Deines Innern ins Leben zu rufen . Wer würde Dein Loos nicht preisen vor dem Bilde Deiner Schwester ! Sie war in ihrem acht und dreißigsten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp dem Zweiten von Spanien gemalt . Der Hintergrund des Bildes , vielleicht durch Zufall von einem schlicht niederfallenden blutrothen Vorhange bedeckt , erhöhte wunderbar den grauenhaften Eindruck , den das Ganze machte . Denn wer konnte das Bild dieser blutdürstigen Frau erblicken , ohne zu denken , sie tauche aus den Bächen von Blut auf , welche sie mit Freuden um des Glaubens willen strömen ließ . Sie saß auf einem Stuhle , auf dessen hoher Lehne links das Wappen Spaniens , rechts das von England thronte . Nach der bigotten Weise ihres Lebens war sie in das schwarze Gewand einer Karmeliterin gekleidet , doch über der verhüllten Stirn war die kleine brillantene Königskrone befestigt , über der wieder ein feiner schwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel . Zur linken Seite stand ihr ein rother behangener Tisch , auf dem ein Andachtsbuch , ein Kruzifix , und zu dessen Füßen das Zepter , doch , über Alles dies hinweg , eine scharf gezeichnete Geißel lag . Ihr Arm ruhte auf diesem Tische , und die Enden der Geißel waren durch die Finger gezogen , während ihre rechte Hand das Bild des damals sechs und zwanzig jährigen Philipps von Spanien hielt , für den sie eine allzu heftige Neigung nährte . Ihr bleiches , schlaffes Antlitz , von jedem Reize der Jugend oder Schönheit weit entfernt , trat in erschreckender Wahrheit aus den dunkeln Hüllen hervor , und zeigte den vereinten Austritt stumpfen Geistes und fanatischer Bosheit . Richmond hatte ihr fürchterliches Unrecht und das Elend , das sie in fünfjähriger Regierung über sein Vaterland gebracht , mehr noch , als früher , empfinden lernen , und wenn er als Knabe sich zwang , vor diesem Bilde , das er haßte , so lange festzustehen , bis es ihm schien , als erhöbe sie drohend sich und wolle ihn ergreifen , so wandte voll Verachtung sich der Mann von diesen Zügen , die der Nachwelt , könnte der Name auch verloren gehen , noch sagen werden , was sie war . Und auch wie damals , wenn der Knabe für das Schrecken , das er sich herauf beschworen , Beschwichtigung suchte , wandte er sich . Denn hier hing neben Heinrich dem Achten , ihrem Großohm , das Bild der siebenzehnjährigen Königin von neun Tagen , das erste blut ' ge Opfer der schrecklichen Maria , die schöne tugendhafte Johanna Grei . Wie ein Engel , als Bote eines bessern Lebens der Welt auf kurze Zeit gesandt , so blickte aus diesen tiefen blauen Augen der Himmel in der eignen Brust . Fünfzehnjährig schon Gemahlin des ihrer so würdigen Guilford , war sie als Braut dargestellt . Im Weggehn aufgehalten , wie es schien , stand sie mit leichter Grazie aufgerichtet vor einem Sessel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem Bilde . Die feine jugendliche Gestalt , die kaum die Grenzen der Kindheit überschritten , war in die Farben des väterlichen Hauses Suffolk , in weißen Silberstoff mit himmelblauer Robe gekleidet . Ihr wunderschönes blondes Haar floß wie gesponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Rücken entlang , und reichte über die Hälfte der kindlichen Gestalt ; an den Schläfen von der weißen Stirn gescheitelt , war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden , und auf dem Hintertheile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone . Eine Säulenhalle zog bis in die weite Ferne sich als Hintergrund , und am Ende derselben sah man perspektivisch verkleinert Lord Guilford daher eilen . Ach , rief Richmond , von so viel Unglück und so viel Tugend tief bewegt , hätte nie Dein kindlich Haupt ein schwereres Diadem belastet , als diese leichte Herzogskrone , das unbestrittene Erbtheil Deiner Väter ! Noch blieb er sinnend stehen , dem spiegelhellen Boden zugewendet . Es blieb ein Bild noch zu betrachten übrig , er wußte es wohl . Doch zögernd verschob er seinen Anblick , als müßte er erst das eigne Herz betrachten und seinen schnelleren Schlägen lauschen . Sollt ' er als Mann erfahren , was ihn als Knabe schon bewegt ? Mußt ' er es eingestehn , daß das wunderbare Loos ihm gefallen sei , an ein Bild die süßesten Regungen des Gefühls verschenkt zu haben ? Nein , rief er , dem Knaben gehört diese Schwärmerei ! Er wandte sich muthig , er stand davor , und wie am Strahl der Sonne der leichte Nachtfrost einer Mainacht zu einem Thautropfen sich verwandelt , so verschwamm in seinem ersten Blick Wille , Absicht , jeder Widerstand der Ueberlegung , und Herz und Seele sogen sich fest an ihren alten Wahn . Dicht an der hellen Eingangsthür , und wie in einem Schreine , da die Holzwand herausgehoben war , es einzulassen , hing ein Brustbild , dessen Rahmen in einem runden Medaillon das lebenvolle Antlitz der schönen unglücklichen Königin von Schottland umfaßte . Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelsteinen die drei Wappen , welche die unglückliche Frau mit Eigenthumsrecht behauptete . Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem obern Rande , unter der dreidoppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens , das Wappen Englands , das zu behaupten , ihr so großen , nur mit Blut gesöhnten Haß der eifersüchtigen Elisabeth zuzog , unter den beiden ersteren . Reich mit Laubwerk und Emaillen war das Kunstwerk dieses Rahmens ausgeführt , und enthielt in Arabesken-Form noch viele Anspielungen auf den hohen Geist der königlichen Frau . Das Ganze war umschlungen von einem emaillirten Bande , auf dem in goldner Schrift die Namen Plato , Aristoteles , Horaz , Pindar , Homer , Dante und Ariost , als der Gefährten ihrer Einsamkeit , zu lesen waren , und wie vorzüglich auch das Bild zu nennen war , der Rahmen an sich blieb ein schätzbares Kunstwerk . Aus einem tiefen , saftigen Hintergrunde , einer Tapete von grünem Damast ähnlich , trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefaßte Kopf der Königin hervor . Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schönheit der königlichen Stirn . Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schöne Wölbung selbst gebildet zu haben , und das glänzende Licht , das von Innen aus diese reine Form zu durchdringen schien , hätte auch ohne den Ausspruch dreier Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben . Von den feinen leicht eingedrückten Schläfen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten Oval , bis zu dem vollen jugendlichen Kinn , über dem mit allen Grazien der schön gewölbte Mund die holde Mähr von ihren Scherzen , ihrem feinen Witze zu erzählen schien . In den vollen , leicht gefärbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten Grübchens , geschaffen , um ihres Lebens Liebesglück und Schmerzen zu verrathen . Ihr waren zuerst die Augen verliehen , die , seitdem ein Erbtheil ihres unglücklichen Stammes , mit einem Zauber jeden zu fesseln wußten , auf wen sie einmal in Liebe sich geheftet . Unter einer kaum merklichen Wölbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und schön geschnitten die großen braunen Augen , die klar und tief den hohen Geist , der ihnen inne wohnte , von Lieb ' und Sehnsucht halb bezwungen zeigten . Sie schienen wider Willen der hohen Abkunft von Mißgeschick zu reden , und die langen schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter Trauerschleier um den vollen Glanz . Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase , und verstärkte mit ihrer edeln , festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer Züge . Ihr wunderschönes braunes Haar war ohne Schmuck der Königin , sich selbst in seiner seltenen Fülle die Krone flechtend , doch zeigte es unverdeckt in einem hohen Spitzkragen die runde , schlanke Säule des Halses , auf welcher der Kopf so leicht und zierlich ruhte , daß beide je zu trennen , nur ein Barbar zu denken wagen konnte . Hier hörte das Bildniß auf ; leicht in den Schulterlinien war ein schwarzes Sammetkleid angegeben , das unter dem Kragen mit einem in Brillanten eingelegten rothen Stein befestigt war . Ungezählt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde , und das innere geheimste Leben Richmonds trat hervor und ließ sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen vor dem Geiste der Ueberlegung , der fragend , ja , mißbilligend es anschaute . Es war da ! und hatte sich zum sichersten Bewußtsein in diesen