; er selber hatte beim Antritt seiner Reise noch keine Ahnung von den Dingen , die im Werke waren . Die beiden Künstler schlossen jetzt in der Aussicht auf ihr gemeinschaftliches Ziel sogleich Brüderschaft , und wer hätte nicht Teil an ihrem Glücke nehmen sollen ? Alle sprachen durcheinander aufs lebhafteste von der Sache hin und her . » Ja « , fragte die Pfarrerin , » und der Zug geht wohl bald vor sich ? « » Bald oder nicht ! wie man ' s nimmt ; jeder Tag später macht mir Langeweile ! « rief Raymund , indem er sich ungeduldig auf dem Absatz herumwarf . » In zwei Monaten ist der Termin . « » Da wird man erst ein Pärchen aus euch machen müssen ? « sagte der Pfarrer zu Agnes hin . » Dacht ich es doch ! « rief Raymund , » bleibt mir nur , ihr schwarzen Herrn , mit euren Weitläufigkeiten fort ! Soviel ihr aus den beiden machen könnt , sind sie ja schon . « Er sprach dies halb im Scherz , doch hätte der Pfarrer nicht wissen dürfen , daß er die Geistlichen für etwas Überflüssiges hielt und nie recht hatte leiden mögen . » Wie ? « rief Amandus , » Sie sind , wie ich höre , auch Bräutigam : Sie lassen sich wohl gar nicht kopulieren ? « » Bewahre Gott mich davor ! « antwortete der Bildhauer . » Die Kopula ist schon gefunden . « » So sind Sie ein Heide ? « » Und zwar ein frommer ! « » Doch was sagt Ihre Braut zu Ihrem Vorsatz ? « » Ich habe sie noch nicht gefragt . « » Und « , sagte der Pfarrer , leicht abbrechend , » was spricht lieb Agneschen ? « Sie schaute auf , sie hatte nicht gehört , wovon die Rede war , da sie sich angelegentlich mit Nolten unterhielt . Nach der sonderbaren , beinahe verdrießlichen Wendung , welche das Gespräch der beiden Männer genommen , war es natürlich , daß die Frauen im stillen schon das arme Mädchen bedauerten , das an einen so närrischen und wilden Menschen geraten müssen , und dies Mitleiden verbarg sich endlich gar nicht mehr , als Theobald sich eifriger nach Henrietten erkundigte , und Raymund anfing , mit aller ihm eigenen treuherzigen Lebhaftigkeit zu erzählen , auf welchem guten Fuß er mit ihr lebe , wie sie sich unterhielten , welche Untugenden und » Dummheiten « er ihr schon abgewöhnt , was für Talente an ihr entwickelt habe . Da er zum Beispiel ein leidenschaftlicher Freund vom Kegelschieben sei und es für die gesundeste Motion halte , so habe er sich in den Kopf gesetzt , seine Braut müsse es aus dem Fundamente lernen . Er habe den Unterricht , auf einer unbesuchten Bahn , auch sogleich mit ihr begonnen ; es geschehe ihr zwar einigermaßen sauer , doch zeige sie den besten Willen und werde es mit der Zeit sehr weit bringen . Ferner , weil er wahrgenommen , daß sie mit einer törichten Furcht vor allem Feuergewehr und Schießen gestraft sei , und ihm solche übertriebene Alterationen in den Tod zuwider seien , so habe er sie von dem Lächerlichen dieses Benehmens zuerst theoretisch überzeugt , ihr den Mechanismus einer Flinte , die Wirkung des Pulvers ruhig und ordentlich erklärt und endlich einen praktischen Anfang im Schloßgraben bei der Scheibe gemacht , der aber leider bis jetzt den gehofften Erfolg noch nicht bewiesen . Im Fall es nun , wie das ungeschickte Ding ihn mit Tränen versichert habe , er aber noch nicht glaube , wirkliche Nervenschwäche wäre , so würde er freilich davon abstehen müssen , doch hoffe er es noch durchzusetzen . Die Frauenzimmer , sowie die Männer , konnten nicht umhin , ihr Mißfallen auszudrücken , es gab einen allgemeinen Streit , und Agnes fing an dem