; nein , ich wollte sie gar nicht ausfragen , ich wollte gar nichts von ihr wissen . Und darum lies du deinen Brief ; tu , was sie von dir verlangt , sei so glücklich , als sie dich machen kann , und laß alsdann dies Gespräch , welches wir jetzt geführt haben , völlig und auf ewig vergessen sein . Aber schwöre mir nur , daß diese Charlotte unsere Freundschaft nicht stören , daß sie unsere Gemüter nicht entfremden oder erkälten soll . « Leonhard hatte wohl bemerkt , wie bewegt sein Freund war , sosehr er auch Ruhe und seine gewöhnliche Haltung zu erzwingen suchte . » Nein ! « rief er aus , » nein , Elsheim , unsere Freundschaft muß wahrer , stärker sein , als eine abenteuernde Leidenschaft , sei der Reiz , die Verführung des Augenblicks und der Gelegenheit auch noch so gewaltig . Liebster , du hast Erwartungen , Absichten , dich bezaubert dies schöne Wesen , und so gebe ich dir hier , wenn auch mit Kampf und Leid , das heilige Versprechen , sie nicht mehr allein zu sehen , sie zu vergessen , und bald abzureisen . « Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt , als sich Elsheim schon an seinen Busen stürzte , und ein heftiger Tränenstrom ihm die Brust erleichterte . Leonhard erschrak über den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten Leidenschaft , und indem er den Freund trösten und beruhigen wollte , hob dieser ihn in seinen starken Armen vom Boden auf , und trug ihn laut lachend im Zimmer herum , setzte ihn , nachdem er so eine Weile gejubelt hatte , in das Sofa nieder , und stellte sich dann , sein Lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen , vor den ganz erstaunten Leonhard , und deklamierte pathetisch : » Ich habe es immer gesagt : Den Tischler wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen ; aber sie vergriff sich im Tone ; sie nahm ihn zu fein . « Diese Rede Odoardos zwang Leonhard , so ernsthaft er auch gestimmt war , ebenfalls zu lautem Lachen . Nun setzte sich Elsheim zu ihm , nahm seine beiden Hände und drückte sie an seine Brust . » Sieh , mein Bruder « , sagte er , wieder innig gerührt , » ich weiß , daß ich ein Tor bin ; ich weiß , daß ich in einem Jahre , vielleicht noch früher , diesen meinen jetzigen Zustand belächeln werde ; - aber betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nacktheit , in seiner unverhüllten Schwäche , denn ich will vor dir nicht besser und stärker erscheinen , als ich bin . Seit Wochen quält mich eine tödliche , giftige Eifersucht , und ringt und zankt mit meiner Liebe zu dir . Und wer ist es , der uns so auseinanderzureißen droht ? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend , Ehrfurcht und Ideal , wenn das unbändige , das riesenhafte Rätsel in unserm Innern aufwacht und zur Auflösung ringt . Konnte ich glauben , daß ich dies in meinen reiferen Jahren erleben sollte , und daß in diesem Zauber , in dieser Verblendung mein Sinn und mein Gefühl so klar und unbestechlich bleiben konnten ? Wie sah ich ehemals mit verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab , die Vermögen , Leben , Ehre , Glück der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben , deren Untreue , Eigennutz und Lügenhaftigkeit sie kannten ! Oh , jetzt verstehe ich diese unglückselige Zerrissenheit und dies vergebliche Ankämpfen gegen eine bessere Überzeugung ! Glaubst du , daß ich die Zauberin verehre , oder nur achte ? Wenn ich dies Gefühl in mir erwecken will , so erwacht vielmehr das entgegengesetzte . Was aber hat dies Gefühl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun , der mich , wie den Rinaldo , mit Blumenketten zu den Füßen dieser Armida bindet ? Ist es nicht , als wenn man fragen wollte , was die Jo oder Leda des Correggio wohl noch an diesem Tage speisen würde ? Oh , Liebster , da du sie aufgibst , so kann ich die übrigen umher mit Geringschätzung betrachten . Und glaube nur , ich weiß das Opfer zu würdigen , welches du mir bringst : das größte , das wundervollste , den Genuß , den die schwelgende Phantasie nicht glänzend genug ausmalen kann ! Wie hätte ich ahnden können , als wir hieherkamen , und ich dir von diesem Mädchen sprach , daß die Sünderin mich so verstricken sollte ! - Damit du aber siehst , daß du sie in keinem Sinne verrätst , daß du nichts Ehrloses , nichts Grausames an einem Weibe begehst , so lies diese zärtlichen Billete , die sie mir in derselben Zeit geschrieben hat , als sie auch dich zu fangen trachtete . « Leonhard las und war verwundert , denn das hatte er doch nicht erwartet . » Nun lies aber auch ihren neusten Brief an mich « , sagte er dann . Elsheim fand , daß er wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhäuschen der Försterin enthielt , wo sie so ungestörter verweilen könnten , weil an diesem Tage Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch über Land sein würde . Außer den Zärtlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim , der sich aufdränge , der die Liebe störe , der sie wohl argwöhnen möge , und dergleichen mehr . Leonhard erstaunte über diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde Unwahrhaftigkeit . » Sollen wir es beklagen « , sagte er dann , » aß ein so schönes Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte , oder sollen wir annehmen , daß sie so sein muß und nicht anders kann ? Wäre sie ohne diese arge Zweideutigkeit weniger reizend ? Konnte sie das , was uns bezaubert , nur in ihrem jetzigen Charakter entwickeln ? « » Nun , Geliebter , « fing Elsheim wieder an , » laß mich gewähren . Du sollst nicht im mindesten kompromittiert werden , als wenn du mir dies Blatt überantwortet hättest , oder irgendeine Abrede zwischen uns stattfände . Meine Leidenschaft soll das Wort führen , und sie , die so hinterlistig verfährt , muß es ja entschuldigen , daß ich der jungen Försterin das Geheimnis abgeschwatzt , ihr das Blatt entrissen und den Brief , ohne daß du etwas davon weißt , gelesen habe . Nach ihrem System muß sie es mir Dank wissen , daß meine Liebe alle Rücksichten , auch gegen dich , fallenläßt , und ihre Gunst mir das Höchste und Einzige auf Erden ist . So werde ich an deine Stelle treten , und ohne Zweifel glücklich sein . - Nun ist also der Schatten vom hellen Sonnenlicht verscheucht , der sich zwischen unsere Freundschaft zu legen und düster anzuwachsen drohte . - Aber , Geliebter , du ließest vorher ein Wort fallen von deiner nahen , baldigen Abreise . Diese Drohung nimm zurück . Ich habe schon mit unserm Professor allerhand verabredet . Er schwärmt dafür , uns nächstens das Lustspiel Shakespeares : Wie es euch gefällt aufzuführen , und wir alle sind schon darin übereingekommen , daß es in der ganzen Welt keinen solchen Orlando geben kann , als wie du ihn spielen würdest . Auch hättest du nicht zu besorgen , wieder mit Charlotten in einen Liebesstreit zu geraten , denn Albertine würde deine Rosalinde darstellen , und die kleine Dorothea Celia , ihr Mühmchen . Darum gib noch eine Woche , oder zehn Tage nach jenen Räubern zu , die uns nun so nahe bevorstehen ; dann - - « » Nein ! nein ! mein