, wie viel Tage er auf gleiche Art versäumt habe , ob nicht das Lesen dieses Buches selbst , so gut es gemeint ist , für viele , welche ernste Tat ruft , ein müßiges unvergnügliches Spiel sei ; darum seid gewarnt , ihr Leser , die Tage vergehen schneller als die Nächte , endlich kommt eine Nacht , die keinen andern Tag kennt , als die Erinnerungen ; vergeßt auch nicht über das abenteuerliche Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zukünftigen . Dem Grafen mochte auch so etwas einfallen , er brach plötzlich die Unterhaltung ab und wollte sich beurlauben ; da sagte ihm der Alte freundlich : » Sie haben sicher viel von meinem Diamanten gehört , dem größten in der ganzen Welt , den alle Welt sehen will , den ich aber nur selten zeigen kann , weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der Welt ist , die jede eine eigne Schildwache darauf hält . « - Der Graf versicherte , er sei gar kein Kenner von Diamanten ; der Doktor aber , ohne sich abhalten zu lassen , sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer , und kam nach einigen Minuten zurück . Erst holte er ernsthaft ein paar kleine Papierchen heraus , und zerriß sie noch feiner ; dann zeigte er einen kleinen unförmlichen Quarz , strich damit einmal über seinen Rock , doch die elektrische Anziehung wollte sich an den Papierchen nicht zeigen ; dann griff er in die Hosentasche , holte einen Stein heraus , der allerdings in seiner eingedrückten kuglichten Form und in der Farbe gar viel von einem rohen Diamanten hatte , der aber auch ein Quarz sein konnte , strich mit seiner schönsten Seite über den Rock , und sogleich zeigte sich eine Anziehung , ein Anhängen aller kleinen Papiere . Ohne ein Wort zu sprechen , nahm er eine Feile , mit der er über den letzteren Stein mehrmal hinfuhr , er zeigte die Seite derselben , die an allen Feilen von Anfang an platt ist , und sagte : » Sehn Sie , die Zähne sind alle abgebrochen « ; wirklich lag auf dem Steine etwas gländender metallischer Staub , der noch zum Teil in der Feile steckte , und der von der Bewegung nicht losgerieben , sondern abgefallen war . - Dieser absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg ; aber der Doktor fuhr gleich fort , daß der Neid der Fürsten seinen Diamanten als falsch verschrieen ; ihm wäre dies einerlei , ihm genügte , daß er von seiner Echtheit überzeugt sei ; er zeige ihn oft im ganzen Jahre niemand ; neulich habe er seinem Fürsten die Türe gewiesen , weil er ihn nicht anerkennen wollen . » Mein wertgeschätzter Herr « , fuhr er fort , » alles andre , was ich besitze , das können Sie mir immerhin verachten , nehmen , ich kann es ersetzen , dieser Stein ist aber meine Geliebte , meine Einzige , meine Freude , der ich durch unauflösliche Bande verbunden bin ; wie sie aus Liebe zu mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert , weil ich allein sie bezahlen konnte , der Könige und Kaiser zu arm waren ; diese Liebe , diese unwandelbare Treue , haben mich ihr ewig zu eigen gemacht , in ihren Blicken lebe ich ; drücke ich sie in meiner Hand , ist mir alles so sicher , so gewiß , woran ich zweifle , ewiges Leben und Glaube ; dies ist der Stein worauf ich meine Kirche erbaut habe , und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches Wunder damit zeigte , wäre es mir mehr zu verdenken , als den Priestern aller Nationen , als den Liebabern unter allen ! Ich weiß , daß sie echte , wahre Liebeswunder an mir tut , alle irdische Begierde an mir befriedigt , damit ich den höhern Geistern ruhig leben kann ; und wäre sie aller Welt falsch , wäre sie mir ungetreu , in meinem Glauben wäre sie ewig rein . Sehen Sie diese Höhlung im Steine ; hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht , und sie entzündete sich hellicht7 ; meinem Fürsten hätte ich sie überlassen nach meinem Tode , und seine Krone hätte ewig über