Augenblicken aufgeschwungen ; es lebte ! und sein Leben ward eingestandene Wonne . Still und mit Rührung gelobte sich Richmond , der Welt , dem rohen Vertrauen der Menschen ewig verhüllt , wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefühle hadern , sondern hoch es halten . Eine kleine glückselige Insel sollte es in ihm fortan bilden , worauf er landen wollte , aus der Wirklichkeit verschlagen . So sich jugendlich überspannend , störte es ihn nicht , Gesang und Harfenton vom Altan her zu hören . Die schönen vollen Frauentöne , das kunstreich ausdrucksvolle Spiel der Harfe , es schlich sich ein in seine Träume , verwebte sich darein , als ihnen angehörend . Mit steigendem Entzücken hörte er die Worte des göttlichen Shakespeare , dieselben , welche die Frauen der Königin in Heinrich dem Achten der unglücklichen Katharina am Vorabend des Gerichts singen . Orpheus sang : 1. Der Bäume Wipfel Und der Berge starre Gipfel Beugte seiner Laute Macht . 2. Pflanz ' und Blum ' entsproß voll Wonne , Als hätt ' Regenguß und Sonne Ew ' gen Lenz hervorgebracht . 3. Jedes Wesen ward Gehör , Selbst die wilde Well ' im Meer Hing das Haupt und legte sich . 4. Tonkunst , deine Zauberein Hört der Gram und schlummert ein , Hört dich fort und stirbt durch dich . Mit feierlichen Akkorden schlossen diese rührenden Worte und weckten den glücklichen Träumer . Nein , sie war es nicht selbst , die unglückliche Königin Maria , die dies Lied gesungen ! Er war nicht zu Stirling , zu Holyrood-House ; er war in Burtonhall , in der Nähe seiner Familie , und nur ein paar Schritte vielleicht führten ihn in ihre Mitte . Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Träumen , öffnete er die Thür und stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenüber . Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Muße aus dem größeren Kreise der Gesellschaft zurückgezogen , und alle sich mit dem Wunsche um Lady Melville versammelt , sie zur Harfe singen zu hören . Dies war auf die erwähnte Weise geschehen . Sie saß jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin . Die Harfe ruhte seitwärts geschoben noch in ihrem Arme ; auf dem purpurrothen Sammet des hoch über ihr emporragenden Stuhles hob sich der schöne Kopf in seiner ganzen regelmäßigen Zierlichkeit , und belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefährtinnen , leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes . Sie hatte sich zu der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt , welche Arabella und Anna Dorset sich im Arm haltend zeigte ; zu ihren Füßen , und den Kopf in zärtlichem Schmachten zu der Sängerin aufgehoben , saß Ollonie Dorset , wärend Lucie von Hinten den Stuhl erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren blonden Lockenkopf herüberzog , um ihren Liebling von da aus zu umfassen . Schnell und leicht sprang Lady Maria jetzt auf , zog den kleinen Engel zu sich herüber , und nun sogleich von Allen umfaßt , stand sie wie die Göttin der Liebe und Freude da . Die reichen braunen Locken zurückschüttelnd , richtete sie das Haupt empor , da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenüber in stiller Anschauung vertieft , und nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet , streckte sie die schöne Hand nach ihm deutend aus und rief : Sieh da , Lord Richmond ! Augenblicklich wandten sich alle Köpfe , und im selben Augenblick flogen die Schwestern und Cousinen auf ihn zu , und unter den freudigsten Begrüßungen der Uebrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten Ungestüm sich in seinen Besitz zu setzen . Unter den liebenswürdigsten Scherzen erwiederte er die zärtlichen Begrüßungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Gräfin Melville entgegen . In der anmuthigsten Ruhe lehnte sie an der Brüstung des Altans , während ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete , womit die Scene vor ihr sie theilnehmend erfüllte . Hold lächelnd richtete sie sich jetzt dem Nahenden entgegen , Richmond aber eilte den Uebrigen voran . Hier , rief Lucie hervorspringend , hier , Richmond , hast Du meinen Engel Marie ! Und welchem glücklichen Zufall habe ich es zu danken , der Lady Melville bekannt zu sein ? sprach