Hand zum Abschied , obschon ihr mich tief gekränkt habt ; es wird eine Zeit kommen , wo es euch reut , daß ihr mir nicht gefolgt seid . « Seinen Nachlaß hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet , Frau Apollonien übergab er die Oberaufsicht der Seinen , so lange Anna noch mit ihrem Kinde beschäftigt sei . Sie aßen schweigend mit einander , als wäre ein Kranker unter ihnen . Nach Tische wurde ein Pferd vorgeführt , Anna und Apollonia weinten gleich heftig , Berthold fühlte sich beklemmt zum Ersticken . Er übersah Haus und Garten noch einmal , und betete in der Kapelle , die eben fertig geworden und geweiht war , da wo ihm das Kind verheißen . Er fühlte sich gefaßter , aber als er schon Abschied genommen , an seine Tür trat und einen frischen Maulwurfhaufen an der Schwelle bemerkte , der sich eben herausarbeitete , da fiel ihm Mutter Hildegard ein , die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte . Er sprang noch einmal zurück , küßte Annen und Apollonien und das Kind heftig , schwang sich , ohne ein Wort zu gewinnen , auf sein Pferd , gab ihm die Spornen und ritt ohne Umblicken fort , damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen leuchte . Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingeführt , doch gab jener wenig Hoffnung zu Taten ; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum entließ er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Städte . Diese fielen aber ohne bedeutenden Widerstand , jedermann fühlte , der Herzog könne sich nicht halten und er fühlte es auch bald , nahm in Tübingen von seinen Kindern schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz . Der Zug ging nun von einem Städtlein zum andern , gewöhnlich geschahen kaum einige Schüsse , dann wurde unterhandelt . Berthold vergaß eignen Kummer bei dem Anblicke der Not , welche die fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten . Die Briefe von Annen und Apollonien waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost , sie benutzten jede Gelegenheit , ihm Nachricht zu geben . Einmal berichtete ihm Anna , daß es in der Stadt ein Gespött sei , daß ihr Kind noch nicht getauft worden . Er antwortete ihr froh , daß er nicht dabei zu sein brauche , sie möchte die Taufe und den Schmaus für die ganze Stadt ausrichten , wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen angeordnet habe , er stehe vor dem Aßberge und müsse da wohl noch einen halben Monat ausharren , das Fest könne vielleicht den Seinen die Neigung vieler Mitbürger wieder gewinnen . Bald darauf erhielt er die Nachricht , daß Taufe und Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei ( das Kind , so war schon verabredet , sollte diesen Namen führen ) , er möchte den Tag durch sein Gebet feiern . Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen und ihm der Auftrag gegeben , in der Hülle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen zu wandern , um auszuforschen , ob der Herzog in der Schweiz werbe und Unterstützung finde . Der Auftrag war gefährlich , jene Seite Schwabens schwärmte von den zerstreuten Anhängern des Herzogs Ulrich , doch freute es ihn , seinen Willen bewähren zu können . Er zog mit einem frohen Gefühle durch das Land , der Tag der Taufe brach an , er dachte sich lebhaft nach Hause , die Sonne brannte , die Luft war schwül . Gegen Abend traf er in Kloster Lorch ein , betete lange in der Kirche und wurde dann von den Mönchen freundlich bewirtet , ohne daß sie nach seinem Namen fragten , denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug . Die Mönche klagten , daß sie allmählich aussterben müßten , bei der jetzigen Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster , nach der Strenge ihrer Gelübde , ihre Welt sei , so hätten sie ein lebendiges Bild vom Weltuntergange in ihrem Kreise , der sich mit jedem Jahre verenge . Berthold sagte ihnen , daß solch ein Aussterben sein Wunsch sei . - » Habt Ihr je ernstlich an das Sterben gedacht ? « fragte ihn der älteste der Mönche . » Kommt hinunter in die Gruft , wo die Hohenstaufen begraben liegen , und Ihr werdet Euch am Leben fest zu halten suchen . « - Berthold schüttelte mit dem Kopft , aber er bat , ihm die Grabhallen zu zeigen , er sei lieber bei den Toten , als bei den Lebenden . - Der alte Mönch strich nachdenklich seinen weißen Bart , ergriff eine Fackel , zündete sie am Herde an und ging mit ihm über den Hof . Berthold beschaute die Sterne , welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt , in der Schwüle funkelten . - » Was leset Ihr in den Sternen ? « fragte der Mönch . - Berthold antwortete nach einem Schweigen : » O wie so oft hab ich ein Zeichen erhofft , zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere , durch die himmlische Tiefe , daß ich der irdischen Schwere endlich auf immer entschliefe . Aber der Morgen löschte die Sterne aus , weckte die Sorgen , weckte des Herzens Haus , und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht . « » Auch Euer Stündlein wird kommen ! « sagte gleichgültig der Alte , öffnete die Schlösser der Kapelle und führte Berthold in die gewölbten Grabhallen , wo die Hohenstaufen unter einfachen , gehauenen Grabsteinen ruhten . Berthold versuchte die Namen auf den Grabsteinen zu lesen , aber die Buchstaben waren alt und sehr verwittert . » So ist ' s mit dem guten Namen der Menschen « , sagte Berthold , » vom Zufall geschenkt , von der Zeit bald ausgelöscht ! « - Der Mönch nannte ihm alle die berühmten Namen der Hohenstaufen , die da eines zweiten Lebens harrten , und Berthold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen : » Ehrwürdiger Vater , wer nun zweimal schon gelebt hat , darf der noch ein drittes Leben erwarten . « - Der Alte meinte , er schwärme im Fieber und Berthold antwortete : » Es mag Euch unverständlich sein , was ich sage , aber fühlt meinen Puls , daß ich nicht krank bin . Glaubt mir , ich bin von einem Arzt , als ich sterben sollte , mit einem zweiten Leben , das er mir wunderbar schenkte , gar schrecklich betrogen und doch glaube ich an jenes Leben , das uns verheißen ist . « - Der Mönch sagte ihm , er sei vom Wege angegriffen , vielleicht von Kummer , sie wollten die dunkle Halle verlassen , er möchte ausschlafen . - Berthold antwortete : » Hier bei den Meinen möchte ich ausschlafen ! « - Der Mönch sah ihn verwundert an und sprach : » Freilich alle Menschen sollen Brüder sein , wenn sie es nur wären . « - » Darum ist mir so wohl , wie mir nie gewesen « , antwortete Berthold , » hier ist brüderliche Einigkeit , hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr , sie wollen gern alle beisammen sein jenseits der Erde , darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf Erden . « - Der Mönch sah Berthold mitleidig an , er hielt ihn für einen Wahnsinnigen ; ihn zu zerstreuen , las er von der neu errichteten , schwarz marmornen Gedächtnistafel die Inschrift vor : » Daß ein Geschlecht vergehe und das andre komme , und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe , dessen gedenket man nicht , wie es doch jedem geraten ist , denn die künftigen Zeiten werden alles zugleich in Vergessen bringen , was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was wir schaffen in der Gegenwart , denn nichts erringen wir , als die Zukunft . « - » Amen « , sagte Berthold , ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle , der Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertholds , da wo Faust ihm das Blut Antons eingedrängt hatte , und löschte die Fackel des Mönchs . Der Mönch ließ die Fackel fallen und faßte Bertholds Hand , der nun sanft auf das Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank . » Böser Faust ! armer Anton , junges Blut ! « sagte Berthold mit schwacher Stimme , seine Hand ward kalt . Achte Geschichte Die Taufe Anton hatte sich nach dem Verdrusse über den vergeblichen Kriegszug , von Berthold gewendet , denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut , noch ehe er ihn errungen , auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein , was unternommen wurde . Er ließ sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen , die Adler zu malen , welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen aufgehängt werden sollten . Meister Sixt jagte ihn im Zorn darüber aus dem Hause , vielleicht auch aus List , weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der Preis aller Lebensmittel steigen mußte und Anton , wenn er sich selbst in der Zeit durchgeholfen , zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch zurückkehren mußte , um frei gesprochen zu werden . Anton gab ihm wenig gute Worte , daß er ihn behielte , er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz war unerträglich . Dem Herzog mochte er nicht zuziehen , denn ihn selbst haßte und verachtete er , es war nur die Landessache , die ihn gegen die raubsüchtigen Bundesscharen einnahm . Zum Glück gab es viel in den Weinbergen zu tun , und die Leute mußten ihre Häuser wegen der fremden Völker , die da lagen , bewachen , so daß es ihm an Unterhalt für Handarbeit nicht fehlte , vielmehr fand er reichliches , ungemessenes Brot bei der Weinhacke , während er bei dem Pinsel hatte hungern müssen . Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot , und ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena , die ihn immer schöner fanden , je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne bräunte ; die ihn um so reichlicher bewirteten , je seltener er jetzt kam . Anton saß eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen , als Graf Konrad von Hohenstock , von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts vernommen hatte , durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen , im zierlichsten , samtnen , kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste Begrüßung voraus spitzte . Konrad stutzte ein wenig , als er Anton sah , es mochte ihm wohl eine Erinnerung kommen , aber sie schien auch gleich wieder zu verlöschen ; er ging durch das Zimmer , ohne sich bei ihm aufzuhalten . Anton hatte ihn beim ersten Blicke erkannt , es war ihm zu Mute gewesen , als ob er ihm um den Hals fallen müßte . Alle Jugendstreiche fielen ihm ein , aber zugleich , ob Konrad nicht auch hier auf dem Kriegszuge von den Kronenwächtern bewacht sein möchte . Bald sah er auch eine jener ihm verhaßten Gestalten , einen Reisigen , der nach Konrad fragte , und schlich sich unter einem Vorwande fort . Auf der Straße faßte ihn ein andres Gespenst am Rocke , es war Faust . » Wo steckst du Vielfraß ? « sagte der Doktor . » Läßt du dich wieder hier sehen , alter Schwamm « , antwortete Anton , » du meinst , weil Berthold fort ist , gäbe es hier keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher . « - » Du überreifer Junggeselle « , schrie Faust , » was weißt du , wie es in der Welt hergeht , der Bürgermeister , den ich dem Berthold zum Ärger eingesetzt habe , ist ein Weinhändler , der ohne mich nicht leben kann . Hast du denn schon dein zartes Brüderlein gesehen , den Konrad , den Halunken , ihr könnt nicht von einem Vater sein . « - » Von mir darfst du schlecht sprechen « , antwortete Anton finster , » aber nicht von Bruder und Vater ; was weißt denn du davon , daß es mein Bruder ist ? « - » Mehr als du weißt « , antwortete Faust , » war er es nicht , der dich beredete , der Kronenburg zu entfliehen , du wärst verloren . « - » Freilich « , sagte Anton , » er hat mir das Leben gerettet . « - » Es ist nicht wahr « , schrie Faust , » er hat dich um die Krone betrogen , er war dir zur Hülfe nachgesendet von den Wächtern , aber er versteckte sich aus Furcht ; er beredete dich , zu fliehen und nahm dir das Schwert Maximilians ab , und brachte es heim als Siegeszeichen , das er noch erbeutet habe , nachdem du dich zwingen lassen , dem Kaiser den Weg zu zeigen . Und so ward er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser kühnen Tat anerkannt , er aber hofft , daß du inzwischen längst in Hunger und Pest untergegangen bist . « - » Du lügst , du Teufelsbanner « , schrie Anton noch lauter und hieb mit dem Stiel der Weinbergshacke auf dem fetten Rücken Fausts weidlich herum . - » Das kostet dir dein Leben « , brummte Faust mit Zähneknirschen , » denn wem dankst du deine Gesundheit , als mir , du bist mir dein gemäßigtes , ruhiges Blut schuldig . « Anton achtete nicht darauf , sondern ging zornig davon , indem er noch immer in die Luft hieb . Die Bürger , die bei dem Streite herzugelaufen waren , winkten Anton Beifall und ließen ihn ruhig gehen , der Teufelsbanner war allen verhaßt , aber die meisten scheuten sich , ihm zu mißfallen , weil sie seine Kunst brauchten und seine Zauberei fürchteten . Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen , denn er scheute den neuen Bürgermeister wegen des Vorfalls mit Faust . An einem Sonntag schlich er zu Sabina , diese aber stellte sich erzürnt ; weil er sie so lange vergessen , so möchte er nun auch wegbleiben . Er sagte ihr vergebens seinen Grund , sie blieb ganz kalt und er schied von ihr , um zur Schwester zu gehen . Sabina wußte , daß diese ausgegangen sei , also lachte sie ihm nach und meinte , er werde bald wieder kommen , denn daß er mit Frau Anna eine Liebschaft habe , glaubte sie eigentlich selbst nicht . Aber Anton kam nicht wieder , sie sah sich die Augen fast blind . Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schüssel gesetzt , als Anna eintrat , ihn verwundert anblickte und fragte , wie ihm das Mittagsessen geschmeckt habe , das für sie da aufbewahrt stehe . Anton geriet in große Verlegenheit und erbot sich , was es koste , abzuarbeiten . » Ich nehme Euch beim Worte , « sagte Anna , » aber nicht heute , sondern erst in acht Tagen sollt Ihr an die Arbeit gehen , wenn wir die Taufe feiern . Ich kann das Bild am Giebel nicht leiden , das Ihr am Hochzeittage gemalt habt , mag es aber nicht vor den Leuten ändern lassen , weil die gute , selige Frau Hildegard dies Bild als ein Gelübde hat malen lassen . Ein großes Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster auf vielen eisernen Stützen errichtet , um Pomeranzenbäume da zu setzen , das trägt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschäftigt , die Windeln zum Trocknen aufzuhängen . An dem Abend ist voller Mond , Ihr könnt zum Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um , daß , wenn Euch einer zufällig sieht , Ihr für eins meiner Mägde gehalten werdet . Farben stehen noch bereit beim großen Brunnenbilde , weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die Kapelle einträgt , die inzwischen fertig geworden . Malt die heilige Mutter und ihr Kind , wie Ihr wollt , nur malt beide , besonders aber das Kind anders , als es jetzt erscheint , ich kann es nicht leiden . Zum Lohn für das Unternehmen , das ihr niemand verraten dürft , zahle ich Euch mehr , als Ihr zu einer Reise nach Nürnberg und zu einem jährigen Aufenthalt bei Dürer braucht . « Anton hörte dem allem , was Anna nur nach längerer Überlegung und nach manchem Kampfe so deutlich hersagen konnte , mit offenem Munde , wie einer himmlischen Botschaft zu . Die Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen , seit er in den Weinbergen hackte , er verglich die elende Wirkung dieser Tätigkeit ( höchstens ein paar Maß Wein mehr , die Faust in einer Stunde hinunter stürzte ) , mit der eines Bildes , das von Tausenden bewundert , ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schöpfungen anregt , er hatte oft im Zorn darüber die Erde übermäßig zerhackt . Er nahm dankbar die Hand Annens , sprach seine Verehrung gegen Dürer aus , dessen » Ritter zwischen Tod und Teufel « er auf einem Schlosse gesehen hatte , - aber da hielt er inne und sprach : » Wird mir ' s auch gelingen , etwas Besseres am Giebel zu malen , denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde , in welcher mir dies Bild gelang , aufzuzeichnen , als diese beiden Gesichter , die Euch so verhaßt sind und die ich über alles verehre ? « - Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte daran . Sie verbot ihm mit Verena über die Angelegenheit zu reden , sie wolle sie an dem Abend bei den Schenktischen beschäftigen , er solle sich durch den Brunnen einschleichen , wenn es dunkel geworden . Sie brach hier ab und ging in ihr Zimmer , denn sie hörte Verena auf der Treppe . Diese tat , als ob sie Anton nicht sähe , brachte die Milch in das Zimmer ihrer Frau , kam dann zurück und sagte : » Warst du allein ? « - » Freilich ! « antwortete Anton . - » Es ist unmöglich « , rief Verena , » denn den herrlichen Braten hast du kaum angerührt und kalt werden lassen . « - Anton leugnete , so gut sein ehrlich Gesicht leugnen konnte . Verena sagte , daß die Schwester vom Brunnen her die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe , Frau Anna flüstere heimlich mit Anton und sie würden beide von ihr betrogen . Sie habe ihr noch erzählt , am Morgen sei ein großer Streit zwischen Mutter und Tochter über den Namen Anno vorgefallen , den Berthold verordnet habe , weil er dem Namen Anton so ähnlich klinge , daß die Leute darüber spotten würden . Anna habe so heftig darüber gezürnt , daß Apollonia geschworen , sie wolle das Haus nicht mehr betreten , sie hätte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht , das wolle sie an Berthold schreiben und ihm alles anheim stellen . Anton verstand wenig , was das alles bedeuten solle . Weil er sich bewußt war , an allen den Gerüchten und Scherzreden unschuldig zu sein , so machte es ihm viel Vergnügen , was sich die Leute für Grillen in den Kopf setzten , er fand sich sogar ein wenig geschmeichelt , daß die schöne Anna seinetwegen in den Verdacht eines Liebeshandels gekommen . Er verlachte den Zorn von Verena , ging fort und grüßte Sabina nicht einmal im Vorübergehen . Zum Schmause bei der Taufe war die Bürgerschaft eingeladen , auch manche Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen , doch Kugler bedauerte , daß er durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei . Frau Apollonia besorgte alles Nötige zu dem Feste in ihrem Hause , aber sie hielt ihr Gelübde , das Haus ihrer Tochter bis zu Bertholds Rückkehr nicht zu betreten . Anna sah darin nur ihre Liebe zu Berthold und ihren Ärger