Bettine oder Schatz usw. - dies Buch schenk ich Dir . Am 16. Oktober Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis , Du mußt mir aber auch Nachricht geben , ob es unbeschädigt angekommen , und ob es Dir gefällt ? - Sag mir , was Du Lobenswertes daran findest , damit ich ' s dem sehr armen Maler wiedersagen kann . Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit jungen Aufschößlingen der Kunst , einem jungen Baumeister in Köln , ein Musiker von achtzehn Jahren , der bei Winter Komposition studiert , reich an schönen Melodien , wie ein silberner Schwan , der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flügeln singt . Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen , er heißt Lindpaintner , doch sagt Winter , er wird diesen Namen zu Ehren bringen . Ein junger Kupferstecher , der bei Heß in München studiert . Beiliegendes radiertes Blättchen ist von ihm , es ist der erste Abdruck , noch verwischt und unzart , auch ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt , indessen scheint mir ' s nicht ganz ohne Verdienst , er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur aufs Kupfer gearbeitet ; wenn Dir ' s gefällt , so schick ich ein reineres , besseres , mit mehr Sorgfalt gepackt , das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken . - All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu , und ist mir eine angenehme Würde , als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu werden , ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen ; wie daß aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht , wie Duft der Lüfte , wie Kraft der Erde , wie Drang der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten , wie die wahre Ästhetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege , wie Reif , Tau und Nebel , Regenbogen , Wind , Schnee , Hagel , Donner und die drohenden Kometen , die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen . Der Gott , der den Winden Flügel anbindet , der wird sie ihrem Geist auch anbinden . Am 15. Oktober Merkst Du denn nicht , daß mein Datum immer zurück , statt vorwärts geht ? - Ich habe mir nämlich eine List ausgesonnen ; da die Zeit mich immer weiter trägt und nie zu Dir , so will ich zurückgehen bis auf den Tag , wo ich bei Dir war , und dort will ich stehen bleiben und will von dem : In Zukunft und : Mit der Zeit und : Bald gar nichts mehr wissen , sondern dem allen den Rücken kehren , ich will der Zukunft ein Schloß vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren , daß Du nirgends als zu mir kannst . Schreib mir über die Musik , damit ich sie schicken kann , wenn Du sie nicht hast , ich schicke so gern etwas , dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruß , des Sohns gedenke ich auch , Du aber schreib mir an einem hellen Tag ; ich bilde mir immer ein , daß ich Dir unter vielem das Liebste sei . Als Deine Mutter noch lebte , da konnte ich mich mit ihr drum besprechen , die erklärte mir aus Deinen paar flüchtigen Zeilen alles ; » ich kenne ja den Wolfgang « , sagte sie , » das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben , er hält Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum « . - Da streichelte mich diese Hand , die Deine Kindheit gepflegt hatte , und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat , wo Du dabei gewesen warst . Das waren Lieblichkeiten . Bettine Morgen geh ich wieder nach München , da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten wiedersehen . In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schöne Abhandlung über die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden . Sie hatte das eigne Schicksal , jedermann zu ennuyren , wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt , so lese ihn immer um des Zwangs , den ich mir angetan , auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen . Goethe an Bettine Weimar , den 3. November 1809 Wie könnte ich mich mit Dir , liebe Bettine , wollen in Wettstreit einlassen , Du übertriffst die Freunde mit Wort und Tat , mit Gefälligkeiten und Gaben , mit Liebe und Unterhaltung ; das muß man sich denn also gefallen lassen und Dir dagegen so viel Liebe zusenden als möglich , und wenn es auch im Stillen wäre . Deine Briefe sind mir sehr erfreulich , könntest Du ein heimlicher Beobachter sein , während ich sie studiere , Du würdest keineswegs zweifeln an der Macht , die sie über mich üben ; sie erinnern mich an die Zeit , wo ich vielleicht so närrisch war wie Du , aber gewiß glücklicher und besser als jetzt . Dein hinzugefügtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und gebührend begrüßt . Es ist sehr natürlich und kunstreich , dabei ernst und lieblich . Sage dem Künstler etwas Freundliches darüber und zugleich : er möge ja fortfahren , sich im Radieren nach der Natur zu üben , das Unmittelbare fühlt sich gleich , daß er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe , versteht sich von selbst . Ein solches Talent müßte sogar lukrativ werden , es sei nun , daß der Künstler in einer großen Stadt wohnte oder darauf reiste . In Paris hatte man schon etwas Ähnliches . Veranlasse ihn doch , noch jemand vorzunehmen , den ich kenne , und schreibe seinen Namen , vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das interessante Bettinchen , fürwahr , sie sitzt so treulich und herzlich da , daß man dem etwas korpulenten Buche , das übrigens im Bilde recht gut komponiert , seine Stelle beneiden muß . Das zerknillte Blättchen habe ich sogleich aufgezogen , mit einem braunen Rahmen umstrichen , und so steht es vor mir , indem ich dies schreibe , sende ja bald bessere Abdrücke . Albrecht Dürer wäre ganz glücklich angekommen , wenn man nicht die unselige Vorsicht gehabt hätte , feines Papier obenauf zu packen , das denn im Kleide an einigen Stellen gerieben hat , die jetzt restauriert werden . Die Kopie verdient alle Achtung , sie ist mit großem Fleiß und mit einer ernsten , redlichen Absicht verfertigt , das Original möglichst wiederzugeben . Sage dem Künstler meinen Dank , Dir sag ich ihn täglich , wenn ich das Bild erblicke ; ich möchte von diesem Pinsel wohl einmal ein Porträt nach der Natur sehen . Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe , so fühle ich mich gedrungen Dir zu sagen : daß Du doch Dein Naturevangelium , das Du den Künstlern predigst , in etwas bedingen möchtest ; denn wer ließe sich nicht von so einer holden Pythonisse gern in jeden Irrtum führen . Schreibe mir , ob Dir der Geist sagt , was ich meine . Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand , daß ich verschweige , was ich zu sagen keinen Vorwand habe . Ich bitte Dich nur noch durch Übersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in meinem Hause zu spuken . In diesen Tagen ließ sich eine Freundin melden , ich wollt ihr zuvorkommen und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen , da ich die zweite Treppe im Elefanten erstieg , aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze , doch ist mir ' s seitdem angetan , daß ich mich oft nach der Tür wende , in der Meinung , Du kommst , meinen Irrtum zu berichtigen ; durch eine baldige ersehnte Überraschung würde ich mich auch noch der in meiner Familie altherkömmlichen prophetischen Gabe versichert halten , und man würde sich mit Zuversicht auf ein so erfreuliches Ereignis vorbereiten , wenn der böse Dämon nicht grade eingeübt wär , zuvörderst dem Herzen seine tückischsten Streiche zu spielen ; und wie die zartesten Blüten oft noch mit Schnee gedeckt werden , so auch die lieblichste Neigung in Kälte zu verwandeln , auf so was muß man denn immer gefaßt sein , und es ist mir zum warnenden Merkzeichen , daß ich dem launigen April , obschon im Scheiden begriffen , Deine erste Erscheinung verdanke . Goethe An Goethe München , den 9. November Ach , es ist so schauerlich mit sich allein sein , in mancher Stunde ! Ach , so mancher Gedanke bedarf des Trostes , den man doch niemand sagen kann , so manche Stimmung , die geradezu ins Ungeheure , Gestaltlose hinzieht , will verwunden sein . Hinaus ins Kalte , Freie , auf die höchsten Schneealpen mitten in der Nacht , wo der Sturmwind einem anbliese , wo man dem einzigen einengenden Gefühl der Furcht hart und keck entgegenträte , da könnte einem wohl werden , bilde ich mir ein . Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen , blauen Himmel hinträgt und sie endlich von den breiten , mächtigen Schwingen niederschmettern läßt in die volle Blüte der Rosenzeit , das erregt nicht allgemeines Mitleid ; mancher genießt den Zauber der Verwirrung , mancher löst sein eignes Begehren drin auf , ein dritter ( mit diesem ich ) senkt sich neben die Rose hin , so wie sie vom Sturm gebrochen ist , und erblaßt mit ihr und stirbt mit ihr , und wenn er dann wieder auflebt , so ist er neu geboren in schönerer Jugend - durch Deinen Genius , Goethe . Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs : die Wahlverwandtschaften . Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht , um Dein Buch zu lesen , das mir erst vor wenig Tagen in die Hände kam . Du kannst Dir denken , daß in dieser Nacht eine ganze Welt sich durch meine Seele drängte . Ich fühle , daß man nur bei Dir Balsam für die Wunde holen kann , die Du schlägst ; denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Güte , da wußte ich ja , daß Du lebst , und auch für mich ; ich fühlte , daß mir der Sinn mehr geläutert war , mich Deiner Liebe zu würdigen . Dies Buch ist ein sturmerregtes Meer , da die Wellen drohend an mein Herz schlagen , mich zu zermalmen . Dein Brief ist das liebliche Ufer , wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe , ja sogar mit Wohlbehagen übersehe . Du bist in sie verliebt , Goethe , es hat mir schon lange geahnt , jene Venus ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen , und nachdem sie eine Saat von Tränenperlen ausgesäet , da verschwindet sie wieder in überirdischem Glanz . Du bist gewaltig , Du willst , die ganze Welt soll mit Dir trauern , und sie gehorcht weinend Deinem Wink . Aber ich , Goethe , hab auch ein Gelübde getan ; Du scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruß , » lauf hin « , sagst Du zu mir , » und such dir Blumen « , und dann verschließt Du Dich in die innerste Wehmut Deiner Empfindung , ja , das will ich , Goethe ! - Das ist mein Gelübde , ich will Blumen suchen , heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmücken und wenn Dein Fuß strauchelt , so sind es Kränze , die ich Dir auf die Schwelle gelegt , und wenn Du träumst , so ist es der Balsam magischer Blüten , der Dich betäubt ; Blumen einer fernen fremden Welt , wo ich nicht fremd bin , wie hier in dem Buch , wo ein gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt ; ich verstehe es nicht , dieses grausame Rätsel , ich begreife nicht , warum sie alle sich unglücklich machen , warum sie alle einem tückischen Dämon mit stacheligem Zepter dienen ; und Charlotte , die ihm täglich , ja stündlich Weihrauch streut , die mit mathematischer Konsequenz das Unglück für alle vorbereitet . Ist die Liebe nicht frei ? - Sind jene beiden nicht verwandt ? - Warum will sie es ihnen wehren , dies unschuldige Leben mitund nebeneinander ? Zwillinge sind sie ; ineinander verschränkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen , und sie will diese Keime trennen , weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld ; das ungeheure Vorurteil der Sünde impft sie der Unschuld ein . O , welche unselige Vorsicht . Weißt Du was ? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe , jeder glaubt an die gemeine , und so pflegt , so gönnt man kein Glück , das aus jener höheren entspringt oder durch sie zum Ziel geführt könnte werden . Was ich je zu gewinnen denke ! es sei durch diese idealische Liebe ; sie sprengt alle Riegel in neue Welten der Kunst , der Weissagung und der Poesie ; ja , natürlich , so wie sie in einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fühlt , so kann sie auch nur in einem erhabneren Element leben . Hier fällt mir Deine Mignon ein , wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern tanzt . Meine Liebe ist geschickt , verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt , sie wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun . Du nimmst teil an meinen Zöglingen der Kunst , das macht mir und ihnen viel Freude . Der junge Mensch , welcher mein Bildchen radiert hat , ist aus einer Familie , deren jedes einzelne Mitglied mit großer Aufmerksamkeit an Deinem Beginnen hängt ; ich hörte den beiden älteren Brüdern oft zu , wie sie Pläne machten , Dich nur einmal von weitem zu sehen ; der eine hatte Dich aus dem Schauspiel gehen sehen , in einen großen grauen Mantel gehüllt , er erzählte es mir immer wieder . - Wie mir das ein doppelter Genuß war ! - Denn ich war ja selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen , und dieser Mantel schützte mich vor den Augen der Menge , wie ich in Deiner Loge war , und Du nanntest mich Mäuschen , weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten hervorlauschte ; ich saß im Dunkel , Du aber im Licht der Kerzen , Du mußtest meine Liebe ahnen , ich konnte Deine süße Freundlichkeit , die in allen Zügen , in jeder Bewegung verschmolzen war , deutlich erkennen ; ja , ich bin reich , der goldne Pactolus fließt durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab . Nun sieh ! - Solch süßer Genuß von Ewigkeit zu Ewigkeit , warum ist der den Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt ? - Oder warum genügt er ihnen nicht ? - Ja , es kann sein , daß ein ander Geschick noch zwischen uns tritt , ja , es muß sein ; da doch alle Menschen handeln wollen , so werden sie einen solchen Spielraum nicht unbenutzt lassen ; laß sie gewähren , laß sie säen und ernten , das ist es nicht ; - die Schauer der Liebe , die tief empfundnen , werden einst wieder auftauchen ; die Seele liebt ja ; was ist es denn , was im keimenden Samen befruchtet wird ? Die tief verschloßne noch ungeborne Blüte , diese , ihre Zukunft , wird erzeugt durch solche Schauer ; die Seele aber ist die verschloßne Blüte des Leibes , und wenn sie aus ihm hervorbricht , dann werden jene Liebesschauer in erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen , ja , diese Liebe wird nichts anderes sein als der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens , drum klopft uns auch das Herz , und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl ; bald schöpft er mit tiefem Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit , bald kann er mit Windesschnelle kaum alles erfassen , was ihn gewaltig durchströmt . Ja , so ist es , lieber Goethe , ich empfinde jede Minute , in der ich Deiner gedenke , daß sie die Grenze des irdischen Lebens überschreitet , und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit den raschen Pulsen der Begeisterung ; ja , so ist es , diese Schauer der Liebe sind der Atem eines höheren Lebens , dem wir einst angehören werden , und das uns in diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst . Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren , der einer der liebenswürdigsten Familien angehört , deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen . Ludwig Grimm , der Zeichner , machte schon vor zwei Jahren , da er noch gar wenig Übung hatte , aber viel stillen vergrabenen Sinn , ein Bildchen von mir ; für mich hat es Bedeutung , es hat Wahrheit , aber kein Geschick fürs Äußere , wenig Menschen finden es daher ähnlich ; auch hat mich noch niemand über der Bibel eingeschlafen gesehen , im roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle , mit den Grabsteinen und Inschriften rund umher , ich eingeschlafen über der Weisheit Salomonis . Lasse es einrahmen als Lichtschirm und denke dabei , daß , während er Dein Abendlicht in stille Dämmerung verwandelt , ich träumend einer Hellung nachspähe , die den feurigliebendsten der Könige erleuchtet . Des jungen Künstlers Charakter ist übrigens so , daß das übrige Gute , was Du für ihn sagst , nicht anwendbar ist ; er ist furchtsam , ich habe ihn mit List erst nach und nach zahm gemacht , ich gewann ihn dadurch , daß ich mit Lust ebenso Kind war wie er ; wir hatten eine Katze , mit der wir um die Wette spielten , in einer unbewohnten Küche kochte ich selbst das Nachtessen ; während alles beim Feuer stand , saß ich daneben auf einem Schemel und las ; wie es der Zufall wollte war ich gekleidet , gelagert , drapiert . - Mit großem Enthusiasmus für den günstigen Zufall machte er Skizzen nach der Natur und litt nicht , daß ich auch nur eine Falte änderte , so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen , wie ich gehe und stehe und liege ; in die umliegende Gegend ist er gereist , wo schöne anziehende Gesichter sind , er brachte allemal einen Schatz von radierten Blättchen mit , mit schöner Treue , für das Gemütliche , nachgeahmt ; das einfache Evangelium , was ich ihm predige , ist nichts anders , als was dem Veilchen der laue Westwind zuflüstert . Dadurch wird ' s nicht in Irrtümer geführt werden . Beiliegende radierte Blättchen nach der Natur werden Dich erfreuen . Der Musiker ist mein Liebling , und bei diesem könnte ich schon eher in meinen Kunstpredigten über die Schnur gehauen haben ; denn da hole ich weiter aus , und hier schenke ich Dir nichts ; es geht nächstens wieder über Dich her , Du mußt das überströmende unbegriffne Ahnungsgefühl wunderbarer Kräfte und ihrer mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen , nächstens werde ich tiefer Atem holen und alles vor Dir aussprechen . Sehr sonderbar ist es , auch einen Architekten lernte ich früher schon kennen , der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar erscheint ; er verdient es durch frühere enthusiastische Liebe zu Dir . Er machte damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus für Dich , das auf einem Felsen stand und mit vielen erznen Figuren , Springbrunnen und Säulen geziert war . Wieviel hätte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief , es wird sich aber von selbst beantworten , oder ich bin nicht wert , daß Du so viel Herablassung an mich vergeudest . Oft möcht ich Dich ansehen , um Dir Glück in die Augen zu tragen und wieder auch Glück daraus zu saugen , darum höre ich auch jetzt auf zu schreiben . Bettine An Goethe Die Welt wird mir manchmal zu eng . Was mich drückt ? Es ist der Waffenstillstand , der Friede mit allen schauerlichen Folgen , mit aller verruchten Verräterei der Politik . Die Gänse , die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten , lassen sich ihr Recht nicht streitig machen , sie allein führen das Wort . Aber Du , freundlicher Goethe ! Sonnenschein ! Der auch mitten im Winter auf den beschneiten Höhen liegt und in mein Zimmer guckt . - Ich hab mir des Nachbars Dach , das morgens von der Sonne beschienen ist , als ein Zeichen von Dir gesetzt . Ohne Dich wär ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner , der von den Himmelslichtern keinen Begriff hat . Du klarer Brunnen , in dem der Mond sich spiegelt , da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schöpft ; Du Dichter , Freier der Natur , der , ihr Bild in der Brust , uns arme Sklavenkinder es anbeten lehrt . Daß ich Dir schreibe , ist so sonderbar , als wenn eine Lippe zur andern spräche . Höre , ich habe Dir was zu sagen , ja ich hole zu weit aus , da sich doch alles von selbst versteht , und was sollte die andere Lippe darauf antworten ? Im Bewußtsein meiner Liebe , meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du . - Ach , wie konnte doch Ottilie früher sterben wollen ? - O , ich frage Dich : ist es nicht auch Buße , Glück zu tragen , Glück zu genießen ? - O Goethe , konntest Du keinen erschaffen , der sie gerettet hätte ? - Du bist herrlich , aber grausam , daß Du dies Leben sich selbst vernichten läßt ; nachdem nun einmal das Unglück hereingebrochen war , da mußtest Du decken , wie die Erde deckt , und wie sie neu über den Gräbern erblüht , so mußten höhere Gefühle und Gesinnungen aus dem Erlebten erblühen , und nicht durfte der unreife jünglinghafte Mann so entwurzelt weggeschleudert werden , und was hilft mich aller Geist und alles Gefühl in Ottiliens Tagebuch ? Nicht kindlich ist ' s , daß sie den Geliebten verläßt und nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet , nicht weiblich ist ' s , daß sie nicht bloß sein Geschick beratet ; und nicht mütterlich , da sie ahnen muß die jungen Keime alle , deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind , daß sie ihrer nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet . Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich , was aus der Notwendigkeit entsteht , und jenem höheren , was der freie Geist anbaut ; in die Notwendigkeit sind wir geboren , wir finden uns zuerst in ihr , aber zu jenem freien werden wir erhoben . Wie die Flügel den Vogel in die Lüfte tragen , der unbefiedert vorher ins Nest gebannt war , so trägt jener Geist unser Glück stolz und unabhängig in die Freiheit ; hart an diese Grenze führst Du Deine Lieben , kein Wunder ! Wir alle , die wir denken und lieben , harren an dieser Grenze unserer Erlösung ; ja die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Überfahrt harrend durch alle Vorurteile , böse Begierden und Laster hindurch zum Land , da einer himmlischen Freiheit gepflegt werde . Wir tun unrecht zu glauben , dazu müsse der Leib abgelegt werden , um in den Himmel zu kommen . Wahrhaftig ! Wie die ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet , ebenso bereitet sich der Himmel vor , in sich selbsten , in der Erkenntnis eines keimenden geistigen Lebens , dem man alle seine Kräfte widmet , bis es sich von selbst in die Freiheit gebäre , dies ist unsere Aufgabe , unsere geistige Organisation , es kommt drauf an , daß sie sich belebe , daß der Geist Natur werde , damit dann wieder ein Geist , ein weissagender sich aus dieser entfalte . Der Dichter ( Du Goethe ) muß zuerst dies neue Leben entfalten , er hebt die Schwingen und schwebt über den Sehnenden und lockt sie und zeigt ihnen , wie man über dem Boden der Vorurteile sich erhalten könne ; aber ach ! Deine Muse ist eine Sappho , statt dem Genius zu folgen , hat sie sich hinabgestürzt . Am 29. November Gestern hab ich so weit geschrieben , da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter Furcht , und wie ich alle Abend tue , daß ich im Denken an Dich zu Deinen Füßen einschlafe , so wollte es mir gestern nicht gelingen ; ich mußte mich schämen , daß ich so hoffärtig geschwätzt habe , und alles ist vielleicht doch nicht , wie ich ' s meine . Am End ist es die Eifersucht , die mich so aufbringt , daß ich einen Weg suche , wie ich Dich wieder an mich