Bildhauer im Herzen recht gram zu werden , sie kannte ihn nicht genug und hielt ihn für boshaft ; wie nun ihr ganzes Wesen seit jener Botschaft gewaltsam aufgeregt war , so nahm sie auch den gegenwärtigen Fall heftiger auf als sie sonst getan haben würde , sie glaubte eine ihrer Schwestern von einem Barbaren mißhandelt , die Wange glühte ihr vor Unwillen und ihre Stimme zitterte , so daß Theobald , der diese Ausbrüche an ihr fürchtete , sie sanft bei der Hand nahm und beiseite führte . Raymund hatte , wie ernst es mit den Vorwürfen besonders der Frauenzimmer gemeint sei , gar nicht bemerkt , weil es ihm in der Gesellschaft durchaus an allem Takte gebrach . Sein unruhiger von einem aufs andere springender Sinn war schon ganz anderswo mit den Gedanken , während man ihn über seinen Fehler nachdenklich gemacht und fast verletzt zu haben meinte . Er blickte durch den Tubus in die Ferne und schüttelte zuweilen mit dem Kopf ; auf einmal stampft er heftig auf den Boden . » Ums Himmels willen , was ist Ihnen ? « fragte der Oberst . » Nichts ! « lachte Raymund , aus seinem Traum erwachend , » es ist nur so verflucht , daß ich die Jette jetzt nicht da haben soll ! sie nicht am Schopfe fassen kann und recht derb abküssen ! Sehn Sie , lieber Oberst , eigentlich ist ' s nur die Unmöglichkeit , was mich foltert , die plumpe , physische Unmöglichkeit , daß der einfältige Raum , der zwischen zweien Menschen liegt , nicht urplötzlich verschwindet , wenn einer den Willen recht gründlich hat , daß dies Gesetz nicht fällt , wenn auch mein Geist mit allem Verlangen sich dagegen stemmt ! Ist so was nicht , um sich die Haare auszuraufen und mit beiden Füßen wider sich selber zu rennen ? Wie dort der Berg , der Mollkopf , glotzt und prahlt , recht dreist die Fäuste in die Wampen preßt , daß er so breit sei ! « Hier schlug Raymund ein schallendes Gelächter auf , machte einen Satz in die Höhe und sprang wie toll den Abhang hinunter . » Nun ja , Gott steh uns bei ! so etwas ist noch nicht erhört ! « hieß es mit einem Munde . Aber Nolten nahm sich des Bildhauers mit Wärme an ; er schilderte ihn als einen unverbesserlichen Naturmenschen , als einen Mann , der seine Kräfte fühle , und übrigens von aller Tücke , wie von Affektation gleich weit entfernt sei , und wirklich gelang es ihm durch einige auffallende Anekdoten von der Herzensgüte seiner Sansfaçon die Gesellschaft so weit auszusöhnen , daß man zuletzt nur noch lächelnd die Köpfe schüttelte . Alle gesellige Lust flammte noch einmal auf ; man sprach nun erst recht kordial von Noltens und Agnesens Zukunft ; der Bildhauer hatte sich auch wiedereingefunden , unvermerkt verflossen ein paar Stunden und einige Stimmen erinnerten endlich nur leise an den Heimweg . Die Sonne neigte sich zum Untergang . Das herrlichste Abendrot entbrannte am Himmel und das Gespräch verstummte nach und nach in der Betrachtung dieses Schauspiels . Agnes lehnt mit dem Haupt an der Brust des Geliebten , und wie die Blicke beider beruhigt in der Glut des Horizonts versinken , ist ihm , als feire die Natur die endliche Verklärung seines Schicksals . Er drückt Agnesen fester an sein Herz ; er sieht sich mit ihr auf eine Höhe des Lebens gehoben , über welche hinaus ihm kein Glück weiter möglich scheint . Wie nun in solche Momente sich gern ein leichter Aberglaube spielend mischt , so geschah es auch hier , als der helle Doppelstrahl , der von dem Mittelpunkt des roten Luftgewebes ausging , sich nach und nach in vier zerteilte . Was lag , wenn man hier deuten wollte , der Hoffnung unseres Freundes näher , als einen Teil des wonnevoll gespaltnen Lichts auf zwei geliebte , weit entfernte Gestalten fallen zu lassen , deren wehmütige Erinnerung sich jeden Abend einige Male bei ihm gemeldet hatte . Allein wie sonderbar , wie schmerzlich muß er es eben jetzt empfinden , daß er dem treusten Kinde , das hier in seinen Armen geschmiegt mit leisen Küssen seine Hand bedeckte , und dann ein Auge aller Himmel voll , gegen ihn aufrichtete - nunmehr nicht seinen ganzen Busen öffnen durfte ! Er mußte den Kreis seines Glücks , seiner Wünsche im stillen für sich abschließen und segnen , doch in die Mitte desselben darf er Agnesen als schützenden Engel aufstellen . Die übrigen waren aufgestanden , man wollte gehen . Theobald trennte sich schwer von diesem glücklichen Orte , noch einmal überblickt ' er die Runde der Landschaft und schied dann mit völlig befriedigter Seele . Alsbald bewegte sich der Zug munter den Hügel hinab . Am Wäldchen wurde nicht versäumt , das Echo wieder anzurufen Raymund brachte allerlei wilde Tierstimmen hervor und stellte mit Hussa-Ruf und Hundegekläff das Toben einer Jagd vollkommen dar ; die Frauenzimmer sangen manches Lied , und gemächlich erreicht man das Pfarrhaus , wo die von Neuburg sich sogleich zum Abschied wenden wollen , trotz den Vorstellungen des Pfarrers , der einen Plan , die sämtlichen Gäste diese Nacht in Halmedorf unterzubringen , komisch genug vorlegte . Raymund schloß sich der Partie des Malers an , um morgen von Neuburg aus weiterzureisen . Wenigstens müsse man den Mond noch abwarten , meinte Amandus , und er wollte seine Kalesche , ein uraltes aber höchst bequemes Familienerbstück , inzwischen parat halten lassen . So verweilte man sich aufs neue ; den Männern schien erst jetzt der Wein recht zu schmecken , und Nolten selbst überschritt sein gewöhnliches Ziel . Währenddem hat der Himmel sich umzogen , es wurde völlig Nacht , und Agnes , von seltsamer Unruhe befallen , ließ mit Bitten und Treiben nicht nach , bis man endlich zum letzten Wort gekommen war und die beschwerte Kutsche vom Haus wegrollte . Raymund ritt vor den Pferden her und kaum hatten sie das Dorf im Rücken , so fing er herzhaft an zu singen . Er nahm in seinem frohen Übermut dem Bauernburschen , der nebenher leuchtete , die beiden Fackeln ab und schwang sie rechts und links in weiten Kreisen , indem er sich an den wunderlichen Schatten höchlich ergötzte , die er durch verschiedene Bewegung der Brände in eine riesenhafte Länge , bald vor- , bald rückwärts , schleudern konnte . Sooft es anging kam er an den Schlag und brachte die Gesellschaft durch allerlei phantastische Vergleichungen über seine Reiterfigur zum innigen Lachen . Er war wirklich höchst liebenswürdig in dieser Laune , selbst Agnes ließ ihm Gerechtigkeit widerfahren . Der Maler wetteiferte mit ihm , teils schauerliche , teils liebliche Märchen aus dem Stegreife zu erzählen , wobei sich Theobald ganz unerschöpflich zeigte . Als sie im Wald an einer öden Strecke Ried vorüberkamen , hieß es , hier sei vor vielen hundert Jahren das Herz eines Zauberers nach dessen Tode in die Erde gegraben worden , das dann , zum schwarzen Moos verwachsen , als ein unendliches Gespinst rings unterm Boden fortgewuchert habe . Daraus wäre von dem Riesen Flömer eine unermeßliche Strickleiter gemacht worden , die er gegen den halben Mond geworfen ; das eine Ende sei mit der Schleife am silbernen Horne hängen