wunderlich ; heißt es nicht so in einem alten Sprüchlein ? - nun dieser , den ich meine , ist wohl einer der wunderlichsten , sprach Richard seltsam lächelnd , doch nahm er bald wieder sich zusammen : was ich schwatze sind Kinderpossen , alte Reminiszenzen , achten Sie nicht darauf , es gehört nicht hierher , und kann sie nur verwirren . Jetzt zur Sache ; diese beiden Briefe bleiben heute in ihren Händen , morgen ebenfalls , doch Donnerstag , übermorgen ! Nun auch übermorgen bewahren Sie sie sorgfältig , bis zur Mittagsstunde . Mit dem Schlage zwölf Uhr suchen Sie - Sie Selbst , lieber Lange , Sie selbst suchen die Person auf , welche die Adresse dieses Billets Ihnen bezeichnet , und geben es zu eignen Händen ihr ab . Wo er auch immer sei , Sie suchen ihn auf ; ist er nicht zu finden , so erwarten Sie seine Zuhausekunft in seiner Wohnung . Nur daß keine Zeit versäumt werde , nur daß der Brief gewiß übermorgen im Laufe des Tages in seine Hände kommt . Ist dieses vollbracht , so entsiegeln Sie sogleich dieses zweite unbeschriebene Couvert ; wie Sie mit dem in demselben befindlichen Briefe zu verfahren haben , wird ein demselben beigeschlossner Zettel Ihnen sagen . Dies ist Alles , alles was ich von Ihnen erbitte , anscheinend wenig , und doch so viel . An Obrist Pestel ! rief Karoline sehr erstaunt , indem sie die Adresse des einen der Briefe in ' s Auge faßte . Was können Sie mit dem zu verhandeln haben ? fragte eben so ihr Mann . Kennen Sie den Obrist Pestel ? fragte Richard sehr lebhaft . Nicht viel mehr als blos vom Ansehn : war Langes Antwort : ich zweifle ob wir jemals in unserm Leben mehr als ein paar Dutzend Worte mit einander gewechselt haben . Ich konnte mir aber nicht vorstellen , daß Obrist Pestel zu Herrn Richard Woods näheren Freunden sich zählen dürfe : setzte er etwas scharf betonend hinzu . Das ist auch wahrlich nicht der Fall ! rief Richard . Das konnte ich erwarten , und doch freut mich es von Ihnen zu hören : erwiederte der Kapellmeister ; die Wahrheit zu gestehen , der Herr Obrist sind mir zuwider , wie eine falsche Quinte ; sehe ich ihn nur , so fährt es mir durch Mark und Bein . Sie blicken so ernst , so wunderbar , was gilts , ich habe es errathen , Sie wollen sich mit ihm schlagen , und mein Alter soll ihm die Ausforderung bringen : rief plötzlich Frau Karoline . Der Kapellmeister brach in ein überlautes Lachen aus , vor dem das Haus erbebte . Die Troddelmütze flog von einem Ohre zum andern , er drehte sich auf einem Beine herum , und krähte vor Wohlbehagen . Nein , das ist Goldes werth ! rief er : von mir wäre man am Ende dergleichen wohl gewohnt , aber hier von meiner kleinen Weisheit Salomonis ! ein Officier wird einen alten Exkapellmeister zum Secundanten gegen einen andern Officier sich erwählen ! Alte , das war ein starkes Stück von Dir ! nein , da versteh ' ich den Comment doch noch besser ! Auch Frau Karoline lachte herzlich auf . O meine Freunde , möge doch bald der Tag erscheinen , an dem ich leichteren Muthes mit Ihnen froh sein darf ! seufzte Richard ! Übrigens hat Frau Karoline in der Hauptsache es doch halb und halb errathen . Dieses Papier enthält zwar keine Ausforderung , und doch - gehe ich in dieser Stunde noch einem schweren Kampfe entgegen ; einem Kampfe der - wollte Gott , es ginge nur um Leben oder Tod . Lassen Sie Ihre guten Wünsche mich begleiten ! Mit diesen Worten eilte Richard hastig davon , kehrte an der Thüre zurück , um seine Anordnung wegen der Billette noch einmal in aller Kürze zu wiederholen , und entfernte sich , ohne daß seine Freunde es wagten ihn aufhalten zu wollen . Dies wäre alles ? Weitere Bedingungen hätten Sie nicht ? fragte der Minister , Fürst * * * * * am Ende einer langen Audienz unter vier Augen , die er dem ihm persönlich wohlbekannten Richard auf dessen Anhalten sogleich zugestanden hatte . Sicherheit des Lebens und der Freiheit , ungestörter Fortbesitz des Vermögens und der Güter jener Familie , vor allem des Oberhauptes derselben , sind alles was ich verlange : erwiederte Richard , ehrerbietig aber fest . Und wenn ich , im Namen Seiner Majestät des Kaisers , diese Ihnen zugestehe , so sind Sie bereit von der , Ihrer Aussage nach , durch einen großen Theil dieses Reiches ausgebreiteten , höchst gefährlichen Verschwörung mir genauen Bericht abzustatten , und zugleich ein Verzeichniß der Haupttheilnehmer an derselben einzureichen ? fragte der Minister weiter . Gegen das von Ihnen im Namen unsres Monarchen mir ausdrücklich und feierlich geleistete Versprechen der Erfüllung dieser Bedingung , bin ich bereit genauen Bericht von der Verschwörung , nebst der Liste der vornehmsten Theilnehmer an derselben zu überreichen , muß aber darauf bestehen , daß beides sofort , und möglichst schnell , im Original in die Hände unsres Monarchen gelange . Sie scheinen Ihre eigne Stellung aus den Augen zu verlieren , sonst zeigten Sie sich wahrscheinlich weniger kühn : sprach der Fürst . Ich bin kühn , weil ich furchtlos bin : war Richards Antwort . Sie selbst sind einer der Verschwornen ? Richard antwortete auf diese Frage nur durch ein stumm bejahendes Zeichen . Die Verschwörung besteht schon jahrelang , wie ich von Ihnen zu vernehmen glaube . Eidbruch ist ein harter Entschluß . Was konnte nach so langer Zeit Sie vermögen ihn zu fassen ? Richard wurde über diese Frage feuerroth , dann wieder todtenbleich ; er bedurfte einige Augenblicke Zeit , um sich zu erholen . Darüber habe ich nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft abzulegen , erwiederte er endlich ehrerbietig aber bestimmt . Eine kurze Pause erfolgte . Doch wie stünde es um Ihre Bedingung , wenn ich Sie jetzt hier festhielte , während ich in Ihrer Wohnung Ihre Papiere in Beschlag nehmen ließe ? Hier sind meine Schlüssel , sprach Richard , indem er sie dem Minister darbot , der sie aber nicht annahm : jede Untersuchung wäre indessen überflüßig , und könnte nur unbefriedigend ausfallen , indem ich über diesen Gegenstand dem Papiere keine Zeile anvertraute , die nicht allenfalls gedruckt erscheinen könnte . Mein eigentliches Archiv trage ich in Kopf und Herzen . Und dieses Archiv - es gäbe wohl Mittel zu dem Inhalte desselben zu gelangen : erwiederte der Minister streng und scharf . In diesem Falle giebt es nur eines , die Gewährung der von mir vorgeschlagenen Bedingung ; denn wer Todesfurcht nicht kennt , kennt auch keinen Zwang , antwortete Richard . Und doch ! Sie müssen mir zugeben , daß Sie in einem ziemlich verdächtigen Lichte erscheinen ; was könnte mich abhalten Sie deshalb hier auf der Stelle verhaften zu lassen , und , ohne auf irgend eine Bedingung einzugehen , mich der Liste der Verschworenen und des Berichtes über die Verschwörung zu bemächtigen ? Mein Fürst ! rief Richard und fuhr betroffen einige Schritte zurück , doch faßte er sehr bald sich wieder . Verzeihung , sprach er , daß ich durch diese ganz unerwarteten Worte mich überraschen ließ : erschrecken konnten sie mich nicht ! Bericht und Liste liegen , unzugänglich jeder menschlichen Gewalt , ebenfalls auch in meinem vorhin erwähnten Archive , sprach er lächelnd ; ich erwarte nur Ihren Befehl , um sie hier an ' s Licht treten zu lassen . Und für sich verlangen Sie gar nichts ? machen keinen Anspruch auf wohl verdiente Belohnung ? Wenn mein Kaiser und mein Wohlthäter durch mich dem Untergange entgehen , was bliebe mir da noch zu wünschen ? erwiederte Richard , etwas vorschnell . Hm ! sprach der Minister vor sich hin , ist es so ? jetzt fange ich an den Zusammenhang besser zu begreifen . Sie haben , wie Klugheit und Vorsicht es gebieten , auf alle Fälle sich vorgesehen , sprach er zu Richard gewendet , weit freundlicher als vorhin ; dieses kann in der guten Meinung mich nur bestärken , die ich , seit ich in der Familie des Fürsten Andreas Sie kennen lernte , von Ihnen gefaßt habe . Verargen Sie dagegen den Anschein von Mißtrauen mir nicht , den