, die süße Frühlingsluft kein drohend Wort vernehmen ! - Aber die Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz , die auch der Lenz nicht zu schmelzen vermag ; das rohe jüngere Geschlecht kümmert sich nicht um den Wonnemond , weil seine kräftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt , um Wonne zu genießen ; und nur des reifen Alters Vorzug ists , das Leben zu verstehen , ihm Sinn und Deutung zu geben , und zu wissen , daß unser irdisch Theil ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt . Wenn er ' s auch nicht aussprach , so fühlte doch Herr Diether , der Altbürger , dasselbe , da er an einem wunderschönen Morgen in seinem Gärtlein lustwandelte , das vor der Stadt gelegen war , und trotz seinem einfachen Plankengehäge , und dem darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhäuslein höher von Diether geachtet wurde , als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst . Auf den Arm seiner Ehefrau gestützt , - denn noch war die Wunde , an der er darniedergelegen , nicht völlig vernarbt , schritt er sinnend , aber hellen Auges , auf und nieder , und erging sich in der würzigen Luft und dem warmen Himmelshauche . Frau Margarethe , ihrerseits in Gedanken versunken , aber dennoch ein Auge sorglich auf den presthaften Gatten geheftet , während das andre nach dem kleinen Hans hinüberschweifte , der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte , schwieg gleich ihrem Herrn . Da begehrte der Letztere zu sitzen , und Margarethe führte ihn zu der Bank an der Thüre des Häuschens . Als sie nun beide darauf Platz genommen , fingen die Glocken der Stadt an ihr Geläute ertönen zu lassen . Diether schlug die Hände fromm zusammen , sah eine Weile still vor sich hin , und redete alsdann : Sie haben in der Stadt ein gottesfürchtig Werk vor . In diesem Augenblicke legt der hochwürdige Stiftsdechant , Herr Jakob Herdan , den Grundstein zu einem stattlichen Thurme , der am Damm aufgeführt werden soll . Ehrenwerth ist es , da ein Denkmal für den lieben Herrgott hinzusetzen , wo früher das Rathhaus stand , auf dem der Bürger Wohl besorgt wurde ; und ziemlich ist ' s zu gleicher Zeit , daß ich , den Gebreste verhinderte , von Amtswegen bei der heiligen Handlung zu seyn , den festlichen Augenblick begehe mit frommer That und Rede . Seht , meine werthe Hausfrau : ich habe es bis jetzt aufgespart , mit Euch etwas zu besprechen , das mir am Herzen nagte . Es kann Euch nicht entgangen seyn daß ich seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war , der ich früherhin gewesen . Ich kann leider nicht läugnen , daß der Tag , an welchem Euer Bruder uns mit gewohnter Unverschämtheit heimsuchte , eine Quelle des Argwohns und traurigen Verdachts für mich geworden . Ich schäme mich schier , die Reden des wüsten Menschen zu wiederholen , die niemals einen Eindruck auf mich hätten machen sollen . Aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf . Von dem Kleinern zum Größern fortzuschreiten , - selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering Geschäft . Der Böse verblendete mich ganz , da mich der Meuchelmörder überfallen und gezeichnet hatte . Ich beklage den Wahn , der mich gehässig gegen Euch anreizte , daß ich eure Hülfe von mir stieß , und mich wie ein Toller geberdete , bis ich ohnmächtig mich Eurer Fürsorge überlassen mußte . Da gingen mir endlich nach und nach die Augen auf . Euer still besonnenes Thun , gleich weit entfernt von dem Trugeifer einer Heuchlerin , wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit eines Weibes , das sich Witwe zu werden sehnt , erweichte mein Gemüth , wie meine Wunde . Dennoch , argwöhnisch , wie ich war , las ich aufmerksam in eurem Blicke , und mir entging die ruhige Freude nicht , mit welcher Euch meine Genesung erfüllte . O , diese Überzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei , und , als ein gerechter