Lebhafte Frage nach der Ursache , Verwechselung von Ursache und Wirkung , Beruhigung in einer falschen Theorie sind von großer nicht zu entwickelnder Schädlichkeit . Wenn mancher sich nicht verpflichtet fühlte , das Unwahre zu wiederholen , weil er ' s einmal gesagt hat , so wären es ganz andre Leute geworden . Das Falsche hat den Vorteil , daß man immer darüber schwätzen kann , das Wahre muß gleich genutzt werden , sonst ist es nicht da . Wer nicht einsieht , wie das Wahre praktisch erleichtert , mag gern daran mäkeln und häkeln , damit er nur sein irriges mühseliges Treiben einigermaßen beschönigen könne . Die Deutschen , und sie nicht allein , besitzen die Gabe , die Wissenschaften unzugänglich zu machen . Der Engländer ist Meister , das Entdeckte gleich zu nutzen , bis es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat führt . Man frage nun , warum sie uns überall voraus sind . Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft , daß er an die Stelle , wo das unaufgelöste Problem liegt , gerne ein Phantasiebild hinfabelt , das er nicht loswerden kann , wenn das Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist . Es gehört eine eigene Geisteswendung dazu , um das gestaltlose Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden , die sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen . Bei Betrachtung der Natur im großen wie im kleinen hab ' ich unausgesetzt die Frage gestellt : Ist es der Gegenstand oder bist du es , der sich hier ausspricht ? Und in diesem Sinne betrachtete ich auch Vorgänger und Mitarbeiter . Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte , gebildete , vollkommene Welt doch nur als ein Element an , woraus er sich eine besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist . Tüchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit , wie es gehen will , zu gebaren ; andere zaudern an ihr herum ; einige zweifeln sogar an ihrem Dasein . Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte , würde mit niemanden streiten , sondern nur die Vorstellungsart eines andern wie seine eigene als ein Phänomen betrachten . Denn wir erfahren fast täglich , daß der eine mit Bequemlichkeit denken mag , was dem andern zu denken unmöglich ist , und zwar nicht etwa in Dingen , die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einfluß hätten , sondern in Dingen , die für uns völlig gleichgültig sind . Man weiß eigentlich das , was man weiß , nur für sich selbst . Spreche ich mit einem andern von dem , was ich zu wissen glaube , unmittelbar glaubt er ' s besser zu wissen , und ich muß mit meinem Wissen immer wieder in mich selbst zurückkehren . Das Wahre fördert ; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts , er verwickelt uns nur . Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht enthalten , nach den Ursachen zu fragen ; als ein bequemes Wesen greift er nach der nächsten als der besten und beruhigt sich dabei ; besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes . Sieht man ein Übel , so wirkt man unmittelbar darauf , d.h. man kuriert unmittelbar aufs Symptom los . Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft ; die entstandene Welt , mit der sich die Geognosie abgibt , ist tot . Daher kann es keine Geologie geben , denn die Vernunft hat hier nichts zu tun . Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde , so kann ich es zusammenlesen und aufstellen ; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein Analogon zu mir , und wenn es das Riesenfaultier wäre . Was nicht mehr entsteht , können wir uns als entstehend nicht denken ; das Entstandene begreifen wir nicht . Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kühner Versuch , die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu knüpfen . Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf verschiedene Weise durch Naturkräfte hervorgebracht . Nichts ist widerwärtiger als die Majorität : denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern , aus Schelmen die sich akkommodieren , aus Schwachen die sich assimilieren , und der Masse , die nachtrollt , ohne nur im mindesten zu wissen , was sie will . Die Mathematik ist , wie die Dialektik , ein Organ des inneren höheren Sinnes , in der Ausübung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit . Für beide hat nichts Wert als die Form ; der Gehalt ist ihnen gleichgültig . Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne , die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige , ist beiden vollkommen gleich . Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an , der ein solches Geschäft betreibt , eine solche Kunst ausübt . Ein durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache , ein durchdringender Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich gottähnlich . Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit ? Und diese , ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefühls ? Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben , sie kann den Eigensinn nicht lindern , den Parteigeist nicht beschwichtigen , nichts von allem Sittlichen vermag sie . Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen , als er ein vollkommener Mensch ist , als er das Schöne des Wahren in sich empfindet ; dann erst wird er gründlich , durchsichtig , umsichtig , rein , klar , anmutig , ja elegant wirken . Das alles gehört dazu , um La Grange ähnlich zu werden . Nicht die Sprache an und für sich ist richtig , tüchtig , zierlich , sondern der Geist ist es , der sich darin verkörpert ; und so kommt es nicht auf einen jeden an , ob er seinen Rechnungen , Reden oder Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will ; es ist die Frage , ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat . Die geistigen : das Vermögen der An- und Durchschauung , die sittlichen : daß er die bösen Dämonen ablehne , die ihn hindern könnten , dem Wahren die Ehre zu geben . Das Einfache durch das Zusammengesetzte , das Leichte durch das Schwierige erklären zu wollen , ist ein Unheil , das in dem ganzen Körper der Wissenschaft verteilt ist , von den Einsichtigen wohl anerkannt , aber nicht überall eingestanden . Man sehe die Physik genau durch , und man wird finden , daß die Phänomene sowie die Versuche , worauf sie gebaut ist , verschiedenen Wert haben . Auf die primären , die Urversuche kommt alles an , und das Kapitel , das hierauf gebaut ist , steht sicher und fest ; aber es gibt auch sekundäre , tertiäre u.s.w. Gesteht man diesen das gleiche Recht zu , so verwirren sie nur das , was von den ersten aufgeklärt war . Ein großes Übel in den Wissenschaften , ja überall entsteht daher , daß Menschen , die kein Ideenvermögen haben , zu theoretisieren sich vermessen , weil sie nicht begreifen , daß noch so vieles Wissen hiezu nicht berechtigt . Sie gehen im Anfange wohl mit einem löblichen Menschenverstand zu Werke , dieser aber hat seine Grenzen , und wenn er sie überschreitet , kommt er in Gefahr , absurd zu werden . Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des Tuns und Handelns . Tätig wird er sich selten verirren ; das höhere Denken , Schließen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache . Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft , sodann schadet sie , weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden läßt . Der Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre . Man sagt : zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne . Keineswegs ! Das Problem liegt dazwischen , das Unschaubare , das ewig tätige Leben , in Ruhe gedacht . Drittes Buch Erstes Kapitel Nach allem diesem , und was daraus erfolgen mochte , war nun Wilhelms erstes Anliegen , sich den Verbündeten wieder zu nähern und mit irgendeiner Abteilung derselben irgendwo zusammenzutreffen . Er zog daher sein Täfelchen zu Rat und begab sich auf den Weg , der ihn vor andern ans Ziel zu führen versprach . Weil er aber , den günstigsten Punkt zu erreichen , quer durchs Land gehen mußte , so sah er sich genötigt , die Reise zu Fuße zu machen und das Gepäck hinter sich her tragen zu lassen . Für seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte reichlich belohnt , indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf ; es waren solche , wie sie das letzte