so rette ich dich aus jeder Todesgefahr , in die du mutwilligerweise dich begibst . In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht , das dich betrifft . Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem Beichtiger erheben . Fliehe schnell , schnell fort von Rom , denn Dolche lauern auf dich . Ich kenne den Bravo , der dich ins Himmelreich spedieren soll . Du bist dem Dominikaner , der jetzt des Papstes Beichtiger ist , und seinem Anhange im Wege . - Morgen darfst du nicht mehr hier sein . « - Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit den Äußerungen des unbekannten Abbates zusammenräumen ; so betroffen war ich , daß ich kaum bemerkte , wie der possierliche Belcampo mich ein Mal über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm . - Mitternacht mochte vorüber sein , als ich die äußere Pforte des Klosters öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen hörte . Bald darauf kam es den Gang herauf ; man klopfte an meine Zelle , ich öffnete und erblickte den Pater Guardian , dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel folgte . » Bruder Medardus , « sprach der Guardian , » ein Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die letzte Ölung . Tut , was Eures Amtes ist , und folgt diesem Mann , der Euch dort hinführen wird , wo man Eurer bedarf . « - Mich überlief ein kalter Schauer , die Ahnung , daß man mich zum Tode führen wolle , regte sich in mir auf ; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem Vermummten , der den Schlag des Wagens öffnete und mich nötigte einzusteigen . Im Wagen fand ich zwei Männer , die mich in ihre Mitte nahmen . Ich frug , wo man mich hinführen wolle , - wer gerade von mir Zuspruch und letzte Ölung verlange . - Keine Antwort ! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen . Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen , daß wir schon außerhalb Rom waren , doch bald vernahm ich deutlich , daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte Straßen fuhren . Endlich hielt der Wagen , und schnell wurden mir die Hände gebunden , und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht . » Euch soll nichts Böses widerfahren , « sprach eine rauhe Stimme , » nur schweigen müßt Ihr über alles , was Ihr sehen und hören werdet , sonst ist Euer augenblicklicher Tod gewiß . « - Man hob mich aus dem Wagen , Schlösser klirrten , und ein Tor dröhnte auf in schweren ungefügigen Angeln . Man führte mich durch lange Gänge und endlich Treppen hinab - tiefer und tiefer . Der Schall der Tritte überzeugte mich , daß wir uns in Gewölben befanden , deren Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet . Endlich stand man still - die Hände wurden mir losgebunden , die Kappe mir vom Kopfe gezogen . Ich befand mich in einem geräumigen , von einer Ampel schwach beleuchteten Gewölbe , ein schwarz vermummter Mann , wahrscheinlich derselbe , der mich hergeführt hatte , stand neben mir , rings umher saßen auf niedrigen Bänken Dominikanermönche . Der grauenhafte Traum , den ich einst in dem Kerker träumte , kam mir in den Sinn , ich hielt meinen qualvollen Tod für gewiß , doch blieb ich gefaßt und betete inbrünstig im stillen , nicht um Rettung , sondern um ein seliges Ende . Nach einigen Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Mönche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme : » Wir haben einen Eurer Ordensbrüder gerichtet , Medardus , das Urteil soll vollstreckt werden . Von Euch , einem heiligen Manne , erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode ! - Geht und tut , was Eures Amts ist . « Der Vermummte , welcher neben mir stand , faßte mich unter den Arm und führte mich weiter fort durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe . Hier lag in einem Winkel auf dem Strohlager ein bleiches , abgezehrtes , mit Lumpen behängtes Geripp . Der Vermummte setzte die Lampe , die er mitgebracht , auf dem steinernen Tisch in die Mitte des Gewölbes und entfernte sich . Ich nahte mich dem Gefangenen , er drehte sich mühsam nach mir um ; ich erstarrte , als ich die ehrwürdigen Züge des frommen Cyrillus erkannte . Ein himmlisches verklärtes Lächeln überflog sein Gesicht . » So haben mich , « fing er mit matter Stimme an , » die entsetzlichen Diener der Hölle , welche hier hausen , doch nicht getäuscht . Durch sie erfuhr ich , daß du , mein lieber Bruder Medardus , dich in Rom befändest , und als ich mich so sehnte nach dir , weil ich großes Unrecht an dir verübt habe , da versprachen sie mir , sie wollten dich zu mir führen in der Todesstunde . Die ist nun wohl gekommen , und sie haben Wort gehalten . « Ich kniete nieder bei dem frommen ehrwürdigen Greis , ich beschwor ihn , mir nur vor allen Dingen zu sagen , wie es möglich gewesen sei , ihn einzukerkern , ihn zum Tode zu verdammen . » Mein lieber Bruder Medardus , « sprach Cyrill , » erst nachdem ich reuig bekannt , wie sündlich ich aus Irrtum an dir gehandelt , erst wenn du mich mit Gott versöhnt , darf ich von meinem Elende , von meinem irdischen Untergange zu dir reden ! - Du weißt , daß ich und mit mir unser Kloster dich für den verruchtesten Sünder gehalten ; die ungeheuersten Frevel hattest du ( so glaubten wir ) auf dein Haupt geladen , und ausgestoßen hatten wir dich aus aller Gemeinschaft . Und doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick , in dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der heiligen Stätte in das sündliche Weltleben . Dich um deinen Namen , um dein Kleid , um deine Gestalt betrügend , beging ein teuflischer Heuchler jene Untaten , die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen hätten . Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart , daß du zwar leichtsinnig sündigtest , indem dein Trachten darauf ausging , dein Gelübde zu brechen , daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln . Kehre zurück in unser Kloster , Leonardus , die Brüder werden dich , den verloren Geglaubten , mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen . - O Medardus ... « - Der Greis , von Schwäche übermannt , sank in eine tiefe Ohnmacht . Ich widerstand der Spannung , die seine Worte , welche eine neue wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen , in mir erregt hatten , und nur an ihn , an das Heil seiner Seele denkend , suchte ich , von allen andern Hilfsmitteln entblößt , ihn dadurch ins Leben zurückzurufen , daß ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich , eine in unsern Klöstern übliche Art , Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken . Cyrillus erholte sich bald und beichtete mir , er , der Fromme , dem freveligen Sünder ! - Aber es war , als würde , indem ich den Greis , dessen höchste Vergehen nur in Zweifel bestanden , die ihm hie und da aufgestoßen , absolvierte , von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzündet , und als sei ich nur das Werkzeug , das körpergewordene Organ , dessen sich jene Macht bediene , um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden . Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach : » O , mein Bruder Medardus , wie haben mich deine Worte erquickt ! - Froh gehe ich dem Tode entgegen , den mir verruchte Bösewichter bereitet ! Ich falle , ein Opfer der gräßlichsten Falschheit und Sünde , die den Thron des dreifach Gekrönten umgibt . « - Ich vernahm dumpfe Tritte , die näher und näher kamen , die Schlüssel rasselten im Schloß der Türe . Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor , erfaßte meine Hand und rief mir ins Ohr : » Kehre in unser Kloster zurück - Leonardus ist von allem unterrichtet , er weiß , wie ich sterbe - beschwöre ihn , über meinen Tod zu schweigen . - Wie bald hätte mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt - Lebe wohl , mein Bruder ! - Bete für das Heil meiner Seele ! - Ich werde bei euch sein , wenn ihr im Kloster mein Totenamt haltet . Gelobe mir , daß du hier über alles , was du erfahren , schweigen willst , denn du führst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Händel ! « - Ich tat es , Vermummte waren hereingetreten , sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn , der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte , durch den Gang nach dem Gewölbe , in dem ich früher gewesen . Auf den Wink der Vermummten war ich gefolgt , die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen , in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde , das man in der Mitte aufgeschüttet , niederknien hieß . Man hatte ihm ein Kruzifix in die Hand gegeben . Ich war , weil ich es meines Amts hielt , mit in den Kreis getreten und betete laut . Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich beiseite . In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten , der hinterwärts in den Kreis getreten , ein Schwert blitzen , und Cyrillus ' blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin . - Ich sank bewußtlos nieder . Als ich wieder zu mir selbst kam , befand ich mich in einem kleinen zellenartigen Zimmer . Ein Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hämischem Lächeln : » Ihr seid wohl recht erschrocken , mein Bruder , und solltet doch billig Euch erfreuen , da Ihr mit eignen Augen ein schönes Martyrium angeschaut habt . So muß man ja wohl es nennen , wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt , denn Ihr seid wohl alle samt und sonders Heilige ? « - » Nicht Heilige sind wir , « sprach ich , » aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet ! - Entlaßt mich - ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit ! - Der Geist des Verklärten wird mir nahe sein , wenn ich fallen sollte in die Hände verruchter Mörder ! « - » Ich zweifle gar nicht , « sprach der Dominikaner , » daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fällen beizustehen imstande sein wird , wollet aber doch , lieber Bruder , seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen ! - Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem Statthalter des Herrn , und dieser selbst war es , der seinen Tod befahl . - Doch er muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben , unnütz ist es daher , mit Euch darüber zu sprechen , nehmt lieber dieses zur Stärkung und Erfrischung , Ihr seht ganz blaß und verstört aus . « Mit diesen Worten reichte mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal , in dem ein dunkelroter , stark duftender Wein schäumte . Ich weiß nicht , welche Ahnung mich durchblitzte , als ich den Pokal an den Mund brachte . - Doch war es gewiß , daß ich denselben Wein roch , den mir einst Euphemie in jener verhängnisvollen Nacht kredenzte , und unwillkürlich , ohne deutlichen Gedanken , goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits , indem ich , wie von der Ampel geblendet , die linke Hand vor die Augen hielt . » Wohl bekomm ' es Euch « , rief der Dominikaner , indem er mich schnell zur Türe hinausschob . - Man