Geliebtester ! « unterbrach ihn Leonhard sehr lebhaft , » nur dies , dies fordere nicht von mir ! Alle Gefühle zwischen uns , alle möglichen Mißverständnisse , mein teurer Freund , sind nun geschlichtet ; wagen wir es nicht darauf , ob sich neue erzeugen könnten . Du weißt , was dich zu dieser Reise begeisterte ; du erinnerst dich , was mich verführte , dich zu begleiten . Sieh nun , wie sich alles anders gewendet hat , als wir es damals erwarteten . Statt unserer kindlichen Liebe zu Goethe , hat sich eine ganz andere unseres Herzens , und mit störender Leidenschaft und Heftigkeit bemeistert . Nein , mein Freund , jener Tag , der dich an meiner Statt nach jener dämmernden Waldhütte führt , sei auch der Tag meiner Abreise . Für einen schlichten Bürger , dächte ich , hätte ich der Abenteuer genug bestanden . So weit mag es sich vielleicht entschuldigen lassen , wollte ich aber irgend einem Gelüste länger nachgeben , so müßte ich mich vor mir selber schämen . Und welche Rechenschaft könnte ich meinem Haushalt , meiner Frau , meinen Handwerksfreunden und Genossen ablegen ? Ich muß nach Haus , und um kein Taugenichts zu werden , in meine alte Ordnung zurückkehren . Noch ist es Zeit , und du selbst , wenn du mich liebst , solltest mich forttreiben ; denn jetzt vernarbt sich wohl noch die seltsame Wunde , die ich mit mir nehme . « Sie trennten sich , und Leonhard fühlte sich beruhigt , doch war ihm , als wenn er einen unendlichen Verlust erlitten hätte . Elsheim war ganz heiter , und konnte froh an der Gesellschaft teilnehmen , seine Gäste unterhalten und seinen phantastischen Plan mit Charlotten verfolgen . Als er nachher mit dem Schauspieler Ehrenberg , der schon in den bessern Kleidern umherging , sich im Garten traf , sagte er zu diesem : » Nur nicht , mein Lieber , diese übertriebene Dankbarkeit und zu weit getriebene Höflichkeit . Lassen Sie es sich bei mir und den Meinigen in diesen Tagen wohlsein , spielen Sie Ihre Rollen , und sein Sie so frei und unbefangen , wie nur irgend möglich , denn nur dadurch werden Sie mir am besten danken . « Der alte Förster , der so laut damals geklagt hatte , als man ihm die Rolle des Zigeuners zugemutet hatte , begab sich diesmal fast freiwillig unter die Komödiantentruppe , und zwar , um keine sehr dankbare Rolle , den Schufterle nämlich , zu spielen . Er übernahm diese Partie als die kleinste und unbedeutendste im Stück , und zur Teilnahme hatten ihn vorzüglich zwei Dinge vermocht : erstlich , daß seine Tochter eine so wichtige und glänzende Rolle übernehmen sollte , und dann , daß ihn der ausgelassene Bassist überredet hatte , alle seine Jagdhunde mitzubringen und mitspielen zu lassen . Denn da Karl Moor im zweiten Akt ausdrücklich sagt : » Auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden , daß sie sich trennen , zerstreuen und euch in den Schuß laufen ! « - so schien es beiden mehr als unbillig , den guten , so oft geplagten Geschöpfen die einzige Gelegenheit zu rauben , sich auch einmal auf der Bühne und in einer künstlerischen Mitwirkung zu zeigen . Alles war bereit . Der Cadet hatte den Kosinsky eingelernt der Komponist hatte es möglich gemacht , Roller und den Bastard Hermann zu übernehmen ; Franz Moor erdrosselte sich und erwachte nicht wieder zum Leben , daher war es dem kühnen Ehrenberg etwas Leichtes , beide feindliche Brüder darzustellen und der Schulze hatte sich vom Schulmeister verführen lassen , den alten Diener Daniel einzuüben . Bauern , Knechte , Diener des Hauses und der Gärtner mit seinen