blieben und nun sei der Riese triumphierend zum Himmel hinaufgeklettert . Agnes erinnerte , im Gegensatz zu solchen Ungeheuern , an eine kleine anmutige Elfengeschichte , die Nolten als Knabe ihr vorgemacht hatte , und so gab jedes einen Beitrag her ; auch die drei andern jungen Leute blieben nicht zurück , vielmehr diese trauliche Dunkelheit schien sie nun erst mehr aufzuwecken . Der Bildhauer fand den Gedanken Noltens , daß , um die romantische Fahrt vollkommen zu machen , Raymund notwendig Henrietten auf seinem Rappen hinter sich haben sollte , ganz zum Entzücken , und sogleich fing er an , die sämtlichen Balladen , welche von nächtlichen Entführungen , Gespensterbräuten usw. handeln , mit Pathos zu rezitieren . Nun war es aber für unsre beiden Liebenden der süßeste Genuß , zwischen alle diesen Spielen einer unstet umherflackernden Einbildung auf Augenblicke heimlich im stilleren Herzen einzukehren und die Gedanken auf das Bild der nächsten reizenden Zukunft zu richten , sich einander mit einem halben Wort ins Ohr , mit einem Händedruck zu sagen , wie man sich fühle , was eines am andern besitze , wieviel man sich erst künftig noch zu werden hoffe . Schon eine Zeitlang hatte Raymund von ferne ein Fuhrwerk zu hören geglaubt ; es kam jetzt näher und eine Laterne lief mit . Es war der Wagen des Barons . Der Herr Förster schicke ihn entgegen , sagte der Knecht mit einem Tone , der eine schlimme Nachricht fürchten ließ . Der gnädige Herr , hieß es , sei schnell dahingefallen , von einem Nervenschlag spreche der Arzt , vor zwei Stunden habe man ihm auf das Ende gewartet , sie möchten eilen , um ihn noch am Leben zu sehn . Welche Bestürzung ! welche Verwandlung der frohen Gemüter ! Schnell wurden die Wagen gewechselt , der eine fuhr zurück , der andre eilte Neuburg zu . Der Baron erkannte bereits den Maler nicht mehr , er lag wie schlummernd mit hastigem Atem . Theobald kam nicht von seinem Bette , er und die einzige Schwester des Sterbenden , eine achtungswürdige Matrone , und ein alter Kammerdiener waren zugegen , als der verehrte Greis gegen Morgen verschied . So hatte Nolten einen andern Vater , es hatte der Förster den würdigsten Freund verloren ; ja dieser durch und durch erschütterte Mann , da ihm zugleich ein neues Glück in seinen Kindern tröstlich aufgegangen war , gewann doch seinem ersten Schmerzgefühl kaum so viel ab , als billig schien , um , wie es sonst in seiner frommen Art gewesen wäre , dankbar und laut eine Wohltat zu preisen , die ihm der Himmel mit der einen Hand als reichlichen Ersatz nicht minder unerwartet schenkte , als er ihm unerwartet mit der andern ein teures Gut entrissen hatte . Was Theobald betrifft , so war ein solcher Verlust für ihn noch von besonderer Bedeutung . Wenn uns unvermutet eine Person wegstirbt , deren innige und verständige Teilnahme uns von Jugend an begleitete , deren ununterbrochene Neigung uns gleichsam eine stille Bürgschaft für ein dauerndes Wohlergehn geworden war , so ist es immer , als stockte plötzlich unser eignes Leben , als sei im Gangwerk unseres Schicksals ein Rad gebrochen , das , ob es gleich auf seinem Platze beinah entbehrlich scheinen konnte , nun durch den Stillestand des Ganzen erst seine wahre Bedeutung verriete . Wenn aber gar der Fall eintritt , daß sich ein solches Auge schließt , indem uns eben die wichtigste Lebensepoche sich öffnet , und ehe den Freund die frohe Nachricht noch erreichen konnte , so will der Mut uns gänzlich fehlen , eine Bahn