. Nicht mit jener quälenden Empfindung , welche Herminia in ihr erregen wollte , aber doch schmerzlich besorgt , sah Gabriele Adelberten sich täglich ihr mehr entfremden . Sie sah die Angst , die ihn in ihrer Nähe ergriff , sie bemerkte wie geflissentlich er jedes Gespräch mit ihr vermied , ohne errathen zu können wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe . Auch zeigte er sich ihr durchaus nicht feindselig , aber ihr Beiseyn übte über ihn eine sichtlich vernichtende Gewalt . Das Geschäft , welches ihn in die Residenz geführt hatte , vernachlässigte er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit ausser dem Hause zu . Sie begriff nicht , wo ? und womit ? Bei der Markise traf sie ihn selten , denn sie besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte , und dann pflegte Adelbert gewöhnlich zu fehlen . Tausend Vermuthungen drängten sich Gabrielen entgegen , doch keine brachte sie der Wahrheit nahe , und ihr Gefühl widerstrebte jedem heimlichen Nachforschen , aber dieses unerklärliche Betragen des Gemahls ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemüthe . Zwischen der Markise und der Gräfin Rosenberg war indessen seit Gabrielens Ankunft eine Spannung entstanden welche , und vielleicht bald , in einen förmlichen Riß auszuarten drohte . Herminie haßte Gabrielen zu sehr , um diesen Haß nicht auch der Gräfin sichtbar werden zu lassen , besonders seit es mit jedem Tage ihr entschiedner wurde , daß Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich verloren sey . Die Gräfin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz ; sie hatte sie auf ihre Art lieb gewonnen , sie wußte sich nicht wenig damit , daß eine so glänzende Erscheinung aus ihrem Hause ausgegangen , unter ihren Augen gebildet sey . Nichts konnte ihr ein beifälligeres Lächeln ablocken , als wenn man Züge von Aehnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte ; auch konnte sie Gabrielen nicht entbehren , ihre stete Gegenwart machte die geselligen Abende der Gräfin zu den gesuchtesten und glänzendsten der Stadt , unerachtet schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen mußten ; zum Theil , weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein zubrachte , mehr aber noch , weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute . Ausser sich wäre sie gewesen , wenn sie gewußt hätte , wie wenig die Gesellschaft im Salon der Gräfin ihre Gegenwart vermißte . Ihr erstes blendendes Auftreten war zwar nicht vergessen , aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und zugleich fremden Schauspiels , welches sich indessen seiner Art nach doch nicht ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen ließ , während Gabrielens sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswürdigkeit auf Geist , Sinn und Herz immerwährend wohlthuend wirkte . Unerachtet der tausend Schwachheiten , zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust zu glänzen die Gräfin Rosenberg verführen mochten , hielt dennoch niemand fester als sie , an das was sie ihre Grundsätze nannte . Achtung vor äußerem Anstande , Sitte und guten Ruf , diese Kardinal-Tugend vornehmer Leute besaß sie in hohem Grade ; sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts , und Adelberts Verhältniß zu Herminien mußte ihr großes Mißfallen erregen , sobald sie es für das erkannte , was es war . Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte sie zuerst aufmerksam darauf . Sie sah , wie er , der sonst nur in den Blicken der Markise d ' Aubincourt zu leben schien , ihr jetzt mit unverkennbarer Kälte begegnete , wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal , wenn beide bei ihr zusammentrafen , den Platz neben ihr einräumte , und sie hatte selbst zu lange und in zu mannigfaltigen Verhältnissen in und mit der Welt gelebt , um nicht , wenn gleich diesesmal ungerechter Weise , den Grund einer so auffallenden Veränderung im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen . Die dunkle Seite desselben blieb ihrem Scharfblick nicht lange verborgen , und gränzenloser Zorn ergriff sie bei der