Mann , der sich nicht scheut , sein Unrecht einzugestehen , frage ich Euch heute , unterm Blau des Himmels , und in Gegenwart unsers Kindes , ob ihr den gräulichen Verdacht vergeben könnt . » Mein werther Eheherr .... « stammelte Margarethe überrascht und beschämt : » Wie könnt Ihr doch meinen , daß ein Groll gegen Euch .... « » Lieb Weib , « fiel Diether ein : » Ich liebe das Geradezu . « Scheltet mich aus , wie einen Heiden , daß ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christenthum , auf das Zeugniß eines Lügners hin , und auf die That eines meuchlerischen Buben . » Nein , « - fuhr er fort , Margarethens Wange und Hand streichelnd - » dies fromme Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verrathen ; diese Hand , die mich so zart und sorgsam pflegte , hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt . « - » Jesus ! « seufzte Margarethe erschrocken : » Was kommt Euch zu Sinne , lieber Herr ? Die Heiligen mögen Euch verzeihen , wie ich es thue , ob solchem schnöden Verdacht . « » Wenn Ihr vergebt , die Beleidigte , so thun es die Heiligen nicht minder ; « antwortete Diether ; » und förder sollt Ihr nicht klagen können . Der Versucher soll nimmer an mich kommen . Mein Siechthum hat gar Vieles anders gemacht in meinem Innern . Eine recht süße Wehmuth , wie ich sie nie gefühlt , seit ich zum Erstenmal freite , hat mirs angethan , und den Wunsch in mir erregt , Alle , die mir nahe angehören , um mich her versammelt zu sehen : den Bruder , den Sohn , und .... ach ja ... und auch die Tochter , obgleich sie sich von uns geschieden hat mit Vorbedacht . Seht , Margarethe , auch um dessenwillen muß ich Euch danken . Wallrade hat Euch schwer beleidigt , und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein Verlangen . « » Die Jahre werden viel geändert haben ; « erwiederte Diethers Gattin sauft : » Damals wollte sie nicht meine Tochter heißen ; jetzt würde sie vielleicht meine Freundin . « » O gewiß ; « bekräftigte Diether : » die Zeit macht milder , wie das Sprüchwort heißt . Aber wehe thut mirs , daß bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder Antwort kam , noch der herzliebe Besuch von den Dreien , die sich zu Kostnitz plötzlich zusammen doch gefunden . Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind . Ich hatte mir alles so schön und heimlich ausgedacht , - wie ich Wallraden - die liebe widerspenstige Tochter - in Deine Arme führen wollte ; wie ich den zu unsrer Wonne so glücklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt hätte ; ... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen . Noch am verwichnen Sonntage zupfte es mich an allen Nähten , und eine falsche Ahnung flüsterte mir zu : heute , - ja , heute kommen sie ganz gewiß . Schier hätte ich mich auf die Heerstraße tragen lassen , um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen . Der alte Thor hätte sich aber blind geschaut . Dem Greise versagen sich die , die er liebt . « - » Habt Ihr denn nicht uns ? « fragte Margarethe mit ängstlicher Freundlichkeit , und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte , auf den Schooß des Gatten , dessen Nacken sie umschlang . » Bedürft Ihr , um glücklich , und zufrieden zu seyn , noch andrer Herzen , die Euch fremd geworden zu seyn scheinen ? « » Nicht doch , geliebte Ehefrau ! « betheuerte der gerührte alte Mann , den Buben und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend : » nicht doch , herzliebes Söhnlein ! Aber , wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage , als die Vermißten , .... sie sind doch auch meine Kinder ; vorab der Dagobert , der die Freuden des Hausvaters dahinten lassen muß , um der Mutter zu einer fröhlichen Urstund zu helfen . « » Hier , sagt man , soll ich Herrn Diether finden ? « fragte am Eingange des Gartens eine Stimme , die Margarethen nicht fremd , ihrem Gatten eine liebe war . » Wallrade ! « riefen beide überrascht , und Diether ' s wankende Knie versagten dem Aufstehenden den Dienst . Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte langsam und stolz herangeschritten , von Elsen begleitet , die ihr den Weg zu dem Elternpaare wies . » Wallrade ! Tochter ! « stammelte Diether unter Thränengüssen der Freude , die Arme weit öffnend . » Willkommen Fräulein ! « setzte die Stiefmutter hinzu , die Hand ihr reichend . Aber weder in die Arme des Vaters sank die Tochter , noch ergriff sie die dargebotne Rechte . Einige Schritte von Diether entfernt , stand sie stille , warf einen durchdringenden Blick auf das Paar , und schlug die Hände zusammen . » Herrgott ! « sprach sie in dem tiefen Tone , der nicht selten auf ein hartes Gemüth schließen läßt : » Wie verändert finde ich Euch , Vater ! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben ! « Diether überhörte diese Worte , bewegt von den Gefühlen , die das schwache Alter doppelt empfindet ; aber Margarethe faßte sie auf , die wie ein kalter Hauch an ihr warmgewordnes Herz drangen . » Die letzten Tage , wollt Ihr sagen , Fräulein ! « erwiederte sie empfindlich : » Die letzten Jahre waren gut , und von Eurer Kindlichkeit wird es abhängen , ob der heutige Tag ihnen gleichen soll . Euer Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen . Ich möchte Euch nicht gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben . - « Wallrade näherte sich dem Vater , küßte seine Hand und Wange mit Förmlichkeit , und neigte sich steif vor Margarethen . » O mein liebes Kind ! « sprach Diether , der sie neben sich auf das Bänkchen niederzog : » Wie erquickt mich Dein Anblick . Ja , in Frauenherzen wohnt Versöhnlichkeit und der Funke der Liebe . Du , das verloren geachtete Kind , kehrst in ' s Vaterhaus zurück , während Sohn und Bruder ferne bleiben . « - Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete sich zu Margarethen mit den Worten : » Ehrsame Frau ; « wenn mich der Vater schon verloren achtete , ... » um wie viel strenger mag nicht Euer Urtheil über mich gelautet haben ? « - » Ihr irrt ; « versetzte Margarethe ruhig : » was das heiße Blut der Jugend fühlte , steht den reifern Jahren zu , wieder gut zu machen . Mein Herr liebt Euch , darum seyd Ihr auch mir kein unlieber Gast . « - » Wacker gesprochen , liebe Wirthin ! « rief Diether , ihr entzückt die Hand entgegenstreckend : » Ihr seyd eine Perle , wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf , und ich denke , Wallrade soll Euch bald innig befreundet seyn . Umhalst euch vor meinen Augen . Das letzte widerstrebende Gefühl versinke in der freundlichen Annäherung . - So ; und nun , meine wiedergefundne Tochter , küsse auch Deinen Bruder , den kleinen muthwilligen Johann , die Wonne meiner alten Tage . « - Wallrade sah sich mit verdüstertem Antlitz nach dem Jungen um , der , wie Margarethe erst jetzt bemerkte , sich hinter die Bank und die Gewänder der Mutter verkrochen hatte . - » Johann , wo steckst Du ? « fragte Diether liebreich : » Komm , umarme Deine Schwester ! « - » Ei , du einfältiger Bube ; « ermahnte Margarethe den Weigernden : » Was muß denn Schwester Wallrade von Dir denken ? Du bist ja kein Ungeheuer , das sich nicht am Tage sehen lassen darf . Komm , komm doch ! « - Sie zog den schüchternen Buben , der sich aus allen Kräften sträubte , mit Gewalt herbei , und erschrak jetzo selbst über die Blässe , die sein Gesicht überzogen hatte . Ängstlich gebückt , mit niedergeschlagnen Augen , stand der Kleine da , als hätte er ein Verbrechen begangen . Nichts konnte ihn bewegen , der Fremden nur einen Blick , eine Sylbe zu schenken . Diese Scheu , welche Diether und Margarethe sich nicht enträthseln konnten , machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf Wallraden . Sie stand auf , - zweifelhaft , ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden , oder