Richmond . Bekannt ? erwiederte sie . In Wahrheit , Mylord , ich sah Euch nie vor diesem Augenblick . Aber , setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck natürlicher Unschuld hinzu , als ich Euch gewahrte , wußte ich gleich , daß Ihr es sein müßtet . Richmond hatte unwillkürlich seine bewegten Augen , während sie sprach , zur Erde gesenkt , er genoß den Ton dieser klangvollen Stimme , und schon schwieg sie , aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen . Er hob die Augen zu ihr auf , sein Blick traf den ihrigen , und zwei schöne Seelen hatten sich erkannt . Möchte Lady Melville das Wohlwollen , welches sie meiner Familie schenkt , auch auf den übertragen , der sich erst so spät darum zu bewerben vermag , sprach er endlich mit furchtsamer Stimme . - Es würde mir schwer werden , Euch , Mylord , als einen Fremden anzusehen ; die Liebe , die Ihr in Eurer Familie genießt , erhält Euch auch während Eurer Abwesenheit darin gegenwärtig . Ich könnte Euch von Euch erzählen , wäret Ihr etwa Euch fremd geworden , setzte sie lächelnd hinzu . O ! rief Richmond lebhaft und heiter , Ihr dürft nicht zweifeln ! Wer bliebe nicht der Wahrheit am getreuesten , wenn er eingestände , von sich am wenigsten zu wissen ; werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen , wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will ? Lord Richmond , erwiederte das schöne Mädchen , ich habe viel von der großen Kunst gehört , die Wahrheit verschweigen zu können , aber bis jetzt selbst noch so wenig Fortschritte darin gemacht , daß Ihr viel Hoffnung habt , sie zur Zeit von mir zu hören . - Und möchte dieser schöne Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden , sprach eine männliche Stimme , ehe Richmond antworten konnte , hinter seinem Rücken . Amen ! sagte lächelnd Lady Marie , hell aufblickend , und im selben Augenblick lag Richmond in den Armen des liebenswürdigen Grafen von Ormond , welcher , ohne von der lebhaft beschäftigten Gruppe bemerkt zu werden , sich herbei geschlichen hatte . Bald füllte sich nun der Altan mit mehreren Gästen , durch die Nachricht von Richmonds Ankunft herbei gezogen , und eben erschien Lovelace mit der Bitte der beiden Herzoginnen , nach dem Ballsaale sich zu verfügen , welcher willkommenen Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte . Der Ballsaal war eine offene weite Halle , welche mit dem Parke gleich lag und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente , besonders aber zum geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen hatte . Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele , und ein kleines Schießhäuschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust hin , reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei Geschlechts . Auch heute ging man bei der Schönheit des Wetters sogleich zu den Spielen auf dem Rasenplatze vor dem Hause über , und Alles schien von einer besonders heitern Stimmung belebt . Man stellte Wetten an , wer das Ziel in der Scheibe treffen würde , wobei die Damen theilnehmend mitwirkten , und als Richmond von den Herzoginnen , die mit der älteren Gesellschaft die Halle vorzogen , beurlaubt ward , schloß er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem fröhlichen Schwarme an . Gräfin Melville , von Jugend auf in allen möglichen Leibesübungen erfahren , trug nicht allein über die Damen stets den Sieg davon , sondern über die meisten der anwesenden Kavaliere . Dies sollte sich jedoch bei Richmonds Ankunft ändern , denn bei dem ersten Schuß war der Mittelpunkt der Scheibe durchbohrt , und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust , daß seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang . Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die Bemühungen der Uebrigen . Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des Pfeiles im Ziel , doch mußte Richmond für den Sieger anerkannt werden . Lord Richmond schien sich zwar äußerlich der allgemeinen Geselligkeit hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Antheil zu nehmen , er konnte sich aber nicht enthalten , fortwährend Lady Melville zu beobachten , deren dunkles und sonderbares Schicksal , eben wie ihr Einfluß auf das Herz seines Bruders , ihn zu einem Interesse für sie bewog , welches durch ihren Anblick nicht verringert werden konnte . Er hatte sich trotz dem , was ihm über ihren Werth reichlich von allen Seiten mitgetheilt ward , nicht zu ihrem Vortheil einnehmen lassen ; denn die Angaben , welche sie über ihre Geburt und ihr Leben gemacht , waren von keiner Seite bestätigt und mußten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer Person Raum geben . Dabei fühlten sich sein Herz und seine strengen Grundsätze von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand , worin er seinen zärtlich geliebten Bruder fand . Die Leidenschaftlichkeit , worin dies schöne , geregelte Gemüth aufgelöst schien , und die Entschlüsse , die daraus entstanden , und die zum Nachtheil aller seiner bisher beobachteten Grundsätze einzig über dies fremde , namenlose Wesen Glück verbreiten sollten , steigerten sein Mißtrauen , und ließen ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen Zweifel hegen , welches ihm um so leichter ward , da hiermit die schmerzlich von ihm empfundene Schuld des Bruders sich merklich verringerte und ihn mehr als einen Verführten erscheinen ließ . Das Einzige , woran er unbezweifelt glaubte , war ihre Schönheit , aber auch diese nahm ihn gegen sie ein , denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder verführt haben . Nichts aber haßte er mehr , als wo diese göttliche Gabe des Himmels von Frauen benutzt ward , das Herz der Männer zu bestricken , und obwol seine Gerechtigkeit ihn hinderte , diesen Fall hier bestimmt anzunehmen , war er doch entschlossen , ihn für möglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung zu unterwerfen . Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst überrascht und hatte in wenigen Stunden viel von dem , was er früher über sie gedacht , innerlich widerrufen . Ihre Schönheit war auffallend und mußte die Bewunderung eines Jeden erregen ; aber ihr Auge hatte nichts von der eitlen Verschämtheit , womit die ihrer Schönheit sich Bewußten den Blicken der Männer begegnen . Ruhig , klar und offen ertrug sie jedes Auge , und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf . Sie hatte keinen Begriff von der angelernten Sitte der Frauen , gegen Männer sich anders zu betragen , als gegen Frauen ; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkrüppelung der Gefühle hervor , die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die Unschuld des Herzens bedroht , ehe noch die Schuld selbst es zu berühren vermochte . Die unschuldige Neugier , womit sie Richmond fast aufsuchte , um mit ihm zu sprechen , hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde , welches er sich von der zarten Zurückhaltung einer Jungfrau geschaffen , aber es ward ihm bei ihr nicht zur Störung , ja , es setzte ihn in Nachdenken , ob er nicht sein Ideal nach dieser einfachen Natur korrigiren müsse . Dessen unerachtet erfüllte ihn das Fräulein mit Erstaunen , welches noch denselben Abend sich steigern sollte , als die Gesellschaft nach dem schnellen Ausbruch eines Gewitters in die erwähnten Prachtzimmer des Schlosses sich zurückgezogen hatte . Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemälde-Kabinet Besitz , und Lady Melville lehnte sich an die Glasthür , dem Bilde der Königin von Schottland gegenüber . Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden Blickes nicht enthalten , und zu Lord Ormond gewendet , sprach er sein Erstaunen über die unbezweifelt große Aehnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus . Es ist uns allen aufgefallen , erwiederte der Lord , sich zum Bilde der Königin wendend , und wenn Ihr es bestätigt , der Ihr dies Bild so lange studirtet , dann dürfen wir unserm Urtheil wohl vertrauen . Marie ward dadurch aufmerksam . Erlaubt , sprach Richmond , Euch meine Ueberraschung über die genaue Aehnlichkeit dieses schönen Bildes mit Euch selbst , auszudrücken . Es ist mir nicht neu zu hören , ich weiß es , entgegnete sie ruhig und blickte dabei mit einem wehmüthigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin , welches die höchste Schönheit repräsentirte , und wobei die Anerkennung der eignen Aehnlichkeit damit ein ziemliches Bewußtsein ihrer Schönheit auszudrücken schien . Dies fühlte Richmond mit der gehässigen Laune der Männer , die zwar nie unterlassen mögen , dies Bewußtsein mit verführerischen Worten zu wecken , doch die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann vermissen . Es schien ihm so schwer , diesem Bilde zu ähneln . Er hatte es vor wenigen Stunden noch für unmöglich gehalten . Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen ; aber es verletzte ihn dennoch , es als etwas Gewisses und lang Bekanntes angenommen zu sehn . Er hätte es in diesem Augenblick gern sich und dem Gegenstande verläugnet , und die Kälte , die seine Züge sogleich ausdrückten , wäre nicht schwer zu erkennen gewesen ; aber die Lady merkte nicht darauf , ihre Gedanken hatten eine weit andere Wendung genommen . Sie verließ ihren Platz und setzte sich auf ein Tabouret seitwärts dem Bilde nieder . Diese Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vortheilhafter ; aber Richmond , unangenehm aufgeregt , hielt dies für beabsichtigt und war im Begriff sich wegzuwenden , als die Gräfin , ganz in das Anschaun des Bildes versunken , mit einem wehmüthigen Ausdruck der Stimme fortfuhr : Wie oft hat der glückliche Zufall dieser Aehnlichkeit meine theuern Verwandten beschäftigt und erfreut . Man schmückte mein Haar , wie es die Königin zu tragen pflegte , mit der kleinen Spitzenhaube , man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit , und ließ mich gehen und stehen und niedersetzen , wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und Anhänger sich noch genau erinnerten , obwol unter meinen Verwandten nur mein Vater , der Graf Melville , sie gekannt hatte . Er wußte Stundenlang von ihr zu sprechen , denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit , da diese drei unglückseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmückten . Gewiß , sprach Lord Ormond dazwischen , ist und bleibt diese unglückliche Frau eine höchst ausgezeichnete und anziehende Erscheinung , und die schwärmerische Anhänglichkeit , welche sie ihren Freunden und Anhängern einzuflößen wußte , vermehrt die Zweifel , ob ihr grauenvolles Schicksal ein verdientes war . Wie tief hat mich stets ihr Schicksal ergriffen , fuhr sie fort und hob die schwermüthig gesenkten Augen empor , wie habe ich meine kindischen Gedanken zerquält mit Plänen , wie sie hätte gerettet werden können , wie hab ' ich sie geliebt und alles Gute , was ich zu fassen vermochte , ihr beigelegt . Als nun endlich das geheim gehaltene Glück der Aehnlichkeit mir anvertraut ward , wie tief erschüttert war ich da ! Warum lebte ich nicht , als sie zu Tewksbury in ihrem Kerker schmachtete ? Ich wäre zu ihr eingeschlichen , in meinen Kleidern wäre sie entflohen , ich , ihr so ähnlich , wäre an ihrer Statt auf jenem Blutgerüst gefallen . In Wahrheit , Lady Melville , rief hier die junge verwittwete Marquise Danville , Euer großmüthiger Enthusiasmus ist ein um mehr als dreißig Jahr verspäteter , ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit für das Glück , der schönsten Frau zu ähneln , die gleich der griechischen Helena die Welt in Brand und Unheil stürzte . Ihr habt Recht , Mylady , sprach die Gräfin , durch den grellen Ton der Mißgunst unsanft aus ihren Kinderträumen geweckt , wohl ist dies ein nutzloser oder , wie Ihr sagt , ein bequemer Enthusiasmus . Vergeblich selbst hätte ich zu jener Zeit gelebt . Wie würde , was den Edelsten meines Landes nicht gelang , dem schwachen Mädchen durch den zufälligen Schein der Aehnlichkeit gelungen sein ? Doch ich liebte sie früher , als ich von meinen Zügen wußte ; inniger aber mußte ich seitdem mich zu ihr hingezogen fühlen . Ich bin mir des ersten Einflusses wohl bewußt , der mich aus meinen eignen Zügen mahnend anzureden schien . Fast beschämt fühlte ich mich von dem Glücke , ihr zu gleichen ; ich fürchtete , zu strengerer Rechenschaft bestimmt zu sein , und , fuhr sie sich selbst belächelnd fort , ich wünsche den köstlichen Gefäßen gleich zu sein , deren Form zerspringt , sobald ein Tropfen Gift hinein geschüttet wird . - Es entstand eine Pause , in der Alle , die sie allmälig umgeben hatten , mit den verschiedensten Empfindungen , doch voll