Entdeckung , daß die Markise es wage , unter ihren Augen , in ihrem Hause und gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nächsten Verwandtinnen ein solches Verständniß zu unterhalten . Hätte die Gräfin Rosenberg den ersten Regungen ihres empörten Gemüths zu folgen gewagt , so wäre die Markise in der nächsten Stunde durch öffentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf das beschämendste bestraft worden ; aber sie war von jeher gewohnt , nur mit der äußersten Umsicht vorzuschreiten , und jedes , nicht durch Bewunderung erregte Aufsehen zu scheuen , wie den Tod . Der Familienstolz , welcher einst den Baron von Aarheim so mächtig beherrschte , war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd , und das Bekenntniß , daß Auguste , ihre Verwandtin , um einer andern willen verlassen werden konnte , schien ihr unwürdig und entehrend . Schmerzlich vermißte sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand , doch dieser Freund war fern , auf dem Wege nach Italien , wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen , und so blieb der Gräfin nichts übrig , als an seiner Stelle Gabrielen zu Rath und Mitwirkung aufzufordern , um mit ihrer Hülfe die Markise ohne äußeres Aufsehen zu entlarven , zu entfernen , und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten wieder zuzuführen . Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen für Adelberten , gegen die Beschuldigungen der Gräfin , ehe sie sich entschließen konnte , solche als Wahrheit anzuerkennen , und selbst dann bemühte sie sich noch , sein Vergehen in gemildertem Lichte zu sehen . Weder sie , noch ihre Tante hatten die leiseste Ahnung davon , daß er in der Markise d ' Aubincourt Herminien wieder gefunden habe ; um so auffallender mußte ihnen diese plötzlich entstandne Leidenschaft erscheinen , aber auch um so leichter die Möglichkeit solche zu besiegen . Adelberts schleunige Entfernung von der gefährlichen Zauberin , welche ihn umstrickt hielt , schien beiden Frauen nach langem Berathen , das einzige Mittel , ihn wieder zu sich selbst , zu Augusten zurückzuführen und der innigste Wunsch dieser wo möglich die über dem Glück ihres Lebens schwebende Gefahr gänzlich zu verbergen , bestimmte Gabrielen , sich an Frau von Willnangen zu wenden , um durch diese Adelberts schleunige Zurückberufung zu bewirken . Denn so sehr sie auch den freundlichen Greis , Adelberts Oheim , liebte und ehrte , so wußte sie dennoch nicht , in wie weit man in einer , für Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf dessen Leitung sich verlassen könne , und durfte demnach es nicht wagen , das Muttergefühl der geliebten Freundin zu schonen . Mildernd , begütigend , aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als möglich bekannt . Die Markise zeigte sie ihr , so wie sie ihr selbst erschien , als ein für den ersten Augenblick höchst einnehmendes blendendes Geschöpf , reich an allem was reizt , gefällt und verführt , aber eigentlich doch arm an innerem Werthe , mit keiner einzigen der Eigenschaften begabt , die einst Augusten das Herz ihres Gatten gewannen . Auguste wird ihn wieder gewinnen , setzte Gabriele dieser Beschreibung hinzu . Sie muß ihn wieder gewinnen , um auf ewig ihn zu halten , sobald es uns nur gelingt , ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrücken , deren Nähe ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt . Um nicht zu ängstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen , versuchte es weiterhin Gabriele , der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild ihres jetzigen Lebens und des glänzenden Horizonts zu geben , an welchem sie selbst ein Stern erster Größe war . » Sie sehen , « schrieb sie ferner , » aus ihrer sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind geworden ; doch fürchten Sie nicht zu viel für meinen häuslichen Sinn . Ach liebe liebe Mutter ! ich sehne mich oft so , daß mir die Thränen in die Augen treten , nach einer einzigen Stunde , wie ich deren so unzählig viele bei Ihnen , mit Ihnen , mit Augusten , mit Ernesto verlebt habe . Wissen Sie