warf mich in den Wagen , der zu meiner Verwunderung leer war , und zog mit mir von dannen . Die Schrecken der Nacht , die geistige Anspannung , der tiefe Schmerz über den unglücklichen Cyrill warfen mich in einen betäubten Zustand , so daß ich mich , ohne zu widerstehen , hingab , als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ . Der Morgen brach an , und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen , dessen Glocke ich , als ich mich aufgerichtet hatte , anzog . Der Pförtner erschrak über mein bleiches , verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art , wie ich zurückgekommen , gemeldet haben , denn gleich nach der Frühmesse trat dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle . Auf sein Fragen erwiderte ich nur im allgemeinen , daß der Tod dessen , den ich absolvieren müssen , zu gräßlich gewesen sei , um mich nicht im Innersten aufzuregen , aber bald konnte ich vor dem wütenden Schmerz , den ich am linken Arme empfand , nicht weiter reden , ich schrie laut auf . Der Wundarzt des Klosters kam , man riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab und fand den ganzen Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt und zerfressen . - » Ich habe Wein trinken sollen - ich habe ihn in den Ärmel gegossen « , stöhnte ich , ohnmächtig von der entsetzlichen Qual ! - » Ätzendes Gift war in dem Weine « , rief der Wundarzt und eilte , Mittel anzuwenden , die wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten . Es gelang der Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege , die mir der Prior angedeihen ließ , den Arm , der erst abgenommen werden sollte , zu retten , aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein , und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen . » Ich sehe nur zu deutlich , « sprach der Prior , » was es mit jener Begebenheit , die Euch um Euern Arm brachte , für eine Bewandtnis hat . Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise , und auch Ihr , lieber Bruder Medardus , werdet auf dieselbe Weise verloren gehen , wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset . Auf verschiedene verdächtige Weise erkundigte man sich nach Euch während der Zeit , als Ihr krank lagt , und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Brüder möget Ihr es verdanken , daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle verfolgte . So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein scheint , den überall verhängnisvolle Bande umschlingen , so seid Ihr auch seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euern Willen viel zu merkwürdig geworden , als daß es gewissen Personen nicht wünschenswert sein sollte , Euch aus dem Wege zu räumen . Kehrt zurück in Euer Vaterland , in Euer Kloster ! - Friede sei mit Euch ! « - Ich fühlte wohl , daß , solange ich mich in Rom befände , mein Leben in steter Gefahr bleiben müsse , aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangene Frevel , das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht hatte , gesellte sich der körperliche empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes , und so achtete ich ein qualvolles sieches Dasein nicht , das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine drückende Bürde fahren lassen konnte . Immer mehr gewöhnte ich mich an den Gedanken , eines gewaltsamen Todes zu sterben , und er erschien mir bald sogar als ein glorreiches , durch meine strenge Buße erworbenes Märtyrertum . Ich sah mich selbst , wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt , und wie eine finstere Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte . Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam - » Medardus - der fromme büßende Medardus ist ermordet ! « - So rief man durch die Straßen , und dichter und dichter drängten sich die Menschen , laut wehklagend um den Entseelten . - Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tüchern die Wunde , aus der das Blut hervorquoll . Da sieht eine das Kreuz an meinem Halse , laut schreit sie auf : » Er ist ein Märtyrer , ein Heiliger - seht hier das Zeichen des Herrn , das er am Halse trägt ! « - da wirft sich alles auf die Knie . - Glücklich , der den Körper des Heiligen berühren , der nur sein Gewand erfassen kann ! - Schnell ist eine Bahre gebracht , der Körper hinaufgelegt , mit Blumen bekränzt , und im Triumphzuge unter lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter ! - So arbeitete meine Phantasie ein Gemälde aus , das meine Verherrlichung hienieden mit lebendigen Farben darstellte , und nicht gedenkend , nicht ahnend , wie der böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte , beschloß ich , nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben , meine bisherige Lebensweise fortzusetzen und so entweder glorreich zu sterben oder , durch den Papst meinen Feinden entrissen , emporzusteigen zu hohen Würden der Kirche . - Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen und widerstand der Einwirkung des höllischen Safts , der von außen her mein Inneres zerrütten wollte . Der Arzt versprach meine baldige Herstellung , und in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens , das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt , fieberhafte Anfälle , die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten . Gerade in diesen Augenblicken war es , als ich , ganz erfüllt von dem Bilde meines Martyriums , mich selbst , wie es schon oft geschehen , durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute . Doch , statt daß ich mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von einer Menge Volks , die meine Heiligsprechung verbreitete , umgeben sah , lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. - Statt des Blutes quoll ein ekelhafter farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde , und eine Stimme sprach : » Ist das Blut vom Märtyrer vergossen ? - Doch ich will das unreine Wasser klären und färben , und dann wird das Feuer , welches über das Licht gesiegt , ihn krönen ! « Ich war es , der dies gesprochen , als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fühlte , merkte ich wohl , daß ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei , und bald erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot . Ich schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen - ich wollte einziehn durch das Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg , aber Blitze durchkreuzten , gleich im Feuer auflodernden Schlangen , das Gewölbe des Himmels , und ich sank herab , ein feuchter , farbloser Nebel . » Ich - ich , « sprach der Gedanke , » ich bin es , der Eure Blumen - Euer Blut färbt - Blumen und Blut sind Euer Hochzeitschmuck , den ich bereite ! « - Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel , erblickte ich die Leiche mit weit aufklaffender Wunde in der Brust , aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß . Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in Blut , doch geschah es nicht , die Leiche richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen gräßlichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft : » Verblendeter , törichter Gedanke , kein Kampf zwischen Licht und Feuer , aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot , das du zu vergiften trachtest . « - Die Leiche sank nieder ; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Häupter , Menschen , bleichen Gespenstern ähnlich , warfen sich zur Erde , und ein tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lüfte : » O Herr , Herr ! ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde , daß du Macht gibst dem Feinde , unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten ? « Stärker und stärker , wie des Meeres brausende Welle , schwoll die Klage ! - Der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen Jammers , da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen aus dem Traum . Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe , ein blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle . » Die Toten richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst . « So sprach es in meinem Innern , und ich begann zu beten . Da vernahm ich ein leises Klopfen . Ich glaubte , irgend ein Mönch wolle zu mir herein , aber mit tiefem Entsetzen hörte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen Doppeltgängers , und es rief neckend und höhnend : - » Brüderchen ... Brüderchen ... Nun bin ich wieder bei dir ... die Wunde blutet ... die Wunde blutet ... rot ... rot ... Komm mit mir , Brüderchen Medardus ! Komm mit mir ! « - Ich wollte aufspringen vom Lager , aber das Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen , und jede Bewegung , die ich versuchte , wurde zum innern Krampf , der die Muskeln zerschnitt . Nur der Gedanke blieb und war inbrünstiges Gebet : daß ich errettet werden möge von den dunklen Mächten , die aus der offenen Höllenpforte auf mich eindrangen . Es geschah , daß ich mein Gebet , nur im Innern gedacht , laut und vernehmlich hörte , wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppeltgängers , aber zuletzt sich verlor in ein seltsames Summen , wie wenn der Südwind Schwärme feindlicher Insekten geweckt hat , die giftige Saugrüssel ansetzen an die blühende Saat . Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen , und meine Seele frug : » Ist das nicht der weissagende Traum , der sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will ? « - In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den düstern farblosen Nebel , aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt . - Es war Christus , aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts , und wiedergegeben war der Erde das Rot , und der Menschen Jammer wurde ein jauchzender Hymnus , denn das Rot war die Gnade des Herrn , die über ihnen aufgegangen ! Nur Medardus ' Blut floß noch farblos aus der Wunde , und er flehte inbrünstig : » Soll auf der ganzen weiten Erde ich , ich allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben ? « Da regte es sich in den Büschen - eine Rose , von himmlischer Glut hoch gefärbt , streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lächeln , und süßer Duft umfing ihn , und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers . » Nicht das Feuer hat gesiegt , kein Kampf zwischen Licht und Feuer . - Feuer ist das Wort , das den Sündigen erleuchtet . « - Es war , als hätte die Rose diese Worte gesprochen , aber die Rose war ein holdes Frauenbild . - In weißem Gewande , Rosen in das dunkle Haar geflochten , trat sie mir entgegen . - » Aurelie , « schrie ich auf , aus dem Traume erwachend ; ein wunderbarer Rosengeruch erfüllte die Zelle , und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne mußt ' ich es wohl halten , als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte , wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens , die in die Zelle fielen , zu verduften schien . - Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sündige Schwachheit . Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia . - Keine Kasteiung , - keine Buße im Sinn des Klosters ; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoß , war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt . - Nicht nur Cyrillus ' Mahnung , sondern eine innere unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat trieb mich fort auf demselben Pfade , den ich bis nach Rom durchwandert . Ohne es zu wollen , hatte ich , indem ich meinem Beruf entfliehen wollte , den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen . - Ich vermied die Residenz des Fürsten , nicht weil ich fürchtete , erkannt zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen , aber wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten , wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich vermaß , dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte - ach , wo ich , dem ewigen reinen Geist der Liebe abgewandt , für des Lebens höchsten Lichtpunkt , in dem das Sinnliche und Übersinnliche in einer Flamme auflodert , den Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm ; wo mir die rege Fülle des Lebens , genährt von seinem eigenen üppigen Reichtum , als das Prinzip erschien , das sich kräftig auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen , das ich nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen konnte ! - Aber noch mehr ! - tief im Innern fühlte ich trotz der Erkräftigung , die mir durch unsträflichen Wandel , durch anhaltende schwere Buße werden sollte , die Ohnmacht , einen Kampf glorreich zu bestehen , zu dem mich jene dunkle , grauenvolle Macht , deren Einwirkung ich nur zu oft , zu schreckbar gefühlt , unversehends aufreizen könne . - Aurelien wiedersehen ! - vielleicht in voller Anmut und Schönheit prangend ! - Konnt ' ich das ertragen , ohne übermannt zu werden von dem Geist des Bösen , der wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut aufkochte , daß es zischend und gärend durch die Adern strömte . - Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt , aber wie oft regten sich dabei Gefühle in meinem Innersten , deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des Willens vernichtete . Nur in dem Bewußtsein alles dessen , woraus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging , und dem Gefühl meiner Ohnmacht , die mich den Kampf vermeiden hieß , glaubte ich die Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen , und tröstend war die Überzeugung , daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes , die Vermessenheit , es aufzunehmen mit den dunklen Mächten , mich verlassen habe . Bald war ich im Gebirge , und eines Morgens tauchte aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf , das ich , näher schreitend , wohl erkannte . Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks waren verwildert , die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt ; auf dem sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase Vieh , - die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen - der Aufgang verfallen . - Keine menschliche Seele ließ sich blicken . - Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit . Ein leises Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett , und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr , der in dem Boskett saß und mich , unerachtet ich ihm nahe genug war , nicht wahrzunehmen schien . Als ich mich noch mehr näherte , vernahm ich die Worte : » Tot - tot sind sie alle , die ich liebte ! - Ach , Aurelie ! Aurelie - auch du ! - die letzte ! - tot - tot für diese Welt ! « Ich erkannte den alten Reinhold - eingewurzelt blieb ich stehen . - » Aurelie tot ? Nein , nein , du irrst , Alter , die hat die ewige Macht beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders . « - So sprach ich , da fuhr der Alte , wie vom Blitz getroffen , zusammen und rief laut : » Wer ist hier ? - wer ist hier ? Leopold ! - Leopold ! « - Ein Knabe sprang herbei ; als er mich erblickte , neigte er sich tief und grüßte : » Laudetur Jesus Christus ! « - » In omina saecula saeculorum , « erwiderte ich , da raffte der Alte sich auf und rief noch stärker : » Wer ist hier ? - wer ist hier ? « - Nun sah ich , daß der Alte blind war . - » Ein ehrwürdiger Herr , « sprach der Knabe , » ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier . « Da war es , als erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen , und er schrie : » Fort - fort - Knabe , führe mich fort - hinein - hinein - verschließ die Türen - Peter soll Wache halten - fort , fort , hinein ! « Der Alte nahm alle Kraft zusammen , die ihm geblieben , um vor mir zu fliehen wie vor dem reißenden Tier . Verwundert , erschrocken sah mich der Knabe an , doch der Alte , statt sich von ihm führen zu lassen , riß ihn fort , und bald waren sie durch die Türe verschwunden , die , wie ich hörte , fest verschlossen wurde . - Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten Frevel , die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten , und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht . Ermüdet setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos nieder ; unweit davon war ein kleiner Hügel aufgeschüttet , auf welchem ein Kreuz stand . Als ich aus dem Schlaf , in dem ich vor Ermattung gesunken , erwachte , saß ein alter Bauer neben mir