oft unsern einzigen und doch genügenden Lohn ausmacht . Agathokles ist mir sehr werth geworden - durch die schöne Handlung , die ihm diese Wunden zuzog , und beinahe das Leben gekostet hätte , durch seinen jetzigen Zustand , und - durch die Thorheit , die ich um seinetwillen begangen habe . Noch mehr , ich laufe vielleicht einige Gefahr , wenn ich meine Besuche fortsetze ; denn ich merke seit gestern , daß mir Jemand nachschleicht , und mich beobachtet . - Phädo hat es ebenfalls bemerkt . Wer es ist , kann ich nicht errathen . Von meinem Vater kommt es nicht ; denn der würde offen mit mir zu Werke gehen . Ich kann Verdruß bekommen ; auf jeden Fall wird die Geschichte , wenn sie bekannt würde , mich den Nachreden und Verläumdungen der Stadt aussetzen . Hieran liegt mir wenig , ich verachte das Geklatsch in Nikomedien , wie ich es in Rom verachtet habe , und gehe meinen Gang nach meiner Ueberzeugung , ohne mich darum zu kümmern , was einfältige Weiber , denen , dasselbe zu thun , was sie verlästern , nur Geist und Muth gebricht , darüber schwatzen mögen . Aber die Sache selbst wird mir dadurch werther , und die unbekannte Gefahr , die mir drohen mag , bestimmt mich um so sicherer , heute wieder zu gehen . Zu fürchten habe ich persönlich nichts , denn Phädo und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten , und in unsern Tagen hört man von keinen Helenen und Proserpinen1 . So dient das Abenteuer nur , mich zu unterhalten . Uebrigens bin ich ganz ruhig , und es kömmt mir zuweilen vor , als sähe mein inneres Ich mit Vergnügen einer Comödie zu , in der mein äußeres Ich , Agathokles , und der unbekannte Späher die Hauptrollen spielen . Ein Verdacht ist mir schon gekommen , aber er ist fast zu weit gesucht , zu ungegründet . Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier . Du weißt , daß meines Vaters Einfluß und Vermögen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine Person sehr liebenswürdig machte . Er plagte mich damals , ich begegnete ihm , wie es seine Denkart verdiente . Er haßt Agathokles , das weiß ich , und spielt wieder eine bedeutende Rolle am Hofe , wo das kriechende listige Insekt recht in seinem Elemente lebt . Es wäre möglich , aber wie gesagt , nicht wahrscheinlich . Agathokles ist sehr strenge geworden . Ich habe gestern einen lebhaften Streit mit ihm gehabt . Von ungefähr entschlüpfte mir eine leichte Bemerkung , von der Art wie die vorige , über Gott , Vorsicht , Schicksal . Er nahm das sehr ernst auf , und verwies mir den sträflichen Leichtsinn ( so wagte er es , meine Denkart zu nennen ) , mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte . Ich fragte ihn lachend , ob er etwas davon wisse , ob irgend ein Mensch seit Deucalions Zeiten etwas Gewisses darüber erfahren , ergrübeln , schließen habe können ? Das mußte er verneinend beantworten . Aber er verwies mich an den Glauben , als das Theuerste , was der Mensch besitze , das Einzige , was ihn über den Staub erhebe , und ihm Kraft gebe , Alles , was ihm als einem sinnlichen Wesen werth ist , sein irdisches Wohlseyn , und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseyns , sein Leben aufzugeben , um das Höchste , Größte zu erringen . Und was ist denn dies so gepriesene Höchste , Größte ? fragte ich lächelnd in einem wohl zu leichten Ton ; denn ich wollte unserm Gespräch eine fröhlichere Wendung geben . Er sah mich streng und forschend an , dann legte er seine Hand auf mein Herz . » Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkältet worden seyn , daß es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen wiederhallen hören sollte ? « Ich muß dir gestehen , ich war ein wenig verlegen und beschämt , und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf . Ich schwieg eine Weile . Ein Blick auf Agathokles verwundeten Arm , ein Gedanke