noch den Abend , wo wir sangen : Dolce dell ' anima , speme del mio cor ? Wie laut , wie thörigt flatterte damals dieß Herz , das jetzt so leise sich regt ! Alles ist anders wie in jenen Tagen und doch im Grunde dasselbe . Was je mir theuer war , ist noch das Leben meines Lebens ; jede Freude , jedes Gelingen , jeden guten Vorsatz knüpfe ich an ein liebes Bild ; aber dieß Bild glänzt weit , weit von mir in meinem Jugendlande . Ich träume davon , wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen , aus einer fernen , goldnen , himmlischen Heimath , und wenn ich erwache , lächelt der Abglanz des Morgenrothes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein . Wirklich , ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt , recht matronenhaft vor , und ich glaube , ich erscheine auch Andern so ; meinem Zöglinge wenigstens gewiß , denn ich muß es nur bekennen , ich gebe mich jetzt mit der Erziehung ab , und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde , das ich dem Untergange entreißen will . Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt , aber erschrecken Sie nicht darüber , mein Zögling geberdet sich gewöhnlich , als zähle er deren kaum sieben ; er ist unbändig , ungehorsam und wieder lenksam , folgsam und gut wie es kommt . Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder glänzenden Eigenschaft der reifern Jugend . Denken Sie sich ihn hoch , schlank , schön wie Achill ; schmiegsam , biegsam , fast kindliche Grazie in jeder Bewegung , mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen , wie Mignon . So wunderlich wie in seinem Aeussern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern . Er ist stolz , auch wohl hochmüthig verachtend , eitel , argwöhnisch , suffisant-ausgelassen und oft recht von Herzen betrübt . Alles das theils durch das Leben , welches er bis jetzt lebte und durch die Leute , mit denen er in Verbindung gerieth , mehr aber noch , wie er mir nicht vertraute , aber errathen ließ , durch früh erlittenen Verrath , Mißhandlung und Betrug von Seiten derer , welchen es Pflicht war , ihn zu lieben . Von Natur ist er mild , bescheiden , heiter , vertrauend , jeder Aufopferung fähig , aber diese edleren Eigenschaften treten nur zuweilen hervor , und werden oft verdüstert . Er ist sehr unterrichtet , sogar gelehrt wie es mich dünkt . Er weiß von Kunst zu reden , bläst die Flöte , zeichnet , skizzenhaft aber geistreich . Doch alles dieß ist ihm nur ein Erlerntes , er weiß es nicht zu brauchen , er weiß nur damit zu glänzen . Er geht umher wie ein Nachtwandler in eines Königs Pallast , man muß ihn bei Namen rufen , damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgiebt , aber man muß ihn dabei auch recht sorglich festhalten , um ihn vor dem Falle zu schützen und auf rechte Bahn zu bringen . Dieß zu versuchen , habe ich mir nun vorgenommen . Ich fand ihn am Scheidewege , oder vielmehr , daß ich es nur gestehe , ich fand ihn schon eine ziemliche Strecke über die Gränze hinaus verlockt . Ein wunderliches Begegnen brachte ihn mir nahe ; zuerst war er ungezogen , ich schalt wie billig , er schämte sich etwas ungeschickt , vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem Anlasse , und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes , ja selbst Edles hervor , daß er mein innigstes Bedauern erregte , und ich den Wunsch fühlen mußte , ihm wieder zurecht zu helfen . Die Frauen mögen an seinem Verderben nicht wenig Schuld seyn . Nun es sey gewagt . Vielleicht gelingt es mir , wieder zu erbauen , was Andere meines Geschlechts zerstörten . Hippolit scheint Vertrauen zu mir gefaßt zu haben , und das ist schon viel . Möge es Ihnen ein Beweis seiner Herzensgüte seyn , daß er zu meinem eignen Erstaunen das Wohlwollen meines Gemahls sich in so hohem Grade zu erwerben gewußt hat , daß dieser ihn immer um sich haben möchte , und Hippolit deshalb beinah wie einer unserer Hausgenossen anzusehen ist ; nur daß er nicht bei uns wohnt . Manche kleine körperliche Schwäche des Alters beginnt , früh wie mich dünkt , Herrn von Aarheims Daseyn zu trüben , ohne