der Sünde aufwerfe . Aber sie ist einmal da , durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Höchsten . Sie ist so wirklich , so ewig und ursprünglich , wie das Gute . Jeder Mensch muß dieses Messer in seiner Seele fühlen , wodurch sie erschüttert , gelockert , und zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird . Gott will nicht die Rechtfertigen , er will die Reuigen . Dieses Finstre als etwas Zufälliges zu behandeln , zu meinen , daß man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch Gegenwehr verhindern könne , ist ein bodenloser Wahn . Es ist nicht wahr , daß er die Seele zerstört , nur das Irdische , Nichtige in ihr frißt der glühende Atem seines Mundes , dann ersteht , vom Regen der Bußetränen befeuchtet , in der warmen Asche die grüne Saat des Glaubens und der Hoffnung . Sind aber die Kräfte in dem nichtigen Kampfe gegen das Übermächtige vergeudet , erfolgt dann doch der Fall , so möchte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und reifen können , und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgültigkeit übrig , woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht . Darum lehrt auch meine Kirche , welche in allen Stücken die von den Toren verspottete Königin der Weisheit ist , nicht : Hüte dich vor dem Bösen ; sondern : Glaube an den allbarmherzigen Gott , an den Erlösungstod , an die Fürbitte der Heiligen , an die Unnachsichtlichkeit der Beichtpflicht , an die reinigenden Flammen des Fegfeuers . Es gibt Neigungen , die verboten sind . Süße Lippen und Augen locken ; in den Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt , außer der es für den Liebenden keine zweite gibt . Ich habe nun immer gefunden , daß diejenigen sich gründlicher von einer Verirrung herstellten , welche gefallen waren und mit herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den Schoß warfen , als die , welche sich in innerlichen Kämpfen und Krämpfen abarbeiteten , denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebüßter Leidenschaften in der Seele zurückblieben . O auch hier ist dem , der nur sehen will , der Weg gewiesen , auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde entgegen , der nur nicht in eigensinniger Verstocktheit von der Dürre des Protestantismus saftige Frucht gewinnen , von den Dornen die Feigen lesen will ! Ja , mein Freund ... « Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede , nach Hermann fragend . Er ging , im Innersten empört über die frevelhaften Reden des Priesters , und wurde nach dem Garten-Lesekabinette gewiesen . Die Fürstin empfing ihn trauig und leidend . » Das kleine Zimmer ist noch so lieblich , wie sonst « , sagte sie . » Da liegen meine guten Bücher , draußen blühen die Staudenrosen , die Büsten der Dichter sehn von ihren Postamenten herab . Und doch schwankt der Grund unter uns , und die Welt blickt mich verschwommen an , wie ein Traum . Wenn man uns von Haus und Hof triebe ! Ich weiß alles ; der Herzog hat seinen Kummer nicht länger bemeistern können . Wie ist das ? Sagen Sie mir ' s ; ich begreife die ganze Sache nicht . Warum sollen wir nicht bleiben können , wo unsre Voreltern waren ? « Hermann wollte einige beruhigende Worte reden ; sie unterbrach ihn aber und sagte mit erstickter Stimme : » Gott sendet uns die Trübsale , er gebe uns die Kraft , sie zu ertragen . Ich ließ Sie rufen , um Ihnen etwas zu sagen , was mir lange auf der Seele lastet , und nun fehlt mir wieder aller Mut . Sie müssen es wissen , vielleicht ist es mir morgen möglich ; kommen Sie um diese Stunde wieder , aber dann reisen Sie gleich , gleich ! « Ihre schönen Hände ergriffen die seinigen . Halb zog sie ihn nach sich , halb drückte sie ihn zurück . Es war ihm , als öffne sich der Boden unter seinen Füßen , ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder . Er war aus dem Kabinette , und wußte nicht wie ? Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche , der auf ihn gewartet zu haben schien , wieder seine Gesellschaft antragen , die Hermann aber ablehnte . Er riegelte hinter sich zu , und ging mit großen Schritten auf und nieder . » Ja , sie liebt mich ! « rief er einmal über das andre aus . Er beklagte diese Verwicklung , er wünschte sich weit hinweg . Keinen Blick wollte er wieder in die gefährlichen Tagebuchblätter werfen , und als er den Entschluß recht fest gefaßt zu haben meinte , nahm er sie doch wieder vor , und las sie noch einmal . Unten am Fuße der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die gebräuchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte , umzuschlagen . Er tat es , und sah auf der Rückseite etwas von andrer Hand geschrieben , aber mit so blasser Dinte , daß er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefärbten Papiere nicht zu lesen vermochte . Im Widerstreite seiner Empfindungen , zwischen Wollen und Nichtwollen hin und her geschleudert , ermannte sich seine Natur plötzlich wie durch einen Ruck zu einem moralischen Vorsatze , durch dessen Ausführung er sich und einer zweiten Person den rechten Weg zu weisen , die Pflicht empfand . Er eilte nach dem Gartenkabinette , schlug sich dort Licht an , und schrieb bis spät in die Nacht , unter der Büste Schillers sitzend , welche schon einmal Zeugin einer edeln Entschließung geworden war , Stanzen nieder , von leren Inhalte wir im folgenden Kapitel zu reden haben werden . Siebenzehntes Kapitel Andern Tages ließ ihn der Herzog rufen . Auch diesen fand er verwandelt , blaß und abgespannt . » Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen und Sie um eine Gefälligkeit zu bitten « , hob der Fürst an . » Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt , der entscheidende Adelsbrief meiner Urgroßmutter bleibt verborgen ; ich habe mit verschiednen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rücksprache genommen ; sie meinen , der tollste , widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar . Werde ich vom Schlosse meiner Väter getrieben , so bin ich vernichtet . Andre verhärten sich dem Unglück gegenüber , und werfen stolz den Nacken empor . Ich bin nicht so stark ; der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt , ich habe ein Vorgefühl , wie das eines Sterbenden . Empfangen Sie in diesen Geständnissen den Beweis meines vollen Zutrauens . Ich wünsche das Unrecht , welches ich etwa zugefügt , gutzumachen , und für den Fall , daß ich aus Glanz und Macht abzuscheiden bestimmt bin , nur versöhnte Herzen hinter mir zurückzulassen . Ich habe um eine Kleinigkeit , um eine Grille , wenn Sie wollen , die Entfernung eines treuen bewährten Dieners zugegeben , auch nach seiner Rückkehr merke ich wohl , daß sein Gemüt verletzt geblieben ist , ich sehe , daß er auf andre Lebenswege sinnt . Er tue , was er will , ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern , aber er nehme , wenn er geht , das Gefühl mit , daß ich nicht schlimm war und nachzugeben verstanden habe . Empfangen Sie hiemit den Hauptschlüssel , der auch die Türe des Archivs öffnet , lassen Sie den Schrank , welcher unsern Hader veranlaßte , aus dem Gewölbe irgendwohin bringen , wo er nicht im Wege steht , sagen Sie dann Wilhelmi , daß die Stelle frei geworden sei , und daß er dort die Umändrungen vornehmen möge , welche ihm belieben . « Der Fürst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel gesprochen , daß Hermann , trotz der Geringfügigkeit des Gegenstandes , um den es sich hier handelte , eine innige Rührung empfand . Mehr um etwas zu sagen , als weil ihm daran gelegen gewesen wäre , es zu erfahren , fragte er den Herzog bescheiden , warum er überhaupt einen so großen Wert auf den unverrückten Stand jenes Schranks gelegt habe . » Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besondern Grund « , versetzte der Fürst . » Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger Neuerungssucht . Wie er die Sachen stellt und legt , so müssen sie stehn und liegen bleiben , und wehe dem Sonnenstäubchen , welches sich unterfinge , störend dazwischen zu kräuseln ! Aber dann fällt ihm auf einmal selbst ein , alles umzukramen , und die neue Einrichtung wird nun , bis sich eine dritte Laune meldet , ebenso streng , wie die frühere gehalten . Ich fürchte , wenn er den Schrank erst aus dem Archive weg hat , so wird ihm das Archiv selbst bald nicht mehr gerecht sein , er fordert dann von mir wohl einen andern Raum , und ich habe wieder Verdruß mit ihm . Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses Schrankes , welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schön ausgelegtes Stück lieb und wert war . Nun weiß man wohl , wie es mit solchen vorzeitigen Dingen sich verhält . Sie werden ihn schwerlich unzertrümmert aus dem Gewölbe bringen ; ich habe gesehn , daß die Würmer ihr Werk an ihm getan haben . Mein Großvater ließ ihn , als die Franzosen in den neunziger Jahren heranrückten , in das Archiv schaffen . Der Feind kam , es gab eine furchtbare widerwärtige Nacht , die dem Greise einen Schlagfluß zuzog . Mein Vater war auf Reisen abwesend , mich hatte der Großvater um sich , ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders lieb . Nun ist mir der Augenblick immer gegenwärtig geblieben , wie er sich mit gelähmter Zunge und starr gewordnen Händen von mir in das Archiv führen ließ . Er deutete auf den Schrank ; er umfaßte ihn mit sonderbarer Gebärde , er wollte mir etwas vertrauen , was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen , seine Hand nicht mehr niederzuschreiben wußte . Bald darauf starb er . Mir aber hat die kindische Erinnerung nicht schwinden wollen , und sie mag denn wohl auch mitgewirkt haben , mich zu bestimmen , daß das altväterische Behältnis nicht von dem Platze gerückt werden sollte , welchen ihm der Großvater offenbar aus Sorge für seine Erhaltung vor der zerstörenden Hand des Feindes angewiesen hatte . Sehr traurig , daß ihn der Tod damals überraschte ; viel bares Geld , welches notwendig bei seinem Absterben vorhanden sein mußte , war verschwunden ; er hat es wahrscheinlich irgendwo für immer den Augen entzogen . So bin ich auch im stillen überzeugt , daß er die Urkunde , welche uns jetzt retten konnte , zum Unheil seiner Nachkommen damals versteckt hat . Doch dies führt uns von der Sache ab , die Sie so bald als möglich ins Werk richten wollen . « Hermann ging in den Marstall und ließ das Pferd satteln , welches ihm der Herzog zur Erkenntlichkeit für seine Bemühungen geschenkt hatte . Heute wollte er aus dem Schlosse scheiden , wo ihm so manches begegnet war . Die Stunde rückte heran , die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gönnen wollte . Mit klopfendem Herzen überlegte er sein Verhalten . Er hatte unter der Büste von Schiller einige Stanzen gedichtet , die aus der tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren . Mit großer Wärme schilderten sie eine leidenschaftliche Situation , gingen dann zu einer Apostrophe an die Heiligkeit der Pflicht über , und schlossen mit schwunghaften Zeilen , welche eine begeisterte Entsagung predigten . Er hatte sie , reinlich abgeschrieben , auf das Postament der Büste gelegt , wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin reden , jedem Gespräche mit ihr vorbeugen , und stumm auf die Verse deuten , in welchen sie seine Gesinnung , und was ihnen beiden not tue , lesen sollte . Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit , und störte seinen ganzen Plan , daß er beim Eintreten die Herzogin schon beschäftigt sah , seine Stanzen zu lesen . » Ich habe da zufällig etwas von Ihrer Hand gefunden , was ja auch wohl kein Geheimnis sein soll « , sagte sie unbefangen . » Es sind recht hübsche Verse , aber so allgemein , daß ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe . Das ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen , daß sie , was wir andern mit blutendem Herzen empfinden , wieder in ein leichtes Spiel auflöset , wobei der Dichter kaum etwas fühlt , wenigstens nicht in unsrem Sinne . Möchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen können . Setzen Sie sich , mein Freund , so darf ich Sie nennen ; wir sind eine geraume Zeit vertraulich nebeneinander hergegangen . Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre Wirtin sein , und sehn Sie mich nicht an , ich bin auch gegen Sie in Schuld . « Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit Zucker . Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schönen Finger zu , und aß , um nur etwas vorzunehmen , denn er war in großer Verlegenheit . » Als Sie in das Schloß kamen « , fuhr die Herzogin fort , » hätte ich Sie anfangs gern entfernt gesehen . Da ich Sie aber näher kennenlernte , segnete ich mein Geschick , welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien . Ich vertraue Ihnen ein Unglück unsres Hauses . Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist hier geschehn . Ich fühlte mich berufen , die verletzte Würde der Familie wiederherzustellen , und doch war ich zu schwach ; ich bedurfte eines männlichen Arms . Diesen werden Sie mir leihen , wie ich hoffe . « Sie erzählte ihm hierauf mit errötenden Wangen die Geschichte von Johanna und Medon , legte den Brief , dessen wir uns aus einem der vorigen Bücher erinnern , auf den Tisch , und sagte ihm den Inhalt desselben , daß er nämlich den Versuch enthalte , die Irrgeführte auf die rechte Bahn zurückzuleiten . Er wußte durchaus nicht zu erraten , wohin das alles zielte , hörte es jedoch nun sogleich . » Wer sollte mein Bote an die Unglückliche sein ? « sagte die Herzogin . » Nur ein zarter , feiner , kluger Mann war imstande , dieses Geschäft zu vollführen . Der Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt ; Wilhelmi hätte alles durch Laune und trübes Wesen verdorben . In Ihnen sah ich die Eigenschaften , die den Freunden fehlten ; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste , welcher der wichtigste ist , der dem Herzoge und mir geleistet werden kann . Ich hätte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen . Aber nach Frauenart tat ich das nicht , ich liebte es , mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn . Ich wollte Sie erst recht tief ergründen , prüfen , ausforschen . Ich suchte jede Gelegenheit , mit Ihnen unter vier Augen zu sein . Wissen Sie , Lieber , daß Walter Scott und das Englische für Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen , als ich Sie zum Korrektor meiner Übersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte . Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen , an dem ich Sie zu meinen Zwecken festhielt . Jeden Tag wollte ich meine Lippen öffnen , und verschob es dann doch wieder . Ich bin Ihnen gewiß oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rätselhaft erschienen . Als Sie abreisten , empfand ich die größte Not . Nun mußte gesprochen werden ; doch ich vernahm , daß Sie wiederkehren würden , und schwieg abermals . Wie durch einen bösen Dämon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben . Ich vergaß die so ernste Pflicht . Ernüchtert , bin ich von meinem Gewissen hart gescholten worden über das Vergessen , über den Leichtsinn , auch über das heimliche und künstliche Betragen gegen Sie . « Sie erhob sich . » Wollen Sie nach dieser Beichte einer Sünderin vergeben ? « sagte sie , liebenswürdig , wie nie . » Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hände legen ? Werden Sie ihn nach der Residenz tragen , sagen , was er nicht ausspricht , handeln , vermitteln , leise , schonend , wie ich es an Ihnen kenne ? Ich bitte Sie darum , machen Sie es mir möglich , daß ich mich als die treue , die helfende Gattin des Herzogs erweise , bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim . « Er empfing den Brief , bejahte nicht , verneinte nicht . » Was ist das ? « sagte er draußen . » Nur eine Absicht war alles ? Aber das Tagebuch ! Das Tagebuch ! « Er nahm abermals die Blätter in die Hand . Zum ersten Male fiel ihm auf , daß das Papier etwas ausgebleicht war , wie von langem Liegen . Hastig blickte er nach der letzten Seite , wo das geschrieben stand , was er bis dahin immer übersehn hatte . Es war eine so unleserlich kleine Hand , und so blasse Dinte , daß es auch jetzt