Gehülfen , sowie die Jägerburschen , waren in den Proben als Soldaten , Räuber und andere Helfershelfer abgerichtet worden . So war denn der große Tag erschienen , an welchem dieses gewaltige Werk die Zuschauer entzücken sollte . Elsheim hatte seine Mutter beredet , an diesem Abend nicht im Schauspiel zugegen zu sein , weil sie , welches sie nach seiner Schilderung begriff , an der Grausamkeit des Gegenstandes und dem übertriebenen lauten Getümmel keine Freude haben könne ; sie zog sich auch um so lieber unter dem Vorwand der Unpäßlichkeit zurück , weil jene Zuschauer , die sich für diesen Abend zugedrängt , und die des Sohnes Einladung mit Freuden angenommen hatten , ihrem Sinn auf keine Weise zusagten . Es ward beliebt , daß die Tante , Charlotte und Albertine , sowie Dorothea , ihr Gesellschaft leisten und sie auf ihrem weit abgelegenen Zimmer mit Musik unterhalten sollten . Dort also ward gesungen und gespielt , indes Elsheim seine Gäste empfing , ihnen ihre Plätze anwies , die Mutter und die Damen entschuldigte , und in Gesellschaft des Professors mit allen sprach , freundlich zuhörte und die Honneurs des Hauses machte , so gut und schlimm er es vermochte . - Auch Leonhard war im Theatersaal zugegen , um die Fremden zu unterhalten . Zuerst erschien die alte Frau von Brommen mit ihren veralteten Töchtern . Ihre Dankbarkeit und die übertriebenen höflichen Redensarten wären unerträglich gewesen , wenn Emmrich nicht die Geschicklichkeit besessen hätte , das Gespräch sogleich auf andere Gegenstände zu lenken . Von dem lärmenden und laut schreienden Bellmann wurden sie dann unterbrochen , der mit seinen drei Söhnen , immerdar fragend und die Antwort nicht abwartend , in den Saal brach . Alle staunten , da sie gar keinen Begriff von einem Theater hatten , und waren darum in gespannter Erwartung um so begieriger . Jetzt erschien auch der dicke Jäger mit seinen Begleitern , und alle saßen schnaubend und fast schnarchend auf ihren Plätzen , indessen die drei Bewirter die schwere Aufgabe zu lösen hatten , auf alle ihre sonderbaren Fragen ihnen genugzutun . » Wissen Sie wohl « , sagte der unbeholfene Dülmen schnarchend und schnaubend , » was ich schon auf unserm neulichen Landtage meinen Kollegen und dem Herrn Präsidenten habe vorschlagen wollen ? Man hört so viel jetzt von allen Menschenfreunden gegen die Todesstrafen und die öffentlichen Hinrichtungen reden ; sie meinen , es sei nicht recht schicklich und anständig für gebildete Nationen , wie wir sind , und dergleichen . Nun habe ich mir sagen lassen , daß in Trauerstücken oft viele Personen auf dem Theater umkommen , die sich zum Teil selbst entleiben , zum Teil von andern erstochen werden . So wäre es also vielleicht recht ersprießlich , wenn man die ausgemachten Malefikanten und Verbrecher , Mordbrenner und solch Volk diese Tragödienstücke aufführen ließe , damit ihnen dort mit Geschmack und Anstand vom Brote geholfen werden könnte . « » O mein Himmel ! « rief eine von den Witwen , » das wäre ja noch grausamer und blutiger , als die spanischen Stiergefechte . Nein , dem ist unser edler deutscher Sinn , unser weiches Gemüt zu sehr entgegen . « » Warum edles Gemüt ? « rief Dülmen , der Jagdfreund ; » hätte mich je etwas bewegen können , mal nach dem bigotten Lande hinüberzureisen , so wären es gerade diese superben Stierhetzen gewesen : eine so noble Erfindung , daß man sie einem so rohen , unwissenden Volke gar nicht zutrauen sollte . Teufel noch einmal ! so ein wilder Ochs , so ein wütiger Kerl , der