gegen sie und da die Vorwürfe der Mutter aus so verhaßtem Grunde entstanden , so hielt sie es für eine verdächtige Nachgiebigkeit , wenn sie den ersten Schritt zur Versöhnung täte ; wäre Anton erst fort , so meinte sie , dann fiele aller Verdacht . Sie suchte sich zu zerstreuen , indem sie Konrad und die Ritter , die er einführte , öfter in ihrem Hause sah , und das zerstörte ihren guten Ruf bei der Bürgerschaft . Es mieden nämlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang dieser verhaßten , kostbaren Gäste . Frau Anna , die als eine Fremde mit keiner Frau in recht vertrauten Umgang getreten , war auch von denen , die sie sonst zuweilen bei sich gesehen , durch Bertholds Verfeindung mit der Bürgerschaft getrennt , sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden gern , bloß darum , weil sie fremd waren und etwas Neues erzählten . Die Bürger dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten , teils Liebschaften , und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdächtig , daß sie am Sonntage Morgens , wo er gehalten werden sollte , noch eine Bürgerversammlung in einer der größten Trinkstuben anordneten . Es waren ein paar fremde Reisigen erstochen gefunden worden , ein paar waren wirklich im Ratskeller von den Bürgern gar übel in einer Schlägerei zugerichtet und die Bürger fürchteten , daß sich die Fremden für alles auf einmal rächen möchten , wo es die Leute am wenigsten ahndeten . Sie hörten insbesondere vom Grafen Konrad viele Tücken , die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausüben lassen , und meinten , daß er Waiblingen nur schone , um es auf einmal recht gründlich auszuplündern , wenn er es erst gründlich kennen gelernt habe ; sie wußten nicht , wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwächter stehe , wie viel stürmischer er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet , wenn ihn nicht ein strenges Verbot in den Schranken der Zucht gehalten hätte . Haring , der Kunstpfeifer , zur Schusterzunft eingeschrieben , erzählte , daß es Blut geregnet habe auf das Kleid seiner Frau , das bedeute großen Kampf , sie wären alle verloren , wenn sie einen der Ihren im Stich ließen . Daß er noch immer Grünewalds Zorn für seine Haut fürchte , das verschwieg er , weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste , er tat vielmehr , als ob er sich für das Ganze aufopfere , obgleich er so viel Vorteil vom öfteren Tanz bei den Fremden erntete ; er schwor , zur Sicherheit seiner Mitbürger , einen guten Degen in seine Posaune zu stecken , und so solle sich jeder heimlich bewaffnet einfinden , dann könnte ihre Überzahl siegen . Der neue Bürgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen , weil er aus den trunknen Worten des Doktor Fausts auf großen Streit schloß , der sich am Abend ereignen könnte , aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwäger , welcher Jackel , oder der dürre Jäger genannt wurde . Dieser regte die Galle der Bürger , indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart , wie es ihm die bayerischen Reisigen , wenn er auf die Jagd gehe , vorgesungen , mit grimmigem Gesichte nachsang , es berichtete von neun Schwaben die gegen einen Hasen zu Felde gezogen und davon gelaufen sind . Haring schrie wie seine Baßposaune , er wollte den Bayern schon zeigen , daß sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd verständen . Den Schlußstein dieses schwankenden Gewölbes öffentlicher Ruhe und Gesetzlichkeit nahm der Türmer vom Augsburger Tore ( wo Berthold auferzogen ) , indem er berichtete , daß am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da umgesehen und die geputzten Bürgerfrauen und Bäuerinnen , die aus- und eingezogen , mit dem Blut einiger Tauben und Krähen , die sie geschossen , besprützt habe , daß dadurch bei dem trüben , schwülen Himmel das Gerede entstanden , es habe Blut geregnet . - » Die Gotteslästerer « , rief Haring , » das neue Kleid meiner Frau so zu verderben ; Blut soll es regnen , aber ihr Blut ! « So endete die Versammlung nach der Messe , es wurde dabei wacker gezecht , daß mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm , das sich auch auf alle erstreckte , die mit Berthold in Verbindung standen . Haring selbst konnte gegen Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen , die er beabsichtige , wenn ihm einer in den Weg träte . Sein Söhnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den Reisigen , der dort in Wohnung lag . Der Reisige lief zu seinen Kameraden , ihnen zu erzählen , daß bei dem Feste etwas