daß ich deshalb ernstlich um ihn besorgt zu seyn Ursache hätte . Er wäre gewiß weit öfterer leidend und grämlich als er es ist , doch Hippolit macht ihm vieles vergessen , denn er umspielt ihn in Jugendlust und heiterer Lebensfülle . Der allmählig zum Greise heranalternde Mann scheint oft zu wähnen , er habe in ihm einen lieben Sohn wieder gefunden , der seine grauen Locken ehrt und seine kleinen Schwachheiten schonend erträgt . Wie sehr ich dabei an häuslicher Ruhe und Lebensfreiheit gewinne , werden Sie , die Sie uns so genau kennen , leicht ermessen , und sich nicht darüber wundern , daß Hippolit , in diesem freundlichen Verhältniß zu uns , mir selbst ein Verwandter zu seyn dünkt , der Anspruch hat an mich , daß ich für ihn thue was ich kann . « Einige Wochen waren nach Absendung dieses Briefes vergangen und Gabriele sah längst der Antwort entgegen , als eines Abends sich ein kleiner gewählter Kreis zum musikalischen Verein in ihrem Zimmer versammlet hatte . Umflossen von Licht , Glanz und Schönheit saß die Markise auf dem Divan unter einer strahlenden Girandole von Kristall . Vor ihr stand die reich geschmückte große Pariser Harfe , hinter ihr über sie hingebeugt Hippolit , dessen Flöte die Töne begleitete , welche sie mit Meisterhand dem goldnen Saitengewebe entlockte . Die ganze Gesellschaft im Saal war in der Andacht des Zuhörens und des Anschauns versunken . Nur Adelbert saß einsam und abgewendet in der fernsten Ecke desselben . Mit den so eben verklungenen einfachen Tönen eines alten oft gehörten Liedes hatte Gabriele eine Welt von Schmerz und Sehnsucht in seinem Busen aufgeregt . Die Melodie des Liedes war eine von jenen , welche wie Töne aus der Heimath in uns wiederklingen und den Worten so fest sich anschließen , daß es unmöglich wird jene ohne diese oder diese ohne jene zu denken . Hier ist das Lied : Noch einmal muß ich vor Dir stehn , Noch einmal in Dein Auge sehn So lieb und klar ; Die Hand , so fest und wahr , Noch einmal fassen inniglich Die liebe Hand und Dich - und Dich ! Drum wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Dann wär ' schon alles recht , Und wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Wie ' s Gott dann schicken möcht ' ! Ich muß Dir sagen noch einmal All ' meine Freud ' , all ' meine Qual ; Du kennst sie beid ' , Mein Glück und auch mein Leid , Doch ich muß sagen Dir auf ' s neu All ' meiner Seele Lieb ' und Treu ! Drum wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Dann wär ' schon alles recht , Und wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Wie ' s Gott dann schicken möcht ' ! Muß hören noch ein einzigmal Den süßen vollen Glockenschall Von deiner Stimm ' , Denn , - ging ' s mir noch so schlimm , - Wenn sie von deinen Lippen weht Wird meine Klage still Gebet . Drum wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Dann wär ' schon alles recht , Und wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Wie ' s Gott dann schicken möcht ' ! Will rufen all ' mein schmerzlich Glück Mir noch ein einzigmal zurück ; Will lauschen sacht ' : Wie du an mich gedacht ? Noch einmal muß auf Erden mein , Nur einmal noch der Himmel seyn . Drum wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Dann wär ' schon alles recht , Und wenn ich nur erst bei Dir wär ' , Wie ' s Gott dann schicken möcht ' ! Diesen Worten , diesen Tönen hatte Adelbert unzähligemal im innigsten Gefühl seines Glücks an Augustens Seite zugehorcht , wenn Gabriele , wie eben jetzt , mit ihrer süßen rührenden Stimme sie sang ; und nun erfüllten sie das Gemüth des einsam Verirrten mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem häuslichen glücklichen Heerd . Dabei ward ihm , als trennten weite Meere , unüberwindliche Klüfte ihn von den Seinen , als werde er nimmer und nimmer sie wiedersehn . Allmählig versank er so in immer trostlosere Wehmuth und beachtete weder das Spiel der Markise noch alles was ihn umgab . Ein leises Oeffnen der Thüre bewog ihn endlich mechanisch die Augen zu erheben und zu seinem unsäglichen Schrecken erblickte er dicht vor sich die ehrwürdige Gestalt