der Erde wie ein Sternbild gestanden , er hat sie aber verachtet , und seine Krone wird fallen , und keiner wird sie aufheben . Ich werde alt , ich will sterben , und weiß meines Lebens Ende ; ganz einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen , und kommt die erste Morgensonne , so wirft der Brennspiegel , der meinem Bette gegenübersteht , seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte , die an ihm ruhet , und wir verbrennen beide zusammen , beide zugleich , und mischen uns verbunden mit der großen Gedankenwelt . « Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden ; er redete in halben Worten mit sich , und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen , dem der Graf sehr gern gehorchte ; ihm war seine ganze Seele voll innern Vorwurfs über die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schönsten Wesen , das je atmend zwei liebliche , weiße Hügel bewegt , an die je anspielend der Wind , je näher , je schöneren Leib , Hüften und Schenkel gezeichnet . In dem Augenblicke und ohne Rast beschloß er mit Kurierpferden fortzueilen . Ehe die Pferde kamen , und angespannt wurde , schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin , an das unsichtbare Mädchen Arnika Montana , die wir der Vollständigkeit wegen hier beifügen . Herzenserleichterung Schwere , harte , scharfe Stunden Sich wie Kiesel an mir runden , In des Lebens Wellenschlag , Und ich fühl , was ich vermag ; Fromme Freundin , ich durft weinen , Durft auf deinen Händen weinen , Und gedeckt von deinen Händen Konnte Schwachheit mich nicht schänden . Regentropfen höhlen Steine , Was ich tief verschlossen meine , Höhlet meines Unglücks Stein , Füllt ihn bald mit Freudenwein ; Freundin , nimm vom Freudenweine , Komm zu mir , du heil ' ge , reine , Und beselige mein Mahl , Bin ich frei von aller Qual . Fühlend kannst du an mich glauben , Was mir lieb , nicht spottend rauben , Was ich aus der Seele sprach , Klingt dir aus der Seele nach . Fromme Freundin aller Reinen , Du kannst trösten , du kannst weinen , Wenn du mich auch nicht verstehst , Alles dir im Geist erhöhst . Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen , und hatte ihr dunkel vorgesungen : es sei ein Mann bei ihm gewesen , der dem Herzoge nach dem Leben trachte , und das sei ihm lieb , weil er ihn hasse ; da trat der Diener des Grafen herein , und brachte ihr seinen Abschiedsbrief . Zehntes Kapitel Der Marchese D ... verläßt die Gräfin Zu lange für meine Zuneigung zur Gräfin Dolores , habe ich den Grafen durch eine fremde Welt begleiten müssen , mir wird gleich so wohl , da ich wieder zu ihr umkehren darf , ungeachtet sich wieder manches Betrübte ereignet hat . - Der Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Lärmen und Lobpreisen desselben zurückgekommen , daß die Gräfin darüber erstaunte , was sie meist kaum angesehen , öfter verspottet , hier in dem Leben der Worte , das sie besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte , zu solcher Wichtigkeit ansteigen zu sehen . Dieser neue Reiz übertrug sich in ihrer Art Unmittelbarkeit an den Marchese ; es war ihr zu Mute , als wenn der alles das ihr zu Ehren angelegt habe ; sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an , die nur ihr eigen , worüber nur der Marchese lächeln konnte , der unterdessen eine andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte , und mit ihr brechen wollte . Je mehr er sich von ihr wandte , je weniger Politik er ihr vertraute , doch immer mit dem Anscheine eines Mannes , der sich viel versagt , desto unwiderstehlicher war es ihrem Eigensinne , ihn nicht mit Zärtlichkeit zu verfolgen ; unter allerlei leichtem Vorwand drängte sie sich an ihn , schlug mit ihren Stricknadeln auf seine Hand , ließ eine Schleife an ihrem Ärmel zubinden ; der Marchese erzählte ihr , als wär es von einem Dritten , sie hätte