ihn , und walzte mit ihm auf der Wiese herum , bis sie beide nicht mehr weiter konnten . » Et tu Brute ? « - rief endlich Faber aus , als er wieder zu Atem gekommen war , » nein , das ist zu toll , der Berg muß verzaubert sein ! Unten begegne ich der kleinen Marie , ich will sie aus alter Bekanntschaft haschen und küssen , und bekomme eine Ohrfeige ; weiter oben sitzt auf einer Felsenspitze eine Figur mit breitem Mantel und Krone auf dem Haupte , wie der Metallfürst , und will mir grämlich nicht den Weg weisen , ein als Ritter verkappter Phantast rennt mich fast um ; dann falle ich jenem Melancholikus da in die Hände , der nicht weiß , warum er lacht ; und nachdem ich mich endlich mit Lebensgefahr hinaufgearbeitet habe , seid ihr hier oben am Ende auch noch verrückt . « - » Das kann wohl sein « , sagte Leontin lustig , » denn ich bin verheiratet « ( hierbei küßte er Julie , die ihm die Hand auf den Mund legte ) » und Friedrich da « , fuhr er fort , » will ins Kloster gehn . Aber du weißt ja den alten Spruch : sie haben sich zu Toren gemacht vor der Welt . - Und nun sage mir nur , wie in aller Welt du uns hier aufgefunden hast ? « Faber erzählte nun , daß er auf einer Wallfahrt zu dem Kloster begriffen gewesen , von dessen schöner Lage er schon viel gehört . Unterwegs habe er am Meere von Schiffsleuten vernommen , daß sich Leontin hier oben aufhalte , und daher den Berg bestiegen . - Rudolf verwandte unterdes mit komischer Aufmerksamkeit kein Auge von dem kurzen , runden , wohlhäbigen Manne , der mit so lebhaften Gebärden sprach . Faber setzte sich zu ihnen , und sie teilten ihm nun zu seiner Verwunderung ihre Pläne mit . Rudolf war indes auch wieder still geworden und saß wie der steinerne Gast unter ihnen am Tische . Julie blickte ihn oft seitwärts an und konnte sich noch immer einer heimlichen Furcht vor ihm nicht erwehren , denn es war ihr , als verginge diesem kalten und klugen Gesichte gegenüber ihre Liebe und alles Glück ihres Lebens zu nichts . Die Nacht war indes angebrochen , die Sterne prangten an dem heitern Himmel . Da erklang auf einmal Musik aus dem nächsten Gebüsche . Es waren Spielleute aus dem Kloster , die Leontin bestellt hatte . Rudolf stand bei den ersten Klängen auf , sah sich ärgerlich um und ging fort . Leontin , von den plötzlichen Tönen wie im innersten Herzen erweckt , hob sein Glas hoch in die Höhe und rief : » Es lebe die Freiheit ! « » Wo ? « - fragte Faber , indem er selbst langsam sein Glas aufhob . - » Nur nicht etwa in der Brust des Philosophen allein « , erwiderte Leontin , unangenehm gestört . » Diese allgemeine , natürliche , philosophische Freiheit , der jede Welt gut genug ist , um sich in ihrem Hochmute frei zu fühlen , ist mir ebenso in der Seele zuwider , als jene natürliche Religion , welcher alle Religionen einerlei sind . Ich meine jene uralte , lebendige Freiheit , die uns in großen Wäldern wie mit wehmütigen Erinnerungen anweht , oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene Zinne stellt , der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heißt , jene frische , ewig junge Waldesbraut , nach welcher der Jäger frühmorgens aus den Dörfern und Städten hinauszieht , und sie mit seinem Horne lockt und ruft , jener reine , kühle Lebensatem , den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen , daß sie nicht anders leben können , als wie es der Ehre geziemt . - Aber damit ist es nun aus . - Wenn unserer Altvordern Herzen wohl mit dreifachem Erz gewappnet waren , das vor dem rechten Strahle erklang , wie das Erz von Dodona ; so sind die unsrigen nun mit sechsfacher Butter des häuslichen Glückes , des guten Geschmacks , zarter Empfindungen und edelmütiger Handlungen umgeben , durch die kein Wunderlaut bis zu der Talggrube hindurchdringt . Zieht dann von Zeit zu Zeit einmal ein wunderbarer , altfränkischer Gesell , der es noch ehrlich und ernsthaft meint , wie Don Quijote , vorüber , so sehen Herren und Damen nach der Tafel gebildet und gemächlich zu den Fenstern hinaus , stochern sich die Zähne und ergötzen sich an seinen wunderlichen Kapriolen , oder machen wohl gar auch Sonette auf ihn , und meinen , er sei eine recht interessante Erscheinung , wenn er nur nicht eigentlich verrückt wäre . - Das alte große Racheschwert haben sie sorglich vergraben und verschüttet , und keiner weiß den Fleck mehr , und darüber auf dem lockern Schutt bauen sie nun ihre Villen , Parks , Eremitagen und Wohnstuben , und meinen in ihrer vernünftigen Dummheit , der Plunder könne so fortbestehn . Die Wälder haben sie ausgehauen , denn sie fürchten sich vor ihnen , weil sie von der alten Zeit zu ihnen sprechen und am Ende den Ort noch verraten könnten , wo das Schwert vergraben liegt . « - Leontin ergriff hierbei hastig die Gitarre , die neben ihm auf dem Rasen lag , und sang : » O könnt ich mich niederlegen Weit in den tiefsten Wald , Zu Häupten den guten Degen , Der noch von den Vätern alt ! Und dürft von allem nichts spüren In dieser dummen Zeit , Was sie da unten hantieren , Von Gott verlassen , zerstreut ; Von fürstlichen Taten und Werken , Von alter Ehre und Pracht , Und was die Seele mag stärken , Verträumend die lange Nacht ! Denn eine Zeit wird kommen , Da macht der Herr ein End , Da wird den Falschen genommen Ihr unechtes Regiment . Denn wie die Erze vom Hammer , So wird das lockre Geschlecht , Gehaun sein von Not und Jammer Zu festem Eisen recht . Da wird Aurora tagen Hoch über den Wald hinauf , Da gibt ' s was zu siegen und schlagen , Da wacht , ihr Getreuen , auf ! Und so « , sagte er , » will ich denn in dem noch unberührten Waldesgrün eines andern Weltteils Herz und Augen stärken , und mir die Ehre und die Erinnerung an die vergangene große Zeit , sowie den tiefen Schmerz über die gegenwärtige heilig bewahren , damit ich der künftigen , bessern , die wir alle hoffen , würdig bleibe , und sie mich wach und rüstig finde . Und du « , fuhr er zu Julie gewendet fort , » wirst du ganz ein Weib sein , und , wie Shakespeare sagt , dich dem Triebe hingeben , der dich zügellos ergreift und dahin oder dorthin reißt , oder wirst du immer Mut genug haben , dein Leben etwas Höherem unterzuordnen ? Und dämmert endlich die Zeit heran , die mich Gott erleben lasse ! wirst du fröhlich sagen können : Ziehe hin ! denn was du willst und sollst , ist mehr wert , als dein und mein Leben ? « - Julie nahm ihm fröhlich die Gitarre aus der Hand und antwortete mit folgender Romanze : » Von der deutschen Jungfrau Es stand ein Fräulein auf dem Schloß , Erschlagen war im Streit ihr Roß , Schnob wie ein See die finstre Nacht , Wollt überschrein die wilde Schlacht . Im Tal die Brüder lagen tot , Es brannt die Burg so blutigrot , In Lohen stand sie auf der Wand , Hielt hoch die Fahne in der Hand . Da kam ein röm ' scher Rittersmann , Der ritt keck an die Burg hinan , Es blitzt sein Helm gar mannigfach , Der schöne Ritter also sprach : Jungfrau , komm in die Arme mein ! Sollst deines Siegers Herrin sein . Will baun dir einen Palast schön , In prächt ' gen Kleidern sollst du gehn . Es tun dein Augen mir Gewalt , Kann nicht mehr fort aus diesem Wald , Aus wilder Flammen Spiel und Graus Trag ich mir meine Braut nach Haus ! Der Ritter ließ sein weißes Roß , Stieg durch den Brand hinauf ins Schloß , Viel Knecht ihm waren da zur Hand , Zu holen das