zu beschreiten , welche des besten Segens zu ermangeln , uns fremd und traurig anzublicken scheint . Wer dieser trüben Stimmung Theobalds am wenigsten aufhelfen konnte , war Agnes selbst , deren Benehmen in der Tat den sonderbarsten Anblick darbot . Sie war seit gestern wie verstummt , sie ließ die andern reden , klagen oder trösten , ließ um sich her geschehen was da wollte , eben als ginge sie ' s am wenigsten an , als werde sie nicht von dieser allgemeinen Trauer , sondern von etwas ganz anderem bewegt . Sie kämpfte mit Erhebung gegen ein Gefühl , das sie mit niemand teilen zu können schien . Dann wieder war ihr Wesen auf einmal feierlich gehoben ; sie griff die gewöhnlichen häuslichen Geschäfte mit aller äußern Ruhe an , wie sonst , aber nur der Körper , nicht der Geist , schien gegenwärtig zu sein . Auf mitleidiges Zudringen des Bräutigams und Vaters bekannte sie zuletzt , daß eine unerklärliche Angst seit gestern an ihr sei , ein unbekannter Drang , der ihr Brust und Kehle zuschnüre . » Ich seh euch alle weinen « , rief sie aus , » und mir ist es nicht möglich . Ach Theobald , ach Vater , was für ein Zustand ist doch das ! Mir ist , als würde jede andere Empfindung von dieser einzigen , von dieser Feuerpein der Angst verzehrt . O wenn es wahr wäre , daß ich meine Tränen auf größeres Unglück aufsparen soll , das erst im Anzug ist ! « Sie hatte dieses noch nicht ausgesagt , als sie in das fürchterlichste Weinen ausbrach , worauf sie sich auch bald erleichtert fühlte . Sie ging allein ins Gärtchen , und als Theobald nach einer Weile sie dort aufsuchte , kam sie ihm mit einer weichen Heiterkeit auf dem Gesicht , nur ungewöhnlich blaß , entgegen . Der Maler im stillen war über ihre Schönheit verwundert , die er vollkommener nie gesehen hatte . Sie fing gleich an , jene traurigen Ahnungen zu widerrufen , und nannte es sündhafte Schwäche , dergleichen bösen Zweifeln nachzugeben , die man durch aufrichtiges Gebet jederzeit am sichersten loswerde , und es sei auch gewiß das letzte Mal , daß Nolten sie so kindisch gesehen . Mit der natürlichen Beredsamkeit eines frommen Gemüts empfahl sie ihm Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe , von welcher sie nach solcher Anfechtung nur um so freudigeres Zeugnis in ihrem Innersten empfangen habe . - So wahr ihr auch dies alles aus dem Herzen floß , so wich sie Noltens Fragen , was denn eigentlich der Grund jenes Verzagens gewesen sei , mit einiger Unruhe aus . Sie glaubte ihn mit dem Bekenntnisse verschonen zu müssen , daß , als sie gestern den Brief des Hofrats gelesen , ihre Freude hierüber auf der Stelle mit einer dunkeln Furcht vor diesem Glück , vielleicht gerade weil es ihr zu groß gedeucht , seltsam gemischt gewesen war . Den folgenden Tag war die Beisetzung des Barons . Alle , auch Agnes , die ihm die Totenkrone flocht , hatten ihn noch im Sarge gesehen , und einen durchaus reinen und erhebenden Eindruck von seinem Liebe-Bild zurückbehalten . Raymund , mit einem dankbaren Schreiben Theobalds an den Hofrat , war zeitig weitergegangen . Zur festgesetzten Zeit wollten beide Künstler sich an dem neuen Orte ihrer Bestimmung fröhlicher wieder begrüßen , als sie sich jetzo trennten . Zunächst nun folgte in dem Forsthaus eine stille , doch wohltätige Trauerwoche . In traulichen , öfters bis tief in die Nacht fortgesetzten Gesprächen vergegenwärtigte man sich die eigentümliche Sinnesart des Verstorbenen auf alle Weise . Erinnerungen aus frühester und neuester Zeit