ungemein zärtliche Augen und schmachtende Blicke , eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme . Sie versicherte ihm noch immer scherzend , das habe ihre Mutter schon früh an ihr getadelt , sie wisse aber nichts davon , und dabei erzählte sie so artig ein Duett , halb singend , halb sprechend , das damals , als sie dies zum erstenmal ihrem Manne erzählt , von ihm darauf gedichtet worden sei . MUTTER : Mädchen laß die schmachtend süßen Blicke , Mach die Augen nicht so klein , Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke Alle Männer sehn hinein , Jeder meint , daß er gemeinet wäre . TOCHTER : Laß sie doch so eitel sein . MUTTER : Nein , es schadet endlich deiner Ehre , Meide wenigstens den Schein . TOCHTER : Mutter sprich , wie soll ich denn nun lassen , Was mir angeboren ist , Wenn ich auch mit niemand möchte spaßen , Bebt mir doch die Wang von List . MUTTER : Nein , das ist kein Blick , der bloß zum Lachen , Du verwirrest jedermann , Willst du einen wirklich glücklich machen , Sieh allein auf einen Mann . Mädchen , nicht bei stillen , edlen Frauen Kannst du solches Auge sehn , Einige so ruhig vor sich schauen , Andre gar verschämet gehn . TOCHTER : Meine Augen flüchtig sich bewegen , Müde von dem Stillestehn , Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen , Gleich hinaus muß er da gehn . Mutter sprich , von wem die Deutungsaugen , Gern geb ich sie dem zurück , Denn zum Glücke sie wohl nimmer taugen , Und ich fürchte meinen Blick . MUTTER : Tochter , könntest du den Vater finden , Diesen Flüchtling ohne Ruh , Gern vergäb ich alle seine Sünden Und vergäb dir auch dazu . TOCHTER : Laß mich einsam , daß ich keinem schade , Denke still bei mir an ihn , Und erfleh für ihn des Himmels Gnade , Und so will ich fromm verblühn . Alte Jungfer will ich bei dir werden , Blühen unter Schnee und Eis , Denn kein Jüngling , den ich sah auf Erden , Hat verstanden meine Weis . MUTTER : Wie ein Vogel , der im Fluge träumte , Sinket auf des Sees Flut , Siehst du bald im Spiegel die versäumte Aufgeschreckte Liebesglut , Daß der Jugend goldne Zeit verrinne , Lieblos über Lieb hinaus ; Sieh hinaus , was dir dein Aug gewinne , Ob ' s ein Hüttchen , ob ' s ein Haus . » Und darüber können Sie lachen ? « fragte der Marchese , » jeder andre dürfte dabei lachen , nur Sie nicht , die von dem Manne so zärtlich gewarnt worden , den Sie nicht verdienen . « - Die Gräfin rief ihm erbleichend in einem Übergang vom Staunen zur Wut : » Und Sie können mir das sagen ? « - Der Marchese wollte sanft einlenken ; aber wer die tiefe Kränkung einer Frau kennt , die sich hart behandelt fühlt von einem , dem sie sich liebevoll hingegeben , und die Angst eines Gemüts , das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen , und wo hinein sie sonnenhell plötzlich aus einer Gegend scheint , woher sie nie etwas davon geahndet , der kann sich die fieberhafte Hitze erklären , die abwechselnd das Leben des Marchese in Gefahr setzte , und ihm dann wieder demütig schmeichelte ; denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewußten Schuld . Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft mäßigen . Der Marchese ging von ihr mit dem Entschlusse , den andern Morgen abzureisen , sie wünschte ihm alles Unglück auf den Weg , das er über ihr Haus gebracht , daß er vom höchsten Felsen stürze , wie die Verräter in Rom . Wir ziehen einen Schleier über sie , denn es gibt Grenzen , wo der Zorn auch des schönsten Weibes aufhört , schön zu sein . Der Marchese war solcher Szenen gewohnt ; er machte alle Anstalten zur Reise und hatte sich auf sein Lager gestreckt , und schlief schon ; aber die Gräfin ließen tausend Leidenschaften nicht ruhen , sie mußte auf , sie mußte dem verhaßten Geliebten noch einmal alles sagen , was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen . Sie schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke , der ihr unbemerkt über die Hand geflossen ; der Marchese erschrak , er fürchtete die Gewalt ihrer Rache nicht , aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen ; doch er irrte sich zweifach ; ohne eine Begierde , ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette , ihm alles das noch einmal vorzuhalten , was er schon so oft gehört , wie er jede Treue ihr und ihrem Manne gebrochen , jede Liebe unnatürlich betrogen und verletzt , jede Rache , jeden Haß teuflisch in ihr geweckt . So sprach sie im ew ' gen Einerlei , daß ihm , wie ihm noch nie geschehen , fast alle Gedanken wahnsinnig vergingen ; er hätte sie umgebracht , wenn nicht der wiederkehrende Tag sie in ihr Zimmer zurückgeführt hätte . Der Marchese stand gleich auf und reiste ab ; um alles Aufsehen zu vermeiden , schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der Stadt , die sein Bedauern ausdrückten , dem Befehl seines Hofes , der ihn so plötzlich entfernte , folgen zu müssen . Die Gräfin war zu heftig bewegt , um sich krank zu stellen , sie veranstaltete einen Ball , und überließ sich dem Tanze so ganz , daß wenn sie einen Tänzer gefunden , der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt gewesen , sie wahrscheinlich nicht den nächsten Morgen erlebt hätte , wo sie nun wie zerschlagen , matt und erschöpft , die Ärzte kommen ließ , welche die ganze Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben , wogegen sie schon so oft vergebens gewarnt worden . » In jedem Ballsaal « , meinte der eine , » sollte auf Befehl der Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein , die an Auszehrung und Lungensucht krank liegen , ferner Abbildungen in Wachs von der Zartheit der Lungen . « Wie roh dieses Völkchen meist den Menschen nimmt ; ist nicht alles Leben ohne Freude die drückendste Krankheit , und darum ist die arme Gräfin schwer krank , ungeachtet die Ärzte ihre völlige Besserung versichern ; sie kann nicht aus den Augen sehen und ist doch nicht blind , sie hört niemand und ist doch nicht taub , sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm . In diesem Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklärlichen Abreise des Grafen vom Landschlosse ; zwar war dies nichts Ungewöhnliches , selten erklärte er sich über kleine Geschäfte , die ihn irgend wohin beriefen ; diesmal wurde sie doch dadurch erschreckt , sie wußte nicht warum , es war ihr aber , als könnte er ihre Schuld wissen ; ja gegen Bekannte , gegen Diener selbst war sie ungewöhnlich nachsichtig , immer in dieser einen Furcht ; bei allem , was rasch durch die Zimmer ging , erschrak sie ; sich selbst konnte sie nicht begreifen , weder wie sie jetzt sei , noch wie sie dazu gekommen . Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie seinetwegen bange ; sie träumte von Zweikämpfen und sah ihn oft blutend vor sich stehen , wie er sein Blut ihr mit Vorwürfen ins Gesicht sprützte ; langsam vergingen ihr die Tage und schwer die Nächte . Eilftes Kapitel Heimkehr des Grafen zur Gräfin Etwas über vier Wochen waren vergangen , als der Graf fast erschöpft mit einem Mute , den er sich in einer Flasche Wein angetrunken , spät Abends in das Zimmer seiner Frau trat ; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde , wie sie neben der Wiege stand , und sich über den Schlaf freute , dem es so ganz überlassen . Ihr freudiges Aufrufen bei seinem Anblicke war ungeheuchelt . Bald saß der Graf neben ihr , alle Sorge war plötzlich ihm benommen , auch sie wurde fröhlich ; sein Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt , wie ein großes Meer nach dem Ungewitter , wenn schon lange heller Himmel darüber ruht . Ihr blickte die Hoffnung , daß alles Unglück vergessen werde , aus den Augen , doch so sparsam wie das Grün auf einer Wiese , die ein Strom in einem unseligen Durchbruche