ich wider Willen annehmen mußte , um den mannigfaltig complicirten Pflichten zu genügen , welche die Gnade des Kaisers mir auferlegt hat ; setzte er verbindlich hinzu . Beide , der Minister und Richard , wurden jetzt sehr schnell , und zu gegenseitiger Zufriedenheit mit einander einig . Mit aller dazu gehörigen Formalität legte der Minister , im Namen seines Kaisers , das von ihm verlangte unverbrüchliche Versprechen in Richards Hände nieder , der seinerseits , ohne fernere Bedenklichkeit , auch seine Verpflichtung erfüllte . Ein beifälliges Lächeln glitt über des Ministers feingeformte Lippen hin , indem er die ihm überreichte Liste der bedeutendsten Mitglieder der Verschwörung schnell mit den Augen durchlief . Der also ist es ! rief er , und wies auf den Namen des Fürsten Andreas : und ich habe in meiner Vermuthung mich nicht geirrt . Gestern noch hätte ich Alles was ich besitze für die Unmöglichkeit dessen eingesetzt , wovon ich hier den Beweis in der Hand halte ! Wer mag alle die Abwege im Voraus berechnen , auf welche wir im Laufe des Lebens gerathen mögen ! setzte er mit trübem Ernste hinzu . Ein einziges in Ihrem Eifer von Ihnen nicht genugsam überlegtes Wort verrieth mir vorhin dieses Geheimniß ; fing der Minister nach kurzem Schweigen wieder an : jede Spur von Mißtrauen , das Sie , wenn Sie einen Augenblick in meine große Verantwortlichkeit sich hineindenken wollen , nicht ganz ungerecht finden werden , wurde durch diese Entdeckung beseitigt . Ich kenne den ganzen Umfang Ihrer Verbindlichkeit gegen jene Familie , ich begreife welche edleren Motive Sie zu dem Schritte bestimmten , den Sie jetzt thun , und alles was bis dahin mir an Ihnen zweideutig erschien , und erscheinen mußte , gewinnt nun eine andere Gestalt . Nochmals verpfände ich freiwillig Ihnen mein Ehrenwort , Sie sollen in mir sich nicht getäuscht sehen ! Andreas wird einen Freund , einen Bruder in mir finden , der ihn vertritt , und , so viel dieses in meiner Macht steht , vor jeder zu herben Folge seines Fehltritts ihn schützt . Auf des Ministers ausdrückliches Verlangen theilte Richard ihm nun umständlich mit , wie ein wunderlicher Zufall , früher als seine Freunde es beabsichtigten , in die Geheimnisse des Bundes ihn eingeweiht habe . Er verhehlte die warme Begeisterung nicht , mit welcher der anscheinend hohe Zweck desselben ihn Anfangs erfüllte , bis er späterhin mit Schrecken und Abscheu ihn besser erkannte . Das aufmerksame Wohlgefallen , das seinen Worten geschenkt wurde , ermuthigte ihn weiter zu gehen . Er sprach vom Fürsten Andreas , von der warmen Vaterlandsliebe seines Beschützers , und wie dieser mit innigster Treue dem Kaiser ergeben , nur durch seinen leidenschaftlichen Hang zu ausländischen Erfindungen und Neuerungen verlockt , in die Schlingen eigennütziger , herrschsüchtiger Bösewichter gefallen sei , von deren tiefer Verworfenheit seine edle Natur keine Ahnung haben konnte , während sie sein besseres Wollen , seine durchaus tadelfreien Absichten , in ganz entgegengesetztem Sinne auf das schändlichste mißbrauchten . Über dem allen war indessen viel Zeit verstrichen ; der Courier , der Richards Aussage dem Kaiser überbringen sollte , war längst abgefertigt , der Abend brach mit starken Schritten herein . Richard , der bis dahin gar nicht in der Zeit gelebt hatte , wurde jetzt mit Schrecken gewahr , wie lange er hier verweilt habe , und erhob sich unter vielen Entschuldigungen , um sich vom Minister zu beurlauben , was dieser aber , und zwar auf das allerfreundlichste , gar nicht zugeben zu wollen schien . Richard begriff Anfangs nicht , wie dieses zu verstehen sei , bis endlich der Minister seine Absicht , ihn auf unbestimmte Zeit in seinem Hause festzuhalten , deutlicher an den Tag legte . Zürnend fuhr Richard auf ; sein Gesicht erglühte , sein Auge flammte . Gefangen ! also doch gefangen ! nachdem ich alles erfüllt ! nach so vielen schönen Worten ! ich Thor ! ich erbärmlicher Thor !