gar keine Raison annimmt ! Und nun die lieben Hunde , und der dreiste Mensch , der ihm den Fang gibt ! Und Tausende von Menschen umher , Vornehme , Fürsten , geputzte Frauenzimmer und das Bürgervolk , und alles ruft und klatscht Beifall ! Nein , meine gnädige Frau , bitte tausendmal um Vergebung , das muß ja etwas wahrhaft Paradiesisches sein . « Bellmann sagte : » Schauen ' s , so war auch ehemals die berühmte Bärenhatz in Wien . Aber alles Gute geht zugrunde . Ich bedauere nur unsere Nachkommen , die es noch schlimmer haben werden . « Jetzt begann die Musik . Der Komponist hatte zwei Orchester angeordnet , eins oben auf dem Balcon , ein anderes vorn unmittelbar vor dem Theater . Jedes spielte erst einzeln und vereinigte sich dann , um ein rechtes tobendes Gewirr von Tönen in die Schlacht zu führen . Da Ehrenberg sich gar nicht darüber hatte zufriedengeben wollen , daß kein großer , breiter Vorhang vorn die Bühne von den Zuschauern trennte , Emmrich auch einsah , daß ein modernes Stück dessen nicht gut entraten könne , so hatte er zwei große Gardinen besorgt , die vorn sich in der Mitte berührten und , wenn der Akt anheben sollte , durch zwei Schnüre zurückgezogen wurden , so daß sie auf beiden Seiten verschwanden . Jetzt trat Franz Moor auf mit seinem Vater , dem alten Grafen . Mannlich sprach diesen in seiner tragischen Weise breit , stark , langsam , mit angeschwollenen Wangen und hervorgedrehten Augen . Franz war aber in der Kunst , Gesichter zu schneiden viel geübter , denn wenn Mannlich beinahe nur immer denselben Ausdruck anbrachte , so lief über das Gesicht des verstockten Bösewichts Franz das Mienenspiel wie ein Zickzack mit Blitzesschnelle . Die Zuschauer , die vornehmen sowohl , wie die Bauern , welche man zugelassen hatte , waren ganz hingerissen von Erstaunen und Bewunderung . So was sei noch niemals gesehen worden ; so etwas könne sich kein Mensch träumen lassen : darin kamen alle überein . Aber Ehrenbergs Monolog ! Jetzt enthüllte sich erst der ganze Bösewicht , an dessen Schändlichkeit man bis dahin immer noch etwas hätte zweifeln können . Es wäre grausig und könnte einem im Traum wieder vorkommen ; so äußerten sich die Söhne des Baron Bellmann . - Jetzt trat Amalie auf . Die Bauern , welche sie kannten , waren in der größten Freude , die sie , um die Damen zu begrüßen , mit einem lauten , wiehernden Gelächter äußerten . Sogleich erhoben sich Bellmann und Dülmen von ihren Sitzen , kehrten sich um , indem sie majestätisch umhersahen und riefen : » Stille , das da ist ein Trauerspiel , gutes Volk ! « - Lene , des Försters Tochter , war vortrefflich in ihrer Rolle , so sicher und frei , so ohne Verlegenheit , daß selbst Elsheim über ihre zu große Keckheit erstaunen mußte . Diese Dreistigkeit tadelten auch an ihr die alte Dame und ihre Töchter ; die jungen Bellmann aber und die Forstleute lobten sie um so mehr wegen dieser majestätischen Sicherheit . Wärend ihres Monologs kleidete sich Franz mit Blitzesschnelle zum Karl um , warf die rote Perücke ab , und setzte eine andere auf , mit schönen herabfallenden Locken , die wie schwarze Troddeln über Stirn und Wangen fielen . Gleich in seiner ersten Szene brachte Spiegelberg zwei von seinen kräftigen Liedern an , die auch von der besten Wirkung waren . » Jetzt dürfte man vielleicht lachen « , sagte Dülmen ziemlich laut , und die Bauern , die seinen Ausspruch gehört hatten , bedienten sich dieser Erlaubnis . Moor stürzt ab , und Spiegelberg ermuntert die Kameraden , sich mit ihm zu einer