Fräulein von der Wand . Das Fräulein stieß die Knecht hinab , Den Liebsten auch ins heiße Grab , Sie selbst dann in die Flammen sprang , Über ihnen die Burg zusammensank . « Faber brach , als sie geendigt hatte , einen Eichenzweig von einem herabhängenden Aste , bog ihn schnell zu einem Kranze zusammen und überreichte ihr denselben , indem er mit altritterlicher Galanterie vor ihr hinkniete . Julie drückte den Kranz mit seinen frischgrünen , vollen Blättern lächelnd in ihre blonden Locken über die ernsten , großen Augen , und sah so wirklich dem Bilde nicht unähnlich , das sie besungen . - » Es ist seltsam « , sagte Faber darauf , » wie sich unser Gespräch nach und nach beinahe in einen Wechselgesang aufgelöst hat . Der weite , gestirnte Himmel , das Rauschen der Wälder ringsumher , der innere Reichtum und die überschwengliche Wonne , mit welcher neue Entschlüsse uns jederzeit erfüllen , alles kommt zusammen ; es ist , als hörte die Seele in der Ferne unaufhörlich eine große , himmlische Melodie , wie von einem unbekannten Strome , der durch die Welt zieht , und so werden am Ende auch die Worte unwillkürlich melodisch , als wollten sie jenen wunderbaren Strom erreichen und mitziehen . So fällt auch mir jetzt ein Sonett ein , das euch am besten erklären mag , was ich von Leontins Vorhaben halte . « Er sprach : In Wind verfliegen sah ich , was wir klagen , Erbärmlich Volk um falscher Götzen Thronen , Wen ' ger Gedanken , deutschen Landes Kronen , Wie Felsen , aus dem Jammer einsam ragen . Da mocht ich länger nicht nach euch mehr fragen , Der Wald empfing , wie rauschend ! den Entflohnen , In Burgen alt , an Stromeskühle wohnen , Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen . Da hört ich Strom und Wald dort so mich tadeln : » Was willst , Lebend ' ger du , hier überm Leben , Einsam verwildernd in den eignen Tönen ? Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln , Den deutschen Ruhm aus der Verwüstung heben , Das will der alte Gott von seinen Söhnen ! « Friedrich sagte : » Es ist wahr , wovon Ihr Sonett da spricht , und doch billige ich Leontins Plan vollkommen . Denn wer , von Natur ungestüm , sich berufen fühlt , in das Räderwerk des Weltganges unmittelbar mit einzugreifen , der mag von hier flüchten , so weit er kann . Es ist noch nicht an der Zeit , zu bauen , solange die Backsteine , noch weich und unreif , unter den Händen zerfließen . Mir scheint in diesem Elend , wie immer , keine andere Hülfe , als die Religion . Denn wo ist in dem Schwalle von Poesie , Andacht , Deutschheit , Tugend und Vaterländerei , die jetzt , wie bei der babylonischen Sprachverwirrung , schwankend hin und her summen , ein sicherer Mittelpunkt , aus welchem alles dieses zu einem klaren Verständnis , zu einem lebendigen Ganzen gelangen könnte ? Wenn das Geschlecht vorderhand einmal alle seine irdischen Sorgen , Mühen und fruchtlosen Versuche , der Zeit wieder auf die Beine zu helfen , vergessen und wie ein Kleid abstreifen , und sich dafür mit voller , siegreicher Gewalt zu Gott wenden wollte , wenn die Gemüter auf solche Weise von den göttlichen Wahrheiten der Religion lange vorbereitet , erweitert , gereinigt und wahrhaft durchdrungen würden , daß der Geist Gottes und das Große im öffentlichen Leben wieder Raum in ihnen gewönne , dann erst wird es Zeit sein , unmittelbar zu handeln , und das alte Recht , die alte Freiheit , Ehre und Ruhm in das wiedereroberte Reich zurückzuführen . Und in dieser Gesinnung bleibe ich in Deutschland und wähle mir das Kreuz zum Schwerte . Denn , wahrlich , wie man sonst Missionarien unter Kannibalen aussandte , so tut es jetzt viel mehr not in Europa , dem