traten hervor . Entwürfe eines Denkmals , das Grab des Toten einfach und edel zu zieren wurden verschiedentlich versucht , Umrisse der freundlichen Gesichtsbildung wurden gezeichnet , nach Ansicht eines jeden sorgfältig verändert und wieder gezeichnet . Jetzt langten Noltens Effekten an . Er fand unter seinen Papieren eine Sammlung älterer Briefe des Barons ( denn in dem letzten Jahre schrieb er fast nichts mehr , und alle Verbindung zwischen ihm und dem Maler war nur gelegentlich durch das Forsthaus ) . Meistens fiel diese Korrespondenz in die Zeit da sich Theobald in Rom aufhielt , man bekam die Gegenblätter vollständig aus dem Nachlasse des Barons zusammen und sie gewährten jetzt eine ebenso lehrreiche als erbauliche Unterhaltung . Von einem solchen , dem teuren Abgeschiedenen mit frommer Neigung gewidmeten Andenken war dann der Übergang zum lebendigen Genusse der Gegenwart in jedem Augenblicke leicht gefunden . Größere und kleinere Spaziergänge , Besuche aus der Nachbarschaft erwidert , hundert kleine Beschäftigungen in Haus und Feld und Garten wechselten ab , die Tage schnell und harmlos abzuspinnen . Nolten versäumte dabei nicht , wenn von der großen Veränderung die Rede war , die ihm und den Seinigen bevorstand , gelegentlich einen Plan erst nur entfernterweise und wie im Scherze blicken zu lassen , womit er aber eines Abends , als alle drei beim traulichen Lichte versammelt saßen , ernsthaft hervortrat und den Vater wie Agnesen nicht wenig überraschte . Er sei entschlossen , sagte er , seinen künftigen Wohnort auf einem kleinen Umweg über einige sehenswerte Städte Deutschlands zu erreichen , und nicht nur die Geliebte werde ihn begleiten , sondern , wie er halb hoffe , auch der Vater , den er auf jeden Fall als bleibenden Genossen seines künftigen Hauses schon längst im stillen angesehn und nunmehr , von Agnesen unterstützt , um seine Einwilligung herzlich und kindlich bitte . Gerührt versprach der Alte , der Sache nachzudenken ; » was aber « , setzte er hinzu , » diese nächste Reise betrifft , so taugt ein alter gebrechlicher Kamerade wie ich zu dergleichen Seitensprüngen nicht mehr . Und überdies « ( er hatte die Landkarte auf dem Tisch ausgebreitet ) » so ganz unbeträchtlich find ich den Umweg des Herrn Sohns eben nicht . Sehn Sie , dies Dreieck , man mag es nehmen wie man will , macht immer einen ziemlich spitzen Winkel hier bei P * , wo Sie dann gegen Norden lenken wollten . Nein , liebe Kinder , vorderhand bleib ich hier . Euch so lange hinzusperren , bis ich Haus und Hof beschickt und abgegeben hätte , wäre unsinnig , und doch muß man sich zu so etwas Zeit nehmen können ; daß ich aber für jetzt nur abbräche , um wiederzukommen und dann die Sachen in Ordnung zu bringen , wäre womöglich noch ungeschickter . Kommt ihr nur erst an Ort und Stelle an , wir wollen sehen , was sich dann weiter schickt und ob es Gottes Wille ist , daß ich euch folge . « Agnes konnte dem Vater nicht Unrecht geben ; am liebsten freilich hätte sie Theobalden jenen Nebenplan ausreden mögen , der ihr und , wie sie wohl bemerkte , noch mehr dem Vater , der bedeutenden Kosten wegen , bedenklich vorkam . Sie hielt auch diese Einwendung nicht ganz zurück , doch da man sah , wie vielen Wert der Maler auf die Sache legte , so dachte man sie ihm nicht zu verkümmern . Man fing also zu rechnen an , und Theobald erklärte , daß er , so günstig wie nunmehr die Dinge für ihn lägen , eine Schuld ohne Gefahr aufnehmen könne , ja er gestand , er