Gebirg gegen die Fläche zu bildet , bebuschte Hügel , die sanften Abhänge haushälterisch benutzt , alle Flächen grün , nirgends etwas Steiles , Unfruchtbares und Ungepflügtes zu sehen . Nun gelangte er zum Haupttale , worein die Seitenwasser sich ergossen ; auch dieses war sorgfältig bebaut , anmutig übersehbar , schlanke Bäume bezeichneten die Krümmung des durchziehenden Flusses und einströmender Bäche , und als er die Karte , seinen Wegweiser , vornahm , sah er zu seiner Verwunderung , daß die gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Weg befinde . Ein altes , wohlerhaltenes , zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schloß zeigte sich auf einem bebuschten Hügel ; am Fuße desselben zog ein heiterer Flecken sich hin mit vorstehendem , in die Augen fallendem Wirtshaus ; auf letzteres ging er zu und ward zwar freundlich von dem Wirt empfangen , jedoch mit Entschuldigung , daß man ihn ohne Erlaubnis einer Gesellschaft nicht aufnehmen könne , die den ganzen Gasthof auf einige Zeit gemietet habe ; deswegen er alle Gäste in die ältere , weiter hinauf liegende Herberge verweisen müsse . Nach einer kurzen Unterredung schien der Mann sich zu bedenken und sagte : » Zwar findet sich jetzt niemand im Hause , doch es ist eben Sonnabend , und der Vogt kann nicht lange ausbleiben , der wöchentlich alle Rechnungen berichtigt und seine Bestellungen für das Nächste macht . Wahrlich , es ist eine schickliche Ordnung unter diesen Männern und eine Lust , mit ihnen zu verkehren , ob sie gleich genau sind , denn man hat zwar keinen großen , aber einen sichern Gewinn . « Er hieß darauf den neuen Gast in dem obern großen Vorsaal sich gedulden und , was ferner sich ereignen möchte , abwarten . Hier fand nun der Herantretende einen weiten , saubern Raum , außer Bänken und Tischen völlig leer ; desto mehr verwunderte er sich , eine große Tafel über einer Türe angebracht zu sehen , worauf die Worte in goldnen Buchstaben zu lesen waren : » Ubi homines sunt modi sunt « ; welches wir deutsch erklären , daß da , wo Menschen in Gesellschaft zusammentreten , sogleich die Art und Weise , wie sie zusammen sein und bleiben mögen , sich ausbilde . Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu denken , er nahm ihn als gute Vorbedeutung , indem er das hier bekräftigt fand , was er mehrmals in seinem Leben als vernünftig und fördersam erkannt hatte . Es dauerte nicht lange , so erschien der Vogt , welcher , von dem Wirte vorbereitet , nach einer kurzen Unterredung und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter folgenden Bedingungen aufnahm : drei Tage zu bleiben , an allem , was vorgehen möchte , ruhig teilzunehmen und , es geschehe , was wolle , nicht nach der Ursache zu fragen , so wenig als beim Abschied nach der Zeche . Das alles mußte der Reisende sich gefallen lassen , weil der Beauftragte in keinem Punkte nachgeben konnte . Eben wollte der Vogt sich entfernen , als ein Gesang die Treppe herauf scholl ; zwei hübsche junge Männer kamen singend heran , denen jener durch ein einfaches Zeichen zu verstehen gab , der Gast sei aufgenommen . Ihren Gesang nicht unterbrechend , begrüßten sie ihn freundlich , duettierten gar anmutig , und man konnte sehr leicht bemerken , daß sie völlig eingeübt und ihrer Kunst Meister seien . Als Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies , schlossen sie und fragten : ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fußwanderungen einfalle und das er so vor sich hin singe ? » Mir ist zwar von der Natur « , versetzte Wilhelm , » eine glückliche Stimme versagt , aber innerlich scheint mir oft ein geheimer Genius etwas Rhythmisches vorzuflüstern , so daß ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege und zugleich leise Töne zu vernehmen glaube , wodurch denn irgendein Lied begleitet wird , das sich mir auf eine oder die andere Weise gefällig vergegenwärtigt . « » Erinnert Ihr Euch eines solchen , so schreibt es uns auf « , sagten jene ; » wir wollen sehen , ob wir Euren singenden Dämon zu begleiten wissen . « Er nahm hierauf ein Blatt aus seiner Schreibtafel und übergab ihnen folgendes : » Von dem Berge zu den Hügeln , Niederab das Tal entlang , Da erklingt es wie von Flügeln , Da bewegt sich ' s wie Gesang ; Und dem unbedingten Triebe Folget Freude , folget Rat , Und dein Streben , sei ' s in Liebe , Und dein Leben sei die Tat . « Nach kurzem Bedenken ertönte sogleich ein freudiger , dem Wanderschritt angemessener Zweigesang , der , bei Wiederholung und Verschränkung immer fortschreitend , den Hörenden mit hinriß ; er war im Zweifel , ob dies seine eigne Melodie , sein früheres Thema , oder ob sie jetzt erst so angepaßt sei , daß keine andere Bewegung denkbar wäre . Die Sänger hatten sich eine Zeitlang auf diese Weise vergnüglich ergangen , als zwei tüchtige Bursche herantraten , die man an ihren Attributen sogleich für Maurer anerkannte , zwei aber , die ihnen folgten , für Zimmerleute halten mußte . Diese viere , ihr Handwerkszeug sachte niederlegend , horchten dem Gesang und fielen bald gar sicher und entschieden in denselben mit ein , so daß eine vollständige Wandergesellschaft über Berg und Tal dem Gefühl dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte , nie etwas so Anmutiges , Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben . Dieser Genuß jedoch sollte noch erhöht und bis zum Letzten gesteigert werden , als eine riesenhafte Figur , die Treppe heraufsteigend , einen starken , festen Tritt mit dem besten Willen kaum zu mäßigen imstande war . Ein schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke , sich aber auf eine Bank nieder , die zu krachen anfing , worüber die andern lachten , ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen . Sehr überrascht aber fand sich Wilhelm , als mit einer ungeheuren Baßstimme dieses Enakskind gleichfalls einzufallen begann . Der Saal schütterte , und bedeutend war es , daß er den Refrain an seinem Teile sogleich verändert und zwar dergestalt sang : » Du im Leben nichts verschiebe ; Sei dein Leben Tat um Tat ! « Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken , daß er das Tempo zu einem langsameren Schritt herniederziehe und die übrigen nötige , sich ihm zu fügen . Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam befriedigt hatte , warfen ihm die andern vor , als wenn er getrachtet habe , sie irrezumachen . » Keineswegs « , rief er aus , » ihr seid es , die ihr mich irrezumachen gedenkt ; aus meinem Schritt wollt ihr mich bringen , der gemäßigt und sicher sein muß , wenn ich mit meiner Bürde bergauf , bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde eintreffen und euch befriedigen soll . « Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein , und Wilhelm konnte wohl bemerken , daß es auf eine Abrechnung angesehen sei , wornach er sich nun nicht weiter erkundigen durfte . In der Zwischenzeit kamen ein Paar muntere , schöne Knaben , eine Tafel in der Geschwindigkeit zu bereiten , mäßig mit Speise und Wein zu besetzen , worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit ihm niederzulassen einlud . Die Knaben warteten auf , vergaßen sich aber auch nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin . Wilhelm erinnerte sich ähnlicher Szenen , da er noch unter den Schauspielern hauste , doch schien ihm die gegenwärtige Gesellschaft viel ernster , nicht zum Scherz auf Schein , sondern auf bedeutende Lebenszwecke gerichtet . Das Gespräch der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hierüber aufs klarste . Die vier tüchtigen jungen Leute waren in der Nähe tätig , wo ein gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche gelegt hatte ; nicht weniger hörte man , daß der wackere Vogt mit Anschaffung des Holzes und sonstiger Baumaterialien beschäftigt sei , welches dem Gast um so rätselhafter vorkam , als sämtliche Männer hier nicht wie Einheimische , sondern wie Vorüberwandernde sich in allem übrigen ankündigten . Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph , so nannten sie den Riesen , ein beseitigtes gutes Glas Wein zum Schlaftrunk , und ein heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die Gesellschaft für das Ohr zusammen , die dem Blick bereits auseinandergegangen war ; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer geführt wurde von der anmutigsten Lage . Der Vollmond , eine reiche Flur beleuchtend , war schon herauf und weckte ähnliche und gleiche Erinnerungen in dem Busen unseres Wanderers . Die Geister aller lieben Freunde zogen bei ihm vorüber , besonders aber war ihm Lenardos Bild so lebendig , daß er ihn unmittelbar vor sich zu sehen glaubte . Dies alles gab ihm ein inniges Behagen zur nächtlichen Ruhe , als er durch den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt worden wäre . Es klang aus der Ferne her , und doch schien es im Hause selbst zu sein , denn das Haus zitterte manchmal , und die Balken dröhnten , wenn der Ton zu seiner größten Kraft stieg . Wilhelm , der sonst ein zartes Ohr hatte , alle Töne zu unterscheiden , konnte doch sich für nichts bestimmen ; er verglich es dem Schnarren einer großen Orgelpfeife , die vor lauter Umfang keinen entschiedenen Ton von sich gibt . Ob dieses Nachtschrecken gegen Morgen nachließ , oder ob Wilhelm , nach und nach daran gewöhnt , nicht mehr dafür empfindlich war , ist schwer auszumitteln ; genug , er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne anmutig erweckt . Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Frühstück gebracht , als eine Figur hereintrat , die er am Abendtische bemerkt hatte , ohne über deren Eigenschaften klar zu werden . Es war ein wohlgebauter , breitschultriger , auch behender Mann , der sich durch ausgekramtes Gerät als Barbier ankündigte und sich bereitete , Wilhelmen diesen so erwünschten Dienst zu leisten . Übrigens schwieg er still , und das Geschäft war mit sehr leichter Hand vollbracht , ohne daß er irgendeinen Laut von sich gegeben hätte . Wilhelm begann daher und sprach : » Eure Kunst versteht Ihr meisterlich , und ich wüßte nicht , daß ich ein zarteres Messer jemals an meinen Wangen gefühlt hätte , zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu beobachten . « Schalkhaft lächelnd , den Finger auf den Mund legend , schlich der Schweigsame zur Türe hinaus . » Wahrlich ! « rief ihm Wilhelm nach : » Ihr seid jener Rotmantel , wo nicht selbst , doch wenigstens gewiß ein Abkömmling ; es ist Euer Glück , daß Ihr den Gegendienst von mir nicht verlangen wollt , Ihr würdet Euch dabei schlecht befunden haben . « Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt , als der bekannte Vogt hereintrat , zur Tafel für diesen Mittag eine Einladung ausrichtend ; welche gleichfalls ziemlich seltsam klang : das Band , so sagte der Einladende ausdrücklich , heiße den Fremden willkommen , berufe denselben zum Mittagsmahle und freue sich der Hoffnung , mit ihm in ein näheres Verhältnis zu treten . Man erkundigte sich ferner nach dem Befinden des Gastes , und wie er mit der Bewirtung zufrieden sei ; der denn von allem , was ihm begegnet war , nur mit Lob sprechen konnte . Freilich hätte er sich gern bei diesem Manne , wie vorher bei dem schweigsamen Barbier , nach dem entsetzlichen Ton erkundigt , der ihn diese Nacht , wo nicht geängstigt , doch beunruhigt hatte ; seines Angelöbnisses jedoch eingedenk , enthielt er sich jeder Frage und hoffte , ohne zudringlich zu sein , aus Neigung der Gesellschaft oder zufällig nach seinen Wünschen belehrt zu werden . Als der Freund sich allein befand , dachte er über die wunderliche Person erst nach , die ihn hatte einladen lassen , und wußte nicht recht , was er daraus machen sollte . Einen oder mehrere Vorgesetzte durch ein Neutrum anzukündigen , kam ihm allzu bedenklich vor . Übrigens war es so still um ihn her , daß er nie einen stilleren Sonntag erlebt zu haben glaubte ; er verließ das Haus , vernahm aber ein Glockengeläute und ging nach dem Städtchen zu . Die Messe war eben geendigt , und unter den sich herausdrängenden Einwohnern und Landleuten erblickte er drei Bekannte von gestern , einen Zimmergesellen , einen Maurer und einen Knaben . Später bemerkte er unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern . Wie die übrigen ihrer Andacht pflegen mochten , ward nicht bekannt , so viel aber getraute er sich zu schließen , daß in dieser Gesellschaft eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte . Zu Mittag kam demselben am Schloßtore der Vogt entgegen , ihn durch mancherlei Hallen in einen großen Vorsaal zu führen , wo er ihn niedersitzen hieß . Viele Personen gingen vorbei , in einen anstoßenden Saalraum hinein . Die schon bekannten waren darunter zu sehen , selbst St. Christoph schritt vorüber ; alle grüßten den Vogt und den Ankömmling . Was dem Freund dabei am meisten auffiel , war , daß er nur Handwerker zu sehen glaubte , alle nach gewohnter Weise , aber höchst reinlich gekleidet ; wenige , die er allenfalls für Kanzleiverwandte gehalten hätte . Als nun keine neuen Gäste weiter zudrangen , führte der Vogt unsern Freund durch die stattliche Pforte in einen weitläufigen Saal ; dort war eine unübersehbare Tafel gedeckt , an deren unterem Ende er vorbeigeführt wurde , nach oben zu , wo er drei Personen quer vorstehen sah . Aber von welchem Erstaunen ward er ergriffen , als er in die Nähe trat und Lenardo , kaum noch erkannt , ihm um den Hals fiel . Von dieser Überraschung hatte man sich noch nicht erholt , als ein Zweiter Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den wunderlichen Friedrich , Nataliens Bruder , zu erkennen gab . Das Entzücken der Freunde verbreitete sich über alle Gegenwärtigen ; ein Freud-und Segensruf erscholl die ganze Tafel her . Auf einmal aber , als man sich gesetzt , ward alles still und das Gastmahl mit einer gewissen Feierlichkeit aufgetragen und eingenommen . Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen , zwei Sänger standen auf , und Wilhelm verwunderte sich sehr , sein gestriges Lied wiederholt zu hören , das wir , der nächsten Folge wegen , hier wieder einzurücken für nötig finden . » Von dem Berge zu den Hügeln , Niederab das Tal entlang , Da erklingt es wie von Flügeln , Da bewegt sich ' s wie Gesang ; Und dem unbedingten Triebe Folget Freude , folget Rat ; Und dein Streben , sei ' s in Liebe , Und dein Leben sei die Tat . « Kaum hatte dieser Zwiegesang , von einem gefällig mäßigen Chor begleitet , sich zum Ende geneigt , als gegenüber sich zwei andere Sänger ungestüm erhuben , welche mit ernster Heftigkeit das Lied mehr umkehrten als fortsetzten , zur Verwunderung des Ankömmlings aber sich also vernehmen ließen : » Denn die Bande sind zerrissen , Das Vertrauen ist verletzt ; Kann ich sagen , kann ich wissen , Welchem Zufall ausgesetzt Ich nun scheiden , ich nun wandern , Wie die Witwe trauervoll , Statt dem einen mit dem andern Fort und fort mich wenden soll ! « Der Chor , in diese Strophe einfallend , ward immer zahlreicher , immer mächtiger , und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph , vom untern Ende der Tafel her , gar bald unterscheiden . Beinahe furchtbar schwoll zuletzt die Trauer ; ein unmutiger Mut brachte , bei Gewandtheit der Sänger , etwas Fugenhaftes in das Ganze , daß es unserm Freunde wie schauderhaft auffiel . Wirklich schienen alle völlig gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem Aufbruche zu betrauern . Die wundersamsten Wiederholungen , das öftere Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem Bande selbst gefährlich ; Lenardo stand auf , und alle setzten sich sogleich nieder , den Hymnus unterbrechend . Jener begann mit freundlichen Worten : » Zwar kann ich euch nicht tadeln , daß ihr euch das Schicksal , das uns allen bevorsteht , immer vergegenwärtigt , um zu demselben jede Stunde bereit zu sein . Haben doch lebensmüde , bejahrte Männer den Ihrigen zugerufen : Gedenke zu sterben ! , so dürfen wir lebenslustige jüngere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit den heitern Worten : Gedenke zu wandern ! ; dabei ist aber wohlgetan , mit Maß und Heiterkeit dessen zu erwähnen , was man entweder willig unternimmt , oder wozu man sich genötigt glaubt . Ihr wißt am besten , was unter uns fest steht und was beweglich ist ; gebt uns dies auch in erfreulichen , aufmunternden Tönen zu genießen , worauf denn dieses Abschiedsglas für diesmal gebracht sei ! « Er leerte sodann seinen Becher und setzte sich nieder ; die vier Sänger standen sogleich auf und begannen in abgeleiteten , sich anschließenden Tönen : » Bleibe