es von ihm kehren sollte . Ihre Augen brannten , ihr Mund zuckte und ihre gespannten Züge drückten die Leidenschaftlichkeit aus , die ihre Brust beseelte . Ihren Unmuth mühsam bemeisternd , wies sie des Knaben Hand schweigend von sich , als die Mutter , in deren Arme er sich geflüchtet hatte , ihn bewog , ihr die widerstrebende zu überlassen . Zugleich zog sie den Schleier über Stirn und Augen . » Da das Herrlein meinen Anblick unerträglich findet , « - sprach sie mit angegriffener Stimme , - » so thue ich am besten , wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe . « - Wirklich schien es auch , als ob der Knabe sich begütigen wolle , denn seine Ängstlichkeit verlor sich nun so ziemlich , und er heftete dann und wann die blauen Augen staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens , und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger . Auf alle Fragen , Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiederte er nichts ; jedoch in demselben Augenblicke , als man ihn zu vermögen gedachte , zwischen Margarethen und Wallraden niederzusitzen , erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm , und er suchte abermals in Margarethens Schooß Zuflucht , wie vor einer Gefahr . - » Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet ; « begann Wallrade mit beleidigtem Stolze : » wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde , so muß er sie freilich fliehen , wie die Sünde . « - » Ei , « erwiederte Diether : » das hat meine Hausfrau sicherlich nicht gethan , darauf wollte ich schwören . « - » Mein werther Herr dürfte es auch ; « bekräftigte Margarethe mit gesteigerter Empfindlichkeit : » Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen . Ich wollte wetten , er hat vergessen , daß er eine Schwester hat . Unerwartet kam ihm daher deren Anblick ; wenn wir nicht annehmen wollten , « - setzte sie wie im Scherz hinzu , obgleich der Ernst hinter ihrem Lächeln lauerte , - » daß Kinder eine richtigere Ahnung haben , denn die Erwachsenen , ob man sie von Herzen liebt , oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweißt . « - » Das Letztere möchte seyn ; « entgegnete Wallrade rasch und kalt : » Ich muß bekennen , daß ich Kinder dieses Alters nicht liebe , wären sie auch die Söhne meiner werthen Stiefmutter . Die Tölpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider , und ich werde es als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen , ehrsame Frau , wenn Ihr mir , so oft ich des Vaters Haus besuche , den Anblick des ungeberdigen Stiefbrüderleins erspart . « - » Soll gerne geschehen , verlaßt Euch darauf ; « versetzte Margarethe gekränkt , und beschäftigte sich damit , die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhütlein zu ordnen , das sie ihm aufsetzte , - damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend . - » Das wird ja alles werden ; « sprach Diether begütigend : » Was läßt mich aber Deine Rede muthmaßen , liebe Wallrade ? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem Hause « ? » Nein , mein Vater ! « antwortete das Fräulein bestimmt : » Ich bin seit Langem gewöhnt , in meiner Behausung Herr zu seyn ; und meine Gewohnheiten könnten Eurer Ehefrau lästig seyn , so wie mir vielleicht ihre Hausordnung . Daher habe ich ' s für gut erachtet , in der Herberge zum Eichhorn abzutreten . Dadurch erspare ich uns allen manche Unannehmlichkeit , die um so überflüssiger ist , als mein Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer seyn kann . « - Diether wollte sein Bedauern nicht verhehlen , und der Tochter zureden , aber Margarethe unterbrach ihn schnell . » Es sey fern von uns , « sagte sie hitzig : » des Fräuleins Willen beschränken zu wollen , und darum geschehe nach ihrem Wunsche , aber die Freude , Euch an unsrem Tische zu bewirthen , werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen ? - Der arme , kleine , ungeberdige und tölpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart stören . « - » Ihr verbindet mich immer mehr , gute Frau ; « erwiederte Wallrade in gleichem Tone : » und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet , so fordre ich Euch selbst auf , nach der Stadt zu kehren . An meines Vaters Seite sitzend , will ich ihm vom Ohm erzählen , der ihn zärtlich grüßen läßt . « - » Gruß ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr ; « entgegnete Diether seufzend , und , zum Weggehen fertig , sich auf Wallradens Arm stützend : » aber wehe thut mir ' s doch , daß er nicht selber kam , und daß Dagobert ausbleibt , auf dessen treuen Kindessinn ich Felsen gebaut hätte . « - » Von Dagobert laßt mich schweigen ; « äußerte Wallrade mit geheuchelter Bekümmerniß , und war aber im Augenblicke , auf die Aufforderung der väterlichen Besorgniß , bereit , dies Schweigen zu brechen . Mit dem alten Diether vorausgehend , entwarf sie dem ängstlich Zuhörenden ein mit hämischer Bemühung ausgemaltes Truggemälde von Dagobert ' s Lebenswandel zu Costnitz , und führte den Pinsel so gut , daß der Vater in dem Verläumdeten bald den verlornen Sohn beweinte . - Während dieser Einflüsterungen ging in beträchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarethe , den Knaben an der Hand , nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt , um zu einem erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen . Die Art und Weise , wie die ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des Vertrauens des Vaters bemächtigte , mit geringschätzender Hintansetzung der Gattin desselben , - die Kränkungen , die Wallrade mit freigebiger Hand an die Stiefmutter und den Knaben gespendet , griffen hart und böse an das reizbare Herz der stolzen Leuenbergerin . Wie aber oft das menschliche Gemüth , - ein weibliches insbesondre , - aus Dingen Trost gewinnen kann , die an sich geringfügig sind , so beruhigte sich auch hier Margarethe mit dem Gedanken , daß nicht allein sie selbst der Widersacherin Wermuth , zu kosten gegeben , sondern daß der Knabe sogar durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe . Von dieser kleinen Vergeltung erfreut , bückte sie sich mit größrer Freundlichkeit , - als sie sonst wohl dem Knaben zuwendete - - zu demselben hinab , und streichelte seine Wangen . » Du bist ein wackrer Bube ; « sprach sie belobend zu ihm : » ich habe Dich lieb vor Allen , wenn Du gegen Wallraden ferner Dich beträgst , wie heute . Willst Du ? « - » Was Du befiehlst , Mutter ; « erwiederte der Knabe freundlich . » Recht so , mein guter Hans , « fuhr Margarethe fort : » Gehe nicht zu der falschen Frau . Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten , um dich kirre zu machen . Nimm aber nichts von ihr , hörst Du ? Sie meint es böse mit Dir und mir und mit dem Vater . « - » Ach Mütterlein ! « rannte ihr der Knabe ins Ohr : » Ich fürchte mich vor ihr . « - » Thue das immer , mein Söhnlein ! « versetzte Margarethe : » Zieh ' ihr immer ein finster Gesicht , und iß nicht , was sie Dir bietet . Für jeden Leckerbissen , den Du aus ihrer Hand nicht nimmst , gebe ich Dir deren zwei . « - » O ja Mütterlein ! « entgegnete der Knabe hüpfend : » Du bist ein gut und anmuthig Mütterlein bei dem ich bleiben will . Zu der schwarzen Mutter will ich nicht mehr . « - » Was schwatzest Du wieder von dem schwarzen Weibe ? « schalt Margarethe : » Du weißt , daß Du nur von ihm geträumt hast , Bube . Vergiß doch endlich den bösen Traum ! « » Ich will ja wohl , lieb ' Mutter , « sagte der Knabe , eingeschüchtert durch den heftigen Ton : » aber Heute war mir ' s , als finge ich wieder an zu träumen , und die Fremde ist gewiß die Schwarze , die mich schlagen will . « - » Lächerliches Zeug ! « eiferte Margarethe : » Wallrade ist Deine Schwester , Hans , und Niemand sonst . Aber eine böse Schwester ist sie , ob sie gleich