ausgebildeten Heidensitze . « Faber kam aus tiefen Gedanken zurück , als Friedrich ausgeredet hatte . » Wie Ihr da so sprecht « , sagte er , » ist mir gar seltsam zumute . War mir doch , als verschwände dabei die Poesie und alle Kunst wie in der fernsten Ferne , und ich hätte mein Leben an eine reizende Spielerei verloren . Denn das Haschen der Poesie nach außen , das geistige Verarbeiten und Bekümmern um das , was eben vorgeht , das Ringen und Abarbeiten an der Zeit , so groß und lobenswert als Gesinnung , ist doch immer unkünstlerisch . Die Poesie mag wohl Wurzel schlagen in demselben Boden der Religion und Nationalität , aber unbekümmert , bloß um ihrer himmlischen Schönheit willen , als Wunderblume zu uns heraufwachsen . Sie will und soll zu nichts brauchbar sein . Aber das versteht Ihr nicht und macht mich nur irre . Ein fröhlicher Künstler mag sich vor Euch hüten . Denn wer die Gegenwart aufgibt , wie Friedrich , wem die frische Lust am Leben und seinem überschwenglichen Reichtume gebrochen ist , mit dessen Poesie ist es aus . Er ist wie ein Maler ohne Farben . « Friedrich , den die Zurückrufung der großen Bilder seiner Hoffnungen innerlichst fröhlich gemacht hatte , nahm statt aller Antwort die Gitarre , und sang nach einer alten , schlichten Melodie : » Wo treues Wollen , redlich Streben Und rechten Sinn der Rechte spürt , Das muß die Seele ihm erheben , Das hat mich jedesmal gerührt . Das Reich des Glaubens ist geendet , Zerstört die alte Herrlichkeit , Die Schönheit weinend abgewendet , So gnadenlos ist unsre Zeit . O Einfalt gut in frommen Herzen , Du züchtig schöne Gottesbraut ! Dich schlugen sie mit frechen Scherzen , Weil dir vor ihrer Klugheit graut . Wo findst du nun ein Haus , vertrieben , Wo man dir deine Wunder läßt , Das treue Tun , das schöne Lieben , Des Lebens fromm vergnüglich Fest ? Wo findest du den alten Garten , Dein Spielzeug , wunderbares Kind , Der Sterne heil ' ge Redensarten , Das Morgenrot , den frischen Wind ? Wie hat die Sonne schön geschienen ! Nun ist so alt und schwach die Zeit ; Wie stehst so jung du unter ihnen , Wie wird mein Herz mir stark und weit ! Der Dichter kann nicht mit verarmen ; Wenn alles um ihn her zerfällt , Hebt ihn ein göttliches Erbarmen - Der Dichter ist das Herz der Welt . Den blöden Willen aller Wesen , Im Irdischen des Herren Spur , Soll er durch Liebeskraft erlösen , Der schöne Liebling der Natur . Drum hat ihm Gott das Wort gegeben , Das kühn das Dunkelste benennt , Den frommen Ernst im reichen Leben , Die Freudigkeit , die keiner kennt . Da soll er singen frei auf Erden , In Lust und Not auf Gott vertraun , Daß aller Herzen freier werden , Eratmend in die Klänge schaun . Der Ehre sei er recht zum Horte , Der Schande leucht er ins Gesicht ! Viel Wunderkraft ist in dem Worte , Das hell aus reinem Herzen bricht . Vor Eitelkeit soll er vor allen Streng hüten sein unschuld ' ges Herz , Im Falschen nimmer sich gefallen , Um eitel Witz und blanken Scherz . O laßt unedle Mühe fahren , O klinget , gleißt und spielet nicht Mit Licht und Gnad , so ihr erfahren , Zur Sünde macht ihr das Gedicht ! Den lieben Gott laß in dir walten , Aus frischer Brust nur treulich sing ! Was wahr in dir , wird sich gestalten , Das andre ist erbärmlich Ding . - Den Morgen seh ich ferne scheinen , Die Ströme ziehn im grünen Grund , Mir ist so wohl ! - die ' s ehrlich meinen , Die grüß ich all aus Herzensgrund ! « Faber reichte Friedrich , der die Gitarre wieder weglegte , die Hand zur Versöhnung . - Der Morgen warf unterdes wirklich schon vom Meere her ungewisse Scheine über den dämmernden Himmel , hin und wieder erwachten schon frühe Vögel im Walde , alle