seines , viele Meilen weit entfernt geglaubten Oheims , des Generals Lichtenfels . Blitzschnell fuhr Adelbert bei dem unerwarteten Anblick in die Höhe , er wollte ihn begrüßen , aber die Stimme versagte ihm den Dienst ; bleich , wie entgeistert , blieb er auf seinem Platze regungslos stehen , den stieren Blick auf den eben Eingetretenen geheftet , der ihn indessen eben so wenig bemerkte , als er selbst von der ganz der Musik zugewendeten Gesellschaft bemerkt ward . Leise auftretend , durchschritt der General das Zimmer der Länge nach , bis er dicht vor der Markise still stand , nur durch die Harfe von ihr geschieden . Mit immer zorniger werdendem Ernste betrachtete er sie , jede Sekunde überzeugte ihn immer fester , sie sey wirklich die , für welche er sie im ersten Augenblicke erkannt hatte , bis endlich eine Pause in der Musik entstand . Die Markise , welche bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte , wendete sich jetzt gegen ihre Zuhörer , um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen , und ihr erster Blick fiel auf die hohe , drohende Gestalt , die , ganz nahe vor ihr , über die Harfe weg , sie anstarrte . Gelähmt vom Schrecken bei der unerwarteten Erscheinung , die auch sie nur zu wohl wieder erkannte , fühlte sie dennoch die dringende Nothwendigkeit , hier ruhig und besonnen zu bleiben . Sogar ein Gedanke der Möglichkeit , unerkannt durchzuschlüpfen , fuhr ihr durch den Kopf , wenn sie Fassung genug behielt , ferner für eine Französin zu gelten , deren große Aehnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre . Aber ein Seitenblick auf Adelbert , der wie vernichtet da stand , brach ihr den Muth , und als nun vollends der General die wohlbekannte Stimme donnernd erhob , sank sie erbleichend auf dem Divan zurück , und vermochte es kaum noch , auf ihrem Sitz sich aufrecht zu erhalten . Erzürnt , tief empört , vom Augenblick hingerissen , vergaß der General alle ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt . Der ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag , so wie er in der Markise Herminien wieder fand , und er überströmte die ihm jetzt zwiefach strafbar Erscheinende mit Fragen , mit Vorwürfen , mit Anklagen , welche den dabei Gegenwärtigen ihre früheren und jetzigen Verhältnisse in dem allerungünstigsten Licht offenbaren mußten . Die duldende Verlegenheit der Markise galt bei Allen für das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung , besonders da sie in der Angst der früheren Verstellung vergaß , und plötzlich in sehr reinem geläufigem Deutsch ihren Widersacher zu besänftigen und manche Anklage von sich abzuwenden suchte . Die Scene ward immer verwirrender und Gabriele , die , wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte , sich doch bewußt war , sie veranlaßt zu haben , gerieth in immer drückendere Verlegenheit . Denn jetzt erhob sich auch die Gräfin , um die Angeklagte vollends zu zerschmettern . Mit richtendem Ernst , stolz und hoch wie eine Königin , betrachtete sie sie einige Sekunden , dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen Bitte , ihr zu verzeihen , daß sie , auf beispiellose Art getäuscht , sich durch ihre gewohnte arglose Gefälligkeit habe verleiten lassen , eine Dame bei ihr einzuführen , mit deren Verhältnissen sie , wie sie jetzt gewahr werde , dazu nicht bekannt genug gewesen sey . Mit einer verbeugenden Bewegung , welche die nehmliche Bitte auch den übrigen Anwesenden wiederholte , verließ sie alsdann das Zimmer , nur begrüßte sie noch vorher die Markise mit einem nachlässig vornehmen : Madame ! J ' ai l ' honneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende Nichte . Auch Adelbert hatte sich früher , ohne bemerkt zu werden , entfernt . Jedes Bestreben , dem General Einhalt zu thun , war vergeblich . Mitleidig versuchte es endlich Gabriele , der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu bahnen , aber dieser war nicht zu helfen , sie saß regungslos auf dem Divan , von der einen Seite durch die große Harfe eingeengt , von der andern durch den General , der sich selbst immer zorniger sprach , und seinen Anschuldigungen immer schonungslosere Worte gab . Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemüht , die bei diesem widerwärtigen Vorgange nicht persönlich interessirten Zuschauer zum Weggehen zu bewegen , alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen . Doch jetzt , da die Gräfin das Beispiel gab , konnte man sich nicht mehr anständig weigern , ihr zu folgen . Die Gesellschaft brach also mit ihr auf , und Hippolit ergriff nun das einzige Mittel , das ihm übrig blieb , um diese unangenehme Scene gänzlich zu beenden . Er nahte sich der Markise , schob die schwere Harfe bei Seite , und unerachtet der General , den er nicht kannte , noch immer fort sprach , bot er ihr den Arm , um sie an ihren Wagen zu geleiten . Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um sie her , sie plötzlich aus ihrer Bewußtlosigkeit erwecke ; sie stand auf , wieß mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich , und wandte sich dann gegen den General , der nun seiner Seits auch über das Unerwartete wie verwundert verstummte . » Ihr Alter , Herr General ! giebt Ihnen das Privilegium , unartig zu seyn , daher verzeihe ich Ihnen , « sprach Herminia sehr vernehmlich . » Ob Sie aber Ihr heutiges Betragen sich selbst und denen , welche Sie dazu aufreizten , werden verzeihen können , das mögen Sie bei kälterem Blute selbst entscheiden . Morgen , wenn Sie das Fieber verschlafen haben , in welches die Ermüdung der Reise Sie versetzt hat , werden bei hellerem Bewußtseyn Ihnen vielleicht die Gründe klar werden , welche diese Dame und diesen Herrn veranlaßt haben können , Sie zu einer Scene zu verschreiben , deren Herbeiführung freilich den Forschungsgeist und das savoir faire derselben in der skandalösen Kronick der Stadt rühmlichst verewigen muß . « Mit einem höhnischen Lächeln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen Hippolit und Gabrielen und verließ dann das Zimmer . Hippolit folgte ihr dennoch , um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten , während Gabriele beim General blieb , der zornbleich und von der heftigen Gemüthsbewegung erschöpft in einen Armsessel gesunken war , aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens bald wieder auffuhr . » Auguste ! « rief er , » Auguste ! Daß ich diese vergessen konnte ! Aber wie war es möglich , ein solches Zusammentreffen vorauszusehen ? Wir meinten es gut , Frau von Willnangen und ich ; ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines Geschäftes von hier abrufen . Augustens Wiedersehen , so hofften wir , sollte schnell die Fesseln der Buhlerin lösen . Wer konnte die Möglichkeit denken , in der Markise d ' Aubincourt Herminien zu finden ? ! « » Um Gotteswillen , wo ist Auguste ? « rief Gabriele . » Die Arme , « erwiderte der General , der noch immer seine gewöhnliche Fassung nicht wieder gewonnen hatte ; » die Arme ! Sie weiß von nichts . Auf mein Bitten begleitete sie mich , Adelberten , wie sie glaubt , zu seinem heutigen Geburtstage durch ihre Gegenwart freudig zu überraschen . Wir vernahmen beim Aussteigen aus dem Wagen , hier sey Konzert , Gott weiß , ich ahnete nichts von der Scene , die nun erfolgt ist . Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden . Gut nur , daß Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte . « » Wo ist sie ? wo ist sie ? « fragte Gabriele noch ängstlicher und zog hastig die Klingelschnur , um Annetten herbei zu rufen . » In Adelberts Zimmer , « erwiderte der General , » sie wollte eiligst sich umkleiden . « Pfeilschnell flog jetzt Gabriele , die Freundin aufzusuchen , der General folgte ihr ; unten von der Treppe herauf hörten sie unterweges Hippolits und Adelberts Stimmen , wie im heftigen Wortwechsel ertönen und auch der Markise Stimme ward vernehmbar . Zu jeder andern Zeit würde dieß alles Gabrielen sehr beunruhigt haben , jetzt achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten . Sie fand sie wirklich in Adelberts Zimmer allein , zwar mit allem Geschehenen unbekannt , aber doch zitternd vor einem namenlosen Unglück , das ihr um so furchtbarer erschien , je weniger sie im Stande war , ihm eine Gestaltung zu geben . Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und , wie sie meinte , freudig über ihren unvermutheten Besuch in das Zimmer gestürzt . Mit offnen Armen war sie ihm entgegen getreten , er aber hatte mit vorgestreckten Händen sie von sich abgewehrt , hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein Verzweifelnder . Auguste war ihm gefolgt , aber er in dem ihr fremden Hause schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden . Mit Mühe hatte sie sich in das Zimmer zurück gefunden , und dann versucht sich zu erholen , um Gabrielen aufsuchen zu können , als diese mit dem General zu ihr eintrat . Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemüth ihrer Freundin , sie wußte , daß diese liebende , neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg , und blickte mit um so herzlicherem Mitgefühl auf die Arme , die nur vor einem ihr unbekannten äußern Unglück zitterte , welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien , während sie gar nicht daran dachte , daß sie anders als in ihm beklagenswerth seyn könne . Gabrielens erste Sorge war , Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu entfernen , in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick überraschend eintreten konnte . Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu lösen , Augusten so schonend als möglich mit Adelberts und Herminiens zufälligem Zusammentreffen und dessen Folgen bekannt zu machen . Die Natur hatte Augusten mit Lebensmuth und mit heiterem , alles ebnendem Sinn , diesen zum Glück des Lebens nothwendigsten Gaben , reichlich ausgestattet und so wäre es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen , die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern , den sie nicht mehr an ihr vorüber führen durfte , doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr Bemühen . Unbekannt mit allem früher Vorgefallnen , kehrte er von einem späten Männerdiner zurück und gewahrte mit großer Verwunderung den ungewohnt zeitigen Aufbruch der bei Gabrielen versammlet gewesenen Gesellschaft , deren Wagen sich eben von seinem Hause aus in alle vier Winde verstreuten . Mit noch größerem Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise , Adelbert und Hippoliten in heftigem Wortwechsel begriffen . Ohne dessen Entstehen zu kennen , bemühte er sich , ihn zu schlichten , und stürzte , da dieses mißlang , ganz verstört in Gabrielens Zimmer , ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken . » Sono ammazato ! sie sind todt oder vielmehr so gut als todt , alle beide ! Sie schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen , der Rittmeister und Hippolit , « rief er aus , und lief wie ein Verrückter im Zimmer umher . Vergebens bemühten sich der General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzählung des Vorganges , den er andeutete , zu bewegen ; er fuhr nach seiner unverständigen Weise fort , die bängsten Befürchtungen zu erregen , ohne sich deutlicher erklären zu wollen , bis Auguste , freilich bebend und bleich , sich erhob und des Generals Arm ergriff . » Kommen Sie , Vater ! « sprach sie , » zu ihm führen Sie mich ! « » Bravissimo ! « rief plötzlich sehr freudig Moritz von Aarheim , » das ist ein herrlicher Einfall , mein Wagen steht zum Glück noch angespannt und ich selbst will Sie zur Frau Markise begleiten . Dort ist er , die gute Dame zog ihn beinahe gewaltsam mit in ihren Wagen , gewiß hält sie ihn bei sich fest , to keep him out of harms way . « » Er folgte Herminien ? « rief wie außer sich der General , und wüthender als je flammte sein Zorn auf . » Ja ich nehme Ihren Wagen , ich will den Ehrlosen bei der Ehrlosen finden ! « Auguste sank an Gabrielens Busen . » Herminia ! Und du verschwiegst es mir ? « sprach sie leise und fiel dann , nicht ohnmächtig , aber wie zerbrochen an allen Gliedern , auf den Sopha zurück . » What shall we do , what shall we do ? « wimmerte Moritz in einem fort , nach seiner gewohnten Art in jeder Angst . Der General war indessen zum Zimmer