nicht am Boden heften , Frisch gewagt und frisch hinaus ! Kopf und Arm mit heitern Kräften , Überall sind sie zu Haus ; Wo wir uns der Sonne freuen , Sind wir jede Sorge los : Daß wir uns in ihr zerstreuen , Darum ist die Welt so groß . « Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm alle ; sein Wink setzte die ganze Tischgesellschaft in singende Bewegung ; die unteren zogen , St. Christoph voran , paarweis zum Saale hinaus , und der angestimmte Wandergesang ward immer heiterer und freier ; besonders aber nahm er sich sehr gut aus , als die Gesellschaft , in den terrassierten Schloßgärten versammelt , von hier aus das geräumige Tal übersah , in dessen Fülle und Anmut man sich wohl gern verloren hätte . Indessen die Menge sich nach Belieben hier- und dorthin zerstreute , machte man Wilhelmen mit dem dritten Vorsitzenden bekannt . Es war der Amtmann , der das gräfliche , zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schloß dieser Gesellschaft , so lange sie hier zu verweilen für gut fände , einzuräumen und ihr vielfache Vorteile zu verschaffen gewußt , dagegen aber auch , als ein kluger Mann , die Anwesenheit so seltener Gäste zu nutzen verstand . Denn indem er für billige Preise seine Fruchtböden auftat und , was sonst noch zu Nahrung und Notdurft erforderlich wäre , zu verschaffen wußte , so wurden bei solcher Gelegenheit längst vernachlässigte Dachreihen umgelegt , Dachstühle hergestellt , Mauern unterfahren , Planken gerichtet und andere Mängel auf den Grad gehoben , daß ein längst vernachlässigtes , in Verfall geratenes Besitztum verblühender Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten Wohnlichkeit gewährte und das Zeugnis gab : Leben schaffe Leben , und , wer andern nützlich sei , auch sie ihm zu nutzen in die Notwendigkeit versetze . Zweites Kapitel Hersilie an Wilhelm Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri ; da die Vertrauten völlig ermangeln , so muß zuletzt alles in Monologen verhandelt werden , und fürwahr , eine Korrespondenz mit Ihnen ist einem Monolog vollkommen gleich ; denn Ihre Antworten nehmen eigentlich wie ein Echo unsre Silben nur oberflächlich auf , um sie verhallen zu lassen . Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas erwidert , worauf man wieder hätte erwidern können ? Parierend , ablehnend sind Ihre Briefe ! Indem ich aufstehe , Ihnen entgegenzutreten , so weisen Sie mich wieder auf den Sessel zurück . Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben ; nun findet sich ein neuer Drang und Gelegenheit , Gegenwärtiges an Lenardo zu bringen ; dort findet Sie ' s , oder man weiß Sie zu finden . Wo es Sie aber auch antreffen mag , lautet meine Rede dahin , daß , wenn Sie , nach gelesenem diesem Blatt , nicht gleich vom Sitze aufspringen und als frommer Wanderer sich eilig bei mir einstellen , so erklär ' ich Sie für den männlichsten aller Männer , d.h. dem die liebenswürdigste aller Eigenschaften unsers Geschlechts völlig abgeht ; ich verstehe darunter die Neugierde , die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste quält . Kurz und gut ! Zu Ihrem Prachtkästchen ist das Schlüsselchen gefunden ; das darf aber niemand wissen als ich und Sie . Wie es in meine Hände gekommen , vernehmen Sie nun . Vor einigen Tagen empfängt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung von fremder Behörde , worin gefragt wird , ob nicht ein Knabe sich zu der und der Zeit in der Nachbarschaft aufgehalten , allerlei Streiche verübt und endlich bei einem verwegenen Unternehmen seine Jacke eingebüßt habe . Wie dieser Schelm nun bezeichnet war , blieb kein Zweifel übrig , es sei jener Fitz , von dem Felix so viel zu erzählen wußte und den er sich oft als Spielkameraden zurückwünschte . Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung , wenn sie noch vorhanden wäre , weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf berufe . Von dieser Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter gelegentlich und zeigt das Kittelchen vor , eh ' er es absendet . Mich treibt ein guter oder böser Geist , in die Brusttasche zu greifen ; ein winzig kleines , stachlichtes