Räuberbande zu verbinden . Wieder ein Lied , und der Forstrat sagte : » Bei Gott ! eigentlich wird das Spitzbubenhandwerk von dem schönen großen Manne da doch gar zu appetitlich abgeschildert . Wenn uns da das Gesindel in die Wälder läuft und das Wild wegpirscht , so ist es nicht mehr zu verwundern . « » Wahr , Herr Nachbar « , rief Bellmann : » gefährliche Äußerungen unter diesen Umständen ! Nur werden sie eingesteckt und kriegen Prügel , was denn auch wieder nicht sehr appetitlich ist . « Moor kam wieder in der ungeheuersten Verzweiflung . Dem Ausbruch ungemessener Wut folgte sein Entschluß , Räuber und Mörder zu werden . Seine Genossen schwören ihm Treue , und alle stürzen tumultuarisch ab . Die Bellmann , Dülmen und seine Begleiter , die fremden Damen , alle konnten nicht Worte finden , um die Bewunderung für diesen Schauspieler genügend auszudrücken , welcher mit so großem Kraftaufwande den Räuber Moor spielte . Aber welch Erstaunen ergriff sie insgesamt , als ihnen Elsheim vertraute , daß dieser Mann , der ein wirklicher Bühnenkünstler und kein bloßer Liebhaber sei , Kunst und Kraft genug übrigbehalte , um neben diesem edlen Bösewicht auch noch jenen ganz verworfenen , hämischen Franz zu spielen . Anfangs erstarb ihnen das Wort im Munde , dann aber begannen alle zu zweifeln , und meinten , der junge Baron treibe nur seinen Scherz mit ihnen , bis nach wiederholten Beteuerungen Elsheims ihr starrer Zweifel brach , um die Flut einer ungemessenen Bewunderung ausströmen zu lassen . » Den Mann müssen wir sehen ! « riefen die Bellmann wie aus einem Munde . » Führen Sie uns auf das Theater « , schrie Dülmen , und seine Gefährten akkompagnierten . Die Damen begnügten sich , ihre Bewunderung in Tränen des Entzückens auszudrücken , da sie die Hoffnung nährten , nach geendigtem Schauspiel den Wundermann auch persönlich kennenzulernen . Stampfend und mit den Sporen klirrend folgte der männliche Chor dem anführenden Elsheim , der sie seitwärts durch einige Zimmer geleitete , um sie von der hintern Seite auf das Theater zu bringen . Dort hatte sich Ehrenberg schon wieder zum Franz umgewandelt , und als jetzt die lärmende Gesellschaft hereinstolperte , und Dülmen schrie : » Karl Moor , wo ist Karl Moor ? « lief ihm der rothhaarige Franz verwundert entgegen . » Mensch ! « schrie der alte Bellmann , » wo ist dein Bruder Karl Moor ? « - » Meine Herren « , sagte Ehrenberg , » sollten Sie es nicht wissen , daß ich es bin der beide Charaktere gibt ? « - » Ist ja wahr ! « schrie Dülmen auf , » man wird ganz dumm bei solchem Wunderwerke ! « - Er drückte den Künstler so heftig an seine Brust , daß dieser laut hätte schreien mögen . Bellmann umarmte ihn ebenfalls . » Großer Mensch « , sagte er dann , » wir und meine Söhne müssen uns näher kennenlernen , Sie müssen zu uns hinüberkommen ; - können Sie meine Kinder da wohl unterrichten , daß sie auch so was lernen ? « - » Gewiß « , sagte Ehrenberg , » und ich werde glücklich dadurch sein . « - » Zu mir auch , auch zu mir müssen Sie kommen ! « jubelte Dülmen : » - wir sind alle Menschen , ist es nicht wahr , Bellmann ? « - » Man sollte es doch glauben « , antwortete dieser . - Alle drängten sich gaffend , fragend , schreiend , lachend , ihn anrührend , um den großen Wundertäter , so daß Elsheim anfing besorgt zu werden , das Männchen möchte in dieser großen Popularität Schaden nehmen , oder gar verhindert werden , seine Rolle , von der noch bei weitem das meiste zurück war , fortzuspielen . Er schaffte also mit Redekünsten die