am Tageslichte ihm schwer ward , den Inhalt zu entziffern . Doch gelang es ihm endlich . Wer schildert seine Bestürzung , als er folgende Zeilen in französischer Sprache abgefaßt , lesen mußte : » Ich bin , meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend , über ihr Tagebuch geraten . Vergib mir , Geliebte ! Alles , was von Deiner Hand ausgeht , übt eine magnetische Gewalt über mich ; unwiderstehlich zog es mich ; ich mußte in den Bekenntnissen Deines unschuldigen Herzens blättern . Mein Närrchen ! Was für seltsame Sorgen machst Du Dir über unser Verhältnis , auf welches der Segen der Eltern und die Gnade aller Heiligen , mit denen Du so vertraut umgehst , herniederträuft ! Also den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrängt ? Nun sieh , das könnte einem bescheidnen Bräutigam fast den Kopf verrücken . Laß es gut sein ; er ist groß , und größer , als wir denken . Er kennt keine Eifersucht . Weißt Du den Spruch nicht , daß der Künstler sich am meisten geehrt fühlt , wenn man seiner bei dem Werke vergißt ? Teuerste , schaffe Dir besseres Schreibzeug an . Diese Dinte ist unglaublich flüssig , und Deine Federchen sind viel zu zart für meine rauhe Hand . Nun schiebe ich das Blättchen mit diesem Postskript wieder unter die übrigen . Du wirst es finden , böse werden , ich werde reuig tun , Du wirst großmütig verzeihn , und zuletzt ... ? Hermann . « Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrecken klar . Er erinnerte sich aus dem genealogischen Kalender , was er zwar immer gewußt , aber seither nicht bedacht hatte , daß auch der Herzog Hermann hieß . Nicht also eine in sich selbst entzweite Frau , sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blättern ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben , an denen er völlig unschuldig war . Die erhabnen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Büste abgefaßt worden . Achtzehntes Kapitel Glühend vor Scham und Erbitterung ging er auf und nieder . Es wollte ihn durchaus nicht trösten , daß die Herzogin sich kalt , getreu und fehlerfrei erwies . » Also immer nur Berechnung ! « rief er schluchzend aus . » Und ich das Werkzeug , zum Dienen , Lasttragen und Briefbestellen gut genug ! « Er war eben dabei , das empfangne Schreiben in einem höflich das Geschäft ablehnenden Billette einzusiegeln , als es an seiner Türe klopfte . Es waren die Arbeitsleute , welche er bestellt hatte , um den Schrank aus dem Archive zu schaffen . » Zum letzten Male denn getagelöhnert ! « murmelte er ingrimmig . Er ging mit den Leuten nach dem Gewölbe , und befahl ihnen , hurtig zu sein , er müsse gleich fort . Drinnen setzte er sich zwischen den bestäubten Urkunden nieder und sagte : » Diese Bogen haben ihnen ein ledernes und papiernes Dasein geschaffen , in welchem kein Blut zirkuliert . Man muß ihnen vergeben , denn sie sind selbst am unglücklichsten daran . « Die Arbeiter hatten unterdessen ihr Werk mit Eifer angegriffen . Ob es die Wirkung des letzteren war , oder ob das alte Holzgebäude wirklich das Ziel seiner Dauer erreicht hatte ; genug , die Worte des Herzogs gingen in Erfüllung . Der Schrank knackte , sobald er gerückt wurde , krachte und fiel in sich zusammen . Eine Wolke von Staub und Wurmmehl stieg aus den zerfreßnen Trümmern . Die Arbeiter sahen Hermann bestürzt an . » Ist es doch , als ob ein Feudalthron einstürzt « , sagte Hermann . » Frisch , ihr Leute vom dritten Stande , die ihr gar nicht die Absicht hattet , ihn zu zertrümmern , sondern ihn nur so ein wenig beiseite bringen wolltet , tragt die Stücke hinaus ! « Die Arbeiter beluden sich damit und gingen . Einer sagte : » Da ist eine Türe hinter dem Schranke . « Hermann trat zu der Stätte und scharrte mit dem Fuße in dem liegengebliebnen Staube . Dann fiel sein Blick auf die Türe , welche der alte Schrank verdeckt hatte . Ohne etwas dabei zu denken , zog er an ihr , sie gab nach , und eine tiefe gemauerte Nische in der Wand wurde sichtbar . Er sah , daß sich Gegenstände darin befanden , die er bei dem Dämmerlichte , welches