versandet hat ; die schöne alte Liebe ist nicht untergegangen , aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld , und nur wenig Leben kann daraus hervorschießen . In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler ; kaum hielt er sich , ihr nicht spottend seinen , wie er jetzt sicher meinte , törichten Argwohn aufzudecken ; ziemlich unverständlich brachte er wenigstens das auf dem Wege ausgesonnene Märchen vor : wie ihn ein alter Familienprozeß zu einem ganz geheimen Nachsuchen in einem großen Archive gezwungen . Sie gab nicht Achtung darauf , und glaubte alles ; sie war so zärtlich gegen ihn , um ihm reichlich zu vergüten , was sie ihm von dieser Zärtlichkeit entwendet , und der Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen . Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar gleichgültigen Miene , was er denn mit seiner Warnung damals hätte sagen wollen . Der Alte sagte ganz offen : der Marchese habe ihm etwas Verdächtiges gehabt , und die Gräfin , er kenne sie von Jugend auf , sei leichtsinnig ; es tue nicht gut , wo zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten . Der Graf mußte ihn belächeln . Mit dem Marchese bin ich ganz sicher , der hat mich selbst gewarnt , so dachte er in sich , es ist ein edler Mann , der Sinn für alles Edle hat . - Als seine Frau aufgestanden , ging er zu ihr und erzählte ihr offenherzig die ganze Geschichte , das Befremdende in ihr , das er jetzt gar nicht mehr finde , den wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung ; doch sagte er nicht , von wem sie ihm gekommen . Die Gräfin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen Erröten vor sich selbst , und wie tief sie jetzt unter ihm stehe ; sie erkannte seinen Genius mit Schaudern , der ihn so gründlich gewarnt hatte . Ist es ein Glück , daß die lichte Stirne des Menschen so vieles verschließen kann , und der Mund so viel sagen , wovon nichts darinnen ? Des Grafen Glück war es ; die Bestürzung ihrer Schuld wurde , wie es ihr Mund aussagte , zur Empörung über so unwürdigen Argwohn ; der Graf fiel auf seine Kniee nieder , der Kopf glühete ihr ; sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen , wie er spottend zwei Finger gleich einem Geweihe über ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige , das er an jenem Abende ihr entrissen ; sie weinte in Zorn und Verlegenheit , der Marchese verschwand , sie drückte ihren Mann herzlich an sich . Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen , fiel ihm die bestaubte Gitarre in die Hand , er fand sie wenig verstimmt ; nachlässig ging er im Zimmer auf und nieder , dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt , und sie war doch sein , ganz sein ; seine ganze Seele schwebte in den Worten » so warst du nicht verloren , so warst du dennoch mein « , die von Tausenden vielleicht ausgesprochen , doch nie so wie in ihm zu Musik wurden , und diesen wiederkehrenden Tönen gab er immer neue Worte ; so erfand er ein Lied , das er den ganzen Tag halblaut sich vorsingen mußte : So bist du nicht verloren , So warst du dennoch mein ! So bin ich nicht verloren , So bin ich wieder dein ! Ich ging in mir verloren Weit in die Welt hinein , Ich ging mit tausend Toren Und fand mich ganz allein . Ich hatt den Weg verloren In tiefer Nacht allein , Da klang ' s mir vor den Ohren , Im Aug ward Dämmerschein . Es klang : Was du verloren , Das ist der Glaub allein , Die Liebe , treu beschworen , Die wird auch ewig sein . So stand ich vor den Toren Und ging zu Liebchen ein , Da hat sie neu beschworen , Daß sie doch einzig mein . Ich bin zum Glück geboren , Und war in schwerer Pein , Die Lieb hat mich erkoren Aus einer Welt allein . Ich bin wie neugeboren , Von allem Leben rein , Und was mir angeboren Ist alles , alles dein ! Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren , um ganz zur Weinklarheit zu gelangen ; aber auch in der Gräfin ruhte sie nicht , zum Bessern zu wirken , wenn sie auch nicht das Beste erreichen konnte . Die Gräfin nahm sich ernstlich vor , ganz gut zu werden , und die erste Äußerung dieses Entschlusses zeigte sich in der Entfernung alles des Halbguts , woraus bis dahin ihre Gesellschaften bestanden ; eigentlich schämte sie sich , das Volk in der entstandenen Vertraulichkeit zu ihr , dem Grafen vorzustellen , auch ihre politischen Schreibereien verbrannte sie . Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glücks in dieser Erhellung ihrer Schönheit durch die Güte , - dem nichts fehlte als die Dauer . Zwölftes Kapitel Bekenntnis der Gräfin Es ist ein Schreckliches in der Natur , daß sie , unbekümmert um die Gesinnungen der Menschen , ihre Rechte übt und aus der Schande , wie aus der Tugend ihr ewiges Fortleben zieht ; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen , leben ein gleiches Leben wie die Kinder der treuen Unschuld ; wehe aber der armen Unschuld , die aus solcher Schuld hervorgehend , wie ein rächender Engel zwischen die Eltern tritt . Die Gräfin mußte sich nach drei Monaten eingestehen , daß sie wiederum Mutter werden würde , ihr Bewußtsein sagte strafend , daß es eine Frucht ihrer Sünde sei ; der Graf , ohne Verdacht des Bösen , freute sich herzlich des neuen Segens ; Sorgfalt für das Wohlsein seiner Frau beschäftigte ihn ganz , und wenn sie zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise , eines gefährlichen Sprunges zu enthalten errötete , so schrieb er es immer auf die Art von Scheu , die jungen Frauen gegen ihre Männer so wohl läßt , als wenn sie gleichsam fürchteten , ihre Vertraulichkeiten möchten an den Tag kommen . Mancher innere Vorwurf beängstigte sie und ihr Zustand selbst , indem er sie beängstete und beschränkte , zwang sie zur Betrachtung ; oft schwebte das Geheimnis auf ihrer Zunge , vielleicht wäre alles durch ein offenes Geständnis gebessert worden , aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses unmöglich , der jeder Tag neue Angedenken unumschränkter Verehrung brachte ; es schien ihr sogar eine sträfliche Grausamkeit ihrem glücklichen Manne den geheim ernstvollen , von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in die Welt , nach ihrem bösen Glauben zu enthüllen , und das Kind nicht auf Rosen , sondern von Schlangen umwunden zu zeigen . Dieses war eines Abends das letzte Resultat ihrer Betrachtung : sie wolle schweigen ; da kam ihr Mann und sprach mit ihr scherzend , ob es ein Knabe oder ein Mädchen würde , und sie legte ihm die Karten , es wurde ein Knabe . Nun dachte sie , wie er heißen solle , der Graf meinte , Johannes , dem Marchese zu Ehren ; » wie mag es wohl kommen « , sagte der Graf , » daß keine Nachricht von ihm kommt , er ist wie verschollen , ich fürchte fast für ihn . « - Die Gräfin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette ; sie schlief unbesorgt ein und dachte nicht daran , daß ihre eigne Zunge , ihr ungetreu , verraten könnte , was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte ! So ist ' s aber mit der eignen Verkehrtheit des Traumwesens , und sie hatte , ohne es zu wissen , denn ihr Mann mochte nicht darüber klagen , wie oft sie ihn damit aus dem Schlafe gestört , die Schwäche , in fieberhafter Wallung des Blutes , woran sie jetzt oft litt , laut und vernehmlich im Schlafe zu reden , nachdem sie mit den Zähnen einigemal geknirscht hatte . Aufmerksam auf jeden ihrer Wünsche , meinte der Graf erst , seine Frau verlange etwas , und horchte ihr zu ; bald merkte er , daß sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen , als ihn einige Worte aufmerksam machten , und immer aufmerksamer . Wohl der Welt , daß es finster war und daß keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts gesehen hat , als sie in einem