habe dies Geschäft schon abgetan und bereits die Wechsel in Händen . Dies gab ihm einen kleinen Zank , doch mußte man es ihm wohl gelten lassen . Nun aber kam ganz unvermeidlich die Hochzeit zur Sprache . Es war ein Punkt , der diese letzten Tage her Agnesen im stillen vieles mochte zu schaffen gemacht haben ; sie faßte sich daher ein Herz und fing von selbst davon zu reden an , jedoch nur um zu bitten , daß man damit nicht eilen , daß man diesen und den nächsten Monat noch abwarten möge . » Was soll das heißen ? « rief der Vater und traute seinen Ohren kaum . » Wir reisen ja die nächste Woche schon , mein Kind ! « rief Nolten . Das hindere nichts , behauptete Agnes ; sie müßten sich ja nicht notwendig im Lande trauen lassen , was ihr freilich , an sich betrachtet , ungleich lieber wäre , es könne aber auch in W * geschehn ( dies war der Ort , wo sie sich niederlassen sollten ) , und noch besser in H * ( hier lebte ein naher Verwandter des Försters und die Reisenden mußten das Städtchen passieren , das nur wenige Meilen von W * gelegen war ) ; dort würden sie in einer festzusetzenden Woche mit dem Vater zusammentreffen , und so alle miteinander aufziehn . - Der Alte hielt seinen Verdruß noch an sich , um erst die Gründe der Tochter zu hören , allein da diese rein innerlich , dem guten Mädchen selber nicht ganz klar und überhaupt gar nicht geeignet waren , eine gemein verständige Prüfung auszuhalten , so geriet der Vater in Hitze und es kam zu einem Auftritt , den wir dem Leser gern ersparen . Genug , der Förster , nachdem er seine Meinung über solchen Eigensinn mit Bitterkeit von sich geschüttet hatte , verließ ganz außer sich das Zimmer . Die Arme warf sich voller Schmerz aufs Bette , und Theobald , dem sie nur rückwärts ihre Hand hinlieh , saß lange schweigend neben ihr . Sie wurde ruhiger , sie rührte sich nicht mehr , ein leiser Schlaf umdämmerte ihre Sinne . Unserem Freunde drangen sich in dieser stummen sonderbaren Lage verschiedene Betrachtungen auf , die er seit jenem Morgen , an dem er die Geliebte von neuem an sein Herz empfing , nimmermehr für möglich gehalten hätte , doch jetzt , wer möchte ihm verargen , wenn ihn der Zweifel überschlich , ob denn das Rätselwesen , das hier trostlos vor seinen Augen lag , dazu bestimmt sein könne , durch ihn glücklich zu werden , oder ihm ein dauerndes Glück zu gründen , ob er es für ein wünschenswertes und nicht vielmehr für ein höchst gewagtes Bündnis halten müsse , wodurch er sich fürs ganze Leben an dies wunderbare Geschöpf gefesselt sähe ? Aber zu fragen brauchte er sich wenigstens das eine nicht : ob er sie wirklich liebe , ob seine Neigung nicht etwa nur eine künstlich übertragene sei ? vielmehr durchdrang ihn das Gefühl derselben nie so vollglühend als eben jetzt . Er dachte weiter nach und mußte finden , daß eben jene dunkle Klippe , woran Agnesens sonst so gleichgewiegtes Leben zum erstenmal sich brach , dieselbe sei , nach der auch sein Magnet von früh an unablässig strebte , ja daß ( man gönne uns immer das Gleichnis ) die schlimme Zauberblume , worin des Mädchens Geist zuerst mit unheilvollen Ahnungen sich berauschte , nur auf dem Grund und Boden seines eignen Schicksals aufgeschossen war . Notwendig daher und auf ewig ist er mit ihr verbunden , Böses oder Gutes kann für sie beide nur in einer Schale gewogen sein . Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe , doch ohne Ängstlichkeit ; mit einer Art von frommer Todeswollust , mit überschwenglichem Vertrauen küßt er den Saum am Kleide der Gottheit , deren geweihtes Kind er sich empfindet . Er hätte eine Ewigkeit so sitzen können , nur diese Schlafende neben sich , nur diese ruhige Kerze vor Augen . - Er neigt sich über Agnes her und rührt mit leisen Lippen ihre Wange ; sie schrickt zusammen und starrt ihm lange ins Gesicht , bis sie sich endlich findet . Stillschweigend treten beide ans offene Fenster , eine balsamische Luft haucht ihnen entgegen ; der volle Mond war eben aufgegangen und setzte die Gegend , das Gärtchen , ins Licht . Sie deutet hinab , ob er noch einen Gang zu machen Lust hätte . Man zauderte nicht . Der Vater war zu Bette gegangen , das ganze Dorf in Ruhe . Sie wandelten den mittlern Weg vom Haus zur Laube , zwischen aufblühenden Rosengehegen , Hand in Hand auf und nieder . Keins konnte die ersten Worte recht finden . Er fing endlich damit an , den Vater zu entschuldigen , und rückte so dem Gegenstand des Streites näher , um zu erfahren , woher ihr diese Scheu , dies Widerstreben gegen ein so natürliches als erfreuliches Vorhaben kam , von dem sie noch vor wenig Wochen mit aller Unbefangenheit , ja ganz im Sinn des echten Mädchens gesprochen hatte , dem auch die äußeren Erfordernisse eines solchen Tags , die Musterung und Wahl des Putzes , ein reizender Gegenstand der Sorgfalt und der Mühe sind . Mit welcher Rührung hatte sie neulich ( wir versäumten bis jetzt , es zu erwähnen ) , mit welcher Bewunderung das schöne Angebinde der unbekannten Freundinnen aus Theobalds Händen empfangen und gegen das schwarze Festkleid gehalten ! » Sieh « , sagte der Bräutigam jetzt , und streichelte ihr freundlich Kinn und Wangen , indem sein Ton zwischen Wehmut und einer ermutigenden Munterkeit wechselte , » dort schaut das Kirchlein her und tut wie traurig daß es die Freude deines Tags nicht sehen soll ! kannst du ihm seinen Willen denn nicht tun ? - Gewiß , Agnes , ich will dich nicht bestürmen : hier meine Hand darauf , daß du mit keinem Wort , mit keiner unfreundlichen Miene , auch vom Vater nicht , es künftig entgelten sollst , wenn du , was wir verlangen , nun einmal nicht über dich vermöchtest , nur überleg es noch einmal . Ich will alles beiseite setzen , was der Vater hauptsächlich für seine Absicht anführt , ich will davon nichts sagen , daß es jedermann auffallen müßte , Stoff zu Vermutungen gäbe , und dergleichen . Aber ob du der Heimat , in deren Schoß du deine frohe Jugend lebtest , von der du nun für immer Abschied nimmst , ob du ihr dies Fest nicht schuldig bist , worauf sie so gerne stolz sein möchte ? Der Ort , das Haus , das Tal , wo man erzogen wurde , dünkt uns von einem eigenen Engel behütet , der hier zurückbleibt , indem wir uns in die weite Welt zerstreuen : es ist dies wenigstens das liebste Bild für ein natürliches Gefühl in uns ; bedenke nun , ob dieser fromme Wächter deiner Kindheit dir ' s je verzeihen könnte , wenn du ihm nicht vergönnen wolltest , dir noch den Kranz aufs Haupt zu setzen , dich auf der Schwelle deines elterlichen Hauses mit seinem schönsten Segen zu entlassen . Es hoffen alle deine Gespielen , jung und alt hofft dich vor dem Altar zu sehen , das ganze Dorf hat die Augen auf dich gerichtet . Und darf ich noch mehr sagen ? Zweier Personen muß ich gedenken , die diesen Tag nicht mehr mit uns begehen sollten , deine teure Mutter und unser kürzlich vollendeter Freund : ihr Gruß wird uns an jenem Morgen schmerzlich fehlen , aber doch eine Spur ihres Wesens wird uns an