Antheil auf sie blickten . Lord Ormond drückte Richmonds Arm , und die Glut der tiefsten Empfindungen ruhte auf seinem edlen Angesicht , während Ollonie Dorset mit erblaßten Wangen bald ihre feuchten Augen auf die Lady , bald auf Lord Ormond und Richmond wandte , welcher letztere nicht mehr den Ausdruck unbilliger Kälte trug . Doch wenn diese Männer , sichtlich ergriffen , ihr eben nichts zu sagen wußten und hiermit sie ehrten , kam derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrockes , der sich ihr sogleich näherte , um mit dem flachen Wortschwall des eiteln Weltmannes sie zu versichern , Maria Stuart sei zur rechten Zeit geboren und gestorben , denn die Schönheit habe sie mit siegreicheren Kronen geschmückt , als die dreifach gekrönte Königin . Sogleich erhob sich die Lady , und als sie so emporgerichtet stand , und ihr plötzlich so stolzer Blick über den schönen , sieggewohnten Lord hinstreifte , schien sie Allen noch viel mehr der königlichen Maria zu gleichen , deren hoher Sinn durch keine Gewaltthat des Schicksals zu beugen war . Sie zog leicht die schönen Augenbrauen , und Anna Dorsets Arm ergreifend , wehrte sie ihn mit der Hand : Laßt das , Mylord , Ihr habt nicht Einsehen , wie ich ' s meine , und ich muß Euch darum verzeihn , wenn Ihr mir weh thut , denn wir sind uns fremd . Lord Membrocke suchte seinen gekränkten Stolz hinter ein lautes Applaudiren dieser kühnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu rühmen , während ihm das stolze Mädchen schon längst den Rücken gewandt hatte und in den Nebensaal entschwunden war . Als sich die Gesellschaft getrennt , erwartete Lord Ormond , in einem Saale des Erdgeschosses lustwandelnd , seinen geliebten Richmond zu einem traulichen Zwiegespräche , nach dem sich Beide sehnten . Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorset , und , wenn auch bedeutend jünger , als seine Schwester , doch in der Mitte der dreißig und mit vollem Rechte in dem Besitze der allgemeinsten Anerkennung . Als Kämmerer des Königs machte diese Stellung , die ihm als Irischen Pair zur Auszeichnung gereichte , ihn zum fast beständigen Bewohner Londons , und den einzigen Ersatz für diesen Zwang gewährte ihm das Haus seiner Schwester , der die Würde ihres Gemahls dieselbe Lebensweise aufnöthigte . Lord Ormond war der Liebling seiner Schwester , er theilte jede Freude , jeden Schmerz dieser schüchternen Frau , die , von dem erhabenen Ernst ihres Gemahls erdrückt , nur an dem sanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbestimmte Gefühlswelt erschließen konnte . Sein Rath , den er stets in ihrem wahren Interesse ertheilte , machte ihn zum wohlthätigen Dolmetscher zwischen den beiden sich so ungleichen Ehegatten . Der Graf Dorset , der , in die Interessen seiner hohen Hofstelle vertieft , sich gar nicht in die schüchternen Anforderungen seiner Gattin finden konnte , da sie ihm mehrentheils unverständlich blieben , fühlte sich durch seinen Schwager , dessen ausreichendem Schicklichkeitsgefühle er vertrauen durfte , der Sorge enthoben , seine Gewahlin verstehen zu müssen . Was sie wünschte , erfuhr er meist durch ihn , denn aus ihrem eigenen Munde ging eine solche Mittheilung stets so von Nebengedanken und Gefühlen verwirrt hervor , daß der gute Lord , trotz einer höflichen Anerkennung ihrer Rechte , doch selten im Stande war , in seinen Antworten ihr Genüge zu thun , wodurch ihr wieder auf lange die Lippen versiegelt wurden und der Gemahl sich leicht für beunruhigt in seiner Pflichterfüllung ansehen konnte . Die Erziehung seiner beiden Töchter hätte offenbar seinen Blick häufiger auf seine Häuslichkeit richten müssen , wären ihm nicht dieselben , da ihre Geburt ihn zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getäuscht hatte , herzlich gleichgültig gewesen . Seine Gemahlin schien ihm , außer dem Fehler , keinen Sohn geboren zu haben , die leidlichste Gefährtin , die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wünschen könnte . Er folgerte , unter ihrer Leitung müßten die beiden Töchter sich ihr ähnlich bilden , und so war er fertig und außerdem überzeugt , daß Lord Ormond für einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen würde . Er war