gegen sie unter den Bürgern im Werke sei . Sie beredeten sich , wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen die Menge stellen wollten , um im Falle ihre Feinde überlegen wären , des Auszugs sicher zu sein . Bei ihnen galt Konrad für ein leichtsinniges , unerfahrnes Grafensöhnchen , das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwatzen könne , ihm blieb alles verschwiegen . So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von den Besorgnissen , denn alle , die zu ihrem Hause gehörten , waren seit Bertholds Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Zünften erschienen , um Vorwürfe gegen Berthold nicht anhören zu müssen . Grünewald und Anton saßen den Morgen einsam in ganz verschiedner Quälerei und Betrachtung . Anton hatte den alten Anno angekleidet , der sich zur Taufe im reinlichen Wams zeigen wollte dann hatte sich der Alte zu seinem Geberbuche hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche . Anton hatte lange gebetet , daß eine heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle , die vollkommner und reiner das Wesen derselben zeige , als jene , die er am Hausgiebel gemalt hatte . Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor . Schon gab er sich verloren , weil er das Bild nur verderben könne , wenn er es ändern wollte , und wollte sich gar nicht die Mühe geben , es aufzuzeichnen . Aber endlich riß er doch so in Gedanken , um die Hand zu beschäftigen , das Bild auf , wie es ihm vorschwebte . Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Tätigkeit und erst wie es fertig war , erkannte er zu seinem Erstaunen , es sei dasselbe und doch ganz anders wie jenes , das er auf den Giebel gemalt habe . Es war so viel fester , reiner , erdenfreier , als jenes , daß ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem übersehen hätte , die Ähnlichkeit war nur noch ihm kenntlich . Seine Seligkeit hatte keine Grenzen , aber je freudiger und reiner er zu dem erhabnen Abbilde , das sich ihm , dem unwürdigen Arbeiter geschenkt , betete , desto unruhiger füllte ihn Annens Bild mit Wünschen , die er nie gefühlt , mit einer Sehnsucht , der er sich gern entzogen hätte . Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende , der seiner wartete ! Die harte Arbeit , die er in der Zeit ertragen , machte ihm den Müßiggang des Sonntags gefährlich ; ruht die Mühle , so füllt sich der Mühlteich und tritt über die grüne Wiese , die er bisher nährte . Grünewald saß in der neu erbauten Kapelle , da wo Berthold die Nachricht erlauschte , daß ihm ein Kind geboren werde , und wollte ein Freudenlied auf die Taufe dichten , wie er deren unzählige auf alle Kinder für Geld gemacht . Aber kein Reim wollte sich zu allen unzähligen , freudigen Anfängen finden lassen , die er hinaus stieß . Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zurück , er gedachte des Bergmanns , er sah um sich und fand eine wunderherrliche , reife Frühbirne unter den Blumen des Grases . Diese nahm er auf und zeigte sie dem Kinde , das von Annen in den Garten getragen wurde , und sprach dazu in Reimen : Nimm auf die abgefallne Frucht , Es ist die süßeste von allen , Es hat sie keine Hand versucht , Weil über ihr die Blumen wallen ; Ich aber sah nach allen Zeichen In dieses Tages Müßiggang , Und konnt ihr nicht vorüber streichen , Mich hielt ihr Duft mit süßem Zwang . Sieh an des Fußtritts Einsamkeit , Der hier zu der Kapelle lenket , Du warst mit dir in stillem Streit , Als ich ein Zeichen dir geschenket , So führt ein Zeichen zu dem andern In meines Glückes Müßiggang , Wir wollen jetzt nicht weiter wandern , Es füllt mein Herz ein naher Klang . Glück auf , so klingt es aus dem Grund , Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen , Es grüßt dies Kind sein frommer Mund , Weil er nach ihm so kühn gerungen . Im harten Fels fand er die Quelle , Zu einer Taufe Freudenbund , Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle , Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund . Grünewald erschrak einen Augenblick , als er den letzten Reim gesprochen , das Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht , er suchte seine Verlegenheit in eine andre zu stürzen , er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe . Anna war wohl nicht so heiter gestimmt , wie sonst , wenn sie über seine Leidenschaft scherzte , sie sagte ihm mit Empfindlichkeit , daß er in einem Alter sei , dem dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl ständen , und in einer Zeit lebe , die mit ernsteren Dingen beschäftigt wäre . Grünewald hatte