an die Ursache desselben machte mich fühlen , daß ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor dem Manne stand , der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines Wohlseyns kaltblütig auf ' s Spiel gesetzt hatte , um jenes unnennbare Höchste zu erhalten . Wie nennst du es - Glück - Bewußtseyn - Tugend ? Er nennt es das Gute , und seinen ersten , hiernieden vielleicht einzigen Lohn , Seelenfrieden . Ich vertheidigte mich noch ziemlich gut , trotz meiner Verlegenheit , und er fing nun , um mich ganz zu überzeugen , mit seiner glühenden Beredtsamkeit an , mir die Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern , deren Hauptgesetz höchste Reinheit des Willens und unablässiges Streben nach dem Guten ist , die ihren Jüngern auferlegt , so zu leben , daß ihre Handlungsweise zur Richtschnur für die ganze Welt dienen könnte u.s.w. Ich muß dir gestehen , was er sagte , und wie er ' s sagte , war schön und würdig , es rührte , es erhob mich . Aber so denkt auch nur Agathokles , und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken . Wer von den übrigen Christen denkt aber wie er ? Diese Bemerkung drängte sich mir leider bald darnach auf , als ich ihn verlassen hatte , und in der Stille meines dunkeln Zurückweges , mir selbst überlassen , und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen fremden Gesichtspunkt gerissen , die Sache wieder in dem gewöhnlichen Lichte betrachtete . Ach , unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Thoren oder Betrüger , und wenn der Polytheismus so gar verächtlich und untauglich gewesen wäre , das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten , die Welt hätte nicht so lange bestanden , das eiserne Zeitalter , das Ovid , als schon ein Mal da gewesen , besingt , wäre wieder gekommen , der Krieg Aller gegen Alle wäre ausgebrochen , und das vertilgte Geschlecht hätte eines zweiten Deucalions bedurft . So sank ich denn allmählig aus den Wolken , oder vielmehr aus Agathokles erhabnem Christenhimmel langsam wieder auf die Erde herab , und nichts blieb mir übrig , als reine Hochachtung für den Mann , der nicht allein so zu schwärmen , sondern auch dieser Schwärmerei gemäß zu handeln fähig ist . Als ich kaum ein Paar hundert Schritte von dem Wittwenhause an einem Gebüsche vorbei war , bemerkte ich dieselbe verhüllte Gestalt , die mich schon auf dem Hinweg begleitet hatte , und die sich in der Entfernung von ein Paar Schritten immer an unserer Seite hielt ; ich sah , daß sie mir unablässig folgte , schneller und langsamer , links und rechts ging , wie ich es oft , um sie zu necken , that . Ich fand es nicht rathsam , gerade in unser Haus zu gehen ; als wir daher innerhalb der Thore waren , flisterte ich Phädo zu , er möchte mich zu seinem Bruder führen , der hier ein kleines Kaufmannsgewölbe hat . Er that es , ich kann auf die Verschwiegenheit dieser Leute rechnen , und blieb hier so lange , bis ich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen konnte , daß mein unbekannter Begleiter , des Wartens müde , fortgegangen seyn mochte . Das war auch wirklich geschehen , und ich langte endlich ohne weiteres Abenteuer , aber nicht ohne einige Bangigkeit zu Hause an . Ich bin neugierig , wie es heute Abends seyn wird . Meine Maaßregeln sind getroffen , ich fürchte nichts , und wenn ich auch ein wenig Furcht empfinde , so würde das Interessante des Abenteuers , und dieser heimlichen Zusammenkünfte sie weit überwiegen . Leb ' wohl , Sulpina ! ich bin müde vom Schreiben . Nächstens mehr . Fußnoten 1 Helene wurde zwei Mal , einmal von Theseus , das zweite Mal von Paris entführt . Proserpinens Entführung durch Pluto ist bekannt . 74. Theophania an Junia Marcella . Nikomedien , den 18. Febr . 