im Archive herrschte , nicht unterscheiden konnte . Er griff hinein und fühlte an große , gereiht aufgesetzte Geldbeutel , so schwer , daß er sie kaum zu heben vermochte . Erschrocken zog er die Hand zurück . Ihm flog durch den Sinn , was der Herzog von dem Fehlen des baren Geldes bei dem Tode des Ahnherrn gesagt hatte . » Großer Gott ! Wo das gesteckt hat , kann mehr sein ! « rief er überlaut . Er ging umher , und suchte sich zu sammeln , seine Brust keuchte vor Erwartung . Er hauchte auf sein Tuch , und drückte es an die Augen , die doch nicht weinten . Er bat Gott , daß ihm die allerhöchste Freude seines Lebens nicht wie ein Schatten vorüberschweben möge . Hierauf streckte er den Arm , schaudernd , als sollte er die Hand zur Feuerprobe auf glühendes Eisen legen , über die Geldsäcke hinweg in die Tiefe der Nische , und zog eine Saffiankapsel hervor , ganz mit Schimmel bedeckt . Er öffnete sie , ein kostbar eingebundnes Pergament lag darin , an welchem das große Reichswappen in goldner Umschließung , durch schwarze und gelbe Schnüre festgehalten , hing . Sein Entzücken war grenzenlos . Er las , so gut er in dieser Verfassung lesen konnte , daß der Kaiser der Maria Sibylla Freundsberg - nicht den Adel gebe , - sondern den in ihrer Familie längst bestandnen , nur in Abnahme gekommnen , lediglich erneuere . Es war die vermißte , schmerzlich gesuchte Urkunde , der Adelsbrief der Ahnfrau , welcher bewies , daß das regierende Geschlecht mit gutem Fug hier waltete , daß kein Vetter ein besseres Recht als jenes gehabt , und ein solches daher auch nun und nimmermehr auf einen Dritten hatte übertragen können . Fürsorglich hatte der Großvater das teuerste Besitztum nebst seinem Gelde hieher vor dem herandringenden Feinde geflüchtet , und den großen Schrank als verbergende Schutzwehr vor die Nische schieben lassen . Stummheit und Tod des Alten hatten das Geheimnis leider auf dreißig Jahre hin bewahrt . Jauchzend flog Hermann aus dem Archiv , dessen Türe weit offengelassen wurde , und stürmte , den Adelsbrief wie eine Fahne schwingend , durch die Gänge nach den Zimmern der Herzogin . Unangemeldet trat er ein , und hielt ihr , die erschreckt zurückwich , die Urkunde entgegen . » Die Not ist vorüber , Sie sind gerettet ! « rief er . Der Herzog kam ; das laute Reden hatte ihn herbeigezogen . Schweigend reichte ihm Hermann die Urkunde . Der Herzog überblickte sie , wechselte die Farbe , drückte das Pergament an seine Brust , brach in Tränen aus , und sagte seiner Gemahlin mit stammelnden Worten den Zusammenhang der Sache . Ihr Antlitz verklärte sich , auch sie begann zu weinen . Sie sank zwischen den Männern auf die Knie , faltete die Hände , und ihre lieblichen tränenleuchtenden Blicke erhoben sich bald zum Himmel , bald ruhten sie auf ihrem Gemahle , bald auf Hermann . Dieser stand froh und stolz da , seine Gestalt schien größer geworden zu sein , ein süßes Vergnügen strömte durch seine Brust , er kam sich wie ein wiedergebornes Kind vor . Unbefangen legte er seine Hand auf das Haupt der Herzogin und sagte : » Der Zufall lauert unsern Torheiten auf und erniedrigt uns in ihnen . Aber dann wird auch gleich wieder dafür gesorgt , daß wir nicht zugrunde gehn , daß wir uns selbst finden und fühlen lernen . Ich erfahre es heute . Nun , nach dieser Wendung bin ich imstande , Ihren Auftrag zu besorgen meine verehrte Fürstin . Ich will versuchen , auch von dieser Seite Ihre Kümmernisse zu zerstreun . « Fünftes Buch Die Demagogen Mit wenig Witz und viel Behagen Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz , Wie junge Katzen mit dem Schwanz ! Mephistopheles Erstes Kapitel Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet , daß gute Freunde oder Bekannte , welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte , und welche ihn nachmals mit einem unerwarteten Besuche überraschen wollten , diese Überraschung auf doppelte Weise bewerkstelligten , nämlich auch durch eine verwandelte Persönlichkeit . Nicht selten geschah es , daß der Leichtsinnige ernst , der Muntre schwerfällig , der Rührige bequem geworden war . Da wir aber dergleichen Ändrungen uns nicht vorzustellen vermögen , vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer bleiben , was sie gewesen sind , so geht es bei derartigen plötzlichen Begegnungen nie ohne ein unangenehmes Gefühl ab . Um dem Leser der vorliegenden Denkwürdigkeiten jenes unangenehme Gefühl zu ersparen , müssen wir jetzt ankündigen , daß eine Person , die im Beginne unsrer Erzählung flüchtig vorüberstreifte , nunmehr den Boden derselben in verwandelter Gestalt wieder betritt . Man wird sich noch des Freundes von Hermann erinnern , des Philhellenen , welcher ihn über seine unentschiedne Gesinnung einigermaßen mitnahm , und voll Tatendrang von ihm schied . Dieser junge Mann kam wirklich mit dem Gelde Hermanns bis nach München , wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen wollte , bereit , sein Blut für Hellas zu verspritzen . Dort erkundigte er sich nach dem Mädchen , welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte , um ihr die ihm vertrauten Liebespfänder einzuhändigen . Sie empfing ihn als Freund ihres Freundes , und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im Hause aus und ein . Denn durch ein Zusammentreffen der Umstände mußte es sich fügen , daß er auch mit ihrem Vater gleich vertraut werden konnte . Dieser , ein wohlhabender Mann , besaß ein großes Brauhaus . Er war , sobald sich dort die Vereinigungen zugunsten der unglücklichen Griechen zu bilden begannen , einer derselben als eifriges Mitglied beigetreten . Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz ; man sagt , er habe in Erwägung gezogen , daß so viele an das landübliche Getränk Gewöhnte nach jenen fernen Gegenden auswanderten , und im stillen beabsichtigt , eine Niederlage seines Produktes nahe bei Athen anzulegen . Zu diesem Manne hielt sich der Philhellene , der jenem durch sein entschiednes , feuriges Wesen , und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel . Die Gönner , welche dem Wandrer behülflich sein sollten , waren verreiset ; der Münchner Aufenthalt zog sich in die Länge . Unerwartet , aber sehr willkommen , tat sein neuer Freund ihm den Vorschlag , bei ihm Quartier zu empfangen ; welches dankbar angenommen wurde . Sie unterhielten sich nun , sooft es die Geschäfte des Hausherrn erlaubten , von nichts als von ihren Planen für die Herstellung und Beglückung des den Türken abzunehmenden Landes . Die Zwischenzeiten füllten Gespräche mit Fränzchen aus . Dieses gute , muntre , hübsche Kind hatte doch im stillen einige Tränen vergossen , als Hermann aus Scherz Ernst machte , und ihr die Andenken zurücksandte . In solchen Stimmungen sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten , einer neuen Empfindung Gehör zu geben . Sie bemerkte daher nicht so bald , daß die Blicke des Philhellenen ihr zu folgen anfingen , als die ihrigen die Gefälligkeit bezeigten , sich finden zu lassen . Den Herzen , die zueinander strebten , folgten binnen kurzem die Hände und die Lippen , und mit dem feierlichen Schwure von seiten des Liebhabers , daß sie sein zukünftiges Eigentum am Öta als Hausfrau schmücken solle , ward der Bund geschlossen . Nun begannen für den Philhellenen Tage , die , wie er zu Franzisken sagte , ihm eine neue Welt öffneten . Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze Menschheit ; er schwärmte mit dem Vater und koste mit der Tochter . In dieser Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswürde entwickelt , rief er hundertmal des Tages aus . Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war , blieb er noch bei Fränzchen , wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so steigerten , daß Worte denselben unmöglich mehr genügen konnten . Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine natürliche Folge , worüber der Philhellene so erschrak , daß er , als Fränzchen sie ihm mit trauriger Miene zuflüsterte , wie vom Donner gerührt , dastand . Denn er , versenkt in seine großen Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung ,