können . Sie waren verwundert , meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken , und wir gingen nach Italien . Es giebt wohl keinen Schmerz des Lebens , der sich unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fühlte . Unser eigenes reges Dasein , unser persönliches Schicksal scheint uns kleiner da , wo eine große Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste , erhabene Sprache zu uns redet , und ich fühle , ich wäre in Italien ruhiger geworden , wenn es möglich wäre , daß eine Mutter aufhören könnte , ein verlornes Kind zu beweinen . Ich vermochte Dübois , fortwährend geheime Nachforschungen anzustellen , und ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Mißlingen derselben , denn wenn er nun auch das kaum denkbare Glück gehabt hätte , meinen Sohn aufzufinden , mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch vertrauen , und würde mir nicht dieses späte , erzwungene Bekenntniß noch gewisser Ihre Liebe rauben , als ein freiwilliges vor unserer Verbindung ? Und je mehr Jahre verflossen , je ängstlicher mußte ich mir die Frage wiederholen , wenn ich nun endlich einen Sohn wiederfände , erwachsen unter fremdem Einflusse , ob er mir dann noch die Kindesliebe bieten könne , nach der mein einsames Herz sich sehnte , und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen würde , durch das Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir fremd . Diese nie ruhende innere Qual war der Grund , weßhalb meine Gesundheit sich nie wieder befestigte , und Sie mußten die Hoffnung , Vater zu werden , aufgeben und entbehrten um meinet Willen auch dieß Glück , wie beinah jede andere Freude des Lebens , und ich mußte mir gestehen , daß ich mit der innigsten Neigung , mit der zärtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe , als Sie um jede Hoffnung und um jede schöne Heiterkeit des Lebens zu bringen , da Sie in einer andern Verbindung wahrscheinlich glücklicher gewesen wären . Mit zitternder Hand und mit unsäglichen Thränen habe ich diesen Blättern die ganze Tiefe meines Unglücks vertraut , und Ihr schönes Herz wird die Fehler und Irrthümer verzeihen , die unser Leben getrübt haben , und mit Rührung der treuen Gefährtin gedenken , deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglücken konnte , weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte . VI Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen und er blieb an dem Tische sitzen , auf welchen er die Ellenbogen stützte , das Gesicht in beide Hände senkend . Es stürmten so viele verworrene Empfindungen durch sein Herz , daß sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte , um sich darüber zu erheben . Das schreckliche , unverschuldete Unglück seiner Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele ; aber diesem Gefühle war dennoch eine mißmüthige Beschämung beigesellt , wenn er sie sich im Gefängnisse unter dem Volke oder wahnsinnig dachte . Das Schicksal des hingerichteten Gemahls , seines eigenen Freundes , erpreßte ihm Thränen , und dennoch wendete sich seine Seele mit Widerwillen ab , wenn er die Wittwe dieses Unglücklichen als seine Gattin denken wollte . Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die wehmüthige Betrachtung in ihm erweckt , daß er in der That nie glücklich gewesen sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen , aber immer betäubt habe , durch Reisen , durch Studien , durch Gesellschaften . So drängt sich mir denn auf einmal die vernichtende Klarheit auf , dachte er innerlich , daß ich mein ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe ; eine krankhafte Leidenschaft bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben , die ich niemals wahrhaft besessen habe , die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte , dessen Bild noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt . Sie wurde nicht Mutter , um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren , und ihre mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes , mir fremdes Wesen , das , wenn es noch lebt , vielleicht in niedrigen Verhältnissen erwachsen , die Mutter beschimpft , die es geboren , und mich zugleich , der ich mit dieser Frau verbunden bin . Ja ich bin sehr , sehr unglücklich , sagte er endlich laut , und seine Thränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder . In dieser kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen , bis er endlich sich mit männlicher Kraft erhob und edlere , großmüthigere Empfindungen Raum in seiner Brust gewannen . So zahle ich denn , wie jeder Andere , sagte er mit Bitterkeit zu sich selbst , den Tribut der menschlichen Schwäche ; ich denke mit Selbstsucht nur an mich ; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden , die ich in dieser Verbindung durchlebte , und den Schmerz der unglücklichen Frau , die mir endlich ihren Kummer vertraut , wie die Angst , mit welcher sie erwartet , welchen Eindruck dieß Bekenntniß auf mich machen wird . O ! Wohl hattest Du Recht , Du Arme , die Du meine Schwäche kennst , zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten , das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt . Und könnte ich denn , fragte er sich , noch jetzt , ohne zerstörenden Schmerz , die Verbindung mit dieser Frau aufgeben ; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten , wenn der Tod sie mir entrisse ? Habe ich jemals einen Menschen gekannt , der meine Eigenthümlichkeit so verstanden , mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt hätte , als sie ? Kann ich dieß Wesen aus meinem Leben hinweg denken , ohne das Leben von allem Reize für mich zu entblößen ? Und was ist es denn nun eigentlich , was mein Herz von ihr abwenden will ? Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines unglücklichen Freundes , und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewußt nur dadurch erzeugt , daß die Seele beschimpfende Verbrechen und öffentliche Hinrichtung immer verbunden denken will . Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen , und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten , wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt , alle Dämme , die Sitte , Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben , brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt ? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet , setzte er mit Wehmuth hinzu , und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen , ohne den eignen Werth zu verlieren ? Blieb nicht in ihrer Seele , neben ihrem Kummer , Raum für jede edle Empfindung , und bin ich klein genug , diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen ? Und ist es denn nicht möglich , daß noch Alles besser wird ? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen , an meiner Brust wird ihr lange gepreßtes Herz nun freier schlagen , ich kann kräftiger , als sie es vermochte , die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen , dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist , der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschönern kann . Nein , ich bin nicht unglücklich , schloß der Graf sein langes Selbstgespräch , und neuen Muth und neue Hoffnung drückten seine edeln Züge aus , und mild leuchteten die noch von Schmerzensthränen feuchten Augen . Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt , es äußerlich ruhig zu erwarten , ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde , nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn . Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen , leidenschaftlichen Gebet die Hände , sie krampfhaft fest in einander schließend , und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens , wenn sich das Herz des Grafen , durch ihr langes Schweigen beleidigt , von ihr abwenden sollte . Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt , und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie , im Vorzimmer des Grafen zu erkunden , ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei , aber ihn auf keinen Fall zu rufen . Emilie berichtete , der Graf sei in seinem Kabinet und kein Laut vernehmbar . Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück . Der Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender ; Fiebergluth und Leichenblässe wechselten auf ihrem Gesichte , und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers . Als Emilie zum fünften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde , nahm sie sich vor , den Grafen auf jeden Fall zu sprechen , um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen , und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Thüre , als er sein Kabinet öffnete . Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit : Was macht meine Gemahlin ? Sie lebt , erwiederte die weinende Emilie , aber ihr Zustand - - Er hörte nichts mehr ; das eine Wort hatte ihm genug gesagt , um ihn mit höchster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen . Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück , und die flehenden Augen der Gräfin , ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der schmerzlichsten Wehmuth . Mein theures , mein geliebtes Weib ! rief er aus , indem er sie in seine Arme schloß . So hast Du mir vergeben ? sagte die Gräfin mit kaum hörbarer Stimme . Es war das erste Mal , daß sie ihren Gemahl mit Du anredete , und diese einzige Sylbe , die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu vernehmen , rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf ' s Innigste . Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken , die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende Gespräche zu vermeiden . Die leidenschaftlichsten Ergüsse des Herzens , die zärtlichste Selbstanklage , die großmüthigste Vergebung wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab , und der Arzt würde befürchtet haben , daß der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreißen müßte . Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen , aber der Balsam des Trostes senkte sich mild in ihre Brust . Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes , der die Bilder eines glücklichen , genußreichen Lebens vor ihr entfaltete , aber selbst in dieser Aufregung des Gemüths Besonnenheit genug behielt , keine Hoffnung erregen zu wollen , daß der verlorne Sohn noch gefunden werden könnte ; denn ob er sich gleich vornahm , die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen , so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken , die er vielleicht niemals erfüllen könnte . Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen , und die Ruhe , die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat , die das Herz der Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte , wirkte höchst vortheilhaft auf ihre Gesundheit ; sie versprach dem Grafen , sich zu schonen und , um sich für ihn , zu dessen Glück sie nothwendig sei , zu erhalten , den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten . Getröstet , indem er Trost ertheilte , verließ der Graf , mit sich zufrieden , das Gemach seiner Gemahlin , nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte . Im Vorzimmer traf er Dübois , der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort über den Zustand der Kranken vernehmen wollte . Dem Grafen flogen schnell , wie er den alten Mann erblickte , alle Bilder dessen , was er gethan und gelitten , vor den Augen des Geistes vorüber , und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung ängstlich betrachteten , rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen : Mein guter alter Dübois ! und streckte ihm die Hand entgegen , die der alte Mann faßte , um sie zu küssen ; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt . Der Haushofmeister wußte nicht , wie ihm geschah , und er stand und sah dem Grafen noch nach , als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte . Am andern Morgen , als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besänftigt waren , ließ der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit höchster Güte : Ich weiß es jetzt erst , mein guter Dübois , wie Viel ich Ihnen schuldig bin ; die Gräfin hat es mir vertraut , was Sie für sie gethan und gelitten , und daß ich außer der Erhaltung ihres mir so theuern Lebens Ihnen vielleicht noch große Summen schuldig bin , die Sie ausgelegt und nicht zurückerhalten haben ; lassen Sie uns also darüber nun aufrichtig sprechen , damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren , wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können . Der alte Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an , und Thränen traten in die gutmüthigen Augen und flossen über die gefurchten Wangen . So ist mir denn endlich der Trost geworden , rief er aus , daß die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat , und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen . Ja , gnädiger Herr Graf , fuhr er fort , wir haben Viel , entsetzlich Viel gelitten , und ich kann nicht zweifeln , daß Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur deßhalb erhalten hat , damit ich der unglücklichen Frau nützlich sein konnte ; dieß ist mir gelungen , und dafür danke ich dem Himmel täglich . Was ich damals an Geld ausgegeben , ach gnädiger Herr Graf ! Welches Herz hätte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken , oder die armseligen Summen zählen können ; doch bin ich überzeugt , daß die Frau Gräfin mir Alles längst vielfach ersetzt hat , und ich habe in dieser Rücksicht nichts zu fordern . Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen , sagte der Graf gerührt , so geben Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns , dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben . Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen ? fragte der Haushofmeister lächelnd . Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will , sagte der Graf , indem er die Hand des alten Mannes drückte . So hoch mich dieß Wort auch ehrt , versetzte Dübois mit großer Bescheidenheit , so erlaube ich mir doch zu bemerken , daß ich nicht einzusehen vermag , worin meine Erniedrigung bestände , wenn ich bei meiner gewohnten Beschäftigung bleibe . Ich glaube , es hängt von der Art ab , wie ein Geschäft betrieben wird , ob es edel oder unedel zu nennen ist , und wenn die wichtigsten Aemter im Staate mit knechtischer Seele , bloß des eigenen Gewinns wegen , verwaltet werden , ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung für den Monarchen , so ist derjenige , der sie ausübt , mag er äußerlich so hoch stehen , wie er will , doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen ; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme , und wenn mein treues Auge darüber wacht , daß bei Ihrem großen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben , unendlich viel Gutes zu thun , so habe ich Antheil an allem Guten und Großen , was auf diesem Wege erreicht werden kann , und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt . Sie haben Recht , sagte der Graf , durch die Wahrheit in den einfachen Worten des alten Mannes überrascht . Handeln Sie ganz , wie Sie wollen , nur versprechen Sie mir , keine Anstrengung zu übernehmen , die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig sein könnte . Der alte Mann versprach dieß willig und sagte dann : die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden . Er wird gewiß einmal ein ausgezeichneter Gelehrter , daran läßt sich bei seinem großen Fleiß gar nicht zweifeln , und er war schon ein halber Student , als sein edler Beschützer sich seiner annahm . Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge genommen , daß er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste leistete , die dieser bedurfte , so lange ihm die Mittel fehlten , es anders einzurichten , und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten , der solcher Liebe fähig war ? Sie haben Recht , sagte der Graf , und ich freue mich , so oft ich den jungen Menschen in der Bibliothek antreffe . Seine Bescheidenheit , sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung , die er früher gehabt , und sobald mein Vetter zurückkommt , wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen . Der Haushofmeister fühlte sich für alles , was er jemals gethan , durch dieß Wort des Grafen mehr als belohnt , der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte , und seine Liebe wuchs in dem Maße , wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete , ihm eröffnend , daß er entschlossen sei , dem Schicksal des jungen Evremont auf ' s Eifrigste nachzuforschen und , wenn er ihn gefunden , ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten . Der alte Dübois gab alles an , was nur irgend auf eine Spur führen konnte , um den Verlorenen zu entdecken , und zerfloß beinah in Thränen , weil er dadurch gezwungen war , alles erlittene Unglück der Familie Evremont sich in ' s Gedächtniß zurückzurufen . Der Graf suchte ihn , nicht ohne eigne Rührung , zu trösten , und Beide kamen darin überein , daß vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müßten , damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe , durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so tiefer verwundet werden müßte . Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt , und der Graf eilte , sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen . Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen , und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung . Die Gräfin hatte in dieser ernsthaften Krankheit , wie er meinte , allen Eigensinn verloren , sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmäßig , und der Graf war so zärtlich besorgt , daß er den Arzt immer wieder angelegentlich bat , ja alle Sorgfalt für ihre Wiederherstellung anzuwenden . Schon den nächsten Abend hatte St. Julien den Trost , eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen , Emiliens und ihrer Freundin Therese zubringen zu dürfen , und die Kranke war zwar sehr ermattet , aber so ruhig und heiter , wie er sie nie gesehen , und die innige zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam , daß früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte . Die unermüdete Sorgfalt des Arztes , verbunden mit der größeren Ruhe des Herzens , welche die Kranke jetzt genoß , hatte bald jede Gefahr entfernt , und die Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden außer dem Bette verweilen ; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu , und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich , das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen . Dieß war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen , und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Thalheim , seine Tochter und auch den Prediger eingeladen . Der Arzt hatte sich im Stolz über die Genesung der Gräfin , die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete , ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemaßt , welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen ließ , und so begleitete er sie nach dem Speisesaale , wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung , als dem Leben wiedergegeben , begrüßt wurde . Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre Nähe , nicht , wie er versicherte , aus thörichtem Hochmuth , sondern seiner Pflicht gemäß , damit er ihr die Speisen widerrathen könne , die ihm schädlich dünken würden ; er übte aber eine so strenge Kritik , daß er der Gräfin beinah nichts erlaubte zu berühren . Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen , als aber die Tafel beendigt war , sagte sie scherzend : Aber , lieber Herr Doktor , Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren , wie der Arzt mit dem Sancho Pansa , nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel geworden war , und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich , als ihm . Niemand konnte begreifen , weßhalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte , daß er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen , die im Zorn feurig blinkten , rief : Ich weiß , es herrscht jetzt die sonderbare Mode , die von müßigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten zu mischen , aber niemals hätte ich geglaubt , daß ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte . Vergeblich bemühte sich St. Julien ihm deutlich zu machen , daß ihn Niemand mit dem edeln Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe , sondern mit dessen gelehrten Arzt . Er blieb zornig und antwortete nicht mehr , bis der Graf selbst ihm ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte , an diesem schönen Tage versöhnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken ; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen , aber man sah , daß er immer noch Verdruß im Herzen hegte . Der Graf erhob jetzt sein Glas , indem er sagte : Und nun auf Ihr Wohl , liebster Herr Doktor , dessen Kunst und treuer Sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken . Jetzt schwanden die Wolken des Verdrußes von seiner Stirn , und er blickte wie ein siegender Held umher . Nachdem die Tafel aufgehoben war , trat die Gräfin zu ihm und sagte : Sie müssen mir heute , da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle , einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken nicht verschmähen . Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an , der die Brillanten , die nun an seinem Finger glänzten , mit demselben Gefühl betrachtete , wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen . Der Graf trat nun hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose , weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte . Emilie näherte sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche , Therese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar , und St. Julien überreichte ihm , trotz seines , beinah zu großen Abscheus gegen alles Tabackrauchen , eine so außerordentlich verzierte , schöne Tabackspfeife , daß dieß Geschenk des Werthes wegen zwar ernsthaft , der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien . Der Arzt blickte in verlegener Freude umher ; Stolz über seine anerkannten Verdienste , dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude über den Werth der Geschenke bestürmten sein Herz dermaßen , daß ihm Thränen in die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte , die ihm schicklich dünkten , seine Gefühle auszudrücken . Er küßte rasch hinter einander die Hände aller Damen , und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküßt haben , wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt hätte , wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde . Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen , daß die frühere Spannung , die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte , völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war . Er sah es leicht ein , daß die Krankheit der Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei , aber eben so wenig , wie er begreifen konnte , wodurch dieß Zusammentreffen so erschütternd gewirkt habe , vermochte er einzusehen , wie durch diesen öffentlichen Auftritt , der dem Grafen nur unangenehm sein konnte , eine größere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden . Er konnte sich ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken , denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen , weil Emilie , Therese und St. Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten . Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar , faßte sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin , den die zärtlichste Anhänglichkeit ihr bereitet hatte , und gestand sich innerlich , daß das Leben noch Reiz für sie haben könne , und daß selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe , da ein treues Herz ihn mit ihr theilte , und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wußte . Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt , so daß Allen unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat . Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrüßte den Neuangekommenen ; doch wurde diese sogleich gemäßigt , als man die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm , wodurch ein erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet wurde . Mit sichtbarem Gefühl bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung ; ein Strahl wehmüthigen Entzückens leuchtete in seinen Augen , als er Theresens Hand küßte , welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte , mit gleichem Feuer erwiederte er St. Juliens stürmische Umarmung , und mit kindlichem Gefühl die väterliche Begrüßung des Obristen und seines Oheims . Was macht Ihr Vater , theurer Vetter ? fragte dieser halb leise . Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben , sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme ; ich glaubte , Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten . Nein , erwiederte der Graf mit Bestürzung , mir ist Ihr Unglück völlig fremd , und es erschüttert mich um so mehr , da es mich daran erinnert , wie nahe daran ich selbst war , den schmerzlichsten Verlust zu erdulden . Jedermann fühlte , daß es unschicklich sein würde , in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen . Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die Gesellschaft trennte sich früher , als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen wäre . Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte , kam ihm ein junger Mensch entgegen , in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte , bis er sich laut weinend in seine Arme warf . Freudig überrascht , drängte ihn der junge Graf von seiner Brust zurück , um ihn zu betrachten . Nein ! rief er endlich aus , nimmermehr hätte ich geglaubt , daß wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vortheile verändern können ; sage mir doch , wie hast Du es angefangen , daß Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast . Wenn das ist , sagte der junge Mensch , so kommt es wohl daher , daß mir Herr Dübois so außerordentlich gute Kleider hat machen lassen ; die Frau Gräfin hat mir die feinste Wäsche geschenkt , und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr , damit ich , wie er sagte , meine Studien regelmäßig einrichten könne ; dabei habe ich noch alles Geld , das Sie mir schenkten . Das ist Alles ganz gut , sagte der junge Graf , aber woher hast Du den Anstand , die vortreffliche Haltung . Das kommt denn wohl , meinte sein junger Freund lächelnd , von dem lustigen Herrn St. Julien , zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat , und der mich nun , seit das Leben der Gräfin außer Gefahr ist , täglich vexirt und mich dabei tanzen , reiten und fechten lehrt . Ich versichere Sie , fuhr er , plötzlich in Rührung übergehend , fort , hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen , die Bedienten abgerechnet ; aber Herr Dübois meint , die wären beinah nirgends so gut , wie sie oft in Büchern geschildert werden , und verzeihen Sie mir , wenn auch Herr Dübois nicht so vornehm ist , als sie Alle , so ist er gewiß einer der Besten hier im Schlosse . Ich glaube es Dir , erwiederte der junge Graf , und es schmerzt mich , daß ich ihm früher Unrecht gethan habe ; ich sehe , er handelt wahrhaft väterlich gegen Dich . Sie haben das rechte Wort ausgesprochen , erwiederte der Jüngling ; wie ein Vater sorgt er für mich , und der Rath , den er mir giebt , ist jedes Mal so weise , daß ich blind vor Undankbarkeit sein müßte , wenn ich ihn nicht befolgen wollte . Es war hier eine trübe Zeit im Hause , so lange die Gräfin so gefährlich krank war .