Wipfel fingen an sich frischer zu rühren . Da sprang Leontin fröhlich mitten auf den Tisch , hob sein Glas hoch in die Höh und sang : » Kühle auf dem schönen Rheine Fuhren wir vereinte Brüder , Tranken von dem goldnen Weine , Singend gute deutsche Lieder . Was uns dort erfüllt ' die Brust , Sollen wir halten , Niemals erkalten , Und vollbringen treu mit Lust ! Und so wollen wir uns teilen , Eines Fels ' verschiedne Quellen , Bleiben so auf hundert Meilen Ewig redliche Gesellen ! « Alle stießen freudig mit ihren Gläsern an , und Leontin sprang wieder vom Tische herab . Denn soeben sahen sie Rudolf , unter beiden Armen schwer bepackt , aus der Burg auf sie zukommen . » Lustig ! lustig ! « rief er , als er den gläserklirrenden Jubel sah , » frisch , spielt auf , Flöten und Geigen ! Da habt ihr Gold ! « Hierbei warf er zwei große Geldsäcke vor ihnen auf die Erde , daß die Goldstücke nach allen Seiten in das Gras hervorrollten . - » Das ist ein lustiges Metall « , fuhr er fort , » wie es in die fröhliche , unschuldige Welt hinaushüpft und rollt , mit den verwunderten Gräsern funkelnd spielt und mit dunkelroten , irren Flammen zuckt , liebäugelnd , klingend und lockend ! Verfluchter , unterirdischer , rotäugiger Lügengeist , der niemals hält , was er verspricht ! Da , nehmt alles , greift zu ! Kauft Ehre , kauft Liebe , kauft Ruhm , Lust und alles Ergötzen der Erde , seid immer satt und immer wieder durstiger bis ans Grab , und wenn ihr einmal fröhlich und zufrieden werdet , so mögt ihr mir danken . « - Alle sahen ihn erstaunt an . Faber sagte : » Ich achte das Geld nur , wenn ich es brauche . Aber Dichter brauchen immer Geld . « Und hiermit packte er ruhig seine Taschen voll , so daß er mit dem aufgeschwollnen Rocke sehr lächerlich anzusehen war . Rudolf nahm hierauf kurzen Abschied von allen und wandte sich wieder nach seinem Schlosse zurück . Friedrich eilte ihm nach , er wollte ihn so nicht gehn lassen . Da kehrte er sich noch einmal zu ihm . » Du willst ins Kloster ? « fragte er ihn , und blieb stehn . » Ja « , sagte Friedrich , und hielt seine Hand fest , » und was willst du nun künftig beginnen ? « - » Nichts - « war Rudolfs Antwort . - » Ich bitte dich « , sagte Friedrich , » versenke dich nicht so fürchterlich in dich selbst . Dort findest du nimmermehr Trost . - Du gehst niemals in die Kirche . « - » In mir « , erwiderte Rudolf , » ist es wie ein unabsehbarer Abgrund , und alles still . « - Friedrich glaubte dabei zu bemerken , daß er heimlich im Innersten bewegt war . - » O könnt ich alles Große wecken « , fuhr er dringender fort , » was in dir verzweifelt und gebunden ringt ! Hast du doch selber erzählt , daß dich alle wissenschaftliche Philosophie nicht befriedigte , daß du darin Gott und dich nie erkanntest . So wende dich denn zur Religion zurück , wo Gott selber unmittelbar zu dir spricht , dich stärkt , belehrt und tröstet ! « - » Du meinst es gut « , sagte Rudolf finster , » aber das ist es eben in mir : ich kann nicht glauben . Und da mich denn der Himmel nicht mag , so will ich mich der Magie ergeben . Ich gehe nach Ägypten , dem Lande der alten Wunder . « - Hiermit drückte er seinem Bruder schnell die Hand und ging mit großen Schritten in den Wald hinein . Sie sahen ihn nicht mehr wieder . Lange blickten sie ihm nach und bedauerten den unglücklich Verwirrten , als ein Schiffer ankam , um Leontin an die Abfahrt zu mahnen , indem soeben ein günstiger Wind vom Lande trieb . Alle sahen einander stillschweigend an und schienen erschrocken , da nun der Augenblick wirklich da war , den sie selber lange vorbereitet hatten . Der Schiffer übernahm das wenige Gepäck , und sie machten sich sogleich auf den Weg nach dem Meere . Friedrich begleitete sie . Langsam rückten Berge und Wälder bei jedem Schritte immer weiter hinter ihnen zurück , das Meer rollte sich vor ihren Blicken auseinander . Friedrich sagte unterwegs : » Mir scheint unsre Zeit dieser weiten , ungewissen Dämmerung zu gleichen ! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren Massen gewaltig miteinander , dunkle Wolken ziehn verhängnisschwer dazwischen , ungewiß , ob sie Tod oder Segen führen , die Welt liegt unten in weiter , dumpfstiller Erwartung . Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder , Gespenster wandeln wieder durch unsre Nächte , fabelhafte Sirenen selber tauchen , wie vor nahen Gewittern , von neuem über den Meeresspiegel und singen , alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein großes , unvermeidliches Unglück hin . Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel , keine fröhliche Ruhe , wie unsere Väter , uns hat frühe der Ernst des Lebens gefaßt . Im Kampfe sind wir geboren , und im Kampfe werden wir , überwunden oder triumphierend , untergehn . Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten , geharnischt , mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren ; wessen Auge in der Einsamkeit geübt , der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich leise formieren . Verloren ist , wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft ; und wie mancher , der weich und aufgelegt zu Lust und fröhlichem Dichten , sich so gern mit der Welt vertrüge , wird , wie Prinz Hamlet , zu sich selber sagen : Weh , daß ich zur Welt , sie einzurichten , kam ! Denn aus ihren Fugen wird sie noch einmal kommen , ein unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen , die Leidenschaften , die jetzt verkappt schleichen , werden die Larven wegwerfen , und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen , als wäre die Hölle losgelassen , Recht und Unrecht , beide Parteien , in blinder Wut einander verwechseln - Wunder werden zuletzt geschehen , um der Gerechten willen , bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht , die Donner rollen nur noch fernab an den Bergen , die weiße Taube kommt durch die blaue Luft geflogen , und die Erde hebt sich verweint , wie eine befreite Schöne , in neuer Glorie empor . - O Leontin ! wer von uns wird das erleben ! « - Sie waren unterdes ans Gestade gekommen . Leontin umarmte hierauf noch einmal die Freunde , Friedrich küßte Julie auf die Stirn , und die drei bestiegen ihr Schiff . Faber ritt landeinwärts fort . Friedrich kehrte ins Kloster zurück , um es niemals mehr zu verlassen . Als er in die Kirche eintrat , fand er dort noch alles leer und still . Nur einige fromme Pilger waren noch hin und her in den Bänken zerstreut . Auch die hohe , verschleierte Dame von gestern bemerkte er wieder unter ihnen . Er kniete vor einen Altar und betete . Als er wieder aufstand und sich umwandte , wobei ihm durch ein offenes Fenster die Morgenhelle gerade auf Brust und Gesicht fiel , sank plötzlich die Dame ohnmächtig auf den Boden nieder . Mehrere Bedienten sprangen herbei und brachten sie vor die Tür , wo ein Wagen ihrer zu warten schien . - Es war Rosa . Friedrich hatte nichts mehr davon bemerkt . Beruhigt und glückselig war er in den stillen Klostergarten hinausgetreten . Da sah er noch , wie von der einen Seite Faber zwischen Strömen , Weinbergen und blühenden Gärten in das blitzende , buntbewegte Leben hinauszog , von der andern Seite sah er Leontins Schiff mit seinem weißen Segel auf der fernsten Höhe des Meeres zwischen Himmel und Wasser verschwinden . Die Sonne ging eben prächtig auf .