303 . Junia , Junia ! Ich bin glücklich , ich bin unaussprechlich glücklich ! Warum kann ich diesem Brief nicht Flügel geben , um dich den Augenblick Theil an meiner Freude nehmen zu lassen ! Ich bin glücklich , ich bin es so sehr , so ganz , daß ich nichts als das Uebermaß fürchte ; denn unmöglich kann meine Seligkeit sich lange in dieser Stärke und Reinheit erhalten . Höre denn die frohe Erzählung , und freue dich so herzlich mit mir , als du bis jetzt herzlich mit mir getrauert hast ! Vorgestern , an dem bangen Tage , wo ich dir das letzte Mal geschrieben hatte , entwarf ich den Brief an Constantin , und harrte seiner mit hochklopfendem Herzen im Porticus des Hauses , als er von Agathokles wegging . Calpurnia war vor ihm da gewesen , sie hatte sich heute nicht so lange aufgehalten , und ihre Unterredung war nicht so laut und lebhaft als sonst . Jetzt öffnete sich die Thüre und Constantin trat heraus . Ich ging auf ihn zu , ich zitterte , als ich ihm den Brief überreichte , und ihn bat , ihn zu lesen . Er sah mich verwundert an , und fragte mich , wer ich wäre ? Ich schwieg verlegen . » Mir ist , ich habe dich schon gesehen , « hub er wieder an , und sein Aug ' schien mich zu durchdringen , » ja ganz gewiß , in jener traurigen Nacht , als Agathokles hierher gebracht wurde . « Ich war zugegen , antwortete ich . » Du hast damal eine besondere Teilnahme an dem Verwundeten gezeigt . Er ist dir mehr als ein bloßer Bekannter . Darf ich deinen Namen nicht wissen ? « Sein Auge blieb fest auf mich geheftet , es war ein Blick , den ich nicht auszuhalten vermochte , ein Blick , der des Menschen Innerstes zu erforschen vermag . Ich sammelte mich mit Mühe . » Erlaube , « stotterte ich endlich - » daß ich heute noch schweige , und mache auch du für diesen Abend keinen Gebrauch mehr von dem , was der Brief enthält . Das bitte ich dich um deines Freundes , um einer Unbekannten willen , die als Mensch wenigstens Anspruch auf deine Schonung hat . « Er hatte den Brief geöffnet . Ein Blick , den er darauf warf , mochte ihm Namen gezeigt haben , die ihm Licht gaben . » Du bist - « rief er auf einmal heftig , und ergriff meine Hand . » Laß mich , « rief ich gewaltsam , und riß mich los . » Heute darf nichts mehr geschehen . « Ich entfloh . Er blieb noch eine Weile , vermuthlich um den Brief zu lesen ; nach einer Viertelstunde hörte ich seinen stolzen schnellen Tritt durch den Porticus bis an ' s Thor . Dies wurde geöffnet , und schnell geschlossen , und ich sah nun , daß ich für heute nichts mehr zu fürchten hatte . O ich hatte so davor gezittert , daß er noch diesen Abend zu Agathokles eilen , und so kurz vor der Nacht seine Ruhe durch eine solche Erschütterung stören würde . Ich schlief wenig , mein Gemüth war zu bewegt . Am frühen Morgen , als kaum der Tag angebrochen war , kam Tabitha eilig in mein Zimmer , um eine stärkende Arznei für Agathokles zu holen . Ich erschrak , ich fragte . » Der Prinz ist bei ihm , er ist sehr zeitlich gekommen , ich hörte sie lange eifrig reden und lesen . Plötzlich rief der Prinz nach Hülfe - ich eilte in ' s Zimmer . Agathokles lag ohne Bewußtseyn in seinen Armen - wir brachten ihn mit Mühe zu sich selbst . Heliodor hat mich um den Balsam geschickt . « Sie eilte fort , ohne mich zu hören , ohne sich um meinen Zustand zu bekümmern ; er grenzte an Bewußtlosigkeit . Ich erwachte nur durch Heliodor ' s Stimme , die mir rauh zurief : Theophania , folge mir ! Agathokles verlangt dich zu sehen . Ich schwankte - kaum vermochte ich ihm zu gehorchen . O welcher Entscheidung ging ich entgegen ! An der geöffneten Thüre blieb ich zögernd stehen . Heliodor zog mich in ' s Zimmer . Ich wußte nicht , wie mir geschah - Himmel und Erde waren mir vergangen - da weckte mich die Stimme der innigsten Liebe . Larissa , meine Larissa ! rief Agathokles . Ich sah empor , ich sah ihn weit vorgebeugt den Arm nach mir ausstrecken , als wollte