stehenden Lächeln , die grünen Äuglein unter den langen , grauen Wimpern , die roten , entzündeten Ränder der Augenlider , der dünne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide , der über den Höcker des kleinen Mannes hinabfloß . Unter diesem trug er einen grasgrünen Anzug , rosenrot ausgeschlitzt und rosenrote Knieebänder mit ungeheuren Maschen . Sein Kopf stak in den Schultern und das rote Barett stieß hinten sogleich auf den Höcker auf . Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu sagen , unter allen Menschen , die er kenne , sei niemand schwerer zu köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland . Dieser Mann war es , der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln hinaufsah , und da ihn dieser noch immer anstarrte , zu sprechen fortfuhr : » Ihr kennet mich vielleicht nicht , wertgeschätzter junger Freund , ich bin aber Ambrosius Volland , Seiner Durchlaucht Kanzler . Ich komme , um Euch einen guten Morgen zu wünschen . « » Ich danke Euch , Herr Kanzler ; viele Ehre für mich , wenn Ihr Euch deswegen herbemühtet . « » Ehre , wem Ehre gebühret ! Ihr seid ja der Ausbund und die Krone unserer jungen Ritterschaft ! Ja ! wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in aller Not und Fährlichkeit , der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine absonderliche Verehrung ! « » Ihr hättet das wohlfeiler haben können , wenn Ihr mitgezogen wäret nach Mömpelgard « , erwiderte Georg , den die Lobsprüche dieses Mannes beleidigten . » Treue muß man nie loben , eher Untreue schelten . « Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des Kanzlers , aber er faßte sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit . » Ja wohl , das mein ich auch ! Was mich betrifft , so lag ich am Zipperlein hart darnieder und konnte also nicht wohl nach Mömpelgard reisen ; werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht , das mir der Himmel verliehen , dem Herrn desto tätlicher zur Hand gehen . « Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten ; aber der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick , den er nicht recht ertragen konnte . » Nun , Euch wird die Freude erst recht angehen . Der Herzog hält erstaunlich viel auf Euch ! Natürlich , Ihr verdient es auch im höchsten Grad und der Herzog hat seinen Liebling gut gewählt . Wollet doch erlauben , daß Ambrosius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige . Seid Ihr Freund von schönen Waffen ? Kommet in meine Behausung auf dem Markt , wählet Euch aus meiner Armatur was Euch beliebt . Vielleicht dienen Euch schöne Bücher , habe einen ganzen Kasten voll ; wählet Euch aus , was Ihr wollet , wie es unter Freunden gebräuchlich . Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag , meine Base , ein feines Kind von siebzehn Jahren hält mir haus ; sehet ihr nur , hi , hi , hi - sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen . « » Seid ohne Sorgen , bin schon versehen . « » So ? ei das ist recht christlich gedacht ; das muß ich loben ; man trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend . Ich sagte es ja gleich ; der Sturmfeder , das ist ein Ausbund von Tugenden . Nun , was ich noch sagen wollte , wir sind bis jetzt so zusammen die einzigen von des Herzogs Hofstaat , stehen wir zusammen , so werden nur Leute aufgenommen , die wir wollen . Verstehet mich schon , hi , hi , eine Hand wäscht die andere . Darüber läßt sich noch sprechen ; Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche ? « » Wenn es meine Zeit erlauben wird , Herr Kanzler . « » Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten , denn in Eurer Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz ; muß aber jetzt zum Herrn . Er will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen , die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten . Wird was geben , der Beltle ist schon bestellt . « » Der Beltle ? « fragte Georg , » wer ist er ? « » Das ist der Scharfrichter , wertgeschätzter , junger Freund . « » Ich bitte Euch ! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen ! « Der Kanzler lächelte greulich und antwortete : » Was das wieder Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht , aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht . Man muß ein Exempel statuieren . Der eine « , fuhr er mit zarter Stimme fort , » der eine wird geköpft , weil er von Adel ist , der andere wird gehängt . Behüt Euch Gott , Lieber ! « So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu . Georg sah ihm mit düsteren Blicken nach . Er hatte gehört , daß dieser Mann früher durch seine Klugheit , vielleicht auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß auf Ulerich gewonnen hatte ; er hatte den Herzog selbst oft mit großer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen gehört ; aber er wußte nicht warum , er fürchtete für den Herzog , wenn er sich dem Kanzler vertraue , er glaubte Tücke und Falschheit in seinen Augen gelesen zu haben . Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke schweben , als eine Stimme neben ihm flüsterte : » Trauet dem Gelben nicht ! « Es war der Pfeifer von Hardt , der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte . » Wie ? bist du es , Hanns ? « rief Georg und bot ihm freundlich die Hand . » Kommst du ins Schloß , uns zu besuchen ? Das ist schön von dir , bist mir wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker ; aber was wolltest du mit dem Gelben , dem ich nicht trauen solle ? « » Das ist eben der mit dem Höcker , der Kanzler , der ist ein falscher Mann ; ich habe auch den Herzog verwarnt , er soll nicht alles tun , was er ihm rät , aber er wurde zornig und - es mag wahr sein , was er sagte . « » Was sagte er denn ? hast du ihn heute schon gesprochen ? « » Ich kam , um mich zu verabschieden , denn ich gehe wieder heim nach Hardt zu Weib und Kind ; der Herr war erst gerührt und erinnerte sich an die Tage seiner Flucht und sagte , ich soll mir eine Gnade ausbitten . Ich aber habe keine verdient , denn was ich getan , ist eine alte Schuld , die ich abgetragen . Da sagte ich , weil ich nichts anders wußte , er soll mich meinen Fuchs frei schießen lassen , und nicht strafen als Jagdfrevel . Des lachte er und sprach : das könne ich tun , das sei aber keine Gnade , ich solle weiter bitten . Da faßte ich ein Herz und antwortete : Nun , so bitt ich , Ihr möget dem schlauen Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen . Denn ich meine , wenn ich ihn sehe , er meint es falsch - « » So geht es mir gerade auch « , rief Georg , » es ist , als wolle er mir die Seele ausspionieren mit den grünen Augen und ich wette , er meint es falsch ; aber was gab dir der Herzog zur Antwort ? « » Das verstehst du nicht , sagte er , und wurde böse ; in Klüften und Höhlen magst du wohl bewandert sein , aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche besser als du . Kann sein , ich habe unrecht und es soll mir lieb sein , um den Herzog ! Nun lebet wohl , Junker ! Gott sei mit Euch ; amen . « » Und wolltest du also gehen ; wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben ? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute . Bleibe noch ein paar Tage ; du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen ! « » Was soll so ein geringer Mann , wie ich , bei der Hochzeit eines Ritters ? Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines aufspielen zum Ehrentanz , aber das tun andere so gut als ich , und mein Haus verlangt nach mir . « » Nun , so lebe wohl ; grüße mir dein Weib und Bärbele , dein schmuckes Töchterlein und besuche uns fleißig auf Lichtenstein ; Gott sei mit dir . « Dem Jüngling hing eine Träne im Auge , als er dem Bauer die Hand zum Abschied bot , denn er hatte in ihm einen kräftigen , biedern Mann , einen treuen Diener seines Fürsten , einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen im Unglück erkannt . Wohl schwebte ihm noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes , über seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen , aber er unterdrückte sie , überwältigt von jener unerklärlichen Macht , von jener natürlichen Größe und Würde , welche den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab . » Noch eins ! « rief Hanns , als er eben nach dem letzten Händedruck des Junkers scheiden wollte , » wisset Ihr auch , daß Euer ehemaliger Gastfreund und zukünftiger Vetter , Herr von Kraft hier ist ? « » Der Ratsschreiber ? wie sollt der hieher kommen ? Er ist ja bündisch ! « » Er ist hier , und nicht gerade im anmutigsten Klosett , denn er sitzt gefangen . Gestern abend , als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs , soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben . « » Gott im Himmel ! das war Dieterich Kraft , der Ratsschreiber ? Da muß ich schnell zum Herzog , er richtet schon über ihn und der Kanzler will ihn köpfen lassen ! Gehab dich wohl ! « Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den Gemächern des Herzogs . Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen , daher machten ihm auch jetzt die Türhüter ehrerbietig Platz . Er trat hastig in das Gemach ; der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig an , der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie eine Larve vorgehängt . » Guten Morgen , Sturmfeder ! « rief der Herzog , der in einem grünen , goldgestickten Kleide , den grünen Jagdhut auf dem Kopf am Tisch saß , » hast du gut geschlafen in meinem Schlosse ? was führt dich schon so früh zu uns ? wir sind beschäftigt . « Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke gefunden . Er war blaß wie der Tod , sein sonst so zierliches Haar hing in Verwirrung herab und ein rosenfarbenes Mäntelein , das er über ein schwarzes Kleid trug , war in Fetzen zerrissen . Er warf einen rührenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel , als wollte er sagen , » Mit mir ist ' s aus ! « Neben ihm standen noch einige Männer und auch ein langer , hagerer Mann , den er schon gesehen zu haben sich erinnerte . Die Gefangenen wurden von Petrus , dem tapfern Magdeburger und dem Kasperl aus Wien bewacht . Sie standen mit ausgespreizten Beinen , die Hellebarden auf den Boden gestemmt , kerzengerade auf ihrem Posten . » Ich sag , wir haben zu tun « , fuhr der Herzog fort ; » was schaust du nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind ; das ist ein verstockter Sünder ; das Schwert wird schon für ihn gewetzt . « » Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort « , entgegnete Georg . » Ich kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen , daß er ein friedlicher Mann ist und gewiß kein Verbrecher , der den Tod verdiente . « » Bei Sankt Hubertus , das ist kühn ! Die Natur hat sich geändert . Mein Kanzler , der treffliche Jurist , hat sich aufgeputzt wie ein junger Krieger und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen ! Was sagt Ihr dazu , Ambrosius Volland ? « » Hi , hi ! ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen wollen ; weiß aus früherer Zeit , daß Ihr einen kleinen Scherz liebet ; nun , der liebe , gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen . Hi , hi , hi ! wird ihm aber nichts helfen , dem Rosenfarbenen . Majestätsverbrechen ! wird halt doch geköpft , der im Mäntelein . « » Herr Kanzler ! « rief der Jüngling vor Unmut glühend . » Der Herr Herzog wird mir bezeugen können , daß ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe . Diese Rolle mache ich andern nicht streitig . Und mit Menschenleben spiele und scherze ich nie ! Es ist mein wahrer Ernst , ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft , Ratsschreiber in Ulm . Ich hoffe , meine Bürgschaft kann angenommen werden . « » Wie ? « sagte Ulerich , » das ist wohl der zierliche Herr , dein Gastfreund , von dem du mir so oft erzähltest ? Tut mir leid um ihn , aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen gefangen ! « » Freilich ! « krächzte Ambrosius , » ein crimen laesae majestatis ! « » Erlaubet Herr ! ich habe die Rechte lange genug studiert , um zu wissen , daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein kann . Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter noch hier ; folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bundes , und der Ratsschreiber , der durchaus kein Untertan Seiner Durchlaucht ist , hat nicht anders gehandelt , als jeder bündische Soldat , der auf Befehl seines Oberen gegen uns zu Felde zog . « » Ei , die Jugend , die Jugend ! wie Ihr alles überhaspelt , junger , sehr wertgeschätzter Freund ! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte , und den animum possidendi hatte , war auch alles , was in den Mauern sich befand , sein . Folglich wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte , ist ein Majestätsverbrecher . Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten . « » Nicht möglich ; es wäre ganz gegen seine Art und Weise ! Herr Herzog ! das kann nicht sein ! « » Georg ! « sagte dieser ernst , » wir haben lange Geduld gehabt , dich anzuhören . Es hilft deinem Freunde doch nichts . Hier liegt das Protokoll ; der Kanzler hat , ehe ich kam , ein Zeugenverhör angestellt , worin alles sonnenklar bewiesen ist . Wir müssen ein Exempel statuieren ! Wir müssen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden , der Kanzler hat ganz recht , darum kann ich keine Gnade geben . « » So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen , nur ein paar Worte . « » Ist gegen alle Form Rechtens « , fiel der Kanzler ein ; » ich muß dagegen protestieren , Lieber ; es ist ein Eingriff in mein Amt . « » Laß ihn , Ambrosius ; mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen Sünder tun , er ist doch verloren . « » Dieterich von Kraft « , fragte Georg , » wie kommt Ihr hieher ? « Der arme Ratsschreiber , den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte , verdrehte die Augen und seine Zähne schlugen aneinander ; endlich konnte er einige Worte herausstoßen : » Bin hieher geschickt worden vom Rat , wurde Schreiber beim Statthalter - « » Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart ? « » Der Statthalter befahl mir abends , wenn etwa die Bürger sich aufrührerisch zeigten , sie anzureden und zu ihrer Pflicht und Eid zu verweisen . « » Ihr sehet , er kam also auf höheren Befehl dorthin ; wer nahm Euch gefangen ? « fuhr Georg zu fragen fort . » Der Mann , der neben Euch steht . « » Ihr habt diesen Herrn gefangen ? also müßt Ihr auch gehört haben , was er sprach ? was sagte er denn ? « » Ja , was wird er gesagt haben « , antwortete der Bürger , » er hat keine sechs Worte gesprochen , so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von der Bank herunter ; ich weiß noch , er hat gesagt : Aber bedenket , ihr Leute , was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen ! Das war alles , da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter . Aber dort der Doktor Calmus , der hielt eine längere Rede . « Der Herzog lachte , daß das Gemach dröhnte und sah bald Georg , bald den Kanzler an , der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte , sein Lächeln beizubehalten . » Das war also die gefährliche Rede , das Majestätsverbrechen ? Was wird der Bundesrat dazu sagen ! Armer Kraft ! wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst du beinahe dem Scharfrichter . Nun , das haben selbst unsere Freunde oft gesagt : Was werden die Herren sagen , wenn sie hören , der Herzog ist im Land . Deswegen soll er nicht bestraft werden . Was sagst du dazu , Sturmfeder ! « » Ich weiß nicht , was Ihr für Gründe habt , Herr Kanzler « , sagte der Jüngling , indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte , » die Sachen so auf die Spitze zu stellen , und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten , die ihn überall - ja ich sage es , die ihn überall als einen Tyrannen ausschreien müssen . Wenn es nur Diensteifer ist , so habt Ihr diesmal schlecht gedient . « Der Kanzler schwieg , und warf nur einen grimmigen , stechenden Blick aus den grünen Äuglein auf den jungen Mann . Der Herzog aber stund auf und sprach : » Laß mir mein Kanzlerlein gehen , diesmal freilich war er zu strenge . Da - nimm deinen rosenroten Freund mit dir ; gib ihm zu trinken auf die Todesangst , und dann mag er laufen wohin er will . Und du Hund von einem Doktor , der du zu schlecht zu einem Hundedoktor bist , für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu gut . Gehängt wirst du doch noch einmal , ich will mir die Mühe nicht geben . Langer Peter ! nimm diesen Burschen , binde ihn rückwärts auf einen Esel und führe ihn durch die Stadt ; und dann soll man ihn nach Eßlingen führen - zu den hochweisen Räten , wo er und sein Tier hingehöre . Fort mit ihm . « Die Züge des Doktor Kahlmäuser , in welchen schon der Tod gesessen war , heiterten sich auf ; er holte freier Atem und verbeugte sich tief . Peter , Kasperle und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn her , luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg . Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude ; er wollte dem Herzog den Mantel küssen , doch dieser wandte sich ab und winkte Georg , den Gerührten zu entfernen . V O tu es nicht ! Tu ' s nicht ! Sieh deine reinen edlen Züge wissen Noch nichts von dieser unglücksel ' gen Tat : Bloß deine Einbildungskraft befleckt sie ; Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen Aus deiner hoheitblickenden Gestalt . Schiller Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt zu haben , um auf dem Weg durch die Gänge und Galerien des Schlosses die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten . Er zitterte noch an allen Gliedern , seine Kniee wankten , und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten Blicken hinter sich , als fürchte er , den Herzog möchte seine Gnade gereuen , und der greuliche Kanzler im gelben Mantel möchte ihm nachschleichen , und ihn plötzlich am Genick packen . Auf Georgs Zimmer angekommen , sank er erschöpft auf einen Stuhl , und es verging noch eine gute Weile , ehe er geordnet zu denken und zu antworten vermochte . » Eure Politika , Vetter ! hat Euch einen schlimmen Streich gespielt , « sagte Georg ; » was fällt Euch aber auch ein , in Stuttgart als Volksredner auftreten zu wollen ? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure bequeme Haushaltung , die sorgsame Pflege der Amme und die Nähe der holden Berta fliehen , um hier dem Statthalter zu dienen ? « » Ach ! sie ist es ja gerade , die mich in den Tod geschickt hat . Berta ist an allem schuld ; ach , daß ich nie mein Ulm verlassen hätte ! Mit dem ersten Schritte über unsere Markung fing mein Jammer an . « » Berta hat Euch fortgeschickt ? « fragte Georg ; » wie , seid Ihr nicht zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt ? Sie hat Euch abgewiesen , und aus Verzweiflung seid Ihr - « » Gott behüt ; Berta ist so gut als meine Braut . Ach , das ist gerade der Jammer ! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret , bekam ich Händel mit Frau Sabina , der Amme ; da entschloß ich mich , und hielt bei meinem Oheim um das Bäschen an . Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches Wesen gänzlich den Kopf verrückt . Sie wollte , ich solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr . - Dann wolle sie mich heiraten . Ach , du gerechter Gott ! « » Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg ? Welche kühne Gedanken das Mädchen hat ! « » Bin zu Feld gezogen ; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht ! Mein alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus . Das war ein Jammer ! Mußten oft täglich acht Stunden reiten . Die Kleider kamen in Unordnung , alles wurde bestaubt und unsauber , der Panzer drückte mich wund ; ich hielt es nicht mehr aus , und Johann lief heim nach Ulm , da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei , mietete mir eine Sänfte und zwei tüchtige Saumrosse dazu , und so ging es doch erträglicher . « » Da wurdet Ihr also zu Feld getragen , wie der Hund zum Jagen . Habt Ihr auch einem Treffen beigewohnt ? « » O ja ; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge . Keine zwanzig Schritte von mir wurde einer maustot geschossen . Ich vergesse den Schrecken nicht , und wenn ich achtzig Jahr alt werde ! Als wir dann das Land völlig besiegt hatten , bekam ich die ehrenvolle Stelle beim Statthalter . Wir lebten ruhig und in Frieden ; da kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land ; ach , daß ich meinem Kopf gefolgt , und mit den Bundesobersten nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre ; aber ich scheute die beschwerliche Reise . « » Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen , als wir kamen . Der sitzt jetzt im trockenen in Eßlingen , bis wir ihn weiterjagen . « » Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut ; und beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen müssen . Ich dachte nicht , daß die Gefahr so groß sei , ließ mich von Doktor Calmus verführen , eine Rede ans Volk zu halten und Württemberg dem Bunde zu retten . Das hätte gewiß Aufsehen gemacht , und Berta wäre noch eins so freundlich gewesen . Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren , und ohne alle Lebensart ; sie ließen mich nicht einmal zum Wort kommen , warfen mich herab , und behandelten mich ganz gemein und roh . Seht nur meinen Mantel an , wie sie ihn zerrissen haben ! Es ist schade dafür , er hat mich vier Goldgulden gekostet , und Berta behauptete immer , daß mir rosenfarb so gut zu Gesicht stehe . « Georg wußte nicht , ob er über die Torheit des Schreibers lachen , oder es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte , daß er , kaum dem Tode entgangen , sein zerrissenes Mäntelein bedauern konnte . Er wollte ihn noch weiter über seine Schicksale befragen , als ihn ein Geräusch vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte ; er sah hinaus und winkte schnell Herrn Dieterich herbei , um ihm das Schauspiel gefallener irdischer Größe zu zeigen . Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt . Er saß verkehrt auf einem Esel ; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmückt , sie hatten ihm eine spitzige Mütze von Leder aufgesetzt , an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht war . Vor ihm gingen zwei Trommler , zu seinen Seiten sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger und den Wiener , den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern Oberst gehen , die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben . Ein ungeheurer Volkshaufe umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde . Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten hinab und seufzte : » ' s ist hart , auf dem Esel reiten zu müssen « , sagte er , » aber doch immer noch besser als gehängt werden . « Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte nach einer andern Seite des Schloßplatzes . » Wer kommt denn hier ? « fragte er den jungen Ritter . » Schaut , in einem solchen Kasten zog ich zu Felde . « Georg wandte sich um . Er sah einen Zug von Reisigen , die eine Sänfte in ihrer Mitte führten . Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug , der jetzt aufs Schloß einbeugte ; Georg sah schärfer hinab , » Sie sind ' s « , rief er , » wahrhaftig , es ist der Vater und in der Sänfte wird sie sitzen ! « In einem Sprung war er zur Türe hinaus , und der Ratsschreiber sah ihm staunend nach . » Wer soll es sein , welcher Vater ? « fragte er ; er schaute noch einmal durchs Fenster , die Sänfte hielt vor der Zugbrücke des Schlosses , und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus dem Tor . Herr Dieterich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm aufreißen , eine verschleierte Dame stieg aus , sie schlug den Schleier zurück - und wunderbar ! es war das Bäschen Marie von Lichtenstein . » Ei ! sehe doch einer ; er küßt sie auf öffentlicher Straße « , sprach der Ratsschreiber kopfschüttelnd vor sich hin , » was das eine Freude ist . Aber wehe , jetzt kommt der Alte um die Sänfte herum , der wird Augen machen ! Der wird schimpfen ! - doch wie ! er nickt dem Junker freundlich zu , er steigt ab ; er umarmt ihn . Nein ! das geht nicht mit rechten Dingen zu . « Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen ; denn als der Schreiber des Großen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat , um sich zu überzeugen , daß ihn seine Augen getäuscht haben müssen , kam sein Oheim der alte Herr von Lichtenstein die Treppe herauf . An der rechten Hand führte er Georg von Sturmfeder , an der linken - Bäschen Marie . Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen , die sich so tief in sein Herz , in sein Gedächtnis geprägt hatten . In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten Lande erschienen , so erhaben war der Blick ihrer schönen blauen Augen , so majestätisch ihre Stirne , so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schönen dunkeln Bogen der Brau ' n. Er hatte oft und viel darüber nachgedacht , in was denn der Zauber bestehe , der ihn so unwiderstehlich feßle ? Die Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen , lebhaftere Augen , ein schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen frischen Glanz einer heitern Jugend . Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden , still und groß wie eine Königin . War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern , der sich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabsenkte , um das Geheimnis einer stillen Träne zu verhüllen ? Waren es die feinen geschlossenen Lippen , von süßer Wehmut umlagert ? War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zügen , die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen , bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten schienen ? Bertas Heiterkeit , Bertas fröhliche neckende Gunst hatte dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt , und doch fühlte der arme Herr Dieterich die alte Wunde wieder bluten , als das Fräulein von Lichtenstein sich nahte . Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben , daß Mariens Züge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten ? Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung , auf ihrer Stirne , aber in ihren Augen glühte eine stille Freude , ihr Mund lächelte und scherzte , auf ihren Wangen waren die schönsten Rosen aufgeblüht . Sprachlos hatte Dieterich von Kraft diese