stürmischen Bewunderer wieder von der Bühne , die es ganz vergessen zu haben schienen , daß sie noch vier lange Akte zu erwarten hatten . Sie entfernten sich endlich , ungern zwar , wandten noch oft die Blicke rückwärts , und erzählten den wißbegierigen , gespannten Damen im Parterre nun von der roten Perücke , die sie wirklich angerührt hätten , ihn aber umarmt und seine Hände gedrückt , und daß er ohngeachtet seines ungeheuern Talents ein Mensch wie andere auch zu sein schiene . Indem teilte sich der Vorhang wieder , und der zweite Akt begann . Jetzt wurde der boshafte Franz und seine Kunst , das Gesicht zu verziehen , noch weit mehr als vorher bewundert , da man ihn näher kannte und wußte , wer er war . In der Szene des scheinbaren Todes zeigte sich Mannlich groß . Jetzt trat auch der Komponist als Hermann auf , wie er sich schon im vorigen Akt als Roller gezeigt hatte . Der Alte war nun tot und beseitigt und Franz Gebieter . Es folgten hierauf die Szenen im Walde , die der Bassist , ohne Hülfe Ehrenbergs , eingerichtet hatte , und in denen er seinem Übermut am meisten den Zügel wollte schießen lassen . Gleich beim Eintreten trug er wieder einen jener tollen Gesänge vor , worin er den ganzen Umfang und die Tiefe seiner vortrefflichen Stimme hören lassen konnte . Er hatte alles aus der ersten Edition des Werkes herübergenommen , und nur die Erzählung von der Plünderung des Nonnenklosters ausgelassen . In seiner tollen Laune hatte er viele von den Domestiken oder Knechten auf die lächerlichste Weise herausgeputzt als diejenigen Spitzbuben , die er , Spiegelberg selbst , angeworben hatte . Indem er nun die Geschichten seiner List und Menschenkenntnis erzählte , holte er diese Kumpane , einen nach dem andern , näher an das Licht hervor , und die seltsamsten Fratzen zeigten sich zum Ergötzen der Zuschauer ; dies und die musterhaft launige Erzählung , die der Dichter seinem Spiegelberg in den Mund legt , mußten Freude und Jubel hervorbringen . Das Gelächter war unauslöschlich , und selbst Elsheim und der Professor mußten den Humor des Sängers bewundern . Nun erscheint die übrige Bande mit dem befreiten Roller . Das Getümmel war gut arrangiert , und alle diese Räuberszenen wurden , bis auf die Rolle des Karl Moor , wirklich vortrefflich gegeben , doch wurde dieser am meisten bewundert . Der Schulmeister war als Schweizer unbeschreiblich glücklich , denn er durfte so laut und stark spielen , wie er nur immer wollte . Der Kommissar oder Pater erscheint , und nun vernimmt man schon Trompeten und die Musik der Soldaten . Jetzt stürzen alle Räuber im Getümmel ab , und das Gefecht beginnt . Dieses hatte der Sänger vielmals mit allen Gehülfen eingeübt , um das Allertollste hervorzubringen , wie man es sonst nur in dem Zirkus der Kunstreiter zu sehen gewohnt ist . Die Szene nahm sich gut aus und paßte vortrefflich auch zu dieser törichten Aufgabe . Man hatte die freien Säulen mit bemalten Baumstämmen verhängt ; so war die innere Bühne nun wie eine Felsengrotte , die Stufen , von grünen Gebüschen umstellt , erschienen wie Gebirgssteige , Schluchten oder Hohlwege , der Balcon oben zeigte sich als eine Berghöhe . Die Räuber nahmen nun , nachdem Moor und andere hinweggestürmt waren , unter Geschrei und wilder Musik alle diese Posten ein ; Soldaten erschienen sodann unten , um solche wieder mit Gewalt zu erobern . Man schoß , man kämpfte mit dem Säbel und Bajonett , alles schrie Hörner und Trompeten schmetterten nah und fern , auch hörte man in den Pausen das Schießen