er mir entgegen stürzen . Larissa ! rief er noch einmal . - Jetzt war Alles vergessen . Ich flog an seine Brust , ich wußte nichts mehr von der Welt , ich wußte nichts , als daß ich geliebt war ! Meine Freude wechselte schnell mit Schrecken . Agathokles lag bleich , mit geschlossenen Augen in meinem Arm . Ich schrie um Hülfe , da schlug er das Auge auf , und heftete einen Blick auf mich . - Ach Junia ! der ganze Himmel war in diesem Blicke ! » Du lebst , « begann er nun nach einer Weile : » Du lebst - du bist frei , du bist mein ! « - Er legte seine Hand auf meine Stirn , auf meine Schultern , er faßte meine Hände : » Es ist kein Traum ? « sagte er endlich langsam - » Nicht wahr , Constantin ! es ist kein Traum ? « Jetzt erst sah ich mit Erröthen , daß wir einen Zeugen gehabt hatten ; ich trat zurück . Constantin näherte sich , in seinem edeln Gesichte strahlte der Wiederschein von der Freude seines Freundes . - » Nein , mein Agathokles ! « sagte er lächelnd , » sie lebt wirklich , du hast sie wieder , und ich freue mich herzlich darüber . « Er faßte meine Hand : » Ich habe dich schon gestern erkannt - du fühltest es wohl , ob du es schon nicht gestehen wolltest . « Ich lächelte , und bat ihn , der Sorge für seinen Freund diese Zurückhaltung zu verzeihen . Agathokles nahm jetzt unsere beiden Hände in seine Linke , und drückte sie herzlich . » O mein Constantin ! meine Larissa ! - Meine Theophania ! denn so will ich dich fortan nennen , mit diesem Namen wurdest du für mich wiedergeboren . So war es auch kein Traum , als ich deine Gestalt in der ersten Nacht zu sehen , deine Stimme zu hören glaubte ? O wie konntest du so hart seyn , mir dies Glück durch vier lange Tage zu entziehen , und so kalt in meiner Nähe leben , ohne dich zu verrathen ? « Ich erröthete . » Wenn Constantin dir den Brief ganz gelesen hat - sagte ich endlich - so weißt du « - Das war nicht geschehen . Agathokles Ungeduld hatte nicht so lange gewartet . Jetzt las Constantin - ich fühlte , daß heißer Purpur mein Gesicht bedeckte , meine Thränen floßen , und doch war ich selig . Mit den letzten Worten des Briefs entfernte sich Constantin schnell . Nun waren wir allein , allein mit unsern vollen Herzen , mit unserm Glück . Agathokles sagte nichts , er reichte mir schweigend die Hand , und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an . Sein Auge schimmerte feucht , ich sah Thränen darin . Ach Junia ! zürne der irdisch-gesinnten Freundin nicht , ich fühlte mein Inneres gewaltsam zu ihm gezogen , ich sank an seine Brust , unsere Lippen berührten sich innig und fest , unsere Seelen floßen in einander . Ach es war der erste Kuß seit jenem letzten Abschied an den Hecken in meines Vaters Garten ! Aus seinem Arm glitt ich am Bette auf meine Kniee nieder , ich betete . - O , Gott kann diese schuldlose Aeußerung inniger Liebe nicht verdammen , was auch Heliodor sagen mag ; denn ich konnte beten . Agathokles gab der heftigen Spannung , in der sich meine Seele befand , eine sanfte Richtung . Er zog die goldene Nadel aus meinen Haaren , und begann ein süßes Spiel damit , wie in den stillen Tagen unserer ersten Liebe , er schlang seine Hand in meine Locken , er ordnete sie , und zerstörte tändelnd wieder , was er erst gemacht hatte . Ich ließ ihn gewähren , und war so glücklich ! Ich erzählte ihm von meinem Aufenthalt bei dem guten Fritiger , von Synthium , von meiner Angst meiner Eifersucht . Er lächelte , er gab mir unter tausend Liebkosungen die heiligsten Versicherungen seiner Treue . O es war schon seit seinem ersten Worte kein Zweifel mehr in meiner Brust ! So schwatzten , so tändelten wir fort , glücklich wie die Kinder , und sorglos wie sie , bis Heliodor ' s Ankunft uns in die Wirklichkeit zurückrief . Agathokles sagte mir nun , daß sein Uebergang zum Christenthum ihn den Segen