reiße und ihrer vergessen mache ; nun ! Prüfe mich , und wie es auch sei , so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir auch , daß ich Dir mein Tagebuch zuschicke ; am Rhein hab ich ' s geschrieben , ich habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt , wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb , wie ein Bächlein eilend dahinzurauschen über Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin , wo Du gewaltiger Strom mich verschlingst . Ja , ich wollte dies Buch behalten , bis ich endlich wieder bei Dir sein würde , da wollte ich morgens in Deinen Augen sehen , was Du abends darin gelesen hattest ; nun aber quält mich ' s , daß Du mein Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest , und die Lebende liebst , die bei Dir bleibt , mehr wie jene , die von Dir gegangen ist . Verbrenne meine Briefe nicht , zerreiße sie nicht , es möchte Dir sonst selber weh tun , so fest , so wahrhaft lebendig häng ich mit Dir zusammen , aber zeige sie auch niemanden , halt ' s verborgen wie eine geheime Schönheit , meine Liebe steht Dir schön , Du bist schön , weil Du Dich geliebt fühlst . Am Morgen Über Nacht blüht oft ein Glück empor wie die türkische Bohne , die , am Abend gepflanzt , bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte ; aber beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel , so hat sich heute nacht mein Traum blühend zu Dir hinaufgerankt , und eben war ' s am schönsten , Du nanntest mich » Dein alles « , da dämmerte der Morgen , und der schöne Traum war verwelkt wie die türkische Bohne , an der man nachts so bequem das Mondland erstieg . Ach schreibe mir bald , ich bin unruhig über alles , was ich gewagt habe in diesem Brief , ich schließe ihn , um einen neuen anzufangen , ich könnte zwar zurückhalten , was ich Dir über die Wahlverwandtschaften sagte , aber wär es recht , dem Freund zu verschweigen , was im Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht ? - Bettine An Goethe Am 13. Dezember 1809 Ach , ich will dem Götzendienst abschwören ! Von Dir spreche ich nicht ; denn welcher Prophet sagt , daß Du kein Gott seist ? - Ich spreche von Großem und Kleinem , was die Seele irrt . O wüßtest Du , was Dir zum Heile dient jetzt in den Tagen Deiner Heimsuchung ? Lukas XIX. Ich hätte Dir vieles zu sagen , aber in meinem Herzen zuckt es , und schmerzliche Gedanken türmen sich übereinander . Der Friede bestätigt sich . Im Augenblick der glorreichsten Siege , wo die Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte , mahnt Österreich , die Waffen niederzulegen ; was hat es für ein Recht dazu ? - Hat es nicht lange schon tückisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt ? - Da stehen die gekrönten Häupter um diesen Edelstein Tirol , sie schielen ihn an und sind alle von seinem reinen Feuer geblendet ; aber sie werfen ein Leichentuch darüber hin : ihre abgefeimte Politik ! Und nun entscheiden sie kaltblütig über sein Los . Wollt ich sagen , welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen , wer würde mich bemitleiden ? - Ach und wer bin ich , daß ich meine Anklage , meinen Fluch dürfte verlauten lassen ? - Jeder hat das Recht , sich den höchsten Geschicken zu vermählen , dem es so rast im Herzen wie mir , ach ich hab auch zu nichts mehr Lust und Vertrauen ; der kalte Winterwind , der heute stürmt , mit dem bin ich nicht im Widerspruch , der belügt mich doch nicht . Vor sechs Wochen waren noch schöne Tage , wir machten eine Reise ins Gebirg . Wie wir uns dem Kettenwerk der felsigen Alpen näherten , das hat mächtig in mir gearbeitet , die Asche fiel vom Herzen , es strömte Frühlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne . Es war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme , sie neigten im Windesrauschen ihre Wipfel zueinander ; war ich ein Kätzchen , in ihrem Schatten hätte mich des Kaisers Majestät nicht geblendet . - Hier lag ich am jähen Abhang und überschaute das enge Tal , dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische Felswände entstiegen . Ich war allein auf steilster Höhe und übersah unzählige Schluchten , die gefühlvollen Entzückungsprediger waren zurückgeblieben , es war für sie zu steil . - Wären wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen Hand in Hand bedachtsam , langsam , einsam den gefahrsamen Pfad hinab , das waren so meine heiligen Gedanken da oben ; wärst Du dabei gewesen , wir hätten noch anderes bedacht . - Ein Kranz kühlt und steht schön zu erhitzten Wangen ; was willst Du ? - Tannen stechen , Eichen wollen