ausführlichen schmerzlichen , oft von Schluchzen unterbrochenen Gespräche ihrem Manne die schwere Schuld , die Schuld seines Freundes , des Marchese bekannte , und alles wahr machte , was ihm in der letzten Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen . Gern hätte er sich für wahnsinnig in dieser Stunde gehalten ; aber er fühlte den Bettpfosten , worauf er sich hielt , sah die bekannten Fensterritzen , durch welche das Licht sanft einschlich , und mehr als alles , er hörte sich selber aus ihrem Munde in dem wahrhaften Dialoge , der nur dem Traume und halbverrückten Dichtern eigen , seine eigne Art zu antworten , in Stimme und Gefühl , das sie nicht nachsprach , sondern was er in sich verschloß , aus ihrem Munde heraus schreien ; er hörte , wie er mitleidig zweifelnd sie zu überreden suche , das sei alles nur Täuschung im Traume von ihr , sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen elastischen Schlange , das sie noch bei seiner Rückkehr getragen , ein Geschenk des Marchese , worauf der Unglückstag eingestochen . Nun hörte er aus ihrem Munde , wie er raste , wie der Tod so schön sicher vor ihm stehe , es wurde ihm dabei als lebte er wirklich ganz in ihr , wie er in seinen ersten Worten von ihr , in erster Liebe von ihr gesagt hatte : » Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus ! « Da sprach sie aus seinem Munde mitleidiger zu sich , er wolle ihr alles vergeben ; aber warnend sang sie ihm ein Lied , das damals viel gesungen wurde : Mich reut die Schmink , der falsche Fleiß , Der mich vom Mann gewendet , Die Sonne schien , ich baut aufs Eis , So war ich ganz verblendet . Nun wird es heiß , fort zieht das Eis Und meine goldnen Schlösser ; Wie ruft es doch im Flusse leis , Da drunten wär es besser . Und wie sie in das Wasser fällt , So wird sie festgehalten , Der Mann , dem sie noch wohlgefällt , Faßt ihres Schleiers Falten . » Laß mir den Schleier , halt mich nicht , Laß still mich ' nunter ziehen , Denn mein verstörtes Angesicht , Das kann von Scham nur blühen . « Der Strom ist stark , sein Arm zu schwach , Er will sie doch erfassen , Ihn zieht verlorne Liebe nach , Er wollte sie nicht verlassen . Kaum hörte er das noch , und schon stürzte er hinaus auf sein Zimmer , legte die Stirn gegen die Mauer , druckte die Augen ein ; er fühlte sich in einem Gewebe von Ahndungen , die alle wahr geworden , daß ihm sein Leben und die Welt zu einem Chaos verschwamm ; Geister gingen bei ihm aus und ein , sein Hirn war wie der Blocksberg in der Mainacht . Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm zu weinen ; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloß die Laden der Fenster . Bald setzte er sich und saß im Finstern sinnend die ganze Nacht ; der Unglücklichen wollte er schonen , aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht ; er hätte sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben können , und wäre es gleich ein Gesalbter des Herrn gewesen , der so nichtswürdig mit dem Glücke seines Lebens sich einen schönen Abend gemacht . Seine Vorstellungen verwirrten sich allmählich und verwandelten sich ; er verschloß sich als die ersten Bewegungen im Hause des Tages gleiche Geschäfte ankündigten , die Mägde lachend die Treppe hinunterstiegen , um Feuer zu machen , die Bedienten anfingen Kleider auszuklopfen ; er hörte das alles wie ehemals , in ihm nur war alles aus . Häufig schloß er sich früh ein , um zu arbeiten ; durch eine Klappe , die er zu diesem Behufe eingerichtet , wurden ihm Frühstück und angekommene Briefe hineingeschoben . Lässig sah er darüber hin , was sich heute durch die Klappe zu ihm rückte ; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel , einen Brief zu eröffnen , der an ihn , wie alle ihre Briefe , gerichtet war . Sie erzählte mit einer heiligen Freude ihr Glück , den geliebten Herzog wieder zu besitzen