und die Reichthümer seines Vaters gekostet habe . Sein Sold als Tribun und sein mütterliches Erbtheil war Alles , was er besaß . Stockend trug er es mir vor , ich schauderte bei dem Fluche seines Vaters - aber wie konnte das Zweite mich rühren ? » Wir werden miteinander leben ! « rief er muthig , » wir werden Alles theilen , Glück und Unglück , viel oder wenig , was Gott sendet ! Bist du ' s zufrieden , Theophania ! so gib mir deine Hand am Altar , so bald ich im Stande bin , dir meine Rechte zu reichen , sobald ich genese . « Ich drückte seine Hand an meine Brust , mein Auge antwortete ihm . Heliodor wird uns vereinigen , hub Agathokles an , und sah dem strengen Greis freundlich in ' s Gesicht . So eisern ist seine Brust doch nicht , daß ihn eine so rein menschliche Freude nicht gerührt hätte . Ihr verdient euer Glück ! sagte er , indem er nach einigem Bedenken naher trat , denn ihr seyd gut und fromm ; und wenn ihr ' s denn in der Ehe zu finden glaubt - der Herr hat den Ehestand auch eingesetzt , und Christus ihn geheiligt - so werdet denn Mann und Frau , ich will euch trauen . Agathokles schüttelte ihm die Hand , ich küßte sie ihm mit kindlicher Rührung . So strenge er es mit mir gemeint hatte , so war er doch der Schöpfer meines Glücks geworden . Er mußte selbst lächeln , als ich es ihm vorerzählte ; aber dies Lächeln verschwand bald vor dem gewohnten Ernst . Er faßte Agathokles Hand : » Dein Blut wallt fieberisch , du bedarfst der Ruhe , Theophania geht mit mir . « Er ergriff mich bei ' m Arm . Nimmermehr ! rief Agathokles mit einer Heftigkeit , die ich ihm kaum zugetraut hätte . Sie ist mein , meine Braut , sie bleibt bei mir . Er richtete sich schnell auf , und zog mich mit Gewalt zurück ; denn gewohnt , Heliodor ' n zu gehorchen , hatte ich mich bereits ein Paar Schritte entfernt . Heliodor sah uns finster an , dann schleuderte er meine Hand hin : Nun so treibt eure Abgötterei fort ! rief er entrüstet , und ging aus dem Zimmer . Ich stand verlegen . Furcht vor Heliodor ' s Zorn , Sorge für die Gesundheit meines Freundes , und das heiße Verlangen , ihn keinen Augenblick zu verlassen , stritten in mir . Agathokles sah mich ernst an : » Du wankst ? « sagte er , » willst mich verlassen ? So hat dieser finstere Priester mehr Gewalt über dich als dein Freund ? « So hatte Agathokles noch nie mit mir gesprochen . Ich erschrak , ich sank an seine Brust : » O mache mit mir , was du willst ! ich bin dein Geschöpf . « Er drückte mich fest an sich , er beruhigte mein Herz durch tausend süße Worte und theure Namen . O welche himmlischen Augenblicke waren das ! dann ließ er mich an sein Bette niedersitzen , und entwickelte mit feuriger Beredtsamkeit und jener klaren Weisheit , mit welcher einst Apelles meinen jugendlichen Geist überzeugt hatte , die wahre Ansicht unserer heiligen Lehren . Weit erhabener , weit mehr eines allweisen , allgütigen Geistes würdig , erschienen sie mir in seiner Darstellung , als wie Heliodor und viele , mit denen ich in Nicäa und hier lebte , sie schilderten . Agathokles lehrte mich Menschensatzungen und Ansichten einer beschränkten Eigenthümlichkeit von dem ursprünglichen Sinn derselben unterscheiden ; er zeigte mir , was eigentlich Christenthum sey , und welchen Einfluß es in seiner Reinheit auf das Menschengeschlecht haben müsse . Ich hing begeistert an seinem Munde . O wenn die Liebe zu Allem , selbst zu falschen Schritten überreden kann , welche unwiderstehliche Macht muß die erhabenste Wahrheit in dem Munde des Geliebten haben ! Seine Wärme riß mich hin , ich sank vor seinem Bette auf die Kniee und rief : O sey du mein Lehrer , mein Führer , Agathokles ! Verlaß mich nie wieder , ich will dir mit kindlichem Gehorsam folgen , und laß dann deine Liebe meinen Lohn seyn ! Er umfaßte mich , er hub mich zärtlich auf , aber ich