und Kämpfen in der Weite . Als die Räuber fast schon gesiegt hatten , viele Soldaten tot und andere entflohen waren , erschien von der rechten Seite der Räuber Moor mit seiner Schar wieder , als wenn er von der Übermacht des Militärs zurückgedrängt wäre . Neue fechtende Gruppen bilden sich wieder auf dem Proscenio , sowie auf der innern Bühne ; das Schießen wird noch viel gewaltiger ; die größte Verwirrung und Zerstörung stellt sich dar . Jetzt bricht heulend und bellend die ganze Koppel der Jagdhunde herein ; alles schreit , lärmt , Trompeten schmettern , Waldhörner tönen , Büchsen , Gewehre und Pistolen knallen , dazwischen die Hunde , und die Anhetzenden toben , was sie nur vermögen , so daß der alte Förster genötigt ist , von der Wahrheit abzuweichen und als Schufterle trotz seines schimpflichen Abschiedes wieder aufzutreten um seine Hunde nur gehörig zu führen und in Ordnung zu halten . Die Doggen , so abgerichtet , reißen viele Soldaten von hinten nieder , die Bullenbeißer rennen die Stufen hinan , um die Krieger anzupacken , und als diese mehr als babylonische Verwirrung , das Zeter und Spektakel eine geraume Zeit gewährt hat , fliehen die Soldaten , und die siegenden Räuber stürzen jubelnd nach . Den Boden , die innere Bühne und die verschiedenen Stufen rechts und links bedecken die Leiber getöteter und verwundeter Krieger , alle , wie auch Leonhard und der Professor zugaben , in höchst malerischen Stellungen , worüber der letzte nicht wenig erfreut war , da nur durch seine angepriesene neue , oder vielmehr veraltete Bühneneinrichtung dieser Effekt erreicht werden konnte . Nun schlossen sich die Vorhänge und verdeckten alles . Diesem Ungestüm folgte eine allgemeine tiefe Stille , denn die Bewunderung und das Entzücken der Zuschauer war so groß , daß sie anfangs keine Worte und keinen Ausdruck finden konnten . Endlich vereinigte sich der Ausspruch der Damen sowohl wie der fremden Herren dahin , daß dieses Schauspiel erhaben , sublim und einzig zu nennen sei , daß man niemals sich vorgestellt habe , daß die dramatische Kunst so ungeheure Wirkungen hervorbringen könne , und daß das ganze Land dem Baron Elsheim zum innigsten Danke verpflichtet sei , daß er , als ein echter Patriot , mit großen Unkosten zur Bildung und Erhebung aller Zuschauenden diese Prachteinrichtung auf seinem Schlosse stattfinden lasse . Dülmen , der alte Bellmann und seine Söhne , der Forstmeister und der Amtmann reichten abwechselnd dem jungen Baron die Hände und drückten die seinigen , überschütteten ihn mit Lob und Dank ; auch die Witwen erhoben ihren Gesang zwischen den derben männlichen Tönen , so daß Elsheim , wenngleich seine Freunde abwehren halfen , vor Verdruß und Langeweile ermüdete , bis ihn endlich der Anfang des dritten Aktes von diesen lästigen Artigkeiten befreite . Dieser Aufzug wirkte nur wenig , weil sich soeben das Interessanteste gleichsam erschöpft hatte . Nur die starke , nachdrückliche und laut schallende , nicht geheuchelte , oder angedeutete Ohrfeige , welche Franz von der rüstigen Amalie empfing , erweckte die Zuschauer aus ihrem Schlummer , und erregte ein lautes und allgemeines Gelächter . » Es geschieht dem bösen Kerl ganz recht « , sagte ein Bauer laut sprechend , » so sollten nur alle mit ihm umgehen , so würde er schon zu Kreuze kriechen müssen . « In der zweiten Szene hatten sich die Räuber wieder malerisch gelagert , und Elsheim freute sich wieder dieses Anblicks , indem er sich erinnerte , wie unbedeutend , unbestimmt und nicht kenntlich ,