ein rothes lustiges Gewand trägt . Sie will uns arm machen , daß wir betteln gehen sollen , wie der arme Hug , dem du alle Samstag seinen Heller an die Pforte bringst . Denk Dir nur ! Je weniger Du sie aber leiden kannst , je weniger vermag sie uns anzuhaben . « - » Ich will ihr aus dem Wege gehen , « versicherte der kleine Hans treuherzig : » Du mußt mir auch dagegen nichts thun lassen . « - » Sorge nicht , mein Kind ! « tröstete Margarethe . » Ich will Dich hüten wie meinen Augapfel . Folge nur fein meinen Geboten , und es wird alles gut gehen . « - Es gieng auch alles nach ihrem Wunsche . Knabe und Stieftochter blieben einander ferne , weil sie sich nicht suchten . Diether , der , von Gatten- und Vaterliebe gleich bedrängt , in seiner unwandelbaren Gutmüthigkeit beständig hoffte , die Mißtöne seines Hauses würden sich endlich doch noch in den gewünschten Einklang auflösen , vermittelte , entschuldigte , sprach zur Sühne , wo und wie es sich nur thun ließ , und erhielt auf diese Weise einen Schein von Friedlichkeit im Hauswesen , welcher bald genug die ganze Stadt täuschte , den nahen Verwandten- und Freundekreis nicht ausgenommen . Wallrade , die man geraume Zeit zu Frankfurt vergessen hatte , gewann nun neue Theilnahme durch ihr musterhaft sittsames Betragen , und durch die reuevolle Versöhnlichkeit , mit welcher sie , nach Diethers jubelvoller Behauptung , den Eltern die Friedenshand gereicht hatte . Der Altbürger , von den Glückwünschen seiner Freunde geschmeichelt , schwamm in einem Meere von Entzücken , und gewahrte in seiner Herzensfreude nicht , wie zwischen Wallraden und Margarethen die Kluft immer größer wurde , und zwischen Schwester und Brüderlein dennoch keine Annäherung sich stiften wollte . Eine Woche war also hingeschwunden , - eine kurze Zeit für Seelen , die sich lieben , - eine lange für solche , die bloß das Band verhaßter Form verknüpft , als Wallrade aus dem Vaterhause unmuthig und düster nach ihrer Wohnung im Einhorn zurückkehrte . Verdrüßlich beurlaubte sie den abgeschmackten Herrn , der durch eine weitläufige Vetterschaft das Recht gewonnen hatte , ihr als Begleiter auf dem Heimwege lästig zu seyn . Verdrüßlich trat sie in ihr Gemach , wo ihre Begleiterin in tiefen Gedanken versunken , am Fenster saß . - » Gute Wallrade , « sprach die Letztere , die Eintretende froh begrüssend : » Wie freue ich mich , Dich schon so frühe bei mir zu sehen . Mich quälen heute ganz absonderliche Grillen . « - » Wie so ? « fragte Wallrade entgegen . - » Der schöne Nachmittag hat mich verlockt , mit meiner Kleinen in ' s Freie zu gehen ; « antwortete die andre : » Wir haben die geräuschvollsten Straßen durchstrichen , und ich erging mich einmal wieder im warmen Frühlingsschein . Meinen Kummer hatte ich mir durch Zerstreuung erleichtert ; - aber auf einmal wurde er verdoppelt in seiner Last . Plötzlich war mir ' s , als ob ich unter dem Gewühle der Menschen meinen armen Rudolf erblickte . Du glaubst nicht , Wallrade , welchen Eindruck der grüne Rock auf mich machte , den ich unfern von mir durch das Getümmel schimmern sah . Wie eine aufgescheuchte Taube machte ich mir Bahn , und flog dem rüstig dahineilenden nach . Rudolf ! rief ich in meinem Wahn , Vater ! lallte mein Mädchen , als ob es meinen Schmerz theilte . Der Mann sah sich um , - und ich gewahrte ein kaltes , fremdes Gesicht . O , wie hatte ich mich getäuscht ! « - » Und wie sehr verdientest du diese Täuschung ! « erwiederte Wallrade hart : » Verbot ich Dir nicht , Dich in der Stadt zu zeigen ? Ich wußte es ja wohl , daß Deine unselige Leidenschaft den Gaffern ein Schauspiel geben , und die jungen müßigen Thoren in Bewegung setzen würde . « - » Schilt mich , « versetzte Frau Katharine , » aber zürne mir nicht ernstlich . Was würde aus mir , wenn ich Deine Freundschaft einbüßen sollte ? Laß mich indessen erst gänzlich meine Erzählung zu Ende