sah , daß die Erschütterung der Freude und des heftigen Redens ihn angegriffen hatte - er sank in meinen Arm auf die Kissen zurück . Ich bat ihn nun , nicht mehr zu sprechen , und sich Ruhe zu gönnen ; er folgte mir , drückte meine Hand , wir schwiegen Beide , nur unsere Augen unterredeten sich , und still und selig genoßen wir das Glück der Wiedervereinigung . Mit dem Anfang der Dämmerung fiel mir Calpurniens bevorstehender Besuch schwer auf ' s Herz . Das war die Zeit , wo sie zu kommen pflegte . Ich sah , daß auch Agathokles etwas unruhig und in Gedanken schien , obwohl er sich Mühe gab , es zu verbergen , und mein Herz , dessen Schwäche er kannte , auch nicht durch die leiseste Berührung zu verletzen . O wie dankte ich ihm für diese Schonung ! Nach und nach verschwand meine Furcht , es ward immer später und der schöne Callias erschien nicht . Mit dem Einbruch der Nacht trat Constantin ein . In seinen Armen , in inhaltvollen Gesprächen verließ ich nun meinen Freund , um in der Einsamkeit mich zu sammeln , und Gott für mein Glück zu danken . Die folgende Nacht ließ ich mich die theure Pflicht , meinen Kranken selbst zu besorgen , ihm jede Arznei , jede Labung zu reichen , und bei ihm zu wachen , von Niemand rauben , und widerstand Heliodor ' n mit Festigkeit , der als ein Sühnopfer für meine übermäßige Freude das Opfer einer freiwilligen Entfernung von Agathokles forderte . Ich blieb im Nebenzimmer , und bewachte seinen Schlummer ; er war ruhig und erquickend , wie der Schlummer der Unschuld und Tugend . Am Morgen erwachte er heiter und gestärkt , sein erster Laut war mein Name . Seitdem bin ich wieder beständig um ihn . Wir haben uns so viel zu erzählen , zu fragen ! Auch heute kam Calpurnia nicht ! Sollte sie vermuthen oder wissen , was vorgefallen ist ? Agathokles nennt ihren Namen nicht , und Constantin zu fragen , habe ich nicht den Muth . Er ist jetzt bei ihm , ich habe diese Zeit benützt , um dir mein Glück zu melden , an dem du , theure treue Freundin , gewiß den lebhaftesten Antheil nehmen wirst . Leb ' wohl ! 75. Sulpicia an Calpurnien . Ecbatana , im Febr . 303 . Wie vom düstern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten , kömmt dieser Brief zu dir . Mühsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen , und zu dem Reste von Leben erwacht , der der zerstörten Maschine noch übrigt . Die Reise , die Luftveränderung , statt wohlthätig auf mich zu wirken , hatte mich ganz erschöpft . Mit Todesgedanken betrat ich den königlichen Palast , den ich wohl nicht lebend mehr verlassen werde . Nach einigen Tagen fühlte ich mich so weit erholt , daß ich , dem Wunsche meines Gemahls zufolge , die Ceremonien der Krönung mitmachen konnte . Aber sie waren kaum vorüber , so sanken meine Kräfte völlig , und ich schwebte mehr als einen Monat zwischen Leben und Tod . Ich genas endlich wieder , das heißt , ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den Gärten langsam herumschleichen , die eben jetzt unter dem Hauche des Frühlings zu erwachen beginnen . Bald wird auch das wieder aufhören , ich fühle das mörderische Eisen , das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt , und bald wird von deiner Freundin nichts mehr übrig seyn , als was eine Urne füllt . Und warum hat ein eisernes Geschick mein Urtheil so streng , so unwiderruflich gesprochen ! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Unglück unabtrennbar begleitet ? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum Theil ? Und jetzt , wo endlich alle Kämpfe aufgehört haben , alle Hindernisse besiegt sind - jetzt soll ich sterben ? wie hart , wie ungerecht ist dieses Loos ! Haben denn nicht alle Geschöpfe Ansprüche auf Glück ? Auch das geringste Insekt ist mit den Fähigkeiten dazu ausgerüstet , und erfüllt diesen Zweck und ist in sich vollendet . Nur der Mensch allein darf sich des Vorrechts rühmen , vernünftig und elend zu seyn . So beschämt uns der Wurm , der zu unsern Füßen kriecht , und wir wären tausendmal glücklicher , wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der Natur erhalten hätten , wenn unsere Wünsche mit unserm Vermögen gleichen Schritt hielten , und keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete . Sage mir , Calpurnia - ich flehe dich darum an - sage mir aus Mitleid , wenn du es aus Ueberzeugung nicht kannst , daß es jenseits der Urnen noch Etwas gibt - daß wir nicht ganz vergehen . Ich habe mir den Phädon1 des großen Plato bringen lassen . Tiridates selbst las ihn mir vor . Ach so lange die Worte des Weisen mir durch seine Stimme die Seele berührten , schwiegen die Zweifel , ich hörte ihn , mein Herz ward aufgeregt , aber mein Verstand blieb müßig . Als ich allein war , und die Rolle in die Hand nahm , da suchte ich mit Mühe , mit einer Art von Angst , und fand - Vermuthungen , Wahrscheinlichkeiten , individuelle Beruhigungen , die gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemüthsstimmung ansprachen , aber nichts , das meine Zweifel löste . Alt , lebenssatt , von seiner Xantippe geplagt , und von seinen undankbaren Mitbürgern verkannt , welche Reize konnte die Erde für ihn haben ? Wie leicht konnte er sich über den Abschied von ihr trösten , wie bald mit einem Zustande zufrieden seyn , der so leicht besser seyn konnte , als sein gegenwärtiger ? Er hatte keine Jugend , keinen Thron , keinen geliebten Gemahl zu verlassen ! Auch du , Calpurnia , bist nicht glücklich ! Das sagen mir deine Briefe . Es ist ein seltsamer Streit in deinem Herzen . Du liebst deinen Freund mehr , als du ihm zeigen darfst , mehr , als du selbst glaubst , und dennoch hindert dich theils dein altes System von Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit , theils sein unbestimmtes Betragen , dich dem mächtigen Zuge deines Herzens zu überlassen , der dich trotz aller jener Hindernisse zu ihm führt . Was bleibt da für Hoffnung übrig , diesen Streit geschlichtet , und eure Herzen vereinigt zu sehen ? Es ist etwas , das sich stets zwischen Euch legt , und eure Annäherung nie bis über einen gewissen Punkt gehen laßt . Keines hat den Muth , diese Schranken zu durchbrechen , und so quält ihr einander wechselseitig . Aber das ist Menschenloos , und ihr tragt die Schuld eures Geschlechts . Es soll nicht glücklich seyn , das steingeborne Wesen , es soll sein Leben in Kämpfen , Leiden und Entbehren zubringen , und wenn einst das Geschick , müde seine Launen an ihm zu versuchen , von ihm ablaßt , dann nimmt es der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten Arme , und auf dem Scheiterhaufen verlodert endlich das Herz , das hier stets vergebens glühte . So wird es auch dir ergehen , wenn einst ein glücklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund vereinigen sollte . Hoffe nichts Besseres , du bist ein Kind der harten Erde ! Die schwarze Gestalt , die schluchzend aus dem Zimmer stürzte , ist euer böser Genius . Als ich die Stelle las , überlief mich ein unwillkührliches Grauen . Das ist das Gekrächz der Raben , rief eine Stimme in mir . Ich kann nur wünschen , daß die Vorbedeutung trügen möge ! Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt , und ich bin weder mit deiner Kühnheit , noch mit Agathokles Betragen zufrieden . So muß der Mann , um dessentwillen ein schönes , gesuchtes , edles Mädchen so weit geht , nicht mit ihr sprechen ! Er soll sein Glück fühlen , er soll davon hingerissen seyn - aber diese stolzen Männerseelen erkalten schnell , sobald sie fühlen , daß ihr Unglück , ihre Vorzüge oder sonst ein Zufall unser Herz für sie erwärmt hat . - O Calpurnia ! Denke der Warnungen , die ich dir noch in Rom schrieb ; denke der Fabel des Tantalus