bringen . Einen besondern Zufall habe ich noch zu berichten . Du kannst Dir vorstellen , in welcher Lage ich mich befand , als die Hoffnung , den Gatten zu umfangen , mir entwichen , sein Trugbild , wie ein Gespenst unter meinen Händen in Nichts zerronnen war . Mich kümmerte das Anstarren der Gaffer nicht . In meinem , erst recht lebendig gewordnen Schmerze blickte ich auf zum Himmel , und drückte mein weinendes Kind heftig an die Brust , - da steht plötzlich ein junger Mann vor mir , in dem ich ohne Mühe jenen Jüngling erkannte , der uns , wie ich Dir schon erzählt , zu Costnitz den räthselhaften Besuch abgestattet hat , seit welchem meines Mannes verschloßne Schwermuth anhob . « - » So ? « unterbrach sie Wallrade überrascht : » jener Jüngling ? Doch gewiß war ' s abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns . « » Nicht doch ; « fuhr Katharine fort : » die wunderfreundlichen Augen des jungen Mannes habe ich mir zu gut gemerkt , sah ich ihn auch damals nur gleich wie im Fluge . Eben so freundlich blickte er nun mich an , und schien nicht weniger überrascht zu seyn , als ich . Ei , Frau von der Rhön , sprach er hierauf : wie kömmt ' s , daß ich Euch hier zu Frankfurt sehe ? Ihr habt sicherlich unter dem Gedränge Euern Gatten verloren . Darf ich Euch an seiner Statt nach Hause bringen ? - « » Seht doch ! « spöttelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe : » wie ritterlich ! Und Du gingst mit ihm , und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrthum ? « » Meine Schaam ließ es nicht zu ; « entgegnete Katharine : » ich ließ mich zwar von ihm nach Hause geleiten , konnte mich jedoch nicht überwinden , ihm die Wahrheit zu sagen , wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhön und der Ursache unsers hiesigen Aufenthalts erkundigte . « Auf der Schwelle des Hauses nahm er Abschied . Da war es aber auch , wo er mir folgende bewerkenswerthe Worte sagte : » Grüßt Euern Gemahl von dem Unbekannten , edle Frau , und sagt ihm , er habe keine gute Zeit gewählt , hier zu verweilen . Sein böser Geist ist um die Wege . Er möge sich hüten , ihm zu begegnen . Ich werde in den nächsten Tagen selber ihn heimsuchen , und ihm , so Gott will , die Kunde bringen , daß die Gefahr vorüber . « - » Somit schied er , und seitdem ich zu Hause sitze , foltern mich neue Zweifel , peinigt mich verdoppelte Angst . « Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne , nachsinnend und düster . » Dieser Mensch , « sprach sie endlich , » ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten Feind , oder das Werkzeug seines bösen Geistes . Hinter seinen räthselhaften Worten lauert Unheil , - ich wollte darauf einen Eid ablegen . Du mußt dem Fremdling ausweichen ; - ich will es . Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr lange . « » Nicht ? « fragte Katharine ängstlich in Wallraden ' s Augen lesend : » Du wirst doch nicht vergessen , was Du mir , Deiner Freundin gelobtest ? Hieher , erfuhren wir , habe der beklagenswerthe Flüchtling sich gewendet ; - hier verliert sich seine Spur , dem Anscheine nach ; allein Du hast mir nähere Auskunft zugesichert , durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen . Versäume nicht , für mich zu handeln . Ich , die Verlassene ohne Verwandte , ohne Güter und Freund , vermag es ja nicht . « » Was ich gelobte , habe ich nie versäumt ; « erwiederte Wallrade : » ich habe für Dich gehandelt ; ich habe Aufschluß erhalten auf mein beharrliches Forschen ; ich muß Dir nun , so wehe es mir thut , mittheilen , was ich aus der reinsten Quelle geschöpft ; denn Deine überspannte Sehnsucht , Deine auf ' s höchste gereizte Leidenschaft für einen Treulosen , der Dich verließ , muß geheilt werden , sey es auch durch das läuternde Feuer des Grams . - « » Gott ! was werde ich hören ! « seufzte Katharine in banger Erwartung , die Augen starr auf das unheilverkündende